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Eine Deutschstunde – ein Grund sich Gedanken zu machen.
Wie genial ist ein Mann, der ein Gedicht schreibt, dessen einziger Inhalt das Buchstabieren des Wortes Cigarren ist?
Die Rede ist von Kurt Schwitters und seinem Gedicht Cigarren [elementar].
Für mich ist es ein Gedicht ohne jeglichen Sinn und Zweck, etwas was man sich durchliest, belächelt und so schnell wie möglich wieder vergisst. Ich bin vielleicht nicht das Maß der Dinge und es gibt mit Sicherheit eine Menge Leute, die meine Meinung nicht teilen, aber meine Frage: Was fange ich mit so einem Ergebnis unendlicher Langeweile an?
Mein Deutschkurs ist ein sehr gutes Beispiel; das Gedicht wird zerpflückt, es werden mehr Sachen hineininterpretiert als drin sind und es hat sogar jemand versucht eine Art Symmetrie im äußeren Aufbau des Gedichtes zu erkennen (es gab keine). Meist läuft es darauf hinaus, dass einer sagt: „Vielleicht ist ja gemeint, dass ....“ und dann kommt normalerweise die Antwort: „Stimmt! So habe ich das ja noch gar nicht gesehen, das könnte wirklich gemeint sein.“. Verbunden ist diese Antwort in der Regel mit diesem Der-Dichter-ist-ja-so-toll-Blick und ich frage mich ob er diese Bewunderung auch wirklich verdient hat.
Meiner Meinung nach sind nur die Menschen zu bewundern, die es schaffen aus Gedichten dieser Art oder Bildern von Kandinsky irgendeinen Sinn herauszufiltern.
Man kann es in etwa mit Lesen im Kaffeesatz vergleichen: Der der den Kaffee eingießt hat absolut nichts damit zu tun, was man später im Kaffeesatz erkennen kann und die Frage, ob er sich beim Eingießen etwas denkt oder nicht bleibt ebenfalls offen.
Ich sehe darin weder den Sinn noch die Kunst, aber es ist schön, dass es einige Menschen fasziniert.
Grübelt weiter vor eurem Kandinsky, zerbrecht euch den Kopf über Cigarren - wühlt weiter im Kaffeesatz!
Mit solcher Lyrik nichts anfangen zu können, ist ja absolut salonfähig, aber Kandinsky????
Das Kaffeesatzbeispiel finde ich gar nicht so schlecht; es offenbart auch einen häufigen logischen und sprachlichen Fehler: Man interpretiert nichts *hinein* in Gedichte, sondern etwas *heraus*. Wie man ja auch *aus* dem Kaffeesatz liest.
Insofern gilt mein Der-Dichter-ist-ja-so-toll-Blick überhaupt nicht dem Dichter, und schon gar nicht dem Herrn Schwitters, über den ich so gut wie nichts weiß - sondern dem Maxi, der auf diese klugen Gedanken kommt. Oder wer auch immer sonst diese Gedanken hat.
"Texte sind eine Maschine zur Erzeugung von Interpretationen", so ähnlich hat das Umberto Eco mal formuliert.
Liebe Jacqueline,
als ich seinerzeit The Waste Land von T.S. Eliot an der Uni lesen musste, wurde ich ähnlich wütend. In meinem Hirn schwurbelten alle möglichen Erklärungsversuche und Assoziationen. Alles, was ich je gelesen hatte, versuchte dazu zu passen. Vergeblich, grrrr.
Bis ich zu ahnen begann, dass genau darin die Funktion dieses Gedichtes lag (wir registrieren bitte, wie elegant ich das Wort "Sinn" vermieden habe): das Schwurbeln, die Aggression, das Erinnern, die es ausgelöst hatte. Der Verdacht, dass dieser Verarbeitungsprozess nie an ein zufriedenstellendes Ende gelangen wird.
Du wolltest dieses Cigarren so schnell wie möglich vergessen? Hm, das ist doch eigentlich eine recht heftige Reaktion. Ich glaube, wenn Kunst beunruhigt, hat sie irgendwas richtig gemacht.
Bitte weiter wüten!
Inés