Hoffmanns Erzählungen

Gestern kamen Hoffmanns Erzählungen im Fernsehen, die Wiederholung einer Aufnahme aus der Bayerischen Staatsoper von 2011. Hoffmanns Erzählungen ist eine Oper von Jacques Offenbach mit etwas turbulenter Textgeschichte. Uraufführung 1881, Libretto von Jules Barbier, nach dem Schauspiel von Jules Barbier und Michel Carré, basierend auf Motiven aus Novellen von E.T.A. Hoffmann.

Die Rahmenhandlung: Der Schriftsteller Hoffmann ist unglücklich verliebt und hat auch noch einen Widersacher. Die Muse der Dichtkunst glaubt trotzdem, dass er ihr abtrünnig werden könnte. Deshalb begleitet sie Hoffmann in menschlicher Gestalt. Hoffmann sitzt mit Studenten in der Kneipe und erzählt von seinen früheren unglücklichen Liebesgeschichte: drei von einander unabhängige Einzelhandlungen, verbunden allerdings dadurch, dass nicht nur Hoffmann in jeder Geschichte auftaucht, sondern auch seine jeweilige Geliebte und der jeweilige dämonische Widersacher von denselben Künstlern dargestellt werden.

Die erste dieser Geschichte ist an den “Sandmann” von E.T.A. Hoffmann angelehnt. Von seiner Muse etwas ermuntert erwirbt Hoffmann (nicht Nathanael, wie in der Novelle) vom Augen- und Brillenhändler Coppelius eine Brille (in der Novelle: eine Art Fernglas), durch die er die Welt anders wahrnimmt. Insbesondere die lebensgroße Puppe Olympia des Mechanikers Spalanzani hält er für einen Menschen und verliebt sich in sie.

Wenn ich den “Sandmann” von Hoffmann mit Schülern lese, was ich schon lange nicht mehr getan habe, spiele ich ihnen auch zwei Arien aus der Oper vor. Die erste ist ein Lied, das Olympia auf einem Ball singt – abgehackt, mechanisch, und mit zwei Unterbrechungen, als sie erst wieder aufgezogen werden muss. (Der verliebte, immer noch die Brille tragende Hoffmann sieht das natürlich ganz anders.)


(Diana Damrau, Bayerische Staatsoper 2011)

Olympias Lied

OLYMPIA
Phöbus stolz im Sonnenwagen,
Nachtigall, im grünen Hage,
Alle jungen Mädchen sagen
Von Lieb!
Ach, sie sprechen von Lieb, ach!
Ja, das sind des Liedes Klagen,
So singt auch Olympia!
Ach.
Alles jubelt laut, es klinget:
Wenn es immer nur so blieb!
Ach, das Herz es sanft durchdringet
Mit Lieb!
Ach, sie sprechen von Liebe.
Das sind ja Liebeslieder,
Es singt auch Olympia!
Ach.
Ach, ja dieses Lied auch singet Olympia.
Ach.

Und dann ist dann der wilde Tanz zum Ende des Balls. Auf dem Höhepunkt stürmt Coppelius herein, der die Augen für Olympia geliefert hat, aber um das Geld dafür betrogen worden ist. Er zerstört die Puppe, Hoffmann wird ausgelacht, nachdem er die Wahrheit erkannt hat. Sein melodramatische “Ein Automat! Ein Automaaaaat!” ist – Frau Rau zu danken – sprichwörtlich in meinem Haushalt geworden.

COCHENILLE
Der mit den Brillen ist da!
SPALANZANI
Allmächtiger Himmel, Olympia!
Spalanzani eilt hinaus und kehrt sogleich mit Coppelius wieder zurück.
HOFFMANN
Olympia!
SPALANZANI
Ha! Tod und Teufel, sie ist zerbrochen.
HOFFMANN
Zerbrochen?
COPPELIUS
Ha, ha, ha, ha! In Stücken, ja.
SPALANZANI
O Schelm!
COPPELIUS
Du Dieb!
SPALANZANI
Brigant!
COPPELIUS
Du Strolch!
SPALANZANI
Bandit!
COPPELIUS
Pirat!
HOFFMANN
Ein Automat!
CHOR
Ha, ha, ha, das ist geraten,
Er liebt einen Automaten.

Bislang habe ich den Schülern eine deutsche AUfnahme vorgespielt; vielleicht zeige ich in Zukunft die Aufnahme dieser französische Aufführung, weil einige Stellen – auch in den anderen Akten – schön gruslig dargestellt sind.

Was das Abitur aussagt

“Auch das Abitur bedeutet heute nicht mehr ohne Weiteres Studierfähigkeit.” So wird Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) Anke Hanft, Professorin für Weiterbildung und Bildungsmanagement an der Universität Oldenburg, in der FAZ zitiert.

Vielleicht ist das auch ganz in Ordnung. Abitur für alle, und die Unis entscheiden dann selber über den Hochschulzugang. Das läuft letztlich auf ein Gesamtschulsystem nach englischem oder amerikanischem Vorbild hinaus. Oder auf verschiedene Schularten, die auf verschiedenen Wegen zur Hochschulreife führen – allerdings haben wir das jetzt schon, es wird allerdings nicht als solches propagiert.

Ich vermute, dieses Quasigesamtschuslystem würde zu weniger Spitzenförderung führen und zu mehr privaten Eliteschulen. Aber vielleicht würde es andererseits viel Druck aus dem System nehmen, Inklusion ermöglichen, Spätentwicklern bessere Chancen geben. Das mag alles besser sein oder schlechter als jetzt. So oder so halte ich es für wichtig, das alles offen zuzugeben und nicht so zu tun, als qualifiziere das aktuelle Abitur per se für ein Studium.

Wie sollen die Unis entscheiden, wer studieren darf? An anerkannten Auswahlkriterien gibt es bisher vor allem die Abiturnote, die bei Studiengängen mit einem numerus clausus herangezogen wird. Diese Note halte ich für ziemlich aussagekräftig, aber “ziemlich” ist vielleicht nicht gut genug. Dass diese Note bei Studiengängen wie Kunst, Sport oder Musik nicht ausreicht, ist akzeptiert; dafür gibt es seit jeher eigene Eignungsfeststellungsverfahren. Aber auch für andere Studiengänge richten Universitäten Eignungstests ein. Hier schreibt die Süddeutsche über Probleme damit: Wer gegen eine Ablehnung klagt, kriegt möglicherweise recht, so dass die bayerische Regierung die Einführung von neuen Eignungstests erschwert, auch bereits bestehende sind gefährdet: offiziell befähigt das Abitur halt zu allem.

(Beim Recherchieren gesehen: Schon 1978 schrieb der Spiegel über Akzeptanzprobleme von Eignungstests, und klagte 1992, dass das Abitur nichts mehr wert sei, weil das Niveau an den Gymnasien gesunken sei und mehr Schüler Abitur machten. Also vielleicht ist das gar nicht so dramatisch.)

Automatische Metrikanalyse

Norberto42 hat in einem Blogeintrag auf den Metricalizer2 hingewiesen. Das ist ein Projekt zur automatischen Analyse von Gedichten. So etwas steht schon länger auf meiner Liste von Programmierprojekt-Vorschlägen für Informatikstudenten – aber es ist nicht überraschend, dass es das schon gibt. Und auch nicht überraschend, dass das Projekt bisher noch kein Informatikstudent haben wollte.

Man gibt einen Gedichttext ein und klickt dann auf “Gedicht analysieren”. Die Reime werden richtig erkannt, selbst bei Reimen wie “Eiche” und “Gesträuche”, die traditionell als vollkommen akzeptabel gelten, von Schülern aber gerne mal nicht als Reim erkannt werden.

(Im Übermut und aus diesem Anlass habe ich den Schülern neulich ein Vokaldreieck an die Tafel gezeichnet, so mit hohen und tiefen und vorderen und hinteren Vokalen, und Umlauten. War natürlich erst mal kein Arbeiten mehr, weil jeder mit aaaah- und uuuh-Sagen und der Position der eigenen Zunge beschäftigt war.)

Aber am spannendsten ist natürlich die metrische Analyse. Ich habe nur einigermaßen regelmäßige Gedichte getestet, wie sie auch in der Schule drankommen, und das klappt: Jambisch, trochäisch, daktylisch. Einfache männliche oder weibliche Kadenzen sind kein Problem.

Nehmen wir mal die ersten drei Verse von Schillers “Der Ring des Polykrates” als Beispiel, weil ich darüber schon mal geschrieben habe.

Er stand auf seines Daches Zinnen,
Er schaute mit vergnügten Sinnen
Auf das beherrschte Samos hin.

  • Jambisch, 9 Silben in den ersten beiden Verse (und damit weibliche Kadenz), 8 Silben in der dritten Strophe.
  • Vers 1 und 2 reimen sich.
  • Bei “Samos” meint der Metricalizer einen Widerspruch zwischen Metrum und – tatsächlich aber falsch vermuteter – normaler Sprechbetonung auszumachen, da er glaubt, “Samos” würde die “famos” betont. Richtig hat er erkannt, dass “mit” in Vers 2 und “das” und “hin” in Vers 3 eigentlich unbetonte Wörter sind, die dennoch auf eine Hebung fallen.

Laut Metrum sind die die Silben 2, 4, 6 und 8 betont. Nicht alle vom Metrum vorgesehenen Hebungen werden aber gleich stark verwirklicht:

metricalizer

Vor allem die Hebungen in Silbe 4 sind anscheinend meist eher wenig betont. (Die Grafik bezieht sich auf alle untersuchten Verse.) Das widerspricht zumindest nicht mit einer eigenen Analyse.

Bei Conrad Ferdinan Meyer, “Der römische Brunnen” in seiner bekanntesten Fassung:

Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund

erkennt er die Fußsubstitution gleich am Anfang:

metricalizer2

Leider muss man selber erschließen, was hier substituiert wurde, nämlich ein Jambus durch einen Trochäus. Diese weitergehende Analyse erhält man, wenn man sich die “Komplexität” des analysierten Gedichts anzeigen lässt. (Die Darstellungsmodi “Skansion” und “Vorlesen” sind dafür wenig brauchbar.)

Gewinnbrignend ist diese Komplexitätsanalyse etwa bei Rilkes “Spanische Tänzerin” (Blogeintrag). Die vielen Abweichungen vom Metrum werden gut erkannt.

Beim genialen “Trost und Rat” von Robert Gernhardt klappt das mit dem Differenz zwischen metrischer und natürlicher Betonung nicht ganz so gut, und den Witz in der letzten Strophe – dass die beiden betont zu lesenden und deshalb sogar gesperrt gedruckten Wörter eben ausgerechnet auf Senkungen fallen (also fein synkopiert sind) – kann der Metricalizer natürlich nicht erkennen.

Auch unregelmäßige Daktylen wie bei Heine (“Sie saßen und tranken am Teetisch”) sind schwierig, und bei etwas Albernem wie Eichendorffs Mandelkerngedicht klappt die Analyse auch nur halbwegs:

Zwischen Akten, dunkeln Wänden
Bannt mich, Freiheitsbegehrenden,
Nun des Lebens strenge Pflicht,
Und aus Schränken, Aktenschichten
Lachen mir die beleidigten
Musen in das Amtsgesicht.

Aber immerhin! Viele der merkwürdigen Betonungen am Versende fallen dem Metricalizer auf.

Insgesamt ein schönes Spielzeug. Hoffentlich komme ich bald dazu, Schüler damit experiemtnieren zu lassen.

A Ticket to Tranai (“Utopia mit kleinen Fehlern”)

Diese Science-Fiction-Kurzgeschichte von Robert Sheckley geht mir seit Wochen im Kopf herum; Grund sie wieder einmal zu lesen:

In einer Bar erzählt ein alter Raumfahrer Marvin Goodman vom utopischen Planeten Tranai. Goodman, unzufrieden mit dem Leben auf der Erde, der Korruption, seinem wenig erfolgreichen Engagement für alle möglichen sozialen Zwecke, beschließt, dorthin auszuwandern. Der Weg dorthin ist gar nicht leicht; das örtliche Reisebüro rät ihm ab und kann ihn auch nur die Hälfte der Strecke bringen. Aber nach langer Reise erreicht Goodman tatsächlich sein Ziel.

Tranai kennt tatsächlich weder Armut noch Verbrechen, keine Polizei, keine Kriege, hohe Zufriedenheit aller Bürger, und das alles ohne Kommunismus oder Faschismus. Goodman lässt sich nieder, findet eine Arbeitsstelle und heiratet. Ganz zufrieden ist er aber nicht; seine Arbeit als Roboteringenieur besteht vor allem darin, immer mehr Fehler in die Roboter seiner Firma einzubauen – perfekte Technik frustriert den Menschen, der seine Frustration dann an anderen auslässt. Deshalb haben die Maschinen des Planeten oberflächliche Macken (auch wenn sie sonst einwandfrei funktionieren) und fallen bei den erhofften Fußtritten ihrer Besitzer passgenau auseinander – die so ihre Frustration abreagieren können.

Auch sonst stellt sich Tranai nach und nach als weniger paradiesisch aus als erhofft, und als erheblich bizarrer. Goodman ist knapp davor, das – keinesfalls besonders beliebte – Amt des obersten Präsidenten zu übernehmen, als er dann doch lieber und überstürzt zur Erde zurückkehrt. Das mit der Regierung läuft nämlich so: Man verzichtet auf Tranai zwar auf Polizei, Richter, Justizverfahren, aber dafür darf jedes Regierungsmitglied Verbrecher erschießen, wenn sie welche sehen. Fehler kann es keine geben dabei, denn per Definition ist jeder so Erschossene automatisch ein Verbrecher. Das sorgt insgesamt für mehr Sicherheit und weniger Stress als das Verfahren auf der Erde.
Auf der anderen Seite gibt es Kabinen, in denen jeder Bürger per Knopfdruck seine Unzufriedenheit mit bestimmten Regierungsvertretern kundtun kann. Was Goodman erst zum Schluss erfährt: Überschreitet die Anzahl dieser Unzufriedenheitsmeldungen innerhalb der Amtszeit eines Regierungsmitglieds eine bestimmte Grenze, dann explodiert die Amtskette, die jedes Refierungsmitglied ständig um den Hals trägt, und tötet es. “Checks and balances. Just as the people are in our hands, so we are in the people’s hands.” Das funktioniere unerwartet gut.

– Aus solchen Geschichten bestand meine Jugend als Science-Fiction-Leser. Viele davon waren eher in der Tradition von Gullivers Reisen, manchen ging es um natruwissenschaftliche Phänomene, und andere waren tatsächlich nur exotische Abenteuer.
Das mit den Abstimmkabinen und Explosionen könnte man heute bequem über Handys lösen. Auch im Unterricht, oder bei Musikhörern in der Straßenbahn: Drücken genug Leute in der Umgebung auf “Explodieren”, dann wird explodiert.

Semesterbeginn 2014

Ich bin ja jeden Donnerstag an der Uni. Der Tag läuft dann etwa so ab wie gestern: So losfahren, dass ich um 9 Uhr dort bin – auch wieder mit dem Fahrrad, wenn ich mir ein neues gekauft habe. Dann kurze Teambesprechung im Sekretariat, was es an Neuigkeiten gibt und was gerade besonders dringend ist. Danach hat die Kollegin eine Veranstaltung für Studierende Lehramt Realschule, davor der Kollege eine Veranstaltung für Studierende Lehramt Gymnasium. (Ich selber bin im Wintersemester dran.) Vormittags erledige ich verschiedene Aufgaben am Rechner: Wartung von Webseite und Moodlekursen, Planung der nächsten Veranstaltungen, E-Mail erledigen; manchmal schaut jemand zur Sprechstunde vorbei.

Mittags radeln wir dann meist durch den Englischen Garten in die Kantine des Landesamts für Finanzen – ein Skript sammelt die online verfügbaren Speisepläne der in der Nähe liegenden Kantinen ein und stellt sie für Institutsmitarbeiter gesammelt dar. Aber es wird dann doch fast immer das Finanzamt daraus.
Gestern nicht, da hatten wir wenig Zeit und holten nur einen Happen in der Unimensa. Danach gibt es eine Tasse Kaffee in einem Büro und Plauderei mit einer Gruppe von Systembetreuern, die uns Lehrer quasi adoptiert hat. Auch das fiel gestern leider aus, da der Raum für eine Prüfung gebraucht wurde; ich musste selber dann auch noch Beisitz bei einer mündlichen Prüfung machen. Gleich im Anschluss begann die Veranstaltung im Sommersemester, das Praktikum “Informatiksysteme aus fachdidaktischer Sicht”.

Dort lernen die Studierenden, dieses Jahr sind es 16, es kommen vielleicht noch ein oder zwei dazu, welche Software es gibt, die man für die Schule benutzt, und was man damit machen kann. Das beginnt mit Moodle, allein schon mal zur Verwaltung der Veranstaltung, dann eine Auswahl aus den vielen Möglichkeiten, die es gibt. Die Studierenden produzieren einen Screencast für den Einsatz in der Schule, stellen die Software außerdem den Kommilitonen vor und geben diesen Aufgaben dazu. Wenn es klappt, kommt noch ein Besuch bei einem Schul-Systembetreuer dazu, und eine Gruppe von Schülern kommt an die Uni und wird von den Studierenden einen Vormittag lang im Rahmen eines Projekts betreut.
Wenigstens müssen wir für diese Veranstaltung keine Noten geben. Noten geben mag ich nicht.

So um 17 Uhr machen wir uns dann auf den Heimweg.

- Heute geht es allerdings gleich weiter, das jährliche Probestudium für an Informatik interessierten Schülerinnen und Schüler beginnt. Am Freitag und von Montag bis Mittwoch (immerhin in den Osterferien) besuchen angemeldete Schüler drei Vorlesungen und nehmen an einem mehrtägigen praktischen Workshop teil. Dieses Jahr standen zur Wahl 3D-Programmierung in Python, Android-Programmierung, Bioinformatik und Ähnlichkeitssuche in Bilddatenbanken. Einen der Workshops leiten wir, und irgendwie bleibt auch immer etwas von der Organisation an uns hängen.

Die Einladungen fürs Probestudium gehen an alle Gymnasien in Oberbayern und ein paar weitere Schulen; ob sie dann auch alle Informatiklehrer und deren Schüler erreichen, hängt von den Empfängern ab.

Berge wie weiße Elefanten

Bei der Erzähltheorie in der Schule geht es drunter und drüber. Ein Kollege hat mal zusammengestellt, was für die einzelnen Jahrgangsstufen im Lehrplan steht:

  • 5: “Erzähler”
  • 6: “Äußeres und inneres Geschehen, erzähltechnische Mittel”
  • 8: “Innen- und Außenstandpunkt des Erzählers, Erzählperspektive wechseln”
  • 9: “Erzählverhalten”
  • 10: “Erzähltechnik”

Sonst nichts Genaueres. (Keine Erwähnung von Begriffen aus speziellen Theorien, etwa: auktorial, allwissend, homodiegetisch.)
Unser Schulbuch fügt den kaum von einander zu trennenden Begriffen “Erzählperspektive”, “Erzählverhalten” und “Erzähltechnik” noch die “Erzählform” und die “Position” und “Einstellung” des Erzählers hinzu sowie die “Erzählhaltung”. Dazu verschiedene Begriffe, die sich letztlich an einer vereinfachten Erzähltheorie nach Stanzel orientieren.

Kein Wunder, wenn man da durcheinander kommt. Wir versuchen gerade zu einem einheitlichen Modell für unsere Schule zu kommen.

Währenddessen habe ich mit meinen Achtklässlern etwas Hemingway gemacht. Das kam so: Eine Fassung des Stanzel-Modells kennt einen Kreis als Modell, eingeteilt in sechs Bereiche in der Form der bekannten Trivial-Pursuit-Törtchen. Jeder Schüler brachte ein Buch mit, besprach sich mit Mitschülern, und trug den Titel des Buches je nach Erzählertyp dann in das passende Törtchen ein. Wir stellten fest, dass von den sechs möglichen Bereichen eigentlich nur zwei benutzt wurden. (Von den Schülern aufgestellte Theorien: Manche Erzählertypen sind einfach populärer. Zumindest bei Büchern, die Achtklässler so mitbringen.) Außerdem interessierten sich die Schüler plötzlich für den Literaturnobelpreis – wer ihn kriegt und warum und wofür, und ob wir was von einem lesen können.

Also brachte ich eine Hemingway-Geschichte mit, “Hills Like White Elephants”. Glücklicherweise fand ich eine deutsche Übersetzung im Web, und zwar im Archiv der Zeit, wo die Geschichte 1949 erschienen ist. (Die Übersetzung ist etwas veraltet. Der Zeilenumbruch entspricht gar nicht dem meiner Hemingway-Ausgabe.)

In dieser Geschichte ist die Distanz zwischen Erzähler und Geschichte wirklich minimal, der Erzähler kaum als solcher erkennbar; die Personen der Geschichte erlebt man in konsequent durchgehaltener Außenperspektive. Das wollte ich den Schülern mal zeigen.
Schnell mal lesen oder Inhaltsangabe? — Ein Mann und eine junge Frau sitzen in Spanien in einem Café und warten auf der Zug. Sie unterhalten sich, es geht um eine Operation, die der Frau bevorsteht. Der Mann redet die Operation klein, auch wenn die Frau Bedenken zu haben scheint. Hauptsache, danach ist alles wieder wie vorher. Viel Sonnenschein und wenig Kommunikation.

Die Schüler fanden die Geschichte nicht unterhaltsam (wie sollten sie auch), gingen aber großzügig davon aus, dass es schon irgendeinen Grund dafür geben würde, dass ich ihnen ausgerechnet diese Geschichte präsentierte. Spannend war, was sie störte. Erst mal, dass nichts zu passieren scheint. Dann aber auch, dass die junge Frau zwar als Erwachsene behandelt, aber durchweg als “das Mädchen” bezeichnet wird. (Original: “the girl”.) Für meine Schülerinnen und Schüler heißt Mädchen: noch nicht erwachsen, kindlich. Dass eine erwachsene Frau als Mädchen bezeichnet wird, ist ihnen fremd.
Außerdem hielten die Schüler die Geschichte für einen Textausschnitt und wollten wissen, was davor und danach komme – sehr überrascht waren sie, als ich sagte, dass das die vollständige Geschichte ist. (Passt bei 11 Punkt Schriftgröße auf zwei A4-Seiten, jeweils zweispaltig.)

Das Verhältnis der beiden Hauptpersonen haben die Schüler gut verstanden und auch selbstständig am Text belegt. Der Mann drängt die Frau zu irgendeiner Operation, er ist älter, kennt sich besser aus. (Kann Spanisch, kennt die Getränke in der Bar.) Aber um welche Operation es ging, darauf kamen die Schüler nicht. Ich glaube, es war auch nicht so, dass sie sich nicht getraut haben, sondern dass sie es wirklich nicht wussten.

Also habe ich es ihnen erzählt: Es geht um eine Abtreibung. (Haben sie dann auch gleich gesehen.) Dazu musste ich den Schülern erzählen, dass Abtreibungen damals illegal waren. Da sie den Text gründlich gelesen hatten, wiesen sie mich aber gleich auf eine Äußerung hin, nach der die Freundinnen der Hauptpersonen auch alle so eine Operation gehabt hätten. Puh. Also weiter erklären, dass trotz der Illegalität Abtreibungen stattgefunden haben. Entweder beim Arzt, wenn man Geld hatte, oder eben mit anderen, lebensgefährlichen Methoden, und dass das mit ein Grund für die Legalisierung von Abtreibung war. Was für Methoden denn das gewesen seien.

Sagen wir, ich hoffe, ich hatte genug Fingerspitzengefühl.

Sehr interessant fand ich die Interpretation eines Schülers. Die Operation wird nur so beschrieben: “Es wird nur Luft reingelassen, und dann ist alles vollkommen natürlich.” Es könne sich demnach auch um eine Brustvergrößerung handeln.

Captain America 2: The Winter Soldier (deutsch: The Return of the First Avenger)

War ich also neulich im Kino, den neuen Captain America anschauen. Wie er mir gefallen hat? Ganz nett, bunt, habe mich nicht gelangweilt, war okay. Aber wie er mir gefallen hat, interessiert mich weniger als das, was da gerade passiert.

Das war jetzt der neunte Film im Marvel Cinematic Universe, der neunte Film seit 2008. Finanziell ist das eine der erfolgreichsten Filmserien überhaupt. Mehr Geld, vor allem weltweit, hat die Harry-Potter-Serie eingebracht. Star Wars, Star Trek, James Bond, alle weit abgeschlagen – zum Teil, weil es weniger Filme in der Serie gibt, klar, etwa bei den bisher zwei Hunger-Games-Filmen. Die genauen Zahlen (US/weltweit, inflationsbereinigt usw.) gibt es bei Box Office Mojo.

Neun Filme in sieben Jahren. Nummer zehn noch dieses Jahr, nächstes Jahr wieder zwei, übernächstes mindestens einer, und die Grobplanung läuft bereits bis 2028. Auch wenn man letztere Ankündigung nicht so ernst nehmen muss: Das ist eine beeindruckende Leistung. Neun Filme in sieben Jahren, und kein echter Misserfolg dabei.

Für die Marvel-Comics des Silver Age war entscheidend, dass die Helden einander immer wieder mal über den Weg liefen. Klar, sie wohnten auch fast alle in New York. Diese neun Filme spielen auch alle im selben Universum. Das begann mit Jon Favreaus Iron Man (Blogeintrag 2008), der den Ton vorgab für die folgenden Filme: versteckte Hinweise auf andere Helden und Geschichten, und eine Geheimorganisation als Klammer, die die Filme verbindet.

Auch im neuen Captain America gibt es Hinweise auf eine gemeinsame Welt. Fanboys wie ich waren glücklich, in einem Nebensatz den Namen “Stephen Strange” zu hören. Oha! Der fehlte uns noch, und ein (bereits angekündigter) Doctor-Strange-Film könnte toll aussehen. Einen Hulk wird es wohl nicht so schnell mehr geben. Viele Geschichten gibt es nicht, die man vom Hulk erzählen kann – andererseits gilt das noch mehr für Spider-Man, und von dem gibt es auch mehr Filme als nötig. Den Peter-David-Hulk zusammen mit dem Pantheon würde ich schon gerne mal sehen. Und die Rechte für die anderen Helden sind leider beim falschen Studio. Selbst wenn noch weitere Fantastische Vier und X-Men angekündigt sind: Ohne ein gemeinsames Universum sind die Filme nur halb so interessant.

Was mir bei Captain America gefehlt hat: Zivilisten. Die Helden sollten nicht nur in einer gemeinsamen Welt leben, sondern gemeinsam mit normalen Menschen. Aber anscheinend kommt der jüngste Film trotzdem sehr gut an. Und das, obwohl er – laut Kritikern – mit den Formeln für die letzten Filme bricht, etwas radikal Neues versucht. Nu, radikal sieht für mich anders aus, aber ja: das ist ein Techno-Action-Thriller, in dem gelegentlich ein Kostüm-Fetzen auftaucht.
Verstehen werde ich Marvels Strategie nie. Schon vor dem ersten Iron Man stand ich zweifelnd da, und musste mich eines Besseren belehren lassen. Genauso zweifelnd schüttle ich den Kopf für den zehnten Film, diesen Sommer noch, eine Science-Fiction-Geschichte mit Rocket Racoon, einem humanoiden Waschbär. Aber hey, inzwischen traue ich denen alles zu. Was kommt als Nächstes, eine romantische Komödie im Marvel-Universum? Ant-Man und die Wespe (2015) kann ich mir gut als Screwball-Comedy vorstellen. Und danach eine romantische Komödie?

Die Handlung für die nächsten beiden Avengers-Filme steht schon halbwegs fest. Eine Civil-War-Verfilmung, in der sich die Superhelden-Gemeinschaft selbst bekriegt, ist wohl erst mal nicht zu erwarten – da machen die einen Superhelden mit bei der von der Regierung verordneten Zwangs-Registration, die anderen wehren sich dagegen. Zu düster, aber eine gute Möglichkeit, viele Helden unterzubringen.

Ich bin erst mal nur sehr gespannt, wie lange diese Erfolgssträhne für Marvel anhält.


Exkurs 1: Gibt es andere geteilte Filmwelten? Erst mal fällt mir wenig ein. Das wäre ja so, als würden sich Tarzan und Indiana Jones treffen, und ein Nachfahr von Zorro noch dazu. Wirkt etwas beliebig. Dracula, der Werwolf und Frankensteins Monster sind schon mal aufeinander getroffen, wenn nur in der Komödie. Disneys Cartoonfiguren haben ein gemeinsames Universum, und die von Warner Brothers auch. James Bond… das wäre so, als gäbe es viele James-Bond-Filme mit jeweils unterschiedlichen Agenten als Hauptpersonen. Es dürfte schwierig sein, da genügend interessante Figuren zu finden, da es wenige Agenten-Archteypen zu geben scheint. Die Star-Wars-Filme sehe ich eher als Fortsetzungen an und weniger als geteilte Universen.

Exkurs 2: Das Golden Age der Superheldencomics waren die späten 1930er bis in die späteren 1940er Jahre. Hunderte von Comicserien lösten die Pulp-Hefte der vorhergehenden Generation ab. Eine bescheidener Start für eine neue Serie war eine Auflage von 250.000, erfolgreiche Serien hatten eine Million, Disney Comics bis zu drei Millionen Auflage – Zahlen, die seitdem nie wieder erreicht wurden.
Die Superhelden des Golden Age waren unüberschaubar zahlreich und bunt, die Geschichten simpel. Anfang der 1950er Jahre war dann aus verschiedenen Gründen erst mal Schluss. Das Publikum wanderte ab, die öffentliche Meinung hatte jugendliche Straftäter als Thema und Comics als Ursache entdeckt.
Ende der der 1950er Jahre und Anfang der 1960er Jahre begann dann das Silver Age. DC Comics – der Verlag mit Superman und Batman, die die 1950er mit eher harmlosen Geschichten übberbrückt hatten – kramte die alten Helden heraus, oder zumindest ihre Namen und Fähigkeiten, und verlieh ihnen einen modernern Anstrich. Flash und Green Lantern bekamen neue Kostüme und eine neue Hintergrundgeschichte. Aber vor allem tauchte am Anfang des Silver Age ein neuer Verlag mit alten Wurzeln auf: Marvel. Die brachten Pep in die Szene. In Kooperation mit Zeichnern (allen voran Jack Kirby und Steve Ditko) und anderen Autoren erschuf Stan Lee viele der Marvel-Helden, die wir heute kennen. Und auch Marvel griff aufs Golden Age zurück, wenn auch anders: Captain America, ein Held der frühen 1940er Jahre, wurde wiederbelebt, ebenso Namor, der Submariner. (Von den anderen Golden-Age-Figuren wurden nur gelegentlich ein paar Namen entlehnt: Vision und Human Torch, in den 1970ern dann auch ein paar Nebenfiguren.)
Ein Bronze Age begann in den frühen 1970ern, als die Geschichten ernsthafter und dramatischer wurden. Über das anschließende Dark Age in den frühen 1990ern reden wir am besten nicht. Und jetzt, mit den Filmen, haben wir wieder eine Neu-Erfindung der Helden, mit ähnlichen, aber eben doch frisch angepassten Kräften, Namen, Kostümen und Hintergrundgeschichten.