Ich vernerde zusehends.

Donnerstag, 17. Mai 2012

(Liegt daran, dass ich dieses Jahr nur Informatik und weder Deutsch noch Englisch unterrichte. Holt mich hier raus, ich bin ein Sprachenlehrer.)

Andere Leute programmieren Tischfußball oder Pacman in Inform 7, da habe ich mich mal an einfach verkettete Listen gemacht (unter Benutzung des Kompositum-Entwurfsmusters). Das metaphorische Modell: Es gibt einen Karawanenführer, der hinter sich ein Karawanentier führt. Das kann entweder ein Esel sein; der bildet den Schluss jeder Karawane und kann keine großen Lasten tragen. Oder es ist ein Kamel. Jedes Kamel trägt eine Last und hat hinter sich wieder ein Karawanentier – einen Esel (dann ist die Karawane zu Ende) oder ein weiteres lasttragendes Kamel, das wiederum als Nachfolger… und so weiter.

Die Klassen sind dabei schnell und einfach angelegt:

A piece of baggage is a kind of thing. The plural of piece of baggage is pieces of baggage.

A caravan member is a kind of animal. [Oberklasse Listenelement]
A caravan member has a caravan member called the successor. [Nachfolger-Attribut]

A camel is a kind of caravan member. [Klasse Knoten]
A camel has a piece of baggage called the load. [Attribut Datenelement]

A donkey is a kind of caravan member. [Klasse Abschluss]

A caravan organizer is a kind of man.
A caravan organizer has a caravan member called the leader. [Anfangs-Attribut]

Allerdings werden bei Inform eigentlich keine Objekte zur Laufzeit angelegt; alle müssen schon vorher da sein. Es gibt also keine Konstruktormethoden, die man während der Laufzeit aufrufen könnten. Die Erweiterung “Dynamic Objects” von Jesse McGrew schafft da Abhilfe – es geht also doch, bis irgendwann der Speicher vollläuft.

Implementiert habe ich bisher nur: vorne einfügen, hinten einfügen, Anfang oder Ende geben (und aus der Liste entfernen), beliebiges Element suchen und geben (und aus der Liste entfernen). Außerdem Länge geben und Inhalt ausgeben.

Es fehlen noch etliche Methoden, aber im Prinzip ist alles machbar. Natürlich stellt die Sprache selber auch schon Listen zur Verfügung, wenn man eine Liste für irgendetwas benutzen wollte, nähme man nicht meine Karawane. Und ich will auch nicht, dass Schüler in Inform Listen programmieren, das ist doch etwas – uh – arg weit hergeholt. Und umständlich; für so etwas ist Inform nicht gemacht. Aber um mich vertraut zu machen mit der Sprache war das eine schöne Fingerübung.

Zum Ausprobieren für Freunde des Absurden: Linked Lists, meine Karawane in Inform 7.

Der kleine ernste Kern hinter dem Gedanken: Metaphern und Visualisierung spielen in der Informatikdidaktik eine wichtige Rolle. Man stellt sich die abstrakten Konzepte immer irgendwie vor. Das Oldenbourg-Buch (Brichzin, Freiberger, Reinold, Wiedemann) etwa veranschaulicht einfach verkettete Listen mit einer Reihe von Männern (=Knoten der Liste), die jeweils einen Dackel spazieren führen (=das Datenelement). Ich selber habe es mit Flaschengeistern versucht. Zu beiden Konzepten gibt es Präsentationen und Animationen zur Veranschaulichung und Visualisierung.

Meine Frage und Vermutung: Kann man das nur visualisieren über eine Präsentation/Animation/Trickfilm, oder nicht auch über einen Text, den man liest? Klar, gedruckter Text ist nicht sehr visuell. Andererseits…

Wir im Didaktik-Business unterscheiden (nach Bruner) die enaktive Repräsentation von Sachverhalten. Das heißt so viel wie Verstehen durch Begreifen, Anfassen, mit etwas Umgehen.
Dann gibt es die ikonische Repräsentation von Sachverhalten: als bildliche Darstellung. Dazu gehören Präsentationen, Videofilme, Fotos, die etwas darstellen sollen. Und zuletzt gibt es die symbolische Repräsentation: der Sachverhalt wird nicht als Spielzeug begreifbar gemacht, und nicht als Bild gezeigt, sondern nur als Symbol gezeigt. Sprache ist unter diesem Aspekt betrachtet immer symbolische Repräsentation von außersprachlichen Dingen.

  • Addition kann man enaktiv darstellen (mit bunten Steinen spielen lassen), eine Liste auch (die Schüler stellen sich auf und zeigen auf ihren Nachfolger).
  • Addition kann man ikonisch darstellen (Bilder von Äpfeln), eine Liste auch (Bilder von Männern mit Hund hintereinander).
  • Addition kann man symbolisch darstellen (Summenzeichen), Listen auch (Objekt- oder gar Klassendiagramm).

Im Unterricht sollte man möglichst viele dieser Repräsentationsebenen ansprechen.

Nun gibt es in der Folge von Bruner weitere Repräsentationsformen. Die semi-enaktive kennen wir aus dem Chemieunterricht: der Lehrer macht es vor, die anderen schauen zu. Und dann gibt es im Informatikunterricht auch die virtuell-enaktive Repräsentation: Robot Karol etwa, ein auf den Bildschirm gezeichneter Roboter, den man mit Befehlen und Tasten manipulieren kann. Die Manipulation ist es, die das Enaktive ausmacht, nur dass man den Roboter eben nicht selber in die Hand nimmt, sondern mit der Tastatur befingert.

Und ist das nicht auch so mit Interactive Fiction? Die besteht nur aus Text, symbolischer Repräsentation. Aber es ist Text, den man in die Hand nehmen und untersuchen kann (take the box, open the box, examine the box, close it); Text, in dem man sich selbstständig und frei bewegen kann (go east, north, enter the dungeon). Ist das nicht auch irgendwie enaktiv?

Vermutlich alles schon längst mal untersucht, ich bin ja fast zwanzig Jahre raus aus der Didaktik. Aber es nagt das Gefühl an mir, dass Text zum Anfassen – meine eigene Definition von Interactive Fiction – noch unerforschte Möglichkeiten bietet.

1 Kommentar
Schlagwörter:
Kategorien: Informatik


Schüler, Lehrer, Internet

Sonntag, 13. Mai 2012

Durch einen Tweet von vilsrip bin ich auf diesen Bericht in der Süddeutschen aufmerksam geworden: Demnach ist ist ein Lehrer im Kirchendienst in Passau vorläufig suspendiert worden, weil er mit Schülerinnen über Fachebook kommentiert hat. Über den Inhalt der Nachrichten selber steht nichts im Artikel, sie seien “weder obszön noch sexistisch noch unter der Gürtellinie” gewesen, hätten aber doch Anstoß erregt; die Diözese reichte das Material an die Staatsanwaltschaft zur Prüfung weiter.

Erste vor ein paar Tagen bin ich interviewt worden zur Frage, ob Schüler und Lehrer in Facebook befreundet sein dürfen sollten. Freundschaft ist hier im technischen Facebook-Sinn gemeint, hat also nichts mit Freundschaft zu tun. Meine Antwort: ja, klar. Elektronische Kommunikation mit Schülern ist sinnvoll, und das geht am einfachsten über Facebook. Man soll doch die Schüler dort abholen, wo sie sind, wird einem immer pädagogisch um die Ohren geschlagen, und das, wo sie sind, ist nun einmal Facebook. E-Mail fällt den meisten schon zu schwer.
Allerdings: Mann soll die Schüler dort abholen, wo sie sind, aber dann nicht dort stehen bleiben, sondern weiter gehen. Also zu Moodle, Doodle, GoogleDocs, Blogs und E-Mail (mit eigenem Client). Deswegen würde ich nie eine Arbeitsgruppe auf Facebook gründen oder befürworten. Schon mal aus persönlichen Gründen: ich verwende meinen Facebook-Account nicht. Meine gelegentlichen Tweets werden nach Facebook weitergeleitet, da es Leute gibt, die gerne mitkriegen, was ich so mache, aber nur bei Facebook online sind. Ansonsten ist der Facebook-Kanal offen für Leute, die mich kontaktieren wollen und keine anderen Kanäle verwenden können oder wollen. Aber dort etwas schreiben oder lesen, was andere tun, das mache ich nicht.

Schüler bilden solche Arbeitsgruppen sehr schnell. Und auch Lehrer nutzen sie. Klar: Austausch mit Partnerschule in anderem Land, da wird schnell eine Gruppe für teilnehmende Schüler, Lehrer, Eltern erstellt, und jeder kriegt alles mit. Gegenargument: muss jeder immer alles gleich mitkriegen? Gegenargument zum Gegenargument: vernünftige Eltern werden nicht jeden Tag nachschauen und kommentieren, was das Kind heute getan hat.

Echte private Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern sind immer ein Problem, und wenn es nur die Mitgliedschaft im gleichen Sportverein ist, oder das Wohnen Tür an Tür, oder die Eltern-Kind-Beziehung. (Das eigene Kind an die Schule zu geben, an der man unterrichtet: problematisch.) Aber das sind alles lösbare und keinesfalls dramatische Probleme. Man muss halt wissen, was man wann zu wem sagt.
Missbrauch kommt sicher auch vor, neulich in Hamburg etwa (46jähriger Lehrer, 14jährige Schülerin, Kontakt via Facebook).
Sympathien zwischen jungen Lehrern und älteren Schülern, die sich dann – vermutlich und hoffentlich – nach dem Schulabschluss zu Partnerschaften entwickeln, gibt oder gab es auch; ich kenne mindestens vier Lehrer, die ehemalige Schüler geheiratet haben.

Das hat aber nichts mit Facebook und dem Kontakt via Facebook zu tun. Trotzdem würde ich mich zurückhalten beim Chatten mit Schülern. Grundsätzlich muss man davon ausgehen, dass alles, was man bei Facebook tut, öffentlich ist. Und das ist doch sehr gut so: wenn man sich mit Schülern unterhält, dann nur so, dass das öffentlich bekannt und für jeden einsehbar ist. Alles andere: schwierig. Problematische Inhalte bespricht man nicht bei Facebook.

Brauchen Schulen eine Social Media Guideline? Also Richtlinien, wie man sich bei Facebook verhält? (Eine Vorschrift kann und soll das sicher nicht sein.) Unternehmen haben so etwas.


Dann noch ein Spiegel-Artikel: zwei Schüler hacken sich in Lübeck in die Schulrechner und manipulieren ihre abiturrelevanten Noten. Zugang hatten sie als Teil einer Arbeitsgruppe zur Verbesserung des Schulnetzwerks. Jetzt ermittle die Staatsanwaltschaft gegen die beiden wegen Ausspähens von Daten und Datenveränderung.

Aus diesem Grund würde ich nie Schüler an das Schulnetz lassen. (In Bayern gilt ohnehin: getrennte Netze für Verwaltung/Schulleitung und den Rest der Schule. Aber getrennt heißt auch immer: mehr oder weniger getrennt.) Um es mit Eugen Roth zu sagen: “‘s ist auch den Guten / Mehr zuzutraun, als zuzumuten.” Exploratives Verhalten ist genau das, was computeraffine Leute auszeichnet. Die sollte man nicht auch noch der Versuchung aussetzen zu schauen, wo sie überall hinkönnen im System.


Einige unserer Oberstufenschüler wünschen sich, im Unterricht mit Laptops zu arbeiten – und auch außerhalb des Unterrichts, zu schulischen Zwecken, innerhalb des Schulgeländes. Ich wünsche ihnen alles Gute dabei und habe ihnen ein Tipps gegeben, wie sie sich um die Erlaubnis dazu bemühen sollten. Für den Unterricht: das entscheidet jede unterrichtende Lehrkraft selber. Aber ich denke, die wenigsten werden etwas gegen einen klar abgegrenzten Versuch haben, wenn er ihnen auf geeignete Weise vorgesachlagen wird. Außerhalb des Unterrichts: mittelfristig eine Frage für das Schulforum, selbst wenn das wohl eigentlich nicht dafür zuständig ist. Kurzfristig: die Schulleitung fragen. Man müsste klar erkennbar machen, welche Schüler unter welchen Bedingungen mit dem Laptop außerhalb des Unterrichts auf dem Schulgelände arbeiten dürfen.

  • Wo? Bibliothek, Sitzecken, Aula, Cafeteria, Gänge?
  • Wann? Vormittägliche Pausen, Mittagspause, Freistunden?
  • Was? Mit Internet – mit Handy-Tethering unbemerkbar zu machen – oder ohne?
  • Welche Konsequenzen bei Regelüberschreitung?

Schulen mit Laptopklassen haben schon länger solche Regelungen.


Bei Netzpolitik geht es gerade um Webfilter in Schulen. Ausgangspunkt war, dass die Webseiten der Piratenpartei gesperrt waren; ähnlich ging es auch schon SPD und Grünen.

Technisch sieht das mit den Filtern so aus:

1. Eine Firma stellt Software und eine Liste von gesperrten Seiten zur Verfügung. Diese – sehr umfangreiche – Liste wird hauptsächlich automatisch durch einen mehr oder weniger guten Algorithmus erstellt, der zum Beispiel Seiten mit bestimmten Schlagwörtern sperrt.

2. Die Schule kauft diese Dienstleistung und übernimmt die Sperrliste. Theoretisch kann die Schule Ausnahmen hinzufügen oder weitere Seiten sperren; in der Praxis kommt das kaum vor. Ich habe jedenfalls keine Ahnung, wie man den Filter bei uns anpasst. (Aber ich habe einen Proxy laufen auf meinem eigenen Server, der auf keiner Blacklist steht. Damit komme ich selber dann doch überall rein.)

3. Eine Alternative zu Sperrlisten wäre die Alterskennzeichnung von Webseiten, wie sie immer wieder gefordert wird. Dann könnte man den Browsern für Unmündige sagen, dass sie nur Seiten bis zu einem bestimmten Alter durchlassen. Das ist international nicht machbar und obendrein nicht sinnvoll, aber ein anderes Thema.

Rechtlich wird argumentiert, dass Schulen solche Filter haben müssen. Ich bin mir dessen nicht sicher und halte es für möglich, dass das gute Lobbyarbeit und vorausschauendes Vermeiden von Ärger ist. Aber ja, es gab Fälle, wo Eltern sich beschwerten, dass ihr Kind im Unterricht Dinge gesehen hatte, die es nicht hätte sehen dürfen.
Braucht man solche Filter auch für den Unterricht oder nur für den außerunterrichtlichen Zugang zum Web? Im Moment ist es an meiner Schule so, dass Schüler nicht ohne eine Aufsicht führende Lehrkraft ins Web kommen dürften. Wenn ein Schüler im Unterricht heimlich Pornographie anschaut, muss der Schüler bestraft werden und nicht der Lehrer. Wenn ein Schüler im Unterricht heimlich einem anderen Pornographie zeigt (der sich dann zurecht zu Hause beschwert), muss der Schüler bestraft werden und nicht der Lehrer. Wenn Schüler irgendwann mal unbeaufsichtigt ins Internet dürfen, dann wird’s schwierig.

Dazu möchte ich mal eine Erörterung lesen.

18 Kommentare
Schlagwörter:
Kategorien: Fundstücke, Schule (Alltag)


Hoffnungsfroh

Donnerstag, 10. Mai 2012

Gestern habe ich in einer Vertretungsstunde eine Klasse in den Computerraum begleitet, Unterstufe. Auf dem Weg – einen Gang entlang, eine Treppe, noch ein Gang, ein paar Ecken – spielte ein Schüler konzentriert mit einem Zauberwürfel, ein anderer war in ein privates Buch vertieft. Zeit in der Schule sinnvoll nutzen, das sehe ich auch so.

5 Kommentare
Kategorien: Schule (Alltag)


Disingenuous

Dienstag, 8. Mai 2012

(Nachtrag: peinlichen Schreibfehler korrigiert.)

“Disingenuous” ist ein sehr schönes englische Wort. Es bedeutet ungefähr, sich dümmer zu stellen, als man ist, um dadurch eigene Ziele zu erreichen.

Das Wort ist mir spontan eingefallen bei der Pressemitteilung des Kultusministeriums heute:

Kultusministerium zum eigenverantwortlichen Unterricht der Referendare an den Schulen – Zur Eingabe des Bayerischen Philologenverbandes an den Landtag

MÜNCHEN. Die Lehrerausbildung gliedert sich in Bayern in zwei Phasen:
1. Eine erste, stark fachtheoretische Ausbildung an den Hochschulen, die mit dem ersten Staatsexamen abgeschlossen wird. Diese umfasst allerdings bereits Praxisanteile – je nach Schulart – in einem Umfang von etwa einem halben Jahr.
2. Und eine zweite stark berufspraktische Phase, in der die angehenden Lehrkräfte – betreut von erfahrenen Seminarlehrern und -leitern – auch eigenverantwortlichen Unterricht halten. Dieser ist für eine qualifizierte und berufsorientierte Ausbildung unverzichtbar. Die Mindeststundenzahl für die zweite Ausbildungsphase an Realschulen und Gymnasien an der jeweiligen Einsatzschule beträgt 10 Unterrichtsstunden pro Woche, die Höchstgrenze 17. Die Stunden, die die Referendare über die Mindestanzahl von 10 pro Woche unterrichten, werden ihnen zusätzlich zu den Bezügen als Referendar bezahlt.

Ich weiß nicht genau, wie die Anfrage des bpv lautete. Die Antwort geht jedenfalls an den Fragen vorbei, die sich Lehrer an den Schulen stellen. Den eigenverantwortlichen Unterricht von Referendaren an sich stellt wohl niemand in Frage. Eigenverantworlich unterrichten Referendare in der Phase der Einsatzschule (was so viel heißt wie: ohne größere Betreuung durch erfahrene Seminarlehrer und -leiter). Zu meiner Zeit war die Obergrenze 14 Stunden, erweiterbar auf 16, wenn dringende Gründe dafür sprachen, also wenn ansonsten Unterricht ausfallen würde. De facto hieß das 16 Stunden, weil das mit den dringenden Gründen nie so genau gesehen wurde. Inzwischen sind es 17 Stunden. Das müsste nicht so sein.

Vor und nach dem Arbeiten in der Einsatzschule befinden sich Referendare in der Seminarschule. Dort findet die Betreuung durch erfahrene Seminarlehrer und -leiter statt. Und da gab es früher gar keinen eigenverantwortlichen Unterricht. Inzwischen – es mag etwas mit Lehrermangel und Finanzierungsproblemen zu tun haben – unterrichten Referendare dort sehr oft eigenverantwortlich, so dass man weniger Lehrer einstellen muss. Zu dieser Praxis hätte ich lieber Antworten vom Kultusministerium gehabt.

Noch kein Kommentar
Schlagwörter:
Kategorien: Fundstücke


Lernzirkel

Montag, 7. Mai 2012

Ich mag Lernzirkel nicht besonders. Sie haben etwas Muffiges, riechen nach den 1970er Jahren und nach Turnhalle. Da kommen sie ja auch her, vom Zirkeltraining: Es gibt verschiedene Stationen (liebevoll aufgehäufte Papierstapel im Klassenzimmer, teilweise laminiert), die sich die Schüler in beliebiger Reihenfolge vornehmen, um beim Pfiff des Schiedsrichters zur nächsten Station zu wechseln. Das ganze zu dem Zweck, dass man Schülern so Arbeit unterjubelt, die sie sonst nicht leisten würden.

Für den klassischen Lernzirkel habe ich meine Meinung auch nicht geändert. Warum müssen die Schüler von Station zu Station gehen (den Kassettenrekorder als beschränkte Ressource gibt es ohnehin nur bei maximal einer davon)? Es ist so viel einfacher, Ihnen das gesamte Material auf einemal in einem Dossier zu geben und zu sagen: Macht mal, teilt euch die Zeit selber ein, ihr hat zwei Wochen Zeit. Wenn sich das digital machen lässt, um so besser, dann entfallen die Kopien und das Laminieren. Aber bei der aktuellen Ausstattung mit Rechnern geht das noch nicht; zum ausführlichen Arbeiten mit webbasiertem Material sind Handys zu unpraktisch.

Also waren meine Erwartungen heute gedämpft, als ich in einer Vertretungsstunde in der Unterstufe einen Lernzirkel beaufsichtigen sollte. Das lief aber überraschend gut, eben weil es gar kein Lernzirkel war, sondern Freiarbeit in festen Gruppen. Jede Gruppe bekam ihr Materialpaket ausgehändigt. (Wir träumen allerdings von einer Welt, in der Schüler ihr Material selbst verwalten können; vielleicht sollte das mal Schwerpunkt sein. Ein Schrank in jedem Klassenzimmer könnte da schon helfen.) Dann arbeiteten die Schüler gemeinsam an den kleinschrittigen Grammatik-Aufgaben und verglichen danach ihre Ergebnisse mit den Lösungen. Die Klasse war das möglicherweise gewohnt, jedenfalls lief es gut. Alle waren beschäftigt, die Atmosphäre war angenehm.

Bei Material für Freiarbeit halte ich Typographie und Layout für noch wichtiger als bei regulären Arbeiten: Man soll auf den ersten Blick sehen können, ob etwas Aufgabe oder Lösung ist. Und wenn schon Papierkopien, dann ein Satz Kopien in einer eigenen Mappe für das Projekt. Aber sonst: sollte man öfter machen.

9 Kommentare
Kategorien: Schule (Alltag)


The Avengers, im Kino

Sonntag, 6. Mai 2012

Wahrlich, was sind das für Zeiten, wo jedermann meine kleine Marvel-Comic-Welt kennt. Das freut mich, und ich rechne das den Filmen hoch an, selbst wenn nicht alle davon besonders gut sind.

Zum Hintergrund: Hulk kennen wir schon aus zwei Filmen, Iron Man auch, Thor und Captain America aus jeweils einem. In den meisten Filmen tauchte auch die Regierungsorganisation SHIELD auf, gar köstlich eingeführt im ersten Iron Man. SHIELD, dessen Leiter, und andere Elemente verbinden die Filme und künden nach und nach einen gemeinsamen Film aller Helden an, eben diesen: The Avengers. So nennt sich seit 1963 Marvels erstes Superheldenteam im engeren Sinn, modelliert nach dem Vorbild des Konkurrenzverlags DC.

Pluspunkte des Films: die Figuren waren genau richtig besetzt und gezeichnet. Sehr gelungen. Jede hat ihre Momente, Hawkeye vielleicht ausgenommen, aber die Hinterbänklerrolle ist er aus den Comics gewöhnt. Trotz der vielen Superhelden-Hauptfiguren – Thor, Iron Man, Hulk, Captain America, Black Widow, Hawkeye, Nick Fury, Loki – war der Film nicht überladen. Die Kampfszenen waren gut geschnitten, nicht verwirrend, jede Figur hatte einen eigenen Kampfstil. Beim Kampf um Manhattan wäre sogar durchaus noch Platz gewesen für ein paar andere Mitstreiter. Und 3D hat sich sogar halbwegs gelohnt.

Minuspunkte: die Sequenz auf dem Heli-Carrier ist zu lang, weil überflüssig. Und weil der Heli-Carrier schon arg unglaubwürdig ist. Was sollte/wollte Loki da überhaupt? Ist mir nicht klar geworden. Bei den angreifenden Außerirdischen fehlte mir die Hintergrundgeschichte – so waren das halt irgendwelche Angreifer, hätten genauso gut Trolle aus Jutgard sein können, aber da hätte man wieder Asgard reinbringen müssen, und das hätte den Film vielleicht überladen.
Der größte Fehler ist meiner Meinung nach aber der, dass dieser Film nicht in meiner Welt spielt. Dabei war das das Schöne am Marvel-Universum: Nicht nur, dass sich die Superhelden der verschiedenen Serien über den Weg laufen konnten, sondern auch, dass das in New York geschah, dass New Yorker aus dem Fenster sahen und den Helden zuwinkten oder ihnen – wenn es die Yancy Street war – Müll auf den Kopf kippten. Und diese Welt jenseits der Superhelden fehlt in The Avengers. Die erste Sequenz spielt in geheimen Regierungsanlagen, und die meisten anderen ebenso. Öffentlichkeit: gibt es keine. Nur einmal in Stuttgart dürfen Bürger furchtsam kauern, und zum Schluss in New York furchtsam flüchten. Staffage.

Ich habe mir die ersten Hefte der Avengers noch einmal angeschaut: Da ist mehr Öffentlichkeit, mindestens schon mal in Form von Rick Jones und seiner Teen Brigade. Und eigentlich geht es mit den Avengers ja erst in Heft 16 los, finde ich – und da haben wir die Presse und Leute auf der Straße und Interviews.

Aber gut, das Team findet sich ja erst in diesem Film. Im nächsten erwarte ich mir dann mehr über das Verhältnis zwischen dem Superheldenteam und dem Rest der Welt.

3 Kommentare
Schlagwörter: ,
Kategorien: Filme


Interactive Fiction in der Schule

Dienstag, 1. Mai 2012

Ich glaube, ich habe da etwas entdeckt, das mir viel Spaß machen wird. Über Text Adventures/Interactive Fiction habe ich ja vor ein paar Tagen geschrieben. Im Englischunterricht habe ich auch schon gelegentlich eine Zork-Stunde eingeschoben, und mit einer Unterstufenklasse, die ich in Informatik und Englisch hatte, habe ich selber mit dem Schreiben experimentiert.

Aber da geht noch mehr.

Einmal für den Literatur- und Fremdsprachenunterricht. Es gibt tolle Spiele: Manchmal muss man viele Rätsel lösen; bei anderen Spielen geht es darum, das historische New York kennenzulernen. Man schlüpft in die Rollen von Papageien oder Kleinkindern im Krabbelalter, mit entsprechend eingeschränkten Möglichkeiten, die Umwelt zu beeinflussen. Andere Werke sind Kurzgeschichten, paradoxe Parabeln und Verwirrspiele, avantgardistische Textexperimente. Auf Deutsch ist die Auswahl an Texten geringer, aber prinzipiell ist das gleiche möglich.

(Bald merkt man: Die Spiele leben nicht von den Rätseln, sondern von der Atmosphäre. Die wird anders erzeugt als in herkömmlicher Epik, ein paar Sätze reichen meist zur Beschreibung. Die Qualität des Schreibens zeigt sich auch darin, wie sehr die Erwartungen und Vermutungen des Spieler-Lesers vorausgeahnt werden; hier wird gleich unmittelbar auf die Reader-Response reagiert.)

Zum anderen kann man das Schreiben solcher Texte – vielleicht – für den Informatikunterricht nutzen. Geschrieben wird Interactive Fiction meist in eigenen, objektorientierten Programmiersprachen. In Inform 6 legt man ein Objekt so an:

Object Staff_Room "Staff Room"
  with
   description "A room for all the staff to meet and sit and get
    a cup of coffee.",
   n_to hallway,
  has light;

Das sieht doch schon mal nach einer richtigen Programmiersprache aus. Aber in der Informatik geht es ja gar nicht so ums Programmieren. Es gibt auch Ansätze, informatische Konzepte ohne Programmiersprache zu lehren, zum Beispiel in einer Programmierumgebung, die ganz ohne Code und die entsprechenden Syntaxfehler auskommt, in der die Lernenden nur mit Drag-and-Drop arbeiten.

Eine andere Möglichkeit könnte Inform 7 sein. Da sehen die Zeilen Code, mit denen man den gleichen Raum wie oben erzeugt, so aus:

The Staff Room is a lighted room. "A room for all the staff to meet and sit and get a cup of coffee." North of the Staff Room is the Hallway.

Einfacher Inform-7-Code ist leicht zu schreiben, weil Inform 7 der natürlichen Sprache Englisch so nahe kommt wie wohl keine andere Programmiersprache. Deswegen lässt sich der Code auch sehr leicht lesen. Anspruchsvoller Inform-7-Code ist aus genau diesem Grund wohl schwerer zu schreiben, als man denkt. Zu sehr ist man versucht, einfach normales Englisch zu verwenden und übersieht dabei, dass Inform 7 trotz allem vielen Beschränkungen unterliegt. Aber dafür kann man sehr knapp und elegant formulieren:

Instead of a suspicious person (called the suspect) burning something which is evidence against the suspect when the number of people in the location is at least two, try the suspect going a random valid direction.

(Beispiel aus der pdf-Fassung von Ron Newcombs Inform 7 for Programmers.)

So komplexe Regeln für das Verhalten der Spielwelt wird man in der Schule kaum brauchen. Aber Zustandsautomaten gehen ganz schön, und die macht man zum Beispiel in der 10. Klasse. Da programmiert man zum Beispiel einen Aufzug mit drei Stockwerken/Zuständen. In Inform 7 legt man zuerst den Aufzug und die Knöpfe an, damit man in der Spielwelt auch etwas tun kann:

The elevator is an enterable, transparent container in the basement. It is not portable. The description is "An elevator with an up and a down button."
The up button is a thing in the elevator. It is scenery. The description is "An arrow pointing upwards."
The down button is a thing in the elevator. It is scenery. The description is "An arrow pointing downwards."
The elevator has a number called zustand. The zustand of the elevator is 1.

Und dann kommen die Regeln für die Zustandsübergänge:

Instead of pushing the up button when the player is in the elevator:
   if the zustand of the elevator is 0:
     now the zustand of the elevator is 1;
     say "Going up. (Ground floor.)";
     now the elevator is in the ground floor;
   otherwise if the zustand of the elevator is 1:
     now the zustand of the elevator is 2;
     say "Going up. (First floor.)";
     now the elevator is in the first floor;
   otherwise:
     say "Nothing happens."

Instead of pushing the down button when the player is in the elevator:
   if the zustand of the elevator is 2:
     now the zustand of the elevator is 1;
     say "Going down. (Ground floor.)";
     now the elevator is in the ground floor;
   otherwise if the zustand of the elevator is 1:
     now the zustand of the elevator is 0;
     say "Going down. (Basement.)";
     now the elevator is in the basement;
   otherwise:
     say "Nothing happens."

Eigentlich müssten die Knöpfe nicht nur im Aufzug sein, sondern auch außen. Aber das ist ja erst mal nur ein einfaches Modell.

Was auch noch gut geht mit Inform: Objekte, Attribute, Klassen, Vererbung, Datentypen; Modellierung, Relationen. Was vermutlich nicht so gut geht: Algorithmik, aber da bin ich noch am Herumprobieren.

Ich habe mal ein paar Seiten erstellt, die ich als Ausgangspunkt für meine Untersuchung von Inform 7 für die Schule nehmen möchte. Dort auch Links zu allem möglichen.

Bislang habe ich mit einer 10. Klasse zwischendurch mal Spiele in Inform 7 geschrieben; bisher ist nur ein kurzes Spiel online, von mir redigiert; ich hoffe, dass die anderen vor dem Schuljahresende auch fertig werden (von den Schülern selber noch redigiert).

6 Kommentare
Schlagwörter: ,
Kategorien: Informatik, Schule (mal gemacht), Schule (mal machen), Spiele