Fotos

Eichhörnchen-Frühling

Ich nehme jedenfalls an, dass das etwas mit dem Frühling zu tun hat. Gestern hat ein Eichhörnchen vor meinem Fenster angefangen, einen Kobel zu bauen. Zuerst ist mir ein Eichhörnchen aufgefallen, das einen kleinen Zweig im Maul trug, so wie ich das eher von Vögeln kenne. Und dann nochmal. Und dann habe ich das Eichhörnchen beobachtet. Es hat, ziemlich rabiat, die eh schon arg geplagte Kastanie von kleinen Zweigen befreit:

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Und das ziemlich systematisch und flott.

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Siegreich dann ab damit.

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Und so wuchs der Kobel:

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Sieht nicht sehr ordentlich und nicht sehr stabil aus, aber gehört wohl so. Reservekobel?

(Daneben noch gesehen: zwei Rotkehlchen und die beiden Kaninchen. Das alles um die Frühstückszeit herum, danach musste ich zur Arbeit, den ganzen Tag an der Uni. Die sonst völlig friedlichen Kaninchen verscheuchen übrigens gezielt die Eichhörnchen, wenn die am Boden sind.)

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Informatik

ILTB 2015 in München

Letzte Woche war ich wieder mal auf Informatiklehrer-Fortbildung, dem 8. Informatiklehrerinnen und -lehrertag Bayern, diesmal in München, organisiert von der TU und der Gesellschaft für Informatik. Konferenz-WLAN gibt es inzwischen immer, offizielle Hashtags noch nicht. Ich war der einzige, der es mal mit #iltb2015 versucht hat. Das ist okay: erstens sind Informatiklehrer keine großen Twitterer, und zweitens gab es während des Tages genug zu tun. Twittern von einer Veranstaltung dieser überschaubaren Größe dient ohnehin nicht der Kommunikation untereinander, sondern kann eigentlich nur den restlichen Twitter-Teilwelten mitteilen, dass es diese Veranstaltung gibt. Insofern wär’s irgendwann mal doch nicht blöd…

Mein Favorit war der Vortrag “Inklusion und Informatik” von Dino Capovilla. Sein Forschungsschwerpunkt ist Informatik-Unterricht für Blinde und Sehbehinderte. Der Vortrag gab nur einen kurzen Einblick, das war der Situation und dem Publikum angemessen: Ein Überblick über Inklusion (“Minenfeld”, “kein wissenschaftlich fundiertes Konzept”), über die Meinungen von Lehrern dazu, mögliche Auswirkungen verschiedener Ausprägungen davon auf das Schulsystem. Capovilla hat seine eigene Meinung durchscheinen lassen, aber darauf hingewiesen, dass es ganz unterschiedliche Antworten zu allen Fragen gibt, auch bei den Behinderten. Schwierig für die Forschung sei allerdings die heterogene und kleine Zielgruppe.

Zwei Kerngedanken gab es zum Mitnehmen: “Atypische Situationen möglichst vermeiden” – solche gebe es durch Unterrichtsmethoden und Medien, durch erhöhte Aufmerksamkeit und auffällige technische Unterstützung. Es soll so wenig Sonderrolle geben wie möglich.
Das geht zweitens – bei Sehbehinderten – schon mal nicht, wenn Bilder gezeigt werden oder Filme, oder wenn in der Informatik die Datenstruktur Baum mit einem, ja, Baum und seinen Verzweigungen verglichen wird. Veranschaulichung ist ein Kerngedanke jeglichen Unterrichts, vielleicht ein bisschen weniger zentral in den Sprachen, sicher mehr in MINT-Fächern. Aber Anschaulichkeit müsse nicht immer über Bilder laufen, zumal es – einer nicht repäsentativen Untersuchung nach – ohnehin viel weniger visuelle Lerntypen gebe als man vermute. (Selber halte ich ja eh nicht viel von Lerntypen.) Vielleicht profitieren ja auch andere Schüler davon, wenn man dazu gezwungen wird, sich andere – haptische, enaktive – Methoden der Veranschaulichung einfallen zu lassen.

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Fundstücke

Sonnenfinsternis 2015, in der Schule

Sehen dürfen oder nicht sehen dürfen? Manche Schulen haben ihren Schüler generell verboten, sich die Sonnenfinsternis anzuschauen, wegen der Gefahr. Ingo berichtet von einer Grundschule, aber das war auch an weiterführenden Schulen so. Ich habe von Grundschulen und Kindergärten gehört, wo das ganz problemlos ging und von anderen, wo die Kinder geradezu verrückt gemacht wurden udn sich überhaupt nicht mehr in die Sonne trauten. Frau Novemberregen schreibt köstlich wie immer, wie ihre Tochter letztlich ganz allein mit einer Lochkamera in der Pause die Sonnenfinsternis beobachten durfte.

An meiner Schule ging das ja gut. Wer eine Brille hatte, durfte raus, und in der Aula wurde die Sonnenfinsternis per Kamera übertragen. Unterricht fand keiner statt, soweit ich weiß. Viele Schüler hatten keine Brille dabei, aber auch das war kein Problem, die Schüler tauschten friedlich die Brillen untereinander aus, so dass jeder, der wollte, zumindest einige Male die Sonne sehen konnte.

Bilder und Bericht dazu auf unserer Schulhomepage.

Nachtrag: Mann, Mann. Herr Mess schildert anschaulich die wahnwitzige Paranoia an seiner Schule. “Das Ende ist nah”, allerdings. Für einen Vormittag werden Schüler zu Vampiren, die ja keinesfalls dem Sonnenlicht ausgesetzt werden dürfen. Eigentlich müsste das Stoff für ein paar Masterarbeiten geben, “Der Umgang der Kultusministerien und Schulen mit der Sonnenfinsternis 2015 im Spannungsfeld zwischen Unwissen, Aberglauben, Rechtsabteilung und Elternwillen.”

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Deutsch

Was romantisch ist

Langsam zum Ende der romantischen Epoche kommend, habe ich meinen Q11ern heute dieses Foto gezeigt (von Frau Rau bei einem Oktoberfestbesuch aufgenommen):

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Und dann sollten die Schüler sagen, was an dem Bild romantisch ist. Es kam auch eine ganze Menge dabei heraus. Symbole hatten wir zuvor auch wiederholt. Aber das wichtigste, eigentlich Romantische an dem Bild, das mich dazu gebracht hat, Frau Rau anzustupsen und die Aufnahme zu machen, das hat keiner gesagt oder gesehen.

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Filme

Kingsman: The Secret Service

Kingsman: The Secret Service (2014), Regie Matthew Vaughn, Drehbuch Jane Goldman und Matthew Vaughn nach dem Comic von Mark Millar und Dave Gibbons.

Es gibt da diese Faustregel: Wenn die geheimlichen Organisationen im Film Kürzel haben, die aus drei Buchstaben bestehen (FBI, CIA, KGB), dann handelt es sich um einen Agententhriller. Wenn es mehr Buchstaben sind, dann ist es einen Agentenkomödie. Men in Black ist nur scheinbar eine Ausnahme, da zwar auf dem Kinoposter groß “MiB” steht, das im Film aber gar nicht groß auftaucht.
Wir haben zum Beispiel U.N.C.L.E., und bei James Bond gibt es gleich zwei, SPECTRE und SMERSH. Marvel hat SHIELD, die Fernseherserie UFO hatte S.H.A.D.O. Und Maxwell Smart kämpfte für CONTROL und gegen KAOS.
Ich glaube, die vielen Buchstaben sind tatsächlich als Parodie auf die wenigen Buchstaben entstanden. (Dabei gab es das russische SMERSH wirklich.)

Den Boom lösten wohl die James-Bond-Filme aus. Bald nach ihnen gab es die Fernsehserien The Man from U.N.C.L.E und Danger Man, das wiederum The Prisoner zeugte. Dean Martin drehte 1966 Leise flüstern die Pistolen, das ich in früher Kindheit mal gesehen habe. Ich kann mich nur noch an sein automatisiertes Liebesnest erinnern. Nie gesehen habe ich Get Smart (deutsch: Mini-Max, das mit dem Telefon im Schuh), nur mal in die Spielfilmversion von 1980 reingeschaut – nicht sehr gut: in The Nude Bomb entwickelt ein verrückter Wissenschaftler eine Bombe, die Kleidung zerstört. Da lobe ich mir doch das Meisterstück Casino Royale, eine nominell auf einem James-Bond-Roman basierende Bond-Parodie von 1967. Dort entwickelt der Schurke des Films eine Biowaffe, die alle Frauen schön macht und alle Männer über 1.38m tötet. Es spielen mit: Peter Sellers, Ursula Andess, David Niven, Orson Welles, Daliah Lavy, Woody Allen, Deborah Kerr, William Holden, Charles Boyer, John Huston, Jean-Paul Belmondo, Jacqueline Bisset. Und viele weitere. Die Reihe an Zitaten vermittelt einen Eindruck von dem Film. Ob er mir heute noch gefallen würde? Immerhin: Herb Alpert & the Tijuana Brass spielen das Titellied.

Vor diesem Hintergrund habe ich Kingsman: The Secret Service gesehen.

Exkurs: Gewalttäige Komödien

1986 fuhr die Kollegstufe meines Gymnasiums auf Kursfahrt, entweder nach Rom oder Korsika. Aus Gründen, die ich heute nicht mehr ganz weiß, hatte ich keine Lust, mitzufahren. Snobismus, wahrscheinlich. Also wurde ich in die 11. Jahrgangsstufe gesteckt, denn dem Unterricht fernbleiben durften wir nicht. Zusammen mit mir musste auch Markus in diese Klasse; auch Markus war nicht mit auf der Kursfahrt. Also saßen wir einen Vormittag nebeneinander und unterhielten uns. (Der Unterricht um uns herum kam ohne uns aus, und wir waren wohl leise genug, dass wir nicht störten.) Und wir unterhielten uns ausführlich. Markus war der einzige Mensch damals, der wahrscheinlich noch mehr alte Filme kannte als ich, also so 1930er bis 1960er Jahre. Ihn interessierten vor allem die finanziellen Aspekte des Filmschaffens, das war eine neue Perspektive für mich. Es war erleichternd, jemanden zu treffen (außer meinem Zwillingsbruder), der etwas anfangen konnte mit screwball comedy und film noir, der Hellzapoppin’ kannte die verschiedenen Verfilmungen von His Girl Friday, und mit dem man diskutieren konnte, welche Jerry-Lewis-Filme erträglicher waren als die anderen. So kamen wir auch Ein Froschmann an der Angel, ein nicht weiter erwähnenswerter Jerry-Lewis-Film, anhand dessen mir Markus seine Theorie erklärte: eine gute Komödie (vielleicht: jenseits der schwarzen Komödie) kommt eigentlich ohne Tote aus. Mit Markus habe ich später noch viel erlebt.

Noch jemand da? Jetzt komme ich endlich zum Film, wenn auch eher vage und spoilerfrei

Kingsman kommt dezidiert nicht ohne Tote aus. Auf seine Art spielt er im selben Grenzbereich zwischen Gewalt und Komödie wie Pulp Fiction. Außerdem ist er eine Agentenkomödie, oder Actionkomödie. Wir haben Geheimorganisationen, verrückte Pläne zur, hm, sagen wir: Weltherrschaft. Der Oberschurke hat eine Assistentin mit schrägen Waffen (wie Jaws/Beißer oder Oddjob bei James Bond). Keine lustigen Fahrzeuge. Der skurille Oberschurke hat natürlich seine geheime Basis, in den Fels gehauen, und dieses Bild vom roten Linoleumboden und den künstlich aussehenden Felswänden an den Seiten – das kenne ich aus Raumschiff Enterprise, und James-Bond-Filmen, und selbst ein Korridor in Krieg der Sterne hat genau diesen dunkel-zinnoberroten Farbton.

Kingsman hat mir sehr gut gefallen. Diese weniger begeisterte Filmkritik hat mich schon vorbereitet auf einen nicht ganz runden Film, ebenso diese insgesamt positive Kritik. Kingsman ist der Film, der Mit Schirm, Charme und Melone (1998) eigentlich hätte sein wollen und der daran gescheitert ist. (Die Organisation hieß da BROLLY.) Colin Forth Firth ist perfekt, Samuel Jackson köstlich; Taron Egerton als jugendlicher Held ein wenig blass, und im Anzug verliert er für mich jegliche Individualität. Hätte auch ein nichtssagender de Caprio sein können.

Und das mit den Frauen, das kriegt der Film nicht hin. Letztlich sind sie doch hilflos, gerade mal Unterstützung im Hintergrund brauchbar, und das auch nur, nachdem der Mann ihnen Mut zugesprochen hat. Muss doch gar nicht sein.

Schlüsselszene für mich: Colin Forth versucht dem jungen Zögling anhand bekannter Filme (Nikita) klar zu machen, in welcher Situation er sich befindet. Junger Zögling kennt keinen einzigen davon. Passiert mir in der Schule ständig. (Ausgerechnet My Fair Lady, das kannte er. Meine Oberstufenschüler nicht, kam erst vor zwei Wochen darauf zu sprechen.)

Lautes lang anhaltendes Gelächter von Frau Rau und mir und, möglicherweise, sonst niemandem im Kino: Pomp and Circustance. So unerwartet, schlüssig, anarchisch-befriedigend und metaphorisch ergiebig.

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Informatik

Wer ist wichtig in einem Netz?

In der 11. Klasse beschäftigen sich Schüler in Informatik mit Graphen. Keine Funktionsgraphen, wie man sie aus der Mathematik kennt, sondern Graphen, die aus einem Haufen Knoten bestehen, die durch einen Haufen Kanten mehr oder weniger miteinander verbunden sind.

Es geht dabei vor allem darum, Situationen mit Graphen zu modellieren (also: Textaufgaben), und dieses Modell dann mit einem Computer umzusetzen. Nach dem Erzeugen des Graphen sollen die Schüler außerdem einige Methoden programmieren können, die man bei Graphen einsetzen kann.

Hier ist ein Beispielgraph:

graph_zentralitaet

Die Kanten sind der Einfachheit halber ungerichtet, gelten also in beide Richtungen, und ungewichtet, sind also alle gleich “lang”, was auch immer das konkret heißt. Sie könnten bedeuten: “hat Telefonnummer von”, oder “will sitzen neben” oder “lässt Hausaufgaben abschreiben”.

Programmieraufgaben bei Graphen

Im Lehrplan steht eine Methode zur “Traversion” oder zum “Durchlauf” eines Graphen. Dabei muss man jeden Knoten mindestens einmal besuchen. Man kann sich so einen Graphen als Labyrinth vorstellen, jede Kante ist eine Wegstrecke im Labyrinth und jeder Knoten eine Weggabelung oder eine Sackgasse. Nach welchem Algorithmus geht man vor, wenn man wirklich überall im Labyrinth mal gewesen sein möchte, etwa um nach einem Schatz oder Ausgang zu suchen, und ohne einen Knoten zu übersehen?

Am einfachsten ist da wohl ein Algorithmus, der “Tiefensuche” heißt, und deshalb programmiert man meist den. Ein anderer, der Dijkstra-Algorithmus, sagt einem darüber hinaus noch den kürzesten Weg (statt eines x-beliebigen) vom Startknoten zu den anderen Knoten.

Aber es gibt noch schöne andere Aufgaben, die man mit Schülern mit einem Graphen programmieren kann. Die folgenden beschäftigen sich alle damit, wie wichtig ein Knoten im Graphen ist.


1. Welcher Knoten ist am häufigsten mit anderen Knoten verbunden? (Bei gerichteten Graphen: zu welchem Knoten gehen am meisten Kanten hin, von welchem führen am meisten weg?) Damit misst man die Gradzentralität. Im Graph oben hat Linda eine degree centrality von 7. Vielleicht ist sie die beliebteste Schülerin?

2. Andererseits ist der beliebteste Schüler nicht unbedingt der wichtigste. Welcher Knoten ist derjenige, der allen anderen Knoten am nächsten ist? Man könnte sich das so vorstellen: Mit welchem Knoten müsste man beginnen, etwa mit einem Telefonanruf, der von Knoten zu Knoten weitergereicht wird, um am schnellsten alle anderen Knoten erreicht zu haben? Im Graph oben ist Oscar der einzige, der maximal 3 Schritte von jedem anderen Knoten entfernt ist.
Im Durchschnitt ist allerdings Quentin am besten vernetzt: die Summe aller kürzesten Wege von Quentin zu allen anderen Knoten beträgt 38, bei Oscar 47, bei Linda 45, und Urmel ist mit 97 am schlechtesten integriert. Diese Art von Zentralität heißt farness beziehungsweise closeness.
(Damit Schüler das berechnen können, müssen sie erst einmal eine Methode zur Berechnung des kürzesten Wegs haben. Dazu kommt man in der Schule oft nur theoretisch, die praktische Umsetzung in Programmcode kann man vorgeben.)

3. Oder ist der Schüler der wichtigste, der die anderen Knoten zusammenhält, ohne den am Ende der Graph in fast schon unabhängige Teilgraphen zerfällt? Das heißt betweenness centrality und wird gemessen an der Anzahl der kürzesten Wege, die durch diesen Knoten führen. Der Beispielgraph besteht aus 21 Knoten, es gibt also insgesamt 210 (Formel: n*(n-1)/2) verschiedene Knotenkombinationen und ebenso viele kürzeste Wege. Wenn man mal die abzieht, die ohnehin zu einem selber führen, dann gehen 254 dieser anderen Wege über Quentin, 158 über Oscar, 155 über Linda. Wenn ich mich nicht verrechnet habe, das ist kniffliger, als ich zuerst dachte, weil man im Prinzip nicht einen kürzesten, sondern alle kürzesten Pfade braucht (es kann ja gleich kurze geben). Auch hier braucht man wieder den Dijkstra.

4. Wenn Google Webseiten bewertet, die ja mit (gerichteten) Kanten mit anderen Webseiten verbunden sind, nimmt Google wiederum eine andere Möglichkeit, Zentralität zu messen. Die basiert auf etwas, das eigenvector centrality heißt, aber das erfordert einen neuen Unterpunkt.

Nachtrag: He, das Äquivalent zum Google PageRank zu berechnen, ist gar nicht so schwer, siehe Link in den Kommentaren. Auch wenn es bei einem ungerichteten Graphen vielleicht weniger Sinn macht: Linda hat den höchsten Rank, gefolgt von Ihsan, dann mit etwas Abstand Oscar.

Eigenvector Centrality, und Google

Nehmen wir mal diesen gerichteten Graphen hier:

graphen_beispiel

NikelsenH, Creative-Commons-Lizenz Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert

Die höchste Betweenness hat 3, die geringste Farness ebenfalls, die meisten hinführenden Kanten hat 7. Wenn man sich jetzt vorstellt, die Knoten stellen Webseiten dar und die Kanten Links auf andere Webseiten, dann versucht Google herauszufinden, welcher Knoten wohl der wichtigste ist. Betweenness und Farness und Gradzentralität sagen da aber nicht viel aus. Zum Bewerten von Seiten nutzt Google noch weitere Kriterien, aber die Häufigkeit der Verlinkung, und die Qualität der verlinkenden Seiten, spielen eine zentrale Rolle. Und diese Art von Zentralität heißt eigenvector centrality.

Kurze Frage: Bei dem Beispielgraph mit den nummerierten Knoten: Welche davon hält Google für am wichtigsten, welche für weniger bedeutsam?
Antwort: Wikipedia, wo ich den Graphen herhabe, sagt: wichtig sind 7 und 8, am unwichtigsten 1 und 6.

Wie rechnet man das aus? Uh, mh, siehe Google. Irgendwann mache ich das nochmal, aber vorerst muss ich passen. Irgendwas mit Eigenvektor, Eigenwert, Matrizen und Vektoren. Geheime MMächte der Mathematik. Andererseits… umschrieben wird diese Eigenvektor-Zentralität oft als “Wahrscheinlichkeit, mit der man bei einem zufälligen Spaziergang im Graphen auf diesen Knoten stößt”. Wenn ich schon den Eigenvektor nicht programmieren kann: tausend Spaziergänge der Länge n in einem gegeben Graphen und zählen, wie oft ich bei einem Knoten vorbeikomme, das kann ich noch. Also tausendmal einen zufälligen Startknoten ausgewählt, tausendmal bis zu n Schritte spaziert – und es kommt tatsächlich heraus, dass ich bei 7 und 8 am häufigsten und bei 1 und 6 am seltensten war!

(Pro Spaziergang bin ich maximal einmal bei 5 oder 6, denn von da aus komme ich nicht mehr anderswohin, und zwischen und 7 und 8, wenn ich erst mal dahin gekommen bin, pendle ich dann ziemlich oft hin und her, weil ich ja sonst nirgendwo hin spazieren kann.)

Google selber muss den page rank einer Seite natürlich anhand des Graphen ausrechnen, die können nicht so experimentell herangehen wie ich. Die machen das mit Mathematik.

Die Google-Matrix

Einen Graphen kann man nicht nur als Zeichnung darstellen, sondern auch in einer Form namens Adjazenzmatrix. (Englisch: adjacent, nebeneinanderliegend.) Die sieht für den allerersten Graphen oben so aus, aus Platzgründen nur der Anfang:

    Arl Ben Car Dor Eli Fel Gue Hus Ihs Jak Kar Lin Mic 
Arl  0                               1          
Ben      0   1
Car      1   0
Dor              0                   1
Eli                  0       1
Fel                      0
Gue                  1       0                   1
Hus                              0               1
Ihs  1           1                   0   1  
Jak                                  1   0
Kar                                          0   1   1
Lin                          1   1           1   0   1
Mic                                          1   1   0

Eine 1 bedeutet, dass eine Kante von dem einen Knoten zum anderen existiert. Weil der Graph oben ungerichtet ist, ist die Adjazenmatrix symmetrisch zur Diagonalen, da wo die ganzen Nuller sind.
Google benutzt genau so Adjazenzmatrix, oder doch so eine ähnliche, um den page rank von Seiten zu bestimmen. Die ist natürlich Millionen von Zeilen breit und hoch. Und grün auf schwarz, wie sich das gehört.

600px-Googlematrixwikipedia2009

Google matrix of Wikipedia (2009), taken from L.Ermann, A.D.Chepelianksii, D.L.Shepelyansky, “Towards two-dimensional search engines’, arXiv:1106.6215; http://arxiv.org/abs/1106.6215 (GNU Free Documentation License)

Links:

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Fundstücke

Terry Pratchett

Möglicherweise mein erstes Terry-Pratchett-Buch war Good Omens, ein paar Jahre, bevor ich Terry Pratchett oder Neil Gaiman als Namen kannte. Dann brachte mich ein Studienfreund auf die Scheibenwelt-Romane. Ich las die ersten drei, vier davon in den frühen 1990er Jahren. Nett, fand ich, sogar lustig. Die Bücher hatte ich ausgeliehen; selber brauchte ich keine Ausgabe davon. Ich fand mich ein bisschen unter meinem Niveau unterhalten. Auch wenn pro Buch mindestens ein genialer Witz dabei war.

Dann habe ich vielleicht fünf oder acht Jahre gebraucht, um wieder zurück zu Pratchett zu kommen. Immer noch fand ich ihn unterhaltsam, vergnüglich, aber ein bisschen zu eingängig, leichtlesig für mich. Die Bitterheit, die die Leichtfüßigkeit Vonneguts ausgleicht, die fehlte mir bei Pratchett.
Einigen Ausgaben warben mit einem Rezensentenzitat (David Pringle, White Dwarf):

less coarse than Tom Sharpe, less cynical than Douglas Adams

Aber ich mochte doch gerade den, uh, ist Zynismus das treffende Wort bei Adams? Ich mochte gerade die coarseness von Tom Sharpe, der absurde Grotesken schrieb, am bekanntesten und harmlosesten Wilt ((dt. Puppenmord), mit der wunderbaren Widmung “Für Fleisch I”. (Sharpe war Berufsschullehrer.)

Trotzdem kam ich immer wieder zurück zu Terry Pratchett. Die Serie wurde aber auch immer besser. Zugegeben: Ich glaube, Pratchett hat mein Weltbild nie in Frage, auf die Probe gestellt. Aber vielleicht hat er es, ohne dass ich das mitgekriegt habe, geformt? Pratchett war Humanist, und das zog sich immer mehr durch seine Bücher. Der Mensch steht bei im Mittelpunkt, das Diesseits; Toleranz und Menschlichkeit. Demokratie, Atheismus, Menschenrechte. Golems bekamen Rechte, Vampire wurden integriert, Zwerge und Trolle lernten miteinander auszukommen, Frauen . Pratchett hatte ein Weltbild, und er schrieb, um die Welt diesem Bild anzupassen.

In den letzten zehn, fünfzehn Jahren habe ich mich regelmäßig auf den neuen Pratchett gefreut, und das Lesen hat stets Spaß gemacht. Über ihn als Menschen habe ich immer wieder mal etwas gehört, auch nur Gutes.

Ich könnte mal wieder die Stadtwachen-Romane der Reihe nach lesen. Oder einfach nur mal wieder von vorne anfangen.

Danke für die Bücher.

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