Karl May, Am Stillen Ocean

Überraschendes Fundstück:

Es ist unberechenbar, welche Störungen und Umwälzung die Einführung eines neuen Thieres in der ursprünglichen Thierwelt eines Ortes hervorbringen kann. So hat z.B. in Neu-Seeland der flügellose Kiwi der Uebersiedelung des europäischen Hundes nicht widerstehen können, und ebenso droht die dort eingeführte Katze dem Kakapo, einem dortigen Kukuk, der auf niederen Zweigen zu nisten pflegt, mit dem vollständigen Untergange. Nicht allein die wilden Völkerstämme sind es, die bei der Ankunft des weißen Mannes ihr Todesurtheil empfangen, auch die Hausthiere, welche ihn begleiten, bringen den freien thierischen Bewohnern der Wildniß Verderben und Vernichtung.
(“Der Kiang-lu” 1880, später aufgenommen in Am Stillen Ocean)

Der Kakapo, ich glaub’s nicht! Der Kakapo ist kein Kuckuck, sondern ein flugunfähiger Papagei; der einzig flugunfähige Papagei, den es gibt. Auf Neuseeland, ja. Den Kakapo wählten schon Douglas Adams und Mark Carwardine als eine der bedrohten Tierarten, die sie in Die letzten ihrer Art (Last Chance to See) vorstellten, und daher kennen und lieben wir ihn.

Der Kakapo ist inzwischen tatsächlich vom Aussterben bedroht (Rote Liste, critically endangered), im März 2014 gab es noch 126 Exemplare. Der Grund für das Aussterben ist der, den May schildert – zu den von May genannten Katzen (und wohl auch Ratten) kamen nach 1880 noch dort ausgesetzte Hermeline, Frettchen und Wiesel hinzu, die die überhand nehmende Zahl der Kaninchen reduzieren sollten. Rettungsversuche für den Kakapo begannen schon 1891.

Hier trägt Adams aus dem Buch vor:

Unbedingt empfehlenswert, das ganze Buch. Das Fortpflanzungsverhalten des Kakapo ist tatsächlich bizarr, Wikipedia hat eine Menge Information dazu. Unter anderem kann man dort den männlichen Balzruf hören oder (als .ogg) herunterladen. Mit meinen alten müden Ohren höre ich den originalen Balzruf dort tatsächlich nicht – die Frequenz liegt unter meiner Hörschwelle, der Ton ist zu tief. Auf Wikipedia gibt es eine um eine Quinte herauftransponierte Fassung, da höre ich den Ruf tatsächlich. Schöner ist es natürlich, sich die Originaldatei in eine Audiobearbeitungssoftware zu laden, dort zu sehen, dass da etwas ist, das man nicht hört, und dann selber die Frequenz zu erhöhen, bis man die Töne hört.

kakapo

Am Stillen Ocean ist kein Roman, sondern eine Sammlung von fünf Einzelerzählungen, die teilweise weiter in einzelne Episoden aufgeteilt sind. Der Held ist wieder mal Kara Ben Nemsi/Old Shatterhand, hier durchweg “Charley” genannt, aber die Geschichten spielen weder in Nordamerika noch in Nordafrika oder Arabien oder auf dem Balkan, sondern in der Südsee und China, und sind lose miteinander verknüpft. In der ersten Geschichte geht es um einen Machtkampf in der Südsee, in der zweiten, längeren und interessantesten, um Flusspiraten in China. Die dritte Geschichte beginnt in einem Bahnhof in einem “berühmten Centralpunkt des westfälischen Kohlen- und Eisenwerkbetriebes”, wo der Erzähler das auserkorene Opfer einer Bande von Trickbetrügern wird. Sie wollen ihn bei einer Runde Three-Card-Monte ausnehmen, aber das klappt natürlich nicht. (Später verschlägt es die Geschichte noch nach Moskau und in die Mongolei, wo er jeweils wieder auf die Trickbetrüger stößt.) In der vierten und fünften Geschichte geht es um Piraten auf Ceylon (heute: Sri Lanka) und Java.

Über Land und Leute habe ich in diesen Geschichten sehr viel gelernt. Kunststück, stellt sich heraus, denn Karl May wollte seinen Lesern genau das beibringen. In seiner Autobiographie Mein Leben und Streben schreibt May durchaus kritisch – aber ehrlich gesagt: eher noch begeistert – über die Räuberromane seiner Kindheit und vergleicht sie mit den braven didaktischen Büchern:

Und was geschah in den sonst ganz guten und brauchbaren Büchern des Herrn Rektors? Da waren große, weite und ferne Länder beschrieben, aber es ereignete sich nichts dabei. Da wurden fremde Menschen und Völker geschildert; aber sie bewegten sich nicht, sie taten nichts. Das war alles nur Geographie, nur Geographie, weiter nichts; jede Handlung fehlte. Und nur Ethnographie, nur Ethnographie; aber die Puppen standen still. Es war kein Gott, kein Mensch und auch kein Teufel da, das Kreuz mit den Fäden in die Hand zu nehmen und die toten Figuren zu beleben! Und es gibt doch Einen, der diese Belebung ganz unbedingt verlangt, nämlich der Leser. Und auf den kommt doch alles an, weil er allein es ist, für den die Bücher geschrieben werden. Die Seele des Lesers wendet sich von jeder Bewegungslosigkeit ab, denn diese bedeutet für sie den Tod. Welch ein Reichtum des Lebens dagegen in dieser Leihbibliothek! Und welch ein Eingehen auf die Eigenheiten und Bedürfnisse dessen, der so ein Buch in die Hände nimmt! Kaum fühlt er während des Lesens einen Wunsch, so wird dieser auch schon erfüllt. [...] Mag Goethe noch so viel über die Herrlichkeit und Unumstößlichkeit der göttlichen und der menschlichen Gesetze dichten und schreiben, so hat er doch unrecht! Recht hat nur sein Schwager Vulpius, denn der hat den Rinaldo Rinaldini geschrieben!

Ganz klar, May spricht sich für die Unterhaltung aus, nähert sich aber auch sehr der Trivialliteratur, wenn er lobend erwähnt, dass die Wünsche des Lesers jeweils sofort erfüllt werden. Der ganze, lesenswerte Abschnitt steht noch einmal am Ende dises Blogeintrags.

Demnach enthält das Buch auch einige der ausführlichen Landschaftsbeschreibungen, die man als junger Mensch immer übersprungen hat. Anders war das übrigens bei dem Band, den ich eine Woche zuvor gelesen hatte: Im Lande des Mahdi I: Menschenjäger enthält kaum solche störenden Landschaftsszenen. Dafür besteht es aus zu vielen Variationen von: Feinde Verfolgen, Gefangennehmen und -genommenwerden, Anschleichen und Belauschen, Befreien von Gefangenen. Auf die Dauer merkt man da schon eine gewisse Wiederholung. Da ist Am Stillen Ocean sehr viel abwechslungsreicher – andererseits enthält das dafür nervende Sidekicks, etwa der sehr flach gezeichnete Sir John Raffley (mit genau drei Merkmalen: spleeniger Engländer, wettet gern, hat eine Klappstuhl-Fernrohr-Regenschirm-Kombination) und in der letzten Geschichte den mehr als üblich rassistisch gezeichneten Quimbo.

Sprachliches

Am Stillen Ozean ist ein Fundort für das seltene Dschungel-Femininum, wie es sich – neben der Pluralform – auch bei alten Kipling-Übersetzunge findet. Oft ist hier vom Dschungel im Plural die Rede, da verwundert der Artikel “die” nicht: “Da in die dichten Dschungeln nur sehr schwer einzudringen ist” (GR11, S. 534). Manchmal ist dabei unklar, ob es sich um Singular oder Plural handelt: “Wir liefen durch die Dschungel nach der Küste zurück” (GR11, S. 568) – ein Akkusativ-Singular oder ein Plural, diesmal ohne “n”?
Aber ein echtes Femininum ist auch einmal dabei: “dann kam die Dschungel, eine undurchdringliche Verwickelung von üppigen Rankengewächsen, Schlingpflanzen und Sträuchern” (GR11, S. 426). Allerdings gibt es auch einmal ein eindeutiges Maskulinum/Neutrum: “nicht weit von uns im Dschungel verborgen” (GR11, S. 435). Zitate in diesem Fall jeweils nach der digitalen Ausgabe, also nicht überprüft.

Und dann ist da noch Karl Mays Verwendung von “jedenfalls”. Heute wird das Wort verwendet, um an Vorangegangenes anzuknüpfen, entweder rein bestätigend oder konzessiv-abwehrend. (Ich habe jedenfalls nichts davon gewusst!) Auch das Deutsche Wörterbuch (Grimmsches Wörterbuch) nennt diese Bedeutung: “nach einem zugebenden, voraussetzenden, behauptenden vordersatze: mochte er auch in not sein, jedenfalls durfte er einen solchen schritt nicht thun”. Allerdings kennt es auch eine Bedeutung, die es heute nicht mehr gibt: “es steht im sinne einer nachdrücklichen bejahung: ‘kommst du?’ jedenfalls”. Und dieses an nichts vorher Gesagtes anknüpfende “jedenfalls”, das hat May recht oft. In folgenden Sätzen steht das Wort synonym für “gewiss, sicherlich, zweifellos”.

Er ruderte sich an der Küste hin, jedenfalls um sein Lotsenboot zu holen, und wir hielten auf unsere Jacht zu.

Als wir das Zwischendeck passierten, wo die Räuber angebunden waren, stieß der Kapitän einen leichten Fluch aus, jedenfalls vor Grimm darüber, daß wir Quimbo gefunden hatten

Ich war gezwungen, das Schleichen aufzugeben, und sprang, obgleich ich in der Eile das Gespenst nicht sah, auf die Hinterluke zu. Wenn ich diese, aus der er jedenfalls gekommen war, besetzte, konnte er uns nicht entgehen.

Die Gefangenen wurden im Vorderraume untergebracht und scharf bewacht, dann ging es an eine Untersuchung des Raumes. Er enthielt eine reichliche und jedenfalls zusammengeraubte Ladung von Zimmet, Reis, Tabak, Kaffee, Ebenholz und – geraubten Frauen.

Das erinnert mich an einen Schüler in einem meiner aktuellen Kurse, der “schon” ähnlich als Allerweltsbestätigung verwendet: “Können Sie die Frage beantworten?” “Schon.”

Anhang: Aus Karl Mays Bibliographie Mein Leben und Streben

Hintergrund: Es geht um einen Nebenjob des jugendlichen Karl May in einer Wirtschaft, wo er unter anderem zum Kegelaufstellen beschäftigt ist. Dort entdeckt er Abenteuerromanzen:

Und doch gab es in dieser Schankwirtschaft ein noch viel schlimmeres Gift als Bier und Branntwein und ähnliche böse Sachen, nämlich eine Leihbibliothek, und zwar was für eine! Niemals habe ich eine so schmutzige, innerlich und äußerlich geradezu ruppige, äußerst gefährliche Büchersammlung, wie diese war, nochmals gesehen! Sie rentierte sich außerordentlich, denn sie war die einzige, die es in den beiden Städtchen gab. Hinzugekauft wurde nichts. Die einzige Veränderung, die sie erlitt, war die, daß die Einbände immer schmutziger und die Blätter immer schmieriger und abgegriffener wurden. Der Inhalt aber wurde von den Lesern immer wieder von neuem verschlungen, und ich muß der Wahrheit die Ehre geben und zu meiner Schande gestehen, daß auch ich, nachdem ich einmal gekostet hatte, dem Teufel, der in diesen Bänden steckte, gänzlich verfiel. Was für ein Teufel das war, mögen einige Titel zeigen: Rinaldo Rinaldini, der Räuberhauptmann, von Vulpius, Goethes Schwager. Sallo Sallini, der edle Räuberhauptmann, Himlo Himlini, der wohltätige Räuberhauptmann. Die Räuberhöhle auf dem Monte Viso. Bellini, der bewundernswürdige Bandit. Die schöne Räuberbraut oder das Opfer des ungerechten Richters. Der Hungerturm oder die Grausamkeit der Gesetze. Bruno von Löweneck, der Pfaffenvertilger. Hans von Hunsrück oder der Raubritter als Beschützer der Armen. Emilia, die eingemauerte Nonne. Botho von Tollenfels, der Retter der Unschuldigen. Die Braut am Hochgericht. Der König als Mörder. Die Sünden des Erzbischofs u. s. w. u. s. w.

Wenn ich zum Kegelaufsetzen kam und noch keine Spieler da waren, gab mir der Wirt eines dieser Bücher, einstweilen darin zu lesen. Später sagte er mir, ich könne sie alle lesen, ohne dafür bezahlen zu müssen. Und ich las sie; ich verschlang sie; ich las sie drei- und viermal durch! Ich nahm sie mit nach Haus. Ich saß ganze Nächte lang, glühenden Auges über sie gebeugt. Vater hatte nichts dagegen. Niemand warnte mich, auch die nicht, die gar wohl verpflichtet gewesen wären, mich zu warnen. Sie wußten gar wohl, was ich las; ich machte kein Hehl daraus. Und welche Wirkung das hatte! Ich ahnte nicht, was dabei in mir geschah. Was da alles in mir zusammenbrach. Daß die wenigen Stützen, die ich, der seelisch in der Luft schwebende Knabe, noch hatte, nun auch noch fielen, eine einzige ausgenommen, nämlich mein Glaube an Gott und mein Vertrauen zu ihm.

Die Lektüre tut seiner Seele gar nicht gut, bildet allenfalls seinen Geist ein wenig. Die heldenhaften Räuber machen Mays moralischen Kompass kaputt:

Die Psychologie ist gegenwärtig in einer Umwandlung begriffen. Man beginnt immer mehr, zwischen Geist und Seele zu unterscheiden. Man versucht, sie beide auseinander zu halten, sie scharf zu definieren, ihre Unterschiede nachzuweisen. Man behauptet, daß der Mensch nicht Einzelwesen sondern Drama sei. Soll ich mich dem anschließen, so darf ich das, was auf meinen kleinen, erst im Entstehen begriffenen Geist und das, was auf meine kindliche Seele wirkte, nicht mit einander verwechseln. Die ganze Vielleserei, zu der ich bisher gezwungen gewesen war, hatte meiner Seele nichts, gar nichts gebracht; nur das winzige Geisterlein hatte die Wirkung davon gehabt, aber was für eine Wirkung! Es war zu einem kleinen, monströs dicken, wasserköpfigen Ungeheuer aufgestopft und aufgenudelt worden. Der sehr gut, ja vielleicht außergewöhnlich veranlagte Knabe hatte sich zu einer unartikulierten geistigen Mißgestalt verwandelt, die nichts Wirkliches besaß als nur ihre Hilflosigkeit. Und seelisch war ich ohne Heimat, ohne Jugend, hing nach oben nur an dem erwähnten starken, unzerreißbaren Tau und wurde nach unten nur dadurch an der Erde festgehalten, daß ich für König und Vaterland, Gesetz und Gerechtigkeit diejenige mehr poetische als materielle Hochachtung empfand, die aus den Tagen stammte, an denen die elf Heldenkompagnieen Ernsttals sich gebildet hatten, den schwer bedrängten Monarchen Sachsens und seine Regierung von dem Untergang zu erretten. Nun aber wurde mir auch dieser Halt genommen, und zwar durch die Lektüre dieser schändlichen Leihbibliothek. Alle die Räuberhauptleute, Banditen und Raubritter, von denen ich da las, waren edle Menschen. Was sie jetzt waren, das waren sie durch schlechte Menschen, besonders durch ungerechte Richter und durch die grausame Obrigkeit geworden. Sie besaßen wahre Frömmigkeit, glühende Vaterlandsliebe, eine grenzenlose Wohltätigkeit und warfen sich zum Ritter und Retter aller Armen, aller Bedrückten und Bedrängten auf. Sie zwangen die Leser zur Hochachtung und Bewunderung; alle Gegner dieser herrlichen Männer aber waren zu verachten, also besonders die Obrigkeit, der Schnippchen auf Schnippchen geschlagen wurde. Und vor allen Dingen die Fülle des Lebens, der Tätigkeit, der Bewegung, die in diesen Büchern herrschte! Auf jeder Seite geschah etwas, und zwar etwas Hochinteressantes, irgend eine große, schwere, kühne Tat, die man zu bewundern hatte.

Aber faszinierend ist sie halt schon, die Trivialliteratur:

Was dagegen war in all den Büchern geschehen, die ich bisher gelesen hatte? Was geschah in den Traktätchen des Pfarrers? In seinen langweiligen, nichtssagenden Jugendschriften? Und was geschah in den sonst ganz guten und brauchbaren Büchern des Herrn Rektors? Da waren große, weite und ferne Länder beschrieben, aber es ereignete sich nichts dabei. Da wurden fremde Menschen und Völker geschildert; aber sie bewegten sich nicht, sie taten nichts. Das war alles nur Geographie nur Geographie, weiter nichts; jede Handlung fehlte. Und nur Ethnographie, nur Ethnographie; aber die Puppen standen still. Es war kein Gott, kein Mensch und auch kein Teufel da, das Kreuz mit den Fäden in die Hand zu nehmen und die toten Figuren zu beleben! Und es gibt doch Einen, der diese Belebung ganz unbedingt verlangt, nämlich der Leser. Und auf den kommt doch alles an, weil er allein es ist, für den die Bücher geschrieben werden. Die Seele des Lesers wendet sich von jeder Bewegungslosigkeit ab, denn diese bedeutet für sie den Tod. Welch ein Reichtum des Lebens dagegen in dieser Leihbibliothek! Und welch ein Eingehen auf die Eigenheiten und Bedürfnisse dessen, der so ein Buch in die Hände nimmt! Kaum fühlt er während des Lesens einen Wunsch, so wird dieser auch schon erfüllt. Und welche bewundernswerte, unwandelbare Gerechtigkeit gibt es da. Jeder gute, ehrenhafte Mensch, mag er zehnmal Räuberhauptmann sein, wird unbedingt belohnt. Und jeder böse Mensch, jeder Sünder, mag er zehnmal König, Feldherr, Bischof oder Staatsanwalt sein, wird unbedingt bestraft. Das ist wirkliche Gerechtigkeit; das ist göttliche Gerechtigkeit! Mag Goethe noch so viel über die Herrlichkeit und Unumstößlichkeit der göttlichen und der menschlichen Gesetze dichten und schreiben, so hat er doch unrecht! Recht hat nur sein Schwager Vulpius, denn der hat den Rinaldo Rinaldini geschrieben!

Das Schlimmste an dieser Lektüre war, daß sie in meine spätere Knabenzeit fiel, wo alles, was sich in meiner Seele festsetzte, für immer festgehalten wurde. Hierzu kam die mir angeborene Naivität, die ich selbst heute noch in hohem Grade besitze. Ich glaubte an das, was ich da las, und Vater, Mutter und Geschwister glaubten es mit. Nur Großmutter schüttelte den Kopf, und zwar je länger, desto mehr; sie wurde aber von uns andern überstimmt. Es war uns in unserer Armut ein Hochgenuß, von »edeln« Menschen zu lesen, die immerfort Reichtümer verschenkten. Daß sie diese Reichtümer vorher andern abgestohlen und abgeraubt hatten, das war ihre Sache; uns irritierte das nicht! Wenn wir lasen, wieviel bedürftige Menschen durch so einen Räuberhauptmann unterstützt und gerettet worden seien, so freuten wir uns darüber und bildeten uns ein, wie schön es wäre, wenn so ein Himlo Himlini plötzlich hier bei uns zur Tür hereinträte, zehntausend blanke Taler auf den Tisch zählte und dabei sagte; »Das ist für euren Knaben; er mag studieren und ein Dichter werden, der Theaterstücke schreibt!« Das letztere war mir nämlich, seit ich den »Faust« gesehen hatte, zum Ideal geworden.

Ich muß bekennen, daß ich diese verderblichen Bücher nicht nur las, sondern auch vorlas, nämlich zunächst meinen Eltern und Geschwistern und sodann auch in andern Familien, die ganz versessen darauf waren. Es ist gar nicht zu sagen, welchen unendlichen Schaden eine einzige solche Scharteke herbeiführen kann. Alles Positive geht verloren, und schließlich bleibt nur die traurige Negation zurück. Die Rechtsbegriffe und Rechtsanschauungen verändern sich; die Lüge wird zur Wahrheit, die Wahrheit zur Lüge. Das Gewissen stirbt. Die Unterscheidung zwischen gut und bös wird immer unzuverlässiger! das führt schließlich zur Bewunderung der verbotenen Tat, die scheinbar Hilfe bringt. Damit ist man aber nicht etwa schon ganz unten im Abgrunde angelangt, sondern es geht noch tiefer, immer tiefer, bis zum äußersten Verbrechertum.

Schlimm, schlimm. Selten ist Trivialliteratur so ineffektiv verdammt worden.

(Zum ganzen Buch.)

Kleinigkeiten aus der Schulwoche

Einer Schülerin, die technische Probleme hatte, als es darum ging, Software für den Informatikunterricht auf dem Rechner zu Hause zu installieren, habe ich einen Informatikunterricht-USB-Stick zusammengestellt. Darauf ist ein Linux (Mint) mit Speicherplatz für Dateien und die vorinstallierte Informatik-Software (also eigentlich BlueJ bisher). Der Rechner zu Haus eist ein Laptop, Booten von USB ist erlaubt – und die Schülerin lernt so gleich mal ein bisschen Linux kennen.

Eine unserer Referndarinnen hat mir erzählt, dass ihr im Seminar mein Blog hier zum Lesen empfohlen wurde. Da habe ich mich natürlich sehr gefreut.

Oberstufe: Von 21 Schülern haben nur 2 ihren Übungsaufsatz nicht abgegeben. Wenn ich alle gekriegt hätte, hätte es einen eigenen Blogeintrag dazu gegeben.

Inverted Classroom, zur Erinnerung: Statt dass der Lehrer einen Vortrag über den neuen Stoff hält und die Schüler dann zu Hause üben, den neuen Stoff umzusetzen, zeichnet der Lehrer seinen Vortrag auf Video auf und lässt ihn die Schüler vorab zu Hause ansehen – so dass in der Schule geübt werden kann, den neuen Stoff umzusetzen.
In der Praxis ist ein Problem, dass Lehrer nicht so oft solche Vorträge halten, wie man meint, und ein zweites, dass die Schüler sich den Film zu Hause dann halt doch genauso gründlich ansehen, wie sie sonstige Arbeiten zu Hause erledigen.
Im Informatikunterricht in der Oberstufe praktiziere ich die einfachere Form davon: Zumindest ab und zu sollen sich die Schüler die Seiten mit dem neuen Stoff im Buch vorher durchlesen, als vorbereitende Hausaufgabe. Denn ich denke mir, dass a) die Seiten auch allein zu verstehen sind und b) meine Erklärungen dann leichter zu verstehen sind, wenn ich nichts so gar Neues erzähle. Und so istes auch, ich musste mir schon zweimal ein verwundertes “Aber das wissen wir doch schon” anhören, von Schülern nämlich, die so vorbereitet waren. Dann kann ich die Erklärphasen nämlich kurz halten, so dass die Schüler mehr zu Ausprobieren und Programmieren kommen.

(Jetzt erst mal die Deutschaufsätze korrigieren. Eine Woche Herbstferien.)

Rollenspiel und Unterricht, und Classcraft

Ein Kollege hat mich letzte Woche darauf angesprochen, das wolle er auch mal ausprobieren, das klinge toll: die Süddeutsche Zeitung hatte über World of Classcraft geschrieben, das es jetzt wohl probeweise auch in Deutschland gibt. Die ersten fünf oder zehn Minuten der Stunde gehören dabei, so die SZ, diesem Spiel; jeder Schüler hat einen Avatar und Punkte und die kriegt oder verliert man, je nachdem wie man seine Hausaufgaben macht oder nicht macht, und man kann im Team zusammenarbeiten und so weiter.
Ehrlich gesagt, ich habe den Artikel nicht gründlich gelesen und auch nicht groß “World of Classcraft” recherchiert – es gibt keinen Wikipedia-Eintrag dazu, aber viele andere Fundstellen. Das ganze klingt einfach zu öde und zu fern von mir.

Eigentlich sollte mir die Idee gefallen: Denn erstens bin ich selber ein alter Rollenspieler, und mag Computer, und Computerspiele, und Spiele. (Also kommt mein Desinteresse vielleicht daher, dass ich pikiert bin, weil meine esoterischen Interessen fast schon Mainstream zu werden drohen.) Und zweitens sind mir spätestens im Referendariat die Parallelen zwischen Unterricht und Rollenspiel aufgefallen, und die will ich hier vorstellen.

Kurze Einführung in Rollenspiele: Das ist nicht das, was man aus der Jugendgruppenarbeit oder dem Schulunterricht kennt. Vielmehr sitzen vier, fünf Spieler und ein Spielleiter um einen Tisch und basteln zusammen an einer Geschichte – in einem uralten Blogeintrag habe ich das mal erklärt, hier ein Beispiel vom letzten Jahr, nächste Woche kommt die Fortsetzung.

Im traditionellen Rollenspiel gibt es einen Spielleiter, der zum einen einen großen Wissensvorsprung hat – er kennt die Hintergründe und die Vorgeschichte, er weiß, was sich hinter verschlossenen Türen verbirgt und wo das Monster und die Schätze vergraben sind (schließlich hat er sie dorthin getan). Zum anderen hat der Spielleiter einen Machtvorsprung; er ist Schiedsrichter, er entscheidet, sein Wort gilt – wenn er sagt, dass die Tür verschlossen ist oder das Monster tot umfällt, dann ist das so. Ein guter Spielleiter handelt dabei nicht willkürlich, sondern hält sich an bestimmte, allerdings nur lose vorgegebene Regeln.

Der Spielleiter hat einen bestimmten Plan vom Geschehen, von den Fakten. Das Spiel hat ein Ziel – das Monster erschlagen, den Prinzen retten – und der Spielleiter versucht, die Spieler dazu zu kriegen, dieses Ziel zu erreichen. Allerdings versucht er nur, sie in diese Richtung zu lenken; wenn die Spieler das partout nicht wollen, dann ist das halt so. Die Spieler sollten auf jeden Fall das Gefühl haben, sich frei bewegen zu können und nicht in eine Richtung gedrängt zu werden. “Railroading” heißt das sonst, und ist schlechter Stil. Möglicherweise folgen die Spieler sehr genau der Vorstellung vom Ablauf des Geschehens, das der Spielleiters vorher hat; aber sie sollten es nicht merken. Streit und Unwillen gibt es dann, wenn sich die Spieler willkürlich oder ungerecht behandelt fühlen.
Und natürlich gibt es auch immer dann Probleme, wenn die Spieler keinen roten Faden erkennen, wenn sie nicht wissen, wo es eigentlich hingeht, wenn die Aufgaben, denen sie sich gegenübersehen, zu leicht oder zu schwer sind. Da muss der Spielleiter sehr flexibel sein und von seinem vorbereiteten Skript abweichen.

(Es gibt aber auch Spiele, bei denen der Spielleiter eher ein Problem stellt und keine Lösung im Kopf hat, sondern die Spieler erst mal machen lässt. Und es gibt alternative Spiele, weniger verbreitet, in denen es gar keinen Spielleiter gibt oder der Spielleiter Wissensvorsprung und Entscheidungsmacht an die Spieler abgibt – Primetime Adventures ist so ein System, und Inspectres etwa.)

So ein Rollenspiel läuft hauptsächlich dialogisch ab, im Gespräch der Spieler mit dem Spielleiter und im Gespräch der Spiel er untereinander. Aber es gibt auch Hilfsmittel zur Veranschaulichung – kleine Modelle, Landkarten, kurze Texte, die man lesen und auf deren Basis man weiterarbeiten muss.

Schlechte Spieler spielen, um möglichst viele Punkte zu gewinnen, aber eigentlich geht es um etwas anderes: Gemeinsam zu einem befriedigenden Ziel zu kommen, auf vorhergesehenen ode runvorhergesehenen Wegen.


Kein Wunder, dass mir das Unterrichten im Praktikum und im Referendariat so bekannt vorkam: Das lief ja ähnlich ab wie eine Rollenspielrunde! Und im Großen und Ganzen geht mir das heute noch so, neu sind nur die Arbeitsphasen, in denen Schüler alleine oder in Gruppen, jedenfalls ohne mich, arbeiten. Die gibt es in jeder Stunde, dafür fällt mir kein Rollenspieläquivalent ein.

Warum würde ich also trotz allem World of Classcraft selber nicht benutzen, soweit ich das sagen kann? Warum künstliche Spiele spielen, wenn es doch echte gibt – wie Unterricht eben. Und dann kommt dazu, dass mir das Spiel zu wenig Rollenspiel ist, zu wenig Freiheit lässt. Wenn man mir das vorsetzte, ich würde versuchen, das Spiel auszureizen, gegen den Strich zu spielen, zu schauen, was alles geht – die Freiheit ausnutzen. Das geht bei festen Regeln leichter als beim ja ohnehin offenen Rollenspiel.

Ich denke immer noch gerne an ein Spiel in unserer Runde – Das schwarze Auge, “Der Streuner muss sterben”, ein für uns zugegeben ungewohntes Überland-Abenteurer. Die Spieler mussten in eine andere Stadt reisen und dort einen Prinzen retten, der verkleidet seine zukünftige Braut hatte sehen wollen, aber entdeckt und in den Kerker geworfen worden war. Wir brauchten drei Sitzungen zu jeweils sieben oder acht Stunden, bis wir überhaupt in der Stadt ankamen. Und dort war dann ein Großteil der Spielergruppe tot, der Rest auf der Flucht, die eigentliche Aufgabe völlig vergessen. Die Spieler hatten auf dem Weg eine Kneipe geplündert, durch großes Glück eine Gruppe von Magier in der nächsten Kneipe erledigt, sich anschließend gegenseitig übers Ohr gehauen mit gefälschten magischen Artefakten. Lange Geschichte.

— World of Classcraft: Ich glaube allerdings, dass grundsätzlich mehr ausprobiert werden sollte, auch die Schnapsideen. Natürlich erst mal im Kleinen, nicht so wie bei den Schnapsideen, die regelmäßig über ganze Bundesländer ausgeschüttet werden. Denn von zehn dummen Ideen stellt sich am Ende eine als gar nicht so dumm heraus, und man kann vorher nicht gut sagen, welche das sein wird. Deshalb sollte man lieber mehr ausprobieren, auch wenn die Aussichten auf Erfolg gering sind. (Das aber nicht so wie die offiziellen Schulversuche, wie ich sie aus Bayern kenne. Von denen wird noch jeder im Nachhinein als nachahmenswert präsentiert, und das kann es dann auch wieder nicht sein.)

Kochbücher lesen

Neulich in Berlin, in der Pension, stieß ich auf das:

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Mmmmh. Karl-May-Bände, und zwar die guten, exotischen. Mit Winnetou und Old Shatterhand konnte ich nicht gar so viel anfangen, auch wenn ich etliche der Wildwest-Romane mehrfach gelesen habe und mich dabei durchaus vergnügte. Aber die sechs Bände des Orient-Zyklus, die habe ich oft gelesen: Durch die Wüste, Durchs wilde Kurdistan, Von Bagdad nach Stambul, In den Schluchten des Balkan, Durch das Land der Skipetaren, Der Schut. Kurzer Test: “Hadschi Halef Omar ibn Hadschi Abul Abbas ibn Hadschi Dawud Als Gossarah”… na ja, fast: Wikipedia korrigiert einmal meine Rechtschreibung und ändert ein “ibn” in “ben”, damit kann ich leben: Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah. (So nennt sich der Begleiter der Hauptfigur, auch wenn die vielen Hadschis im Namen eher Angabe waren als Realität. Wer Karl May gelesen hat, kann das auswendig sagen, auch noch fünfunddreißig Jahre nach der letzten Lektüre.)

In der Pension griff ich zu einem der Bände, die ich noch nicht kannte, Im Lande des Mahdi I: Menschenjäger. Und ich war gleich wieder drin. Fast so schön wie der Stimme des Erzählers auf der Hörspiel-Kassette zu lauschen, wie er – Wilhelm Hauff, Das Gespensterschiff – beginnt mit: “Mein Vater hatte einen kleinen Laden in Balsora” und einem so richtig sonoren “o” in “Balsora”. Jedenfalls liegen die drei Bände des Mahdi jetzt digital auf meinem Nachttisch, das möchte ich bald zu Ende lesen.

Aber eigentlich soll es hier um Kochbücher gehen. Erich Kästner hat ja ein umwerfendes erstes Kapitel oder Vorwort zu Emil und die Detektive geschrieben. Eigentlich habe er ja einen Südseeroman schreiben wollen, eine spannende Szene, in der ein “mit heißen Bratäpfeln geladenes Taschenmesser” eine Rolle spielte, als er plötzlich nicht mehr wusste, wieviel Beine ein Walfisch hat. Aus war es es mit dem Schreiben, denn die Fakten müssen ja stimmen. Und so kam es nie zu Petersilie im Urlaub, dem durchaus interessant klingenden Südseeroman. Der Oberkellner Nietenführ erklärt dem Herrn Kästner darauf, dass man besser über das schreibe, was man kenne. Kästner entgegnet darauf, dass ja trotzdem Schiller erfolgreich über die Schweiz geschrieben habe – und, möchte ich als Leser ergänzen, der Karl May über den Orient und Amerika, obwohl er nie da war. Die Antwort des Oberkellners darauf: “Da hat er eben vorher Kochbücher gelesen [...] Wo alles drinstand.”

Und recht hatte er, der Oberkellner, zumindest was die Kochbücher betrifft.

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Spezialitäten der Welt köstlich wie noch nie. Christian Teubner, Annette Wolter. Gräfe und Unzer 1982.

Irgendwann habe ich angefangen, mich fürs Kochen zu interessieren. Erst kamen die Kochbücher, die ich gelesen habe, und dann die Lust, Dinge auszuprobieren, die ich in den Kochbüchern fand. Ein Favorit war Spezialitäten der Welt. Ich kann gar nicht aufzählen, was ich aus diesem Buch alles gelernt habe – nicht unbedingt über das Kochen, denn das Rezept für die Salzburger Nockerln gibt eine zu hohe Temperatur bei zu kurzer Backzeit vor, und das war natürlich eines der ersten Rezepte, die ich ausprobierte. (Peter Alexander, klar.) Nein, ich lernte viel über Geographie. Die Gerichte sind geographisch angeordnet: Südeuropa, Westeuropa, Nordeuropa, Osteuropa (Polen und Sowjetunion), Mitteleuropa (Deutschland, Schweiz, Österrich, Tschechoslowakei, Ungarn), Balkan, Vorderer Orient, Nordafrika, Schwarzafrika, Nordamerika, Mittelamerika, Südamerika, Südasien (Indien, Sri Lanka), Südostasien, Ostasien, Australien/Ozeanien. Die Titel der Gerichte jeweils auf Deutsch und in der Originalsprache.

Spaghetti mit Pesto, lang bevor das hier aufkam. (Wir erinnern uns: Das Buch stammt aus einer Zeit vor dem Döner in Deutschland, der am Anfang ohnehin noch Gyros hieß, vor Sushi, selbst Jahre vor dem Tex-Mex-Boom ab Mitte der 1980er Jahre. Chinesisch, das gab es.) Bei Spanien habe ich von Migas erfahren und von Nierchen. Portugal: Was Stockfisch ist. Die gebratenen Heringe aus England habe ich einige Jahre später in einer winzigen Jugendherberge dann mal vom Herbergsvater zubereitet gekriegt. Dass die in England ihren Pudding mit Rindernierentalg machen, und überhaupt: was ein Pudding ist. Und Cornish Pasties. Und Treacle Tart. Dass man in Dänemark eine ganze Mandel im süßen Reis versenkte. Was Anchovis sind (Schweden). Borschtsch, Blini. Quarkspeise zu Ostern. Was Kwass ist. Oder, wieder westlicher, eine Wähe. Ein Beuscherl (was man so alles essen kann). Baklawa zum Nachtisch, und Imam Bayildi, das ich später wiedererkennen sollte. Ein Bild von Lammfleischspießen mit Joghurtsauce, nach dem ich immer noch Hunger habe. (Pilaw kannte ich ja schon von Karl May.) Süße orientalische Desserts. Gefilte Fisch, Kreplach, Cholent und “Kihen fin Veisseriben” (Pastinakenkuchen). Manches andere kannte ich schon von libanesische Bekannten meiner Eltern. Jambalaya, das Gericht noch vor Hank Williams oder, später, Jerry Lee Lewis. Als 2014 anlässlich der Weltmeisterschaft in Brasilien das Nationalgericht Feijoada vorgestellt wurde, habe ich gleich das Bild von S. 243 herausgesucht. Dann die Satéspießchen, erste selbstgemachte Erdnusssauce. (Nasi Goreng auf der Seite gegenüber kannte man ja eh schon seit irgendwann vor meiner Zeit.) Sashimi, roher Fisch. Komisch, dabei hieß das in Blade Runner doch Sushi… aber da war Blade Runner nicht ganz exakt.

Jetzt höre ich dann mal auf. Für so eine gesunde Allgemeinbildung und Neugier gegenüber anderen Ländern gibt es jedenfalls wirklich Schlechteres als solche Kochbücher zu lesen.

Empfehlenswert: Die Maisfritters von S. 230, die gewürzten Ananas S. 258.

— Gehört nicht ganz zum Thema, aber in die Zeit: “Zuppa Romana” (1984) von Schrott nach 8.

Ach, Familie

Die letzten Tage war ich in Berlin, anlässlich einer Beerdigung, ein Lehrerkollege und Familienmitglied. Ich kannte ihn nur von wenigen Treffen, aber die Witwe viel besser – wir haben in unserer Kindheit viel zusammen unternommen. Überhaupt hatte ich in meiner Kindheit viel Familie um mich herum. Eltern, zwei Brüder, Großeltern, die Geschwister meiner Mutter (vier davon, die den Krieg überlebt haben), jeweils mit Partnern und Kindern und in alle Welt verstreut. Auf der väterlichen Seite nur ein Tante-Onkel-Paar, aber dafür eine unübersichtlichere, aber große Zahl an entfernteren Verwandten.

Und meine Mutter war zumindest für ihren Teil der Familie ein zentraler Anlaufpunk der Familie, auch weil ihr Vater nebenan lebte. Und so gab es sehr oft Besuch von überall her. Gästebetten, Luftmatratzen. Beerdigungen, Hochzeiten. Gegenbesuche, Weihnachtsplätzchen. Das war schon schön, so rückblickend. Als Kind und Jugendlicher war es das nicht, da war das einfach normal.

Meine eigene Generation, ich vorneweg, hält es leider nicht so genau mit den Familientreffen. Selbst mit meinen Brüdern steht ich nicht wirklich in engem Kontakt; alle paar Jahre gibt es kleinere Besuche, so wie jetzt anlässlich der Beerdigung, und wir versprechen uns, dass wir uns öfter sehen wollen, und dann wird doch nichts daraus.

Ich mag Familie. Auch wenn man die sich nicht aussuchen kann, oder vielleicht gerade deswegen. Ich muss mal wieder Kurt Vonnegut lesen, Cat’s Cradle, und davon ausgehend Vonneguts Gedanken zu wampeters und granfalloons, die Vonnegut in diesem Roman als Teil der bokonischen Philosophie entworfen hat. Ein granfalloon ist:

a group of people who imagine they have a connection that does not really exist. An example is “Hoosiers”; Hoosiers are people from Indiana, and Hoosiers have no true spiritual destiny in common, so really share little more than a name.

Ich weiß nicht, ob es in Cat’s Cradle war oder wohl doch eher in einem seiner Essays, in dem Vonnegut sich zu Familien äußert und deren Wichtigkeit, und quasi künstliche Familien vorschlägt: Irgendwie ziemlich willkürlich werden Leute in Gruppen zugeteilt, und wenn man Leute aus der gleichen Gruppe trifft, freut man sich, und hilft einander, und ist nicht allen. Wie in Familien, die sucht man sich ja auch nicht aus. — Diese Gruppen dürfen natürlich kein granfalloon sein, das sich ja aufgrund eines falschen karass als Gruppe sieht und die nicht wirklich durch ein karass verbunden sind. Oder doch? Wie gesagt, ich habe mir den Vonnegut wieder mal auf den Nachttisch gelegt.

Wie gesagt: Ich mag das, dass man sich Familien nicht aussucht und ohne gefragt worden zu sein Verwandtschaft hat. Mit Warzen und allem. (Fußnote: Das sagte Oliver Cromwell zu einem, der ihn malen sollte.) Das macht einen selber nicht so wichtig, wenn es Dinge gibt, die man sich nicht aussucht.

Allerdings: Ich habe auch keine echten Gruselgeschichten in der Familie; alles normale, liebe Menschen. Ist wohl tatsächlich nicht immer und überall so.

Nachtrag: Das alternative Familienkonzept findet sich in Vonneguts Slapstick, das als eines der schwächeren seiner Werke gilt. Mir hat es damals gefallen; ich werde mal wieder hineinschauen.

Webfilter für die Schule – Bildung, Erziehung, Aufklärung

An den meisten Schulen dürften Filter installiert sein, damit man verhindern kann, dass Schüler bestimmte Webseiten erreichen. Zumindest in Bayern ist eine Filterung nicht vorgeschrieben, aber irgendwie muss auf jeden Fall überwacht werden, dass Schüler nicht auf ungeeignete Seiten kommen, und so ein Filter unterstützt die Lehrkräfte, die das nicht durch Präsenz oder Unterrichtsorganisation können. Ich bin eher gegen Filterung für meine Schulart – zumindest solange Schüler nicht ohne Aufsicht an Rechner dürfen, dann müsste ich noch einmal darüber nachdenken.

Man kann entweder über eine Whitelist filtern, so dass nur bestimmte Seiten erlaubt und alles andere verboten ist, oder über eine Blacklist, so dass man bestimmte Seiten ausschließt. Kein Systembetreuer kann selber sinnvoll eine Blacklist erstellen, dafür gibt es zentrale Sammlungen von zu sperrenden Seiten. Eine solche ist die der Firma TIME for kids, die Filtersoftware für Schulen vertreibt. Die Firma fasst Seiten zu Kategorien zusammen, so dass man ganze Kategorien sperren oder zulassen lassen. Ein Schüler hat mal geschaut, in welcher Kategorie mein Blog ist: immerhin in “Bildung / Erziehung / Aufklärung”. Ein anderes Blog, für das ich ein bisschen den Admin mache, steht unter “Allgemeine Geschäftstätigkeiten”, was so was von gar nicht passt. Die eigene Schulhomepage ist übrigens “Nicht verfügbar oder zu keiner Kategorie passend.”

(Hm. Alle anderen selbst gehosteten Lehrerblogs, die ich getestet habe, gehören zu “Allgemeine Geschäftstätigkeiten”, nur die Sachen bei Blogspot oder WordPress.com kommen in die Blog-Kategorie.)

Unter http://www.cobion.de/support/techsupport/urlcheck/url-report-tfk.asp kann man die Kategorie einer URL überprüfen und Änderungsvorschläge machen. Aber macht mir nicht meine schöne Bildungswertung kaputt!

(Dass ich niemandem verrate, wo mein privater Proxy ist, mit dem ich den Filter umgehen, uh, könnte, ist eh klar.)

Wandertag in der Glyptothek

Mit dem Deutsch-Leistungskurs bin ich regelmäßig in die Glyptothek gegangen, zum Thema Klassik, vielleicht auch zu einem abendlichen Vortrag. (Dann fällt auch nichts aus für die Kollegen.) Seit Jahren war ich nicht mehr dort, aber heute war Wandertag der Q11, ich ging mit dem Kunstkurs mit, und der ging tatsächlich dorthin. Ich durfte meine Sprüchlein zu archaischer, klassischer und hellenistischer Plastik loswerden, aber hauptsächlich ging es darum, dass die Schüler zeichneten. Diesen archaischen Jüngling etwa:

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Und ich musste auch mitzeichnen. Hier mein Ergebnis:

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Bin so mittel zufrieden. Die Schülerergebnisse, das freut mich, waren besser als meins, aber mit den Füßen und dem linken Arm hatten wir allen Probleme. Îch werde jedenfalls nicht den Beruf wechseln.

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So ein archaischer Jüngling heißt Kuros (Plural Kuroi). Der hat ein feines Lächeln im Gesicht, aber keine individuellen Züge, will heißen: die sehen irgendwie alle gleich aus. So ein Kuros steht ganz gerade da, ein Fuß etwas weiter vorn, aber Schultern und Körper ganz gerade.

Die Klassik arbeitet dagegen mit Spielbein und Standbein, da ist ein Knick in Hüfte und Schulter. Die Züge sind aber auch nicht individuell, sondern idealisiert. Ein paar Schüler haben auch so etwas gezeichnet:

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Und danach gibt es die hellenistische Epoche – realistischer, mit Kleidung, mit individuellen Charakterzügen. Das ist die Zeit, von der die deutsche Klassik so schwärmt. In der Glyptothek gibt es den berühmten Barberinischen Faun, ohne Bocksfüße, aber sehr lasziv. Daneben gibt es hier noch die trunkene Alte und einen Knaben mit der Gans.