Bücher

Salman Rushdie, Haroun and the Sea of Stories

rushdie_haroun“Wo kommen eigentlich die Geschichten her?”, will Haroun von seinem Vater wissen, dem gefeierten Geschichtenerzähler Rashid. Das interessiert ihn auch deshalb, weil Rashid plötzlich verstummt ist und nichts mehr erzählen kann. (Gleichzeitig hat seine Frau, Harouns Mutter, die Familie verlassen.) Selbst sein Abonnement aus der Sea of Stories will Rashid kündigen, der Quelle aller Geschichten.

Denn da kommen alle Geschichten der Welt her; sie vermischen sich, verändern sich. Allerdings ist dieser Ozean in Gefahr: Der finstere Khattam-Shud hat das Schweigen zu einem Kult erhoben und bedroht die anderen Bewohner von Kahani mit seiner Armee des fanatischen Schweigens. Kahani: Das ist das Traumreich, oder der zweite Mond der Erde, auf den es Haroun verschlägt, als er versucht, seinen Vater wieder zum Erzählen zu bringen.

Die Gestalten aus Kahani erinnern ein bisschen an ein modernisiertes Wunderland: das Walross, ein sprechender Wiedehopf (eine Maschine), ein Wasser-Dschinni, und während die Königin bei Alice eien Spielkartenarmee hat, sind die Soldaten dort als pages gekleidet, angeführt von einem General Kitab.

Kennengelernt habe ich das Buch in einer Audioaufnahme von Rushdie selbst gesprochen, und obwohl ich mit den wenigstens Hörbüchern warm werde, ist diese Fassung ein echter Gewinn. Die verschiedenen Akzente, die Rushdie verwendet, sind im Buch gar nicht angegeben, und die vielen Wortspiele im Buch fallen besonders auf, wenn sie geschickt vorgetragen werde. Außerdem weiß ich so wenigstens, wie man die vielen fremden Wörter in der Geschichte ausspricht.

In den Online-Rezensionen, die ich gelesen habe, wird dem Buch gelegentlich vorgeworfen, es sei zu offensichtlich didaktisch. Möcht schon sein. Ich habe es mal in der Schule gelesen, Oberstufe Englisch (und vielleicht auch mal Mittelstufe Deutsch? ist schon lange her), und von selber kam nie ein Schüler auf die Idee, dass die offensichtliche Märchengeschichte eine verborgene Ebene hat. Rushdie hat das Buch gleich nach den Satanischen Versen geschrieben. Als Englischlektüre ist Haroun immer noch zu empfehlen.

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Informatik

Recht auf Verschlüsselung

Jetzt auch unser Innenminister: deutsche Sicherheitsbehörderung müssen – so sein Wunsch – verschlüsselte Kommunikation lesen dürfen. Ähnliche Forderungen hat der englische Premierminister Cameron vor ihm gestellt, und auch der amerikanische Präsident Obama. Dienste wie WhatsApp sollen keine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung anbieten dürfen, ohne dass die Regierung (will heißen: alle Regierungen) eine Hintertür dazu kriegen.

In der letzten Regierung sah das noch anders aus. Da meinte der damalige Innenminister Friedrichs: “Wir werden dafür sorgen, dass noch mehr Menschen in Deutschland ihre eigene Kommunikation noch sicherer machen”, und der innenpolitische Sprecher der Unions-Fraktion, Hans-Peter Uhl, sagte: “Wer seine Daten sichern will, wird sie wohl verschlüsseln müssen und kann nicht mehr auf seinen Nationalstaat hoffen.”

De Maizières Vorschlag gefällt mir nicht. Im Moment ist es so, dass alle guten Verschlüsselungsverfahren im Prinzip öffentlich sind. Da ist nichts, was prinzipiell geheim zu halten ist. Nur wenn das Verfahren zur Verschlüsselung öffentlich ist, können Mathematiker und Kryptographen das Verfahren daraufhin überprüfen, ob es sicher ist. Wenn es aber öffentlich ist, kann sich jeder selbst so ein Verschlüsselungsverfahren programmieren. Die größeren Programmiersprachen bieten das ohnehin schon an. Also kann ich verschlüsseln, was ich will. Zugegeben, wenn ich einen unsicheren Dienst wie WhatsApp nutzen möchte, muss ich meine Nachricht vorher verschlüsseln, und dann auf dem unsicheren Weg transportieren lassen. Das ist ein wenig aufwendiger.

Also muss ich verbieten, selbst so ein Programm zu schreiben. Das geht aus vielerlei Gründen nicht. Bleibt also nur, dass ich gerichtlich erzwingen kann, dass ich als Selbstverschlüsseler mein Passwort herausrücken muss, wenn ein Gericht das beschließt. So ist das im Moment in England; in Deutschland noch nicht. Da habe ich noch das Recht auf ein Geheimnis. Das möchte ich auch behalten.

Weitere Gründe, warum das eine dumme Idee ist, stehen zum Beispiel beim Guardian.

(Dass ich mich verdächtig mache, wenn ich Verschlüsselung benutze, steht auf einem anderen Blatt. Und auch dass es schwerer ist, den Akt der Kommunikation zu verbergen als deren Inhalt. Hier übrigens mein öffentlicher Schlüssel PGP-Key. )

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Fundstücke

Fortbildung zur erweiterten Schulleitung

Letzte Woche war ich auf einer Fortbildung des Hauptpersonalrats zur erweiterten Schulleitung. Über die Fortbildung darf ich nichts erzählen, eigentlich nicht mal, dass ich überhaupt dort war, denn über alles, was ich im Rahmen meiner dienstlichen Tätigkeit erfahre, muss ich Stillschweigen bewahren. Ich darf nicht mal sagen, dass der Veranstaltungsort gut geeignet war (nur wenige Fußminuten vom Nürnberger Bahnhof entfernt) und die Verpflegung auch sehr gut war (im Haus; dazwischen Kaffee und Kuchenstücke).

Also beschränke ich mich in diesem Blogeintrag auf Informationen aus öffentlich zugänglichen Quellen.

Zum Hauptpersonalrat: Die Beschäftigten des Ministeriums für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst (und Sport? war Sport nicht auch dabei?) werden durch den Hauptpersonalrat vertreten. Dabei gibt es sieben Gruppen, die wohl nicht viel miteinander zu tun haben: Arbeitnehmer (ohne Lehrer), Beamte (ohne Lehrer), Lehrer am Gymnasium, der Realschule, der beruflichen Schule, der Volksschule, und an Förderschulen und Schulen für Kranke. Die Beschäftigten an den Universitäten etwa gehören zum Großteil in die erste Gruppe.

In der Gymnasialgruppe im HPR sitzen 3 Lehrer, und wenn wir am Gymnasium vom HPR sprechen, meinen wir meist diese Gruppe. Eine eigene Webseite hat der HPR nicht, das dürfte von allen Verantwortlichen auch so gewollt sein. Stattdessen gibt es auf den Webseiten der einzelnen Verbände Informationen zum HPR, für die Gymnasiallehrer auf den Seiten des Bayerischen Philologenverbands (dem auch alle aktuellen HPR-Mitglieder angehören), für die Realschullehrer beim Bayerischen Realschullehrerverband. Manche der unter HPR gelisteten Einträge sind allerdings nur für Verbandsmitglieder zugänglich; hier wäre mir etwas mehr Trennung lieber.

Auslöser für diese Sache mit der eigenverantwortlichen Schule war der Koalitionsvertrag zwischen CSU und FDP (2008-2013). Dort steht unter anderem:

Wir werden in den nächsten zwei Jahren die Eigenverantwortung der Schulen stärken. Es ist die Aufgabe der Schulgemeinschaft, pädagogische Konzepte vor Ort selbständig zu entwickeln und umzusetzen. Ziel ist die eigenverantwortliche Schule in Bayern. Dazu werden die schulrechtlichen Bestimmungen geändert.

(Dort steht allerdings noch viel mehr, das nicht umgesetzt wurde. Warum also ausgerechnet das? Misstrauische Lehrer denken da erst mal an die Möglichkeit von Sparmaßnahmen.)

Jedenfalls hat das dann zu einer Gesetzesänderung im BayEUG geführt. Dort stehen seit 2013 jetzt zwei neue Sachen:

Art. 57 (2) Satz 3:
Die Schulleiterin oder der Schulleiter kann Lehrkräften Weisungsberechtigung für ihnen übertragene Fachaufgaben erteilen, soweit Rechts- und Verwaltungsvorschriften dies vorsehen.

Für das Gymnasium heißt das, dass es jetzt neben der Schulleitung selber noch weitere weisungsbefugte Vorgesetzte geben kann. Bislang hat einem ja nur der Schulleiter oder die Schulleiterin etwas zu sagen, sonst niemand; auch die Beschlüsse der Fachkonferenz sind nicht bindend. Die Schulleitung kann das jetzt delegieren, etwa an einen Fachbetreuer. Was genau eine Schulleitung überhaupt de jure anweisen kann, ist nicht ganz klar; die pädagogische Verantwortung und Entscheidungsgewalt für den Unterricht trägt weiterhin die einzelne Lehrkraft. Die Schulleitung kann zum Beispiel nicht vorschreiben, welche Lektüre gelesen wird. (Vorgesetzte im Sinn einer Beurteilung bleibt aber weiterhin nur die Schulleitung.)

Und neu ist vor allem das hier:

Art. 57a:
(1) 1 An staatlichen Schulen kann das zuständige Staatsministerium auf Antrag der Schulleiterin oder des Schulleiters zur Unterstützung bei der Erledigung der Aufgaben gemäß Art. 57 Abs. 1 bis 3 eine erweiterte Schulleitung einrichten. 2 Die Entscheidung über den Antrag erfolgt nach Maßgabe der im Staatshaushalt bereitgestellten Stellen und Mittel.
(3) 1 Die erweiterte Schulleitung besteht aus dem ständigen Vertreter sowie erforderlichenfalls weiteren staatlichen Lehrkräften mit Führungs- und Personalverantwortung nach Maßgabe der Rechts- und Verwaltungsvorschriften. 2 Die Mitglieder der erweiterten Schulleitung sind gegenüber den ihnen von der Schulleiterin oder dem Schulleiter zugeordneten Lehrkräften weisungsberechtigt.

Wie diese erweiterte Schulleitung aussieht, ist von Schulart zu Schulart wohl verschieden; ich habe mich nur über das Gymnasium informiert. Also: Sofern und solange im Landeshaushalt Geld dafür vorgesehen ist, kann eine Schule das beantragen. Schule heißt: Der Schulleiter oder die Schulleiterin entscheidet. Je nach Anzahl der Lehrkräfte an der Schule gibt es dann eine Reihe zusätzlicher Stellen. Zur erweiterten Schulleitung gehören dann der Stellvertreter oder die Stellvertreterin, die bisherigen Mitarbeiter im Direktorat, und eben drei oder vier neue Mitglieder. Auf diesen Personenkreis können dann erstens die verschiedenen Aufgaben verteilt werden, die bei der Leitung einer Schule entstehen (Vertretungsplan, Öffentlichkeitsarbeit, Fortbildung, Homepage); wie das gemacht wird, entscheidet die Schule individuell. Zweitens führt dieser Personenkreis Unterrichtsbesuche bei Kollegen durch (jedes Mitglied betreut etwa 14 davon, und erhält dafür zusätzliche Anrechnungsstunden), führt Personalgespräche und wirkt bei der Berurteilung dieser Kollegen mit. Zumindest zur Zeit sind diese Unterrichtsbesuche allerdings nicht Teil der Beurteilung; das kann sich aber noch ändern.

Diese neuen Stellen haben eine Wertigkeit von 1 im Funktionenkatalog, das heißt, man wird potentiell zum Studiendirektor befördert (Besoldungsgruppe A15), und das wohl auch recht schnell. Als Kandidat dafür kommt nur in Frage, wer bereits OStR oder StD ist und eine andere Funktion innehat, die ebenfalls potentiell zum Studiendirektor führt, wenn wohl auch erst viel langsamer, da diese Funktionen eine niedrigere Wertigkeit haben. (Den Funktionenkatalog gibt es zum Beispiel hier.) Das neue Mitglied der ESL behält seine bisherige Funktion dabei weiter bei. Es sitzen danach also nicht mehr Personen auf potentiellen A15-Stellen, aber für ein paar geht es etwas schneller. Wie viele A15-Stellen es tatsächlich gibt, hängt vom Finanzministerium ab.

Politischer Hintergrund: Eine A15-Stelle heißt in der Regel Personalverantwortung und Führungsaufgaben. Und an der Schule gibt es ohne erweiterte Schulleitung de jure kaum solche Aufgaben – wieso also A15 für manche Lehrer? Führung von Schülern zählt da ja nicht. Gerüchteweise hätte das Finanzministerium es ja ohnehin lieber, diese vielen A15-Stellen irgendwie ganz abzuschaffen.

Dreh- und Angelpunkt ist wohl die Umsetzung des Konzepts an einzelnen Schulen. Auf der Fortbildung gab es viele sehr interessante Erfahrungsberichte und Konzepte dazu, aber die darf ich allenfalls bei einer Tasse Kaffee irgendwo weitergeben. Dienstliches Stillschweigen.

Auch an anderen Schularten führt die Einführung der erweiterten Schulleitung zu Veränderungen. Davon kriege ich nur wenig mit.

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Bücher, Informatik

Cory Doctorow & Jen Wang, In Real Life

doctorow_wang_irlGraphic Novel, etwa 175 Seiten.
Um die 13 Euro.

Zugegeben: Wenn es mehr gute Geschichten um Gamer und mehr gute Geschichten mit Heldinnen gäbe, dann würden mir bei In Real Life mehr die Nachteile einfallen. Die Geschichte ist ein bisschen dünn und plakativ, aber hey, das sind viele Jugendromane auch. Weil es aber nicht viel vergleichbare Bücher gibt, kann ich das nur empfehlen als Geschichte um eine Gamerin, ihre Onlinefreunde, jugendliche Naivität. Erfreulich – aber nicht verwunderlich, wenn man Doctorow kennt – ist, dass das Buch ohne die Klischees auskommt, die einem hierzulande bei Onlinespielern einfallen: Schlechte Noten, Realitätsverlust, falsche Identitäten. Dafür gibt es andere Klischees, meinetwegen, aber die sind nicht gar so platt. Und wer noch nie etwas von gold farming gehört hat, der kann hier noch etwas lernen.

Richtig schön ist auf jeden Fall, wie Wang die Bildersprache der Computerspiele mit der Bildersprache der Comics kombiniert – Eingabeformulare, Wartebalken, Punktegewinn. Das habe ich so noch nicht gesehen, aber ich lese ja auch gar nicht mehr viele Comics.

Siehe auch:

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Bücher

Mark Twain, A Connecticut Yankee in King Arthur’s Court

Ich habe schon mal recht ausführlich darüber geschrieben, aber ich habe es wiedergelesen und mir ist Neues aufgefallen.

– Inhalt –

In der sehr kurzen Rahmenhandlung trifft Mark Twain als Tourist in einem englischen Schloss einen etwas verwirrt wirkenden Amerikaner, der ihm abends im Gasthof ein Manuskript mit seiner Geschichte in die Hand drückt: Hank Morgan wacht, nachdem er in einer ehrenhaften Schlägerei bewusstlos geschlagen wurde, im Mittelalter der legendären Artus-Zeit auf. Legendär: Das ist die Fassung des Artusstoffes, die zum Klassiker und Vorbild geworden ist, nämlich die von Thomas Malory, entstanden und vom ersten englischen Buchdrucker William Caxton gedruckt in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. (Raymond Chandlers erster Detektiv hieß Mallory; sicher kein Zufall.)
Hank Morgan erwirbt sich Ruhm und Einfluss am Hof und sticht dabei seinen Rivalen Merlin aus. Am meisten kämpft Hank aber gegen die Vorurteile und Privilegien dieser Zeit, gegen Rittertum und (katholische) Kirche. Techniker, der er ist, entwickelt er heimlich ein Telegraphen- und Telefonsystem, macht die reisenden Ritter zu Handelsvertretern, führt Zeitungen ein und gründet eine Akademie (“Factory”), in der mehr oder weniger heimlich junge Menschen nach seinem Vorbild ausgebildet werden. Sein Ziel ist die Abschaffung von Ritter, Monarchie, Feudalsystem und Sklaverei; das Ersetzen der katholischen Einheitskirche durch unabhängige protestantische Kirchen, die Einführung der Demokratie. Hanks Methode dabei ist, neben einem guten Maß Trickserei, Aufklärung durch Technologie.
Am Schluss spricht doch die Kirche ein Machtwort. Der Auslöser ist ein mächtiger Streit unter den Rittern, der wie bei Malory auf das schuldige Dreiecksverhältnis Lancelot-Artus-Guinevere zurückgeht. Alle Neuerungen Hanks werden abgeschafft, der Status Quo wiederhergestellt. Am Schluss kommt es zu einem Showdown zwischen Hank, der sich mit gut fünfzig seiner Zöglinge verschanzt hat, und einem Heer von fünfundzwanzigtausend Rittern unter Führung der Kirche. Nach der letzten Schlacht sind die Ritter tot, von umgeleiteten Flüssen ertränkt, mit Dynamit in die Luft gesprengt, von Maschinengewehren und Starkstromstößen getötet. Hank selber wird von Merlin verflucht und wacht, ohne seine Frau und Kinder, in der Gegenwart wieder auf.

– Scheitern als Teil der Artushandlung –

Das Ende der Geschichte empfanden viele Kritiker als aufgesetzt, nicht zum Rest des Buchs passend. Aber das Scheitern ist auf jeden Fall wichtig, das gehört zum Aufbau der Artus-Handlung – eine großartige Idee, die in die Binsen geht. Das ist bei Malory so, bei Steinbecks Tortilla Flat, bei Mecki und die Ritter der Tafelrunde (HÖRZU 51/1976 bis 15/1977, leider nie nachgedruckt, so dass ich meine Erinnerung nicht auffrischen kann), und ganz deutlich bei T.H. White. Der Versuch, Ordnung und Zivilisation in die Willkür zu bringen, scheitert; das Zeitalter des Fortschritts hat doch nur ein paar Jahre gewährt. Das muss so sein, aus dramaturgischen Gründen, und weil Fortschritt eine mühsame Sache ist. Also ist auch Hanks Zivilisationsprojekt zum Scheitern verurteilt.
Ungeschickt ist bei Twain allerdings, dass diesess Scheitern ausgelöst wird wie bei Malory: Artus, der als Herrscher die Wahrheit nicht wahrnehmen zu müssen meint; Lancelot, der seinen König, Guinevere, die ihren Mann betrügt. Dazu Mordred, eine Sünde aus Artus’ Vergangenheit. Besser hätte mir gefallen, wenn es unmittelbar Hanks Hybris gewesen wäre, die sein System einstürzen lässt. Immerhin spricht er von sich als “a superior man like me”, und als er auf dem Weg ist, Vorbereitungen für eine Republik zu legen, gerät er selbst in Versuchung: “Well, I may as well confess, though I do feel ashamed when I think of it: I was beginning to have a base hankering to be its first president myself. Yes, there was more or less human nature in me; I found that out.”

– Der Weg zum Ende –

Die Handlung des Buchs ist episodisch und nicht immer zusammenhängend. Andererseits: Genau so ist Malory ja auch. Der Schluss kommt sehr plötzlich, das ist ungeschickt. Unmittelbar davor kommt eine lange Sequenz (Kapitel 27-39, von 44 Kapiteln), die man hätte weglassen oder kürzen können: Artus und Hank mischen sich verkleidet unters Volk, treffen auf verschiedene soziale Schichten, landen selbst in der Sklaverei. Zu lang, und sichtlich unter dem Eindruck der Sklaverei in den amerikanischen Südstaaten geschrieben. Danach wird recht rasch die Blütezeit des Königreichs beschrieben:

Now look around England. A happy and prosperous country, and strangely altered. Schools everywhere, and several colleges; a number of pretty good newspapers. Even authorship was taking a start; Sir Dinadan the Humorist was first in the field, with a volume of gray-headed jokes which I had been familiar with during thirteen centuries. If he had left out that old rancid one about the lecturer I wouldn’t have said anything; but I couldn’t stand that one. I suppressed the book and hanged the author.
Slavery was dead and gone; all men were equal before the law; taxation had been equalized. The telegraph, the telephone, the phonograph, the typewriter, the sewing-machine, and all the thousand willing and handy servants of steam and electricity were working their way into favor. We had a steamboat or two on the Thames, we had steam warships, and the beginnings of a steam commercial marine; I was getting ready to send out an expedition to discover America.

Mit dem Rittertum hat Hank, nachdem er zum Kampf herausgefordert wird, abgerechnet. Zum ersten Mal geht er selber mit Waffengewalt vor. Er erschießt einige Ritter, bis alle aufgeben, und kündigt an, es jederzeit mit allen Rittern des Reiches aufnehmen zu wollen, wenn er nur fünfzig seiner Assistenten zur Seit kriegt: “I said, name the day, and I would take fifty assistants and stand up against the massed chivalry of the whole earth and destroy it.” Und so kommt es dann am Schluss auch. Zuerst bekriegen sich die Ritter der verfeindeten Parteien – Lancelot und Artus – gegeneinander, geschildert in Malorys Worten.

Then the king looked about him, and then was he ware of all his host and of all his good knights were left no more on live but two knights, that was Sir Lucan de Butlere, and his brother Sir Bedivere: and they were full sore wounded. Jesu mercy, said the king, where are all my noble knights becomen? Alas that ever I should see this doleful day.

Diese tödliche Schlacht wird gespiegelt in Hanks letztem Kampf. Vor dem Interdikt der Kirche weicht die vermeintliche Aufgeklärtheit der Bevölkerung, so dass Hank am Schluss nur mit seinen fünfzig Elite-Zöglingen gegen das vereinte (restliche) Rittertum steht.

– Das Ende –

Und was für ein grausames Ende. (Ungeschickt wieder: Vieles davon ist technisch Clarence zu verdanken, Hanks jugendlichem Assistenten; Hank legt nur noch letzte Hand an.) Alle Fabriken werden auf Kommando gesprengt. Hank und seine Truppe verschanzen sich in einem Munitionslager, innerhalb von zwölf konzentrischen Drahtzäunen, die einzeln mit Starstrom gespeist werden können. Die Fläche außerhalb ist mit “glass-cylinder dynamite torpedoes” vermint.
Die Bomben sind am Vortag auf der Straße getestet worden. Und hier wird es dann doch zynischer, als ich es von Mark Twain kenne:

“I laid a few in the public road beyond our lines and they’ve been tested.”
“Oh, that alters the case. Who did it?”
“A Church committee.”
“How kind!”
“Yes. They came to command us to make submission. You see they didn’t really come to test the torpedoes; that was merely an incident.”
“Did the committee make a report?”
“Yes, they made one. You could have heard it a mile.”
“Unanimous?”
“That was the nature of it. After that I put up some signs, for the protection of future committees, and we have had no intruders since.”

(“Make a report” heißt nicht nur: berichten, sondern auch: einen Knall erzeugen.)

Die Zweifel der Mannschaft werden mit einer flammenden Rede beruhigt: “‘English knights can be killed, but they cannot be conquered. We know what is before us. While one of these men remains alive, our task is not finished, the war is not ended. We will kill them all.’ [Loud and long continued applause.]”

Das führt dann dazu:

Why, the whole front of that host shot into the sky with a thunder-crash, and became a whirling tempest of rags and fragments; and along the ground lay a thick wall of smoke that hid what was left of the multitude from our sight.
[…]
We now perceived that additions had been made to our defenses. The dynamite had dug a ditch more than a hundred feet wide, all around us, and cast up an embankment some twenty-five feet high on both borders of it. As to destruction of life, it was amazing. Moreover, it was beyond estimate. Of course, we could not count the dead, because they did not exist as individuals, but merely as homogeneous protoplasm, with alloys of iron and buttons.

Our camp was enclosed with a solid wall of the dead—a bulwark, a breastwork, of corpses, you may say.

I sent a current through the third fence now; and almost immediately through the fourth and fifth, so quickly were the gaps filled up. I believed the time was come now for my climax; I believed that that whole army was in our trap. Anyway, it was high time to find out. So I touched a button and set fifty electric suns aflame on the top of our precipice.
Land, what a sight! We were enclosed in three walls of dead men! All the other fences were pretty nearly filled with the living, who were stealthily working their way forward through the wires. The sudden glare paralyzed this host, petrified them, you may say, with astonishment; there was just one instant for me to utilize their immobility in, and I didn’t lose the chance. You see, in another instant they would have recovered their faculties, then they’d have burst into a cheer and made a rush, and my wires would have gone down before it; but that lost instant lost them their opportunity forever; while even that slight fragment of time was still unspent, I shot the current through all the fences and struck the whole host dead in their tracks! There was a groan you could hear! It voiced the death-pang of eleven thousand men. It swelled out on the night with awful pathos.
A glance showed that the rest of the enemy — perhaps ten thousand strong — were between us and the encircling ditch, and pressing forward to the assault. Consequently we had them all! and had them past help. Time for the last act of the tragedy. I fired the three appointed revolver shots — which meant:
“Turn on the water!”
There was a sudden rush and roar, and in a minute the mountain brook was raging through the big ditch and creating a river a hundred feet wide and twenty-five deep.
“Stand to your guns, men! Open fire!”
The thirteen gatlings began to vomit death into the fated ten thousand. They halted, they stood their ground a moment against that withering deluge of fire, then they broke, faced about and swept toward the ditch like chaff before a gale. A full fourth part of their force never reached the top of the lofty embankment; the three-fourths reached it and plunged over — to death by drowning.
Within ten short minutes after we had opened fire, armed resistance was totally annihilated, the campaign was ended, we fifty-four were masters of England. Twenty-five thousand men lay dead around us.

Es ist ein Pyrrhussieg. Sie können nicht bleiben, wo sie sind, inmitten so vieler Leichen. Und außerhalb ihrer Festung sind sie schutzlos. Merlin verhängt einen Zauber über den verwundeten Hank, der in einen tiefen Schlaf fällt. Die letzten Seiten des Manuskripts schreibt Clarence und kündigt an, den bewusstlosen Körper Hank Morgans in einer Höhle zu verstecken, bis er wieder einmal erwachen sollte. (Gehört zum Artusstoff: Der König, der verzaubert schläft, bis sein Land ihn wieder braucht.) Wenn einem der Eingeschlossenen die Flucht gelänge, würde dieser das in dem Manuskript vermerken und das Manuskript dem schlafenden Hank an die Seite legen.
Damit endet das Manuskript.

– Der widersprüchliche Hank Morgan –

Zimperlich sind die Zeiten nicht; Hank passt sich ein wenig an. Er rettet einige Gefangene von Königing Morgan le Fay, die daraufhin etwas gut hat, und nachdem er sich doch noch einmal probweise ein Lied hat vorspielen lassen, gestattet er ihr, wenigstens die Musikanten hinrichten zu lassen:

Then I saw that she was right, and gave her permission to hang the whole band. This little relaxation of sternness had a good effect upon the queen. A statesman gains little by the arbitrary exercise of iron-clad authority upon all occasions that offer, for this wounds the just pride of his subordinates, and thus tends to undermine his strength. A little concession, now and then, where it can do no harm, is the wiser policy.

Hanks Lösung für die meisten Probleme ist Technologie. Er gründet Betriebe als “nuclei of future vast factories, the iron and steel missionaries of my future civilization. Lehrer lässt er in einer “teacher-factory” ausbilden, seine Elite-Akademie nennt er “Man-factory”. Das regelmäßige Vorbeugen eines Säulenheiligen misst er mit der Stoppuhr: “I timed him with a stop watch, and he made 1,244 revolutions in 24 minutes and 46 seconds”, um später einen Generator an ihn anzuschließen.

Hank Morgan denkt nicht nur in Begriffen der Technik, sondern auch der der Wirtschaft. Vom König will er nicht die Hand der Tochter und das halbe Königreich, sondern er fordert: “you shall appoint me your perpetual minister and executive, and give me for my services one per cent of such actual increase of revenue over and above its present amount as I may succeed in creating for the state.” Merlins Kurs ist nach dessen Niederlage gefallen: “Merlin’s stock was flat.” Die erste Institution, die er etabliert, ist ein Patentamt; das fahrende Rittertum vergleicht er mit Wirschaftsspekulation:

No sound and legitimate business can be established on a basis of speculation. A successful whirl in the knight-errantry line—now what is it when you blow away the nonsense and come down to the cold facts? It’s just a corner in pork, that’s all, and you can’t make anything else out of it.

Und der Streit am Schluss, der Zusammenbruch des ganzen Systems, wird ausgelöst dadurch, dass Lancelot seine Mitritter beim Spekulieren mit Aktien über den Zisch zieht:

They were laughing in their sleeves over their smartness in selling stock to him at 15 and 16 and along there that wasn’t worth 10. Well, when they had laughed long enough on that side of their mouths, they rested-up that side by shifting the laugh to the other side. That was when they compromised with [Lancelot] at 283!

Sein Sinn für Kunst ist weniger ausgeprägt, obwohl er die frühen Farbdrucke (Chromolitographie) vermisst:

And not a chromo. I had been used to chromos for years, and I saw now that without my suspecting it a passion for art had got worked into the fabric of my being, and was become a part of me.
It made me homesick to look around over this proud and gaudy but heartless barrenness and remember that in our house in East Hartford, all unpretending as it was, you couldn’t go into a room but you would find an insurance-chromo, or at least a three-color God-Bless-Our-Home over the door; and in the parlor we had nine. But here, even in my grand room of state, there wasn’t anything in the nature of a picture except a thing the size of a bedquilt, which was either woven or knitted (it had darned places in it), and nothing in it was the right color or the right shape; and as for proportions, even Raphael himself couldn’t have botched them more formidably, after all his practice on those nightmares they call his “celebrated Hampton Court cartoons.” Raphael was a bird. We had several of his chromos; one was his “Miraculous Draught of Fishes,” where he puts in a miracle of his own—puts three men into a canoe which wouldn’t have held a dog without upsetting. I always admired to study R.’s art, it was so fresh and unconventional.

Zynisch ist Hank bei all dem nie. Manchmal verliert er allerdings für einen Moment die Hoffnung: “Well, there are times when one would like to hang the whole human race and finish the farce.”
König Artus erkennt er, bei all seiner eingeschränkten Weltsicht, als mutigen auf und gutherzigen Mann an. Hank liebt, zumindest am Schluss, Sandy und ihr gemeinsames Kind aufrichtig. Herzergreifend der Epilog, als, wieder in der Gegenwart, der Erzähler Twain die letzten Worte des sterbenden Hank hört: “Oh, Sandy, you are come at last — how I have longed for you! Sit by me — do not leave me — never leave me again, Sandy, never again. Where is your hand? — give it me, dear, let me hold it — there — now all is well, all is peace, and I am happy again — we are happy again, isn’t it so, Sandy?”

– Science Fiction –

Das Buch ist außerdem Science Fiction. Es ist eine der ersten Geschichten, möglicherweise sogar die erste überhaupt, in der es um die Erlebnisse eines Zeitreisenden geht, der in der Vergangenheit landet. Nachfolger dazu hat es seither unzählige gegeben. Es ist außerdem Science Fiction, weil es darum geht, wie neuartige Technologie aus der Zukunft eine Gesellschaft verändert, oder eben auch nicht verändert – ein Thema der Science Fiction. Und zuletzt ist das Science Fiction, mit der Betonung auf der ersten Seite, weil es darin um mehr Science geht, als ich verstehe; ich kann mir vorstellen, dass das auch mehr war, als seine zeitgenössischen Leser verstanden. Damit wird in diesem Buch Wissenschaft vorgestellt, zumindest in der Sequenz als die Funktionsweise des den tödlichen Strom liefernden Dynamos beschrieben wird:

“I start twelve immensely strong wires — naked, not insulated — from a big dynamo in the cave — dynamo with no brushes except a positive and a negative one —”
“Yes, that’s right.”
“The wires go out from the cave and fence in a circle of level ground a hundred yards in diameter; they make twelve independent fences, ten feet apart — that is to say, twelve circles within circles — and their ends come into the cave again.”
“Right; go on.”
“The fences are fastened to heavy oaken posts only three feet apart, and these posts are sunk five feet in the ground.”
“That is good and strong.”
“Yes. The wires have no ground-connection outside of the cave. They go out from the positive brush of the dynamo; there is a ground-connection through the negative brush; the other ends of the wire return to the cave, and each is grounded independently.”
“No, no, that won’t do!”
“Why?”
“It’s too expensive — uses up force for nothing. You don’t want any ground-connection except the one through the negative brush. The other end of every wire must be brought back into the cave and fastened independently, and without any ground-connection. Now, then, observe the economy of it. A cavalry charge hurls itself against the fence; you are using no power, you are spending no money, for there is only one ground-connection till those horses come against the wire; the moment they touch it they form a connection with the negative brush through the ground, and drop dead. Don’t you see? — you are using no energy until it is needed; your lightning is there, and ready, like the load in a gun; but it isn’t costing you a cent till you touch it off. Oh, yes, the single ground-connection —”

Ich habe keine Ahnung, wie und ob das so funktioniert. Bestimmt gibt es irgendwo einen Aufsatz zur Wirkungsweise des Dynamo in Mark Twains Connecticut Yankee.

– Reste –

Sprachlich ist das Buch lustig, weil Twain die moderne amerikanische Umgangssprache mit dem gestelzten Stil Malorys vermischt. Dazu kommt die Sprache der Börse und der Technologie. Parodien auf Kleinstadt-Zeitungsberichte aus Twains Zeit stehen neben langen Passagen, die wörtlich von Malory übernommen sind. Lieblingsbild: Eine Figur “in shrimp-colored tights that made him look like a forked carrot.”

Offene Fragen: Was hat Hank falsch gemacht? Hat er etwas falsch gemacht? Macht sich das Buch über den Aberglauben früherer Zeiten lustig, oder auch über Hank? Lohnenswert wäre auch, sich das Frauenbild Twains in diesem Roman anzuschauen.

Irrste Idee: Königliche Familien als Regierungsoberhäupter durch Katzen ersetzen. Die seien pflegeleichter, charakterfester, und könnten die gleichen zeremoniellen Aufgaben wahrnehmen.

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Informatik

Fachsprache und Fehlvorstellungen

Gestern entwickelte sich eine kurze Diskussion bei Twitter, angestißen durch die Frage, wie schlimm es ist, wenn man als Informatiker oder Informatiklehrer “Ordner” statt “Verzeichnis” sagt. (Was heißt schon Diskussion? Für mich funktioniert das auf Twitter nicht. Da gibt man Meinungen von sich, im besten Fall prägnant und pointiert, und bald bestehen die 140 Zeichen zur Hälfte aus Tags der Anzusprechenden. Endete dann auch fast schon mit einem Kellnerpunkt.)

Die Frage ist nicht ganz so unwichtig, wie sie scheint. In der Didaktik geht es darum, welche Begriffe optimal für den Lernvorgang sind – manche hemmen, andere fördern ihn. Bei “Ordner”, so die Didaktiktheorie, geht es um die Fehlvorstellung, die sich bei Schülern entwickeln kann, dass in einem Ordner ja nur Dokumente enthalten sein können, wie bei einem echten Leitz-Ordner, und keine weiteren Ordner. Bei dem Begriff “Verzeichnis” entstehe diese Fehlvorstellung weniger.

(Hintergrund: Bei Windows heißen die Verzeichnise zum Beispiele “Ordner/Folder”, bei Linux “Verzeichnis/Directory”.)

Im Prinzip halte ich das mit den Begriffen schon für wichtig. Deswegen mag ich im Deutschunterricht auch nicht das Wort “Imperfekt”, sondern nur “Präteritum”. Mit dem ersten Begriff wird, zumindest für die Grundschüler mit Sprachgefühl, eine Bedeutung transportiert, die dieses Tempus im Deutschen nicht hat. Als wäre da etwas nicht abgeschlosssen, unfertig, zweitklassig. (Dabei heißt das doch – noch grauslicher – die “1. Vergangenheit”, muss also wiederum etwas Besseres sein.) Da halte ich es für einen Vorteil, wenn die Fachbegriffe ganz bewusst aus einer unverstandenen Sprache kommen – eben weil sonst die Fehlvorstellung unterstützt wird, Tempus sei das gleiche wie Zeit oder Vergangenheit wie Präteritum. Die Schüler sind regelmäßig irritiert, dass im Deutschen die Zukunft wohl häufiger mit dem Präsens ausgedrückt wird als mit dem Futur.

Bei der Informatik liegt das insofern anders, als die meisten Begriffe dort Metaphern sind. Ordner ebenso wie Verzeichnis. Wenn ich in Windows das Verzeichnis lösche, ist nicht nur das Verzeichnis weg, sondern auch dessen Inhalt – dieses Verhalten passt wiederum besser zum Löschen von Ordnern. Wenn ich ein Verzeichnis verschiebe, verschiede ich auch dessen Inhalt, was man eher bei einem Ordner erwarten würde – andererseits geschieht beim Verschieben innerhalb eines Laufwerks tatsächlich genau das nicht; die Dateien bleiben auf ihrem Platz, es sieht nur so aus, als würden sie bewegt. (Deswegen geht das Verschieben innerhalb eines Laufwerks ja auch viel schneller als das auf ein anderes Laufwerk. Oder eine andere Partition.) Und ein Alltagsobjekt kann gleichzeitig nur in einem Ordner sein, aber in vielen Verzeichnissen. Wie ist das bei Festplatten. (Antwort: Es ist kompliziert.)

Tatsächlich glaube ich, dass es für Sechstklässler überhaupt keinen Unterschied macht, ob man “Verzeichnis” oder “Ordner” sagt. Was diese gelben Dinger sind, wird schnell klar, egal wie sie heißen. Ich bin aber auch als Strukturalist sozialisiert: die Bedeutung der Wörter entsteht aus ihrem Verhalten und aus ihrem Verhältnis zu anderen Wörtern, nicht aus ihrer Form. Dass auf dem Speichern-Knopf ein Disketten-Icon ist, irritiert Schüler ja auch nicht. (Hier allerdings die Ergebnisse des Projekts “Speichern unter” der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart.)

Das ändert nichts daran, dass Fehlvorstellungen Probleme machen können. Auf unserem Schulsystem war aus vermeintliche praktischen Gründen ein bestimmter Ordner auf zwei Wegen erreichbar, mit zwei verschiedenen Laufwerksbuchstaben vorne dran. Prompt hat ein Kollege eines der beiden Verzeichnisse gelöscht, weil es ja doppelt war, und war dann überrascht, dass das andere auch weg war.

Sage ich “Feld” oder “Array”? Der zweite Begriff ist – gerade für Englischlernende – mit nichts verbunden, führt also zu keinen Vorstellungen. Der erste weckt eventuell Vorstellungen: sind es förderliche oder schädliche? Manchmal mache ich mir die deutsche Bedeutung zunutze und erkläre Felder mit diesen Bildern, nachdem wir vorher mit einer Klasse “Blume” gearbeitet haben:

Felder1

Felder2

Felder3

Felder4

(Weitere Metaphern gibt es auch, von der Schubladenreihe und dem Kistenstapel.)

Andererseits verwirrt der Begriff “Feld” dann wieder einige wenige Schüler, die dem Begriff schon als Übersetzung des englischen “Field” begegnet sind, das bei uns dann wieder Attribut heißt. Und vielleicht ist es besser, mit einem Begriff zu arbeiten, mit dem man erst mal nichts verbindet, also “Array”.

  • “Schleife” oder “Loop” oder “Wiederholschleife” oder “Wiederholung” oder “Zyklus”? “Zyklus” wäre schön, ist aber als Wort den Schülern zu fern. Schleife vermutlich.  Allerdings rückt das in die Nähe der gefürchteten “If-Schleife”, und da wollen wir gar nicht erst hin. In der Unterstufe spricht man von “Wiederholung mit Anfangsbedingung” und “Wiederholung mit fester Anzahl”, das ist für die Praxis wiederum recht lang.
  • “Zeichenkette” oder “String”, oder “string”? Gerne Zeichenkette.
  • Gleitkommazahl, Fließkommazahl, Kommazahl, float oder real? Mir reicht Kommazahl, ansonsten Gleitkommazahl. Aber was das ist, kommt ohnehin erst viel später.
  • “NP-hart” oder “NP-schwer”? Da hat sich das erste durchgesetzt. Das ist eine Fehlübersetzung, aber fürs Verständnis dürfte das das geringste Problem sein.
  • “Zeichen” oder “char”? Zeichen, sonnenklar, aber die Aussprache von “char” ist offen. Die meisten Schüler (und wohl auch Englisch-Muttersprachler) sprechen es wie das englische Wort “char” aus, was Zugehfrau oder Holzkohle bedeutet, oft in Zusammensetzungen. Hat nichts mit “charming” zu tun, klingt aber genau so. Mich schüttelt es dann immer. Es gibt auch die Ausprachen “care” und “char-“, also wie erste Silve von “character”, wo es ja auch herkommt.

Nachtrag 8.1.2015: Gerade habe ich gesehen, dass der Lehrplan auch von Ordnern spricht und nicht von Verzeichnissen. Aber das soll und muss uns als klugen und selbst denkenden Didaktikern erst mal egal sein. (Man ist ja nicht nur Beamter.)

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Fundstücke

Gemeinfrei 2014

Todesjahr 1943: Weiterhin deprimierend, wer alles gestorben ist, und wer alles von den Nazis umgebracht wurde.

Hier nur die kurze Liste der Autoren, mit denen ich etwas verbinde; es gibt noch weitere, darunter Literaturnobelpreisträger, die ich gar nicht kannte.

  • Else Ury (Autorin der Nesthäkchen-Bücher, umgebracht im Konzentrationslager
  • Hanns Heinz Ewers
  • Beatrix Potter
  • Alexander Woollcott
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