Lake Wobegon

“That’s the news from Lake Wobegon, Minnesota, where all the women are strong and all the men are good looking and all the children are above average.”

So endet jede Geschichte aus Lake Wobegon, der Kleinstadt in Minnesota, am Mikrophon erzählt von Garrison Keillor.
Seit 1974, mit einem oder zwei Jahren Pause Ende der 80er Jahre, gibt es jede Woche im öffentlichen amerikanischen Radio die Sendung A Prairie Home Companion. Zwei Stunden gibt es dann Live-Bands, Gesang, Kunstpfeifer, eine Reihe von erfundenen Werbespots, die Abenteuer von Privatdetektiv Guy Noir und vieles andere, was zu einem bunten Abend gehört, eben auch den Geschichten aus Lake Wobegon, der Höhepunkt der Sendung.
Die Hälfte des Jahres über wird aus St. Paul, Minnesota gesendet, die andere Hälfte der Shows wird in verschiedenen anderen Städten in Minnesota aufgezeichnet – alles live und vor Publikum. Am 3. März 2001 wurde sogar aus Berlin, Deutschland, ausgestrahlt – mit Max Raabe und den Berlin Comedian Harmonists. Die Stimmung von A Prairie Home Companion balanciert dabei zwischen altmodischer Einfachheit und einer liebevollen Parodie eben dieser Einfachheit.

Die Geschichten aus Lake Wobegon sind wunderbar. “It has been a quiet week in Lake Wobegon, my home town” beginnen die Monologe, zehn bis zwanzig Minuten lang, erzählt von einem ehemaligen Sohn der Stadt, der den Absprung ins Anderswo geschafft, aber noch engen Kontakt zur Heimatstadt hat: Lake Wobegon kriegt man nicht mehr aus dem Blut. Mal streiten sich wie immer Herr und Frau Krebsbach, mal meldet sich der junge Tollefson am College an und wird dabei von der ganzen peinlichen Verwandschaft begleitet. Mal geht es um Earls beständig wachsenden Haufen von Jutesäcken, der anwächst zum größten Haufen von Jutesäcken in Minnesota und der zur heilkräftigen Pilgerstätte wird (vergleiche das Größte Garnknäuel in Minnesota). Pastor Ingqkvist gönnt sich nie einen Urlaub in Florida; Mütter spielen mit dem Gedanken, die Konzert-Tickets des Sohnes zu verbrennen (um die er unter größen Entbehrungen stundenlang angestanden ist), weil Rockmusik Teenager ins Verderben führt. Mal rückt die ganze Kleinstadt aus, um eine Lebende Flagge auf dem Marktplatz darzustellen: Ein Händler für Baseballkappen hat ihnen rote, blaue und weiße Kappen verkauft, und mit denen auf dem Kopf bilden sie die Flagge der USA nach. Nur dass immer ein paar abspringen, um sich das Schauspiel von oben anzusehen, und dann jeder warten muss, bis alle mal die Gelegenheit hatten, nach oben zu gehen. Zwischendrin immer wieder wortkarge “Norwegian Bachelor Farmers”, ein eigener Menschenschlag.

Themen der Geschichten sind Kindheit, Generationenkonflikte, Arbeit, Nachbarn, Männer und Frauen, Heimat, Toleranz, Religion. Ein paar Geschichten sind sentimental, viele poetisch, fast alle heiter, einige dazu noch besinnlich. Viele haben einen absurden Einschlag – hier zeigt sich die Verwandschaft zum tall tale, der Lügengeschichte der amerikanischen Pionierzeit.
Diese Geschichten fangen harmlos an und steigern sich ins Absurde. Im Laufe einer durchweg glaubwürdigen Geschichte findet man sich plötzlich in einer Situation, wo ein Pastor und Leiter eines Feriencamps an einem improvisierten Drachen auf Wasserkiern hinter einem Boot hergezogen wird und in die Luft steigen soll, aber hinfällt und nicht loslässt, und ihm die Badehose nach unten auf die Knöchel gezogen wird, und dann hebt der Drachen ab in die Luft, und er hängt hilflos in der Luft, bis das Boot eine Kurve macht und der Drachen Richtung rettendes Land gezogen wird und langsam sinkt und der Pastor geradezu auf eine Brombeerhecke zusteuert, aber noch rechtzeitig davor landet und die Landung natürlich abfedern möchte, indem er er mitläuft, aber er hat ja immer noch die Badehose um die Knöchel.

Dank Lake Wobegon weiß ich, wo Minnesota liegt. (“Lake Wobegon put Minnesota on the map for me. ” Das kann ich auf Deutsch nicht so gut ausdrücken.) Was wissen wir über Minnesota?
Bei der Fernsehserie Golden Girls kam die dümmliche der alten Damen aus Minnesota. Fargo, der Film der Brüder Coen, spielt in North Dakota, gleich westlich von Minnesota und nicht so verschieden davon.
Im Mittleren Westen der USA, wozu auch Minnesota gehört, wird Getreide angebaut, die Leute wählen republikanisch und stehen für uramerikanische Werte wie Hilfsbereitschaft, Religiösität, Anständigkeit, Ehrlichkeit, Genügsamkeit, Fleiß. Die Zeit ist dort ein bisschen stehen geblieben.
Andere Aspekte sind Intoleranz, religiöser Fundamentalismus, Arbeitslosigkeit, ein schlechtes Bildungssystem, keine Perspektiven für junge Menschen.
Minnesota hat allerdings in der letzten Präsidentschaftswahl knapp demokratisch gewählt; Minnesota ist ganz im Norden des mittleren Westens, die Winter sind kalt und schneereich, ganz typisch für den Mittleren Westen ist es nicht. Besiedelt wurde es von Deutschen und wortkargen Norwegern, viele der Familien in Lake Wobegon tragen noch deutsche oder norwegische Wurzeln. All die positiven Werte des Mittleren Westens sieht man in Lake Wobegon mit einem Körnchen Salz: Die Leute sind freundlich und hilfsbereit und ehrlich; aber sie schwindeln auch manchmal und sind ein bisschen neidisch und ungeduldig und genervt. Ihre Religion und ihre konversative Haltung sind aber ebenso gebrochen durch Menschlichkeit, Toleranz und gegenseitigen Respekt und Anerkennung. Geradezu subversiv, das ganze.

Bei Cornelsen gab’s mal eine Audiokassette mit vier Geschichten aus Lake Wobegon (Cornelsen Audio Library: Garrison Keillor, News from Lake Wobegon. 1995), zusammen mit Text, Fragen zum Text und Worterklärungen; zur Zeit ist sie, glaube ich, allerdings vergriffen. In allen vier Geschichten geht es um Kindheit oder Erwachsenwerden, in der Hoffnung, dass das die Schüler am meisten anspricht. Ich hab’s auch schon im Quasi-Sprachlabor (als unser Computerraum noch Audiodateien abspielen konnte) ausprobiert, es kam ganz gut an.

Ein bisschen kann man die Geschichten mit Hanns Dieter Hüschs Geschichten vom Niederrhein vergleichbar, aber sie sind wesentlich elaborierter und noch etwas liebevoller. Ein noch besserer Vergleich sind die Geschichten um Don Camillo und Peppone: Auch dort ist die Dickschädeligkeit der beiden Gegenspieler gebrochen durch Anerkennung und Menschlichkeit. So radikal, wie sie tun, sind weder der Katholik noch der Kommunist.
(Weitere Kleinstädte gibt es natürlich in den Fernsehserien Northern Exposure/Ausgerechnet Alaska und Twin Peaks. Ersteres mochte ich damals sehr, aber die Bewohner dort sind etwas zu heiter und schräg. Hier fehlt der trockene Relaismus von Lake Wobegon.)

Ein guter Startpunkt zum Reinhören ist die CD News from Lake Wobegon: Spring für 12 Euro.

Ein Leckerbissen für Fans ist die DVD zum 30. Jahr Ausstrahlung von A Prairie Home Companion: NTSC-Format, aber regionalcodefrei.

Auf der Homepage von A Prairie Home Companion kann man sich nach Möglichkeiten erkundigen, die Show zu hören, auch online.

Lesen kann man einige der Geschichten unter anderem in der Sammlung Lake Wobegon Days. Das macht immer noch Spaß, aber von Keillor vorgetragen sind die Geschichten nochmal um Längen besser.

Nachträge:

4 Gedanken zu “Lake Wobegon

  1. Gonzo der Grosse on 21.8.2005 at 3:07 sagte:

    Von dem demnaechst ins Haus stehenden Robert-Altman-Film hast du schon gehoert?

    “Tommy Lee Jones is joining the cast of director Robert Altman’s big screen version of Garrison Keillor’s U.S. radio show “A Prairie Home Companion”, reports Variety. The film, written by Keillor, has already begun filming in St. Paul, Minn.

    The cast on the untitled comedy includes Meryl Streep, Lindsay Lohan, Woody Harrelson, Kevin Kline, Virginia Madsen, John C. Reilly and Maya Rudolph.

    Based on the fictionalized premise that Keillor’s multi-award-winning show – carried on 500 radio stations domestically – is being shut down after 30 years, pic centers on an ensemble of performers, musicians and back-stage crew all prepping for a final live broadcast.

    Jones will take on the role of a shadowy character dispatched to St. Paul by the Texas conglomerate that has bought the show and plans to end its run.”

    Wie das alles funktionieren soll, weiss ich auch nicht…

  2. Nein, hatte ich noch nicht, danke schön. Im ersten Moment dachte ich, die Lake-Wobegon-Geschichten werden verfilmt. Das hätte mir nicht gefallen. Aber die Show selber… vorstellen kann ich mir das noch nicht, aber es klingt interessant. (Hoffentlich kriegen wir das in Deutschland überhaupt zu sehen.)
    Ich stelle mir gerade so was wie die Beatles-Filme oder den Abba-Film vor. Vielleicht mit einem kleinen bisschen Radioland Murders.

  3. Max on 13.8.2007 at 19:56 sagte:

    Die Sendung inkl. Monolog läuft jede Woche Sanstags auf BBC7–am Computer kann man sie 7 Tage lang anhören.

    http://www.bbc.co.uk/bbc7/listenagain/saturday/

  4. Danke schön!

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Manchmal sollte man anderen das letzte Wort lassen, selbst wenn sie eine andere Meinung haben als man selber.

Post Navigation