Archive nach Jahr: 2005

Sie blättern gerade im Jahres-Archiv.

Das Sozialgericht Bremen erklärt das WWW

Erfahrungen beim Shopblogger mit den Behörden. Lange Diskussion dazu auch beim Lawblog. Auch bei Hokey wird diskutiert.

Die Kurzfassung: Das Sozialgericht Bremen beschwert sich, dass bei einer Google-Suche unter den ersten zehn Treffern ein Blog-Eintrag mit diesem Titel zu finden ist – eine unerlaubte Namensanmaßung, meint das Sozialgericht Bremen.

Michael Bywater, Lost Worlds

Camus und Sartre hin oder her, ob das Leben sinnlos ist oder absurd, das hat mich als Teenager nicht gekümmert, auch wenn es mein Spezialgebiet im Colloquium war, 15 Punkte, dankeschön. Es kümmert mich auch jetzt noch nicht.
Aber was mich als Teenager mitgenommen hat, das war das hier:

Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet: Gigantische Schiffe, die brannten draußen vor den Schultern des Orion. Und ich habe C-Beams gesehen, glitzernd im Dunkeln, nahe dem Tannhäuser Tor.
All diese Momente werden verloren sein in der Zeit, so wie Tränen im Regen.

Und damit stirbt Rutger Hauer als Roy Batty in Blade Runner. Zum ersten Mal gesehen mit 15, zum ersten Mal richtig gesehen mit 16. Ein bisschen melodramatisch vielleicht, aber da ist mir zum ersten Mal ein- und aufgefallen, dass ich sterblich bin, und dass all meine Eindrücke mit mir verschwinden werden.

Daran erinnert hat mich dieses Buch:

Es ist entstanden aus einer Kolumne im englischen Independent on Sunday und zählt enzyklopädisch-alphabetisch auf, was wir alles verloren haben.

  • “B.O.” Body Odour, Körper-/Schweißgeruch. “There was once a time when people smelt of people.” Es folgt ein Exkurs zu Badegewohnheiten durch die Jahrhunderte und die Unmöglichkeit für uns, nachzumepfinden, wie die Leute früher den Geruch empfunden haben.
  • Analoge Telephonwählscheiben.
  • Hüte. Weil es sie nicht mehr gibt und weil man sie ständig verlor, als es sie noch gab.
  • Bestimmte Pfeifentabaksorten, Tabakläden und unschuldiges Rauchen. Meerschaum.
  • Junggesellenbuden, so wie Sherlock Holmes sie hatte.
  • Maturity.
  • “Ich glaube, es war…., der gesagt hat…”. Tatsächlich hatte man kurz vorher im Zitate-Wörterbuch nachgeschlagen und war auf einen Herrn gestoßen, von dem man vorher nie gehört hatte, dessen Zitat man aber anbringen wollte. Und man erweckte den Eindruck, als habe man alles von ihm und überhaupt gelesen. Heute, mit WWW, geht das nicht mehr. “Ich glaube, es war” gehört beantwortet mit: “Schau halt im WWW nach.”

Manche verlorenen Dinge hat es nie gegeben, so wie DAS GEHEIMWISSEN DER VERGANGENEN KULTUREN, auf das Esoteriker so stehen. Bei anderen Dignen ist es gut, dass es sie nicht mehr gibt. Oft handelt es sich um englische Wörter und die damit verbundenen Konzepte. Bywaters Tonfall ist sentimental und bissig zugleich, aber nicht vorwurfsvoll.

Das Buch beginnt mit einem Zitat aus Douglas Adams’ besten Buch (zusammen mit Mark Carwardine): Last Chance to see, in dem es um vom Aussterben bedrohte Tierarten geht. Ein paar Seiten über Mauritius und den Dodo habe ich auch schon mal für eine Klausur genutzt.
Es schließt mit einem Eintrag zu einem Beinahe-Autounfall mit einem Freund und dessen Gedanken dazu, einem Freund, der wenige Jahre später mit 49 Jahren viel zu früh an einem Herzanfall sterben würde. Es gibt keinen eigenen Eintrag zu ihm, aber er war mir als Beispiel dafür, was wir alles verlieren, ständig präsent.

Frohe Weihnachten alle miteinander!

Gerade habe ich einen viele Jahre alten Linoldruck gefunden (ein Fehldruck, deshalb ist er übrig geblieben). Frohe Weihnachten allerseits und friedliche Tage wünsche ich allen. Erholen wir uns ein bisschen.

Ringen mit der Weihnachtserschöpfung

“Herr Rau, was heißt denn Ladder match, oder Undertaker oder Smack down?”, oder sonst obskure Wortkombinationen mit den Wörtern Throw, Smash, Turn, Double, Twister drin.
Dass die Fünftklässler nach neuen Wörtern, die ihnen irgendwo begegnet sind, fragen, ist normal und schön. Aber anscheinend ist gerade amerikanisches Wrestling bei den Kleinen sehr beliebt, denn da kommen diese Fragen her. Auf Tele5 donnerstags kurz vor Mitternacht und auf Premiere; fragt mich nicht, wo’s die Schüler herhaben.

Ansonsten: Völlige Erschöpfung. Da motiviert doch sehr die Flasche Wein vom Elternbeirat für vergangene und zukünftige Zusammenarbeit, und noch mehr die von einer Schülerin. Darf man ja eigentlich gar nicht annehmen, ich weiß. Trotzdem: Ferienreif. Weihnachtsstimmung ist noch gar keine da.

Der Paketbote hat gerade ein Päckchen mit einem Kuchen drin abgegeben, eine amerikanische Bäckerei in Bremen. Leider nicht für mich, sondern für die Nachbarn. Sieht sehr spannend aus.

Lustiges in der Schule

Gestern in der 10. Klasse eine Geschichte aus Lake Wobegon angehört; die Schüler hatten den Text vor sich und konnten mitlesen. Sprachlich machte der Text nur wenig Probleme. Inhaltlich bestand er den Test echten Humors: Ein Teil der Klasse musste oft und sehr laut lachen. Und ein anderer Teil der Klasse, durchaus interessiert und wohlwollend, stand daneben und fragte: “Was ist daran so lustig? Wieso lacht ihr? Wieso lachen die Leute auf dem Band?”

Stand-Up-Aufnahmen oder, wie in diesem Fall, Radiomonologe, die live vor Publikum aufgezeichnet werden, haben einen Vorteil: Man merkt am Gelächter im Publikum, dass jetzt irgendetwas Lustiges gesagt worden sein muss. Daraus kann man auf Wortbedeutungen schließen und auf landeskundliche Informationen. Manchmal findet man es auch einfach nicht lustig.

(Ein letzter, dritter Teil gehört zu keiner der beiden Gruppen, sondern ist grundsätzlich desinteressiert an allem. Vielleicht legt sich das noch mit der Zeit.)

Nachtrag: Mein eigener Humor hört übrigens kurz vor der Goon Show auf. Sie ist berühmt. Viele Leute lieben sie. Ich lese andere Texte von Spike Milligan gerne, ich sehe und höre Peter Sellers gerne. Ich verstehe die Texte der Goon Show. Ich finde sie nur nicht wirklich witzig.

Zur Folter-Diskussion

What if you knew for sure that the cute little baby burbling and smiling at you from his stroller in the park was going to grow up to be another Hitler, responsible for a global cataclysm and millions of deaths? Would you be justified in picking up a rock and bashing his adorable head in? Wouldn’t you be morally depraved if you didn’t? – Or what if a mad scientist developed a poison so strong that two drops in the water supply would kill everyone in Chicago? And you could destroy the poison, but only by killing the scientist and 10 innocent family members? Should you do it? – Or what if an international terrorist planted a nuclear bomb somewhere in Manhattan, set to go off in an hour and kill a million people. You’ve got him in custody, but he won’t say where the bomb is. Is it moral to torture him until he gives up the information? – Questions like these have been pondered and disputed since the invention of the college dorm, but rarely, until the past couple of weeks, unstoned.

Gefunden und in längerer Form bei MatthiasHeil.de. (Original bei Slate.com.)

Jamie Oliver kocht für Schüler – und ich grinse

Zur Zeit kocht ja gerade Jamie Oliver jede Woche am Dienstagabend im Fernsehen, und zwar für Schüler: Bei “Jamie’s School Dinners” versucht Jamie, die Mittagsverpflegung im ganzen Schulsprengel umzustellen. Es soll frisches Fleisch geben und Gemüse, und leckere Reisgerichte statt dubiosen Fertigprodukten und Pommes, Pizza und Hamburgern.

Zuerst muss Jamie mit den Schulköchinnen fertig werden; das ist schon interessant und witzig. Aber ganz fies grinsen muss ich aus vollem Herzen, wenn Jamie daran scheitert, sein Essen den Kindern anzudrehen. Ich hoffe wirklich, es gelingt ihm noch. Denn sein Essen ist gesünder und schmackhafter als der andere Fraß, und ein Teil dieser englischen Kinder ist unglaublich heikel. Reis essen sie nicht, Gewürze essen sie nicht, keine Tomaten, keine Mayonnaise, was sie nicht kennen, wird natürlich abgelehnt. Trotzdem: Ich kann mir die Schadenfreude nicht verkneifen. Ah, die Kinderlein. Nachdem freiwillig zu wenig Leute seine Gerichte probiert haben, wurden jetzt kurzerhand Pizza und Pommes an der Schule ganz abgeschafft. Es hagelt Beschwerden und Jamie zieht sich zurück auf “Wenn ihr richtig Hunger hättet, dann würdet ihr das auch essen.”

Wie wär’s mit einer Doku-Fernsehserie, in der jeweils Freiwillige (aus Uni, Berufswelt, oder einfach Eltern) den Unterricht für eine Woche unternehmen? Tatsächlich könnten wir Lehrer sicher wohl davon lernen, aber dennoch stelle ich mir die entstehenden Situationen auch, hm, unterhaltsam vor.

Insgesamt macht Jamie seine Sache aber durchaus gut. Ein spannendes Experiment.