Schülerblogs

By | 24.3.2005

Paris (AFP) – Wegen Lehrer-Beleidigungen in ihren Internet-Tagebüchern („Blogs“) sind mehrere französische Schüler von ihren Schulen geflogen. […] In kürzester Zeit entwickelte es sich bei den Schülern zur Mode, neben Reiseerlebnissen und Privatfotos auch abfällige Bemerkungen über ihre Lehrer ins Internet zu stellen. Zu den Einträgen, die mit Schulverweisen geahndet wurden, gehörten „Angsthase“ und „glückliche Idiotin“.
(Mehr bei Yahoo Nachrichten.)

Da habe ich schon Schlimmeres gelesen. Es scheint mir eine wichtige und sinnvolle Aufgabe, Schülern beizubringen, wie man miteinander umgeht, auch und gerade in Blogs. Ich halte meine Schüler ja auch zum Bloggen an. Im Leistungskurs ging das eine Zeit lang gut, danach verloren die Schüler das Interesse. Während viele Lehrer einen Hang zum Exhibitionismus haben, drängt es die meisten Schüler keineswegs in die Öffentlichkeit oder in den Dialog. Aber Beleidigungen kamen da keine.
Anders bei dem Umgangston in unmoderierten Oberstufen-Foren mit der Möglichkeit anonymer Postings, das habe ich mal in einer Kollegstufe erlebt. Da wurden weniger die Lehrer beleidigt als die Mitschüler. Das aber auf unterster Ebene. So richtig unten. So gaaaanz unten. Dagegen ist Bücher verbrennen wirklich harmlos. Wenn man das so liest, weiß man, dass etwas falsch gelaufen sein muss am Gymnasium. (Vielleicht verlangt man da auch Unmögliches.)
Es gab aber auch ein Referendarforum (und zwar nicht http://www.referendar.de/), das ebenfalls anonyme Beiträge unmoderiert zuließ. Die waren nur wenig besser.

Ich bin aber auch gerade dabei, meine Mittelstufenschüler auf einer Klassen-Seite zum Bloggen zu bringen. Auch diese Schüler haben zum Großteil kein Bedürfnis nach Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit. Wenn es Schreibanlässe gibt, kommen allerdings interessante Beiträge zusammen; sobald ich die Erlaubnis einiger Schüler eingeholt habe, werde ich hier ein paar Auszüge posten. Die Motivation und die Bereitschaft zum Erlernen der Technik ist bei diesen Schülern größer als bei den älteren; vermutlich eine Generationensache. Der Tonfall auf der Klassenseite ist sachlich und lebendig, stolz bin ich auf die Schüler. Aber einige wenige Schüler haben keine Ahnung davon, was in der Öffentlichkeit angemessen ist und was nicht. Und das Klassenblog sollte bewusst öffentlich sein.

Bei dieser Arbeit bin ich auch auf die privaten Webseiten einiger meiner Schüler gestoßen, mit teilweise fast blogartigem Charakter. Ich kam mir ein bisschen wie ein Voyeur vor, zumal sich mir da eine Welt auftat, die ich nicht kannte. Fremde Wesen, diese Schüler, ganz fremde Wesen. Das wollte ich alles gar nicht so genau wissen. Die meisten Seiten sind nur fremdartig, aber bei einigen wird teilweise grausam und beleidigend über einander hergezogen, und auch über Lehrer, mit denen sie unzufrieden sind.
Ich finde es gut, dass Schüler überhaupt auf diese Weise kommunizieren. Ein Teil ihres Lebens ist die Schule, und natürlich schreiben sie auch darüber. Ich finde auch, dass sich die Schule da weitgehend heraushalten sollte. Ich blogge ja auch, ohne beim Kultusministerium um Erlaubnis zu bitten.
Die Schüler müssen nur wissen, dass sie Lehrer nicht beleidigen dürfen. Und das muss man einem Teil der Schüler erst beibringen. Die wissen nicht, dass das nicht geht. Da ist oft kein böser Wille dahinter, sondern nur ein kläglicher Mangel an Ausdrucksmöglichkeiten. Dazu kommt die Unwissenheit über die Rechtslage. Das sollten wir unseren Schülern also beibringen.

Die andere, schwierigere Frage ist: Wieviel dürfen Schüler auf ihren privaten Seiten aus der Schule plaudern? Schüler üben oft unreflektiert und unsachlich Kritik – an Lehrern, Unterricht, Stundenplan. Manchmal haben sie aber auch recht. Nur hört ihnen in der Schule keiner zu. Mit ein paar Ungerechtigkeiten müssen sie auskommen (so ist das Leben halt), aber dürfen sie darüber bloggen, dass der eine oder andere Lehrer soviel Hausaufgaben aufgibt? Zuviel Zeit für die Korrektur braucht? Ständig zu spät kommt?

Ich wünsche mir ja schon klammheimlich, dass einer das mal ausprobiert.

4 thoughts on “Schülerblogs

  1. ironico

    teilweise gehen veröffentlichungen im web tatsächlich unter die gürtellinie. das ist allerdings die realität. das web ist für schüler ein kommunikationsmittel; wie das telefon. am telefon wird sich über lehrer ausgelassen. warum also nicht im web. schüler waren meiner meinung nach schon immer aus irgendeinem grund nicht überzeugt (ziemlich positiv formuliert) von ihren lehrern und sie haben auch schon immer darüber gesprochen. das scheint mir auch ihr gutes recht zu sein. lehrer tun dies nach meiner einschätzung genauso über schüler. für schüler sind die lehrer nunmal ihre vorgesetzten und somit bezugspersonen die unzähliger diskussionen würdig sind; ähnlich wie eltern.
    schüler sprechen untereinander beleidigend über lehrer. das ist die realität und diese realität spiegelt sich logischer weise auch im web wieder. ich glaube, dass es nur sehr wenige menschen gibt die niemals über ihre lehrer gelästert haben und dabei auf kraftausdrücke jegliche art zurückgegriffen haben. (auch sie herr rau?! –> natürlich wäre es)

  2. Herr Rau Post author

    Schau an, ironico hat hergefunden. Willkommen.

    das web ist für schüler ein kommunikationsmittel; wie das telefon. am telefon wird sich über lehrer ausgelassen. warum also nicht im web
    Warum nicht? Wo soll ich da anfangen. Schüler halten das WWW für einen rechtsfreien Raum. Aufgabe der Medienpädagogik ist es, Schülern beizubringen, dass sie sich hier irren. Komplett und völlig. Wie nötig es ist, das bereits Schülern beizubringen, zeigt die Tatsache, dass viele Erwachsene das auch noch nicht kapiert haben,

    schüler sprechen untereinander beleidigend über lehrer. das ist die realität
    Wenn ich mir meine Schüler im LK und in der Mittelstufe so anschaue: Nein. Die besser sozialisierten nicht. (Ich kann Namen nennen.) Nicht in den Worten, die ich kritisiere. Ein gelegentliches „Arschloch“ halte ich dabei für völlig harmlos (außerhalb der Öffentlichkeit, im Gespräch unter Schülern). Lehrer verwenden dieses Wort allerdings nur Menschen gegenüber, die sie tatsächlich für Arschlöcher halten (was ein mehr oder weniger dauerhafter charakterlicher Zustand ist und nicht einfach nur bedeutet, dass man gerade sauer auf einen Menschen ist).

    ich glaube, dass es nur sehr wenige menschen gibt die niemals über ihre lehrer gelästert haben und dabei auf kraftausdrücke jegliche art zurückgegriffen haben.
    Ein Straw-Man-Argument. Auf Kraftausdrücke jeglicher Art muss man ja nicht verzichten. (Siehe unten zu Details, welche ich für verzichtbar halte.) Lästern ist ja auch völlig okay, und ein „Arschloch“ ja auch. Aber ich habe als Schüler meinen Job gemacht, der Lehrer hat seinen Job gemacht, ab und zu hat der Lehrer gedacht „Depp“ und der Schüler „Arschloch“, und das war’s dann aber auch.

    Aber um all das geht es mir gar nicht. Bei dem, was ich bei Schülern (teilweise vergangener Jahrgänge) lesen konnte, ging es nicht hauptsächlich um Lehrer. Zugegeben, auch da wurden die relativen Schwanzlängen der Lehrer diskutiert, und welcher Lehrer mit welcher Art Tier welche Art von Sex praktiziert. Aber vor allem ging es dabei um die Mitschüler. Wer wen „gefickt“ hat, und wen man nie „f*cken“ würde, weil die Leute zu hässlich sind und stinken. Das * nur deswegen, weil so viel Leute per Google auf diese Seite kamen und maßlos enttäuscht wurden. (All das mit deutlich mehr Details als in dieser kurzen Zusammenfassung.) Und nein, es ging dabei nicht um eine ernsthafte Würdigung und Diskussion der sexuellen Fähigkeiten oder Mängel der Mitschüler. (Und die scherzhaften Streitereien im Abikalypse-Forum meine ich natürlich auch nicht.)

    So war ich als Schüler nicht, so ist ein Großteil der Schüler heute nicht. Aber einige sind zu blöd, um alleine zu kapieren, dass das nicht geht. Wichtigeres als das können sie in der Schule aber gar nicht lernen.

    Wieviel man in der Schule ausrichten kann, weiß ich allerdings nicht. Die Hoffnung, dass sich das von alleine legt, teile ich nicht.

  3. Pingback: ditact kursweblog » Blog Archive » schulblogs

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.