Christy Moore

By | 28.5.2005

Man begegnet sich im Leben immer zweimal. Christy Moore bin ich jetzt zum vierten Mal begegnet, will heißen: Zum vierten Mal war ich in einem Christy-Moore-Konzert. Zweimal in Deutschland, zweimal in England; das letzte Mal (letzte Woche) ganz zufällig und unvorhergesehen. Ich hatte gedacht, dass ich Christy Moore kaum mehr live sehen würde; dazu ist er zu selten in Deutschland (denke ich), und ich kriege ohnehin nie mit, wenn irgendwo ein Konzert ist.
Um so schöner war es also, dass ich das Konzert zufällig erwischte. Es war nicht so gut wie früher, aber es war gut. Jetzt bin ich zufrieden.

Christy Moore lernte ich 1989 oder 1990 gleichzeitig aus zwei Ecken kennen: Einmal über eine Kommilitonin, die eine Christy-Moore-CD hatte und ein irisches Liederbuch, und einmal über meinen Plattenfreund, der mich beständig mit neuer Musik versorgte. (Üblicherweise waren es eher exotische Amerikaner als irische Folk-Sänger.)

Christy Moore ist in Irland berühmt. In Großbritannien wohl auch. Ob man ihn in Deutschland kennt, weiß ich nicht: In den 70er und 80er Jahren schwärmten junge Deutsche gerne mal von Irland, hörten irische Musik, und wollten unbedingt mal Urlaub dort machen. Auf Hochzeiten und in Wohnzimmern begegnete man allerorten einem „Traditional Irish Blessing“, das da anfängt: „May the road rise up to meet you“ (oder wie ich selber paraphrasiere: „May you fall flat on your face“). — Ob das heute noch so ist, weiß ich nicht; jetzt schwärmt man wohl wieder mehr für Mittelerde oder Neuseeland .

Biographische Details zu Christy Moore schenke ich mir, ich müsste sie ohnehin erst von seiner Web-Seite herausfinden. Er ist jedenfalls 60 Jahre alt, sein erster Auftritt war 1965, bald darauf verbrachte er einige Zeit in England und lernte das Leben der Exil-Iren kennen; das politisierte ihn. Mit der Gruppe Planxty wurde er bekannt; Planxty spielte alte und neue irische Lieder. Dann viele viele Solo-Platten, Auftritte und Interviews, eine Art Autobiographie (die ich allerdings noch nicht kenne).

Was ich an Christy Moore mag:

  • Die Art, wie er singt. Die Arrangements sind schlicht; live trat er meist alleine auf (letztes Mal hatte er allerdings einen zweiten Gitarristen dabei), spielt Gitarre mit Stahlseiten, manchmal auch eine irische Trommel, und singt. Bei den Konzerten war er sehr konzentriert, ließ wenig Zeit zwischen zwei Nummern für Beifall, wollte kein Mitklatschen (auch wenn das englische Publikum anders als das deutsche tatsächlich auf 2 und 4 klatschen kann). Nach jeweils einer Stunde begann er dann aufzutauen, entschuldigte seine Einsilbigkeit mit stets neuer Nervosität beim Auftreten, und fing an, mehr mit dem Publikum zu kommunizieren, ging auf Zwischenrufe und Liedwünsche ein. Zu vielen Liedern erzählt er, wie er ihnen das erste Mal begegnet ist und deutet an, warum er sie singt.
  • Die Lieder, die er singt. Es sind selbst geschriebene, aber auch sehr viele Lieder anderer Künstler. (Das mag ich. Damit steht das Lied im Vordergrund und nicht das Gesamtkunstwerk Interpret+Lied, an das wir uns heute gewöhnt haben. Angefangen hat das ja wohl erst mit dem Rock’n’Roll. Davor gab es keine Cover-Versionen, oder genauer: Es gab keine Originale. Es gab nur Lieder, die von verschiedenen Leuten gesungen werden. Bevor die Charts anhand verkaufter Platten errechnet wurden, maß man die Menge der verkauften Musiknoten. Vor hundert Jahren wurde ein Lied durch eine Show am Broadway bekannt, was sich die Künstler am Broadway gut bezahlen ließen, und danach verkauften sich die Noten, und das Orchester im Hotel oder Restaurant spielte die Nummern dann ebenfalls. Ich habe jedenfalls großen Respekt vor Musikern, die auch mal Lieder anderer Leute singen. Gute Lieder erkennt man auch daran, dass sie verschiedene Interpreten zu verschiedenen Interpretationen reizen.)
    Christy Moore singt einige irische Volkslieder wie „Cliffs of Doneen“ und „Black is the colour of my true love’s hair“, einige wenige irische Kunstlieder der letzten zweihundert Jahre („The Curragh of Kildare“), vor allem aber moderne irische Lieder wie „Nancy Spain“ von Barney Rush oder „Fairytale of New York“ von Shane McGowan/Jem Finer, dazu viele eigene Lieder. Viele der Lieder sind politisch.

Eine Art Lieder interessiert mich besonders, die nur am Rande etwas mit Christy Moore zu tun hat: Lieder zu zeitgeschichtlichen Vorgängen. Protestsongs. Vor allem dann, wenn sie ganz konkret werden, Namen nennen, die sonst vielleicht in Vergessenheit gerieten. Hier wird, oder wurde, Information noch mündlich weitergegeben, in Liedern aufgezeichnet. Zum Beispiel (alles Lieder, die auch Christy Moore singt):

  • „Sacco and Vanzetti“ (Woody Guthrie). Zur Erinnerung siehe Wikipedia-Eintrag oder diese Seite. Wie schuldig oder unschuldig die beiden waren, ist offen (zur Zeit geht man davon aus, dass mindestens einer tatsächlich beteiligt war); unbestritten ist jedoch, dass ihr Gerichtsverfahren und ihre Hinrichtung 1927 nicht rechtmäßig waren. Woody Guthrie schrieb und spielte ein ganzes Album mit „Ballads of Sacco and Vanzetti“. Das bekannteste Lied daraus nennt den Schauplatz, nennt die Namen des Richters, der Ankläger, bringt Zitate.
  • Namen nennt auch „Scapegoats“ (Cowan/Moore). Darin geht es um die Birmingham Six – sechs gebürtige Nordiren, in Birmingham lebend, wurden 1975 zu lebenslänglicher Haft wegen eines IRA-Bombenattentats verurteilt. Schon während der Verhandlungen gab es Vorwürfe, die Beweise seien manipuliert worden; 1991 wurde das Urteil aufgehoben, 2001 gab es Schadenersatz. Ein ähnlicher Fall sind die Guildford Four.
  • „Viva la quinte brigada“ (Christy Moore). Ein Lied über die Internationalen Brigaden, genauer: die daran beteiligten Iren, die im spanischen Bürgerkrieg gegen Franco kämpften. Wikipedia hat eine Liste von ausländischen Teilnehmern am spanischen Bürgerkrieg, zählt aber nur die berühmten Namen auf. Christy Moore nennt die weniger Bekannten: „Bob Hilliard was a Church of Ireland pastor / Form Killarney across the Pyrenees he came / From Derry came a brave young Christian Brother / Side by side they fought and died in Spain // Tommy Woods age seventeen died in Cordoba / With Na Fianna he learned to hold his gun / From Dublin to the Villa del Rio / Where he fought and died beneath the blazing sun“. Moore verschweigt nicht, dass auch auf Seiten Francos Iren kämpften.
  • „The Ludlow Massacre“ (Woody Guthrie): Siehe Wikipedia-Eintrag.
  • „They never came home“ (Christy Moore): Ein Lied um den Stardust-Brand von 1981: Bei einem Feuer in einer Disco starben 48 junge Menschen. Panik, abgesperrte Notausgänge, keine Verurteilung für die Betreiber, aber Gerichtsurteil gegen Christy Moore wegen des Liedes. Ich habe das Lied auf dem Konzert letzte Woche zum ersten Mal gehört, sonst hätte ich nie von dem Stardust-Brand erfahren.

Natürlich ist diese Art der Geschichtsschreibung einseitig, oberflächlich und ein wenig sensationslüstern. Und bestimmt bekomme ich zu hören, dass ich die wichtigsten Beispiele für Lieder dieser Art ignoriert habe. Ich lerne gerne dazu.

Zum Konzert letzte Woche habe ich gar nicht mehr viel zu sagen. Als Vornummer erschien (unangekündigt, aber auch nicht sehr überraschend) der irische Musiker Freddie White und sang und spielte auf der Gitarre einige eigene Nummern, aber auch Versionen von „Martha“ von Tom Waits und eine eigenwillige Version eines zumindest mir vorher nicht bekannten Irving-Berlin-Stücks, My Walking Stick.
Christy Moore danach war nicht allein, sondern hatte sich einen zweiten Gitarristen mitgebracht: Declan Sinnott, der akustische, häufig aber auch E-Gitarre zu Christys akustischer Gitarre spielte. Das gab bei ein oder zwei Liedern nette Effekte (vor allem bei „North and South of the River“), ansonsten fand ich es überflüssig. Christy allein ist mir lieber, aber wenn er mal etwas Neues ausprobieren möchte, soll er das jederzeit machen.
Schon bald setzten die Zwischenrufe und Wünsche ein. Christy, ernst und still bis auf ein knappes „Thank you“ zum Beifall, bat sich erst einmal eine Stunde Ruhe aus, um seine Nummern zu spielen. Danach taute er auf, erzählte ein paar Ankedoten, machte sich über ein paar tatsächlich sehr störende Zwischenrufer lustig, und erfüllte Musikwünsche. Folgendes hat er gespielt; vermutlich habe ich ein paar Titel vergessen, und die Reihenfolge bringe ich ohnehin nicht mehr zusammen:

All I Remember
North and South of the River
Yellow Triangle
Viva la quinte brigada
America, I Love You (= „America, You are not the world“ von Morrissey)
Ordinary Man
Go Move Shift
Don’t forget your shovel
Ordinary Man
Reel in the flickering light (ein leichtfüßiges, lustiges Lied)
Biko Drum
Burning Times
All for the Roses
Lisdoonvarna (auf Wunsch; mit der üblichen Van-the-Man-Einlage)

Plattentipp: Als Einstieg und Überblick Christy Moore Live at the Point. Christy live mit Gitarre, alte und neue Lieder, laute und leise, lustige und ernste. Nicht so viel ernste wie auf den letzten Platten.
Für den Anfang vermeiden, da untypisch: Das Traveller-Album.

6 thoughts on “Christy Moore

  1. Manfred Zick

    Hallo Herrr Rau,

    zufällig bin ich auf diesen Eintrag gestoßen und habe mich sehr gefreut. Ich kenne Christy seit 20 Jahren und besitzt fast alle CD’s, finde ihn als den besten irischen Folkssänger, den es je gegeben hat und spiele auf meiner Zither auch einige Titel nach. Er ist tin Deutschland wie sie schreiben leider wenig bekannt , allerdings unter alten Folksfans, die jetzt so um die 60 sind, ist er ein Super-Star. Am 18. Mai 2007 singt Christy in der Frankfurter Oper und die neue CD 2006 Life in Dublin ist spitze. Vielleicht schreiben Sie mir mal per Mail. Auch ich habe ihn schon mehrmals gesehen. Und auch ich stelle immer wieder fest, die in Deutschland lebenden irischen Fans sind extrem ungezogen sind, da immer voll besoffen und hier zeigt sich die Klassevon Christy: er bringt sie immer wieder zur Ruhe. Und plötzlcuih war es mäuschenstill. Kurz ich verehre und liebe ihn sehr.

    Mit freundlichen Fan-Grüßen

    Manfred Zick alias Zither-Manä

  2. Herr Rau Post author

    Schönen Gruß von meiner Frau, sie hat Sie schon in den 80ern mal in der Neuen Welt gesehen.
    Und vielen Dank für den Hinweis auf die neue CD, die kannte ich noch nicht. Inzwischen habe ich auch seine Quasi-Autobiographie gelesen: Eine Sammlung von ein paar hundert Liedern aus seinem Repertoire, mit abgedrucktem Text, und Kommentaren von Christy dazu – was ihm zu dem Lied einfällt, woher er es kennt, was er an ihm mag, was es für ihn bedeutet.

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  4. Julia

    Lieber Herr Rau, haben Sie vielleicht einen Tip für mich wo man Christy im Rahmen eines kleineren Festivals sehen könnte? Oder spielt er nur in großen Hallen? Ich würde im Sommer gerne nach Irland fahren und würde eventuell entsprechend planen.
    Danke, Julia.

  5. Gerd

    Hallo Herr Rau,
    sehr schöner Artikel über Christy Moore und seine Songs. Eigentlich schade, dass er in Deutschland nur wenig bekannt ist. Habe ihn im März in County Waterford in Irland im Konzert erlebt und hatte kurz Kontakt zu ihm über sein Internetgästebuch.
    Er hat angekündigt, dass er über seine Agentur versucht, im Mai 2011 ein paar Gigs in Deutschland zu spielen- ich wäre auf jeden Fall dabei.
    Es ist immer schön, wenn Songwriter aus Irland in Deutschland in kleinen Clubs mit wenigen Fans auftreten. Ein ebenfalls sehr sehens- und hörenswerter Kollege ist Kieran Goss, den ich im Februar in Osnabrück gesehen habe. In Irland sehr bekannt, in Deutschland vor 30 Leuten gespielt- tolles Konzert.
    Beste Grüße
    Gerd V.

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