Rashomon-Episoden

Sonntag, 29. Mai 2005

Rashomon, auch: Rasho-Mon, Rashômon, ist ein Filmklassiker von Akira Kurosawa von 1950; Grundlage des Films sind Kurzgeschichten von Ryunosuke Akutagawa. Hier ist der Eintrag bei IMDB dazu.
Der Film hat viele interessante Aspekte, aber der bekannteste ist wohl der Aufbau: Ein Verbrechen ist geschehen, der Bandit Tajômaru hat einen Mann ermordet und dessen Frau vergewaltigt. Drei Personen treffen sich und berichten aus ihrer Sicht vom Geschehen. Zuletzt wird der Geist des Ermordeten beschworen und erzählt seine Fassung. Die vier Geschichten erzählen vier unvereinbare Versionen eines Geschehens. Was wirklich passiert ist, können die Personen nicht klären.
Mit dieser kurzen Zusammenfassung ist dem Film lange nicht genüge getan, aber die Kenntnis des Films setze ich mal voraus. Er ist ein Meilenstein.*

Die Struktur von Rashomon ist von vielen anderen Erzählern aufgenommen worden. Gerade Fernsehserien haben gerne mal Rashomon-Episoden (ähnlich wie es viele Fassungen von “Twelve Angry Men” gibt, aber dazu später mal). Typischerweise gibt es dabei drei widersprüchliche Fassungen eines Geschehens, die episodenartig nacheinander erzählt werden. Bei den furchtsameren Serien gibt es zum Schluss eine Instanz, die eine der Fassungen zur richtigen erklärt. Man traut dem Zuschauer anscheinend nicht zu, die Spannung auszuhalten, die eine unvollkommene Auflösung mit sich bringt.

  • The Dick van Dyke Show: “The Night the Roof Fell In”, Staffel 2 (1962), Drehbuch John Whedon, Regie Hal Cooper.
    Rob (Dick van Dyke) und Laura (Mary Tyler Moore) streiten sich, bis Rob die Nacht wütend in der Garage verbringt. Beide erzählen ihren jeweiligen Freunden ihre Fassung des Geschehens, stellen sich selbst als absolut unschuldig am Streit hin. Es gibt eine dritte Fassung.
  • Magnum, P.I.: “I Witness” (dt. “Rashomon, die Fortsetzung” bzw. “Augenzeugen”), Staffel 4 (1984)
    Ein kleines Meisterwerk. Der Nachtclub wurde überfallen, die Kasse geraubt; die Polizei und Magnum finden Rick, T.C. und Higgins nackt und gefesselt. Jeder der drei erzählt seine Variante; keine der drei ist glaubwürdiger als die anderen, jeder stellt sich selber als Held und die anderen als Jammerlappen hin. Die drei Fassungen unterscheiden sich nach Hintergrundmusik, nach Tiefe des Dekolletés bei der Sängerin und vielen, vielen weiteren Einzelheiten. — Zum Schluss ist der Überfall geklärt, aber warum die drei nackt waren, erfährt Magnum aus keiner der drei Geschichten.
  • Peter Parker The Spectacular Spider-Man (Vol. 1): Issue No. 121 (1986), “Eye Witness!” Keine Fernsehserie, sondern ein Superhelden-Comic. J. Jonah Jameson (Herausgeber des Daily Bugle und Spider-Man-Hasser), Peter Parker (Spider-Man) und dessen Freundin Mary Jane erzählen drei Fassungen des gleichen vereitelten Banküberfalls. Sehr schön gemacht, bis in die Details. Kein Wunder: Als ich gerade nach den Credits gesucht habe, ganz hinten, steht da als Autor “Peter David”. Und der ist nunmal einer der besten. (Für die verschiedenen Teilgeschichten gab’s auch verschiedene Zeichner, sechs insgesamt.)
  • Star Trek The Next Generation: “A Matter of Perspective” (dt.: “Riker unter Verdacht”), Staffel 3 (1990).
    Eine Raumstation explodiert, dabei stirbt der Forscher Apgar, Riker und Apgars Frau Manua überleben. Nach Rikers Fassung war Apgar grob unhöflich und Manua versuchte Riker zu verführen; laut Manuas Fassung versuchte Riker sie zu vergewaltigen und fing Streit mit Apgar an (Troi erkennt, dass Manua zumindest nicht bewusst lügt). Danach wird die Fassung von Apgars Assistenten gehört. Schließlich gelingt es, im Holodeck das wirkliche Geschehen zu simulieren.
  • Emergency Room: “Four Corners”, erste Episode von Staffel 8 (2000).
    Ich hab die Folge noch gar nicht gesehen, es ist aber eine klare Rashomon-Hommage.
  • Coupling: “Remember This”, Episode 19, Staffel 3 (2002).
    Patrick und Sally erinnern sich, wie sie sich kennen gelernt haben. Wir sehen zwei sich widersprechende Fassungen. Man kann sich zusammenreimen, was genau geschehen ist, da ziemlich klar und schreiend komisch ist, welcher Erzähler welche Details im Gedächtnis behalten hat. Keine der beiden Fassungen ist durchweg korrekt.
    (Coupling ist eine brillante englische Serie. Brillant geschrieben, sehr gut gespielt. Der Versuch, eine US-Fassung zu drehen, ging wohl schief; nach 4 von 11 gesendeten Episoden wurde die US-Serie abgesetzt. Wie konnte man nur auf die Idee kommen, das ließe sich für Amerika zurechtschneiden.)

Bestimmt gibt es noch mehr Folgen, Matlock hat doch bestimmt auch eine gemacht. Kennt jemand noch welche?

*Gerade gesehen, dass der Film auf der Kurzgeschichte “Yabu no naka” (“In the Grove”) von Ryunosuke Akutagawa basiert, die wiederum auf “The Moonlit Road” von Ambrose Bierce zurückgeht. Schon bei Bierce haben wir drei unzuverlässige Erzähler, die jeweils – vermutlich – das gleiche Ereignis beschreiben, eine Frau, die von ihrem Mann aus Eifersucht umgebracht wird. Ihre Aussage gibt es ebenfalls durch ein Medium.

Schlagwörter: ,

Siehe auch:

3 Reaktionen auf “Rashomon-Episoden”

  1. Gonzo der Grosse sagt:

    FRASIER, fuenfte Staffel, die Folge “Perspectives on Christmas;” es wird zwar auch mit dem Plot gespielt, hauptsaechlich Spass machen aber die Nebensaechlichkeiten – wenn Niles erzaehlt, ist Daphne wesentlich sexier angezogen als in Frasiers Version, und wenn Frasier erzaehlt, sind seines Vaters Weihnachtsdekorationen weitaus aufdringlicher und kitschiger als in den Versionen der anderen…

    Stimme dir aber zu: Die MAGNUM-Folge ist unerreicht!

  2. Herr Rau sagt:

    Herzlichen Dank!

  3. Herr Rau sagt:

    Nachtrag: Coupling, Vierte Staffel, “9 1/2 Minutes”. Nicht Rashomon im engeren, aber doch so ähnlich: Drei befreundete Paare in einer Bar, drei Konversationen, die jeweils durch die anderen kurz unterbrochen werden. Diese Unterbrechungen sind voller Missverständnisse, die man erst versteht, wenn man die Perspektiven der anderen (und der vorangehenden Gespräche) gesehen hat.

Kommentar hinterlassen

Einen Kommentar, der nur als Werbung für Ihre Seite gedacht ist, weil Ihnen Ihre Agentur das so aufgeschwatzt hat, lasse ich manchmal durchgehen - aber auch nur wenn er zeigt, dass Sie den Artikel wenigstens gelesen haben. Und auch dann nur vielleicht.