Neil Gaiman, The Sandman

By | 23.4.2007

School Matters schreibt über FORA.tv („so etwas wie YouTube auf intellektuell“) und verweist auf eine Videoaufzeichnung mit Neil Gaiman: An Evening’s Entertainment with Neil Gaiman celebrating Fragile Things: Short Fictions and Wonders. Tolle Sache, sowohl FORA.tv als auch Neil Gaiman.

Ich lese im Moment wieder die Sandman-Reihe (von Gaiman), in der Hoffnung, doch einmal einen Band in der Schule verwenden zu können. The Sandman erschien in 75 Heften von 1989 bis 1996. Gesammelt wurden die Hefte in zehn Bänden (also doch ein Amazon-Link, etwa 15 Euro pro Band).

The Sandman ist eine tolle Serie: Alles geschrieben von Gaiman, wechselnde Zeichner, phantastische Titelbilder von Dave McKean, so schön, dass sich auch der Extraband nur mit den gesammelten Titelbildern lohnt.
Die ersten Sandman-Geschichten sind Grusel- oder Horrorgeschichten. Später werden sie märchenhaft-phantastisch, aber auf eine Art, die gar nichts mit Tolkien zu tun hat. Alle sind poetisch. Manche Geschichten sind Vignetten, die meisten sind fortlaufende Geschichten in fünf oder sechs Episoden, und zusammen gehalten wird alles durch die Rahmenerzählung – die im Lauf der Serie immer mehr zur Haupthandlung wird – um Morpheus, den Herrn der Träume, und seine merkwürdige Familie.

Die Entstehungsgeschiche des Sandman ist angenehm kompliziert – angenehm für Leute wie mich, die gerne in der S-Bahn Kollegen belabern. Ende der 1930er bis Mitte der 1940er Jahre war das Golden Age der Superhelden-Comics: Auf der DC-Seite mit Superman, Batman und Wonder Woman, mit den nicht ganz so bekannten Green Lantern und The Flash. In den 50ern gab es nur wenige Superheldencomics, und erst Anfang der 60er begann – ausgehend von Stan Lee und Marvel Comics – das Silver Age: Mit Spider-Man, den Fantastischen Vier, den X-Men, dem Hulk. Und auch DC hatten ihre alte Helden herausgekramt, Green Lantern und the Flash eine neue Identität und ein neues Kostüm verpasst, und nach und nach wurden viele der Golden-Age-Helden wiederbelebt: Green Arrow, Hawkman, Dr Fate, Hourman, Starman. 1974 versuchte Jack Kirby das gleiche mit dem in Vergessenheit geratenen Golden-Age-Sandman, ohne großen Erfolg.
Erst Gaiman verknüpfte die verschiedenen Sandman-Gestalten zu einer Geschichte, baute darauf seine Gestalten auf und löste sich dabei weit vom Rest des DC-Universums. Aber schön ist, wie er Dunsany und Cabell und DC-Helden und viele Gestalten aus verschiedenen Mythologien einbaut

Band 1: Preludes & Nocturnes. Schöne Grusel-Anthologie. Noch relativ eng am DC-Universum; leider zum Schluss zu grauslich, als dass ich das in der Schule lesen wollen würde. Aber gut. Wunderbares Duell in der Hölle.

Band 2: The Doll’s House. Vorwort von Clive Barker. Zusammenhängende Handlung, teilweise Rückgriffe auf den ersten Band, kann man aber auch ohne verstehen. Mitunter recht grauslich (the Corinthian: ein entlaufener Alptraum), aber auch sehr, sehr witzig. Der Kongress mit den verschiedenen Podiumsdiskussionen ist unschlagbar.

Band 3: Dream Country. Vier einzeln zu lesende Geschichten, Morpheus selber ist in allen nur Randfigur. Vor allem die erste Geschichte um Kalliope gefällt mir, die Muse, gefangen in Griechenland und jetzt von Autor zu Autor weitergereicht. Die dritte ist eine Variante auf Shakespeare’s Midsummer Night’s Dream, für die Gaiman einen World Fantasy Award bekam. Mit Schülern wohl ganz gut lesbar.

Band 4: Season of Mists. Vorwort von Harlan Ellison. Morpheus kriegt den Schlüssel zur Hölle, weil Luzifer nicht mehr will, und Gestalten aus allen möglichen Mythologien bitten Morpheus um die Übergabe dieses reizvollen Stückchens Land. Keiner meiner Favoriten.

Band 5: A Game of You. Vorwort von Samuel R. Delany. Zusammenhängende Handlung. Vielleicht ein bisschen zu verwirrend für Schüler. Ein Haus voller kurioser Gestalten und ein Traumland, das Gefahr läuft, zerstört zu werden.

Band 6: Fables & Reflections. Vorwort von Gene Wolfe. Acht einzeln zu lesende Geschichten: Eine um Kaiser Norton (Kaiser der USA, wohlgemerkt – kennengelernt habe ich Norton über Illuminatus, und später habe ich auch mal eine Bonanza-Folge mit ihm gesehen); eine Einwanderergeschichte aus der alten Welt (Großpapa erzählt Enkelin, wie es wirklich war); Kaiser Augustus; die französische Revolution; eine Geschichte, die auf einer kurzen Passage aus den Reisen des Marco Polo basiert und die mich dazu gebracht hat, meine englischsprachige Marco-Polo-Ausgabe aus dem Regal zu holen und darin zu stöbern. (Das macht Spaß. Mehr als WWW danach zu suchen. Das wird in zehn Jahren vielleicht anders sein, aber solange ein Buch in meiner Bibliothek steht, greife ich lieber dazu als mich mit einer Suchmaschine herumzuschlagen.) Eine Geschichte um Orpheus, eine um Baghdad. Doch, auch geeignet für die Schule.

Band 7: Brief Lives. Vorwort von Peter Straub. Zusamenhängende Handlung, aber natürlich episodenhaft. Dream und Delirium machen sich auf die Suche nach dem verlorenen Familienmitglied; zwischendrin begegnen sie vielen Leuten. Orpheus‘ Schicksal klärt sich und Morpheus‘ deutet sich an. Für die Schule wenig geeignet.

Band 8: World’s End. Vorwort von Stephen King. Ein Gasthof am Ende der Welt als Rahmenhandlung; die Gäste erzählen Geschichten, beste Novellentradition. Sandman und seine Familie spielen nur am Rande mit, aber man trifft einige Gestalten aus vorhergehenden Bänden wieder. Sehr schöne Geschichten, aber zu wenig Sandman für die Schule.

Band 9: The Kindly Ones. Das wohl unzugänglichste, auch das dickste Buch. Morpheus und die Furien.

Band 10: The Wake. Eine wirklich schöne Geschichte um Hob Gadling, der inzwischen hunderte von Jahren alt ist, auf einer Renaissance Fair („Mittelaltermarkt“ heißt das bei uns). Ansonsten viel Epilog und schon deshalb nichts für die Schule.

Am liebsten würde ich mit Band 1 einsteigen, aber der ist zu grauslich. Also doch 2, 3 oder 6? Es gibt außerdem noch einige Sandman-Anthologien und Spinoff-Serien.


9 thoughts on “Neil Gaiman, The Sandman

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  2. philosophus

    Ich hab mir jetzt doch „The Absolute Sandman Vol. I“ gekauft, und muss meine frühere Auffassung revidieren; keine double dipping, sondern eine sehr schöne Edition mit einem kleineren Makel: es ist sehr großformatig und nicht jedem Panel bekommt diese Vergrößerung. Aber sonst: einfach toll.

  3. Herr Rau Post author

    Grummel… vielleicht könnte ich die Paperbacks dann ja verschenken, vier Bände Absolute dürften ja alles enthalten. Ich warte noch, bis ich einmal einen Blick reinwerfen darf, dann bin ich vermutlich auch so weit.

    Nachtrag: Okay, ich bin auch überzeugt. Sehr schönes Buch.

  4. Pingback: Gelesen. Gaiman. - ats20.de

  5. Herr Rau Post author

    Ein Bild aus Sandman Nr. 22 (script Neil Gaiman, art Kelley Jones) erklärt vielleicht, warum ich die Serie so schätze:

    Diese nie geschriebenen Bücher stehen in Morpheus‘ Bibliothek. Über Chesterton, Wodehouse und Cabell habe ich schon geschrieben; Kipling, Chandler, Doyle und Dunsany sind jeweils angefangen, aber noch nicht beendet. Ich mag diese Autoren. Dickens habe ich viel gelesen, Carroll schon auch, aber der reizt mich nicht zum Schreiben. (Erasmus Fry ist eine Figur aus der Sandman-Handlung.)

    Siehe auch die Invisible Library: Listen von Bücher, die es nur innerhalb von anderen Büchern gibt.

  6. Igoretta

    Vermutlich ist das ganze schon viel zu spät, allerdings fand ich den Einzelband, der sich mit Death beschäftigt, sehr ansprechend.
    Enthalten sind mehrere kurze Geschichten, die erste erzählt wie Death ihren Tag als sterblicher Mensch auf der Erde verbringt.

    Leider besitze ich nur die in Deutschland erschienene Version, ich weiß nicht wie das mit den englischsprachigen Veröffentlichungen aussieht.

  7. Herr Rau Post author

    Es gibt sogar zwei Death-Einzelbände. Sie gefallen mir gut, aber lange nicht so gut wie die Serie selber. Daneben gibt es noch weitere Spinoff-Bände zur Serie, die aber nicht mehr von Gaiman geschrieben sind.

  8. teacheridoo

    Auch nicht schlecht: Da google ich gerade was bzgl. Sandman Band 10 und wo lande ich? Beim Herrn Rau auf dem Blog. :)
    (Und ausgerechnet meinen Lieblingsband – Band 4: Season of Mist – mag er nicht. Tsssss… ;-))

    Haben Sie Sandman inzwischen in der Schule mal verwenden können? Und falls ja, wie und wie kam es an?

    Viele Grüße,
    Teacheridoo, die mal weitergoogelt

  9. Herr Rau Post author

    Ich habe seitdem kein Englisch mehr unterrichtet, hatte also gar keine Gelegenheit, das im Unterricht zu machen. (Sandman tauchte aber bei einer Deutsch-Facharbeit zum Sandmann-Motiv auf.)

    Band 10: Irgendwann mache ich noch mal eine Liste aller Begräbnis-Besucher, weil ich mich immer so freue, wenn ich die Leute erkenne.

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