Fast alles über Intensivierungsstunden

Die Intensivierungsstunden gelten als zentrales Element des G8. Bei manchen Leuten. Je nach Jahrgangsstufe hat jede Klasse davon meist zwei in der Woche; während dieser Stunden ist die Klasse geteilt, die Gruppen sind also nur halb so groß. Das gilt als gut fürs Arbeiten. In Intensivierungsstunden wird kein regulärer Fachunterricht gehalten, man macht keine Noten, es gibt keine Hausaufgaben, es wird kein neuer Stoff behandelt

Stattdessen sind die Stunden bis einschließlich der 8. Klasse ein bisschen für alles da: Alten Stoff wiederholen, Lücken schließen, Dinge tun, zu denen man sonst nicht kommt – englische Konversation oder Rollenspiele etwa. Ich kenne keine Untersuchung darüber, wie produktiv das wirklich ist.

Die Schule kann selber entscheiden, in welchen Fächern intensiviert wird. Natürlich balgen sich die einzelnen Fächer um die Intensivierung: Jedes betont, wie wichtig es selber gerade in dieser Jahrgangsstufe ist. Da muss die Schulleitung entscheiden. Man kann auf diese zwei Stunden auch drei oder vier Fächer verteilen, dann glaubt jedes Fach, ein Stück vom Kuchen abgekriegt zu haben. Allerdings müssen diese Fächer dann im Wechsel stattfinden, so dass ein Schüler in der einen Woche etwa in Mathe und Deutsch, in der anderen in Kunst und der 2. Fremdsprache intensiviert wird. Man sieht sich also nur alle vierzehn Tage. Das halte ich für wenig sinnvoll.

Auch für Lehrer sind diese Stunden ein besonderes Zuckerl, eben wegen des fehlenden Notendrucks und der kleinen Größe. Der Intensivierungslehrer kann derselbe Lehrer wie im regulären Fachunterricht sein oder nicht. Am Anfang dachte ich, es sei vielleicht sinnvoll, wenn es nicht derselbe Lehrer ist: Wenn man ein Englischphänomen beim einen Lehrer nicht verstanden hat, ist die Erklärung durch einen anderen eine zweite Chance. Allerdings hat sich herausgestellt, dass das nicht so ist. Wenn man nur Intensivierungslehrer ist, also nicht im Fachunterricht, dann sieht man die Schüler einmal pro Woche, lernt sie kaum kennen, wird nicht ernst genommen, weiß (bei aller Kommunikation mit dem regulären Fachleher) doch nicht immer genau, was die Schüler gemacht haben oder wo Probleme sind. Käse also.

Jetzt haben das G8 und damit die Intensivierungsstunden die 9. Jahrgangsstufe erreicht, und damit geschieht etwas Neues. Ich habe mir mal die GSO (Gymnasiale Schulordnung) etwas angeschaut. Dass das die aktuelle Fassung ist, kann ich nicht garantieren; es ist jedenfalls die, die man bei der Servicestelle der Bayerischen Staatsregierung findet.

Anlage 2 enthält die Stundentafeln am Gymnasium, und zu ihr gibt es einige interessante Fußnoten:

16) In den Jahrgangsstufen 9 und 10 sind die Intensivierungsstunden nur für Schülerinnen und Schüler mit besonderem Förderbedarf verpflichtend (z.B. Schülerinnen und Schüler, die auf Probe vorrücken oder deren Vorrücken gefährdet ist). Sofern die Schülerinnen und Schüler keinen besonderen Förderbedarf haben, steht es ihnen frei, ob und inwieweit sie die Intensivierungsstunden in Anspruch nehmen wollen. Dadurch können sie ihre wöchentliche Unterrichtszeit auf 35 oder 34 Stunden reduzieren.

Das heißt, dass leistungsmäßig gute Schüler nach Hause gehen dürfen (wenn sie das wollen – aber wer wollte das bei 6 Nachmittagsstunden nicht), während die anderen intensiviert werden – also eine Art Nachhilfe bekommen. Das finde ich sogar sinnvoll. Natürlich können die Schulen auch Intensivierungsunterricht für die guten Schüler anbieten. Wenn sich da mal genug finden, die nicht lieber doch nach Hause gehen.

Fragt sich ansonsten noch, wer alles als Schüler mit Förderbedarf gilt, denn die müssen schließlich zwei Nachmittagsstunden mehr haben. Jeder mit einer Fünf im letzten Zeugnis? Einer Vier? Immerhin bekommen die Zeugnisnoten dann einen zusäzlichen motivierenden Sinn: “Ach menno, ich habe wieder zwei Vierer, das sind zwei Extrastunden nächstes Jahr.”

13) Eine Sportstunde kann von der Jahrgangsstufe 7 in die Jahrgangsstufe 5 oder 6 verlegt werden.

In der Unterstufe gibt es jeweils eine dritte Intensivierungsstunde in Sport. Das führt zu Sport-Einzelstunden am Nachmittag. Fußnote 13 sagt, dass man sich in der 7. Klasse mit zwei regulären Stunden Sport begnügen kann (es bleiben drei Stunden Nachmittagsunterricht), wenn man dafür in der 5. oder 6. Klasse eine zusätzliche Doppelstunde Sport hat (statt einer Einzelstunden; dafür hätte man in der 5. zwei Nachmittagsstunden statt einer oder in der 6. vier statt drei).

14) Die dritten Sportstunden in den Jahrgangsstufen 8 bis 10 können Profil verstärkend eingesetzt werden (z.B. Tanz, Pantomime, Bewegungskünste). Sie können auch ganz oder teilweise in die Unterstufe verlagert werden.

Fußnote 14 ist insofern interessant, als es diese Fußnote zwar gibt, aber keinerlei Stelle, die sich auf diese Fußnote bezieht. Das ist entweder eine verwaiste Fußnote aus einer früheren Fassung, oder sie gehört als Ergänzung zu Fußnote 13, oder ich bin zu blöd.

15) Eine der drei Intensivierungsstunden in den Jahrgangsstufen 5 und 6 darf mit dem Fachunterricht verbunden werden, indem die vorgesehenen zwei Lehrerstunden (je Intensivierungsstunde) zur Teilung von Klassen im Fachunterricht (vor allem in den Kernfächern, aber auch in Natur und Technik) verwendet werden.

Diese Regelung heißt, dass man statt einer geteilten Stunde Englischintensivierung auch eine geteilte Stunde Englischnormal haben kann, mit Stoff und Noten und so. Wenig sinnvoll.
– Wenn das mal nicht unsere Biolehrer erfahren. Die jammern eh ständig, dass sie so in Natur und Technik nicht arbeiten können. Und ich könnte das auch für den NuT-Informatikunterricht begründen: Dann hätte ich in meinem einstündigen Fach nur noch 17 Schüler statt 33. Dann könnte ich auch besser arbeiten.

11 Gedanken zu “Fast alles über Intensivierungsstunden

  1. > während dieser Stunden ist die Klasse geteilt, die Gruppen sind also nur halb so groß. Das gilt als gut fürs Arbeiten.

    Dabei hat das Ministerium doch erst vor kurzem wieder verkündet, dass die Klassenstärke überhaupt nichts mit Unterrichts- bzw. Lernqualität zu tun hat. Irgendwie nicht ganz schlüssig ;-)

  2. Herr F on 7.9.2007 at 11:17 sagte:

    Anmerkung No.1: Wenn nur noch ein (kleiner? – wer will den schon zusätzlichen Unterricht) Teil der Neuntklässler intensiviert werden will, dann werden viele dafür vorgesehene Stunden sicherlich bald wieder eingezogen. Die Schüler mehrerer Klassen werden zusammengefasst, da für 1-5 Schüler eine Lehrerstunde als “Verschwendung” erscheint (insbesondere in den Mangelfächern). Dadurch ist es automatisch so, dass ein “fremder” Lehrer intensiviert und alle betroffenen Lehrer müssen ihr Vorgehen aufeinander abstimmen – oder (und?) diese punktuelle Nachhilfe/Förderung bringt weniger.

    Anmerkung No.2: Überhaupt sind die Intensivierungsstunden das erste “Opfer” von Erkrankungen/Schwangerschaften etc. – es sind zu Schuljahresanfang alle Stunden besetzt (die Pressestelle des KM ist glücklich) und wenn im Verlauf des Jahres (natürlich) kein Ersatz aufzutreiben ist wird aus der geteilten Klasse zwanglos wieder die volle Zahl von (33) Kindern – aber formal ist das “Herzstück des G8″ noch intakt…

    Anmerkung No.3: Bei allem positiven Aspekten für Schüler und Lehrer haben auch die Lehrer Kröten zu schlucken: Bei jeder Teilung der Klasse müssen zwei Lehrer gleichzeitig Zeit haben. Wenn die 2. Fremdsprache in nicht sprachhomogenen Klassen intensiviert werden oder wenn es solche zusammengefassten 9-Klässlergruppen sind, sind es auch mal 4 Kollegen. Ist einmal eine gemeinsame Stunde für diese gefunden, ist sie praktisch nicht mehr verschiebbar – wenn dann die Lehrkraft partout vorher/nachher keinen Unterricht machen kann entstehen zusätzlich Hohlstunden oder “einsame Nachmittage” (nur für eine 10. Stunde mal wieder in die Schule fahren, nachdem der Vormittagsunterricht z.B. nach der 5. Stunde endete). Für eine vernünftige Gestaltung der Arbeitszeit sind solche Stundenpläne immer weniger geeignet.

  3. thomas on 9.9.2007 at 17:56 sagte:

    Anm. 14 gibt es doch: C. Musisches Gymnasium (achtjährige Form – MuG) –> Sport

  4. Danke schön! War ich doch zu blöd.

    Re Anmerkung 1: Ja, dann wid fremdintensiviert, wieviel diese Stunde bringt, bleibt zu sehen.
    Re Anmerkung 2: Kam bei uns noch nicht vor, klingt aber wahrscheinlich.
    Re Anmerkung 3: Ja. Allerdings hat unsere Schule erst vor zwei Jahren auf sprachhomogene Klassen umgestellt, da haben wir ein bisschen Luft, denn die F/L-Kopplung war ja noch schlimmer.

  5. Bianca on 11.9.2007 at 16:20 sagte:

    Ich finde es lustig, informativ, und irgendwie auch ein bisschen skurril, als Schüler eines bayrischen Gymnasiums über einen Lehrer-Blog gestolpert zu sein.
    Wenn ich allerdings genauer darüber nachdenke finde ich es aber auch bewundernswert, dass die Lehrer das neue Medium Internet jetzt auch endlich für sich entdeckt zu haben, und es ist schön, auch mal Lehrer-Meinungen zu Themen zu lesen, über die sonst in der Schule nur wenig bis gar nicht geredet wird.
    Bleibt nur zu wünschen, dass auch unsere, weitestgehend etwas konservativ eingestellten Lehrer, sich auch mal so umfassend über diverse Regelungen informieren oder vielleicht sogar zu bloggen beginnen.
    Ich glaube jedenfalls, ich füge den Blog meinen Favoriten hinzu.
    Tolle Sache!

  6. Würde mich freuen!

  7. Sabine on 22.9.2007 at 10:33 sagte:

    Möchte mich gerne meiner Vorrednerin Bianca anschließen.
    Ich finde diesen Blog klasse ! Als Mutter zweier Schüler am G8 wird für mich das
    Mysterium Gymnasium doch etwas durchschubarer.Herzlichen Dank für die Einblicke.

  8. Sabine on 22.9.2007 at 10:35 sagte:

    Hilfe, ein a ist verlorengegangen! Sollte natürlich durchschaubarer heißen.

  9. Moe on 14.1.2013 at 13:58 sagte:

    Herr Rau, was hat sich denn an dieser Front getan?
    Gibt es die Intensivierungsstunden in dieser Form noch? Auch in der Oberstufe? Oder wurde etwas geändert?

  10. Klar gibt es die Intensivierungsstunden noch, das Kernstück des G8. Ohne die wären Bayerns Schulen aufgeschmissen.

    Denn in diesem Jahr müssen viele Lehrer 23,5 Stunden unterrichten. (Senkung der Abreitszeit, beamtenrechtliche Vorgabe.) Und diese halbe Stunde ist schwer umzusetzen – im ersten Halbjahr eine vierstündige Klasse, im zweiten eine dreitstündige, über Kreuz mit einem Kollegen getauscht. Umständlich. Oder, hey presto, jeder Kollege macht ein halbes Jahr eine Intensivierungsstunde. So kriegt jeder seine 0,5 Stunde.

    Wie gesagt, was würden wir nur ohne Intensivierungsstunden machen.

    Ernsthaft: Wie sinnvoll man dieses Werkzeug einsetzt, ist sicher von Schule zu Schule unterschiedlich. (Pause. Viel verkniffen.) Insgesamt dürfte es eher nutzlos sein.

  11. Moe on 15.1.2013 at 16:36 sagte:

    Sehr, sehr schade. Das Konzept klingt nämlich in der Tat unglaublich sinnvoll! Aber die Umsetzung hört sich ja geradezu apokalyptisch an :(

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