Wieso Herr Rau seinen Bart abrasierte
Mittwoch, 27. August 2008Beim Aufräumen bin ich auf eine Mappe mit Schülertexten gestoßen – Mindmaps, Zeichnungen, und vor allem eine ganze Reihe der Sagen, die Ende 1999 eine 6. Klasse geschrieben hatte. (Beispiele hier und hier.) Eine dieser Erklärungssagen ist vielleicht von besonderem Interesse, weil sie zeigt, wie Schüler sich das Privatleben eines Lehrers vorstellten.
Der Text ist nicht korrigiert, war mit dem Computer geschrieben.
Der Bart ist ab
Wie ihr alle wißt, hatte Herr Rau vor ein paar Monaten einen kleinen Bart. Doch dann war er auf einmal verschwunden: Und das kam so:
Herr Rau saß mit seinen drei Freunden, an einem Samstagabend, in einer Kneipe. Alle drei waren schon ein bißchen beschwipst. Sie witzelten herum und plötzlich sagte Herr Rau: “Mein Bart wächst bestimmt schneller als eurer.” Die Freunde gingen darauf ein und sagten: “Vielleicht wächst er schneller als unserer, aber in einer Woche wächst er bestimmt keine fünf Zentimeter.” “Das schaffe ich bestimmt, das wette ich,”, erwiderte der Deutschlehrer fest davon überzeugt. “Okay, schließen wir eine Wette ab. Wenn dein Bart in einer Woche fünf Zentimeter wächst, gibt dir jeder von uns ein Essen aus, wenn du verlierst gibst du uns ein Essen aus, abgemacht?” “Na klar, das gewinne ich locker.”
Am nächsten Morgen hatte er die Wette schon vergessen. Tags darauf begann wieder die Schulwoche, erst am Donnerstag sah er seine Freunde zum Tennisspielen wieder, so kam es , daß er nicht mehr an die Wette dachte.
Am Donnerstag, auf dem Tennisplatz, sagten seine Freunde: “Da muss aber morgen noch ein kleines Wunder geschehen, wenn der Bart noch wachsen soll.” Plötzlich erinnerte er sich wieder an die unsinnige Wette. Zuhause überlegte er sich fieberhaft, wie sein Bart in der kurzen Zeit noch fünf Zentimeter wachsen soll. Da fiel ihm das Internet ein. Er klickte die Yahoo-Suchmaschine an und gab ein: “schneller Bartwuchs.” Der Computer hatte insgesamt 50 verschiedene Informationen gefunden. Er schaute sich alle an und fand ein Rezept. Da stand:
Zutaten: Jeweils zwei Blätter des Pfaffenhütchens, des Fünffingerkrauts, des Engelsüß und ein Blatt von der Zauberhasel. Vier Tropfen Arnikatinktur, fünf Teelöffel Heilerde und zwei Teelöffel Wasser.
Die Blätter klein hacken und in eine kleine Schüssel geben. Dann das Wasser in dieselbe Schüssel schütten und darunter die Heilerde mischen. Und zum Schluß die Tropfen der Arnikatinktur hinein tropfen.
Den ganzen Brei ca. zwei Stunden stehen lassen.In der Nähe von Herrn Rau’s Haus ist ein kleiner Kräuterladen. Dort bekam er alles was er benötigte, außer ein Blatt von der Zauberhasel. Vor dem Laden steht ein Haselnußstrauch, davon zwickte er sich ein Blatt ab. Zuhause stellte er alle Zutaten auf den Küchentisch und fing an den Brei zu mixen. Als die Masse fertig war, trug Herr Rau sie auf seinen Bart. Er ließ sie einige Minuten einwirken. Dann spülte er sein Gesicht unter kaltem Wasser ab und dachte: “Jetzt wird mein Bart sprießen!” Doch im Gegenteil, plötzlich waren seine Bartstoppeln im Waschbecken und auf seiner Hand. Er schaute in den Spiegel. Der Bart war weg. “Irgendetwas muß ich falsch gemacht haben,” sagte er laut. Er schaute noch einmal auf der Internetseite nach. “Mist”, rief er, “Ich habe Zauberhasel mit Haselnuß verwechselt.” Dieser kleine aber feine Unterschied hat das Bartwuchsmittel zum Enthaarungsmittel gemacht. Da die Geschäfte schon geschlossen waren und er sich keine neuen Kräuter mehr besorgen konnte, blieb ihm nichts anderes übrig, als seinen Freunden ein Essen zu spendieren.
Er hatte die Wette verloren und damit auch die Lust auf einen neuen Bart, weil seine Freunde in wegen seiner “Bart-Angeberei” verspotteten.
ENDE


Schöne Geschichte.
Nett finde ich: “Herr Rau saß mit seinen drei Freunden, an einem Samstagabend, in einer Kneipe. Alle drei waren schon ein bißchen beschwipst.”
1+3=3 ???
Damit sind natürlich die Freunde gemeint. Vorbildliche Lehrer trinken maximal Apfelsaft in einer Kneipe.
Obwohl das Risiko, dass der Apfelsäft gegoren hat (gegoren ist?), eigentlich zu groß für vorbildliche Lehrer in Kneipen ist.
Stimmt! Das löst die Situation :-)
Wie konnte ich nur davon ausgehen … aber klar: Apelsaft … oder um der Gärgefahr vorzubeugen eben Mineralwasser.
Najaaa….
…da muss sich der vorbildliche Lehrer aber sehr einschränken! Reife Bananen und Kefir zB haben 1% Alkohol!! *böseböse*
Auch wenn es laut Wikipedia damals Google schon gab, war es wohl noch nicht als Suchmaschine etabliert. Ich habe damals mit alltheweb.com gesucht, das weiß ich noch.
– Mir fiel auf, dass alle Geschichten aus der 5. und 6. Klasse, die ich hier poste, schon so alt sind. Ich habe mal nachgeschaut, und meine letzte 5. oder 6. Klassen in Deutsch war tatsächlich 2000/2001. Seitdem habe ich nur Englisch-Anfänger gehabt. Ich sollte mir mal wieder welche in Deutsch wünschen, aber kommendes Schuljahr werde ich voraussichtlich nur den Leistungskurs haben.
Ich habe noch einen zu diesem Thema gefunden. Abgetippt, unverbessert, alle Kommas und Fehler so gelassen – es sind wenige. Er wirkt ein bisschen plötzlich abgebrochen.
Auch die Absätze und Leerzeilen habe ich so gelassen. Vor allem letztere sind tatsächlich ein Problem: Manche Deutschlehrer mögen sie (ich), andere schreiben regelmäßig an den Rand: “Keine Leerzeilen!!!” Ja, manchmal mit mehreren Ausrufezeichen. Wir haben das noch nie in einer Fachsitzung zum Thema gemacht, ist wohl auch zu unwichtig, wenn auch unnötig verwirrend für Schüler.
Ich jedenfalls bin für Leerzeilen.
(Von dem Schüler habe ich vor allem in Erinnerung behalten, dass er in der 6. Klasse ein tolles Referat über Funk gehalten hat. Komplett mit dem Unterschied zwischen Frequenzmodulation und Amplitudenmodulation. Schön, wenn Schüler ein Spezialgebiet haben.)
Bin ich die Schülerin, die diesen Artikel schon entdeckt hat? x)
Ja, schon…
Aha
Wie hat ihnen der Film gefallen? Ich lese gerade das Buch, aber das ist ganz anders.
Ich schreibe gerade einen Eintrag dazu, den will ich morgen veröffentlichen.
Ich hab den Artikel gerade gesehn.
Hallo Herr Rau,
ich bin ein Ex-Kollege im Ruhestand und nehme mir deshalb die Freiheit, mein Schreiben mit “ich” zu beginnen. Sie tun es ja auch schon. Ich nehme mir sogar die Freiheit, Sie zu fragen, ob Ihre Kopfbedeckung aus einem bestimmten Grund Ihr Haupt ziert.
Egal, ich stelle Ihnen einfach die Faustsche Gretchenfrage und erweitere diese noch aus aktuellem Anlass: Mein Sohn, wie hältst du’s mit dem Zölibat oder Coelibat ? (Orthogr…)
Mfg. Opa Wohlgemuth oder Gisbert Erzner, wie Sie möchten.
Gegen “ich” am Anfang habe ich nichts, bei mir dürfen die Schüler auch Farbadjektive steigern und was dergleichen Lehrerregeln mehr sind.
Bei der Kopfbedeckung musste ich etwas rätseln… geht es um das Foto neben den Kommentaren? Das sieht so ein bisschen nach Kippa aus, gibt’s da auch was Katholisches, das so aussieht? So oder so war diese Kopfbedeckung einfach Anfang der 1970er Jahre an der Adria der letzte Schrei unter den modebewussten Fünfjährigen.
(Das Portraitbild begleitet mein Internetdasein schon seit Jahren. Mehr wegen des Brille als wegen der Kopfbedeckung.)
Aber zur Gretchenfrage: bekennender, aber nur mäßig missionierender Atheist. Zum Zölibat in der katholischen Kirche habe ich eine Meinung, aber die gehört in einen eigenen Blogeintrag.