Einmal Sprachgeschichte bitte

By | 8.4.2009

Osterferien.

Das war eine Sequenz zur Sprachgeschichte im Leistungskurs Deutsch, Ende Januar/Anfang Februar. Der Blog-Eintrag ist wieder recht lang, er wäre vielleicht weniger erschreckend, wenn ich eine Serie daraus machte, aber ich fasse lieber alles auf einer Seite zusammen, falls ich das mal wiederholen will.

Kapitel 1: Das Rätsel

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(Quelle: Bernard Victorri, „Die Debatte um die Ursprache“, in: Spektrum der Wissenschaft. Dossier: Die Evolution der Sprache. Nachdruck 4/2001, p. 17)

Teilen Sie die angegebenen neun Sprachen A-I in Familien und Unterfamilien ein, indem Sie die Form der 13 in phonetischer Umschrift gegebenen Wörter vergleichen und nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden suchen.

Immerhin, die Schüler machten das ganz gut. Einige hatten zu Hause und mit Hilfe des Web herausgefunden, dass die eine Sprache Altgriechisch ist, die andere Latein, eine dritte Awestisch. („Herr Rau, was ist denn Awestisch?“) Auch die Einteilung, welche Sprachen zusammengehören und welche nicht, fällt auf der obersten Ebene leicht: Eine Sprache von A bis I steht isoliert, zwei sind nur miteinander verwandt, und die restlichen sechs sind mehr oder weniger eng miteinander verwandt. Da kann man auch Unterfamilien bilden, aber das ist schwerer.

Und damit die Schüler nicht jede mehr oder wenige große Ähnlichkeit als Beweis für Verwandtschaft nehmen:

Es gibt mehrere mögliche Erklärungen, warum sich Wörter verschiedener Sprachen ähneln:

1. Zufall
2. Onomatopoesie (also Imitation eines natürlichen Geräusches)
3. Entlehnung
4. Verwandtschaft

Kapitel 2: Der Stammbaum

Manche Sprachen sind also irgendwie miteinander verwandt. Das ist sehr bunt illustriert in diesem (nicht ganz vollständigen) Stammbaum der indoeuropäischen Sprachen. Wenn man den Schülern im LK zeigt, haben die von selbst genug Fragen dazu, die sie gerne beantwortet hätten:

(Quelle: Wikipedia, multiple authors, CC-BY-SA)

(Ursprünglich gab es hier ein anderes Bild, das ich aus urheberrechtlichen Gründen dann doch entfernt habe.)

Der Stammbaum ist insofern irreführend, als Sprachen sich nicht wie Tierarten verändern: Völlig unverwandte Sprachen können sich gegenseitig beeinflussen, überhaupt gibt es ständig gegenseitige Beeinflussung, und Wortschatz, Grammatik und Lautung können sich unabhängig voneinander entwickeln.

— Wenn Zeit bleibt, kriegen die Schüler noch zwei Lieder zu hören. Zum Eingewöhnen „Nunc hic aut numquam“ von Doctor Ammondt, eine lateinische Version von „It’s now or never“. Den Text parallel dazu Latein/Englisch mit Folie oder Beamer an die Wand.
Aber vor allem kommt es mir auf das zweite Lied an: Zuerst hören die Schüler zumindest den Anfang von „Blue Suede Shoes“: „Well, its one for the money / Two for the show / Three to get ready / Now go, cat, go.“ Danach die Version von Doctor Ammondt in rekonstruiertem Sumerisch, anders und mit anderem Rhythmus arrangiert.
Rückübersetzt aus dem im Booklet abgedruckten sumerischen Original lauten die ersten Zeilen „Well, silver is one thing / show is another / to get ready is three / now, cat, go!“ Eines der wenigen Lieder, das in meiner mp3-Sammlung das Genre „Unclassifiable“ gekriegt hat.

Kapitel 3: Sprache im Wandel

Der Stammbaum enthält viele Sprachen und viele Verzweigungen. Deshalb haben wir uns als Nächstes angeschaut, was denn eine Sprache von einer anderen unterscheidet, was denn an diesen Verzweigungen passiert ist. Dazu war es sinnvoll, erst einmal zu sehen, dass die Abgrenzung zwischen Dialekt und Sprache fließend ist:

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Wie entwickeln sich Sprachen aus anderen Sprachen? Über (regionale, auch soziale) Varianten, die sich immer weiter voneinander entfernen, bis es irgendwann sinnvoll ist, sie als eigene Sprachen zu bezeichnen. Oft ist es eine politische Entscheidung, was als Dialekt und was als eigene Sprache gesehen wird, siehe etwa die Unterscheidung zwischen Urdu und Hindi.

Ein Blick aufs Detail: In welcher Weise können sich Wörter verändern? Auf verschiedene, und natürlich verändert sich auf Flexion und Syntax, aber für den Anfang reicht die Unterscheidung in lautliche Form und Bedeutung:

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Die Bedeutungsänderung könnte man noch aufteilen in Bedeutungsverengung und -erweiterung, -verbesserung und verschlechterung. Mir reichen die ersten beiden Begriffe.

Wenn sich ein Wort sowohl inhaltlich und lautlich sehr weit vom einem früheren Stadium entfernt hat, ist die Verwandtschaft fast nur zu erkennen, wenn man die Zwischenstufen kennt.

Die lautliche Veränderung schauten wir uns dann noch einmal im Detail an:

Kapitel 4: Systematischer Sprachwandel

Da als nächste Unterrichtssequenz die Romantik anstand, wolle ich gleich mal die Brüder Grimm und deren deutsches Wörterbuch vorstellen. Mit der Romantik beginnt das Interesse an der Literatur des deutschen Mittelalters und damit auch die Untersuchung der Sprache des Mittelalters: Die Wissenschaft der Germanistik entsteht. Das kann man sich so vorstellen, dass Wilhelm und Jacob Grimm (und andere natürlich auch) jede Menge alter Handschriften lesen und sich auf Notizzettelchen jeweils herausschreiben, was welches Wort bedeutet. Die sehen dann etwa so aus:

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(„Ooo, schöne Schrift, Herr Rau.“)

Und dann haben Jacob und Wilhelm Grimm die Zettelchen miteinander verglichen und dabei gewisse mehr oder wenige systematische Unterschiede gefunden. Das sollten die Schüler anhand von Arbeitsblättern ein wenig nachvollziehen. Noch schöner wäre es gewesen, wenn ich tatsächlich viele Karteikärtchen mit verwandten Wörtern verschiedener Sprachen verteilt hätte. Aber erstens war mir das zu viel Schnipselarbeit, zweitens hätten die Schüler dann deutlich länger gebraucht. Vielleicht mache ich das noch mal, möglicherweise in Abwandlung der Mystery-Methode.

Die 2. Lautverschiebung

Versetzen Sie sich in die Lage eines Sprachhistorikers zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Sie arbeiten mit alten Manuskripten in verschiedenen Sprachen. Es fallen Ihnen Ähnlichkeiten zwischen der Lautform von vielen Wörtern dieser Sprachen auf.
Dabei stellen Sie fest, dass sich die niederdeutschen und (alt)englischen Wörter noch mehr als die (alt)hochdeutschen Entsprechungen ähneln. Sie wollen herausfinden, woran das liegt.
Sie beschließen, aus den vielen Einzelfällen allgemeine Regeln abzuleiten. Benutzen Sie das dazu vorbereitete Wortmaterial. Denken Sie beim Regelbilden stets daran, dass eine erste Hypothese nicht alle Fälle abdecken muss; scheinbare Ausnahmen kann man bei der Verfeinerung der Regeln mit einbeziehen.
Wenn Sie die Regeln gefunden haben, dann haben Sie die Regeln der 2. oder hochdeutschen Lautverschiebung entdeckt – eine systematische Veränderung bestimmter Laute, die um 500-800 n. Chr.. das Althochdeutsche von anderen westgermanischen Dialekten (wie Altenglisch, Niederdeutsch) getrennt hat.

Die Kurzfassung:

  • 2. Lautverschiebung/althochdeutsche Lautverschiebung
  • 500-800 n. Chr.
  • systematischer Lautwandel, den nur das Althochdeutsche mitgemacht hat, aber nicht die verwandten westgermanischen Sprachen (Altenglisch, Niederdeutsch)
  • bei der 2. LV werden u.a. folgende Konsonanten verschoben, vollständig nur in Südwestdeutschland, je weiter man nach Norden kommt, desto weniger:
    p > pf/f (je nach Position)
    t > ts/s (je nach Position)
    k > kch/ch (je nach Position)
  • als Beispiele jeweils der Vergleich des entsprechenden Worts in einer nah verwandten Sprache, die diese Lautverschiebung nicht mitgemacht hat, zum Beispiel Englisch: Zeit/tide, Wasser/water, machen/make
  • Arbeitsblatt dazu mit Wörterliste, anhand derer die Schüler das herausfinden sollen (odt/pdf)

Denkfrage, an der die meisten erst einmal scheitern: Wann wurde das Wort „Pein“ aus dem Lateinischen poena in die deutsche Sprache entlehnt: Vor oder nach der 2. Lautverschiebung?

Die 1. Lautverschiebung

Versetzen Sie sich in die Lage von Jacob Grimm, einem Sprachforscher zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Sie arbeiten mit alten Manuskripten in verschiedenen Sprachen, etwa Latein und Deutsch oder Englisch. Es fallen Ihnen Ähnlichkeiten zwischen der Lautform von vielen Wörtern dieser Sprachen auf.
Dabei stellen Sie fest, dass sich viele Wörter aller germanischen Sprachen untereinander mehr ähneln als dem Lateinischen oder Griechischen.
Sie beschließen, aus den Einzelfällen allgemeine Regeln abzuleiten. Benutzen Sie das dazu vorbereitete Wortmaterial. Wenn Sie die Regeln gefunden haben, dann haben Sie die Regeln der 1. oder germanischen Lautverschiebung entdeckt – eine systematische Veränderung bestimmter Laute, die um 1000-500 v. Chr. nur das Germanische mitgemacht hat, nicht aber das Lateinische oder Griechische. Zu Ihren Ehren wird man diese Regeln auch Grimm’s law nennen.
Der Einfachheit halber vergleichen wir hier Latein und Englisch – denn das Deutsche hat sich durch die später erfolgte 2. Lautverschiebung ja noch weiter verändert, und das würde Ihnen die Untersuchung zusätzlich erschweren.Wundern Sie sich nicht, wenn die Wörter sich weniger ähneln, die Trennung zwischen germanischen und lateinischen Dialekten erfolgte schon vor langer Zeit, und beide Sprachen haben sich danach weiter verändert.

Die Kurzfassung:

  • 1. Lautverschiebung/germanische Lautverschiebung
  • 1000-500 v. Chr.
  • systematischer Lautwandel, den nur das Germanische mitgemacht hat, aber nicht die verwandten indoeuropäischen Sprachen (Lateinisch, Griechisch)
  • bei der 1. LV werden u.a. folgende Konsonanten verschoben, und zwar zuerst:
    p > f
    t > th
    k > h
  • Danach (warum erst danach?):
    b > p
    d > t
    g > k
  • Arbeitsblatt dazu mit Wörterliste, anhand derer die Schüler diese Regeln herausfinden sollen (odt/pdf) – leider noch ziemlich kurz, sollte mal ergänzt werden

Kapitel 5: Exkurs Dialektologie

Hier bietet sich eine gute Gelegenheit, die heutigen deutschen Dialekte anzuschauen, die in mancher Hinsicht einen älteren Sprachstand darstellen: Während vom Mittelhochdeutschen zum Neuhochdeutschen die Laute /ei/ und /î/ zum nhd. /aı/ zusammengefallen sind, unterscheiden das Bairische und das Schwäbische diese Laute noch: Hochdeutsch heißt es eins, zwei, drei (von mhd. ein(e)z, zwei, drî), schwäbisch heißt es oins, zwoi, drei und bairisch oans, zwoa, drei.

Es gibt grob drei deutsche Dialektgebiete: das Niederdeutsche im Norden, das Mitteldeutsche darunter, das Oberdeutsche im Süden. Ober- und Mitteldeutsch heißen zusammen auch Hochdeutsch. Das Niederdeutsche hat die zweite Lautverschiebung gar nicht, das Mitteldeutsche zum Teil, das Oberdeutsche zum Großteil mitgemacht. Vollständig nur das Alemannische im Südwesten. (Schlussfolgerung: Entwicklung von Süden nach Norden.)

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Die gelben Flächen sind Niederdeutsch, die türkisfarbenen Mitteldeutsch. Und die schwarze Linie, die sie trennt, heißt auch Benrather Linie. (Benannt nach Benrath, inzwischen ein Stadtteil Düsseldorfs.) Nördlich davon: maken (ndd.), südlich davon: machen (hd.). Die blaue Linie ist die Appel-Apfel-Grenze, sie trenn die mittel- von den oberdeutschen Dialekten. Heißt auch: Speyerer Linie. Die gelbe Linie trennt das Fränkische, das Bairische und das Schwäbische. Alle Dialektgebiete kann man anhand weiterer Isoglossen noch weiter unterteilen, das Schwäbische vor allem in das Alemannische, das Hoch- und das Höchstalemannische im Berner Oberland.

Auch dazu gab’s ein Arbeitsblatt mit einer besseren und detaillierteren Karte, das ich eben deshalb nicht veröffentlichen darf.

Kapitel 6: Exkurs Phonetik

Wenn man schon mal bei der Lautverschiebung war, kann man sich gleich die Konsonanten im Deutschen mal anschauen. Und den Unterschied zwischen Laut und Buchstabe wiederholen, damit niemand mehr sagt, bei einer Alliteration fingen Wörter mit dem gleichen Buchstaben an.

Laute kann man einteilen unter anderem (1) nach stimmhaft oder stimmlos (zum Testen einen Finger an den Kehlkopf legen und schauen, ob der vibriert oder nicht), (2) nach Artikulationsart (das heißt, auf welche Weise der Luftstrom modifiziert wird – bei Konsonanten etwa plosiv, frikativ, nasal) und (3) nach dem Artikulationsort (also an welchem Ort der Luftstrom modifiziert wird).

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(Quelle Wikipedia. Weitere Bilder für Arbeitsblätter bei Google.)

Artikulationsorte:
2. labial 3. dental 4. alveolar 5. postalveolar 7. palatal 8. velar 9. uvular 11. glottal

Zumindest die wichtigsten und einfachsten Artikulationsarten und -orte mussten die Schüler mit einem Arbeitsblatt (odt/pdf) lernen.

Das deutsche „b“ ist demnach also ein stimmhafter, bilabialer Plosiv. Das „v“ ein stimmhafter, labio-dentaler Frikativ. Und der spanische Buchstabe b bezeichnet eben so wie das v meist einen stimmhaften, bilabialen Frikativ – einen Laut, den es im Deutschen nicht gibt, der die Artikulationsart vom „v“ hat und den Ort vom „b“. Darum kann Gottfried Benn auch „Habana“ statt „Havanna“ schreiben. – Den Laut kann man lustig sprechen üben, George Carlin hat einen Teil einer Nummer dazu gemacht.

Bei „uvular“ muss man übrigens mit dem wackelnden Zeigefinger das Zäpfchen simulieren und auf Simpsons-Episoden verweisen. Daher kennen die Schüler das Zäpfchen alle.

Wenn man Artikulationsarten und -orte kennt, lässt sich auch besser nachvollziehen, warum in der Lautverschiebung ausgerechnet die jeweiligen Laute verschoben wurden – in der 2. LV zum Beispiel die Plosive jeweils zu den Frikativen oder Affrikaten am verwandtem Artikulationsort.

Kapitel 7: Das Lachsargument

Zum Selbermachen und damit die Schüler mal einen populärwissenschaftlichen Aufsatz zur Sprache gelesen haben, kriegten die Schüler den Anfang des Artikels „Wörter aus der Steinzeit – Völker aus dem Nichts“ von Vera E. Binder, ebenfalls aus dem oben schon erwähnten Spektrum-Dossier.
Was die Schüler herausholen sollen: Man hat festgestellt, dass es in den meisten indoeuropäischen Sprachen das Wort „Buche“ in der einen oder anderen Form gibt. Nun ist man vielleicht versucht daraus zu schließen, dass die Ur-Indoeuropäer eben dieses Wort kannten und deshalb aus einer Gegend stammen müssen, in der Buchen wachsen. Das ist aber ein Trugschluss, denn wer weiß, ob bei allem dem Bedeutungswandel das Wort „Buche“ auch tatsächlicher immer genau diesen Baum bezeichnet hat, und nicht einen anderen Laubbaum, oder Bäume insgesamt. (Siehe dazu auch das Lachsargument bei Wikipedia.)
Noch schlimmer ist es, wenn man aus dem Fehlen eines gemeinsamen indoeuropäischen Worts für eine Sache schließen möchte, dass den Ur-Indoeuropäern diese Sache unbekannt war.

Kapitel 8: Testfragen

  • Welche zwei systematischen Fälle von Lautwandel kennen Sie; wann fanden sie ungefähr statt; welche zwei Sprachfamilien werden durch sie jeweils von einander getrennt?
  • Welche Erklärungen sind dafür denkbar, dass sich Wörter zweier Sprachen ähneln? (Am besten mit Beispielen.)
  • Nennen Sie drei sprachliche Bereiche, bei denen sich Dialekte voneinander unterscheiden können.
  • Wie heißen die drei großen Sprachgebiete, in die man die deutschen Dialekte einteilen kann?
  • Erklären Sie kurz das Verhälntis von Sprache und Dialekt zu einander.
  • Von welcher Himmelsrichtung in welche andere Himmelsrichtung breitete sich die zweite Lautverschiebung aus?
  • Es gibt in (fast) allen indoeuropäischen Sprachen ein gemeinsames Wort für „Lachs“. Zu welcher Vermutung hat das Anlass gegeben, und warum muss diese Vermutung nicht stimmen?
  • Welche drei Kriterien kennen Sie, nach denen man Laute – im Unterricht waren es nur Konsonanten – unterscheiden kann?
  • Bestimmen Sie die folgenden Laute nach diesen drei Kriterien: /d/, /m/, /z/

Kapitel 9: Wozu das ganze?

Damit kann man schon mal zwei Wochen im Leistungskurs verbringen. Ob in der neuen Oberstufe Spielraum dafür sein wird, weiß ich nicht. Auf jeden Fall stehen Reflexion über Sprache, Sprachwissenschaft, Sprachbeschreibung auch weiter auf dem Lehrplan.

Warum also? Damit man weiß, warum sich der Deutsche Bundestag bei seinen Analysen für Bedrohte Sprachen – Zur Situation der Regional- und Minderheitensprachen interessiert. Und weil in einen Leistungskurs Deutsch ein bisschen Grundwissen über Sprache gehört und nicht nur abiturvorbereitendes Erörtern und Interpretieren.

Außerdem brauche ich das ab und zu, um mir meine Arbeitskraft und meine gute Laune zu erhalten. Richtig tief ist das alles nicht, das ist erstes, spätestens zweites Semester im Studium. Wobei ich Phonetik fast ausschließlich in Englisch gelernt habe, wenn ich mich richtig erinnere.

Nachtrag: Wenn ich Zeit habe, baue ich das ganze mal zu einem Moodle-Kurs zusammen. Da kann ich dann auch mehr Rechercheaufträge verteilen.

20 thoughts on “Einmal Sprachgeschichte bitte

  1. Mareike

    Toll!
    Danke!

    Ich hab tatsächlich alles gelesen (und erst vor Kapitel 5 geguckt, wie viel noch kommt). Ich habe mal anderthalb Semester Anglistik studiert und fand die Sprachwissenschaftsveranstaltungen sehr spannend. Freute mich dementsprechend, als Chomsky et al. in der Psychologie auftauchten.

    Ich denke nicht zum ersten Mal, dass ich Deutschunterricht, wie er hier geschildert wird, gemocht hätte.

    (Und beim Überarbeiten des Kommentares fühle ich mich auf einmal sehr self-conscious, weil ich einfach keine Kommaregeln kann…)

  2. eisbärin

    Ich kann Mareike nur zustimmen!
    Sehr, sehr interessanter Text (ich habe gar nicht geschaut, wie viel noch kommt :-p) und auch wirklich nett gestaltet.
    Ich werde ja immer ein bisschen neidisch wenn ich so sehe, was andernorts im Unterricht läuft und was bei uns (eben nicht?) geschieht.

    Achso: Und die Zeichensetzung beherrsche auch ich nicht!

    Also Herr Rau: immer weiter so!

  3. naDine

    Sehr guter Artikel!
    (ich habe ihn ausgedruckt, dann muss man nicht schauen, wie viel noch kommt)

    Stimme eisbärin zu, wurde beim Lesen ebenfalls neidisch; wir haben sowas nie gemacht.
    Interessanter Stoff gut dargestellt – auch adäquate Fragen. Sehr gut, sehr gut… danke für’s Teilen!

  4. strelizie

    Bravo Herr Rau!
    Das Thema finde ich hochinteressant, schade, dass wir früher so etwas nicht gemacht haben. Vor einigen Monaten gab es von irgendeiner Zeitschrift auch mal ein Sonderheft zum Thema, das war nicht halb so spannend wie dein Artikel. Mal sehen, vielleicht suche ich es nachher mal raus, ich kann ja nichts wegschmeißen, das ich oder meine Tochter noch mal brauchen könnte…..

  5. rip

    Ich kann mich der oben schon geäußerten Begeisterung nur anschließen. Super, vielen Dank für diese vernünftig kondensierte und trotzdem anschauliche Übersicht!

    Könntest du vielleicht noch bei den ersten beiden „odt/pdf“-Paaren (Kapitel 4) die PDF-Datei verlinken (im Moment zweimal „odt“)?

    Zur Lautschrift: Ich habe auch in Deutsch Lautschrift gelernt, aber nicht IPA, sondern eine speziell für die deutsche Dialektforschung entwickelte – ich vermute, sie hatte auch einen eigenen Namen, aber ich habe ihn vergessen (Werner König möge mir verzeihen).

  6. Herr Rau

    Clemens, viele Dank für den Link auf die Videos. Die sind ganz wunderbar. (Minnesota…) Die gotische Grammatik von Braune aus dem ersten Film habe ich auch zu Hause, ähem.

    rip, danke für den Hinweis, jetzt sind auch die pdf-Dateien verlinkt. Lautschrift in Deutsch… ich kann mich gar nicht erinnern. Sprachwissenschaft jegliche Art war bei mir Englisch, bis auf Satzgliedanalyse im Deutschen. Ich kann mich noch erinnern, wie ich im ersten Semester beim Mittagessen immer pfff, k, ssss or nnnnn vor mich hin gebrummelt habe, bis ich die Merkmale auswendig wusste.

  7. Hande

    Ich fand das alles sehr interessant – und habe auch gar nicht nachgeguckt, wie viel noch kommt. Hätte zwar einige Fragen, aber eine brennt mir besonders in den Fingern: Kapitel 1, Sprache D – welche Sprache ist es denn bitte? Es ist dem türkischen sehr sehr ähnlich, aber nicht türkisch (sonst wären es zu viele Fehler für eine seriöse Quelle), ich möchte unbedingt wissen, welcher!

  8. Herr Rau Post author

    Interessant, Hande. Ja, D soll Türkisch sein. Zwei mögliche Erklärungen: Entweder es handelt sich um eine alte Form von Türkisch, da alle indoeuropäischen Sprachen ebenfalls alte Formen darstellen. Das Hebräische wird wohl auch eher altes Hebräisch als Ivrit sein, über das Arabische kann ich nichts sagen.

    Aber vermutlich ist es tatsächlich Folgendes: Zumindest in einigen Fällen wurde nicht die Schreibung des Türkischen übernommen, sondern eine international bekanntere Umschrift für Laute gewählt.

    So wird die Lautkombination [tʃ] im Türkischen ç geschrieben, oben steht aber č – diese Umschrift ist aus anderen Sprachen bekannt. Der türkische Buchstabe ı steht für den Laut [ɯ], der dem durchgestrichenen [ɨ ], so wie es oben steht, tatsächlich sehr ähnlich ist (liegt nur ein wenig weiter hinten).
    Ich nehme an, die oben gewählte Umschrift ist die, die für Sprachforscher, die nicht Türkisch können, am ehesten verständlich ist. Man müsste schauen, welche Umschrift für Arabisch gewählt wurde.

    (Toll, Wordpress hat tatsächlich alle Lautschrift-Zeichen richtig dargestellt.)

  9. Hande

    Hmm, ok, die Lösung mit der Umschrift für Laute verstehe ich, dass kann man vertreten. Es ist aber eindeutig nicht alt Türkisch, dann wäre z.B. Mutter nicht „anne“ (was die moderne Version ist – man beachte a-e Kombination – Hande ist auch nicht Türkisch, sondern Persisch) sondern „ana“, und es wäre „kalb“ statt „kalp“. Und es bleiben zwei echte Fehler übrig: ich ist „ben“, nicht „ben-i“; und nicht ist „değil“, nicht deyil (oder fällt es auch unter den Umschriften für Laute? in der Türkei ist deyil ein von Schülern öfters gemachter Fehler).
    Danke für das Ganze, übrigens; ich habe viel gelernt.

  10. Herr Rau Post author

    Bitte, sehr gern geschehen, ich freue mich und danke fürs Lesen.
    Değil/deyil ist vielleicht auch ein Umschriftproblem, ich kenne mich mit Umschriftkonventionen wenig aus.

    Auch zu ben/beni gibt es zusätzliche Information: Vielleicht sollte als Überschrift in der Wortliste oben eher „mir/mich“ stehen.
    Denn die indoeuropäischen Wörter für „ich“ oben stammen alle aus einer m-Wurzel, die für Dativ und Akkusativ und dergleichen verwendet wurde – „mir“ und „mich“ und lat. „me“. Die Nominativform stammt zumindest im Germanischen, Lateinischen und Griechischen aus einer anderen Wurzel – dt. „ich“, gr. und lat. „ego“. Die Nominativform wird zumindest im Lateinischen und Griechischen so wenig verwendet, dass es mehr Sinn macht, die häufigere Form zu wählen. Auch die Sanskritform „mām“ oben ist Akkusativ und nicht Nominativ.

  11. Norbert Tholen

    Unter dem Stichwort „Wortkunde“ findet man in Westermanns „Unser Wortschatz“, neu bearbeitet von H. Maiworm und W. Menzel, gute Materialien für einen Deutsch-Unterricht in der späten Sek I: die Wortgeschichte „ziehen“ durch die Zeiten (S. 324 f., mit ein paar Fehlern) sowie die Abhandlung „Wortgeschichte“ (S. 326 ff.), bis hin zu Orts-, Wochtentags- und Monatsnamen.
    Die elementaren Regeln der Wortbildung im Deutschen kann man gut in Kl. 6 behandeln, dann wird die Rechtschreibung sinnhafter.
    Fazit: Das sind wichtige Themen, die neben den literarischen Stoffen oft vernachlässigt werden.

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  13. Herr Rau Post author

    Ich habe die ganze Sequenz gestern in einen Moodle-Kurs gepackt. Die Version, die ich urheberrechtlich mit nicht allzuviel Bedenken veröffentlichen kann, ist hier. Es fehlen darin vor allem die Lieder von Elvis Presley Doctor Ammondt, also auf Latein bzw. Sumerisch. Die sind nur in der Vollversion, die ich ebenfalls erstellt habe.

    Das Erstellen war eher freudlose Bastelarbeit. Moodle ist nicht komfortabel. Ob das Thema als Moodlekurs im Computerraum mehr bringt als mit Arbeitsblättern im Klassenzimmer, wo der Lehrer doch eine aktivere Rolle spielt: weiß ich nicht. Vielleicht eignet sich das Thema auch nicht. Ich habe diesen Moodlekurs natürlich noch nicht ausprobiert, werde ihn aber baldmöglichst einer Klasse vorsetzen und dann ergänzen.

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  17. Uwe Klemm

    Hallo,

    bin erst jetzt bei Maik auf Deinen Kurs gestoßen. Lecker, lecker – find ich gut (obschon – oder gerade weil – Sprachgeschichte bis jetzt nicht grad mein Lieblingsthema war). Der Kurs ist sehr klar strukturiert und durchkommentiert, die Lösungsvorschläge machen das Nachnutzen leicht. Danke!

    Gibt es inzwischen erste Erfahrungen mit dem Unterrichtseinsatz des Kurses?

    Uwe

  18. Herr Rau Post author

    Gern geschehen. Erfahrungen würden mich auch interessieren; ich habe dieses Jahr nur 6 und 13 (bei denen ich Sprachgeschichte in 12 gemacht habe).

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