Print On Demand am Bahnhof in München

Das musste ich ausprobieren. Am Bahnhof im Kiosk für internationale Presse gibt es jetzt auch einen großen Laserdrucker und ein Terminal dazu. Die Software lässt einen aus gut 850 Zeitungen auswählen – von Albanien (Gazeta Shqiptare) bis Zimbabwe (Business Weekly), mit Zeitungen aus China, Indien und Quatar dazwischen. Aus den USA gibt es den Cincinnati Enquirer, aus England zwar die Birmingham Mail und Post, aber nichts aus Brighton.

Nach der Auswahl werden gut 70 MB Daten von einem Server geladen. Dann wird gedruckt, das dauert ein paar Minuten. Wie das bei Druckern so ist, ging auch da etwas schief – kurzer Anruf bei einem Gerätewart, der dann als Remote User den nicht abgeschlossenen Druckvorgang abbrach und einen neuen begann.

Heraus kommt dann das – links der Digitaldruck, rechts die Zeitung, die ich zum Vergleich mitnahm:

print_on_demand1

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Gedruckt wird DIN A 3, beidseitig, nur das Titelbild ist farbig. Die Druckqualität ist hervorragend, das Papier ist fest. Geheftet wird durch händisches Zusammentackern am Rand. Kostet 4 bis 6 Euro pro Zeitung. (Daily Express: 4 Euro.) Verantwortlich für das ganze Prinzip ist NewspaperDirect.

Ein Vorteil: Man kann nicht nur die aktuelle, sondern auch die letzten Ausgaben zuvor drucken lassen, wenn man die verpasst hat – jeweils bis zu einer Woche zurück.

— Ausprobieren musste ich das, weil ich meinem LK davon erzählt hatte. Nach der Klausur, und weil’s eh gerade um Urheberrecht und Zensur und Presse ging, habe ich eine Stunde zu Drucktechnik gemacht, unterbrochen vom Abistreich. Hochdruck, Tiefdruck, Flachdruck, Digitaldruck; Rotationspresse – viel mehr als bei Wikipedia weiß ich jetzt auch noch nicht. Und was Satz betrifft, weiß ich kaum den Unterschied zwischen Linotype und Monotype.

(Apropos, falls sich da jemand auskennt: Wie lief das eigentlich, wenn früher eine neue Ausgabe des gleichen Buchs erschien und diese Ausgabe neu gesetzt wurde? Musste da jemand alles neu abtippen? Oder gab es eine Möglichkeit, die Daten zu speichern, auf Lochstreifen vielleicht? Kann ich mir nicht vorstellen.)

8 Gedanken zu “Print On Demand am Bahnhof in München

  1. Es konnte Verschiedenes aufbewahrt werden: zum Beispiel – wie von dir erwähnt – der Lochstreifen (wenn es – je nach Setzverfahren – einen gab), aber auch der Stehsatz, später (Fotosatz und DTP) der Film (von dem die Druckplatte gefertigt wird) oder gar die Druckplatten selbst.

  2. Na, da ist doch der Schritt nicht mehr weit, dass das Zeug nicht mehr gedruckt wird, sondern das ganze zu einer USB-Tankstelle für eBooks à la Kindle&Co wird.
    Ich habe diese Druckstationen noch gar nicht entdeckt. Da werde ich nachher mal etwas aufmerksamer durch den Frankfurter Bahnhof laufen. Die Vergleichsfotos gefallen mir qualitativ aber recht gut. Bei “ein paar Minuten” inkl. Fehlermeldung klingt das aber noch nicht nach einem vollwertigen Kioskersatz. Vielleicht in kleineren Bahnhöfen oder als 24h-Service über die regulären Öffnungszeiten hinaus.

  3. Wie groß sind denn die Preisunterschiede zur regulären Ausgabe im Schnitt?

    Und zur Wartezeit: Naja, wenn sich das System bewährt, dann gibt es wahrscheinlich auch bald die Möglichkeit “vorzubestellen” oder ähnliches. Da könnte sich das mit den Wartezeiten schnell verlaufen.

  4. Hanjo, danke!

    Ich denke, die reguläre Ausgabe wird halb so teuer sein. Daily Express: 2,50 Euro. Aber der Vorteil ist, dass auch kleine Läden ein großes Angebot an zeitungen bereithalten können. Für Oftleser gibt es da hoffentlich die Möglichkeit eines Abonnements, aber für Gelegenheitsleser ist das eine Möglichkeit, auch an exotischere Zeitungen zu kommen.

    Icn nehme an, dass die Druckgeschwindigkeit steigern wird, aber eine Alternative zur fertig gedruckten Zeitung wird das nicht werden. Die will man mitnehmen und nicht darauf warten. Dann eher schon die USB-Tankstelle – allerdings braucht es die dann auch schon nicht mehr: wenn man das ganze nicht in der Hand haben will, kann man sich die Zeitungen auch gleich bei NewspaperDirect oder anderen Anbieter im Web holen. Dann braucht es eben nur noch Web-Zugang.

  5. Es wäre natürlich toll, wenn man bei den Zeitungen dann gewisse Bereiche nicht drucken könnte. Ich lese zB nie so etwas wie den Sportteil, andere nie den Wirtschaftsteil. Wäre ein nettes Zusatzangebot, wenn man da differenzieren könnte…

  6. “Wie lief das eigentlich, wenn früher eine neue Ausgabe des gleichen Buchs erschien und diese Ausgabe neu gesetzt wurde? ”

    Das hing davon ab wie viel früher. Beim Bleisatz wurden die Matern nach dem Druck wieder einsortiert (Handsatz) oder eingeschmolzen (Maschinensatz).

    Auch von der Drucktechnik hängt es ab. Ursprünglich wurde direkt auf der Form gedruckt (Gutenberg). Später wurde die Bleiform als Grundlage genutzt um daraus einen Kunstoff-/Metallabdruck für den Rollenoffset-/Tiefdruck zu erstellen. Diese Materialien konnte man dann später auch weiter verwenden.

  7. So weit ich weiß, wurden bei einigen Systemen die Steueranweisungen an die Setzmaschine auf Lochstreifen gespeichert. Damit konnte man dann das Buch erneut automatisch setzen lassen.

    Beim Lichtsatz kann man sicher die Folien aufbewahren, aus denen ja die Platten für Offset belichtet werden. Die Platten an sich sind ja sowieso Verschleißmaterial, sie nutzen sich beim Drucken ab, dann müssen neue belichtet werden. Wenn die Folien von Digital erstellt werden, so bewahrt man wohl besser die Daten auf Festplatte auf.

  8. Danke für alles. Jetzt verstehe ich besser, wie die Nachdrucke alter Ausgaben (wie die Dover-Reprints) zustande gekommen sind. Aber neuer Satz hieß in vordigitalen Zeiten wohl neues Eintippen. Möcht man sich gar nicht vorstellen.

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