Archive nach Jahr: 2010

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Bücher 2010

Hier sind die Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe:

  1. Gottfried Keller, Die drei gerechten Kammacher
  2. Tony Horwitz, Confederates In the Attic
  3. Julian Montague, The Stray Shopping Carts of Eastern North America
  4. Wolf Haas, Das Wetter vor 15 Jahren
  5. C.S. Lewis, The Lion, the Witch and the Wardrobe
  6. C.S. Lewis, Prince Caspian
  7. Haruki Murakami, Kafka am Strand
  8. C.S. Lewis, The Voyage of the Dawn Treader
  9. Kurt Vonnegut, Slaughterhouse 5
  10. C.S. Lewis, The Silver Chair
  11. Wil Wheaton, Just a Geek
  12. C.S. Lewis, The Horse and His Boy
  13. Hartmut von Hentig, Bildung
  14. C.S. Lewis, The Magician’s Nephew
  15. Kirsten Boie, Der Prinz und der Bottelknabe
  16. C.S. Lewis, The Last Battle
  17. Michael Köhlmeier, Idylle mit ertrinkendem Hund
  18. Kenneth Grahame, Wind in the Willows
  19. Michela Murgia, Accabadora
  20. Jonathan Carroll, Bones of the Moon
  21. Stevan Paul, Monsieur, der Hummer und ich
  22. Jonathan Carroll, The Land of Laughs
  23. Jerome K. Jerome, Three Men in a Boat
  24. J.R.R. Tolkien, The Hobbit
  25. Laurie Lee, Cider with Rosie
  26. Kenneth Hite, Tour de Lovecraft
  27. Wil Wheaton, Dancing Barefoot
  28. Alan Bennett, The History Boys
  29. H.P. Lovecraft, The Annotated Lovecraft (ed. Joshi)
  30. Kenneth Hite, Nightmares of Mine
  31. Frank Richards, Billy Bunter’s Double
  32. Amy Alkon, I See Rude People
  33. Richard Burton/Ilija Trojanow, Oberammergau. A Glance at the Passion-Play
  34. Salman Rushdie, The Satanic Verses
  35. J.R.R. Tolkien, The Legend of Sigurd & Gudrún
  36. Paul Jennings, The Jenguin Pennings
  37. Jonathan Barnes, The Somnambulist
  38. Hans Ritz, Die Geschichte vom Rotkäppchen
  39. Franziska Gräfin zu Reventlow, Herrn Dames Aufzeichnungen
  40. Daniel Green, Bunter Sahib
  41. E.S. Turner, Boys will be Boys
  42. Green, Bunter by Appointment
  43. Robert Bloch, Mysteries of the Worm
  44. Frank McCourt, Teacher Man
  45. Edgar MacDonald, James Branch Cabell and Richmond-in-Virginia
  46. James Branch Cabell, Special Delivery
  47. Angela Leinen, Wie man den Bachmannpreis gewinnt
  48. Slightly Foxed No. 25
  49. James Branch Cabell, Ladies and Gentlemen
  50. Franco Moretti, Kurven, Karten, Stammbäume
  51. Markus Zusak, The Book Thief
  52. Kurt Vonnegut, Look at the Birdie
  53. Karsten Dombrowski (Hrsg.), Larp: Einblicke. Aufsatzsammlung zum MittelPunkt 2010
  54. Thomas Mann, Der Erwählte
  55. George Alex Effinger, Maureen Birnbaum, Barbarian Swordsperson
  56. Slightly Foxed No. 26
  57. Neil Pearson, Obelisk. A History of Jack Kahane and the Obelisk Press
  58. Stephen Halliday, The Great Stink of London
  59. B.B., The Little Grey Men
  60. Ilija Trojanow, Der Weltensammler
  61. DiSanto/Steele, Guidebook to Zen and the Art of Motorcycle Maintenance
  62. P.G. Wodehouse, A Wodehouse Miscellany & William Tell Told Again
  63. Garrison Keillor, Lake Wobegon Summer 1956
  64. John R. Hammond, Lost Horizon Companion
  65. Philip Roth, The Humbling
  66. B.B., Brendon Chase
  67. B. Traven, Das Totenschiff
  68. Wolfgang Hildesheimer, Lieblose Legenden
  69. Hermann Bausinger, Deutsch für Deutsche
  70. Karl Philipp Moritz, Reisen eines Deutschen in England im Jahr 1782
  71. Emily Bronte, Wuthering Heights
  72. Stella Gibbons, Cold Comfort Farm
  73. Terry Pratchett, Unseen Academicals
  74. Ben Goldacre, Bad Science
  75. Andrea Levy, The Long Song
  76. Slightly Foxed No. 27
  77. John Updike, Gertrude and Claudius
  78. Theodor Fontane, Irrungen, Wirrungen
  79. David Benioff, City of Thieves
  80. Tim Cantopher, Depressive Illness
  81. Nelson Algren, Chicago: City on the make.
  82. Ben H. Winters, Sense and Sensibility and Sea Monsters
  83. Wolfgang Herrndorf, tschick
  84. Ian McEwan, Solar
  85. Hans Zinsser, Rats, Lice and History
  86. Nick Hornby, The Complete Polysyllabic Spree
  87. Sybille Berg, Der Mann schläft
  88. P.G. Wodehouse, Damsel in Distress
  89. O. Henry, Cabbages and Kings
  90. Franco Moretti, Atlas des europäischen Romans
  91. P.G. Wodehouse, Jill the Reckless
  92. Thorne Smith, Night Life of the Gods
  93. Christopher Fowler, Uncut
  94. Michael Frayn, Spies
  95. Eric P. Nash, Manga Kamishibai
  96. Günther Hoegg, Schulrecht
  97. Slightly Foxed No. 28
  98. Graham Moore, The Holmes Affair (a.k.a. The Sherlockian)
  99. Leonie Swann, Garou
  100. Sue Townsend, Adrian Mole and the Weapons of Mass Destruction

Auf dem iPad gelesen: 4
Wiedergelesen: 14
Deutsche Literatur: 15

Das waren dieses Jahr deutlich mehr Bücher als 2009, so viele wie seit 2000 nicht mehr. Die Tradition, meine gelesenen Bücher mitzuschreiben, ist viel älter als dieses Blog (siehe allererster Blogeintrag). Und Listen aller Art mache ich, seit ich Bücher lese.

Woher habe ich Zeit, so viel zu lesen? Viel S-Bahn- und Zugfahren; eine Partnerin, die selber viel liest, auch im Urlaub. Viel Wodehouse, der liest sich eh wie nix. Wenig Twitter, wenig Facebook, dieses Jahr auch weniger Blogeinträge als in den Jahren zuvor, aber dafür möglicherweise längere. Stets eine schöne Auswahl an Büchern im Haus, so dass immer etwas dabei ist, auf dass ich gerade Lust habe. Dieses Jahr habe ich mir aber auch ein Tempo vorgegeben, indem ich gleich im Januar an einem Projekt teilgenommen habe, in dem es darum ging, alle sieben Narnia-Bücher innerhalb von sieben Wochen zu lesen und auf einem Blog darüber zu diskutieren.

Nächstes Jahr möchte ich wieder viel lesen, werde aber vielleicht mehr zu tun haben. Jetzt erst mal ab ins neue Jahr, ich sehe euch alle dann wieder 2011.

(Bücher 2009.)

Hans Zinsser, Rats, Lice and History: Being a Study in Biography, Which, After Twelve Preliminary Chapters Indispensable for the Preparation of the Lay Reader, Deals With the Life History of Typhus Fever

Wie anfangen? Das Buch will schon schon seit einem guten Monat verbloggt werden, ich habe ein paar gekritzelte Notizen und ein Dutzend Lesezeichen im Buch. Es stammt von 1935, ist ein Sachbuch, und laut Untertitel und Ankündigung im Vorwort die Biographie des Fleckfiebers. Gleich mal vorab und aus dem Weg gebracht: englisch typhoid (fever) heißt auf deutsch Typhus, englisch typhus (fever) ist auf deutsch das Fleckfieber, und um das geht es hier.

Aber noch nicht gleich.

Im ersten Kapitel – “In the nature of an explanation and an apology”, mit Untertitel, wie es sich gehört – geht es darum, was eine Biographie ausmacht und wieso Biographien heutzutage so beliebt sind. Wie sie typischerweise so aussehen, und wieso man sich an diese Regeln nicht halten kann, wenn man die Biographie des Fleckfieber-Erregers schreibt. (Schon mal, weil keine psychoanalytische Deutung der frühen Jugend möglich ist.) Dann erklärt Zinsser, was Erreger sind: letztlich parasitäte Lebensformen, die es überall gibt und die auch beim Menschen versuchen, parasitär zu leben. Dabei respektiert Zinsser diese Tierchen durchaus und nennt als Grund, sich mit Bakteriologie zu beschäftigen:

About the only genuine sporting proposition that remains unimpaired by the relentless domestication of a once free-living human species is the war against these ferocious little fellow creatures.

Fußnote: Oh weh, so früh schon eine Fußnote. Ich sehe schon, dass wird wieder einer von diesen Blogeinträgen. Wie auch immer: das erinnert mich an eine Geschichte um Galloway Gallegher von Lewis Padgett. Lewis Padgett ist ein Pseudonym von Catherine Lucile Moore und Henry Kuttner für ihre gemeinsam verfassten Geschichten, aber laut Moore hat Kuttner die Gallegher-Geschichten allein verfasst. Galloway Gallegher ist ein genialer Erfinder, der immer im Vollrausch etwas erfindet und am nächsten Morgen nicht mehr weiß, wozu das Ding gut ist. Und einmal schrumpft Gallegher einen Großwildjäger, dem das Wild ausgeht, so dass er Amöben jagen kann. Und genau aus diesen Gründen, Frau Rau!, ist es gut, wenn ich meine alten Science-Fiction-Taschenbücher noch im Regal stehen habe. – Leider hat sich dabei herausgestellt, dass diese Geschichte gar nicht von Padgett/Moore/Kuttner ist. Rabäh! Von wem ist sie dann? In irgendeinem Buch schlummert sie.

Kapitel 2: Being a discussion of the relationship between science and art – a subject that has nothing to do with typhus fever, but was forced upon us by the literary gentleman spoken of in the last chapter.” Zinsser tut so, als erklärt er die Beziehung zwischen Naturwissenschaft und Kunst, denn schließlich schreibt er eine naturwissenschaftliche Biographie. Vor allem hackt er ein wenig auf den modernen Dichtern herum. Die französischen Symbolisten sind noch okay. T.S. Eliot: die Prosa mag er, die Lyrik nicht. Gertrude Stein: mag er nicht. Sein Fazit:

However one looks at it, it appears to the medically informed that these people are substituting the spinal cord for the brain, or at any rate are moving down from the frontal lobes towards the basal ganglia.

Harsche Worte, aber vergnüglich zu lesen.

In Kapitel 3 geht es erst mal um die Entstehung des Lebens, um Bakteriophagen, Viren, Bazillen, Ultraviren – notwendiges Grundwissen, sagt Zinsser, wenn man die versprochene Biographie des Typhus-Erregers verstehen will.

Zelluläre Lebewesen werden in drei Domänen eingeteilt: die Bakterien links, die Archaeen in der Mitte, rechts die Eukaryo(n)ten (die als einzige einen Zellkern haben). Hilfreich war mir zum Verständnis folgende Darstellung aus Wikipedia:


(Überhaupt war Wikipedia sehr nützlich, auch wenn ich mir bei Recherchen über ansteckende Krankheiten manchmal gewünscht habe, ich könnte auf einfache Weise alle Bilder aus Wikipedia ausblenden.)

Rickettsien zum Beispiel sind parasitäre Organismen (der Abteilung Proteobacteria, Ordnung Rickettsiales), die nicht selbstständig überleben können, sondern nur intrazellulär, also indem sie andere Zellen befallen. Interessant ist Rickettsia prowazekii: dessen Genom ähnelt sehr der DNA von Mitochondrien. Mitochondrien sind Zellorganellen, die laut der Endosymbiontentheorie ursprünglich selbstständige Einzeller waren, die sich symbiotisch mit anderen Einzellern zusammenschlossen, wodurch schließlich die eukaryotische Zelle entstand. Die Ähnlichkeit zu Rickettsia prowazekii stützt diese Theorie. Und nebenbei ist Rickettsia prowazekii auch der Erreger des, man ahnt es, Fleckfiebers.

Wie sagt Zinsser:

All this may seem remote from the story of typhus fever; but only to those who are impatient for the sensational events in a turbulent narrative.

Kapitel 4 enthält zum Begriff saprophyte die beste Fußnote ever:

If the reader does not understand this word, it is too bad.

Heute und auf deutsch eher “saprobiontisch” oder “saprotroph”. Ich habe auch nachgeschlagen. Wie oben erwähnt: ich habe viel nachgeschlagen beim Lesen.

In den weiteren Kapiteln – ich kapituliere vor den vielen Einmerkern und fasse mich kürzer – geht es um ansteckende Krankheiten in der griechischen und römischen Antike, im Mittelalter, in Bibel und Talmud. Warum es so schwer ist, zu diagnostizieren, um welche Art Epidemie es sich jeweils gehandelt hat. Zum einen deshalb, weil die Krankheiten nicht immer genau beschrieben wurden, vor allem aber deshalb, weil sich Krankheiten im Lauf der Zeit verändern. Die Krankheiten des Mittelalters müssen sehr viel aggressiver gewesen sein als ihre Nachfahren heute. Wie kommt das? Wenn die Krankheitserreger ihren Wirt umbringen, haben sie wenig davon. Die Krankheit tritt zuerst epidemisch auf: zeitlich begrenzt, sehr stark. Dann wird sie endemisch: örtlich begrenzt, aber ständig in einem gewissen Ausmaß vorhanden. Im Lauf der Generationen gewöhnen sich danach Krankheit und Mensch aneinander. Die Immunität in der Bevölkerung steigt an. (Im Zuge vieler Erkrankter und Toter, versteht sich. Das ändert also alles nichts daran, dass man impfen sollte.)
Eine große Rolle haben Infektionskrankheiten in der Militärgeschichte gespielt. Zum Unabhängigkeitskampf Haitis heißt es in der Wikipedia: “Selbst eine von Napoleon gegen Haitis Nationalheld Toussaint L’Ouverture gesandte Armee wurde letztlich geschlagen.” Das Passiv deutet an, dass es das Gelbfieber war, das die Armee letztlich geschlagen hat.

Dann geht es um Zecken, Flöhe und Läuse. Die brauchen wir später für das Fleckfieber. Läuse waren einst selbstständige Tiere (“who could look other insects in their multifaceted eyes and bid them smile when they callem them ‘louse'”). Wie sie sich zum Parasiten entwickelten, war noch nicht sicher geklärt. Vor allem Professor Enderlein vertrat eine andere Theorie als Professor Handlirsch, dessen Werk Die Fossilen Insekten so zitiert wird:

Für die Ableitung der Pediculiden von Mallophagen ist übrigens in neuerer Zeit, gleichzeitig aber ganz unabhängig auch N. Cholodkowsky auf Grund der Embryonalentwickelung [e]ingetreten. Hoffentlich gelingt es unseren vereinten Bemühungen doch endlich auch Enderlein von seiner Ansicht über die engen Beziehungen zwischen Pediculiden und Hemipteroiden abzubringen.

Die Laus hat es Zinsser besonders angetan. Zu ihrer Entwicklung:

If properly taken care of [nach dem Schlüpfen aus dem Ei], it moults, and in from four days to a week goes into what is spoken of as the second nymph stage, and from that by a similar process into a third nymphal stage, throughout this period enjoying all the privileges of louse existence except the sexual one. It does not become a sexually mature louse until two or three weeks after emerging from the egg. But then… Oh, boy!

Oder wie es in einer anderen Fußnote heißt:

Nach zwölf einleitenden Kapiteln, die den Großteil des ganzen Buchs ausmachen, kommt Zinsser endlich zum Fleckfieber, dessen Biographie er angeblich schreiben wollte. Und danach versteht man auch die Zusammenhänge: das Fleckfieber wird erregt durch Rickettsien (jene unselbstständigen Bakterien von oben) in den Zellen vor allem des Rattenflohs, der selbst nicht erkrankt. Der Rattenfloh beißt gelegentlich auch den Menschen, der dann an endemischem Fleckfieber erkranken kann. Zur Epidemie wird das Fleckfieber aber erst durch die menschliche Kopflaus, die sich den Erreger von ihrem durch den Rattenfloh infizierten Wirt holt. Die Laus stirbt zwar früher oder später an dem Erreger, aber anders als der Rattenfloh springt die Laus gerne von einem Menschen zum anderen und infiziert dann diesen: eine Epidemie beginnt.

Und jetzt muss ich aufhören, weil es mich schon wieder juckt. Während der Lektüre des Buches musste ich mich auch ständig kratzen. Rats, Lice and History gibt es für etwa 20 Euro in verschiedenen Taschenbuchnachdrucken, ich habe mir selber eine schöne alte Ausgabe besorgt. Ab Januar 2011 sind Zinssers Werke nicht mehr urheberrechtlich geschützt, vielleicht taucht dann ja mal eine digitale Ausgabe auf. Das Buch ist informativ, spannend und äußerst witzig, geht querfeldein durch Naturwissenschaft, Mikrobiologie, Evolution, Kultur- und Militärgeschichte und ist hemmungslos auktorial.

***

Und wie kommt man auf so ein Buch? Bei mir heißt die Antwort Slighty Foxed. Mit dem Untertitel “The Real Reader’s Quarterly” kann ich leben, dass auf der Rückseite steht: “the lively quarterly review for the independent-minded”, muss ich schlucken. Ich lasse mir nicht gerne vorschreiben, dass ich independent-minded bin. Aber ansonsten bin ich rundherum zufrieden damit. Darauf gekommen bin ich über einen Blogeintrag im Kunst Blog Buch.

Slightly Foxed ist ein Magazin im Taschenbuchformat, vierteljährlich, knapp 100 Seiten. Herausgegeben wird es von zwei Leuten, die auch eine Buchhandlung und einen Kleinverlag mit bibliophilen Ausgaben betreiben. Jeder Band enthält um die 16 kurze Buchvorstellungen, deren Format noch am ehesten an Blogeinträge erinnert: sie sind sehr persönlich, stellen Buch und Autor vor, oder eine Reihe von Büchern, mit Anekdoten und Erinnerungen. Manche der vorgestellten Bücher sind erst zehn Jahre alt, die meisten stammen von irgendwann während der letzten hundert Jahre. Manche Autoren sind bekannt, andere unbekannt. Ein Drittel der Bücher ist out of print. Sachbücher sind dabei und Romane und auch schon mal eine Betriebsanleitung (Operating Instructions for Models 40 & 100, The British Seagull Co. Ltd.). Ein Großteil der Bücher ist englisch, aber ich kann mich auch an deutsche und italienische Bücher erinnern.

Ich habe jetzt seit einem Jahr ein Abonnement für Slightly Foxed und werde es sicher verlängern. Ich hatte früher schon mal Magazine abonniert und bin seit vielen Jahren glücklich abonnementfrei. Man liest sie ja doch nicht, sie liegen dann herum und sind eher eine Last. Aber auf Slightly Foxed freue ich mich jedesmal – und kaufe und lese pro Heft zwei bis vier der vorgestellten Bücher. Ganz gelegentlich kenne ich schon eines davon, dann fühle ich mich ganz besonders stolz.

John Updike, Gertrude and Claudius (or, hello James Branch Cabell)

Ich merke schon, wenn ich jetzt nichts aufschreibe, vergesse ich das meiste wieder. Also gut: In diesem Buch erzählt Updike die Vorgeschichte von Hamlet. Im ersten der drei Teile wird Gerutha (Getrude) von ihrem Vater an den plumpen Edelmann Horwendil verheiratet (den zukünftigen Vater Hamlets). Gerutha ist alles andere als begeistert, lässt die Hochzeit aber trotzdem geschehen. Am Ende des Abschnitts ist Gerutha Mitte dreißig, sie hat ihrem Mann einen Erben geboren, Amleth (Hamlet). Nur ihrem Kämmerer Corambus (Polonius) hat sie anvertraut, dass sie nicht wirklich glücklich ist mit ihrem Mann. Heimlich findet sie dessen Bruder Feng (Claudius) faszinierender, eine kühneren Kämpfer und tiefereren Denker, der sich aber meist auf Reisen befindet. Auch Feng liebt Gerutha, und hält deshalb so viel Abstand zum Hof.

Woher die komischen Namen? Updike benutzt für diesen Teil der Geschichte die Namen aus der ältesten Hamlet-Quelle, der Historia Danica von Saxo Grammaticus (spätes 12. Jahrhundert, Erstdruck 1514). Im zweiten Teil nimmt Updike die Namen aus einer Saxo-Adaption von 1576: Histoires tragiques von François de Belleforest, im dritten die von Shakespeare.

Im zweiten Teil sind alle Hauptpersonen schon mittleren Alters. Der Thronfolger Hamblet ist bald dreißig und treibt sich immer noch auf der Universität herum. Horvendile ist immer noch König, Geruthe ist immer noch unzufrieden und sucht eine Möglichkeit, sich ab und zu fern vom Hof und ihrem Mann aufzuhalten. Das Häuschen, das sich Kämmerer Corambis – der einzige am Hof, der noch den alten König und Geruthe als Kind kannte – für den Ruhestand zugelegt hat, kommt ihr da zugegen. Corambis kann ihr die Bitte nicht abschlagen, wird aber dadurch zum Mitwisser, denn das Häuschen entwickelt sich zum geheimen Treffpunkt von Geruthe und Fengon, dem Bruder des Königs. Die beiden werden ein grauhaariges Liebespaar, und als der schmierige König das durch Verrat erfährt, tötet Fengon ihn, ohne dass jemand davon erfährt.

Im dritten Teil haben Claudius (vormals Feng/Fengon) und Gertrude geheiratet. Ihr Verhältnis ist ein wenig gespannt, Hamlet macht Sorgen, Ophelia auch, der Mord lastet auf der Beziehung. Aber am Schluss des Abschnittes scheint alles geklärt: Hamlet reist nicht wieder nach Wittenberg, sondern bleibt am Hof, wird Ophelia heiraten und Kinder kriegen und in zehn Jahren oder so, wenn Claudius stirbt, den Thron übernehmen, Getrude wird in Friede und Ehren altern. “All would be well” sind die letzten Wörter des Buches. Es hört da auf, wo Shakespeares Hamlet anfängt.

– Erwähnenswert ist das Buch, weil ich mich für solche Parallelgeschichten interessiere und dereinst einen langen, langen Blogeintrag dazu verfassen werde. Vor allem ist es aber für mich als Leser von James Branch Cabell interessant. Der hat mich in einem Buch mit dem Hamlet des Saxo Grammaticus bekannt gemacht. (Vermutlich habe ich an der Uni auch schon davon gehört, es aber wieder vergessen.) Dort ist Hamlet mutig, entschlussfreudig, heiratet die Königinnen von England und Schottland, nach jener unglücklichen Episode in Dänemark. Außerdem hat auch Cabell den ursprünglichen Stoff schon einmal in Hamlet Had An Uncle (1940) behandelt, mit Horvendile, Fengon, Geruth. Und schließlich ist Horvendile ein Name, der sich durch Cabells Hauptwerk, die vielbändige Biographie von Manuel, zieht. Er ist ein Gegenspieler Manuels und seiner Nachfahren, gleichzeitig ein Alter Ego des Autors, ein russischer Waldgeist (ein Léshy), oder Koschei (eine mehr oder weniger unfreundliche Schöpfergestalt) – lange Geschichte.

Wenn es nur das wäre, hätte ich vielleicht immer noch nichts geschrieben. Aber zwischen Updike und Cabell gibt es noch weitere Parallelen, auf die ich hinweisen möchte. Das beginnt mit Updikes Widmung, einem Zitat aus einem Lied des südfranzösischen Trobadors Jaufré Rudel (12. Jahrhundert):

De dezir mos cors no fina
Vas selha res qu’ieu pus am

(Mein Herz verlangt ohne Unterlass
nach dem Wesen, das ich am meisten liebe)

Oha, denkt sich da der Cabell-Freund. Provenzalische Lyrik des Mittelalters, das ganze Trobadorwesen, spielt bei Cabell eine große Rolle. Im kalten Dänemark vermutet man das sonst weniger. Dorothy la Desirée ist die große Liebe des jungen Jürgen in Jurgen. Poictesme, das erfundendene mittelalterliche Land, in dem Cabells Hauptwerke spielen, erinnert an Poictiers (heute Poitiers) und Angoulesme (heute Angoulême). In The Certain Hour (Dizain de Poëtes) sammelt Cabell Geschichten über Dichter, der Titel seines Domnei benutzt das provenzalische Wort der Trobadordichter, das ungefähr dem deutschen Minnekonzept entspricht; Cabell auch sonst oft die Trobadorlyrik, aber das müsste ich erst heraussuchen.
Auch Updike benutzt nicht nur in der Widmung altfranzösische Lyrik, er lässt Feng selbst Betran de Born wörtlich und altfranzösisch zitieren.

Cabells – von manchen vielleicht beklagte – Liebe zu zweideutigen Witzeleien findet sich ebenso bei Updike. Fengon hat Gertrude im Zuge seiner Werbung einen silbernen Kelch aus dem Süden geschenkt, juwelenbesetzt und mit Sagengestalten verziert. Getrude lässt ihre Finger über den Stiel des Gefäßes gleiten. “It reminded her, in its lumphy heft, of something she had often handled, with mixed emotions, distaste and dread yielding to amusement and wonder.” Und schon im ersten Teil, beim Essen mit Fengon, gibt es unter anderem “those little dry spicy sausages for which the peasants have an obscene name.”

Das erinnert an die Anklageschrift gegen Jurgen:

Represents and is descriptive of scenes of lewdness and obscenity, and particularly upon pages 56, 57, 58, 59, 61, 63, 64, 67, 80, 84, 86, 89, 92, 93, 98, 99, 100, 103, 104, 105, 106, 107, 108, 114, 120, 124, 125, 127, 128, 134, 135, 142, 144, 148, 149, 150, 152, 153, 154, 155, 156, 157, 158, 161, 162, 163, 164, 165, 166, 167, 168, 170, 171, 174, 175, 176, 177, 186, 196, 197, 198, 199, 200, 203, 206, 207, 211, 228, 229, 236, 237, 238, 239, 241, 242, 271, 272, 275, 286, 321, 340, 342, 343

– wobei die Anspielungen auf diesen Seiten ebenso harmlos sind wie die bei Updike:

“The avenging sword of Jurgen, my charming Sylvia, is the terror of envious men, but it is the comfort of all pretty women.”
“It is undoubtedly a very large sword,” said she: “oh, a magnificent sword, as I can perceive even in the dark. But Smoit, I repeat, is not here to measure weapons with you. […] But you upset me, with that big sword of yours, you make me nervous, and I cannot argue so long as you are flourishing it about. Come now, put up your sword! Oh, what is anybody to do with you! Here is the sheath for your sword,” says she.

Eine weitere Parallele – aber ab jetzt mache ich es kurz – ist das Geschlechterbild. Für Cabell sind die Männer (Jürgen) die Träumer und die Frauen (Dame Lisa, Jürgens Frau) haben den gesunden Menschenverstand. Updike: “Not the least of the King’s [Claudius’] reasons for loving her was that female realism which levelly saw through the agitations and hallucinations of men.” Das Weltbild ist bei beiden Cabell und Updike gentlemenhaft distanziert: “war was becoming […] unfashionable” – könnte auch bei Cabell stehen. Und die Figuren neigen zu anachronistischen philosophischen Diskussionen.

Wozu das alles? Weiß nicht, ist mir so aufgefallen. Wenn ich noch literaturwissenschaftliche Arbeiten schreiben würde, könnte ich nach weiteren Parallelen schauen und auf deren Basis irgendwelche klugen Schlüsse ziehen. Aber dazu weiß ich zu wenig über Updike. Ich weiß, dass er die Rabbit-Romane und dergleichen geschrieben hat; habe mal reingeschaut und mich gelangweilt. Aber er hat auch die Hexen von Eastwick geschrieben, das mir gefallen hat und mir nicht zu seinen anderen Büchern zu passen scheint. Und dann so etwas, Hamlet und altfranzösische Trobadore. Tse.

Ansonsten erinnert mich das Updike-Buch ein bisschen an die Star-Wars-Prequels. Dinge, von denen man zuerst in der Rückschau erfahren hat, erfährt man jetzt etwas detaillierter. Horwendils Sieg gegen Fortinbras den Älteren; Yorick lebt noch und ist schlechter Umgang für Hamlet. Wie bei den Star-Wars-Filmen wird die Geschichte der Vorgängergeneration der ursprünglichen Helden erzählt.

Thorne Smith, The Night Life of the Gods

Die frühen 1980er Jahre waren meine Jugendzeit. Nach Star Wars waren Science-Fiction-, nach Conan Fantasy-Filme populär, Romane nicht weniger. Ein gründlicher Blick in meine Bücherregale führt zu folgenden separaten Taschenbuchreihen:

  • Heyne: Science Fiction, Science Fiction Classics, Bibliothek der Science Fiction Literatur, Fantasy, Fantasy Classics
  • Bastei: Science Fiction Taschenbuch, Science Fiction Fantasy, Science Fiction Action, Science Fiction Special, Science Fiction Beststeller, Science Fiction Roman, Fantasy
  • Goldmann: Science Fiction, Fantasy
  • Ullstein: Ullstein 2000, Ullstein Science Fiction
  • Klett-Cotta: Hobbit-Presse
  • Fischer: Bibliothek der phantastischen Abenteuer

Man kriegte die Bücher im Bahnhofsbuchhandel, in Kaufhaus-Ramschtischen, in Buchhandlungen, auf Flohmärkten. Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, diese Menge. Die Hobbit-Presse bei Klett-Cotta (und deren Taschenbuchausgaben bei dtv) hatte den höchsten literarischen Anspruch: Tolkien, Peter S. Beagle, Lord Dunsany. Als Serie nicht so wichtig, aber am schönsten entworfen war die Bibliothek der phantastischen Abenteuer bei Fischer (ab 1986) – Papier in Eierschale, blaue Schriftfarbe, hier ein paar Titelbilder.

In dieser Reihe erschien auch Das Nachtleben der Götter von Thorne Smith. Ich kannte nur den Klappentext – Statuen griechischer Götter werden lebendig und machen New York in den 1930ern unsicher – und hatte erst dieses Jahr den Autor dazu herausgefunden, einen Autor, den ich schon kannte. Von Smith stammten die Topper-Romane, verfilmt unter anderem mit Cary Grant: das leichtsinnig-lebenslustige Ehepaar Constance Bennett/Cary Grant stirbt bei einem Autounfall und findet sich als Geister wieder. Als gute Tat wollen sie den Bankpräsidenten Cosmo Topper, mittleren Alters, brav, unter dem Pantoffel seiner Frau stehend, ein bisschen aufmischen.
Als Kind und Jugendlicher fand ich die Topper-Filme klasse. Schwarzweiß, albern, nicht ganz so sophisticated und nicht gar so gut wie die Dünner-Mann-Reihe mit Myrna Loy und William Powell, aber sehr lustig. Zwei Bücher von Smith hatte ich schon gelesen, nett, aber nicht weiter in Erinnerung geblieben. Aber New York und griechische Götter klang gut.

Also besorgte ich mir The Night Life of the Gods. Also erstmal: die Götterstatuen tauchen erst ab der Mitte des Buches auf. Davor geht es um Hunter Hawk, einen etwas verschrobenen Wissenschaftler (mit Explosionen im hausinternen Labor), dessen Schwester samt Mann, Schwiegervater, Sohn und Tochter sich bei ihm eingenistet hat. Die Tochter, seine Nichte, ist das einzige Familienmitglied, das er einigermaßen mag. Sie ist lebenslustig, etwas flatterhaft, leichtsinnig, oberflächlich, gutmütig, tolerant. Der Vater von Hunters Schwester ist ein missmutiger Griesgram, nicht unsympathisch, da er alles und jeden gleichermaßen verabscheut. Richtig anstrengend sind dagegen Schwester, deren Mann, der Sohn, alle sehr auf properes kleinbürgerliches Verhalten achtend. Als sie Hunter bei einer Explosion umgekommen wähnen, teilen sie schon das Erbe unter sich auf.
Aber Hunter hat endlich das gefunden, nach dem er geforscht hat: einen Strahl, mit dem er Lebewesen in Stein verwandeln (und das auch wieder rückgängig machen) kann. Er bastelt sich einen Ring, mit er das unbemerkt machen kann, und geht auf eine nächtliche Sauftour. Dort trifft er einen irischen Kobold, mit dem er weiter trinkt. Der lädt ihn in seine Höhle ein, wo dessen Tochter Megära (kurz Meg) auf ihn wartet. Sie trinken zu dritt weiter.
Irgendwann mal wieder zu Hause, will Hunter schlafen gehen. Aber Megära stiehlt sich in sein Bett und geschlafen wird nicht viel in dieser Nacht:

He was unable to finish his sentence. Megaera, her great eyes astir with the night from which she had emerged, was sitting on the ledge of one of the windows.
‘At its best getting into bed isn’t pretty,’ she observed, ‘but you make it unnecessarily unpicturesque. People should have sunken beds like sunken tubs.’
‘I’m not here to discuss the aesthetic side of bed-going with you,’ replied Mr Hawk in a low voice.
‘Oh, no?’ she replied. ‘You’re not, eh?’
She stripped off her dress and stood before him in a ragged shift. Mr Hawk promptly closed his eyes and switched off the light.
[…]
‘Don’t get me mad,’ a small voice gritted in his ear. ‘Move over now and be quick about it. I’m getting into this bed.’
‘Then I’m getting right out. This bed would be too small for the both of us if it were as wide as the Sahara Desert.’
‘No bed could be too small for us,’ she whispered. ‘You and I could sleep on a straw.’
‘There’ll be no sleep for me to-night, my dear young lady.’
‘You’ve said it!’
‘What do you mean?’ Hawk’s voice was weak with alarm. ‘Out I go.’
[…]
‘Easy there with that hand. A kind word doesn’t constitute an invitation to an orgy.’
‘Nothing like a good old orgy occasionally.’

Megära kann ebenfalls Lebewesen in Stein verwandeln und umgekehrt, allerdings auf Grundlage ihrer Magie und nicht der Wissenschaft wie bei Hunter. Zusammen trinken sie in der ersten Hälfte des Buches ständig Cocktails, fallen in Betten, ärgern sich gegenseitig und treiben mit ihren Versteinerungskünsten Schabernack auf Partys und in Nachtclubs. Polizei, Schießereien, permanente Versteinerung unbeteiligter Gäste sind dabei kein Thema. The Night Life of the Gods erschien 1931, ist klar ein Kind der wilden 1920er Jahre. Ständig wird getrunken, häufig gibt es double entendres:

‘God,’ repeated the man, thoughtlessly touching the petrified woman with a long finger. This action elicited general merriment on the part of the low-minded spectators.
‘If she’s a real live lady she’d never let you do that,’ someone remarked.
‘No,’ agreed another voice. ‘Not even if you were married to her.’

Hunter Hawk ist dabei nicht der brave Bürger, der vom irischen Kobold verführt wird. Nüchtern oder angetrunken, er genießt das Chaos, das er anrichtet. Er ist “an idealist in loose living”. Wer auf die Idee mit den Göttern gekommen ist, weiß ich nicht mehr, Meg und Hunter regen sich gegenseitig zu Dummheiten an. Jedenfalls beschließen sie ab der Mitte des Buches, die Statuen in einem New Yorker Museum zum Leben zu erwecken, und machen danach mit den wiederauferstandenen griechischen Göttern New York und dessen Nachtclubs unsicher. Die Götter sind dabei fast ebenso chaotisch wie Hunter und Meg, brauchen nur ein bisschen, bis sie sich an den Alkohol der Gegenwart gewöhnt haben. (Wir haben immer noch Prohibition, übrigens, bis 1933.) Ihre Basis ist eine Suite von Räumen in einem großen Hotel. Die gestohlene Kuh schmuggeln sie im privaten Aufzug in ihre Zimmer. Warum eine Kuh? Warum nicht. Die Götter brauchen die Kuh eigentlich nicht, aber sie ist nun mal da. Auch Thorne Smith braucht die Kuh nicht, es hängt keine Pointe dran und kein Plot, da ist halt einfach die Kuh im Zimmer.

Gegen Ende des Buches sammeln sich die Mächte von Recht und Ordnung gegen Hunter, Meg und die Götter. Das Finale hat mich an die Blues Brothers erinnert: die Helden (oder Antihelden) haben sich in eine ausweglose Lage manövriert, stehen einer Übermacht von Ordnungshütern gegenüber. Im Bewusstsein dieser Situation hat Hunter seine finanziellen Angelegenheiten in Ordnung gebracht:

‘I have a little business with my lawyer I’d like to put through before I make my last stand and leave the field to the train catchers and window watchers and mirth controllers, and all the rest of the filthy, criticizing, vice-coveting tribe that at present sets the standard of life.’

Er hat eine Stiftung gegründet, das meiste Geld geht an seine Nichte und deren Freund. Aber auch an ihren Großvater ist gedacht: “She’ll buy you a lovely pornographic library and read to you every night.’

Im Finale schlagen sich die Mächte der Anarchie ganz gut. Autos werden weniger zerstört als bei den Blues Brothers, aber die Polizisten fliegen nur so hin und her über die Mauern. Letztlich gewinnen unsere Helden die Schlacht sogar, aber sicher nicht den Krieg – das nächste Mal werden einfach noch mehr Ordnungshüter ihrer Anarchie gegenüberstehen. Außerdem werden die Götter ein bisschen müde, vertragen das moderne Leben, den vielen Alkohol und die Aufregung nicht so gut. Sie bitten darum, wieder zu Statuen gemacht zu werden. Und auch für Hunter und Meg ist diese Welt kein Heim mehr. Sie lassen sich mit versteinern, als Liebespaar.

Was für ein merkwürdiges Buch.

***

Beim Lesen kam mir der Stil des Buches vertraut vor. Und dann kam ich darauf, woran er mich erinnerte: an ein Produkt, dass ich in der 8. oder 9. Klasse produziert habe:

40 Seiten, 11.000 Wörter, mit Illustrationen, Vor- und Nachwort, und heute sicher unlesbar. Der Tonfall der Erzählerfigur ist vom Stan Lee der frühen Marvels abgeschaut, die Hauptpersonen sprechen oder sollen jedenfalls so sprechen wie die Figuren in dem Thorne-Smith-Roman. Wie kommt das? Hatte ich dabei die Verfilmung der Topper-Romane im Kopf, die ich da sicher schon gesehen hatte? Vage kann ich mich auch noch an Dean-Martin-Agentenkomödien erinnern, etwa: “Leise flüstern die Pistolen” (1966). Das waren James-Bond-Parodien mit einem trinkenden und schäkernden Dean Martin, möglicherweise nicht besonders gut. Hat Dean Martin von Thorne Smith geerbt, gibt es gemeinsame Quellen, oder ist das ein Archetyp?

Über die Handlung meines jugendlichen Werks will ich nicht viel sagen. Handlung mäßig, Tonfall brrrrrr. Immerhin, die Produktion ist sauber: Blocksatz, Absätze eingerückt, durchweg korrekte Rechtschreibung und Zeichensetzung. Allerdings nirgendwo das Zeichen ß, stattdessen alles mit ss – ich nehme an, dass der Computer damit Schwierigkeiten hatte. Das war auf einem CMB 8032 geschrieben und formatiert, damals im Jahre 1982. Ich sag’s immer wieder: besser als Pubertät, diese Hobbys.

Weihnachten 2010

Etwas verspätet: schöne Weihnachten zusammen, und dann bald auch noch einen schönen Rutsch. Ich habe ein bisschen Pause gemacht. In der letzten Woche vor Weihnachten war Schule, am Donnerstagmittag dann gemeinsames Mittagessen mit den Kollegen, die nicht gleich wegwollten, sondern noch etwas Zeit fürs Zusammensein aufbringen konnten.
Weihnachten und 1. Feiertag bei den Schwiegereltern, 2. Feiertag bei den Eltern, selbstgemachte Gans gestern. Eine Gans muss schon sein zu Weihnachten. Geschenke gab es wenige, und das ist gut; ich habe ja schon so ziemlich alles, was ich brauche.

Mit dem Aufräumen von Zimmer und Schreibtisch bin ich fertig, einige Bücherregale im Wohnzimmer sind umgeräumt. Wertstoffhof war ich auch schon. (Nicht wegen der Geschenke, nein, sondern wegen Kram, der sich in den letzten Monaten angesammelt hatte.) In den nächsten zwei Tagen möchte ich einige Bücher verbloggen, die ich teilweise schon vor einiger Zeit gelesen habe, über die zu schreiben ich aber keine Zeit hatte, und danach muss ich für die Schule arbeiten. Morgens gibt es Milchkaffee, ich lese viel.

— Von zwei meiner Klassen habe ich einen E-Mail-Verteiler. Den habe ich nicht selbst angelegt, sondern über die Klassenelternsprecher bekommen, die diesen Verteiler natürlich nicht ohne Rücksprache mit den anderen Eltern an mich gegeben haben. Im nächsten Jahr könnte ich das von Anfang an selbst in die Hand nehmen und die Eltern um eine E-Mail-Adresse bitten und um die Erlaubnis, sie für schulische Nachrichten verwenden zu dürfen. Das ist nämlich praktisch, wenn man Informationen hat, die an alle gehen, die aber keinen Rückmeldung in Form eines unterschriebenen Zettels erfordern. Einfordern darf ich eine Adresse natürlich nicht. Weihnachten habe ich jedenfalls an die Eltern einer Klasse einen kurzen Weihnachtsgruß geschickt. Davor habe ich lange überlegt: ist das aufdringlich? Zu kumpelhaft? Ich achte eigentlich schon auf Distanz, mag auch das Bild von der Schulfamilie nicht, zu der wir alle gehören. Aber über Weihnachtsgrüße freut man sich doch immer, denke ich.

Sprachliche Bilder 1: Metaphern und Vergleiche

(Nach einer Diskussion auf der Mailingliste und einem Beitrag bei JochenEnglish jetzt auch hier etwas dazu.)

Bei einem poetischen, literarischen Vergleich werden zwei Dinge miteinander verglichen, die etwas gemeinsam haben. Das heißt: so gut wie alles kann verglichen werden – das menschliche Gehirn ist gut darin, herauszufinden oder auch zu erfinden, was die Sachen gemeinsam haben könnten.

Bei der Untersuchung eines Vergleichs sollen sich die Schüler jeweils fragen: 1) welche zwei Dinge werden verglichen, und 2) vor allem, welche Gemeinsamkeit wird dadurch nahegelegt?

In der Schule nehme ich als Beispiel gerne die Gedichtzeile: “My love is like a red, red rose.” Hier wird die Angebetete des Sprechers mit einer Rose verglichen. Was haben sie gemeinsam? Beide sind schön, kostbar, exquisit. Beide riechen gut, fühlen sich gut an. Beide können stechen, sagen die Schüler dann, und ich bitte darum, das Bild nicht mit einem anderen Bild zu erklären. (Die angebetete Frau sticht sicher nicht im wörtlichen Sinn.) Also gut, ändern wir das in: beide können verletzen. Beide können welken sind vergänglich in ihrer Schönheit.

Dass dieses Gemeinsame beim Vergleich nicht ganz einfach zu benennen ist, unscharf und Gefühlssache bleibt, macht den Reiz literarischer Vergleiche und Metaphern aus. Bei Allerweltsmetaphern fällt einem da weniger ein: “Glühbirne” – so ein Leuchtedings wird mit einer Birne verglichen, weil, weil, weil die so eine ähnliche Form haben. Und von oben herabhängen, das war’s dann schon. Andererseits kann auch manche tote Metapher noch Überraschendes zeigen, wenn man mal genau hinschaut. “Wellenreiten” etwa – die Bewegung auf einem Pferd wird verglichen mit der Bewegung auf einem Surfbrett. Die Körperhaltung ist sich ein wenig ähnlich, die geöffneten Beine. Das Unsichere, Schwankende der Bewegung. Die Gefahr des Absturzes, die fehlende völlige eigene Kontrolle, die leichte Auf- und Abbewegung.

Solche Bilder gibt es auch in der Werbung. In der hier werden ein Pferd und Kaffee miteinander verglichen. Weit hergeholt? Man kann nun mal alles vergleichen, auch Pferde und Kaffee, wenn man will. Freundlicherweise erklärt uns die Werbung den Vergleich explizit, sonst würde man nicht so schnell darauf kommen:

“Temperament, Eleganz, Klasse” – das hat das Pferd mit diesem Kaffee gemeinsam. Und natürlich die Farbe, auch wenn die nicht als Teil des tertium comparationis genannt wird. Werbung ist voller derartiger Bilder, auch wenn die meisten Metaphern keinesfalls erklärt werden, sondern ihre Wirkung auch so erfüllen sollen. Autowerbung dürfte da ganz typisch sein, auch wenn mir im Moment keine weiteren Metaphern einfallen.

Scherze kann man auch treiben mit Vergleichen, wenn auch nur mäßig witzige. Man lässt den Hörer erst die eine Basis des Vergleichs erwarten und präsentiert dann eine andere: “Du hast Beine wie ein Reh. (Pause.) Nicht so schlank, aber genauso haarig.” “Du bist wie ein Fuchs. (Pause.) Ned so schlau, aber so gstinkert.”
Da ist Voltaire schon lustiger:

Bei einer Beerdigung fragte man Voltaire, wie er die Grabrede fände. “Wie das Schwert Karls des Großen”, erwiderte er. Und als niemand diese Anspielung verstand, fügte er hinzu: “Lang und flach.”

(Aus einer Anekdotensammlung im Bücherschrank meiner Eltern.)

In eine ähnliche Ecke gehört auch die Klappentextmetapher. Auf den Diogenes-Bänden von Ray Bradbury stand zumindest früher das Zitat: “Ray Bradbruy ist der Louis Armstrong der Science Fiction” (Kingsley Amis). Man denkt: weil der so virtuos, so elegant, so munter, fröhlich, gut ist. Tatsächlich meint Amis in der Quelle den Vergleich explizit so: selbst Leute, die von diesem Spezialgebiet (der Science Fiction, des Jazz) keine Ahnung haben, haben den Namen schon einmal gehört.

Manchmal wird so ein Vergleich gleich über mehrere Zeilen ausgebreitet, das heißt dann extended metaphor/simile oder sogar conceit und war besonders bei den metaphysical poets des 17. Jahrhunderts beliebt. Hier wird der Vergleich gleich im Gedicht analysiert:

Go, lovely Rose –
Tell her that wastes her time and me,
That now she knows,
When I resemble her to thee,
How sweet and fair she seems to be.

Tell her that ‘s young,
And shuns to have her graces spied,
That hadst thou sprung
In deserts where no men abide,
Thou must have uncommended died.

Small is the worth
Of beauty from the light retired:
Bid her come forth,
Suffer herself to be desired,
And not blush so to be admired.

Then die – that she
The common fate of all things rare
May read in thee;
How small a part of time they share
That are so wondrous sweet and fair!

Edmund Waller 1606–1687

Fast schon ein conceit ist auch diese Metapher von Wolfram von Eschenbach (etwa 1170-1220) in einem tageliet. In dieser Gattung geht es stets darum, dass der Morgen anbricht und das Paar von heimlich minnendem Ritter und Minnedame trennt:

Sîne klâwen
durch die wolken sint geslagen,
er stîget ûf mit grôzer kraft,
ich sich in grâwen
tegelîch, als er will tagen,
den tac

Hier wird das Hereinbrechen des Morgens, die Streifen von Sonnenlicht durch die Wolken, verglichen mit den Klauen eines Raubtiers, das irgendeinen undurchsichtigen Vorhang zerreißt. Die Basis des Vergleichs: die Risse in der undurchsichtigen Hülle, durch die Spuren des Verursachers brechen, die drohende Gefahr, die Aussichtslosigkeit, sich ihr zu widersetzen. Im tageliet bedeutet der Morgen ja die Gefahr, erwischt zu werden.

Das war dann auch eine Personifikation, eine Sonderform von Vergleich und Metapher. Metaphern sehe ich übrigens mehr oder weniger nur als Kurzform des Vergleichs. Natürlich gibt es auf der einen Ebene einen Riesenunterschied: wenn man einen Vergleich aufstellt, lädt man ein, dem Gedankengang zu folgen (my love is like a red, red rose – kann man auch so sehen oder nicht); bei einer Metapher stellt man eine Behauptung auf, die sachlich unwahr ist (my love is a red rose). Bei einem Vergleich wird häufig die Basis des Vergleichs – das tertium comparationis – genannt, bei einer Metapher nur selten. Trotzdem ist der Unterschied für mich nicht sehr wichtig.

Vergleiche und Metaphern zum Üben:

  • Sie roch so, wie das Taj Mahal bei Mondschein aussieht. (Raymond Chandler) – schön, exotisch, überwältigend, nicht sehr subtil, fast ein bisschen kitschig?
  • Es war, als hätt der Himmel / Die Erde still geküsst (Eichendorff)
  • “Daten sind das Müllproblem der Informationsgesellschaft” (Bruce Schneier)
  • Und frische Nahrung, neues Blut / Saug ich aus freier Welt / Wie ist Natur so hold und gut, / Die mich am Busen hält! (Goethe)
  • Das Land der Griechen mit der Seele suchen. (Goethe)
  • “Das jüngste Konjunkturpaket ist für den Bildungsbereich nur eine Dopingspritze, um Fassaden zu verschönen”, warnt Ludwig Eckinger, Bundesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE). “Wenn erst richtig realisiert wird, welcher enorme Schuldenberg aufgeschüttet wird, droht dem Bildungsbereich eine Hungerkur ohnegleichen.”

    – puh, ich zähle mindestens fünf Metaphern in diesem Zitat, auch ohne die toten Bilder, die in unserer Sprache historisch ohnehin in jedem zweiten Wort sein dürften. Erziehung, Verband, Vorsitzender, Bildung, alles mal Bilder gewesen.

Warum muss man Bilder überhaupt analysieren? Muss man gar nicht. Aber Analyse ist ein Weg, um ein Gespür für Bilder zu kriegen, und dieses Gespür muss man erst erwerben. Dann können Bilder erst ihre Wirkung entfalten. Diese Wirkung besteht selten darin, “dass man sich die Sache besser vorstellen kann”. Sondern darin, einen bestimmten Aspekt der Sache zu betonen, eine Sichtweise zu ermöglichen, auf die man sonst nicht gekommen wäre.

(Zweiter Teil: Metonymie und Symbol.)

Unzusammenhängendes zur SZ heute

Schlag ich heute die Süddeutsche Zeitung auf, geht es wieder mal um Lehrer. Schon auf der Eins, above the fold, der Beitrag dazu selbst weiter hinten in Politik. Im Prinzip nichts Neues: die Qualität der Lehrer ist wichtig für die Schule. Das kann ich unterschreiben. Allerdings: es gibt auch Klassen, denen kann man jeden Lehrer vorsetzen und die Klassen lernen etwas dabei. Viel wichtiger als didaktische Methoden ist die Lehrerpersönlichkeit, aber vielleicht noch wichtiger ist der Wunsch der Schüler, etwas zu lernen. In manchen fünften Klassen gibt es den, in anderen nicht. Daran wenn man etwas ändern könnte, das würde viel bringen. Woher der Unterschied kommt? Müsste man untersuchen.

(Zugegeben, ein bisschen klingt dieser Wunsch nach dem Brechtschen Gedicht “Die Lösung”, wo der mit dem Volk unzufriedenen Regierung scherzhaft vorgeschlagen wird, dann halt das Volk aufzulösen und ein anderes zu wählen.)

“Die Professionalisierung des Lehrpersonals”, wird der deutsche Pisa-Bericht zitiert, ist die “entscheidende Ressource für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen.” Sehe ich auch so. Professionalisierung hätte ich gerne, dafür etwas weniger Schulfamilie. Zur Professionalisierung gehören Profis. Im Moment, da gebe ich dem Artikel recht, sind Schulleiter froh, wenn der Unterricht irgendwie gehalten wird, wie und von wem auch immer. Bei der Einstellungspolitik sehe ich da keinen Spielraum für Professionalisierung. Noch in diesem Jahr wird der bayerische Landtag beschließen, dass Lehrer am Gymnasium eine Besoldungsstufe tiefer einsteigen, A12 statt A13. (Unterschriftenaktion dagegegen.) Einerseits verstehe ich, dass der Staat sparen möchte. Und es stimmt, dass deutsche Lehrer im Europavergleich nicht wenig verdienen. Andererseits vergleicht man sich nicht mit dem Rest von Europa, sondern mit dem Rest von Deutschland, mit anderen Akademikern, immer vorausgesetzt, Lehrer sehen sich als Akademiker, und da wird der Lehrerberuf halt noch etwas weniger attraktiv.

Und er soll attraktiv werden, so wie in Finnland etc., damit die Besten ihn ergreifen wollen. (Andererseits: wenn die Besten das zur Zeit nicht tun, wo sind die denn dann alle? Haben die alle BWL studiert und managen jetzt Banken?) Das muss nicht über Geld gehen, gesellschaftliche Anerkennung wäre auch schon etwas. Dazu müsste dann der Beamtenstatus weg und im Gegenzug das Jammern der Lehrer aufhören – laut Statistik hält man Lehrer nämlich für Jammerer. Ich denke, wir Lehrer haben einen besseren Ruf, als wir denken. Allerdings, so ganz toll ist unser Ruf auch wieder nicht. “Die Literatur der vergangenen hundert Jahre ist eine Schulhorrorliteratur”, schreibt Heribert Prantl und führt an: Heinrich und Thomas Mann, Torberg, Rilke, Hesse, Wedekind. Das ist allerdings nicht die Literatur der letzten hundert Jahre, sondern hundert Jahre alte Literatur; ist Schule in den letzten fünfzig Jahren kein Thema mehr für die Literatur? Prantls Fazit: Ein guter Lehrer braucht mehr Freiheiten. Und: ein Lehrer muss die Schüler mögen und respektieren, und die Gesellschaft muss Lehrer mögen und respektieren.

Das könnte damit anfangen, dass die Süddeutsche nicht diese altväterliche Schreibschrift als Typo für Zwischentitel verwendet.