Faktenwissen und Kompetenzen

By | 6.7.2010

Weil ich es neulich auf einer Fortbildung gehört habe: Geschichtszahlen sind nicht mehr wichtig, weil man heute ohnehin alles schnell nachschlagen kann. Sagte ein Physiklehrer, und der arbeitet ja tatsächlich nicht mit auswendig gelernten Formeln, sondern nur mit der Formelsammlung. (Oder täusche ich mich da etwa?) Und da ist ja auch etwas dran. Wann die Keilerei bei Issos genau war, ist nicht wichtig. Ich weiß auch nicht mehr, wann die Römer das erste Mal versucht haben, England zu erobern, und wann es ihnen gelungen ist – so um die 40 vor und 40 nach unserer Zeitrechnung. Wenn ich es genauer wissen möchte, schaue ich nach.

(55/54 vor und 43 nach Christus. Die Erreichbarkeit von Daten im Web zwingt einen dazu, so etwas nachzuschauen.)

Trotzdem brauche ich Faktenwissen, um Zusammenhänge erkennen zu können. Wenn ich bei Salman Rushdie beiläufig von einer Anwaltskanzlei „Milligan, Sellers and Bentine“ lese, dann komme ich doch nicht auf die Idee, das irgendwo nachzuschlagen. Sonst müsste man ja alles nachschlagen, wo es theoretisch möglich ist, dass es etwas bedeutet. Wenn ich also nicht auswendig die Namen der Beteiligten an der Goon-Show kenne, wird mir dieser Witz entgehen.
Und wenn mir irgendwo in mathematischem Zusammenhang die Zahl 256 begegnet, kann ich nur auf die Idee kommen, dass hier eine Zweierpotenz vorliegt, und damit vielleicht ein Hinweis auf eine Regelmäßigkeit, wenn ich auswendig weiß, das 256 gleich 28 ist. Oder soll ich etwa bei jeder Zahl immer mal vorsorglich eine Primfaktorzerlegung machen?

Bei Maik Riecken habe ich heute einen Hinweis gefunden auf ein Interview bei fr-online.de. Der interviewte Didaktikprofessor Hans Peter Klein wird so zitiert:

Ich werde heute eine empirische Untersuchung vorstellen, nach der wir in der neunten Jahrgangsstufe eines nordrhein-westfälischen Gymnasiums eine Abitur-Leistungskursarbeit Biologie haben schreiben lassen – ohne jede inhaltliche Vorbereitung. Das Ergebnis war erschreckend, denn zwei Drittel Schüler hätten die Abiturarbeit bestanden, einer sogar mit einer Eins.

Schuld daran: Aktionismus und die Bildungsstandards, wenn ich mal ungebührlich verkürzen darf. Hans Peter Klein ist Mitveranstalter der Tagung „Bildungsstandards auf dem Prüfstand. Der Bluff der Kompetenzorientierung“, die Ende Juni in Köln stattfand (teachersnews).

Nun halte ich gerade bei Fremdsprachen Kompetenzorientierung für sinnvoll. Ob überall welche drin ist, wo welche drauf steht, ist eine andere Frage. Für illusorisch halte ich das Untersuchen von einzelnen Kompetenzbereichen. (Jochen neulich zu dem Thema.) Nehmen wir mal das Musterabitur Englisch Leistungskurs (Quelle: ISB), bei dem Hörverstehen geprüft wird. Von den 20 Punkten für Hörverstehen kriegt man 10 Punkte durch True/False- oder Multiple-Choice-Aufgaben. An diesen 10 Fragen habe ich mich bei Erscheinen des Musterabiturs versucht und beim ersten Versuch 9 richtig beantwortet – ohne den Hörtext je angehört zu haben. Benutzt habe ich Lesekompetenz, Testerstellungskompetenz (zugegeben, das ist kein Ziel für Schüler) und vor allem Wissen, das hier auch getestet wird. Ich weiß halt, was ein hijab ist, und damit sind vor allem die true/false-Fragen kein Problem mehr.

Man kann vermutlich Aufgaben schon so niet- und nagelfest machen, dass sie tatsächlich nur eine Kompetenz prüfen. Aber dann werden die Aufgaben so uninteressant wie die des letzten VERA-Tests.

(Nachtrag: Artikel von Klein in Profil, auf seiner Uni-Seite.)

12 thoughts on “Faktenwissen und Kompetenzen

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  2. Jan

    Danke für diese interessante Einschätzung – ich habe mir erlaubt, Ihren Titel zu klauen :-)

  3. Alica

    Ich komme noch relativ frisch von der Schule, hab letztes Jahr mein Abi gemacht und jetzt fast mein erstes Jahr an der Uni rum.

    In der Schule war es genial, wenn man keine Daten wissen musste, sondern nur den Stoff begreifen sollte. Hieß es doch für mich prinzipiell Pluspunkte, eben weil ich die Daten trotz allem konnte. Ein Geschichtslehrer meinte in der 9. mal zu uns, Geschichte ohne Jahreszahlen ist wie Physik ohne Einheiten. Leuchtete mir ein und so paukte ich fleißig und pedantisch Jahreszahlen.

    Inzwischen sehe ich das differenzierter – gegenüber meinen Kommilitonen hab ich in Mathe ziemliche defizite. In der Schule war ich eine der Kursbesten und der Stolz der Lehrerin, inzwischen ist mir klar, dass mir mein Taschenrechner viel zu viel abgenommen hat. Das Grundprinzip der Integral- und Differentialrechnung beherrsche ich, keine Frage. Aber in der Uni wird mehr abgefragt als dy/dx von x²…

    Noch erschreckender: Wenn ich mir in unserer Bücherei die Lehrbücher von vor 20 Jahren anschaue, wird mir übel. Das wurde damals gefordert? So ganz ohne technische Hilfsmittel? Ich behaupte, würde man heute eine Klausur von damals abfragen, würden 95% durchfallen.
    Zumindest in Mathe und Physik.

    Bio sehe ich da ganz anders: Dort wäre man ohne Lernen gnadenlos durchgerasselt. Ich hab die ganzen zwei Jahre (G8) regelmäßig für alle Klausuren gelernt, war Kursprima, bin mit 15 Punkten ins Abi und trotzdem mit „nur“ 12 raus. Vielleicht sind auch unsere Aufgabentypen so viel anders, bei uns waren es im Gros Transferaufgaben: Du bekommst einen Text mit einem Sachverhalt und musst Aufgaben dazu mithilfe des gelernten Lösen können. Z.B. wurde grob beschrieben, was ein bestimmter Stoff im Gehirn verursacht. Mithilfe des Wissens über Neuronen musste dann erklärt werden, was _genau_ passiert. Die größte Hürde dabei war, dass man Begriff um die Ohren geschmissen bekam, die man noch nie gehört hatte, aber sofort in den richtigen Kontext bringen sollte.
    Aber: Die Lernerei hat sich damals gelohnt und ich bin meiner Tutorin bis heute dankbar, dass sie so darauf gepocht hat. Viele Definitionen kann ich immer noch runterbeten, Schemata haben sich im Gedächtnis eingebrannt, ganze Kapitel sind noch abrufbar. Ich hab damals wirklich nachhaltig gelernt und das kommt mir jetzt in meinem naturwissenschaftlichen Studium sehr zugute.

    Heute kann ich sagen: Danke, dass ihr uns so gepiesackt habt.

  4. DrNI

    Im Prinzip liegt hier ein typisches Problem der Informatik vor: Entweder halte ich möglichst viele Ergebnisse vor und brauche viel Speicher – oder ich halte möglichst wenig Daten vor und rechne sie ad hoc aus und brauche viel Rechenzeit.

    Wenn man alles nachschlagen muss wird man nie fertig. Um alles auswendig zu wissen reicht ein Kopf nicht. Also muss es wohl einen Mittelweg geben.

    Übrigens hätte ich mit meinem Physik-Wissen der neunten Klasse sicherlich die schriftliche Physik-LK-Prüfung nicht bestanden. Eine Formelsammlung war übrigens im Mathe-Abi, nicht aber in Physik zugelassen. Gerade da hätte ich sie aber sinnvoller gefunden.

  5. Julius

    Aus meiner Sicht widersprechen sich Faktenwissen und Kompetenzorientierung nicht. Sicher spielt heute ersteres eine weitaus geringere Rolle als früher, ist aber noch genauso notwendig.

    Für das Fach Erdkunde umfassen die Bildungsstandards der Deutschen Gesellschaft für Geographie explizit den Bereich Fachwissen. Die Standards des Berliner Rahmenlehrplans kommen zwar ohne diesen aus, aber die jeweiligen konkreten Standards verlangen klar ein Fachwissen ab (etwa: die SuS binen Fachsprache sachgerecht in ihre Darlegungen ein; erläutern Phänemene und Problemkomplexe vernetzt, unterbreiten unter Berücksichtigung des Leitbilds der Nachhaltigkeit Lösungsvorschläge/Handlungsstrategien und bewerten diuese begründet).

    Auch in den Fremdsprachen kommt man ohne Wissen nicht aus. Für eine ausreichende Sprachkompetenz muss man Grammatik und Wortschatz lernen. Sicher ist es schwierig, wie schon aufgezeigt wurde, klar zwischen den einzelnen Teilkompetenzen zu trennen. Viel schwieriger finde ich es allerdings, dass der Umgang mit Text (im Sinne eines erweiterten Textbegriffes) nicht Teil der Sprach- sondern Methodenkompetenz ist. Dabei ist doch strategisches Vorgehen etwa beim Hören notwendig.

  6. Andreas Kalt

    Ich stimme Julius zu und habe auch den Eindruck, dass es in Baden-Württemberg mit dem REINEN Kompetenzorientierung (bisher?) nicht übertrieben wird. Auch und gerade im Abitur wird noch viel Wissen vorausgesetzt.

    Was mich an dem Interview etwas stutzig macht: Herr Klein argumentiert teilweise allzu plakativ. Das Beispiel mit 2 + 2 = 5 verkürzt die Thematik meines Erachtens extrem. In diesem Fall gibt es eine eindeutig richtige Lösung, die man entweder weiß oder nicht. Sobald die Inhalte aber komplexer werden, ist das nicht mehr so und es bringt durchaus etwas, nahe dran (wenn auch nicht exakt) zu sein anstatt komplett daneben. Deine Kenntnis des groben Zeitpunkts der Römerinvasion ist so ein Beispiel. Es hilft Dir, wenn Du grob weißt, wann das war auch wenn Du es nicht exakt weißt – da wären abgestuft bewertete Kompetenzen durchaus sinnvoll.

    Außerdem „argumentiert“ er, dass die „Kompetenzler“ (sic) nur Arbeitsblätter verwenden würden. Diesen Zusammenhang halte ich für sehr reißerisch und wenig sachlich fundiert. Als ob fehlendes Experimentieren im Unterricht was mit Kompetenzorientierung zu tun hätte – diese beiden Punkte lassen mich zweifeln, ob das Anliegen von Herrn Klein wirklich redlich ist oder ob damit nicht einfach ein (weiteres) politisches Ziel verfolgt werden soll.

  7. mccab99

    @Andreas
    Völlig D’accord – natürlich gebraucht der Gute hier eine Rhetorik, die ihn als ehemaligen Gymnasiallehrer einer bestimmten didaktischen Richtung ausweist.

    Trotzdem:
    Wenn in dieser Arbeit Kompetenzen abgefragt werden, ist das zunächst gut. Es treibt aber seltsame Blüten, wenn ich mit dem „Kompetenzfundus“ einer 9. Klasse tatsächlich Abituraufgaben lösen kann, weil in den allermeisten Curricula für die Sek. II Dinge wie „Wissenschaftspropädeutik“ und *Erweiterung* von Kompetenzen drinsteht. Warum sollte der „Einserkandidat“ aus dieser Gruppe dann den Biounterricht in der Oberstufe besuchen?
    Ich habe in der „Klausur unter Abiturbedingungen“ viele Lösungen im Material versteckt, weil das in unserem Zentralabitur auch so ist. Ich sehe allerdings keine sinnvolle „Kompetenzvermittlung“ in meinem Vorgehen und ich mich zunehmend mit Motivationsproblemen konfrontiert, weil SuS durchaus kompetent genug sind, um zu erkennen, wie „leicht“ es werden wird.

    Und da läuft der Hase:
    Ich gewinne mehr und mehr den Eindruck, dass es bis heute keine geeigneten Verfahren gibt, um Kompetenzen graduiert(!) „abzufragen“. Man kann sich die Fage stellen, ob man sowas überhaupt will bzw. ob das sinnvoll ist, soll dann meiner Meinung nach aber bitte so ehrlich sein und nicht von „Standards“ oder „Vergleichbarkeit“ sprechen, sondern genau das in die Profilierung und Freiheit der einzelnen Schule geben.

    Kennt jemand von euch eigentlich eine Schülerin oder einen Schüler, der im Alltag kompetent ist (Kuchenbacken, Kochen, Einkäufe, soziales Engagement…), in der Schule aber unzureichende Leistungen bringt?h

    Kompetenzen sind unglaublich wichtig. Deren Erwerb *allein* in der Schule halte ich jedoch für utopisch.

    Gruß,

    Maik

  8. Herr Rau Post author

    Ich stimme insofern zu, als Klein plakativ argumentiert. Okay. Aber die Frage, ob sein Anliegen „wirklich redlich ist oder ob damit nicht einfach ein (weiteres) politisches Ziel verfolgt“ wird, für ein unechtes Dilemma. Es kann ja auch beides wahr sein. Und politische Ziele verfolgen die Kompetenzler ja ebenso, siehe die oben eben noch angefügte PDF-Datei mit Klein-Ausführungen, die in diesem Punkt sehr ausführlich ist.

    „Kennt jemand von euch eigentlich eine Schülerin oder einen Schüler, der im Alltag kompetent ist (Kuchenbacken, Kochen, Einkäufe, soziales Engagement…), in der Schule aber unzureichende Leistungen bringt?“

    Ich denke, das gibt es schon. Sportler mit verschiedenen Sportkompetenzen fallen mir da ein. Aktiv im Verein, trainieren die Kleinen, sind in der Schule aber schlecht.

    Mein Problem: Englisch und – in geringerem Umfang – Deutsch sind schon lange kompetenzorientiert. Da bietet mir das, was unter diesem Schlagwort geführt wird, wenig Neues. Zugegeben: das Gewicht war und ist teilweise schlecht auf Kompetenzen verteilt. Vor allem das Hören kam früher zu kurz, das Schreiben wurde zu sehr betont. Aber was da war, war kompetenzorientiert, und leider trotzdem nicht immer nachhaltig.

    Und bei Mathe… schon 1965 gab es eine Revolution in der Mathematik: „in the new approach, as you know, the important thing is to understand what you’re doing rather than to get the right answer“ (New Math, Tom Lehrer). Das scheint ein Standardvorwurf zu sein.

  9. Beelzebub Bruck

    Leider scheint der Mathematik-Alltag sich wenig geändert zu haben. Während das oben angeführte Statement aus meinem Geburtsjahr stammt, strampelt sich mein Sohn fast ein halbes Jahrhundert immer noch mit einer Mathematik oder auch Physik ab, in der die Lehrer von der Vorstellung ausgehen, wer das richtige Ergebnis hat, habe auch verstanden, was er oder sie da gemacht hat. Jaja, der Rechenweg wird auch bewertet, ich weiß schon. Der nützt aber nur teilweise etwas, wenn der Schüler merkt, dass nicht stimmen kann, was gerechnet wurde, weil eine vorherige Operation falsch war. Vielleicht sollten manche Fächer (nicht Mathematik) praktische Prüfungen einführen.
    Abgesehen davon: mir hat noch kein Kompetenzler erklären können, wie Kompetenzen ohne Wissensinhalte (Faktenwissen) aufgebaut werden. Doch halt: das geht vielleicht in Sport, da gibt es so etwas wie den intuitiven Zugang zu den richtigen Bewegungsabläufen, nur hat das nichts mit Lernen und Lehren zu tun. Was hat das also in der Schule verloren?

  10. Herr Rau Post author

    Vielen Dank, mccab99. Ein schönes Zitat aus dem lesenswerten Beitrag:

    Moderner Sprach- und Naturwissenschaftsunterricht setzt diese Einsicht heute mit gutem Erfolg um, allerdings ständig von zwei Seiten bedroht a) von der Verballhornung durch “Bildungsstandards” und b) von dem Beharrungsvermögen des alten Modells des Wissenserwerbs, an dessen Ende man zwar weiß, dass 2 + 2 = 4 ist, aber nicht, dass das nur dann ein sinnvolles Ergebnis ist, wenn bei beiden Sumannden die Maßeinheit dieselbe ist oder eine sinnvolle Oberkategorie für beide Maßeinheiten gefunden werden kann.

    Verballhornung durch Bildungsstandards, mmmmhhhh….

  11. Pingback: Risiken und Chancen der Kompetenzorientierung | Legasthenie/LRS und Englisch als Fremdsprache

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