Hans Zinsser, Rats, Lice and History: Being a Study in Biography, Which, After Twelve Preliminary Chapters Indispensable for the Preparation of the Lay Reader, Deals With the Life History of Typhus Fever

By | 30.12.2010

Wie anfangen? Das Buch will schon schon seit einem guten Monat verbloggt werden, ich habe ein paar gekritzelte Notizen und ein Dutzend Lesezeichen im Buch. Es stammt von 1935, ist ein Sachbuch, und laut Untertitel und Ankündigung im Vorwort die Biographie des Fleckfiebers. Gleich mal vorab und aus dem Weg gebracht: englisch typhoid (fever) heißt auf deutsch Typhus, englisch typhus (fever) ist auf deutsch das Fleckfieber, und um das geht es hier.

Aber noch nicht gleich.

Im ersten Kapitel – „In the nature of an explanation and an apology“, mit Untertitel, wie es sich gehört – geht es darum, was eine Biographie ausmacht und wieso Biographien heutzutage so beliebt sind. Wie sie typischerweise so aussehen, und wieso man sich an diese Regeln nicht halten kann, wenn man die Biographie des Fleckfieber-Erregers schreibt. (Schon mal, weil keine psychoanalytische Deutung der frühen Jugend möglich ist.) Dann erklärt Zinsser, was Erreger sind: letztlich parasitäte Lebensformen, die es überall gibt und die auch beim Menschen versuchen, parasitär zu leben. Dabei respektiert Zinsser diese Tierchen durchaus und nennt als Grund, sich mit Bakteriologie zu beschäftigen:

About the only genuine sporting proposition that remains unimpaired by the relentless domestication of a once free-living human species is the war against these ferocious little fellow creatures.

Fußnote: Oh weh, so früh schon eine Fußnote. Ich sehe schon, dass wird wieder einer von diesen Blogeinträgen. Wie auch immer: das erinnert mich an eine Geschichte um Galloway Gallegher von Lewis Padgett. Lewis Padgett ist ein Pseudonym von Catherine Lucile Moore und Henry Kuttner für ihre gemeinsam verfassten Geschichten, aber laut Moore hat Kuttner die Gallegher-Geschichten allein verfasst. Galloway Gallegher ist ein genialer Erfinder, der immer im Vollrausch etwas erfindet und am nächsten Morgen nicht mehr weiß, wozu das Ding gut ist. Und einmal schrumpft Gallegher einen Großwildjäger, dem das Wild ausgeht, so dass er Amöben jagen kann. Und genau aus diesen Gründen, Frau Rau!, ist es gut, wenn ich meine alten Science-Fiction-Taschenbücher noch im Regal stehen habe. – Leider hat sich dabei herausgestellt, dass diese Geschichte gar nicht von Padgett/Moore/Kuttner ist. Rabäh! Von wem ist sie dann? In irgendeinem Buch schlummert sie.

Kapitel 2: Being a discussion of the relationship between science and art – a subject that has nothing to do with typhus fever, but was forced upon us by the literary gentleman spoken of in the last chapter.“ Zinsser tut so, als erklärt er die Beziehung zwischen Naturwissenschaft und Kunst, denn schließlich schreibt er eine naturwissenschaftliche Biographie. Vor allem hackt er ein wenig auf den modernen Dichtern herum. Die französischen Symbolisten sind noch okay. T.S. Eliot: die Prosa mag er, die Lyrik nicht. Gertrude Stein: mag er nicht. Sein Fazit:

However one looks at it, it appears to the medically informed that these people are substituting the spinal cord for the brain, or at any rate are moving down from the frontal lobes towards the basal ganglia.

Harsche Worte, aber vergnüglich zu lesen.

In Kapitel 3 geht es erst mal um die Entstehung des Lebens, um Bakteriophagen, Viren, Bazillen, Ultraviren – notwendiges Grundwissen, sagt Zinsser, wenn man die versprochene Biographie des Typhus-Erregers verstehen will.

Zelluläre Lebewesen werden in drei Domänen eingeteilt: die Bakterien links, die Archaeen in der Mitte, rechts die Eukaryo(n)ten (die als einzige einen Zellkern haben). Hilfreich war mir zum Verständnis folgende Darstellung aus Wikipedia:


(Überhaupt war Wikipedia sehr nützlich, auch wenn ich mir bei Recherchen über ansteckende Krankheiten manchmal gewünscht habe, ich könnte auf einfache Weise alle Bilder aus Wikipedia ausblenden.)

Rickettsien zum Beispiel sind parasitäre Organismen (der Abteilung Proteobacteria, Ordnung Rickettsiales), die nicht selbstständig überleben können, sondern nur intrazellulär, also indem sie andere Zellen befallen. Interessant ist Rickettsia prowazekii: dessen Genom ähnelt sehr der DNA von Mitochondrien. Mitochondrien sind Zellorganellen, die laut der Endosymbiontentheorie ursprünglich selbstständige Einzeller waren, die sich symbiotisch mit anderen Einzellern zusammenschlossen, wodurch schließlich die eukaryotische Zelle entstand. Die Ähnlichkeit zu Rickettsia prowazekii stützt diese Theorie. Und nebenbei ist Rickettsia prowazekii auch der Erreger des, man ahnt es, Fleckfiebers.

Wie sagt Zinsser:

All this may seem remote from the story of typhus fever; but only to those who are impatient for the sensational events in a turbulent narrative.

Kapitel 4 enthält zum Begriff saprophyte die beste Fußnote ever:

If the reader does not understand this word, it is too bad.

Heute und auf deutsch eher „saprobiontisch“ oder „saprotroph“. Ich habe auch nachgeschlagen. Wie oben erwähnt: ich habe viel nachgeschlagen beim Lesen.

In den weiteren Kapiteln – ich kapituliere vor den vielen Einmerkern und fasse mich kürzer – geht es um ansteckende Krankheiten in der griechischen und römischen Antike, im Mittelalter, in Bibel und Talmud. Warum es so schwer ist, zu diagnostizieren, um welche Art Epidemie es sich jeweils gehandelt hat. Zum einen deshalb, weil die Krankheiten nicht immer genau beschrieben wurden, vor allem aber deshalb, weil sich Krankheiten im Lauf der Zeit verändern. Die Krankheiten des Mittelalters müssen sehr viel aggressiver gewesen sein als ihre Nachfahren heute. Wie kommt das? Wenn die Krankheitserreger ihren Wirt umbringen, haben sie wenig davon. Die Krankheit tritt zuerst epidemisch auf: zeitlich begrenzt, sehr stark. Dann wird sie endemisch: örtlich begrenzt, aber ständig in einem gewissen Ausmaß vorhanden. Im Lauf der Generationen gewöhnen sich danach Krankheit und Mensch aneinander. Die Immunität in der Bevölkerung steigt an. (Im Zuge vieler Erkrankter und Toter, versteht sich. Das ändert also alles nichts daran, dass man impfen sollte.)
Eine große Rolle haben Infektionskrankheiten in der Militärgeschichte gespielt. Zum Unabhängigkeitskampf Haitis heißt es in der Wikipedia: „Selbst eine von Napoleon gegen Haitis Nationalheld Toussaint L’Ouverture gesandte Armee wurde letztlich geschlagen.“ Das Passiv deutet an, dass es das Gelbfieber war, das die Armee letztlich geschlagen hat.

Dann geht es um Zecken, Flöhe und Läuse. Die brauchen wir später für das Fleckfieber. Läuse waren einst selbstständige Tiere („who could look other insects in their multifaceted eyes and bid them smile when they callem them ‚louse'“). Wie sie sich zum Parasiten entwickelten, war noch nicht sicher geklärt. Vor allem Professor Enderlein vertrat eine andere Theorie als Professor Handlirsch, dessen Werk Die Fossilen Insekten so zitiert wird:

Für die Ableitung der Pediculiden von Mallophagen ist übrigens in neuerer Zeit, gleichzeitig aber ganz unabhängig auch N. Cholodkowsky auf Grund der Embryonalentwickelung [e]ingetreten. Hoffentlich gelingt es unseren vereinten Bemühungen doch endlich auch Enderlein von seiner Ansicht über die engen Beziehungen zwischen Pediculiden und Hemipteroiden abzubringen.

Die Laus hat es Zinsser besonders angetan. Zu ihrer Entwicklung:

If properly taken care of [nach dem Schlüpfen aus dem Ei], it moults, and in from four days to a week goes into what is spoken of as the second nymph stage, and from that by a similar process into a third nymphal stage, throughout this period enjoying all the privileges of louse existence except the sexual one. It does not become a sexually mature louse until two or three weeks after emerging from the egg. But then… Oh, boy!

Oder wie es in einer anderen Fußnote heißt:

Nach zwölf einleitenden Kapiteln, die den Großteil des ganzen Buchs ausmachen, kommt Zinsser endlich zum Fleckfieber, dessen Biographie er angeblich schreiben wollte. Und danach versteht man auch die Zusammenhänge: das Fleckfieber wird erregt durch Rickettsien (jene unselbstständigen Bakterien von oben) in den Zellen vor allem des Rattenflohs, der selbst nicht erkrankt. Der Rattenfloh beißt gelegentlich auch den Menschen, der dann an endemischem Fleckfieber erkranken kann. Zur Epidemie wird das Fleckfieber aber erst durch die menschliche Kopflaus, die sich den Erreger von ihrem durch den Rattenfloh infizierten Wirt holt. Die Laus stirbt zwar früher oder später an dem Erreger, aber anders als der Rattenfloh springt die Laus gerne von einem Menschen zum anderen und infiziert dann diesen: eine Epidemie beginnt.

Und jetzt muss ich aufhören, weil es mich schon wieder juckt. Während der Lektüre des Buches musste ich mich auch ständig kratzen. Rats, Lice and History gibt es für etwa 20 Euro in verschiedenen Taschenbuchnachdrucken, ich habe mir selber eine schöne alte Ausgabe besorgt. Ab Januar 2011 sind Zinssers Werke nicht mehr urheberrechtlich geschützt, vielleicht taucht dann ja mal eine digitale Ausgabe auf. Das Buch ist informativ, spannend und äußerst witzig, geht querfeldein durch Naturwissenschaft, Mikrobiologie, Evolution, Kultur- und Militärgeschichte und ist hemmungslos auktorial.

***

Und wie kommt man auf so ein Buch? Bei mir heißt die Antwort Slighty Foxed. Mit dem Untertitel „The Real Reader’s Quarterly“ kann ich leben, dass auf der Rückseite steht: „the lively quarterly review for the independent-minded“, muss ich schlucken. Ich lasse mir nicht gerne vorschreiben, dass ich independent-minded bin. Aber ansonsten bin ich rundherum zufrieden damit. Darauf gekommen bin ich über einen Blogeintrag im Kunst Blog Buch.

Slightly Foxed ist ein Magazin im Taschenbuchformat, vierteljährlich, knapp 100 Seiten. Herausgegeben wird es von zwei Leuten, die auch eine Buchhandlung und einen Kleinverlag mit bibliophilen Ausgaben betreiben. Jeder Band enthält um die 16 kurze Buchvorstellungen, deren Format noch am ehesten an Blogeinträge erinnert: sie sind sehr persönlich, stellen Buch und Autor vor, oder eine Reihe von Büchern, mit Anekdoten und Erinnerungen. Manche der vorgestellten Bücher sind erst zehn Jahre alt, die meisten stammen von irgendwann während der letzten hundert Jahre. Manche Autoren sind bekannt, andere unbekannt. Ein Drittel der Bücher ist out of print. Sachbücher sind dabei und Romane und auch schon mal eine Betriebsanleitung (Operating Instructions for Models 40 & 100, The British Seagull Co. Ltd.). Ein Großteil der Bücher ist englisch, aber ich kann mich auch an deutsche und italienische Bücher erinnern.

Ich habe jetzt seit einem Jahr ein Abonnement für Slightly Foxed und werde es sicher verlängern. Ich hatte früher schon mal Magazine abonniert und bin seit vielen Jahren glücklich abonnementfrei. Man liest sie ja doch nicht, sie liegen dann herum und sind eher eine Last. Aber auf Slightly Foxed freue ich mich jedesmal – und kaufe und lese pro Heft zwei bis vier der vorgestellten Bücher. Ganz gelegentlich kenne ich schon eines davon, dann fühle ich mich ganz besonders stolz.

One thought on “Hans Zinsser, Rats, Lice and History: Being a Study in Biography, Which, After Twelve Preliminary Chapters Indispensable for the Preparation of the Lay Reader, Deals With the Life History of Typhus Fever

  1. Herr Biolehrer

    Danke für den Hinweis; dieses Buch muß ich mir auch ‚mal besorgen. Erscheint mir ganz nach meinem Geschmack.

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