Expressionistische Gedichte, gefälscht

By | 20.3.2011

Zwischendurch gemacht in der Q12: Jeder Schüler sollte ein Gedicht schreiben, das – für Mitschüler – möglichst nicht von einem echten expressionistischen Gedicht zu unterscheiden war. Danach sollten die Gedichte bei Moodle hochgeladen werden, wo ich sie dann zusammenstellen und eine Abstimmung darüber anlegen würde. Und so geschah es auch: letztlich schafften es dreizehn der anwesenden Schüler, ihr Gedicht pünktlich abzuliefern; ich legte selber noch ein nachgemachtes Gedicht von mir dazu (im Unterricht entstanden) und ließ den Parallelkurs abstimmten, welches unter den Gedicht das angeblich echte sei.

Erstaunlicherweise verteilten sich ein Großteil der Stimmen auf genau zwei Gedichte, und meines war nicht dabei. Die Gewinner bekamen Schokolade. Ein echtes expressionistisches Gedicht war entgegen meiner Ankündigung nicht dabei gewesen, da ich vermutet hatte, dass das dann doch jeder sofort erkennen würde. Inzwischen bin ich mir nicht so sicher.

Ich habe hier mal die Schülergedichte, das Lehrergedicht und ein echtes Gedicht aus der Sammlung Menschheitsdämmerung von Kurt Pinthus in alphabetischer Folge zusammengestellt. Ich habe drei Fragen, falls jemand meiner Leser mitspielen möchte: welches Gedicht ist das echte, welches ist von mir, welches haben die Schüler mit Abstand zu einem echten erklärt?

1
Das Ende

Von weit her nähert es sich an,
Der Schneesturm es begleitend.
Es baut sich auf wie ein Mann,
Die Gnade vom Gesichte weichend.

In einem schnellen Tanze es sich bewegt.
Durch das Dunkle der Gassen sich frisst.
Wo es brauste, sich nichts mehr regt.
Es nimmt des Menschen letzte Lebensfrist.


2
Die Lagerfeuer an der Küste rauchen.
Ich muss mich niederwerfen tief in Not.
Leoparden wittern mein Gesicht und fauchen.
Du bist mir nahe, Bruder Tod.

Verworren zuckt Europa noch im Winde
Von Schiffen auf dem fabelhaften Meer;
Durch die ungeheure Angst bricht her
Schrei einer Mutter nach dem kleinen Kinde.


3
Es wird dunkel, die Nacht bricht herein.
Das tödliche Ungeheuer nähert sich der Stadt,
und die Bewohner beginnen zu schrein.
Der feurige Atem entzündet die Wälder
und vernichtet die Welt; doch als die Sonne erwacht
wird die Welt neu gemacht.


4
Gebäude brennen lichterloh,
Kinder schauen nicht mehr froh.
Schweifende Blicke gehen umher,
Leben gibts nun nimmermehr.

Gebäude brennen lichterloh,
nun hüpfen Flammen, wie die Kinder so.
Ein lachendes Inferno frisst die Stadt,
Feuer setzt die Stadt schachmatt.


5
Häuser stehen leer,
es brennt.
Menschen laufen wild umher,
man rennt.

Winde wehen von den Türmen,
man fängt an die Bank zu stürmen
um dann noch sein letztes Geld,
in der kaputten, toten Welt
in den Kneipen auszugeben.

Häuser stehen leer,
es rennt.
Menschen laufen wild umher,
man brennt.


6
Leute laufen durcheinander, umeinander, umher
tausend helle Schreie toben in den Gassen laut
durch die Straßen jagt ein riesen Menschenmeer
bis in der Früh der Morgen graut

Von den Dächern stürzen schwarze Felsen
und schlagen einen Jeden tot
Millionen schreien aus vollen Hälsen
und das Menschenmeer wird langsam rot.


7
Nachtruhe

Schwarze Nacht. Fahrt
Ohne Ende tönen Wogen,
Schleppen Schleier aus Dunst
In die lichtlose Stadt.
Kein Schrei, nur jede Ecke
Misstraut der nächsten Kante
Und Kurven flüchten in die Dunkelheit.
Dunst und hoher Kamine Rauch
Türmen sich zu Missgebilden,
Töten wenn der Morgen graut.


8
Neuanfang

Die Welt geht unter
auch Gott lässt sie sterben, denn ihn gibt es nicht.
Menschen munter Welt zu retten
wirres Chaos entbricht

Menschenfluten in den Scherbenhaufen der Städte,
Lüstern,
Neues zu erschaffen.
Die Muskeln des Untergangs langsam erschlaffen.

Der Neuanfang liegt nun im Bette
und erwacht.


9
Nudrev

Kanonen kriechen schreiend Richtung schwarze Mauer,
Feuer trümmert Hand entzwei,
Ostens steht des Reiters rote Auge Lauer,
Gleich zerstört das Heer in Reih‘.

Tausend Waffen sind schon tot,
Tyrann den Zug regiert,
Blauer Fluss in großer Not,
Schwarz Tod den Mord negiert.


10
Schicksal

In den Städten peitschte die rote Feuerbrunst,
Keiner mag das Ausmaß kennen, es zu überleben
Und schaut, hört ein neues dunkles Beben,
Warum geschieht dies hier, die Menschen haben keinen Dunst

Es ward Morgen, als alles still und farbenfroh erwachte,
Doch von den Städten waren keine Massen
Es war das Ende vieler, es rasteten alle Rassen
Nur das blaue Meer bewegte sich sachte1


11
Schwarze Fahnen windig wehen,
Häuserdächer tiefes Gröhlen,
Tod und Teufel durch die Gassen,
um zu holen diese Massen.
Wie Nacht und Nebel, Finsternis und Dunkelheit,
die Welt dem Ende, Dämmerung und Einsamkeit.
Bis zum Morgen, Angst und Schrecken,
bis die Glocken Menschen wecken.


12
Untergang

Dunkel färbt sich der Himmel,
Schreie laufen durch das Land
und von den Vögeln überall Gewimmel.
So war’s bisher niemandem bekannt!

Die Meere türmen sich zu Bergen,
Häuser brechen in sich zusammen,
Menschen laufen auf Millionen Scherben.
Alle sind in dieser Welt gefangen.


13
Vom Mantel springt dem dicken Mann ein Knopf
Und Mädchen lächeln wohlig und verzückt.
Ein Herr verliert im Übermut den Kopf
Und ferne Hunde bellen wie verrückt.

Die Züge fahren auf den morschen Schienen
Und Pferde legen sich zum Sterben hin
Herunter purzeln Reitersleut mit ihnen
Und freuen sich an ihrem heitern Sinn.


14
Welt der Kontraste

Brennend kommt er der Stadt entgegen,
brennend die Lichter auf allen Wegen.
In Dunkelheit und Kälte sehr
die Nacht entzündet die Flammen wie Meer.

Mal warm, mal kalt, dunkel und hell
die Welt geht zu Grunde mal langsam, mal schnell.
Sie fallen und fallen, die Welt, der Himmel ist grell
er stirbt und raucht auf dem brennenden Fell.


15
Zerrissen sind die ansichten
Voller zweifel findet sicht
Alles gleicht dem nichten
Am ende entsteht licht
Verlangen steigert sehr
Ende ist nicht mehr

Wie oben angedeutet: ich bin mir nachträglich nicht sicher, dass Schüler das echte Gedicht als solches erkannt hätten. Ich bilde mir erstens ein, dass das echte Gedicht herausssticht unter all den anderen, und dass ich zweitens bei fast allen Schülergedichten den Finger auf eine Stelle legen kann, von der ich sage: hier hakt es! (Auch wenn der Rest gut ist.) Und ich glaube drittens, dass meine Schüler diese Stellen nicht als solche erkennen.

Das soll übrigens kein Vorwurf an die Schüler sein, sondern eine Feststellung. Vielleicht ist das auch gar nicht schlimm. Vielleicht ist das auch ein Punkt, um didaktisch anzusetzen. Ich würde gerne mehr Lyrik machen, aber weniger Epochen. Und einen Wahlkurs „Gedichte schreiben“ vielleicht.

14 thoughts on “Expressionistische Gedichte, gefälscht

  1. Thomas Kuban

    Ohne jetzt die Götterdämmerung aus dem Regal zu holen:

    Nummer 2 klingt echt oder es ist von dir.

    Nummer 6 könnte für echt gehalten worden sein (klingt ein wenig nach Georg Heym)

    Nummer 9 finde ich noch passend, aber da irritiert mich die Überschrift. Also echt oder von dir.

    Bei den anderen finde ich auch, wie du sagst, immer wieder Zeilen zwischendrin, die irgendwie haken. Aber ich denke (gesetzt ich habe die Gedichte einigermaßen richtig erkannt :D ), dass diese Unterschiede doch nur dem ins Auge springen, der noch mehr Vergleiche hat als ein Q12er.

    Ansonsten finde ich die Idee aber spannend. Vor allem der Punkt mit „Mehr Lyrik, weniger Epochen“.

  2. Maria

    Ich hatte an der Uni zwar (unfreiwillig) ein wenig NDL, bin aber weit entfernt davon mir ein kompetentes Urteil zuzutrauen. Trotzdem hat mich die Aufgabe gereizt.

    Vor der Entscheidung, welches ich für das echte, das Lehrer- bzw. Schülergedicht halte, drücke ich mich bewusst (Ich kann’s einfach nicht!), aber:
    Ich hätte auf die Gedichte 2, 9 und 13 getippt.

    (Nummer 13 allerdings allein deshalb, weil ich mir aus irgendeinem Grund einbilde, dass es mir bekannt vorkommt… Was jedoch absolut nichts bedeuten muss. *lach*)

  3. A.S.

    Spannende Aufgabe, hält mich vom Arbeiten ab, denn ich rate und rätsele …
    Mein Tipp: Es ist wieder kein „echtes“ expr. Gedicht dabei. Nr. 11 enthält viele, fast zitatartige Motive und muss daher das Lehrergedicht sein. Die Überschrift bei Nr. 9 ist in der Tat etwas seltsam… Und immer noch am Rätseln! Wann gibt es die Auflösung?

    Mein Kunst-LK hatte neulich die Aufgabe, expressionistische Gedichte in Form abstrakter Bilder zu interpretieren. Aus literaturwiss. Sicht ein vielleicht nicht ganz korrekter Weg, aber es haben sich sehr individuelle Zugänge und Ergebnisse ergeben. Stelle ich demnächst mal ins Netz.

  4. Hande

    Für mich stechen Nummer 2 und 11 heraus – möchte sagen 2 Ist entweder das Echte, oder für das echte gehaltene; und 11 ist von Herrn Rau.

  5. Db

    Spannende Aufgabe – zunächst für die Schüler, jetzt für die Leserschaft hier :)
    Nr. 7 passt von der Mathematik-Metaphorik zu Herrn Rau, finde ich (Nr. 11 dagegen sehr ‚geleimt‘ und holperig)
    Nr. 2 könnte echt sein (wer sagt heutzutage noch „fabelhaft“?)
    Nr. 13 ähnelt sehr dem „Weltende“, also wohl Schülerarbeit.
    Und die Überschrift von Nr. 9 ist vermutlich auch relühcS-Kreativität ;)

  6. Maria

    @ Db: Danke! Ich wusste doch, Nr. 13 erinnert mich an irgendwas! ;)

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  8. Herr Rau Post author

    Vielen Dank fürs Mitspielen. Hier die Auflösung, etwas verschlüsselt, damit man auch in Zukunft mitraten kann und nicht gleich versehentlich die Lösung sieht.

    1. Das echte Gedicht ist Nummer: (9*17)-151
    2. Meine eigene Imitation ist Nummer: ((140*2)+19)/23
    3. Die Schüler haben am häufigsten getippt auf Nummer: 252/36 und 486/54.

    Also gar nicht so schlecht geraten.

  9. Fontanefan

    Mein Urteil: Fast durchweg sehr gelungen. Deshalb ist es für mich eine schwere Aufgabe.
    Ich habe mich nicht getraut, die Antwort zu geben, ohne meine Vermutungen mit den bisherigen Antworten zu vergleichen, aber ohne zu rechnen.
    Meine Auswahl 2, 11, 13. Dabei 2 echt, 13 Rau, 11 Schülergewinner. Darüber bin ich mir aber sehr unsicher. Der Bezug auf Weltende ließ mich bei 13 an Rau denken. Bei 2 stören die Leoparden und anderes, aber nicht alle Gedichte aus der Menschheitsdämmerung sind gut. Bei 11 fällt der fehlende Reim bei Gröhlen auf, das ist für einen Schüler sehr mutig. Aber die Zeilen 5/6 scheinen mir nicht auf dem Niveau von Herrn Rau.
    So, jetzt fange ich aber an zu rechnen.

  10. Fontanefan

    Eins der Gedichte, die ich genannt habe, stand ursprünglich nicht auf meiner Liste, ich wurde erst durch die anderen Antworten darauf gebracht.
    Eindrucksvolle Leistungen und anregende Aufgabe!

  11. Pingback: Neunnachneun « Ansichten aus dem Millionendorf

  12. (vils)rip

    Toll! Das ist eine schöne Aufgabe – sowohl für die Schüler als auch hier für die Blogleser. Ich habe mir nicht ganz soviel Zeit genommen, aber einer meiner Kandidaten für das Lehrer-Gedicht hätte gestimmt. Auf das echte Gedicht allerdings wäre ich nicht gekommen. Habe nun gegoogelt … Oh je. Hat dich das diesjährige Grundkurs-Abitur zu deiner Wahl inspiriert?
    Meinen 13er-GK habe ich im Herbst ein Wiki zum Expressionismus anlegen lassen: expressionismus.wikispaces.com/. Da hätte deine kreative Aufgabe als Ergänzung sehr gut dazugepasst.

  13. Herr Rau

    Das Grundkurs-Abi habe ich mir noch gar nicht genau angeschaut. Den Sohn fand ich aber eine originelle Idee, so thematisch passend.

  14. Pingback: Was wäre ich ohne Herrn Rau? — Kreide fressen

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