Fundsachen, dann doch fast nur zu einem Brief in der Zeit

By | 5.6.2011

Lesenswert und oft verlinkt: Liebe Marie, ein Artikel in der Zeit, in dem der Journalist Henning Sußebach so tut, als schriebe er seiner Tocher (fünfte Klasse, Gymnasium, Schleswig-Holstein) einen Brief. Und mit vielem in diesem Brief hat er recht. Er greift dabei nur wenig die Lehrer an, sondern eher das Schulsystem, die Politik, die Erwachsenen. Für den Unterricht ist der Text gut geeignet, da ich mir vorstellen kann, dass jeder dort viele Punkte findet, denen er zustimmt, und andere, die er ablehnt. So auch ich.

Der Tenor: Warum müssen die Kinder so viel Leid und Stress haben in der Schule, so viel Zeit damit verbringen, wo man ihnen dadurch wichtige Kindheitszeit stiehlt, wo man ihnen dadurch wichtige Erfahrungen vorenthält – auch Muße und Langeweile – und sie stattdessen zu bürofreundlichen Arbeitserledigern heranbildet?

Im Prinzip gebe ich Sußebach Recht, aber ich mag das Kleinzprinzliche der Brieffiktion nicht. „In dem Zauber verweilen, den jeder kennt, der aus dem Kinodunkel ins Licht tritt – als laufe man erwachend durch einen Traum.“ Da möchte ich mit Ringelnatz immer seufzen: „Ich weiß! Ich weiß! Schon gut! Schon gut!“ Warum hört man immer von den kleinen Mädchen, die ihre Reitstunden aufgeben müssen, weil das Gymnasium so schwer ist, und nie von den betrunkenen Abiturfeiernden, wie sie letzten Mittwoch nach den letzten Prüfungen im Supermarkt neben unserer Schule Kassiererinnen nervten? Oder von den Schülern der Nachbarschule, die ihre Hochschulreife mit Bier- und Schnapsflaschen und Fässern auf dem gemeinsamen Schulgelände grölend feierten? Das sehe ich noch viel mehr als Versagen von Bildung und Erziehung.

Bei verklärenden Kindheitsbildern seit Rousseau schalte ich gerne mal voreilig ab. Neulich Hartmut von Hentig gelesen, Bildung – und alle Beispiele darin entstammten der schönen Literatur. Bis auf eines, die Biographie einer Schauspielerin (Namen vergessen), die auch ganz ohne Schule und unabhängig und auf Boot etc. aufgewachsen. Informiert man sich, stellt man fest: diese Biographie war auch nur erfunden. Das heißt alles nicht, dass Hentigs Menschenbild nicht stimmt. Es heißt nur, dass man gerne auf schöne Geschichten hereinfällt.

Zurück zum Brief an Marie. Dort wird die Ansicht des Soziologen Hartmu Rosa wiedergegeben: „Ihr Kinder müsst Euch wieder langweilen dürfen.“ D’accord. Wie schön allerdings, dass eine Studie herausgefunden hat, dass Schule langweilig ist– und damit übrigens eine wenig ältere Studie bestätigt, die zum gleichen Ergebnis kommt. Wir tun ja schon alles, was wir können!

(Man könnte argumentieren, dass es Rosa um ein Langweilen-Dürfen geht, während Schule eine Langweilen-Müssen ist. Aber selbst bei letzterem kann man gut kritzeln und Briefchen schreiben, und solange es Two-and-a-Half-Men und Facebook gibt, wird ersteres nicht mehr geschehen. Langweilen kann man sich nur, wenn man nicht gelernt hat, wie man Zeit totschlägt.)

Zum Ergebnis der Studie: Schüler langweilen sich auf der Grundschule wenig, auf Mittelschule und Gymnasium mehr. Das ist schlecht, keine Frage. Aber: kann das nicht auch am Alter liegen? Entwicklungsbedingt sein? Ab wann haben Schüler das Recht, selbst zu verantworten, ob sie sich langweilen oder nicht? So oder so ist es wohl: selbstbestimmte Arbeit ist keine Arbeit, sondern macht Spaß. Fremdbestimmte Arbeit ist immer Arbeit. Die kann allenfalls halbwegs erträglich sein (so wie ich das aus meiner Schulzeit kenne), wenn die Anforderungen gerade so sind, dass ich mit ein wenig Mühe knapp erreiche. Das ist dann befriedigend. Aber immer noch Arbeit. Warum kann die Arbeit an der Schule nicht selbstbestimmt sein? Weil der Staat sagt, dass Schüler bestimmte Sachen lernen sollen. Dagegen kann man natürlich sein, und vielleicht ist das sogar eine gute Idee.

Fußnote 1: „Wird Dir jemals ein Lehrer erzählen, dass das Wort Schule aus dem Griechischen stammt und eigentlich ‚freie Zeit‘ bedeutet?“ Aber klar. Lehrer erzählen Schülern ständig so etwas. Und Marie wird mit den Augen rollen dabei.

Fußnote 2: Sußebach zitiert den Bildungsforscher Kurt Heller mit einem differenzierten Blick aufs G8. Das habe „für 25 bis 30 Prozent der Gymnasiasten mehr gebracht – für die anderen wäre G9 vorteilhafter gewesen.“ Ich weiß nicht, ob die Zahlen stimmen, kann mir das aber schon so vorstellen. Leider hört man selten so differenzierte Aussagen.

Der Hauptanklagepunkt Sußebachs ist vielleicht der, dass alles in der Kindheit einen Zweck haben muss, einen Sinn. Das ist tatsächlich schlecht. Und wird von vielen Eltern und der Wirtschaft tatsächlich zumindest für die Schule gefordert: die muss unmittelbar verwertbar sein. „Wir haben Euer Leben den Regeln der Wirtschaft unterworfen.“ Stimmt. Und das ist schlecht, ich wiederhole das. Sußebach macht sich Sorgen, dass nur die angepassten, braven am Gymnasium bestehen. Dass „die Querköpfe, die Nervensägen, die Rotznasen“ aussortiert werden. Hm, weiß nicht. Querköpfe gibt es sehr wenige an meiner Schule, das stimmt. Aber ich weiß nicht, woran das liegt, und ob es weniger sind als früher. Vielleicht. Ich würde aber nie sagen, dass die Braven, Angepassten bleiben. Siehe bierfreudiges Abifeiern. Aber auch da kommt es darauf an: angepasst woran?

Muss jetzt schließen, die Batterie vom Keyboard ist leer. Eigentlich: Abendessen, aber so oder so höre ich jetzt auf, unfertig wie der Text auch ist.

Hörenswerter Vortrag einer Anthropologin:

Amber Case: We are all cyborgs now.

Dort habe ich auch zum ersten Mal den inzwischen häufiger gefundenen Begriff digital adolescence gehört. Ist vielleicht eine interessante Ergänzung zu digital resident und digital visitor. (Das mit den natives wollen wir ja eh mal ruhen lassen.) Demnach gäbe es auch digital adults und digital infants und dergleichen – eine zeitliche Bildebene statt einer räumlichen.

Neues vom Abitur: bis vor ein paar Tagen hatte man das G8-Abitur in Bayern nicht bestanden, wenn man in den drei Pflichtfächern Deutsch, Mathematik und Fremdsprache mehr als einmal unter 5 Punkten in der Abiturprüfung hatte. Das war mir selber, ehrlich gesagt, auch erst zu spät klar geworden, sonst hätte ich das angesprochen. Die Schüler hatten das alle in ihren Informationsbroschüren stehen, aber ich weiß nicht, ob sie das wirklich verstanden haben. Denn unter 5 Punkten, das kommt in Klausuren wie in Abituren nicht so gar selten vor.
Deshalb mag es für manche ein Glück gewesen sein, dass ein Schreiben des Ministeriums vorgestern die Schulen darüber informierte, dass die Regelung entschärft worden ist: einmal 4 Punkte und einmal 5 Punkte in diesen drei Fächern gehen auch.

(Pressemitteilung StMuK)

„Diese Entscheidung erfolgte auf der Basis vorliegender Rückmeldungen von Schulen und nach Gesprächen mit Lehrkräften, Schulleitern, sowie Vertretern von Lehrer- und Elternverbänden“ und ist Teil eines sogenannten Monitoringprozesses – das heißt, dass während der gesamten G8-Oberstufenphase immer wieder Feinjustierungen an der Notenregelung und anderem vorgenommen wurden, wenn es denn Gespräche mit Lehrkräften, Schulleitern, sowie Vertretern von Lehrer- und Elternverbänden erforderten. So konnten die Schüler etwa wählen, ob die Klausurnoten im Vergleich zu den anderen Noten doppelt oder einfach gewichtet werden sollten.

Im G9 gab es das Problem in dieser Form nicht: da musste niemand in Deutsch oder Mathematik Abitur machen, und jetzt müssen das alle. Kein Wunder, dass das nicht so glatt geht. (Pressemitteilung der bayerischen Grünen dazu, denen die Verpflichtung zu diesen drei Fächern nicht gefällt.) Ich halte es eigentlich schon für sinnvoll, diese drei Fächer herauszuheben. Aber dann muss das den Schülern und Schulen auch bewusst sein und es muss die nötigen Ressourcen dazu geben. Diese Feinjustierung in letzter Minute wirkt jedenfalls sehr, sehr ungeschickt, auch wenn Lehrer und Schüler froh sein werden über die ansonst nötig gewesenen Zusatzprüfungen, die jetzt entfallen. Eine Niveausenkung ist das allemal.

12 thoughts on “Fundsachen, dann doch fast nur zu einem Brief in der Zeit

  1. Der Lehrerfreund

    „Warum hört man immer von den kleinen Mädchen, die ihre Reitstunden aufgeben müssen, weil das Gymnasium so schwer ist, und nie von den betrunkenen Abiturfeiernden, wie sie letzten Mittwoch nach den letzten Prüfungen im Supermarkt neben unserer Schule Kassiererinnen nervten?“

    Die besoffenen Abiturienten im Supermarkt sind volljährig, haben ein Abitur und sind eigentlich selbstbestimmt. Dass sie sich danebenbenehmen, ist einfach nur ätzend – denn sie könnten auch anders. (?)

    Das Schicksal des kleinen Mädchens dagegen ist abgrundtief traurig: Schon jetzt wissen wir, dass das kleine Mädchen durch unser idiotisches Schulsystem mal zu einer blöden, tätowierten Abiturientin wird, die davon träumt, bei DSDS erfolgreich zu sein. Das kleine Mädchen hat keine Chance. Das ist richtig tragisch.

  2. DrNI

    Nicht nur die kleine Marie sollte sich langweilen dürfen. Viele Menschen können unter Druck nicht kreativ sein. Kreativität kommt, wenn der Kopf nicht immer zu 105% unter Dampf ist. Und Kreativität ist eben nicht wie nach manch alter Ansicht etwas für Künstler und andere Spinner, sondern auch für ein in Deutschland geliebtes Konzept verantwortlich: Innovation.

    Die Veränderungen im Bildungssystem tendieren dazu, humanoide Automaten produzieren zu wollen. G8 und Bachelor/Master – beides im Prinzip keine schlechten Ideen, aber die Umsetzung ist alles andere als gelungen. Das werden wir in spätestens fünf Jahren spüren, wenn Horden an Hochschulabsolventen mit guten Noten die Wirtschaft entern wollen, für selbstständige oder gar kreative Problemlösungen aber ungeeignet sein werden.

    Langeweile im Unterricht kann man auch kreativ nutzen. Das sieht man ja auch an den mehr oder minder gelungenen grafischen Darstellungen, die so manches Heft zieren. ;-) Warum ist das Gymnasium langweiliger als die Grundschule? Ich vermute, weil es einen Bildungskanon aufbauen muss, es muss Dinge in die Schüler reinstopfen, die nicht alle von denen interessant finden. In der Grundschule ist noch alles ein Spiel und nah am Leben. Das ist ein schwieriges Thema, denn jeder sagt hinterher, er habe so viel Zeug lernen müssen, das er nie wieder gebraucht habe. Aber es hat eben jeder etwas anderes nicht gebraucht. Ich finde, ein guter Lehrer sollte eine gewisse Fähigkeit mitbringen, Stoff schmackhaft zu machen, der nicht jeden interessiert. Die Schüler wissen ja noch nicht, wozu sie das Zeug mal brauchen werden.

    Die Zweckorientierung der Bildung, wie sie immer mehr gefordert wird, läutet den Untergang vieler Bereiche der Geisteswissenschaften ein. Dass diese eine Gesellschaftlich wichtige Funktion haben ist zu vermuten, aber nicht in Euro auszudrücken, also haben sie wohl eher keine.

  3. ska

    Langeweile ist bei mir (privat und beruflich) auch gerade Thema – witzigerweise auch Hartmut Rosa.

    Trotzdem kann man auch der Meinung sein, dass die mit der Schulzugehörigkeit zunehmende Langeweile nicht (nur) in der Schulform und ihrem Unterricht begründet ist. Wenn man – wie Maries Vater – seine Tochter zum Beispiel für die Zeit bemitleidet, die sie sich (in ihrer Freizeit) mit Schule beschäftigen muss, wird es schwierig, den Wert dieser Tätigkeit (Lernen/Bildung) zu vermitteln, finde ich … um nur einen weiteren Ansatzpunkt zu nennen.

  4. Thomas Kuban

    „Zum Ergebnis der Studie: Schüler langweilen sich auf der Grundschule wenig, auf Mittelschule und Gymnasium mehr.“

    Früher fand ich es immer seltsam, dass man die Realschule vergisst, und war sauer – mittlerweile find ich das ganz spannend.

  5. Herr Rau Post author

    Ein Nachtrag zur Zweckorientierung: so schlimm ist das vielleicht gar nicht – Latein bleibt davon ja ausgenommen und erfreut sich einer zweiten Jugend.

    Zitat zum G8-Abitur in Bayern:

    Denn wenn sich die Maßstäbe für ein Abitur so leicht per ministerialem Dekret (und per verordnetem „Wohlwollen“) verschieben lassen, kann es in dieser Prüfung allenfalls an untergeordneter Stelle darum gehen, was die Schüler tatsächlich wissen und können. Viel interessanter dagegen ist, wie sich dieses Wissen und Können zu den Leistungen der anderen Schüler verhält – sodass, am Ende, immer ungefähr dieselbe Quote von Zurückgewiesenen und Gescheiterten dabei herauskommt.

    Thomas Steinfeld in der SZ, via GBlog.

    Offiziell heißt es zwar, dass die bayerischen Kriterien einfach strenger waren als nötig. Aber der Gedanke, den Steinfeld da nennt, ist nicht von der Hand zu weisen: ein bestimmter Prozentsatz soll einfach Abitur haben. Mit welcher Leistung ist sekundär. Norberto sieht das ähnlich.

  6. F_D

    Danke für den Hinweis auf den Brief an Marie, sehr interessanter Artikel, zu einem wie ich finde hochkomplexen Thema das so viele Facetten hat, dass es mir oft schwer erscheint eine davon richtig auszuformulieren…
    Als frischgebackener Abiturient (G9) habe auch ich mir ein paar Gedanken dazu gemacht, und vieles was Sueßbach so anspricht, kann man denke ich im Hinblick auf unsere nachfolgenden G8-Schülergenerationen auch bestätigen. Zumindest ist das mein subjektiver Eindruck.
    Sehr gut getroffen finde ich das Gefühl dass unsere Gesellschaft mit ihrem derzeitigen Bildungssystem möglichst leistungsfähige Personen erschaffen möchte die sich nahtlos in unser Wirtschaftsleben einfügen sollen. Wobei hier die Schüler sicher ihren Teil dazu beitragen, denn man kann das Gymnasium (aber natürlich kann ich nur vom G9 sprechen) durchaus durchlaufen ohne in diese Tretmühle wie Sueßbach sie schildert zu geraten.
    Nur muss man sich als Person dann auch dafür entscheiden, manchmal der Schule und Noten nicht so viel Stellenwert beizumessen wie anderen Dingen. Ich habe das bewusst getan, und es hat mich vor allem im Hinblick auf meine Eltern viel Kraft gekostet, die es wohl nicht ertragen konnten wenn mir statt Lernen etwas anderes wichtiger war.
    Allerdings denke ich haben diese Haltung wohl die wenigsten in meinem Jahrgang bewusst eingenommen, hier habe ich keine hohe Meinung von meinen ehemaligen Mitschülern denn die meisten von ihnen haben das „Goldene Kalb“/ihren Abischnitt willig umtanzt.
    Ich denke auch wie Sueßbach, dass viele Schüler die Problematik erst erfassen können wenn es zu spät ist und sich vielleicht zu spät sagen „Hätte ich doch damals…“. Auch hier, bei der Reife tut das G8 der Persönlichkeitsentwicklung sicherlich keinen Gefallen (zumindest kommt mir das so vor).
    Wie gesagt ein Thema bei dem man leicht abschweift. Letztendlich glaube ich dass vielen Schülern etwas mehr Unvernunft und etwas mehr Interesse für Ideale/Ideen/(vllt auch Politik??) gut täte. Und genau hier sind alle (wirklich alle und nicht nur ein Teil des Schulwesens) denke ich auch gefordert…nicht nur stromlinienförmige Wertschöpfer produzieren sondern auch ein paar Persönlichkeiten.
    Damit wäre das Schulleben auch für Lehrer wohl interessanter.

  7. Herr Rau Post author

    Ein Thema zum Abschweifen, ja. Ich habe auch nicht alle Gedanken zum Brief sortiert und aufgeschrieben, sonst wäre ich nie fertig geworden.
    Und ich stimme zu, dass vielen der Abischnitt wichtig war. Zu wichtig. Andererseits gibt es auch etliche Schüler, bei denen das dennoch nicht zu regelmäßiger Anwesenheit und zuverlässigem Erledigen der Übungen geführt hat.

    Fußnote: Laut Süddeutscher Zeitung hat das Ministerium dafür beim G8 über Nacht die Grenze für die Hochbegabtenprüfung heraufgesetzt, von etwa 1,5 auf 1,3. Das G8-Abitur ist wohl insgesamt zu gut ausgefallen.

    Ist das nicht lustig?

  8. chris

    Sie nennen die Abifeiern, natürlich mit Alkohol, als Argument gegen die These, nur Angepasste würden auf den Gymnasium bleiben.
    Aber ist das Saufen nicht viel mehr ein Beleg für die erzwungene Angepasstheit? Ein Symptom des „angepasst sein“?
    Durch die Prüfungen, gerade auch durch die Selektion im G8, ebenso wie durch das Streben nach (sehr) guten Leistungen, baut sich ein gewaltiger Druck auf. Und dieser Druck muss sich auch entladen, bei Abiturienten eben im Rausch(vgl. Alkoholkonsum bei manchen Erwachsene) oder auf einer Party.
    Meine Wirtschaftslehrerin war etwa über die anschließende „Party“ nach der Abgabe der Seminararbeiten (!) sehr erstaunt. Auf die umfangreicheren Facharbeiten, die auch, soweit ich es mitbekommen habe, mehr zählten, folgte so etwas nicht. Für sie ein klares Zeichen, welcher Druck im System entsteht.

  9. kochazubi

    Ich möchte anmerken, dass G8 keinesfalls schlimm ist. Schlimm ist nur die Umstellung von G9 auf G8 in den jeweiligen Bundesländern. Es gibt ein paar, in denen es nie G9 gab – und die trotzdem keine schlechteren Schüler hervorbringen, bei uns gab es so einige, die mit > 1,3 abgeschlossen haben, sogar einen mit „0.9“.

    Schlimm ist, dass die Schüler 6 Jahre lang nach einem Lehrplan für 9 Jahre unterrichtet wurden und jetzt in den nun verbleibenden zwei Jahren den Stoff von ursprünglich dreien lernen sollen. Das klappt vielleicht noch in der Grundschule / Unterstufe, aber nicht in der eh Oberstufe.

    Auch an Mathe und Deutsch als Pflichtfach kann ich nichts Schlechtes finden. Ein Abiturient erwirbt per definitionem die allgemeine Hochschulreife, sollte man da nicht erwarten können, dass er ein bisschen mehr als die Grundrechenarten beherrscht und mehr zwischen den Zeilen lesen kann als „x mag y nicht!“? Nebenbei bemerkt: Ich habe Deutsch in der Oberstufe gehasst, aber auf manche Sachen muss man erst gestoßen werden, um zu merken, dass da mehr stehen könnte.

  10. Herr Rau Post author

    Sie nennen die Abifeiern, natürlich mit Alkohol, als Argument gegen die These, nur Angepasste würden auf den Gymnasium bleiben.
    Aber ist das Saufen nicht viel mehr ein Beleg für die erzwungene Angepasstheit? Ein Symptom des „angepasst sein“?

    Das habe ich mich auch gefragt, aber nein. Die Partymentalität hat, wenn ich ehrlich bin, gar nichts damit zu tun. Denn die war im G9 in den letzten zehn Jahren (nicht davor) kein bisschen anders, bei den Facharbeiten ganz genauso wie bei den Seminararbeiten wie bei jedem anderen Anlass. Wenn die Schüler ausgiebig feuchtfröhlich feiern? Heißt es: angepasst. Wenn die Schüler nicht feiern? Heißt es noch mehr: angepasst. Also was jetzt?
    Aber natürlich stimmt es schon, dass die Schüler angepasst sind – an was auch immer: die Schüler sind zu dem Teil, zu dem sie nicht selbst Verantwortung fü sich übernehmen, ein Resultat ihrer Umwelt. Nur dieser Grundton des Artikels, „angepasst an Leistungsdenken“, der stimmt nicht. Viele Schüler sind angepasst an Ausharren und Warten auf die Freizeit: das schon eher.

    Ich glaube auch, kochazubi, dass ein G8 sinnvoll sein kann. Gibt es ja in anderen Ländern. Und dass am G9 einiges geändert werden musste. Und ja, dass die Umsetzung mangelhaft war.
    Mathe, Deutsch, Fremdsprache als Abitur-Pflichtfächer: Darüber diskutieren wir im Lehrerzimmer gerade rege und sind unterschiedlicher Meinung. Der Grund für die Pflichtfächer ist entweder der, dass die Inhalte dieser Fächer so wichtig für später sind (fürs Leben oder das Studium oder den Beruf?), oder dass man eher die Leute an der Uni (oder im Beruf) haben will, die in diesen Fächern gut sind, unabhängig von den Inhalten.

    — Außerdem irritiert mich noch, dass es in Pressemitteilungen heißt, die Leistungen des G8 seien nicht hinter den Schülern des G9 zurückgefallen. Das ist doch Käse. Die Noten sind durchaus im gleichen Rahmen, aber die Leistung versucht doch überhaupt niemand zu vergleichen. Obwohl’s schon interessant wäre.

  11. DrNI

    @Chris: „Aber ist das Saufen nicht viel mehr ein Beleg für die erzwungene Angepasstheit?“

    Das würde ich bejahen. Mein Abi-Jahrgang (2001) kannte viele kleine Gruppen, die sich gegenseitig mobbten, aber im wesentlichen konnte man sie in zwei Clustern: Die Säufer und die Alternativen. Verhältnis etwa 90:10. Zum Abi-Ball ging man, weil man sich da vor seinen Lehrern volllaufen lassen konnte. Als Mitglied der 10 ging ich nicht hin. Die Alternativen kippten durchaus auch mal größere Biermengen, aber nie bis zum Fastkoma, vor allem aber waren sie nicht verbunden durch Alkohol, ja sie waren eigentlich überhaupt nicht verbunden sondern nur die Randgruppe. Bisher bekam dieser Abi-Jahrgang bei zwei Nachtreffen hinterher Lokalverbot. Alkohol war daran maßgeblich beteiligt, als man die alten Zeiten wieder aufleben ließ.

  12. Herr Rau Post author

    Das mit den 90:10 gilt wohl immer, zeigt aber, dass das keine Anpassung an das G8 ist – aber sicher eine Art der Anpassung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.