Schulschnüffelschoftware

By | 1.11.2011

Angefangen hat das gestern bei netzpolitik.org: Alle Bundesländer haben mit Schulbuchverlagen und Verwertungsgesellschaften vertraglich beschlossen, dass stichprobenartig an Schulen Schnüffelsoftware installiert wird, die die Schulrechner nach urheberrechtsbrechendem Material durchsuchen und Fundsachen nach Hause funken. Das ist aus Datenschutz- und technischen Gründen dämlich, siehe Link.

Das ist kein Trojaner, darauf weist heise online hin, da das Programm ja mit Wissen und Hilfe des Kultusministeriums installiert wird. Das ist eher Arbeitsplatzüberwachung wie mit Videokameras an der Supermarktkasse. Trotzdem etabliert sich das Wort Schultrojaner dafür, auch wenn das verwässert den halbverstandenen Begriff des Trojaners verwässert.

Erlaubt ist das vermutlich aus mehreren Gründen nicht. Eine notwendige Voraussetzung dafür ist, dass Lehrer und Schüler die Schulrechner nicht privat nutzen. Weltfremd. Wenn meine Schüler sich Dateien nach Hause schicken, geht das über Facebook. Tatsächlich erklären wir unseren Schüler jetzt schon, dass sie die Schulrechner nicht privat nutzen dürfen; nur deshalb dürfen wir als Lehrer oder Systembetreuer ja auch Zugang zu deren Dateien haben und ihr Internetverhalten protokollieren. Aber dann müsste man das wohl endgültig durchsetzen – oder noch weiter mit frommen Lügen leben, zu denen uns Datenschutz und Urheberrecht zwingen. Wir lernen heucheln.

Netzpolitik legt mit weiteren Informationen und verfolgenswerten Links nach.

Die Verlage selber sehen verständlicherweise gar kein Problem: Stellungnahme des VdS Bildungsmedien zur Meldung auf netzpolitik.org: „Der Schultrojaner – Eine neue Innovation der Verlage“.

Und sie haben nicht völlig unrecht damit: Ich glaube selber, dass auf Schulrechnern – hundert Leute nutzen eine gemneinsame Festplatte zum Speichern von Material – viel liegt, das dort nicht liegen darf, darunter jahrealtes Zeug, von dem keiner mehr weiß, was es ist und wer es dorthin getan hat.

Bei den Lehrerbloggern hat das viele Reaktionen hervorgerufen. Lesenswert ein offener Brief von Herrn Larbig und vor allem Martin Kurz im Widerspiegel.

Mein Senf:

Was geschehen ist: die Exekutive hat wieder mal etwas unterschrieben, von dem sie keine Ahnung hat. Was mit Internetdings und so.

Was geschehen wird: die KMK wird zurückrudern, war alles nicht so gemeint, und am Schluss kommt irgendetwas heraus, das dafür sorgt, dass keiner sein Gesicht verlieren wird und jeder weiterwurschteln darf. Eventuell ein paar Extrakröten an die Verwertungsgesellschaften, so wie damals, als die – völlig zurecht – Kindergärten fürs Liedersingen abkassiert haben. So ist zwar das Recht, aber das soll niemandem so richtig bewusst werden.

Was geschehen müsste: Endlich eine Änderung des Urheberrechts, zefix! Oder zumindest eine Einsicht, dass die nötig ist. Das Urheberrecht ist so einschränkend, dass es die Entwicklung kultureller Güter und die aktive Teilnahme daran hemmt. (Gegenargument: dann müssen alle Künstler verhungern und wir haben gar keine Kultur mehr. Kann man diskutieren. Und das muss endlich mal diskutiert statt diktiert werden.) Außerdem ist es so undurchsichtig, dass Bürger nicht durchblicken und Politiker nicht und nicht der Börsenverein des deutschen Buchhandels.

Was außerdem geschehen müsste: Das, was Martin Kurz oben unter dem Link geschrieben hat. Freies, selbst erstelltes Bildungsmaterial. So wie bei OER Commons. (Die habe ich per RSS abonniert und kriege immer Bescheid, wenn neues Material dort steht. Ist halt alles auf Englisch und trifft häufig auch nicht meine Fächer.) Oder auch gemeinsam erstellte offene Schulbücher. Ich glaube, was man dazu bräuchte, wäre ein gemeinsames Format für Unterrichtsmaterialien, wohl als XML-Format. Dann kann man das Material zentral anbieten oder vereinzelt, dann gäbe es ein Youtube für Unterrichtsmaterial. Für meine Fächer ist das jedenfalls gut möglich.

15 thoughts on “Schulschnüffelschoftware

  1. meineWenigkeit

    In großem Umfang umgesetzt, wäre „selbst erstelltes“ Material recht einfach umzusetzen. Anstelle der Ausgaben für Klassensätze von Schulbüchern, die sehr teuer sind und sowieso schneller ersetzt werden als die alt sind, könnte man Lehrern Stunden zur Verfügung stellen, die sie in die Schulbucherstellung investieren. Da wird es sicherlich an jeder Schule Leute geben, die Interesse daran hätten. Es entstehen keine Extrakosten und das wissenschaftliche Arbeiten würde in gewissen Maße an die Schule zurückkehren. Es wird Geld bei Schulbüchern gespart und im großen, Landesweit kooperierenden Zusammenschluss an neuen gemeinsamen und freien Schulbüchern gearbeitet, die immer aktuell wären und beliebig vervielfältig werden können. Wenn auch nur jede Schule eine Stunde investieren würde, das Ergebnis wäre immens. Wikipedia klappt ja auch.

  2. Thomas Kuban

    Große Zustimmung, aber zwei spontane Probleme:

    – wo verläuft die Urhebergrenze z.B.: Ich habe in den letzten Jahren an einem Schulbuch mitgearbeitet und, nur als Beispiel, sind in die Zusatzmaterialien in veränderter Form Tafelbilder und Arbeitsblätter von mir eingeflossen – darf ich die Quellunterlagen dafür (also mein Ursprungsmaterial) ein zweites Mal bearbeiten und frei stellen? Ebenso die Frage nach modifizierten Ideen: Wenn ich in einem Schulbuch eine Seite lese und mir später eine Idee dazu einfällt und ich das Ganze dann frei stelle – wo verläuft die Grenze zur rechtlichen Problematik…

    – Wer kümmert sich Wie um das Qualitätsmanagement?

  3. Herr Rau Post author

    Schulbücher, die an den Schulen enstehen: im Prinzip gute Idee. Das erste Problem ist einfach oder zumindest lösbar: je nach Vertrag hat man bestimmte Rechte abgegeben oder nicht. Modifzierte Ideen: Ideen darf man benutzen, nur kein Material.

    Das zweite Problem halte ich allerdings auch für ein sehr großes. Lehrer freistellen zru Erstellung eines Schulbuches: und was macht man, wenn nichts Gescheites herauskommt? Man müsste Lehrer sorgfältig auswählen, und die teilnehmenden Lehrer müssten sich verpflichtet fühlen, auch etwas Ordentliches abzuliefern.

  4. Sabine

    Vielen Dank für die Zusammenfassung des Problems, das ist auf den anderen Kanälen irgendwie unter meinem Radar geblieben.

  5. Herr Rau Post author

    Gern geschehen. War auch genau so als Zusammenfassung gedacht.

  6. meineWenigkeit

    Qualitätsmanagement sollte kein allzu großes Problem sein. Wir Lehrer sind doch ausgebildetes wissenschaftliches Personal, oder? Natürlich gibt es Leute, die besser als andere an einem Schulbuch arbeiten können, aber das weiß dch jeder für sich. Und natürlich gibt es immer Leute, die sich bei solchen Sachen auf die faule Haut legen. Aber ähnlich wie bei Wikipedia lassen sich Beiträge doch messen. Angenommen man verwendet Git zur Bearbeitung an einem Projekt (Wikipedia verwendet z.B. svn wenn ich mich nicht täusche), dann wird jeder Beitrag und auch dessen Umfang geloggt. Es ließe sich ziemlich leicht nachvollziehen, wie hoch die Qualität der jeweiligen Beiträge ist. Das wäre vollkommen transparent und für alle nachvollziehbar. Ist doch i.O., wenn ein Bearbeiter massig Text erstellt, ein anderer Fehler korrigiert und ein dritter auf die Form achtet. Das läuft dann nicht anders als bei einem größeren Projekt in der Softwareentwicklung (mal als Beispiel die Beiträge zum Ruby Style Guide Projekt: https://github.com/bbatsov/ruby-style-guide/commits/master) Da werden relativ viele Commiter aufgezählt, jeder mit eigenem Beitrag. Einer ist für das Gesamtprojekt verantwortlich und nimmt Beiträge an oder nicht.

  7. Herr Rau Post author

    Qualitätsmanagement und Materialerstellung bei freiwiliger Mitarbeit: da sehe ich Chancen. Ich denke gerade auch darüber nach, welche Art Versionierung ich mir wünsche. Als Dienstpflicht, auch wenn man sich freiwillig dafür gemeldet hat… wäre schon sinnvoll. Aber was ist, wenn man sich meldet und dann nichts Vorzeigbares bringt?

  8. meineWenigkeit

    Keine Schulleitung wird sich jemanden leisten, der nichts erbringt. Dann sind die Stunden bei nächstbester Gelegenheit wieder weg. Wenn der ganze Prozess öffentlich einsehbar abläuft (vollständig offen oder auch auf Schulebene), dann wird wohl niemand mit leeren Hände dastehen wollen. Git in Verbindung mit Systemen wie GitHub (die man auch lokal laufen lassen kann) sind ein wunderbares Werkzeug. Markdown ist auch im Quelltext hervorragend lesbar und man hat sofort sichtbare Ergebnisse. Das ist ja nun auch nicht aus der Luft gegriffen. Eine ganze Industrie baut auf diesem Workflow auf. Da muss man doch nicht das Rad neu erfinden. Ganze Bücher samt Übersetzung lassen sich bei GitHub finden (z.b. ProGit). Und nein, ich werde nicht von GitHub bezahlt :)

  9. Hokey

    Es muss einfach funtkionieren, einfacher als Wikipedia, sonst bleibt es ein Schuss in den Ofen.

  10. Thomas Kuban

    Sehr sehr einfach – aber ob das von oben befohlen werden kann, mag ich bezweifeln. Muss freiwillig sein. Und dann werden wieder diejenigen viel Zeit und Energie aufbringen, die ohnehin schon viel von beidem einbringen.
    Andersherum sehe ich Chancen, wenn sich ein oder zwei zusammen tun, etwas auf die Beine stellen, es vorstellen und versuchen andere mit ins Boot zu holen.
    Wenn man nur nicht so viele andere offene Baustellen hätte :D.

  11. Pingback: Zum Schultrojaner | Lehrkoerper

  12. Ralf Hilgenstock

    @Thomas
    Frage: wo verläuft die Urhebergrenze z.B.: Ich habe in den letzten Jahren an einem Schulbuch mitgearbeitet und, nur als Beispiel, sind in die Zusatzmaterialien in veränderter Form Tafelbilder und Arbeitsblätter von mir eingeflossen – darf ich die Quellunterlagen dafür (also mein Ursprungsmaterial) ein zweites Mal bearbeiten und frei stellen?

    Antwort: Geschützt ist ein konkretes Werk, also das Verlagsergebnis als Buch/Buchseite/Grafik. Beispiel: ein Gemälde ist geschützt, das Abzeichnen des Gemäldes ist erlaubt. Man darf es halt nur nicht als Original veräußern. Das wäre eine Fälschung und damit Betrug. Des weiteren solltest du den Vertrag mit dem Verlag dir anschauen. In manchen Verträgen gibt es eine Exklusivvereinbarung bzgl. eines bestimmten Themas.

    Frage: Ebenso die Frage nach modifizierten Ideen: Wenn ich in einem Schulbuch eine Seite lese und mir später eine Idee dazu einfällt und ich das Ganze dann frei stelle – wo verläuft die Grenze zur rechtlichen Problematik…

    Antwort: Ideen sind nicht schützbar und damit unterliegen sie nicht dem Urheberrecht. Das Urheberrecht schützt den Urheber, das ist ein Autor, und einen Verlag, der vom Urheber mit der Verwertung des Werkes beauftargt wird. Die Urheberschaft verbleibt immer beim Autor (zumindest in Deutschland; das Schweizer Recht oder das Copyright im angelsächischen Recht handhaben das anders).
    Ideenschutz gibt es im Bereich der Markenrechts (Namen und Logos) und des technischen Patentrchts. In beiden Fällen wird das Recht aber nur durch Anmeldung als Patent oder im Markenregister erworben.
    Ein Beispiel zum Ideenschutz: Ich habe die Idee für einen Kriminalroman. Dabei wird eine Leiche gefunden und die Polizei ermittelt und stellt fest, dass es ein Mord aus Eifersucht war. Der/die Ehepartner/in hat den Ehebruch durch Mord gesühnt und wird von der Polizei gefasst.
    Dieses Romanthema ist hundertfach als Buch veröffentlicht. Es unterliegt keinem Schutz. Daher könnte ich auch ein solches Werk verfassen. Ein anderer Autor oder sein Verlag könnte mich nicht des Urheberrechtsverstosses bezichtigen. Autor/Verlag hätten zudem das Problem nachzuweisen, das vor ihnen nicht jemand anders die Idee hatte. In dem konkreten Fall wäre auch nach dem Urheberrecht die Idee ‚gemeinfrei‘. Denn 80 Jahre nach dem Tod eines Urhebers wird das Werk zum Allgemeingut und jeder kann es re-publizieren.

  13. Pingback: Das war’s dann hoffentlich mit dem Schultrojaner | Lehrkoerper

  14. Db

    Herzlichen Glückwunsch – mit der Prognose „Was geschehen wird:“ Zurückrudern & weiterwurschteln voll in Schwarze getroffen…
    Die Schnüffelschoftware ist abgeschafft, es wird weiter verhandelt, „gemeinsam nach einer Lösung für den digitalen Einsatz von Unterrichtswerken und -materialien im Unterricht gesucht“.
    Hübsch der Schlusssatz der Pressemitteilung: „(…) haben Augenmaß und einen hohen Grad an Verständigungswillen im Interesse der Schulen bewiesen“ (= festgestellt, dass ihr Mistkonzept nicht durchsetzbar ist).
    http://www.km.bayern.de/pressemitteilung/8102/nr-106-vom-04-05-2012.html

  15. Pingback: Verlage möchten auf Schulrechnern schnüffeln | rete-mirabile.net

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