Lernzirkel

Ich mag Lernzirkel nicht besonders. Sie haben etwas Muffiges, riechen nach den 1970er Jahren und nach Turnhalle. Da kommen sie ja auch her, vom Zirkeltraining: Es gibt verschiedene Stationen (liebevoll aufgehäufte Papierstapel im Klassenzimmer, teilweise laminiert), die sich die Schüler in beliebiger Reihenfolge vornehmen, um beim Pfiff des Schiedsrichters zur nächsten Station zu wechseln. Das ganze zu dem Zweck, dass man Schülern so Arbeit unterjubelt, die sie sonst nicht leisten würden.

Für den klassischen Lernzirkel habe ich meine Meinung auch nicht geändert. Warum müssen die Schüler von Station zu Station gehen (den Kassettenrekorder als beschränkte Ressource gibt es ohnehin nur bei maximal einer davon)? Es ist so viel einfacher, Ihnen das gesamte Material auf einemal in einem Dossier zu geben und zu sagen: Macht mal, teilt euch die Zeit selber ein, ihr hat zwei Wochen Zeit. Wenn sich das digital machen lässt, um so besser, dann entfallen die Kopien und das Laminieren. Aber bei der aktuellen Ausstattung mit Rechnern geht das noch nicht; zum ausführlichen Arbeiten mit webbasiertem Material sind Handys zu unpraktisch.

Also waren meine Erwartungen heute gedämpft, als ich in einer Vertretungsstunde in der Unterstufe einen Lernzirkel beaufsichtigen sollte. Das lief aber überraschend gut, eben weil es gar kein Lernzirkel war, sondern Freiarbeit in festen Gruppen. Jede Gruppe bekam ihr Materialpaket ausgehändigt. (Wir träumen allerdings von einer Welt, in der Schüler ihr Material selbst verwalten können; vielleicht sollte das mal Schwerpunkt sein. Ein Schrank in jedem Klassenzimmer könnte da schon helfen.) Dann arbeiteten die Schüler gemeinsam an den kleinschrittigen Grammatik-Aufgaben und verglichen danach ihre Ergebnisse mit den Lösungen. Die Klasse war das möglicherweise gewohnt, jedenfalls lief es gut. Alle waren beschäftigt, die Atmosphäre war angenehm.

Bei Material für Freiarbeit halte ich Typographie und Layout für noch wichtiger als bei regulären Arbeiten: Man soll auf den ersten Blick sehen können, ob etwas Aufgabe oder Lösung ist. Und wenn schon Papierkopien, dann ein Satz Kopien in einer eigenen Mappe für das Projekt. Aber sonst: sollte man öfter machen.

9 Gedanken zu “Lernzirkel

  1. tommdidomm on 7.5.2012 at 14:29 sagte:

    Also ist das mit den fehlenden SChränken ein allgemeines Problem. Was ist bei euch die Entschuldigung? Auch der Feuerschutz?
    In meiner eigenen Schulzeit gabs das wohl nicht, das mit dem Schutz.

    Wenn ich deine Formulierungen genauer anschaue, ist das hier aber auch Einzelarbeit in Gruppen gewesen, oder?

  2. Einzelarbeit in Gruppen: irgendwie schon. Gefällt mir auch erst einmal besser als echte Gruppenarbeit.

    Feuerschutz: nein, den habe ich im Zusammmenhang mit Schränken im Klassenzimmer noch nie gehört. E sliegt wohl eher daran, dass in einem neuen Schuljahr niemand weiß, wo die Schlüssel zu den jeweiligen Schränken sind, die verschlossen sein können oder nicht.

  3. tommdidomm on 7.5.2012 at 16:25 sagte:

    Bei uns heißt es, dass man aus Feuerschutzgründen keine Schränke im Klassenzimmer aufstellen darf, weil man dann nicht weiß, was da alles drinnen liegen kann. Ich fand das aber immer seltsam.

  4. Als Lerntheken-Fundamentalist kann ich nur sagen: beide Daumen hoch :-)

  5. Kurt on 7.5.2012 at 19:40 sagte:

    Die Abneigung gegen Lernzirkel ist wohl historisch bedingt. Vermutlich spricht man deshalb ja seit einiger Zeit vom Lernen an Stationen.
    Ich finde es jedenfalls eine schöne Möglichkeit, wie man Schülerinnen und Schülern die Gelegenheit geben kann, selbst etwas auszuprobieren und in eigenem Tempo zu arbeiten. Wenn man eine Zeit vorgibt (z.B.: 4 Unterrichtsstunden) und freiwillige Stationen als Puffer drin hat, dann kommt das der Idee mit dem Dossier schon relativ nahe, hat aber bei mir mit Bio und Chemie den Vorteil, dass man das Material für einfache Experimente oder die “haptischen Stationen” nicht im Klassensatz braucht.

  6. Lernzirkel sind in der Tat etwas angestaubt, obwohl sie sich für manche Themen (Ägypten, Sonnensystem) gut eignen, wenn sie gut vorbereitet sind.
    Dass das Layout ansprechend sein muss, ist außer Frage. Und nur laminierte Blätter, mit Folienstiften beschreibbar.
    Lerntheken, in denen für Schüler Zusatzaufgaben, Differenzierungsmaterial usw. bereit liegt, sind gut.
    Feuerpolizei? Die funkt bei uns nicht in die Klassenzimmer hinein, dafür aber umso mehr in die Ausgestaltung des Schulhauses. Da könnte ich Geschichten erzählen, aber vielleicht blogge ich das mal, wenns mir genug stinkt.

  7. Nur das mit den Stationen verstehe ich noch nicht ganz. Bei aufgebauten Experimenten oder anderen knappen Ressourcen, okay – aber in meinen Fächern gibt es das nicht. Es gibt Aufgaben, es gibt Material, es gibt individuelle Reihenfolgen. Sind Stationen dann nur dazu da, dass die Fülle des Materials nicht zu überwältigend für Schüler wird?

  8. Das mit den Stationen habe ich immer so verstanden, dass es einfach schön ist, zwischendurch mal aufzustehen, woanders hinzugehen; verbunden damit vielleicht sogar ein bisschen Neugier, was einen wohl bei der nächsten (freien) Station erwartet.

    Ich mache so etwas nicht oft – ich finde, dass es bei Englisch und Deutsch nicht so häufig passt. Was mich aber immer mehr davon abbringt, ist die Neigung der Schüler (vor allem in der Oberstufe), eben gerade nicht aufzustehen, sondern träge sitzen zu bleiben und sich stattdessen unter Verrenkung aller Gliedmaßen das Material von der einen “Station” zur anderen zuzureichen. Ich habe mich daraufhin mit dem Gedanken getragen, die Stationen im Theatersaal aufzubauen, wo soviel Raum zwischen den einzelnen Stationen sein könnte, dass man sich auf alle Fälle von einer zur anderen bewegen müsste. War aber bisher zu träge. Tragisch, nicht?

  9. Aufstehen dürfen und mal was anderes sehen: ja, das ist wichtig beim Lernzirkel. Bei der Unterstufe sehe ich das ein, bei Mittel- und Oberstufe gefällt es mir besser, das Material den Schülern auf einmal zu präsentieren und sie dann aus dem Klassenzimmer zu schicken.
    Aber vermutlich ist das nur meine Abneigung gegen das schulsportliche Element daran. Erst mal aktiver sind aber bestimmt auch Oberstufenschüler, wenn sie unter den Augen der Lehrer arbeiten und sich die Arbeit nicht selber einteilen müssen.

    In unseren Fächern ist der Lernzirkel nicht so wichtig, denke ich, da die Shcüler nicht wirklich ans Mikroskop oder andere knappe Ressourcen müssen. Freiarbeit ist aber machbar.

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