Frontalunterricht kein Schimpfwort mehr?

Die FAZ titelt etwas plakativer Frontalunterricht macht klug. Ganz so vereinfacht würde ich das nicht darstellen: Eine Studie zeigt (wenn auch nur an naturwissenschaftlichen Fächern), was andere Studien auch schon gezeigt haben, was Hilbert Meyer, der “Papst der Lehrerausbildung” (FAZ) inzwischen auch sagt – Frontalunterricht funktioniert und die meisten Schüler lernen bei den meisten Lehrern besser damit als mit offeneren Unterrichtsformen. Praktiker sind davon nicht überrascht.

Das ist deshalb erwähnenswert, weil in vielen Kreisen Frontalunterricht zum Schimpfwort geworden ist. (“Deine Mutter macht Frontalunterricht!”) Siehe Er hat Frontalunterricht gehalten… von Hokey anno 2009, oder meinen Blogeintrag neulich. Einfach mal nach “Frontalunterricht” googeln und schauen, was herauskommt.

Wenn man nachbohrt, stellt sich allerdings manchmal heraus, dass es gar nicht um Frontalunterricht geht. Klar, jeder vernünftige Lehrer ist für Methodenmix, jeder braucht ein Methodenrepertoire, aus dem er auswählen kann – und dann eben auch Frontalunterricht. (Bezeichnet wird damit ohnehin lehrerzentrierter Unterricht; Frontalunterricht im Sinne einer Vorlesung gibt es seit vor meiner Schulzeit nicht mehr.) Wenn der Begriff als Kritik gemeint ist, steht er oft stellvertretend für “alles, was mir an Schule nicht passt”. Daran störe ich mich dann, weil ich das halt doch wörtlich nehme.

Ich habe oben die Studie zusammengefasst mit: “die meisten Schüler lernen bei den meisten Lehrern besser” mit Frontalunterricht. Dieser Satz ermöglicht es, doch wieder gegen Frontalunterricht zu argumentieren. Wenn wir Frontalunterricht abschaffen wollen und dabei doch effektiven Unterricht machen wollen, brauchen wir (Möglichkeit 1) einfach andere Schüler! Das geht, indem man eine neue Schülergeneration postuliert, die mit dem Internet aufwächst und deshalb ganz anders ist. Da bin ich skeptisch. Oder wir brauchen (Möglichkeit 2) andere Lehrer, die dann – so die allerdings völlig unbewiesene Vermutung – mit anderen Methoden noch effektiver lehren. Das kann man argumentieren, falls sich jemand dazu berufen fühlt. Man könnte also fragen, welche Methode die beste ist und wie wir genug Lehrer kriegen, die diese Methode können? Ich halte das für den falschen Weg. (“Wie kriegen wir die besten Lehrer?” ist allerdings eine Frage, die man bei Gelegenheit mal beantworten sollte.)


Andere Studien sagen, und da sehe ich keinen Widerspruch: Es kommt auf den Lehrer an. Klassengröße, Unterrichtsmethode, Medien, alles nicht so wichtig: was den Ausschlag gibt, ist die Lehrerpersönlichkeit. Und da gibt es die einen, die mehr Frontalunterricht machen, mit oder ohne Geschichtenerzählen, und die, die mehr Gruppenarbeit machen.

Das heißt nicht, dass alles gut läuft an unseren Schulen. Überhaupt nicht. Aber um Methoden brauchen wir uns vorerst nicht zu streiten. Wenn wir jetzt bitte noch aus den anderen Schlagworten und Kampfbegriffen die Luft etwas herauslassen könnten?

26 Gedanken zu “Frontalunterricht kein Schimpfwort mehr?

  1. dirk on 18.12.2012 at 18:43 sagte:

    sehr wohltuend! Auf das richtige Timing kommt es an. Ein Zimmermann, der nur einen Hammer benutzt, kriegt auch nichts zustande. Es braucht mehrere Werkzeuge und das Wissen, wann man welches am Besten einsetzt.
    Schade nur, dass man eigentlich nie wirklich testen kann, welche Methode besser (gewesen) wäre. Schließlich bekommt man nie dieselbe Gruppe mit demselben Wissenshorizont zwei Mal zu Gesicht. Daher braucht es eine Menge Erfahrung, bis sich das Gespür für die richtige Methode zum gegebenen Zweck herauskristallisiert. Junge Lehrer profitieren von ihrer unverbrauchten und unverstellten Begeisterung, erfahrene Kollegen (hoffentlich auch noch von ihrer Begeisterung und) von ihrer Effizienz.

  2. Matthias on 18.12.2012 at 19:20 sagte:

    Das Pendel schwingt also zurück. Wir machen dann mal weiter.

  3. Es gibt seit den 70er Jahren Untersuchungen, die belegen, dass die Unterrichtsergebnisse bei verschiedenen Unterrichtsmethoden gleich sind.
    Nicht erfasst wurden jedoch die Motivation der Schüler, am Unterricht teil zu nehmen, nicht erfasst wurden Spass am Lernen und Sozialkompetenzen, die mit anderen Methoden erworben werden.

  4. Stimmt, Jürgen, Studien erfassen nicht alles. Spaß am Lernen (und Motivation) dürfte aber von Methoden unabhängig sein – wenn der Lehrer zur Methode passt. Bei Sozialkompetenzen lasse ich mich überzeugen, dass deren Umfang durch Frontalunterricht nicht zunimmt. Aber es gibt ja nicht nur den, nicht mal bei mir.

  5. Klimmbimm on 19.12.2012 at 15:34 sagte:

    Ich als Lehrer muss nur daran denken, welche Fortbildungen ich selbst gut fand: Der Referent hatte Ahnung, war sehr anschaulich, konnte Fragen beantworten, traf das Niveau der Zuhörer und setzte möglichst visualisierende Medien ein. Käse hingegen waren “Fortbildungen”, in denen man den Teilnehmern Material hinwarf zur eigenen Durcharbeitung evtl noch um es dann vorzutragen. Gut, dass der lehrerzentrierte Unterricht wieder im Kommen ist. Schüler sollen nicht passiv vor sich hindösen, aber es ist Quatsch zu glauben, dass Schüleraktivität immer Erfolg bringt. Wenn der Lehrer kein “Gerüst” vermittelt hat, auf dem die Schüler aufbauen können, wird das zusammenhangloses Einzelwissen, das den referierenden Schülern wenig bringt, den zuhörenden Schülern fast gar nichts. Lehrerzentriert heißt natürlich nicht langweilige Monologe von 45 Minuten ; das sollte klar sein.

  6. @Herr Rau:
    Da haben Sie natürlich auch recht.
    Herzlichen Gruß!

  7. Susann on 19.12.2012 at 20:36 sagte:

    Ich kann eigentlich vielem zustimmen, was da an Klugem gesagt wurde.
    -> der Methodenmix macht’s.
    der Lehrervortrag kann furchtbar lähmend wirken (war erst unlängst auf einer Fortbildung und habe, mit wachsender Hochachtung vor den Schülern, versucht, den irgendwie alert zu überstehen), aber auch sehr effektiv und interessant sein. Das kommt (banal hoch vier) mal wieder auf den Lehrer an.
    -> Wir sind für Frontalunterricht ausgebildet. Sind wir mal ehrlich und gestehen uns das ein. Frontalunterricht können wir meist am Besten. Da sind wir routiniert. Offenere Methoden – not so much. Was Wunder, wenn wir die tollsten Ergebnisse NICHT mit Methoden erzielen, die wir uns mühsam beibringen müssen und wo wir auf das übliche trial by error angewiesen sind?

  8. Ich glaube nicht, dass es nur die Ausbildung ist. Schon bei meiner ersten Deutschstunde im Referendariat in der eigenen Klasse kam mir das alles merkwürdig vertraut vor. Das kannte ich doch schon aus Rollenspielen, also Pen&Paper-Rollenspielen, eventuell mit Zinnfiguren (siehe hier im Blog immer wieder mal). Da war ich meist Spielleiter in unserer Runde. Ich war der Boss: ich hatte einen Wissensvorsprung, da ich ja den ganzen Plot kannte; ich entschied fair und endgültig, wie die Spielwelt auf die Spielereingaben reagierte. Die Spieler hatten ein Ziel, ich wollte ihnen ermöglichen, das Ziel zu erreichen, ohne dass sich die Spieler zu gelenkt vorkamen. (“Railroading” hieße das sonst.) Es sollte alles natürlich wirken. Das oberste Ziel war, dass alle Beteiligten eine gute Zeit hatten. Die Spielform war das, uh, Spieler-Spielleiter-Gespräch. So sieht mein Frontalunterricht auch aus.

  9. Susann on 19.12.2012 at 23:01 sagte:

    Das Spieler-Spielleiter-Gespräch. O-kay, das kommt uns doch irgendwie bekannt…. :-)

    Aber ist Deine Vorerfahrung nicht die Idealform? Hochmotivierte Teilnehmer treffen auf hochmotiviertne Spielleiter zu einem Thema, das ihnen ein Anliegen ist und dem sie sich freiwillig verschworen haben? Da ist es, meine ich, leichter, das Ziel “für alle eine gute Zeit” zu verwirklichen als in der klassischen schulischen Unterrichtssituation.
    Meiner Erfahrung nach funktioniert eines nicht besonders gut: Schüler Grammatikregeln selbst erarbeiten zu lassen. Die “Guten” kriegen das schnell und unbürokratisch gebacken – die “Schwachen” kämpfen und kennen sich am Schluß doch nicht aus. Aber vielleicht hab ich die falsche Technik, keine Ahnung.

  10. Susann, es ging mir darum, warum das Lehrer-Schüler-Gespräch (und das meint man ja mit Frontalunterricht, nicht Lehrervortrag), wo man Schüler zu einem Ziel bringen will, ohne dass sie sich der Lenkung bewusst sind, und immrt mit der Option, doch irgendwo ganz anders anzukommen – warum mir das so vertraut war, auch ohne speziell dafür ausgebildet zu sein. Platon hatte ich da ja auch schon gelesen, dessen Dialoge ähnlich vorgehen; einen Großteil meiner Bildung verdankte ich direkter Instruktion durch unflexible Bücher. Wenn Leute wie ich Lehrer werden, ist es kein Wunder, wenn sie zum lehrerzentrierten Unterricht neigen. Ich will ja auch selber so lernen, wie das Klimmbimm oben für Fortbildungen beschreibt.

    Offene Formen will ich keinem nehmen. Wer damit gut fährt: Gerne. Ich setze ja selber viel davon ein, meist allerdings als Partnerarbeit. Lehrerzentriert bleibt das aber immer. Gruppenreferate gibt in Form einer Chatshow, bei der sich jeder *einzeln* auf das Thema vorbereitet hat. Pair-programming macht man in Informatik nicht nur, wenn die Rechner fehlen, sondern auch aus methodischen Gründen. Bücher liest und Aufsätze schreibt in Deutsch eh jeder in seinem eigenen Tempo.

    Andere Lehrer machen das vielleicht alles ganz anders. Sollen sie. Es kommt – da teile ich deine Meinung völlig, Susann, auf den Lehrer an. Das ist banal, aber noch nicht genug akzeptiert. Außer bei den Schülern natürlich, die wussten das natürlich schon immer.

  11. Ich denke, man muss ein wenig vom Ziel her denken:
    Möchte ich möglichst effektive Wissensvermittlung?
    Dann ist ein Schulsystem wie in Asien am besten: Ich doziere, die Schüler lernen auswendig. Punkt.
    Möchte ich dagegen Erziehung und Beziehung einen hohen Stellenwert einräumen, komme ich um offenere Unterrichtsformen kaum herum.

    Dazu kommt: Je heterogener die Lerngruppe, desto ineffektiver der Frontalunterricht. Sieht man schön im Mathematikstudium: Ganz, ganz schnell sind ganz, ganz viele Leute abgehängt. Und die kommen auch nicht mehr wieder.
    Ich selbst schätze Frontalunterricht bei einigen Dozenten/Lehrern sehr. Aber das waren dann Geschichtenerzähler (Rollenspieler?) oder in irgendeiner Form Leute, die mich gefesselt haben. Und das ist echt schwer.

  12. Martin on 20.12.2012 at 19:29 sagte:

    ich habe mir auch die Augen gerieben, nachdem ich den FAZ-Artikel gelesen hatte. Die Überschrift hätte heißen müssen ‘guter Unterricht macht klug’. Wer z.B. im InfoUnterricht best practice beibringen will, muss lehrerzentriert arbeiten, sonst finden auch die guten SchülerInnen nur zweit-, dritt-, viert-best practice heraus – die wenigen, die mir etwas erstklassiges beibringen können, mögen das dann gerne auch als “Schülerlehrer” tun.
    Der Erfolg dieses Unterrichtes von Null auf best practice lässt sich tatsächlich in Arbeit mal Zeit messen. Das gilt auch für die Vertiefungsphasen, in denen das Gelernte (immer noch lehrerzentriert!) angewendet werden soll. Dieser Unterricht kann durch das output-orientierte Modell der messbaren Kompetenz gesteuert werden. Ob das Gelernte dann in 10 Jahren noch abrufbar sein wird, hängt wohl an noch ganz anderen Faktoren.

    Ein Unterricht (nicht Fach!), in dem jedoch die Persönlichkeitsentwicklung im Vordergrund steht, lässt sich nicht so einfach in Arbeit mal Zeit => Lernerfolg messen. Wenn aber dann ehemalige SchülerInnen nach 10 oder 20 Jahren eine entsprechende positive Persönlichkeit erkennen lassen, dann könnte der Unterricht vielleicht (und hoffentlich) etwas dazu beigetragen haben.

  13. Susann on 20.12.2012 at 20:32 sagte:

    @Jan

    Die Entscheidung, was Schule leisten soll, muss politisch und gesellschaftlich geklärt werden – wie schon von Dir erklärt, Wissensvermittlung oder was immer, Teamfähigkeit etc. Aber klar sollte auch sein, dass es die eierlegende Wollmilchsau unter den Unterrichtsformen nicht gibt. Da heißt es dann klar erkennen, dass z. B. schülerzentrierte offene Unterrichtsformen EINIGE gewünschte Ergebnisse bringen können, aber nicht ALLE. Und für dieses Defizit sollte dann nicht reflexartig die Schule und ihr Unvermögen verantwortlich gemacht werden.

    Naja, man kann ja träumen.

  14. Kafkaesk on 21.12.2012 at 12:35 sagte:

    Ich muss ganz ehrlich sagen: Ich werde mit Frontalunterricht später mit am meisten Probleme haben, einfach, weil ich das derzeit im Studium am wenigsten beigebracht bekomme. Die Hälfte meiner Seminare besteht aus Studentenvorträgen und Gruppenarbeiten — mittlerweile kriege ich auch da guten Input her, aber in den ersten Semestern war das eine grausame Erfahrung, die mit Zeitverschwendung sehr viel gemein hatte. Vielleicht hat es jetzt alle besser gemacht und die Sozialkompetenzen gestärkt, aber eigentlich wäre mir mehr Wissen lieber gewesen. Denn besser halten tut es sich durch eine solche Erarbeitung nicht.

    @Jan: Das Problem an der asiatischen Methode, um es mal so zu nennen, ist, dass da am Ende auch kein Wissen raus kommt. Diese Menschen können dann die Sätze genauso wiedergeben, wie sie sie gelernt haben, aber was die bedeuten? Keine Ahnung. Es hilft mir beispielsweise in Physik nicht zu wissen, dass eine Kraft die Änderung des Impulses ist, wenn ich später keine Ahnung habe, was das eigentlich bedeutet.

    @KommentARTroll: Dass es den meisten Menschen schnurz ist ob Dativ ne Firma ist oder ein Fall ist vollkommen klar, aber den meisten Menschen ist nach der Schule auch schnurz ob Faust einen Teufelspakt eingeht, Säuren und Basen sich gegenseitig neutralisieren oder wie man mit Java die Textausgabe ‘Hallo Welt’ hinbekommt. Man geht in die Schule, um einen Grundstock zu bekommen und zu entscheiden, womit man sich später beschäftigen möchte. Du musst wissen, was ein Dativ ist, wenn du dich über Sprache unterhalten möchtest. Wenn ich von Dativ rede und du von Akkusativ könnten wir beide dasselbe meinen, aber wir kommen trotzdem auf keinen gemeinsamen Nenner und sich über Sprache auszutauschen und Sprache reflektieren zu können ist eine wichtige Kompetenz, die man nach Abschluss eines Gymnasiums haben sollte. In etwa so wie die Fähigkeit zu entscheiden, wie viel Ironie man einbauen kann (ich gehe einfach davon aus, dass ‘Teemwörk’, ‘voll die Authentizät’ und ‘meno’ als ‘lustige’ Anspielungen gemeint gewesen sind) bevor man Gefahr läuft nicht mehr wirklich ernst genommen zu werden.

  15. Susann on 21.12.2012 at 15:23 sagte:

    @Kafkaesk

    Ich würde die “asiatische Methode” nicht über Gebühr niedermachen – wenn ich mir so die derzeitigen Abiturienten ansehe, habe ich nicht den Eindruck, dass auch nur ein Funken deutsches Überlegenheitsgefühl angebracht wäre.

  16. Kafkaesk on 21.12.2012 at 18:48 sagte:

    @Susann: Ich sage nicht, dass wir es besser machen, aber bei solchen Pauksystemen kommt eben — neben mangelnder Sozialkompetenz — auch kein wirkliches Wissen heraus. Dem deutschen Bildungssystem stehe ebenfalls eher kritisch gegenüber, aber das hat tatsächlich weniger mit den angewandten Lehrmethoden zu tun.

  17. Susann on 21.12.2012 at 19:56 sagte:

    @kafkaesk

    Ich glaube immer mehr, dass der Knackpunkt NICHT die Schule ist sondern die Schüler – eine Kollegin von mir unterrichtet am Land irgendwo in Afrika und war ganz fasziniert davon, wie oft Schüler kommen und sie fragen, ob sie nicht noch mal eine Stunde am Nachmittag dranhängen kann, bitte, bitte…das sind Schüler, die wissen SEHR genau, was ihnen die Schule konkret für’s Leben bringt, und da muss dann der Schüler auch nicht durch “motiviertende Einstiege” dazu gebracht werden, gütigerweise aufmerksam zu sein. Bei uns scheint besonders in der Mittelstufe die Schule ja eine unangenehme Unterbrechung der Freizeit zu sein, die man mit möglichst geringem Aufwand hinter sich bringen muss…

  18. Peter Aebersold on 22.12.2012 at 10:11 sagte:

    Der Begriff „Frontalunterricht“ sollte grundsätzlich nicht mehr verwendet werden, weil es Nazi-Jargon (‘Frontal National Bonn’ nennt sich zum Beispiel eine Neonazigruppierung) und eine Erfindung des Alt-Nazi und Schulreformers Petersen ist, der damit den Klassenunterricht zugunsten seiner Reformvorschläge abwerten wollte. Wiechmann (2000) hat den Ursprung des Worts “Frontalunterricht” auf einen Aufsatztitel von Petersen und Petersen (1954) zurückverfolgen können; seit den 1960ern wurde der Ausdruck wie selbstverständlich benutzt, zumeist in pejorativer/abwertender Absicht, um die favorisierte Gruppenarbeit davon abzuheben
    http://de.wikipedia.org/wiki/Frontalunterricht
    http://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Petersen_%28P%C3%A4dagoge%29

  19. Beelzebub Bruck on 22.12.2012 at 12:04 sagte:

    Die Aufklärung darüber, dass der “Frontalunterricht” eigentlich so ein Stück Nazisprech ist – und mal eben die Fronten gewechselt hat, also von linksmeindenden Bildungskritikern als Kampfbegriff verwendet wird -, das finde ich nicht nur erheiternd, sondern scheint mir auch ein schönes Beispiel dafür, wie man aus autoritären Bildungstrollen die Luft herauslässt. Vielen Dank, Peter Aebersold, you made my day!

  20. Frontalunterricht ist die hohe Kunst des Unterrichtens. Schüler lernen mehr und nachhaltiger. Frontalunterricht wird vom Begriff her meist falsch vestanden und gleichgesetzt mit Lehrervortrag. Frontalunterricht bedeutet lediglich, dass der Lehrer alle Fäden in der Hand hält.
    Besucht meine Website “guenter-ganz.de” und diskutiert im Blog mit über Pädagogik, Schule, Unterricht, Lehrer und Lehrerausbildung.

  21. auch Jan on 12.1.2013 at 23:30 sagte:

    Um zur Diskussion über die Studie zurückzukommen:

    Auch wenn hier scheinbar die Definition von Frontalunterricht mehr umfassen soll als “nur” der Lehrervortrag, wäre ich bei gleicher der Interpretation der Variabel “lecture style teaching” doch sehr skeptisch.

    Eine Definition taucht in der Studie nicht auf. Ich würde daher die Interpretation nahelegen, dass genau der Lehrervortrag damit gemeint ist (zumal an einer Stelle auch von “listining to lecture-style presentation” die rede ist). Sollte jemandem der Begriff aus der Literatur zur Untersuchung von Unterrichtsformen geläufig sein, lasse ich mich gerne eines besseren belehren.

    Ausgehen von dem oben stehendem Verständnis des untersuchten Effektes, wird die Wirkung des Anteils von Lehrervorträgen am Unterricht auf das Abschneiden von Achtklässlern in den Fächern Mathematik und Naturwissenschaften bei standartisierten Tests untersucht.

    Es geht also um:
    - Achtklässler
    - standartisierte Test
    - Lehrervortrag
    - Mathematik und Naturwissenschaften.

    Daher sollte man sich auch, wie die Autoren anmerken, mit Verallgemeinerungen auf die Fähigkeit zur Problemlösung (hier geht es noch nicht mal um soziale Kompetenzen) sowie andere Fächer und Altergruppen zurückhalten.

  22. Beelzebub Bruck on 13.1.2013 at 21:41 sagte:

    Gern wird halt das entwickelnde Lehrer-Schüler-Gespräch auch als Frontalunterricht gesehen. Wenn man die Zeiten, in denen der Lehrer spricht und die Schüler nicht, genau erfasst, muss man wohl auch diese Form des Unterrichts streckenweise dem Lehrervortrag zuordnen. Das entwickelnde Gespräch funktioniert am besten, wenn die Schüler schon etwas wissen…

    “Lecture-style-presentation” ist mir sowohl im italienischen liceo als auch in französischen lycées begegnet, auch in der Türkei mag man das – mit Katheterthron und Kopfnuss – und meine Beobachtungen sind gar nicht lange her. Mit einem deutschen Unterrichtsgespräch hatte das aber nichts mehr zu tun, eher mit den klassischen Dressurnummern.

  23. anderl on 14.1.2013 at 14:26 sagte:

    erstaunlich, 90 jahre nach der einführung der pädagogik im wissenschaftlichen kontext, sind wir uns noch immer nicht im klaren und einig darüber, was guter unterricht sein soll.
    die hattie-studie, eine meta-studie, spricht nicht dem klassischen frontalunterricht die absolution aus. sie spricht von selbstreflektiertem lehrerzentriertem unterricht, der fehler als produktives gestaltungsmittel sieht und die fehlersanktionierende praxis der pädagogischen erbsenzähler, ausdrücklich nicht als didaktisch positiv wirksames instrument aufzählt. die bundesrepublikanisch selektive beurteilungpraxis, inklusive des eifrig genutzen sanktionsmittels der nichtversetzung, wird in dieser studie negativ bewertet.
    und im englischunterricht, anders als in Mathe, kommt es weniger die auf klare strukturierung oder ausreichend komplexe lehrerfragen an, sondern vor allem auf einen hohen sprechanteil der schüler.

    frage: ich bin vegetarierer , adolf schinkelhuber war vegetarier. ist das nun auch nazisprech? bin ich nun radikalautorität linksmeinender rechter, der eben mal die front gewechselt hat?

  24. anderl on 14.1.2013 at 23:26 sagte:

    @auch Jan

    und nicht zu vergessen, es ist eine us-amerikanische studie mit einem vermutlich hohen multible-choise anteil.

    @susann
    die schüler deiner freundin, welcher klassenstufe entsprechen die bei uns?
    ich kenne nur schulen, an denen die mittelstufe als fast unbeschulbar gilt. im sinn des wissensvermehrenden unterrichts.
    das war schon immer so. bei den alten griechen. bei den alten römern. im 19. und 20. jahrhundert. und auch jetzt.
    hüter meint übrigens, jetzt wäre es wissenschaftlich erwiesen, daß die jugend nichts dafür könne. das wäre ein wichtiger teil der pubertät und wir sollten damit entspannt umgehen lernen und das nicht persönlich nehmen.
    gelingt mir leider nicht immer. aber immer öfter. :)

  25. Beelzebub Bruck on 15.1.2013 at 17:26 sagte:

    Das war schon immer so:
    Ich kenne keine einzige Schule, an denen die Mittelstufe als unbeschulbar gilt, im Sinn wissensvermehrenden Unterrichts.
    Das war auch bei den alten Griechen nicht so. Auch nicht bei den alten Römern. Im 19. und 20. Jahrhundert auch nicht. Jetzt auch nicht. Apodiktische Setzungen sind autoritär, daran ändert auch die Kleinschreibung nichts.
    Der Begriff “Frontalunterricht” wird in diffamierender Absicht verwendet, auch wenn sich dahinter recht verschiedene Formen der Lehrer-Schüler-Interaktion verbergen können.
    Der Begriff stammt von einem rechtsgerichteten Pädagogen namens Peter Petersen, der ihn zur Durchsetzung seiner Agenda geprägt hat. Den unreflektierten Gebrauch derartiger Begriffe wird man wohl hinnehmen müssen, bis sie aufgeklärt werden. Danach nicht mehr.

    Könnte es sein, dass “selbstreflektiver, lehrerzentrierter Unterricht” genau das meint, was mit einem entwickelndem Lehrergespräch gemeint ist? Heißt “entwickelnd” nicht, dass man Fehler zulassen muss, dass sie notwendiger Teil des Lernens sind, die nicht negativ sanktioniert werden? Welcher Englischlehrer am Gymnasium macht denn heute noch einen lehrerzentrierten Unterricht, bei dem jede sprachlich falsche Schüleräußerung registriert und negativ sanktioniert wird? Was sagen diese Studien denn über den Fremdsprachenunterricht in anderen Ländern?

    Mittlerweile fällt in Bayern nur noch ein Bruchteil der Schüler in der Mittelstufe durch, die noch im G9 kaum in die Oberstufe gelangt wären, also nix da mit der Unterstellung eines “eifrig genutzten sanktionsmittels der nichtversetzung”. Um heute nicht versetzt zu werden, muss man sich schon erheblich heftiger anstrengen als noch vor zehn Jahren.
    In der Oberstufe in Bayern werden dann mündliche zu schriftlichen Leistungen gleich gewichtet, nicht aber in der abschließenden Abiturprüfung. Damit tritt viel häufiger der Fall ein, dass am Schluss der Abiturlaufbahn Kandidaten durchfallen, die sich jahrelang in die eigene und die Tasche der Eltern gelogen haben, was ihre tatsächlichen, schriftlich nachzuweisenden Fähigkeiten anbelangt. Prima, dafür ist man in der 9. Klasse nicht durchgefallen.

  26. anderl on 16.1.2013 at 15:50 sagte:

    8%, sagt unser ewiger philologischer vorsitzende josef krause, ist in der mittelstufe der bayerische schnitt. in den großstädten sind teils 1/3 der klassen versetzungsgefährdet.
    fast 50% aller bayerischen schüler am gymnasium wiederholen im g8 eine klasse oder verlassen die schulform ganz. sagt eine andere statistik.alle doof also. hier in bayern. oder was ist da los?
    vor kurzem habe ich eine recht aktuelle statistik gesehen, bayerisches gymnasium, dreizügig,
    5a. startete mit 30 schülern, in der 9. klasse waren es nur noch 16. der anfänglich 30.(bis zur 9 klasse 50% verlust! wow!)
    5b. startete mit 31 schülern, in der 9. klasse waren es nur noch 18. von 31.
    5c. startete mit 31 schülern, in der 9. klasse waren es nur noch 25. von 30.
    alles zahlen vom g8.(immerhin nur 20% verlust bis zur 9.!)
    zusätzlich gab es an dieser schule mindestens eine 10. klasse in dieser periode, in der 2/3 zum halbjahr versetzungsgefährdet waren.(ist das noch normal?)
    und an einer seminarschule in bayern werden arbeiten nachkorrigiert, die zu gut ausgefallen sind. bei zu schlechten (schnitt 4,8) wird das nicht für nötig befunden, sondern als leistungsansporn bewertet.hätte bayern erfolgreiche gymnasiasten im überfluss, dann könnte man das ja verstehen. hat es jedoch nicht. sagt die wirtschaft. und das sagt auch die mutti.

    in jeder literatur, in jeder epoche, findest du zitate von der verderbtheit und faulheit oder dummheit der jugend.
    “Ein Schulmeister schreibt: Das Sittenverderben unserer heutigen Jugend ist so groß, daß ich unmöglich länger bey derselben aushalten kann. Die Disziplinschwierigkeiten werden so groß, daß sogar der
    Unterricht im Klassenverband in Frage gestellt zu sein scheint:”
    das ist nicht autoritär, das behauptet der grundschulmarkt unter jugend_heute
    grundschulmarkt.de/Jugend_heutehtm

    die front gab es schon im 17. jahrhundert in frankreich und im 1.weltkrieg auch und es gibt eine wetterfront und die frontseite von absolut unnationalistischen objekten und phänomenen. nur weil petersen ähnliches behauptet hat, wie das unsere gloria von t&t locker schnaxelnd auch behauptet, ist der frontalunterricht als frontalunterricht trotzdem richtig verbalisiert.

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