Leseecke in der Schule

Schon zum Ende des letzten Schuljahrs hat Kollege Z. in einem ungenutzten toten Winkel – feuerpolizeilich unbedenklich – eine Leseecke eingerichtet, den Diogenes-Club.

diogenes-club

Stühle und Regale von IKEA. An der Wand hängt ein Poster mit den Spielregeln:

diogenes_club

In den Diogenes-Club können Schüler sich setzen, um zu lesen. Nicht: um Hausaufgaben zu machen oder zu ratschen. Aber sie dürfen lesen, in den Pause, in Freistunden, egal was. Dazu stehen auch Bücher bereit, von der Schule gekauft, von Lehrern gestiftet, auf Flohmärkten zusammengetragen. Ich habe Aufkleber dazu gemacht, aber die sind zu teuer, als dass man in jedes Buch einen kleben könnte; fast eben so gut ist der Stempel, den wir uns danach haben machen lassen. Ansonsten wird nicht kontrolliert, was mit den Büchern geschieht; es gibt kein Ausleihverfahren.

Erkenntnisse bisher:

  • Eigentlich sollten die Stühle möglichst unkommunikativ stehen. Klappt aber nicht, Kabelbinder hin oder her. Muss man akzeptieren, denke ich.
  • Die Schüler neigen erst einmal dazu, die Leseecke für alles mögliche zu verwenden. Da muss man schon mal einschreiten, wenn man eine Leseecke als solche etablieren will. Sagen wir: daran wird noch gearbeitet. Die Ecke wird inzwischen allerdings tatsächlich auch zum Lesen benutzt.
  • Geklaut werden Bücher nicht. Und wenn, wäre auch nicht das schlimmste. Aber Bücher sind vielleicht nicht mehr attraktiv genug, als dass man sie stehlen wollen würde.
  • Das Konzept, fremde Bücher in ein Regal zu stellen, ist Schülern erst einmal gar nicht vertraut.

Das ist jedenfalls ein schöner Anfang.

13 Gedanken zu “Leseecke in der Schule

  1. Boah. Cool!
    So, das war die Kurzversion. Die Langversion ist, dass eine solche Leseecke eigentlich an jede Schule gehört, gerade auch für die introvertierten Schüler, die sich sonst oft nicht so einfach mal aus dem Trubel zurückziehen können. Und die Verknüpfung der Regeln mit Literatur ist schlicht genial.
    Eine wirklich gute Idee.

  2. Mela on 21.1.2013 at 19:29 sagte:

    Tolle Sache! Gefällt mir!
    Aber was mir auch sofort durch den Kopf gegangen ist: Sooo hell und sauber und gepflegt sehen bei euch “ungenutzte tote Winkel” aus? So können also Schulen auch aussehen? Unglaublich.
    Wehmütige Grüße von einer verarmten fränkischen Großstadtschule…

  3. Prima!
    Würden wir auch machen, aber Sie kennen ja unsere Raumnot.
    PS. Was ist mit dem Date mit Frau P.?

  4. (An die Wand haben wir ein paar Zitate zur Lesesucht (Wikipedia) gehängt.)

    Ja, unsere Schule ist ein Neubau und sehr hell. (Und das Dach ist undicht und ein Teil der Fassade muss erneuert werden.) Die Gänge sind eng, aber es gibt in jedem Stockwerk ein paar solcher Winkel. Der mit dem Diogenes-Club ist nicht weit vom Lehrerzimmer und beim Verlassen dessen eigentlich für jeden Lehrer leicht einsehbar.

    Das Date habe ich nicht vergessen und freue mich gespannt darauf. Geht bei mir aber erst nach dem Zwischenzeugnis.

  5. Sehr schön – gerade auch der literarische Bezug.

  6. Beelzebub Bruck on 22.1.2013 at 9:55 sagte:

    Kollege Z. lässt dankend für das Lob aus der Kulisse grüßen. Tatsächlich wollen wir mit dem Diogenes-Club mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen:
    – wir haben das neue Schulhaus längst noch nicht in allen seinen Möglichkeiten genutzt, auch wenn es zu wenig Klassenzimmer gibt;
    – die Mittelstufe sollte an die Benutzung von Büchern und Bibliothek herangeführt werden;
    – die Studienbibliothek und die Schülerlesebücherei (Jugendbücher) liegen für die Schüler zu abgelegen und hinter Skylla und Charybdis (Lehrerzimmer und Direktorat);
    – der traditionelle Ausleihbetrieb ist für Lesaefutter zu zeit- und personalaufwändig;
    – mit der Umwidmung des ursprünglichen Meditationsraums in ein Klassenzimmer gab es keinen Rückzugsraum für Schüler mit Rückzugs- und Ruhebedürfnis, bei einer relativ großen Zahl von Schülern in Vollzeitbeschulung und Dauer-Zwangsvergruppung.

    Man wird sehen, wie sich das entwickelt. Die maximale Zahl von tatsächlich Lesenden bzw. das Lesen simulierenden Schülern lag bisher bei etwa 12 während der Mittagspause (13.-14.00), dies bei schlechtem Wetter. Ein größeres Sitzplatzangebot könnte vielleicht noch eine Steigerung bewirken.

    In den kommenden Wochen wird eine Gruppe von Schülern, Lehrern und vielleicht auch Eltern mit einem begrenzten Budget auf dem Gröbenzeller Bücherflohmarkt aktiv (ca. 60 000 Titel im Angebot), um den Bestand aufzustocken. Gesucht sind vor allem anspruchsvolle Sachbücher zu allen Lebensbereichen, weil verstärkt das Interesse von Jungen geweckt werden soll.

  7. Interessant.

    Kann mich erinnern, dass mir damals, aus sogenannter “bildungsferner Schicht” stammend, die klassische Schulbücherei eine Welt eröffnet hat, die sich auf anderem Weg nicht eröffnet hätte.

    [In meiner Grundschule war für die Leseanfänger in jedem Klassenraum eine Miniversion, bevor man dann ab Klasse 3./4. in die "große" Schulbücherei im Dachgeschoss vordringen durfte.]

  8. Ich habe unsere Schulbücherei nie benutzt, war wohl nur einmal darin. Sie wurde zum einen auch nicht beworben, zum anderen war ich schon seit der Grundschule ein großer Ausleiher aus der öffentlichen Stadtbibliotherk. Später hatte ich dann meinen eigene Bibliothek zusammengetragen, aus Flohmarktbesuchen vor allem – Science Fiction vor allem, aber jedenfalls hatte ich zu lesen.

  9. D. on 24.1.2013 at 9:59 sagte:

    Stadtbibliothek war für Grundschulkinder nur in Begleitung der Eltern benutzbar – und meine Eltern, die Bücher, so sie mich denn mit einem erwischten, umgehend konfisziert haben, hätten mir einen Vogel gezeigt einen solchen Ort zu betreten. Insofern war die Schulbücherei meine Rettung. Ab 16 stand mir die Stadtbibliothek dann auch ohne Eltern frei zur Verfügung und ich habe sie EXZESSIV durchforstet ;-)

  10. Beelzebub Bruck on 24.1.2013 at 14:55 sagte:

    Manchmal frage ich mich, ob es diese exzessiven Leser, also Menschen, die Bücher als Lebensmittel (Mittel zum Leben) brauchen, in den nachwachsenden Generationen überhaupt noch gibt. Damit meine ich nicht die zwölfjährigen “Leseratten” und “Bücherwürmer” (eigentlich unerträglich diese Ausdrücke!), sondern die alltäglichen Vielleser aller Altersgruppen zwischen 12 und 29.

  11. Pingback: Jeder fängt einmal klein an: Die neue Leseecke in einem Gymnasium | Basedow1764's Weblog

  12. Lois on 15.2.2013 at 21:27 sagte:

    Ja, Beelzebub, diese Vielleser gibt es und die benutzen auch diese Leseecke. Natürlich finden sie darin wenig Neues, aber sie fühlen sich wohl, so umgeben von Büchern. Und irgendwas Interessantes gibt es immer, und sei es ein englisches Kochbuch von Jamie Oliver ….

  13. Beelzebub Bruck on 16.2.2013 at 20:42 sagte:

    Heute haben Schüler der 10b und zwei Lehrer Zuwachs beschafft, der Diogenes-Club wächst und gedeiht… Mit Büchern zu Photographie, Musik, Krimiklassikern, “Philosophie mit den Simpsons”, die gesamte “Harald Töpfer”-Serie in englischer Sprache und Shakespeare Complete, man soll die Hoffnung nicht aufgeben, schließlich springt ein jeder Gaul nur so hoch, wie er muss.

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