Pretentious – moi?

(Bildungscontent entfällt heute leider.)

In jungen Jahren habe ich mich ja im Fandom herumgetrieben (Blogeinträge dazu). Das fing an mit einem Perry-Rhodan- und Science-Fiction-Club, und richtig ernst wurde es dann mit einem Fantasy-Club. Der hatte mehr als dreißig Mitglieder, damals eine respektable Zahl. Wir schrieben uns Briefe, das waren bei mir schon so drei, vier pro Woche, mehrseitige, getippt. Und wir gaben Magazine heraus, kopiert oder – die älteren – im Offsetdruck. Selbstgeschrieben und gezeichnet, gesetzt mit der Schreibmaschine oder an grünschwarzblinkenden Computern.

Kurz nach meinem 15. Geburtstag war ich auf meinem ersten Con, einem Star-Wars-Con, obwohl ich eher Perry-Rhodan-Fan war und Star Wars nur am Rande mitnahm. Es war mein Zwillingsbruder, der an Star Wars interessiert war, aber gar nicht an Fandom und Briefen und Cons. Der Con: das waren fünfzig oder sechzig Leute, drei oder vier Tage in geschlossenen Räumen. Es gab Trockeneis für – alkoholfreie – Drinks, Blues Brothers und Blade Runner auf VHS im Fernsehzimmer, beides höchst illegal. Und Fantasy-Rollenspiele im Keller. Im Prinzip war das eine tolle Fortbildungsveranstaltung für einen Fünfzehnjährigen. Ein paar Tage gemeinsam ausgesuchte Videofilme ansehen und darüber reden, gemeinsam spielen, fachsimpeln, diskutieren. So wie Zeltlager, nur mit nicht so viel Tageslicht. (Die Fenster waren zugeklebt.)

Anscheinend habe ich für eines der Magazine damals auch einen Beitrag über den Con geschrieben. Auf den bin ich neulich im Web gestoßen worden. Schlimm. Ich war fünfzehn und muss manchmal anstrengend gewesen sein. Trotzdem, hier ist der Conbericht. (Habe ich damals tatsächlich “die” Con geschrieben? Das ist so ähnlich wie “der” Blog zu sagen; das kam erst ein paar Jahre später auf. Ich vermute redaktionelle Nachbearbeitung. Das Heft mit meinem Artikel habe ich noch, aber zu gut verstaut, als dass ich nachschauen könnte.)

Göggingen, Jugendzentrum
Beginn: 29.10.1982
Ende: 01.11.1982

Ich bin voreingenommen, wirklich. Mir hat es nämlich gefallen. Ich habe denen gesagt, ich kann nicht, weil ich voreingenommen bin. Ich habe gesagt, die sollen den Conbericht jemanden schreiben lassen, dem es nicht gefallen hat. So wie den Münchnern. Aber nein, ich mußte es machen. Warum? Zeitmangel der anderen. Eigentlich sollte auf diese Doppelseite ein Bericht über den Revenge of the Jedi Trailer. Der von Dirk Eickhoff sein sollte. Ob der nicht wollte, oder nicht durfte, weiß ich nicht.
Der Con. Erst mal ganz allgemein: Meiner Schätzung nach haben in 13 % richtig voll genossen. 37 % fanden ihn mittelmäßig, und der Rest …. na ja.
Am Freitag fing alles an. Gleich nach der Schule war ich mit diversen Freunden losgefahren und erreichte den Ort des Geschehens zu einem der vielen Zeitpunkte, wo keiner da war. Nachdem wir uns umgesehen hatten, kamen so nach und nach die nächsten Gäste. Denen wir beim Gepäcktragen halfen, versteht sich.
Der Nachmittag verging eigentlich nur mit Bestaunen über die reichlichen Ravioli Vorräte und des ersten herumschnüffelns, ob man nicht hier oder dort irgendwas – oder irgendwen – interessantes findet. Das Essen kann man mit dem Essen in einem Skilager vergleichen – mäßig also. Ich mag Skilager. Nun, die Getränke hatten den Nachteil, daß man sie bezahlen mußte. Natürlich fehlte das Kleingeld. Ein Getränk war zum Beispiel der Cantina-Flip (der später in Cantina-Flop umbenannt wurde), der aus Waldmeister, Cola, Apfel- und Orangensaft bestand. Manchmal gab es ihn auch mit Trockeneis: über -30 Grad Celsius wird es gasförmig und dampft und brodelt wie in einer Disco – das war wohl der Knalleffekt der Con. Zu jener Zeit liefen die ersten Filme im Videoraum, und von da an lief der Apparat heiß. Das Programm ging von Star Wars, The Empire Strikes Back, Galaxina, Flesh Gordon, Exterminator, Rollerball, Sador, Conan, Blade Runner, Blues Brothers – ach, ich weiß gar nicht mehr alle. Die Conbesucher verteilten sich an einigen Stellen, die sie besonders interessant fanden.
Und da liegt auch der Hund bei der Con begraben: nicht alle Leute fanden solche Orte. Das waren eben jene 87 %, im Gegensatz zu mir. Andere amüsierten sich nicht auf der Con. Man muß eben, wie man so schön sagt, das Beste aus etwas machen. Das können nicht alle. Doch um wieder zum Thema zurückzukommen: es gab bald keine geregelten Zeiten mehr. Vor allem zu der Zeit, die ander Leute damals Nacht genannt hätten. Manche schliefen um 10 Uhr ein, um Stunden später Videos anzusehen. Nachts war ja wahrscheinlich am meisten los. Aber es war ja praktisch immer Nacht, denn sämtliche Fenster waren verklebt mit Alufolie. Ich hatte meist keine Ahnung, welche Uhrzeit wir hatten, weil ich meine Uhr nicht dabei hatte. Aber trotzdem versäumte ich oft das Beste. Ich schlief immer so schnell ein. Und eine Nacht verbrachte ich im eigenen Bett – zuhause. Meine Eltern! Na ja. Der Kampf um den Schlafplatz und vor allem um die spärlichen Kissen war groß. Er lässt sich eigentlich nur mit meinem allmorgendlichen Gerangel um einen Sitzplatz in der Straßenbahn vergleichen. Unter dem Kapitel “Nahrung” wurde uns noch mehr Ravioli mit Reis und Erbsen vorgesetzt. Dank den Köchinnen. Und Nudelsalat. Der befand sich in einem mit Alufolie ausgelegten Wäschekorb. Es war entsprechend viel. Jeden Morgen verdrückte ich ein paar Semmeln, die ich jedenfalls dort im Überfluss vorfand. Alle Tage vergingen eigentlich mehr oder weniger gleich – gleich gut für mich. Es war dort, immer wenn ich wach war, einiges los. Die Schwerpunkte der Leute, die sich amüsierten, waren wohl die Bar mit diversen Barkeepern, die, sofern sie mal da waren, dem Klischee eines echten Barkeepers voll entsprachen. An der Bar trafen sich die Leute, die Quatsch machten. Und die lustig waren. Dann gab es den Materialraum. Wie ich aus dem Conbericht des EMPIRE MUNICH entnahm, hat auf der Con eine anscheinend furchtbar langweilige Diashow stattgefunden. Ich weiß es nicht. Ich war nicht. Ich war nicht dabei. Ich habe mich nämlich unterhalten. Im Materialraum war das Treffen der “Wissenschaftler” und “Politiker”. Wir spielten dort mit zwei Followern (jedem Fantasy Fan ein Begriff) ein Fantasy Spiel, daß aber bald nur in Erzählungen der geübten Spieler ausartete. Es war köstlich, lehrreich und interessant. Dann kam noch in Physikstudent dazu. Wußtet ihr schon, daß, wenn man alle Chinesen der Welt (wir nehmen die, weil wir eine große Anzahl brauchen) mit Lichtgeschwindigkeit durch eine Wand jagt, wahrscheinlich einer dabei ist, der auf der anderen Seite wieder heil herauskommt? Ohne kaputte Wand? Physikalisch sehr gut möglich. Oder daß rotes Licht ein anderes Gewicht hat, als z.B. blaues Licht? Ich hatte es bis vor der Con auch nicht gewußt. Ganz allgemein lässt sich die Con mit dem Film “Der Partyschreck” mit Peter Sellers vergleichen. Totales Chaos, große Unorganisiertheit, wenig Neues, aber für jeden, der etwas daraus gemacht hat, der etwas daraus machen konnte (das war potentiell jeder) ein wundervolles Ereignis. Bis vielleicht auf Dirk. Er mußte sich einige ätzende Bemerkungen anhören.
Noch etwas zum Conbericht der Münchner. Er war wie die Con. Ich habe mich königlich amüsiert. Es gab weder Klingelknöpfe, noch große Stimmungsmache der Münchner. Da läßt sich nur das Wort von Anastasius Grün (1806-1876) gebrauchen: “Manch Urteil ist ja längst beschlossen, eh des Beklagten Wort” – Con – “geflossen.”
Thomas Rau

(Fundort)

Was in dem Conbericht “der Münchner” drin stand, weiß ich nicht mehr. Ich glaube, die Münchner waren ein konkurrierender Verein.

con_1982

A portrait of the artist as a young man. Das Sweatshirt mit dem Con-Aufdruck habe ich heute noch. Danach gab es dann jedes Jahr einen Con, später zwei oder drei, bis ich mich dann mit dreiundzwanzig, vierundzwanzig aus der Szene verabschiedete.

7 Gedanken zu “Pretentious – moi?

  1. Wenn mich mal jemand fragt, ob ich eine sehr sehr originelle und witzige Überschrift für ein Blogposting kenne, dann werde ich mich an diesen Eintrag erinnern.

  2. Ist natürlich nicht von mir, sondern eine throwaway line aus Fawlty Towers, und vielleicht auch noch älter. Ich stelle mir auch gerne Miss Piggy dazu vor.

  3. Das Sweatshirt existiert noch?! DAS ist gruselig, meint die passionierte Reduktionistin ;-)

  4. So viel, wie manche glauben, hebe ich gar nicht auf. Aber je ein großer Karton mit alten Fanzines, mit alten Briefen, und ein Eckchen für dieses Sweatshirt habe ich noch.
    Immerhin, das dreifarbige Hemd (links rot, rechts grün, am Rücken violett, jeweils polka-dotted), das ich auf einem anderen Con trug, von dem habe ich mich getrennt.

  5. Moe on 18.1.2013 at 13:11 sagte:

    Achja, Herr Rau, ich würde mir einen Artikel zum Meinungsbild im Lehrerzimmer zum Volksbegehren für freie Bildung wünschen :)
    Darf man darauf als Lehrer eigentlich hinweisen?

  6. Sicher darf man als Lehrer darauf hinweisen. Man darf als Lehrer an einer öffentlichen Schule wohl mehr als bei anderen Arbeitgebern. Meinungsbild im Lehrerzimmer: dem in der Schule oder dem hier? Ich bin mir selbst noch nicht ganz im Klaren. Kommt vielleicht noch.

  7. Beelzebub Bruck on 19.1.2013 at 16:19 sagte:

    Als Lehrer von Q12-Kursen, die von der politischen Entscheidung noch in diesem Jahr betroffen sein werden, fühle ich mich geradezu verpflichtet auf dieses Volksbegehren hinzuweisen, schließlich betreiben wir ja BuS (Berufs- und Studienorientierung).

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