Benjamin Appel, The People Talk

Die 1930er Jahre der USA interessieren mich besonders. Angefangen hatte das mit den Filmen von Fred Astaire & Ginger Rogers, mit den Abenteuern des Pulp-Helden Doc Savage, dann kam das dazu, was heute OTR (Old Time Radio) heißt. Über ein paar Umwege bin ich dann hier gelandet:

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In dem Bestseller von 1940 beschreibt Appel eine Reise durch die USA, vom Nordosten quer durch bis an die Westküste, dann durch den Westen und den Süden wieder zurück. Dabei geht es nicht um Reisebeschreibung, die wird nur am Ende mancher Kapitel in ein paar lyrischen Zeilen abgehandelt. Auch Appel selber hält sich im Hintergrund, es geht nicht um ihn, auch wenn er präsent ist – er spricht mit Leuten, lässt sich Dinge zeigen und erklären: Eine industrielle Schlachterei in Chicago, die Mäh- und Dreschmethoden von Bauern; er verbringt ein paar Tage in einem Holzfällerlager, fährt mit Fischern auf Fang, schaut bei einer Demonstration für Rentengesetzgebung und einem Dreh in Hollywood zu, His Girl Friday übrigens. (Die vielen Fachausdrücke beim Fischen, Schlachten, Holzfällen gingen deutlich über die Grenzen meines Wortschatzes hinaus.)

Immer wieder geht es um das Verhältnis von Arbeitern zu Fabrikbesitzern, vom sharecropper zum Grundbesitzer, von Kleinbauern zu Lebensmittelindustrie, und um Organisation. Die Menschen sind arm, erst mit dem kommenden Krieg werden sich die USA aus der Depression befreien. Die Arbeitsbedingungen sind brutal; das kann man sich heute nur noch vorstellen, wenn man nach China schaut. Das Verhältnis zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern ist gespannt, es kommt immer noch zu Überfällen, Schlägereien; Ford betreibt ein ausgefeiltes Spitzelsystem. Die letzte Station der Rundreise ist Washington, DC, die Mitschrift einer Sitzung im Repräsentantenhaus. Es geht unter anderem um die Fortführung des im vorigen Jahr gegründeten Komittees gegen unamerikanischen Aktivitäten. Mr. Robison aus Kentucky hat bereits für die Gründung gestimmt, Mr. Alexander aus Minnesota glaubt, dass nur Faschisten und Kommunisten etwas gegen so ein Komittee haben könnten, auch Mr. Dempsey aus New Mexico spricht sich dafür aus. Nur Vito Marcantonio, Mitglied der Labor Party und für diese 1939 bis 1956 im Repräsentantenhaus, spricht dagegen. (Ja, Kinder, so etwas gab es mal in den USA. Hier kann man seinen Redebeitrag nachlesen, unter dem 23. Januar 1940.) Wir wissen ja, wie es weiterging mit diesem Komittee.

Die Art des journalistischen Reisesachbuchs war damals wohl popuär, entnehme ich dem Internet. Mir gefällt daran, dass der reisende Journalist sich zwar zurückhält, aber nicht verleugnet. Auf einem Teil der Strecke ist auch seine Frau dabei. Das Buch erinnert daran, dass die USA einmal anders waren, als man sie sich heute vorstellt. Über den Alltag in Deutschland in den 1930er Jahren weiß ich übrigens viel weniger, weil ich da keine Bücher gelesen habe und die Erinnerungen und Erzählungen meiner Eltern erst in den frühen 1940er Jahren beginnen.

(Dieser Benjamin Appel ist tatsächlich derselbe, der in Wikipedia und selbst in den Notizen zum Guide to the Benjamin Appel Papers nur als Autor von Pulp-Kriminalgeschichten – Generation Dashiell Hammett – in Erscheinung tritt. Am meisten Biographisches steht in diesem NYT-Artikel von 2006.)

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Auf das Buch gekommen bin ich über das Begleitheft zu der CD-Box “Songs of the Depression”. Kann ich nur empfehlen, hinter dem Link kann man in die 88 Musikstücke reinhören; die Titel allein erzählen eine eigene Geschichte.

Gekauft hatte ich mir die Box, weil ich einige der Lieder schon kannte, allen voran “Ten Cents A Dance” und “Brother, Can You Spare A Dime?” – möglicherweise die Hymne der Depressionszeit. Auf dieses Lied gekommen war ich über Phil Harris. Der singt Balu in Disneys Dschungelbuch, war Bandleader bei Jack Benny und danach in den frühen 1950ern Star seiner eigenen Radioshow, zusammen mit Alice Faye, seiner Frau, selber noch eine größere Berühmtheit. “The Phil Harris & Alice Faye Show” ist einer meiner Old Time Radio Favoriten. Phil & Alice spielen sich selber, Elliott Lewis den trinkfreudigen Freund und Musiker, dazu zwei Kinder, Nachbarsjunge, Schwager, schräge Handlung, und zwei Musiknummern pro Episode, etwa Phil & Alice im Duett mit “Baby, It’s Cold Outside.” (Hier kann man alle erhaltenen Folgen anhören oder herunterladen.)

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Und auf einer Phil-Harris-CD war ich auch auf “Brother, Can You Spare A Dime?” gestoßen. Wenn man das Lied kennt, stößt man immer wieder darauf, in Bugsy Malone, einer Episode von Neil Gaimans Sandman, oder gespielt in einer Fußgängerzone, und nicht zuletzt auch in Hard Times. An Oral History of the Great Depression von Studs Terkel, 1970 erschienen, und sicher bekannter als Appels Buch. Kein Reisebericht, keine Journalistenfigur mehr, sondern nur kurze Berichte, in der Ich-Form geschrieben, von Leuten, die Terkel interviewt und um ihre Geschichte gebeten hat. Unter anderem auch Yip Harburg, der Texter von “Brother, Can You Spare A Dime?” (und The Wizard of Oz und vielen anderen Nummern), in den 1950er Jahren auf der Schwarzen Liste. Den Text des Interviews von Yip Harburg gibt es hier, allerdings als Real Audio, für die unter uns, die das noch kennen.

3 Gedanken zu “Benjamin Appel, The People Talk

  1. Ich werde mir das Buch auf jeden Fall kaufen. Bin ganz neugierig geworden.
    Ich kann The Little Red Box Of Protest Songs sehr empfehlen.
    War übrigens heute in der Black Box bei der Lesung von Stasiuk. Sehr gut, allerdings Deutsch und nicht Englisch.

  2. Das klingt super spannend. Ich werde es mir auch auf die Leseliste setzen. Für das Deutschland am Ende der Weimarer Republik empfehle ich ja immer Christopher Isherwood, Goodbye to Berlin. Sicher nicht so detailliert, gibt aber die Stimmung der damaligen Zeit sehr gut wieder. Aber das kennen Sie sicher.

  3. Red Box habe ich mir mal notiert, Jürgen. Protestsongs sammle ich auch ein bisschen, so für den Englischunterricht, auch wenn ich zu dem nicht mehr viel komme.
    Goodbye to Berlin habe ich mir aus dem Regal geholt, auf den zur Zeit sehr übersichtlichen Stapel ungelesener Bücher. Ich habe es tatsächlich noch nie gelesen, Kollegin K.

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