Paranoid

Ich sitze dieser Tage vor meinem neuen Rechner und konfiguriere Betriebssystem und Festplatte und dergleichen. Und ich mache mir Gedanken darüber, wer ab wann Zugriff darauf haben wird. Hat Windows schon eine Backdoor für die amerikanische Regierung? Oder bin ich erst dran, wenn ich Dropbox benutze – darauf haben sie sicher Zugriff, und möglicherweise nicht nur lesend, sondern auch gleich schreibend. Ubuntu kommt ohnehin parallel drauf, oder doch gleich irgendein anderes Linux? Tinfoil Hat Linux ist nicht mehr aktuell, Paranoid Linux gibt es nicht wirklich…

Viel wird aus diesen Gedanken nicht, aber ich habe sie, zum ersten Mal. Das liegt zum einen an Little Brother von Cory Doctorow, über das ich noch schreiben werde. Zum anderen liegt das an den aktuellen Nachrichten. In Neuseeland steht ein Gesetz vor der Verabschiedung, das jeden (neuseeländischen) Internet- und Diensteanbieter dazu verpflichtet, eine Hitnertüt für die Regierung einzubauen. In Deutschland wird immer noch noch von der De-Mail geträumt, mit der oh so praktischen Entschlüsselung in der Mitte, damit man eine Schnittstelle zum Zugriff hat. Und die Engländer… ging ja heute durch die Presse: David Miranda, brasilianischer Staatsbürger und Ehemann des Guardian-Journalisten Glenn Greenwald, wurde gestern knapp 9 Stunden im Flughafen Heathrow festgehalten und verhört, als er dort umsteigen wollte.

Aufgrund eines Antiterror-Gesetzes darf die englische Polizei das, einfach so, für genau 9 Stunden, aber nur an Grenzen und Flughäfen, und nur, wenn die Person im Verdacht steht, Terrorakte zu planen oder durchzuführen. Der so Verhörte hat nicht das Recht zu schweigen, er muss antworten, sonst drohen Geldstrafe oder drei Monate Gefängnis; auch muss man in England seine Passwörter herausgeben, wenn das verlangt wird. (Ich weiß aber nicht, ob durch Polizei oder Richter.)
Das allein deckt sich schon nicht mit meinem Rechtsempfinden. Das deutsche Recht ist mir da näher: Da muss niemand mit der Polizei reden, nie nicht; nur als Zeuge vor Gericht ist man verpflichtet auszusagen – und selbstverständlich nicht, wenn man sich selbst dabei belasten würde.
Noch schlimmer finde ich es, wenn dieses Antiterror-Gesetz jetzt benutzt wird, um letztlich beliebige Personen aufzuhalten, zu durchsuchen und ihnen alle elektronischen Geräte abzunehmen und zu behalten. (Auf die Frage, ob die Daten von den Datenträgern inzwischen an die USA weitergegeben wurden, gab die amerikanische Regierung keine Antwort.) Denn nach allen bekannten Informationen war der Anlass für die Festsetzung der Kontakt von Miranda zu Greenwald und die Informationen von Edward Snowden, die Greenwald veröffentlicht, und nicht um einen Terrorverdacht.
— Miranda war im Auftrag des Guardian unterwegs, also nicht einfach als Ehemann Greendwalds, aber das spielt hier keine Rolle. Die britische Regierung sagt zur Zeit noch, dass das eine einfache Polizeientscheidung war und dass sie nichts damit zu tun hat; die amerikanichsche Regierung war vor der Festsetzung darüber informiert worden und sagt, dass das eine rein britische Angelegenheit ist.

In vielen Ländern der Welt macht man sich als Mensch und Bürger keine Illusionen über die Rechte, die man gegenüber dem Staat hat. Bei uns in Europa genießt man diese Rechte, und zwar allen Unkenrufen zum Trotz in wirklich großem Umfang, wofür ich sehr dankbar bin. Ich halte es aber für schädlich, wenn irgenwie der Eindruck erweckt wird, dass diese Rechte ein Geschenk, eine Gnade, eine jederzeit zurücknehmbare Gabe des Staates sind.

12 Gedanken zu “Paranoid

  1. Und jetzt noch die Guardian-Geschichte on top! Little Brother werde ich auch noch lesen, bin da durch Jens Scholz drauf gestoßen, befürchte aber auch, zunehmend paranoid zu werden, besonders, wenn die nähere Umgebung das alles sehr gelassen hinnimmt.

  2. Ja, und dann sind die Behörden auch noch selten doof. Verlangten sie doch, dass eine Festplatte gelöscht / kaputt gemacht wurde. (Ein unsäglicher Angriff auf die freie kritische Presse.) Könnten sie sich doch an fünf Fingern abzählen, dass der Guardian x Kopien davon an verschiedenen Orten abgelegt hat, auch bei verschiedenen befreundeten Presseorganen.

  3. Die Situation wirft so viele Fragen auf, die ich mir gar nicht unbedingt stellen möchte:

    Wie sehr arbeiten Regierungen in Europa und der USA daran, sich noch mehr EInblick in und Kontrolle über das Leben der Bürger zu schaffen – im Namen der Sicherheit? Wer sind diese Leute? Ist ihnen bewußt, dass sie da Grundrechte aushebeln, oder arbeiten sie so kleinschrittig, dass sie verdrängen können, dass sie der Freiheit ein Grab schaufeln („Ich mach ja nur meinen Job.“) Läuft das Ganze noch mit einer Planung und einem Endziel ab, oder ist das ein Selbstläufer geworden, wo jedes Rädchen sich dreht im Bestreben, einen Job gut zu machen, ohne jemals das Große Ganze zu sehen? Wohin sind wir unterwegs? Was macht eine Regierung mit diesen Daten? Wie schnell wird es gehen, bis Daten nicht nur mehr zur Terrorismusbekämpfung, sondern zum Tugendterror und zur Disziplinierung des nicht völlig stromlinienförmigen Bürgers verwendet werden („Frau X, wir sehen aus unseren Unterlagen, dass Sie sich dem fleischfreien Tag in der Kantine verweigern und statt dessen Hackbällchen an Ihren Arbeitsplatz geschmuggelt haben…“)?
    Wie kann ich mich wehren?
    Wie können wir uns wehren?
    Können wir uns wehren?

    Und wie lange noch?

  4. Nur kurz zu Little Brother: Geniales Buch. Habe ich vor ca. 3 Jahren gelesen. Seitdem versuche ich immer wieder meine Neunt- und Zehntklässler X-Box Zocker aus dem Informatikkurs damit anzufixen. Unter dem Blickwinkel von Prism und Co. wird das Buch noch viel Interessanter. Ich werde jetzt mal die Fortsetzung „Homeland“ lesen. Mal schauen, wie die geschichte weitergeht.
    Im Informatikunterricht nutze ich sonst auch gerne folgendes Material.
    Wer hat meine Daten? Dokumentarfilm von 2006
    Staatsfeind Nr. 1 (Thriller mit Will Smith) – Fragestellung: Was von den gezeigten Geheimdienstpraktiken ist heute real möglich.
    ZDF-Zoom – Hilfe ich bin nackt! http://www.youtube.com/watch?v=qDQ_VSO6QTI

  5. @susann

    Keine Sorge, bei uns kann das nicht passieren.

    Hier bei uns gilt: Mutti is watching u! (Ganz mütterlich, besorgt und natürlich absolut wohlwollend!)

    In Neuland sind wir absolut sicher vor jeder Form von Datenmissbrauch! Wer das bezweifelt ist ein doofer Spielverderber.

  6. @Elke

    Ja, und dann hat Pofalla das Ganze sowieso für beendet erklärt!
    Ich entschuldige mich hiermit in aller Form für meinen paranoiden Verfolgungswahn…Ruhe ist jetzt doch die erste Bürgerpflicht, oder wie war das noch mal? :-)

  7. Immerhin habe ich jetzt endlich auch mal den Tor Browser https://www.torproject.org/download/download-easy.html.en zum anonymen Surfen installiert (ist ein modifizierter Portable Firefox) und mir einen Checksummenprüfer installiert. Damit ich auch einen Grund für anonymes Surfen habe, habe ich mich auch mal mit dem WIkipedia-Eintrag zu Deep Web/Darknet https://en.wikipedia.org/wiki/Deep_Web beschäftigt.
    Außerdem ist meine Standardsuchmaschine jetzt DuckDuckGo https://duckduckgo.com/ – Google zwischendurch schon auch mal, aber ich bin jetzt in der Regel abgemeldet. Alles Material auf meinem GMail-Account habe ich gelöscht (soweit möglich), ich benutze ihn jetzt nur noch selten, während früher etliche Weiterleitungen dort landeten.

  8. Es besteht wohl aller Grund zu Paranoia. Dass die NSA systematisch nach Schwächen in Verschlüsselung sammelt, ist klar. Wie weit sie sind und gehen, nicht. Da werden Rechner mit Backdoor ausgeliefert, Sicherheitsstandards forciert, die zuvor kompromittiert wurden, Softwarehersteller (auch von Verschlüsselungssoftware) zum Einbauen von Schwächen gezwungen.

    Wired:
    http://www.wired.com/threatlevel/2013/09/nsa-backdoored-and-stole-keys/

    Spiegel Online:
    http://www.spiegel.de/politik/ausland/nsa-und-britischer-geheimdienst-knacken-systematisch-verschluesselung-a-920710.html

    New York Times:
    http://www.nytimes.com/2013/09/06/us/nsa-foils-much-internet-encryption.html?hp&_r=1&

    Guardian:
    http://www.theguardian.com/world/2013/sep/05/nsa-gchq-encryption-codes-security

    Zeit:
    http://www.zeit.de/digital/datenschutz/2013-09/nsa-gchq-private-internet-verschluesselung

    Heise:
    http://www.heise.de/security/meldung/Grossangriff-auf-Verschluesselung-im-Internet-1950935.html

    Man darf tatsächlich davon ausgehen, dass closed source software von großen Herstellern nicht sicher ist.

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