Robin Sloan, Mr. Penumbra’s 24-Hour Bookshop

By | 15.1.2014

sloan_penumbraEs ist mir schon mindestens zweimal passiert, dass sich Bücher als ganz ausgezeichnet herausgestellt haben, die ich an Flughäfen beim Rückflug mitgenommen habe. Deshalb kaufe ich dort gerne mal ein Taschenbuch, so auf gut Glück. Diesmal war die Auswahl klein, aber es gab eines um eine geheimnisvolle Buchhandlung, eines meiner liebsten Themen. Aber kann man im 21.Jahrhundert noch etwas Neues über dieses Thema schreiben?

Ja und nein.

Wir beginnen mit einer unheimlichen Buchhandlung mit Namen an der Glastür, spiegelverkehrt abgedruckt. Hm, ja, geht eigentlich nicht mehr. Die Hauptperson braucht einen Job und bleibt ansonsten eher zweidimensional und wundert sich nicht sehr über das Wunderbare, das er erlebt. Das wäre okay bei einer nicht-realistisch erzählten Geschichte, aber diese hier kann sich wohl nicht entscheiden. Entweder die Geschichte ist nicht-realistisch, also parabelhaft, alptraumhaft, utopisch, traumhaft, so wie Der Mann, der Donnerstag war von Chesterton – dann gibt sich dieser Roman zu viel Mühe mit realistischen Erklärungen, und die beschriebene Welt ist der unseren zu ähnlich. Oder er soll tatsächlich mehr oder weniger in unserer Welt spielen – dann müssten die Figuren glaubwürdiger sein. Und die Wissenschaft. Oh, die Wissenschaft.

Also: Der junge Mann in der Buchhandlung kommt einer geheimen Verbindung auf die Schliche. Man muss ein Geheimnis enträtseln, um volles Mitglied zu werden; das genaue Verfahren wird nie beschrieben, es erfordert das Lesen von letztlich ziemlich willkürlich entstandenen Büchern und klingt ziemlich unglaubwürdig, und wird für den Rest des Buchs dann auch wieder vergessen. Als Vollmitglied darf man sich dann an das Auflösen der Verschlüsselung des großen Meisters machen.
Unser Held und seine treuen Gefährten nutzen die Macht des Computers dazu. Weil Computer bekanntlich alles können, jedenfalls wenn man genug davon hat. Als unsere Helden Zugang zu den Rechnern von Google erhalten, ist für sie das Problem gelöst: Man lädt die interessierten Parteien ein, und legt einen Schalter um. So wie bei den Horrorfilmen früher: Es bitzelt und batzelt, und dann passiert etwas Dramatisches. (Das Monster lebt, die Rakete startet, hier: der entschlüsselte Text erscheint.) Man macht sich nicht mal die Mühe, irgendein Verschlüsselungsverfahren auszumachen, weil die Macht der Rechner einfach alle denkbaren Verfahren ausprobiert. Kryptographen werden nicht herangezogen. Das Wort Entropie fällt nicht. – Die Rechner kommen zu keinem Ergebnis. Die Lösung? „Captain, we need more power!“ Also werden mehr Rechner dazu geschaltet, schließlich sogar sämtliche Rechner von Google (so dass Google weltweit für drei Sekunden ausfällt). Wie wahrscheinlich das wohl ist? Aber nach diesen drei Powersekunden beschließt Google, dass der Text nicht zu entschlüsseln ist. Kein Sinn mehr, weiter zu rechnen: Wenn selbst alle Rechner der Welt etwas in drei Sekunden nicht schaffen, dann kann das Problem nicht rechnerisch gelöst werden, weil die Rechner ja alles ausprobiert haben, was geht.

Falls es nicht klar geworden ist: So funktioniert das nicht. Fake science kenne ich aus Fernsehserien, die sich an ein Massenpublikum richten und nicht viel Zeit haben. In einem Roman erwarte ich mehr Sorgfalt. Am Schluss stellt sich übrigens heraus, dass der Code absurd einfach ist, auch wenn er nur grob skizziert wird und wir kein konkretes Beispiel kriegen.

(Dass der verschlüsselte Text aus einem Wiegendruck gescannt wurde und mit automatischer Zeichenerkennung in digital lesbare Schrift umgewandelt worden ist, verwundert da auch nicht mehr. Habt ihr schon mal gesehen, was OCR mit so etwas macht?)

Wer wirklich Verschlüsselungen und Codes knacken und Geheimnissen auf die Spur kommen möchte, liest Klausis Krypto-Kolumne, wo im aktuellen Beitrag Cicada 3301 vorgestellt wird. Das ist eine Art kryptographisch orientierte Internet-Schnitzeljagd mit unbekanntem (also: geheimnisvollem) Veranstalter. Hier ein Wiki dazu, wer weiter forschen möchte.

5 thoughts on “Robin Sloan, Mr. Penumbra’s 24-Hour Bookshop

  1. Klaus Schmeh

    Danke für den Link auf Klausis Krypto Kolumne. Außerdem weiß ich jetzt, dass ich „Mr. Penumbra’s 24-Hour Bookshop“ nicht unbedingt lesen muss.

  2. Ellen

    Ich war absolut begeistert von diesem Buch. Ja, der Code ist nicht realistisch – aber die Geschichte hat den Charme eines guten Jugendbuchs. Mich haben Setting und Erzählweise sehr in den Bann gezogen, und es war im vergangenen Jahr eines der wenigen Bücher, die ich (trotz wenig Nerv fürs Lesen im Ref) wirklich verschlungen habe.

  3. Tanja

    Trotzdem schön, dass du das hier besprochen hast. Und unterhaltsam (also die Besprechung, das Buch ja wohl kaum).

  4. Herr Rau Post author

    Ach, es ging ansonsten schon. Wie Ellen sagt: als Jugendbuch. iUnd dann – ohne dass eine Vereinfachung im Plot nötig wäre – als Fernsehmehrteiler. Aber gerade bei Jugendbüchern finde ich korrekte Fakten wichtig. Das Buch ist spannender geschrieben als Little Brother, trotzdem ist letzteres das empfehlenswertere Buch.,

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