Hugo Ball & Dada

By | 4.12.2015

Der folgende Text von Hugo Ball ist ein Klassiker aus seinen Tagebucherinnerungen, „Die Flucht aus der Zeit“ von 1927. Darin schildert eher die dadaistische Aufführung eines dadaistischen Gedichts. Den Dadaismus behandle ich in Deutsch nur ganz am Rande im Zusammenhang mit dem Expressionismus, aber ein dadaistisches Gedicht müssen ein paar Schülerinnen und Schüler der Oberstufe ihren Mitschülern schon präsentieren.

Ein Foto habe ich nicht gemacht, und an den Aufzug von Hugo Ball – siehe Bericht und Foto unten – sind die Schüler nicht herangekommen. Aber ein mehrstimmiger Vortrag, etwas Verkleidung und eine Schriftrolle waren involviert.

dada_schriftrolle


23. VI 1916

Ich habe eine neue Gattung von Versen erfunden, „Verse ohne Worte“ oder Lautgedichte, in denen das Balancement der Vokale nur nach dem Werte der Ansatzreihe erwogen und ausgeteilt wird. Die ersten dieser Verse habe ich heute abend vorgelesen. Ich hatte mir dazu ein eigenes Kostüm konstruiert. Meine Beine standen in einem Säulenrund aus blauglänzendem Karton, der mir schlank bis zur Hüfte reichte, so dass ich bis dahin wie ein Obelisk aussah. Darüber trug ich einen riesigen, aus Pappe geschnittenen Mantelkragen, der innen mit Scharlach und außen mit Gold beklebt, am Halse derart zusammengehalten war, dass ich ihn durch ein Heben und Senken der Ellbogen flügelartig bewegen konnte. Dazu einen zy­linderartigen hohen, weiß und blau gestreiften Schamanen­hut.

Ich hatte an allen drei Seiten des Podiums gegen das Publikum Noten­ständer errichtet und stellte darauf mein mit Rotstift gemaltes Manu­skript, bald am einen, bald am andern Notenständer zelebrierend. Da Tzara von meinen Vorbereitungen wusste, gab es eine richtige kleine Premiere. Alle waren neugierig. Also ließ ich mich, da ich als Säule nicht gehen konnte, in der Verfinsterung auf das Podest tragen und begann langsam und feierlich:

gadji beri bimba
glandridi lauli lonni cadori
gadjama bim beri glassala
glandridi glassala tuffm i zimbrabim
blassa galassasa tuffm i zimbrabim . ..

Die Akzente wurden schwerer, der Ausdruck steigerte sich in der Ver­schärfung der Konsonanten. Ich merkte sehr bald, dass meine Ausdrucks­mittel, wenn ich ernst bleiben wollte (und das wollte ich um je­den Preis) dem Pomp meiner Inszenierung nicht würden gewachsen sein. Im Publi­kum sah ich Brupba­cher, Jelmoli, Laban, Frau Wiegmann. Ich fürchtete eine Blamage und nahm mich zusammen. Ich hatte jetzt rechts am Notenständer „Labadas Gesang an die Wolken“ und links die „Elefanten­karawane“ ab­solviert und wandte mich wieder zur mittleren Staffelei, fleißig mit den Flügeln schlagend. Die schwe­ren Vokalreihen und der schleppende Rhythmus der Elefanten hatten mir eben noch eine letzte Steige­rung erlaubt. Wie sollte ich’s aber zu Ende führen? Da bemerkte ich, dass meine Stimme, der kein ande­rer Weg mehr blieb, die uralte Kadenz der priesterlichen Lamentation annahm, jenen Stil des Messge­sangs, wie er durch die katholischen Kirchen des Morgen‑ und Abendlan­des wehklagt.

Ich weiß nicht, was mir diese Musik eingab. Aber ich begann meine Vokalreihen rezitativartig im Kir­chenstile zu singen und versuchte es, nicht nur ernst zu bleiben, sondern mir auch den Ernst zu erzwin­gen. Einen Moment lang schien mir, als tauche in meiner kubistischen Maske ein bleiches, verstörtes Jungengesicht auf, jenes halb erschrockene, halb neugierige Gesicht eines zehnjährigen Knaben, der in den Totenmessen und Hochmessen seiner Heimatpfarrei zitternd und gierig am Munde der Priester hängt. Da erlosch, wie ich es bestellt hatte, das elektrische Licht, und ich wurde vom Podium schweiß­bedeckt als ein magischer Bischof in die Versenkung getragen.

24. VI 1916

Vor den Versen hatte ich einige programmatische Worte verlesen. Man verzichte in dieser Art Klangge­dichte in Bausch und Bogen auf die durch den Journalismus verdorbene und unmöglich gewordene Sprache. Man ziehe sich in die innerste Alchimie des Wortes zurück, man gebe auch noch das Wort preis, und bewahre so der Dichtung ihren letzten und heiligsten Bezirk. Man verzichte darauf, aus zweiter Hand zu dichten: nämlich Worte zu übernehmen (von Sätzen ganz zu schweigen), die man nicht funkelnagelneu für den eigenen Gebrauch erfunden habe. Man wolle den poetischen Effekt nicht länger durch Maßnahmen erzielen, die schließlich nichts weiter seien als reflektierte Eingebungen oder Arrangements verstohlen angebotener Geist‑, nein Bildreichigkeiten.

hugo_ball

12 thoughts on “Hugo Ball & Dada

  1. Sabine

    Ich habe letztens eine Aufführung von Esa-Pekka Salonens Vertonung der Elefantenkarawane von Hugo Ball gehört. Gibt es auch auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=h107mQTzHHY, obwohl die Konzerterfahrung sicher mitreißender ist als die konservierte Version, die ein bisschen nach Katzenmusik klingt. Live war das aber schon beeindruckend!

  2. halo

    „Den Dadaismus behandle ich in Deutsch nur ganz am Rande . . .“
    Warum? Weil es ein zu abseitiges Gebiet ist? Weil es viel Wichtigers gibt? Weil es Herrn Rau nicht so recht interessiert? Weil die Schüler damit nichts anzufangen wissen? Und vor allem: Wie reagieren denn die Schülerinnen und Schüler auf dadaistische Texte (in welcher Jahrgangsstufe)?

  3. Herr Rau Post author

    >Live war das aber schon beeindruckend!
    Kann ich mir vorstellend, habe reingeschaut. Als Publikum fühlt man sich doch da immer als Teil der Inszenierung, doer?

    >Warum? Weil es ein zu abseitiges Gebiet ist? Weil es viel Wichtigers gibt?
    Letzteres. Die Karawane mache ich jedes Mal in der 6. Klasse in Informatik, wenn ich die Klasse Zeichen und ihre Eigenschaften (also vor allem: Schriftart) einführe, dann müssen die Schülerinnen und Schüler den erst einmal nüchtern präsentierten Text schön formatieren. In Deutsch schaffe ich in der Oberstufe dann nur wenig Platz dafür. Ich mag den Dadaismus, aber ich will mehr außerhalb der Literaturgeschichte machen.

    (Bin aber schon überrascht, dass es so viele Freunde des Dadaismus hier gibt.)

  4. halo

    Aber Herr Rau, meine zentrale Frage ist damit aber nicht beantwortet: „Wie reagieren denn . . .“

  5. Herr Rau Post author

    >Wie reagieren denn die Schülerinnen und Schüler auf dadaistische Texte (in welcher Jahrgangsstufe)?

    In 12: Amüsiert und gelassen, sicher nicht geschockt. Skurille Inszenierungen und Mischformen von Musik und Lyrik kennen sie schon von Poetry Slams. Mit ungewohnten Gedanken kann man sie vielleicht noch schrecken, mit ungewohnter Form nicht mehr.

    Ich habe dann noch ein paar Dadagedichte gezeigt und eines vorgetragen, „Cigarren elementar“ – heute würde man vielleicht „Cigarren dekonstruiert“ sagen. („Der letzte Vers wird gesungen.“)

  6. Pingback: Gebrauchslyrik | Zurück in die Schule

  7. Hauptschulblues

    Kurt Schwitters!
    Und Hans Arp und Richard Hülsenbeck.
    Leider wurde ich Schüler nicht damit konfrontiert.

  8. Herr Rau Post author

    In der Schule habe ich auch nie selber etwas von Dadaismus gehört. Mein erster Kontakt war ein Theaterstück, in dem Lenin, James Joyce und Tristan Tzara sich während es Ersten Weltkriegs in Zürich begegnen, ab da kannte ich den Begriff, und dann stößt man immer wieder drauf.

  9. Alexandra Meier

    Wie die Schüler darauf reagieren? Ich mache regelmäßig mit meiner neunten Hauptschulklasse eine dadaistische Aufführung. Es gefällt ihnen! Sie machen es mit einer unglaublichen Hingabe! Und am Schluss der Sequenz haben sie sogar etwas von der Metaphysik des Dada verstanden.

  10. Herr Rau Post author

    Das ist schön zu hören! Ich kann mir aber auch gut vorstellen, dass das funktioniert.

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