Kategorie: Filme

James Bond im Kino, und Rollenspielen 2012

Seit langem wieder im Kino gewesen, den neuen James Bond (“Skyfall”) anschauen. Hat mir gut gefallen, sogar besser als die Pierce-Brosnan-Filme davor. Brosnan mochte ich gerne, aber die Filme waren eher so mäßig.

Diesmal gab es keine überflüssigen Schauplatzwechsel, nur um ein neues Set demonstrieren zu können. Der Schurke war hervorragend, und von meinen monierten Plot Holes wollte mir Frau Rau nur einige zugestehen. Nach einer spannenden Pre-Title-Sequenz war der erste Akt des Films nostalgisch schön – mehrfach musste ich an Indiana Jones und frühe Bond-Filme denken. Eine schöne Verbeugung vor dem traditionellen Haifischbecken gibt es auch. Mit der Entdeckung des Schurken beginnt der zweite Akt, der mir nicht mehr ganz so gut gefallen hat. Musste zu sehr an die Sherlock-Holmes-Verfilmung denken, und das störte mich. Der letzte Akt bringt wieder etwas Ruhe ins Spiel – zurück zu den Wurzeln. Bond verbarrikadiert sich an einem abgelegenen Ort und wartet auf die Schurken. Das sah zuerst nach Kevin – Allein zu Haus aus, danach erkannte ich aber, was das wirklich war: ein typisches Rollenspiel-Szenario. Da ist es zwar meistens die Spielergruppe, die in ein Haus einbricht, aber andersherum funktioniert es genauso.

– Vielleicht sollte ich erwähnen, dass ich am letzten Wochenende wieder beim jährlichen Rollenspielen war, drei Tage lang. Call of Cthulhu, wie die Jahre zuvor; inzwischen ist 1935 und wir trieben uns in Görlitz, Dresden, dem Westen von Irland und in London herum. Der Spielleiter hatte liebevoll Material vorbereitet: deutsche Shell-Straßenkarten aus der Mitte der 1930er Jahre; Fotos der wichtigsten Nichtspielercharaktere; einen Grundriss des British Museum (von 1935, wo er das Zeug nur immer herkriegt). Ein Gemisch aus Wahrheit und Erfindung um sorbische Legenden, um den maßstabsgetreuen Nachbau in Görlitz des Heiligen Grabes in Jersualem, um Agnes Finger (gestorben um 1514 in Görlitz), ihre Stiftung des Agnetenbrots und ihre Reise nach Jerusalem. Okkulte Nazis gab es natürlich auch. Und ja, wir brachen in das das Britische Museum in London ein, aber es war für einen guten Zweck. –

Ein Thema des Bond-Films war sicher das Altern, das von M und das von Bond selber. Judi Dench zitiert dann auch Tennysons “Ulysses”:

Tho’ much is taken, much abides; and tho’
We are not now that strength which in old days
Moved earth and heaven, that which we are, we are;
One equal temper of heroic hearts,
Made weak by time and fate, but strong in will
To strive, to seek, to find, and not to yield.

In diesem Gedicht will es der alte Odysseus, dessen etwas biederer Sohn die Regentschaft übernommen hat, noch einmal wissen und zieht noch einmal los zu den glücklichen Inseln. So etwas erhoffe ich mir ja auch von der neuen Conan-Verfilmung mit Arnold Schwarzenegger, die 2014 ins Kino kommen soll. Denn einen jungen Helden kann er doch wirklich nicht mehr spielen.

– Nachtrag: Jetzt (2013), rückblickend, wünsche ich mir, ich hätte jedes Jahr mehr zu den Rollenspielen geschrieben. Nicht Schulkram oder Bildungspolitik, die Erinnerungen sind es, über die ich mich freue, wenn ich sie wieder lese. Als Anreißer des Protokolls vom letzten Mal:

Mai 1935 — Die Archäologin Thea Kohler erhält einen Brief des Heidelberger Professors Marian Graf von Hesselborn. Bei Ausgrabungen in der Grabkapelle in Görlitz, einer Nachbildung des Heiligen Grabes in Jerusalem, sei unterhalb der Kapelle ein komplett mit Pech versiegeltes Grab gefunden worden. Üblich sind – im kleinasiatischen Raum – mit Pech versiegelte Mumien. Dem Brief liegen Fotos von der Ausgrabung bei, die das versiegelte Grab zeigen. Von Hesselborn bittet Thea, die über Erfahrungen bei der Ausgrabung von solchen Mumien besitzt, um ihre Expertise und bittet sie, das freigelegte Grab in Görlitz selbst in Augenschein zu nehmen. Als Unterkunft schlägt er den “Frenzelhof” vor, in dem auch die Grabungsgesellschaft untergebracht ist.

2007 – nur eine Zeile nebenbei.
2008 – etwas ausführlicher, mit Bild.
2009 – nur eine Zeile nebenbei.
2010 – einigermaßen ausführlich.
2011 – etwas Text, zumindest mit Bild.

Moonrise Kingdom

War vorhin im Kino, als einer von wenigen, in Moonrise Kingdom von Wes Anderson, Drehbuch von Wes Anderson und Roman Coppola, mit vielen Schauspielern drin, die man gerne sieht:

Ganz wunderbar. Erfrischend nicht realistisch. Ich mag den realistischen Erzählmodus in Filmen nicht – weil mir anders als bei Romanen immer klar ist, dass Film nicht Realität abbilden kann, und wenn er es versucht, versagt er meist. Deswegen mag ich die Kategorie Drama im Film gar nicht, sondern eigentlich nur verschiedene Genre-Formen – Musical, Film Noir, Komödie, Science Fiction, Abenteuer, Horror, bei denen klar ist, dass die Regeln, denen der Film folgt, nicht die Realität abbilden sollen.

Und wenn dann noch die Spannungskurve nicht die übliche ist, bin ich besonders froh.

In Moonrise Kingdom ist alles drin, bis auf einen ausbrechenden Vulkan, aber das ging geographisch wohl nicht. Und wenn man den letzten Satz des Films hört, an das Publikum gerichtet: “Thank you for listening”, dann möchte man antworten: “You’re welcome. It was my pleasure.”

In den Credits wird Michael Chabon genannt, an den ich beim Anschauen erinnert wurde, ohen recht zu wissen, warum.

– Wo’s um ein Pfadfinderlager geht, hier zwei Lieder zum Thema Camp als Anhang:

The Avengers, im Kino

Wahrlich, was sind das für Zeiten, wo jedermann meine kleine Marvel-Comic-Welt kennt. Das freut mich, und ich rechne das den Filmen hoch an, selbst wenn nicht alle davon besonders gut sind.

Zum Hintergrund: Hulk kennen wir schon aus zwei Filmen, Iron Man auch, Thor und Captain America aus jeweils einem. In den meisten Filmen tauchte auch die Regierungsorganisation SHIELD auf, gar köstlich eingeführt im ersten Iron Man. SHIELD, dessen Leiter, und andere Elemente verbinden die Filme und künden nach und nach einen gemeinsamen Film aller Helden an, eben diesen: The Avengers. So nennt sich seit 1963 Marvels erstes Superheldenteam im engeren Sinn, modelliert nach dem Vorbild des Konkurrenzverlags DC.

Pluspunkte des Films: die Figuren waren genau richtig besetzt und gezeichnet. Sehr gelungen. Jede hat ihre Momente, Hawkeye vielleicht ausgenommen, aber die Hinterbänklerrolle ist er aus den Comics gewöhnt. Trotz der vielen Superhelden-Hauptfiguren – Thor, Iron Man, Hulk, Captain America, Black Widow, Hawkeye, Nick Fury, Loki – war der Film nicht überladen. Die Kampfszenen waren gut geschnitten, nicht verwirrend, jede Figur hatte einen eigenen Kampfstil. Beim Kampf um Manhattan wäre sogar durchaus noch Platz gewesen für ein paar andere Mitstreiter. Und 3D hat sich sogar halbwegs gelohnt.

Minuspunkte: die Sequenz auf dem Heli-Carrier ist zu lang, weil überflüssig. Und weil der Heli-Carrier schon arg unglaubwürdig ist. Was sollte/wollte Loki da überhaupt? Ist mir nicht klar geworden. Bei den angreifenden Außerirdischen fehlte mir die Hintergrundgeschichte – so waren das halt irgendwelche Angreifer, hätten genauso gut Trolle aus Jutgard sein können, aber da hätte man wieder Asgard reinbringen müssen, und das hätte den Film vielleicht überladen.
Der größte Fehler ist meiner Meinung nach aber der, dass dieser Film nicht in meiner Welt spielt. Dabei war das das Schöne am Marvel-Universum: Nicht nur, dass sich die Superhelden der verschiedenen Serien über den Weg laufen konnten, sondern auch, dass das in New York geschah, dass New Yorker aus dem Fenster sahen und den Helden zuwinkten oder ihnen – wenn es die Yancy Street war – Müll auf den Kopf kippten. Und diese Welt jenseits der Superhelden fehlt in The Avengers. Die erste Sequenz spielt in geheimen Regierungsanlagen, und die meisten anderen ebenso. Öffentlichkeit: gibt es keine. Nur einmal in Stuttgart dürfen Bürger furchtsam kauern, und zum Schluss in New York furchtsam flüchten. Staffage.

Ich habe mir die ersten Hefte der Avengers noch einmal angeschaut: Da ist mehr Öffentlichkeit, mindestens schon mal in Form von Rick Jones und seiner Teen Brigade. Und eigentlich geht es mit den Avengers ja erst in Heft 16 los, finde ich – und da haben wir die Presse und Leute auf der Straße und Interviews.

Aber gut, das Team findet sich ja erst in diesem Film. Im nächsten erwarte ich mir dann mehr über das Verhältnis zwischen dem Superheldenteam und dem Rest der Welt.

Noir-Box, der Rest

Vor zwei Jahren oder mehr habe ich mir eine Box mit neun Klassikern des film noir gekauft. Einige ganz wichtige Filme fehlen darin zwar – The Maltese Falcon, The Big Sleep, vielleicht sogar Kiss Me Deadly – aber die hatte ich ohnehin schon. Vor einigen Sommerferien hatte ich die erste Hälfte dieser Filme gesehen und verbloggt, hier der Rest.

Weil gerade Winterferien sind, im tatsächlichen Sprachgebrauch besser bekannt als Faschingsferien.

 

6. The Glass Key
Regie: Stuart Heisler
Drehbuch: Jonathan Latimer
Darsteller: Alan Ladd, Veronica Lake, Brian Donleavy
Jahr: 1942
Romanvorlage: Dashiell Hammett

Motive: Treue, Loyalität, femme fatale (ein bisschen). Korrupte Politiker und Presse. Nach, Regen, Treppen.
Frauen: Mehrere, aber Bechdel-Test: nicht bestanden.
Erzählperspektive: Äußerst linear, der linearste Film in der Box bisher.
Plot: Ein mäßig korrupter politischer Strippenzieher will ein bisschen ehrlicher werden, weil er sich in die Tochter eines Kandidaten verguckt hat. Sein Freund und Assistent hilft ihm, als er des Mordes an ihrem Bruder verdächtigt wird, obwohl er selber das Mädchen will. Die Handlung ist so wenig komplex wie kein anderer film noir, den ich kenne, und dabei ist das ein Klassiker. Ich war dann auch nur mäßig beeindruckt. Aber Alan Ladd als treuer Freund ist hervorragend, ebenso der Gangsterboss Joseph Calleia und sein Unterling William Bendix.


7. This Gun For Hire
Regie: Frank Tuttle
Drehbuch: Albert Maltz & W.R: Burnett
Darsteller: Veronica Lake, Alan Ladd
Jahr: 1942
Romanvorlage: Graham Greene

Motive: Treppen, ein bisschen Korruption, aber keine besonders typischen Noir-ELemente, vom Trenchcoat Alan Ladds abgesehen
Frauen: nur eine, kein femme fatale, Bechdel-Test nicht bestanden
Erzählperspektive: vollkommen linear; es geht nicht mal darum, herauszufinden, was passiert ist, sondern nur darum, was passieren wird
Plot: Auftragskiller wird von Auftraggeber betrogen und will sich rächen. Der Auftraggeber ist Leiter eines Chemiekonzerns, der Giftgasformel an den Kriegsfeind Japan verkaufen will. Veronica Lake ist eine Varieté-Künstlerin mit zwei Musiknummern im Film: einmal singt sie und führt gleichzeitig Zaubertricks vor, das andere mal singt sie in schwarzem Lackleder und mit hohen Fischerstiefeln vom Männerfangen. Beide Nummern eher unerwartet in so einem Film. Ihr Freund ist Polizist, sie selber soll verdeckt ermitteln gegen den Chemiekonzern. Der Schurke wurde als Kind geschlagen und würde gerne eine Therapie machen. Nahc einer halbwegs spannenden Nacht auf der Flucht vor der Polizei gelingt Ladd, sich in die Chemiefabrik zu schleichen – weil da gerade ein Gasmaskenübung stattfindet. Der Oberböse versucht am Schluss noch, mit einem Schieß-Füller Alan Ladd zu töten, der stirbt dann aber doch im Kugelhagel der Polzei. Bei der Verfilmung des Romans musste wohl zu viel gestrafft werden. Herausgekommen ist ein Thriller, bei dem es ein bisschen um das Seelenheil des Killers geht, aber kein besonders typischer film noir.


8. Out of the Past
Regie: Jacques Tourneur
Drehbuch: Daniel Mainwaring
Darsteller: Robert Mitchum, Jane Greer, Kirk Douglas
Jahr: 1947
Romanvorlage: Daniel Mainwaring

Motive: Liebe, Gefahr, Gangster, Verrat, Treue, Vergangenheit.
Frauen: zwei noir-typische femmes fatales, und eine brave Frau; Bechdel-Test nicht bestanden
Erzählperspektive: verschachtelt. Ein Teil der Handlung ist Rückblende.
Plot: Robert Mitchum, Tankstellenbesitzer in einer Kleinstadt, wird von der Vergangenheit eingeholt. Ehemaliger Privatdetektiv, hat sich zurückgezogen vor einem alten Auftraggeber (dessen Auftrag er nicht ausführte), einer alten Flamme (die der Auftrag betraf) und seinem ehemaligen Partner (weil der dabei ums Leben kam). Der ursprüngliche Auftraggeber Kirk Douglas hat sich die Frau zurückgeholt und will nun Robert Mitchum, den er als Sündenbock für einen Mord brauchen kann, büßen lassen.
Toller Film. Kein Regen, keine Großstadt, dafür sonniges Mexiko, viel Natur und eine Tankstelle auf dem Dorf – trotzdem ein astreiner film noir. Wegen der Vergangenheit, die den Helden einholt, vielen Nachtszenen, der moralischen Ambivalenz, dem Verrat, dem Ausgang eben nicht als klassisches Liebespaar. Und wegen des Sprechers auf dem Off – ein Topos des klassischen Kriminalromans dieser Form. Und der kommt eben genau von dessen verschachtelter Erzählweise: Gerne wird die Geschichte aus dem Rückblick erzählt (der Polizei, wie in D.O.A. oder Murder, My Sweet, oder einer Frau, wie in Out of the Past), und an diese Erzählsituation erinnert der gelegentlich Off-Sprecher den Zuschauer.


9. The Blue Dahlia
Regie: George Marshall
Drehbuch: Raymond Chandler
Darsteller: Alan Ladd, Veronica Lake, William Bendix, Howard Da Silva
Jahr: 1946

Motive: Unschuldig verdächtigt. Nachtclubs. Unterwelt.
Frauen: zwei, Bechdel-Test nicht bestanden; keine der Frauen besonders fatale
Erzählperspektive: linear
Plot: Alan Ladd kommt mit zwei Freunden aus dem Krieg zurück; seine Frau betrügt ihn und ist auch nicht mehr an ihm interessiert. Als sie ermordet gefunden wird, gerät Ladd unter Verdacht. Held und Heldin sind beide verheiratet (wenn auch nicht miteinander); Held hat zwei Freunde, die zu ihm halten. Nicht sehr typisch, aber in Ordnung. Die Handlung hat ein paar Twists, Howard da Silva als Schurke ist interessant, William Bendix sehe ich immer gern. Sehr viel mehr fällt mir leider nicht ein. Die Alan-Ladd-Filme sind irgendwie nicht das meine.

– Fazit: Ich mag noir immer noch. Die besten dabei sind The Maltese Falcon, The Big Sleep, Out of the Past, Touch of Evil, Gilda. Vielleicht noch The Killers. Und von den zweitbesten sind immer noch viele sehr gut.

Captain America

War im Kino, Captain America anschauen. Ich habe mich nicht gelangweilt, insgesamt eher positiv, aber begeistert oder beschwingt bin ich nicht aus dem Kino gegangen.

Höhepunkte:

  • der kurze Gastauftritt der original human torch auf der Weltausstellung;
  • Howard Stark – der Vater von Tony “Iron Man” Stark – mit Howard Hughes als unverkennbarem Vorbild;
  • der Kinnhaken, den die Heldin des Films (sonst unterbeschäftigt) austeilen darf;
  • dass die Howling Commandos dabei waren, mit Dum Dum Dugan (Bilder), der aussieht wie Sascha Lobo (Bilder);
  • und die geniale Idee, Caps buntes Kostüm dadurch zu erklären, dass er zuerst als patriotische Witzfigur vermarktet wurde.

Dass es diesen Film überhaupt gibt, und dass er von der Kritik wahrgenommen wird, begeistert mich allerdings ungemein. Was Marvel Comics im Silver Age von DC unterschied, war das Konzept des shared universe: da liefen sich die Helden nicht nur gelegentlich in jährlichen Sonderausgaben über den Weg, sondern sie trafen ständig aufeinander oder auf ihre Spuren. Das war eine gute Idee. Anders als bei DC wohnten die Helden auch nicht in den weit auseinander liegenden Städten Metropolis (Superman), Gotham City (Batman), Central City (Flash), Coast City (Green Lantern), sondern allesamt in New York City (Spider-Man, Avengers, Fantastic Four, Daredevil) oder zumindest im Staat New York (X-Men).
Und dieses Konzept übeträgt Marvel gerade sehr erfolgreich auf die Filme. Das begann mit Iron Man (Blogeintrag), dem besten der jüngeren Marvel-Filme. Die Einführung der Regierungsorganisation Shield war äußerst geschickt, und die Sequenz nach dem Abspann versprach Eingeweihten sehr viel. (Samuel Jackson zu Robert Downey: “You’ve just become a part of a bigger universe.”)

Hulk habe ich nicht gesehen, Iron Man 2 auch nicht, aber spätestens da war klar: die meinen es ernst. Thor (Blogeintrag) war wohl der erste Film aus dieser Reihe, der explizit nur als Vorstufe zu The Avengers (Joss Whedon, 2012) gesehen wurde, und das gilt auch für Captain America: Der Film steht strategisch nicht für sich allein, sondern soll den Boden bereiten für The Avengers. Daher vielleicht auch die flache Spannungskurve des Films: bis Cap sein Kostüm anhat und seine Rolle gefunden hat, vergeht eine Stunde; einen großen Konflikt und Wendepunkt gibt es auch nicht (Bucky Barnes stirbt eher so nebenbei, weil er überflüssig wurde).

Apropos Captain: Wieso überhaupt Captain? Müsste man ihn nicht mal befördern zum Colonel America, oder Major America?
Das geht natürlich nicht. Der Superhelden-Dienstgrad ist der Captain: es gibt die Captains America, Marvel, Victory, Atom, Britain, Carrot, und viele mehr. (TVTropes zu militärischen Rängen bei Superhelden.)
Woher kommt das? Meine persönliche Theorie: weil die Rezipienten dieser Geschichten sich mit den Mannschaftsdienstgraden identifizieren. Die Rollen sind dabei fiktional und verklärt, wie etwa in Spike Milligans äußerst lesenswerten Kriegserinnerungen. Die Realität sieht wohl anders aus; ich kenne nur die Fiktion. Nach der sind in einer Kompanie, sagen wir, hundert einfache Soldaten, Mannschaftsdienstgrade. Herumgescheucht werden sie von Unteroffizieren, rau im Umgangston, keine besonderen Respektspersonen, Ausbilder und Hausmeister, mit besonderen Kompetenzen, aber doch einer von uns. Und dann gibt es einen Hauptmann (Captain).
Für eine Heeresleitung ist ein Hauptmann der unterste Dienstgrad, der überhaupt wahrgenommen wird, sage ich mal. Darüber kommen Major, Oberstleutnant, Oberst, General; die haben etwas zu sagen. Da ist ein einfacher Captain America ein reiner Befehlsempfänger, kein Entscheider.
Für die Mannschaftsdienstgrade allerdings ist ihr Hauptmann die eine Kontaktperson nach oben; er wird respektiert, während die Ebenen über ihm belacht werden. Und anders als die Unteroffiziersdienstgrade hält man zu ihm Distanz.

Wenn Superheldencomics für Offiziere gedacht wären, dann gäbe es lauter Generals America.

Die 5000 Finger des Dr. T

Gestern antworte ich bei Twitter auf die Frage nach kuriosen Filmen unter meinen DVDs mit zwei Vorschlägen, darunter The 5,000 Fingers of Dr. T von 1953. Und heute höre ich auf NPR einen Beitrag dazu: ’5000 Fingers’ Sings Again: A Seuss Rarity Revisited. Der Aufhänger: endlich kommt der vollständige Soundtrack auf CD heraus, auch mit Material, das es nicht in den Film geschafft hat.

Der Film ist ein Werk von Dr. Seuss, Autor vieler in den USA berühmter Kinderbücher, die man hier weniger kennt. Allenfalls “How the Grinch Stole Christmas” ist durch die Neuverfilmung mit Jim Carrey etwas bekannt. Die Musik zum Musical stammt von Friedrich Hollaender/Frederick Hollander (“Das Nachtgespenst”, “Guck doch nicht immer nach dem Tangogeiger hin”, “Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt”, “Ich lass’ mir meinen Körper schwarz bepinseln” – Sie kennen? Und viele Filmmusiken).

Das lief mal zu Studientagen auf Arte. Handlung: Ein Junge muss Unterricht beim strengen Klavierlehrer Terwilliker nehmen, dabei würde er lieber seine allein lebende Mutter mit dem Klempner Zabladowski verkuppeln. In einer Traumsequenz, ähnlich wie beim Zauberer von Oz oder später bei Tschitti Tschitti Bäng Bäng, mutiert Terwilliker zum Besitzer eines Riesenklaviers mit Tausenden von Tasten; er hat hypnotisiert Mütter, so dass sie ihm ihre Kinder zur Verfügung stellen, und nur der Junge kann mit Hilfe des Klempners – der in Terwillikers Palast sanitäre Anlagen installiert – den bösen Bann brechen.

Soweit nichts Neues, aber einige der Lieder sind sehr schön, und die Optik ist expressionistisch-seusshaft-bizarr. Die Details sind es auch.

Zu meinen Lieblingsszenen gehören das Hypnoseduell:

Das Ankleidelied (mal im Hintergrund einer Modenschau gehört):

Hans Conried, der Terwilliker spielt und singt, kenne ich schon aus Radiosendungen der 40er Jahre – Professor Kopokin in My Friend Irma, ein Psychiater bei George Burns & Gracie Allen. Und eben habe ich gelesen, er war auch die Stimme von Captain Hook bei Disneys Peter Pan.

Die Noir-Box: das letzte aus den Sommerferien

Vor einiger Zeit habe ich mir eine DVD-Box gekauft: Film Noir Collection, mit neun Filmen: The Killers; Double Indemnity; The Big Steal; Crossfire; Out of the Past; The Blue Dahlia; The Glass Key; This Gun For Hire; Murder, My Sweet. Ich mag seit früher Jugend film noir. Schwarzweißfilme waren ohnehin klasse, screwball comedies, Cary Grant, James Stewart, Katherine Hepburn, Humphrey Bogart.

Noir, das war eine besondere Art Schwarzweißfilm. Ein Krimi, aber mit einem Privatdetektiv als Held, jedenfalls keinem Polizisten. Im Gegenteil, die Polizei war korrupt oder störend. Trenchcoats und Hüte, Zigaretten, nächtlicher Regen, Großstadt. Der Held löste den Fall, kriegte aber nicht unbedingt das Mädchen. Oft genug war sie die Täterin, eine femme fatale war jedenfalls meistens dabei. Der ideale Noir-Held blieb am Schluss des Films allein zurück, moralisch integer, etwas angewidert vom Rest der Welt, aber bereit für den nächsten Fall.
Erst danach, aber noch zur Schulzeit, habe ich die Bücher gelesen: Chandler und Hammett.

Noir gab’s natürlich auch moderner und in Farbe: Chinatown etwa oder Blade Runner, und dieser eine Film da, den ich vor fünfundzwanzig mal im Fernsehen gesehen und von dem ich seitdem nie wieder gehört habe: junger Mann will Detektiv werden, hat wohl zu viele Filme gesehen; Vater ist Polizist und will es ihm ausreden; ein Fall taucht auf, der dann verzwickter wird; verführerische Frau; Sohn bewährt sich. Viel mehr weiß ich nicht (außer: der Sohn übt, seine Zigarette so lässig an der unterlippe baumeln zu lassen wie Jean-Paul Belmondo), aber der Film hat mir gefallen und ich wüsste gerne, was das war.

In den Sommerferien bin ich endlich dazu gekommen, mir die ersten Filme aus der Box anzuschauen. Hier meine Gedanken dazu:

1. The Killers
Regie: Robert Siodmak
Drehbuch: Anthony Veiller
Darsteller: Burt Lancaster, Ava Gardner
Musik: Miklós Rózsa
Jahr: 1946

Guter Film, ein Klassiker, hatte ihn noch nie gesehen. Der Durchbruch für den jungen Burt Lancaster.
Motive: Treppen, Nacht, Hell-Dunkel-Kontraste, Verrat, femme fatale. Kein Regen.
Frauen: 3 – eine sympathische, brav-bürgerliche; ein Zimmermädchen; eine femme fatale (aber immerhin ohne Romanze mit dem Detektiv).
Bechdel-Test: nicht bestanden.
Erzählperspektive: verschachtelt, in Rückblenden.
Plot: Zwei Killer kommen in ein abgelegenes Städtchen und erschießen einen der Einwohner, den “Schweden”, der ihr Kommen untätig erwartet. (Soweit, wenn ich mich recht erinnere, die Hemingway-Kurzgeschichte, auf der der Film basiert.) Ein Versicherungsdetektiv untersucht den Fall und rollt in einer Reihe von Interviews mit verschiedenen Personen aus der Vergangenheit des Opfers dessen Geschichte auf; der Film ist weitgehend in Rückblenden erzählt – ich glaube den Einfluss von Citizen Kane zu erkennen. Es gibt zwei Helden, den Toten und den Detektiv, der schließlich auch den Fall aufklärt.
Die Musik vom geschätzten Miklós Rózsa ist natürlich erstklassig, das Killers-Motiv ist die Vorform des Dragnet-Themas und wurde dafür nur etwas erweitert.

Erzählerischer Schönheitsfehler: eine Person aus seiner Vergangenheit entdeckt den Schweden in dem Städtchen, in das er sich zurückgezogen hat. Das erfahren wir durch den Bericht des Tankwarts in Form einer Rückblende, wir sehen diese Person und erkennen sie aus anderen Rückblenden wieder – und wissen damit mehr als der Ermittler, obwohl wir auch keine anderen Zeugenaussagen gehört haben als er. Das ist das Problem mit visuell wiedergegeben Binnenerzählungen: es gilt die Regel, das derselbe Schauspieler stets dieselbe Person verkörpert und umgekehrt, so dass eine eindeutige Identifizierung möglich ist. Keine Verwechslung oder Hochstapelei ist möglich. Gespielt wird damit allenfalls in manchen Rashomon-Episoden.


2. Double Indemnity
Regie: Billy Wilder
Drehbuch: Billy Wilder und Raymond Chandler
Darsteller: Fred MacMurray, Barbara Stanwyck, Edward G. Robinson
Jahr: 1944
Romanvorlage: James M. Cain

Motive: Verrat, Misstrauen, femme fatale. Korrupte Autoritäten (MacMurray selber). Mit Streichhölzern Feuer geben. Kein Ermittler. Nur wenig Regen.
Frauen: eigentlich nur eine, diejenige des deutschen Titels: “Frau ohne Gewissen”
Bechdel-Test: nicht bestanden.
Erzählperspektive: Rahmenhandlung, der Hauptteil als Rückblende.
Plot: Fred MacMurray, Versicherungsverkäufer, schwankt verletzt in sein Büro und diktiert dort in ein Aufnahmegerät die wahre Geschichte eines Mordes und Versicherungsbetrugs. MacMurray selber ist es, der mit der Frau des Versicherten den Mord verübt hat. Die Versicherungsgesellschaft schöpft Verdacht und will erst einmal nicht zahlen, um die Witwe zu einem Gerichtsverfahren zu zwingen und so Zeit zu haben herauszufinden, wer ihr Mittäter ist.
Ein Klassiker, berühmt und so, aber trotzdem keiner meiner Favoriten. MacMurrays Besessenheit von Barbara Stanwyck kommt mir zu plötzlich, und auch wenn sie am Schluss als gewissenlose Manipulatorin hingestellt wird, so geht die Tat tatsächlich doch eher von MacMurray aus. Die besten Teile des Filmes (neben den Szenen mit Edward G. Robinson) sind die Szenen nach dem Mord, als MacMurray und Stanwyck mürbe gemacht werden. Aber das ist in der Buchvorlage schöner – Kunststück, da ist auch mehr Zeit dafür.


3. Crossfire
Regie: Edward Dmytryk
Drehbuch: John Paxton
Darsteller: Robert Young, Robert Mitchum, Robert Ryan, Gloria Grahame
Jahr: 1947

Motive: keine noir-typischen. Treppen vielleicht, und Hell-Dunkel-Kontraste.
Frauen: zwei. Brave Ehefrau und ruppige Animierdame mit Herz. Beides Nebenrollen.
Bechdel-Test: nicht bestanden.

Plot: Ein Mann wird in seiner Wohung zu Tode geprügelt. Die Polizei untersucht den Fall; der Ermittler ist angenehm zurückhaltend und sachlich. Hat aber beständig eine Pfeife im Mund, damit man auch sieht, dass er ein intellektueller Ermittler ist. Da war mir schon klar, dass das kein film noir werden würde. Pfeifen sind nicht noir, auch wenn Marlowe in den Romanen Pfeife raucht.
Hauptpersonen des Films sind aber eine Gruppe von Soldaten zum Ende ihres Militärdiensts, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Einer von ihnen ist der Tatverdächtige, ein anderer ermittelt selbst ein wenig herum, auch der tatsächliche Täter ist unter ihnen. Das weiß man schon recht früh im Film, ebenso wie das letztliche Motiv: Antisemitismus. (In der Romanvorlage, sagt man mir, istes Homophobie.) Gelegentlich neigt der recht kompliziert aufgebaute Film zum Didaktischen.
Erzählperspektive: Holla, auch hier wird mit Rückblenden gearbeitet, hier sogar dieselbe Szene aus verschiedener Perspektive, wenn auch noch ganz ohne Rashomon-Unschärferelation.
Der Film hat die typische Noir-Ausleuchtung (angeblich auch, weil die so leicht aufzubauen war; Drehzeit für den ganzen Film waren nur 20 Tage), aber noir ist er eigentlich nicht.

Anders als bei den vorhergehenden zwei Filmen fehlt diesem das Unausweichliche. Burt Lancaster sieht seinen Tod kommen, auch das Schicksal von Fred MacMurray kommt absehbar und unerbittlich auf ihn zu.


4. The Big Steal
Regie: Don Siegel
Drehbuch: Geoffrey Homes und Gerald Drayson Adams
Darsteller: Robert Mitchum, Jane Greer, William Bendix
Jahr: 1949

Motive: Keine typischen noir-Elemente. Kein Regen, keine Treppen, keine typische Ausleuchtung (ich habe den Film koloriert gesehen); er spielt tagsüber, es ist hell. Er spielt zu einem großen Teil auf dem Land, Überlandfahrt in Mexiko.
Frauen: Eine. Als selbstständig und selbstbewusst charakterisiert, außer wenn es um Schusswaffen geht. Jane Greer ist übrigens ganz entzückend, warum hat mir das noch keiner gesagt?
Bechdel-Test: nicht bestanden.
Erzählperspektive: linear, wenn auch mitten in der Handlung beginnend und zügig erzählt.
Plot: William Bendix verfolgt Robert Mitchum, wir wissen noch nicht, worum es geht. Schon da kann das kein film noir sein – wer 180 Radioepisoden von “The Life of Riley” mit Bendix und seiner unverkennbaren Stimme in der Hauptrolle gehört hat, der sieht ihn nicht mehr als bedrohliche Figur. Wikipedia nennt den Film dann auch “film noir/comedy”.
Mitchum verfolgt seinerseits Patric Knowles, der sich mit gestohlenem Geld davonmacht. Er schuldet auch Jane Greer Geld, sie und Mitchum raufen sich zusammen und jagen Knowles hinterher. Eine Komödie ist der Film sicher nicht, aber es gibt viele witzige Szenen. Der charmant-gemütliche mexikanische Polizeichef gibt sich etwas einfältig, hat die Situation aber weitgehend unter Kontrolle. Nur das Finale ist echter Krimi, mit dubiosem Antiquitäten sammelnden Hehler und ein bisschen Verrat, aber das auch nur sehr kurz. Danach Happyend. Als Film durchaus in Ordnung.


5. Murder, My Sweet
Regie: Edward Dmytryk (sein Erstling)
Drehbuch: John Paxton
Romanvorlage: Raymond Chandler
Darsteller: Dick Powell
Musik: Roy Webb
Jahr: 1944

Motive: So ziemlich alle. Außer Regen. Immer noch kein Regen.
Frauen: Zwei, einschließlich femme fatale.
Bechdel-Test: nicht bestanden.
Erzählperspektive: Rückblickende Rahmenhandlung.
Plot: Philip Marlowe, einen Verband um die Augen, sitzt bei der Polizei und erklärt den Polizisten die näheren Umstände eines Mordes. In einem großen Rückblick wird die Geschichte erzählt. Moose Malloy, nach acht Jahren wieder aufgetaucht (aus dem Gefängnis?) will, dass Marlowe seine Freundin Velma findet. Bis er sie findet, gibt es Tote. Ich könnte mehr erzählen, aber das ist bei Chandler nicht sehr wichtig, und der Film folgt recht genau der Romanvorlage, Chandlers Murder My Sweet. Wichtiger ist die Atmosphäre: Los Angeles bei Nacht, Straßenschluchten, Bars. Die Kameraperspektiven sind mitunter schräg (Will Eisners Spirit-Comics nicht unähnlich), es beginnt gleich mit einer Vogelperspektive. Spiegel, Treppenfluchten, Tiefenschärfe, optisch interessant, vor allem auch eine Traumsequenz, als Marlowe unter Drogen in einem Sanatorium festgehalten wird.
Dick Powell macht sich als Detektiv gut, bis zu diesem Film war er Sänger und Musical-Star, wollte aber ins ernsthaftere Schauspiellager. Den smarten Schönling kann er nicht ganz ablegen, aber das passt dann doch gut zu Marlowe. Chandler selbst wünschte sich in einem Interview Cary Grant als Verkörperung für seinen Helden.
Gestört hat mich in der zweiten Hälfte des Films die Charakterisierung der Methoden. Der übliche Vorwurf der schönen Frau an den schmutzigen Detektiv, er würde für Geld ja wohl alles machen, kam sehr unmotiviert, ähnlich wie andere Versatzstücke. Trotzdem insgesamt ein sehr schöner Film und feiner noir.


Irgendwann komme ich hoffentlich dazu, die letzten vier Filme aus der Box anzuschauen. Eine erste kleine Zusammenfassung: Crossfire ist der einzige Film, der unmittelbar mit einem Mord beginnt. Alle anderen lassen sich Zeit. Noch interessanter: sehr viele der Filme erzählen nicht rein linear, eine rückblickende Rahmenhandlung gibt es fast immer, meist auch noch Rückblenden, bei Crossfire und The Killers als ganz wesentliches Element. (Beim ganz ausgezeichneten Out of the Past wird mir das wieder begegnen.) Liegt das an der Entstehungszeit oder doch eben am Genre? Die Männer und Frauen dort haben jedenfalls alle eine Vergangenheit; das Unausweichliche wird im Rückblick deutlicher; die Aufklärung eines Kriminalfalls ist ohnehin immer analytisch nach hinten gewandt.
Typisch auch der Antagonismus gegenüber den Behörden. Frauen sind gefährlich, Treppen ominös. Und es regnet nicht viel; die Idee des Regens habe ich wohl tatsächlich nur aus den Spirit-Comics von Will Eisner, in deren Noir-Atmosphäre es so beständig und heftig regnet, dass dafür der Begriff “Eisnershpritz” geprägt wurde.

Nachtrag: hier die restlichen Filme.