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Zwischen den Zeilen schreiben (1)

Zusammenfassung: Keine Geschichte erzählt alles. Der Leser muss immer Lücken füllen, sei es bei dem Äußeren einer Person oder bei einem Vorgang. Diese Leerstellen entstehen absichtlich, unabsichtlich, durch Fehler des Autors, durch fehlerhafte Überlieferung, und sind unvermeidbar. Man kann sie füllen, indem man sich ihnen spielerisch-wissenschaftlich nähert oder dadurch, dass man sie literarisch mit anderen Geschichten füllt.

Zwischen den Zeilen schreiben

Nachdem ich mich mehrere Monate lang mit diesen Elementen beschäftigt hatte, kam ich zu der Schlussfolgerung, dass die Reise um die Erde in 80 Tagen zwei Geschichten umfasste. Eine war die äußere, die offensichtliche, von Verne als interessante, aber keineswegs harte Abenteuergeschichte erzählt. Die andere war esoterisch, im Verborgenen angesiedelt und voller gefährlicher Implikationen für die Menschheit.
Philip José Farmer, Das echte Log des Phileas Fogg

1. Von Shakespeare und Jules Verne

Beweisstück A: The Macbeth Murder Mystery

Wenn ich Shakespeare in der Schule mache, und selbst wenn nicht, ist “The Macbeth Murder Mystery” von James Thurber ein Baustein, den ich immer wieder verwende. Die kurze Geschichte von 1943 besteht fast nur aus dem Dialog eines namenlosen Erzählers mit einer amerikanischen Touristin. Beide sind in England im Urlaub, und die Touristin hat als Reiselektüre statt eines ihrer geliebten Kriminalromane versehentlich eine Penguin-Ausgabe von Shakespeares Macbeth erwischt. “It was a stupid mistake”, so beginnt die Geschichte, aber da die Frau nichts anderes zu lesen hatte, las sie eben Macbeth, und zwar wie einen Krimi. Der hat ihr dann nicht gefallen, weil er sich nicht an die entsprechenden Regeln hält – klar ist für sie, dass es nicht Macbeth gewesen sein kann, der den König umgebracht hat. Ihre Krimierfahrung sagt ihr, dass der offensichtlich Schuldige unschuldig sein muss. Stattdessen vermutet sie während des Lesens zuerst Banquo, der dann aber die zweite Leiche des Stücks ist. Auch eine gute Krimitradition, dass der erste Verdächtige das zweite Opfer wird. Das verdächtige Verhalten von Macbeth und Lady Macbeth wird dadurch erklärt, dass beide jeweils den anderen für den Täter halten und versuchen, die Aufmerksamkeit von ihm abzulenken. Auch das Rätsel des dritten Mörders wird einbezogen – in Akt III, Szene 1 werden zwei Mörder gedungen, die Banquo töten sollen, in Szene 3 sind es plötzlich drei, die die Tat ausführen. Wer ist dieser dritte, der explizit und verwundert begrüßt wird mit “But who did bid thee join with us?” Thurbers Leserin weiß die Antwort: Es ist Macduff, der in Wirklichkeit hinter der Sache steckt.

Diese Geschichte habe ich während meiner Thurber-Phase im Studium wiederentdeckt, ich kannte sie aber bereits aus einem alten Schulbuch. Auch zu Schulzeiten habe ich die nächste Geschichte gelesen.

Beweisstück B: Das echte Log des Phileas Fogg

Für diesen Science-Fiction-Roman hat Philip José Farmer seine Reise um die Erde in 80 Tagen von Jules Verne sehr gründlich gelesen. Zur Erinnerung: Darin geht der exzentrische Brite Phileas Fogg die Wette ein, in 80 Tagen einmal um die Welt zu reisen – auch mit den modernen Beförderungsmitteln von 1872 keine Kleinigkeit. Begleitet wird er von seinem Diener Passepartout, verfolgt und behindert von einem Detektiv, der ihn für einen flüchtenden Bankräuber hält.

Farmer sind beim Lesen einige Merkwürdigkeiten und unbeantwortete Fragen aufgefallen. Wo hat Phileas Fogg seine umfassenden geographischen Kenntnisse her, woher seinen Reichtum? Das fragen sich selbst die Klubkollegen Foggs bei Verne. Warum ist Pünktlichkeit für Fogg so wichtig? Ist es nicht ungewöhnlich, dass er seinen bisherigen Diener entlässt, weil das Wasser für die morgendliche Rasur nur 28 statt den üblichen und gewünschten 30 Grad heiß ist? (Meine Verne-Übersetzung, zu der später noch etwas zu sagen ist, fragt explizit: “Was mochte sich James Forster gedacht haben, als er es schon bei [zu niedriger Temperatur] vom Feuer nahm?”) Der neue Diener erscheint um halb elf desselben Tages, trotzdem will Fogg bereits Empfehlungen erhalten und gute Auskünfte über ihn bekommen haben? Und warum, fragt sich Farmer als gründlicher Leser, schlagen alle Uhren Londons um 8 Uhr 50 abends, als Fogg zum Ende des 34. Kapitels ankommt, die Wette scheinbar verloren? Wörtlich heißt es bei Projekt Gutenberg (Übersetzer nicht angegeben): “[A]ls der Gentleman auf dem Bahnhof ankam, schlug es acht Uhr fünfzig Minuten auf allen Uhren Londons.” Im Original: “[Q]uand le gentleman arriva à la gare, neuf heures moins dix sonnaient à toutes les horloges de Londres.” Seit wann schlagen Uhren denn um eine so krumme Zeit?

Fußnote zur Ausgabe des Verne-Romans im Hause Rau, in der Übersetzung von Eugen Stotz: Das ist eine von diesen Übersetzungen, die das Original verbessern und ergänzen. Nicht nur korrigiert sie das im ersten Absatz genannte Todesjahr von Richard Brinsley Sheridan vom ursprünglichen (und falschen) 1814 auf das historisch korrekte 1816, sie übersetzt den Ankunft in London auch mit: “Als Mr. Fogg in London ankam, war es 8,50 Uhr.” Ohne schlagende Uhren. Es mag ja nett gemeint sein, echte oder vermeintliche Fehler des Originals auszubessern oder zu übergehen. Aber es macht einen großen Unterschied, wie Dorothy Sayers in “Aristotle on Detective Fiction” schreibt, ob auktorial die Zeit angegeben wird in der Form “Jones came home at 10 o’clock”, worauf sich der Krimileser dann verlassen kann, oder ob neutral erzählt wird mit den Worten: “The grandfather clock was striking ten when Jones reached home” – dann sagt das noch lange nichts über die tatsächliche Uhrzeit aus.

Farmer nimmt sich diese und andere merkwürdige Stellen in Vernes Roman vor und kommt zu der Erkenntnis, dass Verne nicht die wahre Geschichte von Phileas Fogg erzählt hat. 1947 wird bei Bauarbeiten das echte, in einer unbekannten Schrift verfasste und schlecht erhaltene Reisetagebuch Foggs gefunden. 1962 wird es von Sir Beowulf William Clayton entschlüsselt, zu dessen Familie Farmer bereits aufgrund biographischer Nachforschungen Kontakt hatte, auf die später noch ausführlicher eingegangen werden wird. Jedenfalls gelingt es Farmer, die echten Geschehnisse zu rekonstruieren, und eben die präsentiert er in Das echte Log des Phileas Fogg. Und ja, auch das Rätsel der um 8.50 Uhr schlagenden Uhren wird darin gelöst.

— Bei der Thurber-Geschichte geht es darum, die Fakten des Originaltexts möglichst unangetastet zu lassen (dritter Mörder, verdächtiges Verhalten von Macbeth, Todesfälle) und eine andere Geschichte drumherum zu schreiben, diese Fakten anders zu interpretieren. Bei Farmer geht es um genau das gleiche: Lücken zu finden und in diese Lücken etwas anderes, Unterhaltsames hineinzuschreiben. Der grundlegende Unterschied zwischen beiden Texten ist der, dass der eine ein literarisches Spiel mit einem fiktionalen Text – nämlich Macbeth – ist, während der andere davon ausgeht, dass der Ausgangstext – also die Reise um die Erde in 80 Tagen – reale Ergebnisse beschreibt, wenn auch unvollständig.

Weiter geht es deshalb mit Gedanken zu den oben angesprochenen Lücken in Texten.

2. Über Lücken in Texten

Alle Texte enthalten solche Lücken, und es gibt verschiedene Ursachen für sie. Zum einen lässt ein Autor manchmal bewusst Fragen offen. Das kann sein, weil die Antwort darauf unwichtig ist oder eine Sache schlichtweg geheimnisvoll bleiben soll, wie die Frage nach Phileas Foggs Vergangenheit und seinem Reichtum bei Verne. Oder das kann sein, weil der Autor davon ausgeht, dass ein sorgfältiger Leser auch dann auf die Antwort kommt, wenn der Autor sie nicht explizit in den Text geschrieben hat. Das sind die berühmten offenen Enden in der Kurzgeschichte, oder die Ehebruchszene in Effi Briest, die allenfalls ganz fein angedeutet wird. Oder Pablo in Tortilla Flat von John Steinbeck, der in das Haus von Mrs. Torelli geht, um Brennholz für sich und seine Freunde zu besorgen. Was er im Haus mit Mrs. Torelli getan hat, um sich das Holz zu verdienen, wird nicht explizit gesagt, aber doch deutlich gemacht. Forschungsfrage für spätere Recherche: Ab wann gibt es diese Art Lücken? Lücken aus Diskretion gibt es jedenfalls mindestens seit Cervantes.

Dann gibt es noch die Fragen, die deshalb nicht im Text beantwortet sind, weil sie so nicht im Text gestellt werden. “Scheitert Werther an sich oder an seiner Umwelt? Erörtern Sie!”, wie wir im Erörterungsbusiness gerne mal von Schülern wissen wollen. In Pride and Prejudice and Zombies von Jane Austen und Seth Grahame-Smith gibt es im Anhang eine Sammlung solcher Fragen, darunter etwa:

8. Vomit plays an important role in Pride and Prejudice and Zombies. Mrs. Bennet frequently vomits when she’s nervous, coachmen vomit in disgust when they witness zombies feasting on corpses, even the steady Elizabeth can’t help but vomit at the sight of Charlotte lapping up her own bloody pus. Do the authors mean for this regurgitation to symbolize something greater, or is it a cheap device to get laughs?

Ein Text mit vielen solcher Leerstellen, Stellen zum Einhaken, regt dazu an, diese Leerstellen zu füllen – anders als bei unseren Beispielen oben geschieht diese Füllung in der Schule aber nicht beliebig, sondern eng am Text festgemacht. Nein, Effi Briest ist nicht von Außerirdischen manipuliert worden.

(Charles G. Finney ist in The Circus of Dr Lao so nett, in einem Anhang “The Questions and Contradictions and Obscurities” aufzulisten – offene Fragen des Buchs, etwa: “9. If the circus didn’t come to Abalone on the railroad and didn’t come on trucks, how did it get there?”)

Andere Leerstellen entstehen durch Lücken in der Überlieferung. Hat Sigurd/Siegfried Brünhild schon bei einem früheren Abenteuer getroffen und sich mit ihr verlobt, oder war der Trick mit dem Feuer, als er sich für Gunnar/Gunther ausgegeben hat, doch die erste Begegnung?
Die Lieder-Edda, einer der beiden wichtigen Quellen zur germanischen Mythologie, ist in vor allem einer Handschrift überliefert, dem Codex Regius (Wikipedia). Ein Text darin wird als das kürzere Sigurdslied bezeichnet (das mit 71 Strophen recht lang ist), allerdings fehlt ein entsprechendes längeres Sigurdslied. War das etwa in der Lücke mitten in der Handschrift, wo ein ganzer Bogen mit geschätzt acht Blättern entfernt wurde? Tolkien hat das vermutet. Jedenfalls hat er zwei lange Lieder zu diesem Stoff selbst gedichtet, auf Englisch, aber in germanischer Strophenform, die 2009 als The Legend of Sigurd & Gudrún veröffentlicht wurden. Das erste Gedicht darin nennt Tolkien auch (allerdings auf Altnordisch) “das längste Sigurdslied”. In den Liedern versucht Tolkien auch, überlieferte Widersprüche im Verhältnis zwischen Brünhild und Sigurd aufzulösen.

Weitere Lücken sind – etwas vereinfachend gesagt – auf Fehler des Autors zurückzuführen. Sheridan starb tatsächlich 1816, auch wenn Verne etwas anderes behauptet. Die Frau von Sancho Panza wechselt im Don Quijote von Cervantes ihre Namen zwischen Juana Gutiérrez, Mari Gutiérrez, Teresa Panza und Teresa Cascajo. (Weitere Fehler im 1. Band werden in Kapitel 3. des 2. Bandes thematisiert, als man Don Quijote von der Existenz des Don Quijote erzählt.) Und die Augen von Madame Bovary ändern ihre Farbe von braun zu schwarz zu blau.

Selbst der große Homer schläft manchmal, sagt Horaz, etwa wenn Menelaos in der Ilias Pylaimenes im Kampf tötet, derselbe aber später wieder lebt. Später werden wir jemandem begegnen, der viele solcher anregender Flüchtigkeitsfehler beging und uns dadurch große Freude macht. Diese Fehler heißen auch continuity errors, und auf continuity, ein Begriff ursprünglich aus der Filmsprache, werden wir noch zu sprechen kommen.

Kurzer Einschub 1: Auch Lücken in der Geschichtsschreibung regen an, sie zu füllen. Wer war der Mann mit der eisernen Maske? Alexandre Dumas gibt in einem Roman die Antwort. Wer war Jack the Ripper wirklich? Viele, viele Geschichten haben sich dieser Frage angenommen. Dann gibt es noch die Abenteuer um Flashman (Blogeintrag), der sich durch die Geschichte des 19. Jahrhunderts windet, oder beiläufige Erklärungen wie die von Achim von Arnim: “Das Warten auf diese Nachrichten [von der Titelheldin der Novelle "Isabella von Ägypten, Kaiser Karl des Fünften erste Jugendliebe"] war die Ursache seines unbegreiflichen Zögerns, ehe er aus den Niederlanden nach Spanien ging.”

Kurzer Einschub 2: Der Gedanke, dass ein vorliegender Text überhaupt Fehler enthalten kann und dass man versuchen kann, ihn zu verbessern, ist alt. Die textkritische Methode (Wikipedia) versucht, aus dem Vergleich verschiedener Fassungen einen Urtext zu rekonstruieren, also den Text, auf dem die erhaltene Fassung basiert. Möglicherweise ist bei manchen Textsorten aber bereits der Gedanke, es gäbe einen Urtext, irreführend.
Die historisch-kritische Methode der christlichen Kirchen geht über die reine Textkritik hinaus und versucht, einen Text in einem historischen Zusammenhang zu deuten und zu verstehen. Christliche Fundamentalisten lehnen das ab, lassen aber die Textkritik zu – siehe die Chicago-Erklärung des Internationalen Rats für biblische Irrtumslosigkeit.

Wer macht denn eigentlich diese Fehler? Ist das ein Fehler in der Überlieferung, hat der Drucker einfach schlampig gearbeitet? Ist es der Autor, etwa Cervantes, der sich die Namen seiner Nebenpersonen nicht merken kann? Oder ist es der Erzähler selbst, dem der Fehler unterläuft (und der demnach vom Autor bewusst eingesetzt wird)? Im Don Quijote stammen nur die ersten acht Kapitel vom ersten Erzähler selber, alles andere hat ein gewisser Cide Hamete Benengeli auf Arabisch aufgeschrieben, und der Erzähler-Herausgeber hat sich das wiederum von einem Übersetzer vermitteln lassen. Vielleicht hat einer von denen Probleme mit Namen.

Der Gedanke, dass der Autor gar nicht selber die Geschichte geschrieben oder gar erfunden hat, sondern lediglich der Herausgeber eines Dokuments ist, das jemand anderes ihm zugespielt hat, ist weit verbreitet. Deshalb kommt jetzt ein Kapitel zur Herausgeberfiktion (Wikipedia).

3. “Natürlich, eine alte Handschrift”

Dieses Motto ist vorangestellt unserem:

Beweisstück C, stellvertretend für viele: Der Name der Rose

Die einführenden ersten Seiten des Romans erklären, wie es überhaupt dazu gekommen ist, dass ihn der Leser in Händen hält. Der unbenannte Herausgeber – nennen wir ihn der Einfachheit halber auch Umberto Eco, denn er behautet von sich, das Buch Apokalyptiker und Integrierte verfasst zu haben, und das ist von Eco – stößt 1968 zum Ende des Prager Frühlings auf ein Buch eines Abbé Vallet, 1842 erschienen. Es handelt sich um die französische Übersetzung eines lateinischen Buchs von Dom Jean Mabillon (17. Jahrhundert), das eine Handschrift aus dem 14. Jahrhundert wiedergibt (von Adson von Melk). Eco fertigt, aus Prag vor sowjetischen Truppen fliehend, eine Rohübersetzung des Vallet-Buchs an, bis ihm das Buch vor Salzburg abhanden kommt. Spätere Recherchen nach dem Buch bleiben weitgehend erfolglos, ja, es finden sich keine Spuren eines Abbé Vallet. Aber dann stößt Eco in Buenos Aires doch auf Adsons Spuren, die spanische Übersetzung eines vergriffenen georgischen Originals von Milo Temesvar, in dem als Quelle für Stellen aus dem Adson-Manuskript Athanasius Kircher genannt wird. Also beschließt Eco, auf Basis seines Materials die Geschichte von Adson in dessen Worten zu erzählen.

Diese ganze Vorrede ist ein Gemisch aus Erfundenem und Belegtem. Einen Abbé Vallet hat es nie gegeben, eine Dom Mabillon schon; der Prager Frühling ist historisch, das Buch nicht. Apokalyptiker und Integrierte gibt es, Milo Temesvar nicht, auch wenn der nicht von Eco erfunden wurde, sondern von einem Händler auf der Frankfurter Buchmesse Anfang der 1960er Jahre. Adson von Melk ist erfunden, Athanasius Kircher nicht. (Ach, noch einmal den Name der Rose mit Schülern lesen können!)

Ein wichtiger Topos ist hier eingebaut: Der Autor, der sich als Herausgeber tarnt. Dabei wird das Erzählte außerdem als tatsächlich Geschehenes vorgestellt, auch wenn der Herausgeber natürlich keine Garantie für den Wahrheitsgehalt übernehmen kann.

Das hatten wir oben schon bei Cervantes. Das gibt es schon bei den Ritterromanzen, über die sich Cervantes lustig macht. Das gibt es bei Goethes Werther, der mit einer ganz kurzen, aber ebenso falschen Vorrede beginnt wie bei Eco: “Was ich von der Geschichte des armen Werther nur habe auffinden können, habe ich mit Fleiß gesammelt und lege es euch hier vor, und weiß, dass ihr mir’s danken werdet.” Das geht von Edgar Allan Poes “MS. Found in a Bottle” (“MS.” steht für Manuskript, Handschrift) bis zu Cyril M. Kornbluths “MS Found in a Chinese Fortune Cookie”. Auch bei Lolita von Nabokov erklärt ein Vorwort des behandelnden Arztes das Zustandekommen des anschließenden Dokuments. Und nicht zuletzt stellt sich auch Philip José Farmer nur als Herausgeber von Das echte Log des Phileas Fogg dar, mit detaillierten Angaben zur Herkunft des Manuskripts, auf dem sein Text beruht.

Zur Fiktion gehört auch, dass der Herausgeber das macht, was ein anständiger Herausgeber so tut: Er bearbeitet und annotiert. Ernst Penzoldt fungiert in Die Powenzbande als Museumskustos und schreibt Vorworte zu den verschiedenen Ausgaben und einen erfundenen bibliographischen Anhang zum Thema. Im Werther gibt es Fußnoten unter anderem zu den Briefen vom 26. Mai, vom 16. Junius und vom 17. Februar, in denen zum Beispiel als Gründe für Streichungen angegeben werden, “niemand Gelegenheit zu einer Beschwerde zu geben” oder dass “man nicht glaubte, eine solche Kühnheit durch den wärmsten Dank des Publikums entschuldigen zu können.” Nach dem 6. Dezember kommt eine direkte Ansprache: “Der Herausgeber an den Leser.” Und die Manuel-Biographie meines geschätzten James Branch Cabell ist voller gelehrter Zitate, erfundenen und anderen, Kommentaren zur Entstehungsgeschichte, bis hin zu einer ausführlichen Genealogie der Nachfahren von Manuel – einschließlich Alessandro de Medici, William Shakespeare, Robert Herrick, William Wycherley, Alexander Pope und Richard Brinsley Sheridan, eben jener vom ersten Absatz bei Jules Verne oben.

Neben dem Spiel mit dem Herausgeber gibt es auch die bewusste Täuschung, etwa bei James Macphersons Ossian, den auch Goethe und Werther für die Übersetzung authentischer frühmittelalterlicher Dichtung halten.

Die Herausgeberfiktion wird häufig von weiteren Anstrengungen begleitet, die die Fiktion aufrecht erhalten, es handelte sich bei dem Erzählten um tatsächlich Geschehenes: Man mischt möglichst viel tatsächliche Ereignisse ein. Bei Werther gibt es das nicht, aber bei Eco stimmen viele der Daten und Angaben in seiner Vorrede. Deshalb auch die vielen Fußnoten bei den Flashman-Romanen von George Macdonald Fraser, in denen der Herausgeber seinen Erzähler Flashman schon mal korrigiert, wenn dessen Erinnerungen nicht zur geschichtlich anerkannte Überlieferung passen.

Kriminalgeschichten, Herausgeberfiktion und Lücken im Text werden im nächsten Kapitel in einer erfolgreichen Kombination auftauchen: bei Sherlock Holmes.

4. Anwendungsbeispiel: Sherlock Holmes und The Game

Beweisstück D: Sherlock Holmes

Kaum eine Figur der Literatur hat so zur kreativen Auseinander- und Fortsetzung angeregt wie Sherlock Holmes. Warum ausgerechnet er? Später kann ich vielleicht einen neuen Gedanken zur Erklärung beitragen, vorerst will ich nur die Art der Auseinandersetzung beschreiben, die als The Game bezeichnet wird.

Schon bald wurde Holmes von manchen Leuten für eine echte Person gehalten; die ersten an Holmes gerichteten Briefe in der Sammlung Letters to Sherlock Holmes (ed. Richard Lancelyn Green, Penguin 1985) stammen von 1904, und sicher gibt es frühere. Nur wenig später begannen andere Leute, so zu tun, als sei Holmes eine echte Person. Die Spielregeln für the game: Holmes und Watson sind bzw. waren reale Personen; Watson hat die Abenteuer von Holmes geschrieben; Conan Doyle war der literarische Agent Watsons – eine Doyle aufgenötigte Version der Herausgeberfiktion also. (Literary Agent Hypothesis bei TV Tropes.) Der Sherlock-Holmes-Kanon besteht aus 4 Romanen und 56 Erzählungen, die gewisse Widersprüche und logische Fehler enthalten. In der ersten Kurzgeschichte taucht ein König von Böhmen auf; es gibt aber keinen solchen – wie erklärt man das? (Antwort: Watson verschleiert die tatsächliche Identität des adligen Klienten, über den die spielerische Forschung Spekulationen angestellt hat.) Im ersten Roman wird Watsons Kriegsverletzung an der Schulter platziert, im zweiten am Bein – also wo jetzt? Im zweiten Roman, der Ereignisse aus dem Jahr 1888 wiedergibt, ist Watson mit Mary Morstan verheiratet, 1894 ist er wieder allein (nach einem “schmerzlichen Verlust”), 1903 hat er Holmes gegen eine Ehefrau eingetauscht. Wieviele gab es denn? Es gibt Theorien mit einer, zwei und drei Ehefrauen, neben obskureren Varianten wie der von zwei Watsons mit je einer Ehefrau.

Mit der textkritischen und historisch-kritischen Methode versucht also die spielerische Holmes-Forschung, Lücken im Text zu erklären, und davon hat Doyle viele hinterlassen. Für die vielleicht zentrale Geschichte, “The Final Problem”, in dem sich Holmes mit seinem Erzfeind Moriarty die Reichenbachfälle hinabstürzt und zumindest scheinbar ums Leben kommt, zählen Albert Silverstein und Myrna Silverstein in “Concerning the Extraordinary Events at the Reichenbach Falls” fünfzehn Ungereimtheiten auf, die erklärt werden wollen. Diese Ungereimtheiten können auch in der literarischen Auseinandersetzung mit Doyle erklärt werden:

Beweisstück E: The Seven-Per-Cent-Solution

Ausgangspunkt für dieses Roman ist das oben erwähnte “The Final Problem” und die Methode ist – nicht zufällig – die gleiche, wie sie Philip José Farmer in Das echte Log des Phileas Fogg anwendet: Lücken im Text entdecken und mit einer eigenen Geschichte füllen.
Wieso haben wir vorher noch nie von Moriarty gehört? Was soll er angeblich Aufregendes über den altbekannten Binomischen Lehrsatz veröffentlicht haben? Was müsste man sich eigentlich denken, wenn der Kokain nehmende beste Freund einem eine solche Räuberpistole auftischt, die Rollläden herunterlässt und Angst vor Luftgewehren hat? Meyers Antwort – auf einer alten Handschrift beruhend, natürlich, mit genauer Herkunftsangabe – lautet: Die veröffentlichte Geschichte von Watson ist nicht die wahre, sondern eine veränderte Fassung der tatsächlichen Ereignisse. Holmes ist unter anderem durch den im Kanon belegten Kokainmissbrauch paranoid geworden, Moriarty weitgehend harmlos. (Ähnlich geschieht das auch in der letzten bisher gedrehten Episode von Sherlock, in der Moriarty die Welt von einem ähnlichen Szenario überzeugt.)

Neben der Herausgeberfiktion verleihen der Geschichte die eingebauten Fakten und Personen aus der realen Welt (Holmes und Watson reisen zu Freud nach Wien) und die verarbeiteten Elemente des Originaltexts zusätzliche Authentizität.

Beweisstück F: H. W. Starr, “A Submersible Subterfuge or Proof Impositive”

Dieser Aufsatz von 1959 deckt Widersprüche zwischen den beiden Jules-Verne-Romanen 20 000 Meilen unter den Meeren und Die geheimnisvolle Insel auf. Im ersten Roman wird die Nautilus des Kapitän Nemo 1866 zum ersten Mal gesichtet, 1968 geht sie ihm Malstrom unter. Nemo wird auf 35-50 Jahre geschätzt. Es fällt kein Wort über irgend etwas Exotisches in der Mannschaft. Im zweiten Roman tauchen Nemo und die Nautilus wieder auf – nur ist Nemo jetzt sehr alt und silberhaarig, ein indischer Prinz, “Dakkar”, im Exil, und die Handlung spielt 1865. Starr verwirft den zweiten Roman als reine Erfindung Jules Vernes, während der erste auf ein Manuskript von Professor Aronnax zurückgeht. (Natürlich, möchte man sagen.) Dann widmet er sich der Frage nach der Identität Nemos und argumentiert, dass Nemo niemand anderes als Moriarty ist! Philip José Farmer teilt manche dieser Ansichten, deshalb enthält Das echte Log auch den Starr-Aufsatz im Anhang. Auch bei Farmer sind Nemo und Moriarty dieselbe Person.

— Eine weitere Art Leerstellen möchte ich eigens erwähnen. Wenn man einmal das Herausgeberfiktionsspiel spielt und die erzählten Geschehnisse für real nimmt, dann hält man natürlich auch die Personen für real. Und dann kann man sich fragen, was die Personen vor und nach der Handlung des Ausgangstextes getrieben haben. Und schon hat man:

Beweisstücke G-J: Fiktionale Biographien

  • William S. Baring-Gould, Sherlock Holmes of Baker Street
  • William S. Baring-Gould, Nero Wolfe of West Thirty-fifth Street
  • Philip José Farmer, Tarzan Alive
  • Philip José Farmer, Doc Savage: His Apocalyptic Life

Das ist nur eine Auswahl, hier gibt es weitere fiktionale Biographien, etwa von Horatio Hornblower, Leopold Bloom und Jeeves. Der Archteyp ist die Holmes-Biographie von 1962. Mit textkritischer, historisch-kritischer Methode und vielleicht etwas Phantasie rekonstruiert Baring-Gould das Leben von Sherlock Holmes, Herkunft, Geburt, Nachkommen. Ja, es gibt Anzeichen dafür, dass Holmes Kinder hinterlassen hat. Eines davon ist Nero Wolfe, Thema der zweiten Biographie von Baring-Gould (1969, postum erschienen).

1972 erschien Tarzan Alive von Philip José Farmer, eine Biographie Tarzans. Eben bei den Recherchen dafür war Farmer auf die Familie von Sir Beowulf William Clayton gestoßen, zu dessen Vorfahren sogar tatsächlich auch Phileas Fogg gehört, wie sich herausstellt. Auch sonst ist die Verwandtschaft illuster: John Clayton ist – schon bei Edgar Rice Burroughs – der echte Name Tarzans. (Der Titel der Familie ist allerdings nicht “Greystoke”, ein Blick in den englischen Adel zeigt, dass es diese Familie nicht gibt. Burroughs hat aus Gründen der Diskretion den tatsächlichen Familiennamen verschleiert, und Farmer folgt dieser Tradition.)

Bei den Recherchen zum Stammbaum Tarzans stößt Farmer auf überraschend viele bekannte Namen, darunter Elizabeth Bennet und Fitzwilliam Darcy, aber auch Sir Percy Blakeney, besser bekannt als the Scarlet Pimpernel). Mit einer weiteren Biographie, nämlich der von Doc Savage, baut Farmer das System aus.

5. Anwendungsbeispiel: Wold Newtonry

Beweisstück J: Doc Savage: His Apocalyptic Life

Doc Savage ist der Held von 181 Abenteuergeschichten, 1933-1949 erschienen (Blogeintrag dazu, schon von 2004, aber tatsächlich noch im letzten Jahrtausend entstanden).

Doc Savage. His Apocalyptic Life erzählt seine Geschichte, indem Farmer, wie wir es schon kennen, das Material der kanonischen Texte analysiert, Lücken verschiedener Art findet und auf verschiedene Art schließt. Er verankert die Ereignisse in der Realität, indem er historische Fakten in die Biographie einbaut. Das, und Elemente aus anderen Geschichten – aus vielen anderen Geschichten.

Wir erfahren, wie Monk Mayfair, ein recht auffälliges Mitglied aus Savages Team, im Ersten Weltkrieg einen amerikanischen Krankenwagenfahrer traf, der Monks Beschreibung an Ernest Hemingway weitergab, der sie später für Harry Morgan in To Have and Have Not verwendete (p. 121). William Harper Littlejohn, ein anderes Mitglied, unterrichtete laut Farmer an der Miscatonic University in Arkham und war möglicherweise der Anführer der Miscatonic-Expedition in die Antarktis von 1929, über die Howard Philips Lovecraft Details erfahren haben muss, die er für At the Mountains of Madness verwendete (p. 148). Laut einem Savage-Roman soll es in Südamerika Menschenaffen geben, was der zoologischen Forschung allgemein noch nicht bekannt ist. Allerdings hat auch Professor Challenger bei einer Amazonas-Expedition Menschenaffen entdeckt. (Challenger kennt man von The Lost World von Conan Doyle.) Als Savage als Kind einmal davon lief, wurde Sam Spades Vater beauftragt, ihn zu suchen (p. 37); unterrichtet wurde Savage in seiner Jugend – aus Gründen, die in der Biographie genau erklärt werden – von den größten Geistern seiner Zeit, darunter auch Sherlock Holmes, einem entfernten Verwandten.

Kernstück von Farmers Werk ist die Sache mit Wold Newton. Wold Newton ist ein kleiner Weiler in Yorkshire. Am 13. Dezember 1795 schlug ein paar Meilen außerhalb ein Meteorit ein. Das ist historisch gesichert. Weniger bekannt ist, dass sich zum Zeitpunkt des Einschlags und ganz in der Nähe des Einschlagorts zwei große Kutschen mit insgesamt 14 Passagieren und vier Bediensteten befanden, die von einer bisher noch nicht identifizierten Strahlung des Meteoriten getroffen wurden. Diese Strahlung veränderte die DNA der Reisenden nachhaltig, so dass unter ihren Nachkommen ungewöhnlich viele übermächtige Personen sind, die zu großen Helden oder Schurken der Weltgeschichte wurden: Tarzan, Doc Savage, Sherlock Holmes, James Moriarty, Leopold Bloom, Sam Spade, Philip Marlowe, James Bond, Wolf Larsen (der Seewolf), Allan Quatermain, Fu Manchu, Lord Peter Wimsey und viele, viele andere. Zu den Passagieren der Kutsche gehörten auch Fitzwilliam Darcy und Elizabeth Bennet (aus Pride and Prejudice); zu den Vorfahren (natürlich nicht vom Meteor beeinflusst) gehören Manuel von Poictesme (James Branch Cabell) und Solomon Kane (Robert E. Howard).

Details und eingescannte Stammbäume gibt es auf dieser Seite zu Farmer und den Wold-Newton-Abkömmlingen.

Beweisstück K: The Secret History of the World

So wie das Game der spielerische Umgang mit Sherlock Holmes ist, ist Creative Mythology (Farmers Begriff) oder Wold Newtonry der spielerische Umgang mit dem Szenario, das Farmer entworfen hat. Die Liste von Werken, die man untersuchen und diskutieren kann, ist dabei enorm gewachsen – und ständig kommen neue hinzu.

Denn die Grenzen des Wold-Newton-Universums sind noch nicht abgesteckt. Wenn – laut Farmer – Doc Savage im selben Universum spielt wie Sherlock Holmes und Sherlock Holmes im selben Universum wie Billy Bunter (Blogeintrag), dann gehört Billy Bunter auch ins Doc-Savage-Universum – wie jeder andere aus einem Holmes-Crossover, und davon gibt es viele.

Win Scott Eckert ist so etwas wie der Kustos des Wold-Newton-Universums. Autor von Romanen, Herausgeber von Aufsatzsammlungen und Sammler und Herausgeber von Crossovers: A Secret Chronology of the World. Band 1 habe ich schon gelesen und Band 2 darf ich erst anfangen, habe ich mir vorgenommen, wenn ich diesen Blogeintrag zu Ende geschrieben habe, dessen Anfänge im letzten Jahrtausend liegen.

Zum Crossover-Universum gehören alle Angehörigen des Wold-Newton-Kreises bei Farmer, und die Geschichten über sie. Nachdem diese Figuren in verschiedenen Crossover-Erzählungen weitere literarische Figuren getroffen haben, gehören auch diese Figuren ins Crossover-Universum. Und so weiter, mit gewissen Einschränkungen, weil sonst bald jede Figur der populären Literatur dazu gehört, die zu kreativer Auseinandersetzung einlädt – was es immer schwieriger macht, die Widersprüche zwischen den einzelnen Texten aufzulösen und zu erklären. Crossovers bringt das Geschehen all dieser Texte in eine chronologische Ordnung. Band 1 beginnt vor 6 Millionen Jahren, zusammenhängender werden die Ereignisse ab 20.000 BCE (die Kull-Geschichten von Robert E. Howard), und richtig dicht wird die Chronologie ab dem 16. Jahrhundert mit Kit Walker, dem ersten Phantom; mit Solomon Kane; mit Don Quijote und dem ersten Zorro. Ab dann geht es Schlag auf Schlag.

- So, das war jetzt Teil 1, eigentlich nur eine Zusammenfassung von Material. Teil 2, zu dem ich hoffentlich bald komme, enthält darüber hinaus ein paar eigene Gedanken, mit denen ich den Bogen zu meinem Ausgangspunkt schlagen möchte.

Laienhafte Notizen zu germanischer Dichtung (mit Weltende)

Ja, die Germanen. Eine völkerwandernde Gruppe von Sprechern verwandter indoeuropäischer Dialekte. Grob kann man die Dialektgruppen Nordgermanisch (die Nachfolger davon in Skandinavien und Island), Ostgermanisch (Gotisch gehört dazu, Nachfolger gibt es keine mehr) und Westgermanisch (Althochdeutsch, Altenglisch, Altniederdeutsch/Altsächsisch) unterscheiden; es gibt natürlich noch weitere Klassifizierungen.

Die Germanen auf dem Großteil des Kontinents, also die Sprecher westgermanische Dialekte, hinterließen nicht viele schriftliche Zeugnisse. Ein paar Namen sind noch da: Donar, der Donnergott, nach dem der Donnerstag benannt ist; Wodan/Wotan, auf den Wednesday zurückgeht. (Auch die meisten anderen Wochentagsbezeichnungen gehen auf germanische Götter zurück – die Germanen übernahmen die 7-Tage-Woche von den Römern und ersetzten die römischen Götter durch entsprechende eigene. So wurde aus dem Tag des Jupiter – dies iovis, jeudi, jueves – der Tag des Donar; beides sind Donnergötter. Und aus dem Tag des Merkur – dies mercurii, mercredi, miércoles – wurde eben der Tag des Wodan; beide kann man als Trickster-Götter sehen.)
Was man über die germanische Götterwelt weiß, weiß man hauptsächlich aus nordgermanischen Quellen, und in diesen Dialekten heißen die beiden genannten Götter Thor und Odin, und bei diesen Formen der Namen bleibe ich jetzt auch.

Kennengelernt habe ich Thor natürlich hier:

marvel_thor

Lief ja auch neulich im Kino. Und deshalb habe ich schon als Kind die germanischen Sagen gelesen. Die Göttersagen jedenfalls, die Heldendichtung weniger. Überliefert sind viele Sagen vor allem in zwei Werken, die dummerweise beide Edda heißen. Das eine Buch beginnt tatsächlich mit den Worten “Dieses Buch heißt Edda”, es heißt auch Prosa-Edda, weil viel davon in Prosa geschrieben ist, oder Snorra-Edda, nach dem Autor, Snorri Sturluson. Das andere, bekanntere, wird in Anlehnung an das erste Buch Lieder-Edda genannt, oder auch Ältere Edda, weil man früher davon ausging, dass es vor dem ersten Buch entstanden ist – was aber wohl nicht stimmt.
Die Lieder-Edda ist eine Sammlung vollständiger, aber unverbundener Götter- und Heldensagen. Geschrieben ist sie in stabgereimten germanischen Langzeilen, vier davon je Strophe.

Hier eine Strophe aus der “Heimholung des Hammers”. Der Riese Thrym hat Thors Hammer gestohlen und will ihn nur herausgeben, wenn er Freyja zur Frau erhält. Loki und Thor machen sich auf, den Hammer zurückzuholen – Thor verkleidet als Freyja, Loki als Zofe. Eine Idee Lokis, natürlich. Die vermeintliche Freyja fällt erst einmal durch recht männlichen Hunger und Durst auf. Schließlich fordert Thrym einen Kuss und hebt den Schleier der vermeintlichen Braut:

Kusslüstern lüftete das Linnen der Riese;
Doch weit wie der Saal schreckt’ er zurück:
“Wie furchtbar flammen der Freyja die Augen!
Mich dünkt es brenne ihr Blick wie Glut.”
(Übersetzung: Karl Simrock)

Und dann beginnt auch schon die Prügelei.

— Weniger bekannt, aber auch sehr reizvoll ist die Snorra-Edda, und in der habe ich neulich etwas herumgelesen. Sie stammt aus derselben Zeit wie die anonyme Lieder-Edda, dem 13. Jahrhundert, hat aber einen ausgemachten Autor: Snorri Sturluson. Sturluson war ein isländischer mittelalterlicher Gelehrter, Christ natürlich. Island war spät christianisiert worden, aber zu Sturlusons Zeit schon durch und durch christlich. Allerdings wurden, anders als auf dem Kontinent, die Reste des germanischen Glaubens nicht groß bekämpft; sie hielten sich ohnehin nur als Sagenstoff. Im Gegenteil, die alten Sagen und Stoffe wurden geachtet, drohten aber in Vergessenheit zu geraten: Ihr Auftritt, Snorri Sturluson!
Der schrieb mit seiner Edda nämlich ein Lehrbuch für Dichter. Die altnordische Dichtung gilt – wir wissen das seit John Irvings The Water-Method Man – als sehr komplex, da zu ihrem Verständnis nicht nur formale Zusammenhänge beitragen (Metrik, Reim), sondern auch ein bestimmtes Vokabular (dazu später mehr) und ein großes Wissen um mythologische Zusammenhänge. All dieses Wissen wollte Sturluson bewahren und weitergeben, deswegen schrieb er sein Lehrbuch.

Die Sturluson-Edda besteht aus einem kurzen Vorwort, in dem Sturluson (wenn das Vorwort denn tatsächlich von ihm ist) den Sagenstoff in das aktuelle christliche Weltbild einordnet: Die germanischen Götter waren gar keine Götter, sondern menschliche Helden, die erst im Nachhinein zu Göttern verklärt wurden. Und zwar waren sie die Kämpfer um Troja, die danach auswanderten nach Europa – aus Asien nämlich, und deshalb wurden sie Asen genannt.
Darauf folgt ein etwas ausführlicherer Prosateil, in dem in einer Rahmenhandlung Göttersagen nacherzählt werden. (Das muss aber nicht heißen, dass diese Fassung tatsächlicher germanischer Religion entspricht. Zu dieser Zeit war das nur noch Folklore, und der Redakteur oder Autor Snorri ein Christ mit eigenen Schwerpunkten.)
Daran schließen sich zwei umfangreiche praktische Teile an, in denen anhand zitierter altnordischer Dichtung (von benannten und anonymen Dichtern, darunter auch Strophen, die sich fast gleichlautend in der Lieder-Edda finden) poetische Prinzipien der altnordischen Dichtung vorgeführt und erklärt werden. Die mythologische Abhandlung zuvor bildet quasi die Grundlage dafür.

So, das war der allgemeine Teil fast schon. Hier noch ein Ausschnitt aus der Snorra-Edda. Ragnarök: Das Schicksal der Götter ist gekommen, die meisten von ihnen werden zugrunde gehen. Die riesige Midgardschlange, auch Jörmungandr genannt, erhebt sich, der Geister-Kapitän Hrym sticht mit seinem Schiff Naglfar in See. (Das Schiff Naglfar: wird nach und nach aus den Fingernägeln Verstorbener gebaut. Zum Ende der Welt wird es gerade fertig geworden sein, deshalb ist es wichtig, den Toten die Nägel sauber zu schneiden.) Der Feuerdämon Surtur greift an; die Herrin der Unterwelt, Hel, empfängt viele Tote. In der Übersetzung von Karl Simrock:

Hrym fährt von Osten, es hebt sich die Flut;
Jörmungandr wälzt sich im Jötunmuthe.
Der Wurm schlägt die Brandung, aufschreit der Adler,
Leichen zerreißt er; Naglfar wird los.

Surtur fährt von Süden mit flammendem Schwert,
Von seiner Klinge scheint die Sonne der Götter.
Steinberge stürzen, Riesinnen straucheln,
Zu Hel fahren Helden, der Himmel klafft.

Bin nur ich das, oder erinnert das wirklich sehr an Jakob van Hoddis’ berühmtes “Weltende”:

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Parodiert der Hoddis am Ende tatsächlich die Ragnarök-Dichtung? Oder ist Katastrophendichtung eh immer gleich?


Bonusteil 1: Tolkien

Nur ganz kurz: der war ja Professor für Altenglisch/Angelsächsisch und las in einer Runde Gleichinteressierter isländische Sagas im Orginal. Vor zwei Jahren erschien ja seine Legende von Sigurd und Gúdrun, in stabgereimten Langversstrophen, in der er Lücken im Mythenkanon durch Neudichtung spielerisch schließt. Der Herr der Ringe knüpft stärker an germanische Dichtung an, als man meint (Fußnoten dazu in altem Blogeintrag). Hier nur kurz eine Auswahl an Namen von Zwergen, die an einer Stelle der Snorra-Edda aufgezählt werden: Dwalinn, Bifurr, Bafurr, Bömbur, Nori, Ori, Oinn, Thorinn, Fili, Kili, Gloinn. (Und Gandalf.) Nur Balin(n) muss aus einer anderen Quelle kommen.

Bonusteil 2: Kenningar

So beginnt Snorri den Abschnitt über die Dichtkunst:

Nun sollt ihr hören, wie die Skalden die Dichtkunst mit diesen Ausdrücken umschreiben [...]: zum Beispiel nennen sie sie Kwasirs Blut und Schiff der Zwerge, Zwergenmet, Asenmet, Auslöse des Riesenvaters, die Flüssigkeit von Odrödir und Bodn und Son [...], Flüssigkeit Hnitbörgs, Kampfesbeute Odins und Geschenk Odins.

Puh. Heute ist man von der Muse geküsst, aber das war es schon. Dass Zwergenschiff für Dichtkunst steht, kann man nur verstehen, wenn man den Mythos von der Entstehung der Dichtkunst kennt, und eben den hat Snorri deshalb zuvor erzählt. Diese Art der Umschreibung ist typisch für altnordische Dichtung und heißt Kenning. (Wikipedia deutsch, sehr viel ausführlicher Wikipedia englisch).

Die Kurzfassung: Kenningar bestehen immer aus zwei Begriffen, einem Grundwort und einem Bestimmungswort. Bei “Lindwurmlager” ist “Lager” das Grundwort, bestimmt wird es näher durch “Lindwurm”. Das Bestimmungswort kann auch im Genitiv stehen, vor- oder nachgestellt. Gemeint ist aber weder das eine noch das andere, sondern etwas anderes: in diesem Fall “Gold”. (Ist das verwandt mit dem, was im Germanistikstudium “Bahuvrihi” hieß?)

Beispiele für Kenningar:

Lindwurmlager, für: Gold
das Verderben der Zweige, für: Feuer
Bienenwolf (Beowulf), für: Bär
Zahnröter des Wolfes, für: Mann (get it?)
Wundbiene, für: Pfeil

Ich mag diese Kenningar, und irgendwann will ich mal Schüler darauf ansetzen. Eine Liste von Kenningar aus dem Schulalltag? Zuerst kämen wohl Allerwelts-BahuvrihiKomposita wie “Schaumschläger” und “Dünnbrettbohrer” heraus, man müsste also Neuschöpfungen verlangen. Ein Lehrer… Freudevernichter? Kreidezerstörer? Etwas episch-heldisch sollte es schon klingen.

Entschlüsseln kann man eine Kenning relativ leicht, wenn sie offensichtlich metaphorisch oder metonymisch ist, wie in den Beispielen oben. Wenn sie allerdings mythologischen Hintergrund hat, und das ist oft der Fall, dann braucht man dieses Hintergrundwissen:

Swafnirs Saalschindeln, für: Schilde (Swafnir=Odin, sein Saal=Valhalla, und deren Dach ist mit Schilden gedeckt)
Ymirs Schädel, für: Himmel (aus dem Schädel des Frostriesen wurde der Himmel erschaffen)
Zwergenschiff, für: Dichtung (zu lange Geschichte für hier)

Snorri Sturluson zählt in seiner Edda mehr oder weniger systematisch und anhand von Beispielstrophen wichtige Kenningar für Dichtkunst, Thor, Balder, Njörd, Freyr, Heimdall und andere Götter auf und erklärt sie. Leider habe ich online keine deutsche Übersetzung der poetologischen Teile der Prosa-Edda gefunden (Simrock hat nur die Mythen), hier gibt es immerhin den ersten poetologischen Teil auf Englisch.

Eine Auswahl von Kenningar und Heiti (siehe weiter unten) gibt es hier auf Deutsch, eine Datenbank altnordischer Kenningar mit englischen Übersetzungen gibt es hier und, semantisch klassifiziert, hier.

Und jetzt für Fortgeschrittene: In einer Kenning kann das Bestimmungswort (manchmal auch das Grundwort) selbst durch eine Kenning umschrieben werden. “Fütterer der Kriegs-Möwen” bedeutet dann “Fütterer der Raben”, bedeutet dann: “Krieger”. Und “Zerstörer des Hungers des Adlers” bedeutet dann “Fütterer des Adlers”, bedeutet dann: “Krieger”. Und, man ahnt es schon, auch diese nunmehr dreiteilige Kenning kann erweitert werden, indem man wieder einen Begriff durch eine Kenning ersetzt. Und so weiter:

Fjordknochen: Steine
Männer der Fjordknochen: Felsriesen
Brandung der Hefe der Männer der Fjordknochen: Bier der Riesen (=Dichtkunst) bzw. ihr Vortrag
(aus der Übersetzung von Arnulf Krause)

Das hat schon was von cryptic crossword puzzle. Snorri empfiehlt als Grenze für verständliche Kenningar maximal fünf Teile, die längste überlieferte Kenning besteht aus neun:

nausta blakks hlé-mána gífrs drífu gim-slöngvir oder nausta blakks hlémána gífrs drífu gimsløngvir
“Feuerschwinger des Schneegestöbers des Trolls des Schutzmonds des Rosses des Bootshauses”
Ross des Bootshauses: Boot
Schutzmond des Boots: Schild
Troll (=Feind) des Schilds: Axt
Schneegestöber der Axt: Kampf
Feuerschwinger des Kampfes: Krieger
(meine Übersetzung aus dem Englischen, daher vielleicht falsch)

Es zeichnet sich ein Muster ab: wenn man nicht weiß, was eine Kenning bedeutet, liegt man mit “Krieger” oft nicht falsch. Der zweite Tipp ist dann wohl “Odin”.

Bonusteil 3: Heiti (und grammatische Traktate)

Eine weitere Zutat altnordischer Dichtung sind Heiti (Wikipedia englisch). Auch das sind (in der heute verbreiteten Bedeutung) synonyme Umschreibungen, anders als die Kenningar bestehen sie aber nur aus einem einzigen Begriff. Sie sind kulturell festgelegt, man muss halt wissen, dass “Eber” für “Fürst” steht, “der Gierige” für “Feuer”, “Baum” für “Mann” und “Salz” für “Meer”.
Über Heiti habe ich im Web nicht viel gefunden. Eine Liste von Heiti soll im Dritten grammatischen Traktat stehen. Also: Es gibt einen Codex Wormianus. Der enthält unter anderem die einzelnen Abschnitte der Snorra-Edda und vier grammatische Traktate. Der dritte Traktat stammt von, Moment, Óláfr Þórðarson, einem Neffen von Snorri. Am meisten dazu habe ich noch hier gefunden.
Der erste grammatische Traktat (anonym, um 1150) sieht aber auch interessant aus. Darin werden Vorschläge zu einer systematischen Schreibung des Altisländischen gemacht. Das Lautsystem wird anhand von Minimalpaaren untersucht, neue Vokalgrapheme werden vorgeschlagen und die Markierung von Langvokalen und Nasalen durch diakritische Zeichen. Da wirkt das Mittelalter gleich etwas weniger finster.

Weiterführende Lektüre, neben den verlinkten Quellen:

  • Anfangen mit einer Nacherzählung germanischer Sagen und Mythen, etwa: Germanische Götter- und Heldensagen, nach den Quellen neu erzählt von Reiner Tetzner.Stuttgart: Reclam 1997. Sehr vollständig.
  • Erst dann die Edda des Snorri Sturluson. Ich fand verständlich die Fassung von Arnulf Krause (Reclam 1997), der die Verse wörtlich übersetzt und dabei die Metrik nicht berücksichtigt. Leider fehlt der letzte poetologische Teil von Sturluson. Bei Wikipedia gibt es die alte metrische Simrock-Übersetzung beider Eddas, da fehlen aber noch größere Teile der Snorra-Edda.

Erzählen mit Perspektivenwechsel, die Schulaufgabe

Bei den letzten Schulaufgaben (für Leute außerhalb Bayerns: angekündigte, benotete Aufsätze, heftig benotet) meiner 6. Klasse habe ich mich beim Korrigieren sehr unterhalten. Eines der Themen, angelehnt an diese Übung (und die), sah so aus:

Zwei Leute haben sich verabredet, um ins Kino zu gehen. (Möglich: Kind/Elternteil, Freunde.) Einer von beiden ist pünktlich und wartet vor dem Kino und wird ungeduldig oder besorgt, weil der andere nicht kommt. Der oder die andere hat sich verspätet und beeilt sich sehr, um noch rechtzeitig zu kommen.
Erzähle das, indem du zwischen den Perspektiven der beiden abwechselst. Schildere anschaulich das Innenleben der beiden. Schreibe unterhaltend, aber übertreibe nicht; benutzte Vergleiche oder Metaphern. Am Schluss der Erzählung sollen Sie sich treffen.
Erzähle in der 3. Person.

Die Schülerinnen und Schüler haben viele Varianten dazu gemacht – Freunde, Freundinnen, Kinder und getrennt lebende Elternteile. Sehr häufig war auch das Liebespaar, das sich verabredet hatte – und an das ich beim Themenstellen gar nicht gedacht hatte. Hier die schöne Lösung einer Schülerin – 6. Klasse, 55 Minuten Arbeitszeit, 770 Wörter, gelegentliche Rechtschreib- und Kommafehler verbessert, Absätze waren bereits in dieser Form vorhanden:

Er rümpfte seine Nase. Es war schon viertel vor acht. In fünfzehn Minuten würde der Film beginnen anfangen. Irgend so eine romantische Schnulzengeschichte. Ein tiefer Seufzer entwich ihm. Von so viel Liebe und Personen, die sich Namen wie “Schnuckebärchen” oder “Honigkuchenpferd” gaben, hatte er wenig Ahnung. Ihm waren diese Leute relativ egal. Trotzdem wartete er nun schon seit geschlagenen weiteren 15 Minuten vor dem riesigen Kino, dessen Leuchtschriften und Plakate die nächtliche Atmosphäre dieses Stadtteiles etwas erhellten. Obwohl seine digitale Armbanduhr, auf die er in der vergangenen Zeit mehrmals nervös und stöhnend einen Blick geworfen hatte, erst 20.50 Uhr zeigte, lag die zu kleine Nebenstraße des Kinos verlassen vor ihm. Eigentlich wollte er gar nicht hier sein. Er hätte genau so gut zu Hause bleiben und einen gemütlichen Abend verbringen können. Aber wieder einmal hatte ihn seine Freundin Stella dazu überredet, ihr diesen einen Gefallen zu tun. Wie immer war das Argument, dass es nur dieser eine war und er in letzter Zeit viel zu wenig bei ihr war. Tja, wie immer eben. Was tut ein Mann nicht alles, um die Welt der Frauen erträglicher zu machen.

Sie musste sich beeilen. Ihr ausgemachter Zeitpunkt wäre bereits um halb acht gewesen. Nun blieben ihr nur noch sieben Minuten um ihren Weg zum Kino zu schaffen. Wieso war sie nicht mit der S-Bahn oder dem Bus gefahren? Und wieso hatte ihr Vater ausgerechnet heute dieses, wie er immer betonte, superwichtige Meeting seiner Firma, bei dem er natürlich unbedingt den Wagen für sich beanspruchte. Sie atmete tief die kalte Luft durch ihre Nase ein, ließ sie hörbar wieder hinaus. An jenem Abend hatte einfach nichts klappen wollen. Ihre Haare sahen aus wie gehäuftes Stroh, ihr Make-up machte sie sicherlich zu einem Clown im Abendkleid. Vor ihren Augen konnte sie schon ihre Mitschüler über sie tratschen sehen. Mit Worten wie: “Hast du schon gehört?” und “Ich sag es ja, eine richtige Vogelscheuche!” würde sie das Gespött der Schule werden. Der einzige Trost bestand darin, dass sie mir ihrem Freund Derek für einen Liebesfilm verabredet war. Man hörte nur die romantischsten Dinge über ihn. Himmlisch. Diese Erkenntnis malte ihr ein erleichtertes Lächeln auf ihr Gesicht. Nur er und sie. Verborgen ihm Dunklen des Kinosaales.

Na, toll. Da nahm er sich extra den Abend frei und sie ließ ihn einfach so sitzen. Drei weitere Minuten verstrichen ohne auch nur die kleinste Regung. Aber Moment! Das hieß ja auch, dass er nur noch vier Minuten hatte, bis er sie hier in der Kälte stehen lassen konnte. In seinem Kopf spielte sich ein weiterer Film ab: Er ging. Sie kam und… sie heulte. Nein. Das konnte er nicht machen. Nicht nachdem er es nun schon so weit gemeistert hatte. OK. Er musste ganz ruhig bleiben. Er musste einfach an schönere gemeinsame Zeit mit ihr denken. Ja. Es half ein wenig. Dies war der Beweis, dass er sie wirklich liebte. Na, gut. Ein Film. Ein lächerlicher Film. Was war das schon für eine Aufgabe für einen Mann wie ihn. Schulter zurück. Brust raus. Cool bleiben. Ja. Das war ein Mann.

Sie blieb abrupt stehen, kramte einen kleinen Kosmetikspiegel aus ihrer Handtasche hervor und warf einen letzten, prüfenden Blick hinein. Ihre Vermutung hatte sich bestätigt. Zum Teil. Lächeln. Einfach lächeln. Wenn ihm wirklich etwas an ihr lag, würde er über die kleine Schminkpanne hinweg sehen. Noch einmal atmete sie tief durch, ehe sie den Spiegel zurück steckte, ihr Sonntagslächeln aufsetzte und um die Ecke vor dem großen Gebäude des Kinos eilte. Sie beschleunigte ihren Gang, als sie ihn sah. Er sah umwerfend aus im Schein der Lampen, die in alle Richtungen ihren Glanz warfen. Majestätisch. Ja. Fast schon göttlich.

Da war sie. Endlich. Mit langen Schritten kam er ihr, um Lässigkeit bemüht, entgegen. Sie wirkte süß, gleichzeitig jedoch auch stilbewusst und elegant. Wunderschön. Aber ihr Lächeln übertraf jedes noch so strahlende Model dieser Welt. Von ihm aus konnten zehn Heidi Klums auf ihn zu kommen; er hätte nur Augen für sie. Sie, seine große Liebe.

Wie schaffte er es nur, so entsetzlich ruhig zu bleiben? Tja, er hatte wohl viele versteckte Talente. Zu denen zählte auch die Kombination seiner Lederjacke, dem weißen Shirt und der verwaschenen Jeans, die er wie der Schöpfer der Coolness zum besten trug. Ihr Bauch kribbelte, als würden viele Schmetterlinge und Flugzeuge durch ihn ihre Loopings drehen. Dieser Abend würde trotz kleiner Katastrophen perfekt werden.

Als sich die beiden nach einer scheinbar endlosen Zeit trafen, fielen sie sich in die Arme. Dabei vergaßen sie fast schon wieder den Anlass, weshalb sie hier waren. Doch das war ihnen in diesem Moment egal. Zwei Menschen. Eine große Liebe.

Natürlich ist das ein bisschen übertrieben… aber besser als zu wenig innere Handlung. Der abgeschlossene Kurzroman als Aufsatzsorte?

(Fußnote fürs nächste Mal: Nicht alle Aufsätze waren so gut, auch wenn viele Einser dabei waren. Den Unterschied zwischen erlebter Rede und wörtlicher Rede muss ich besser erklären, der war nicht allen klar. Aber ähnliche Themen gibt es viele, und die werde ich auch in Zukunft ausprobieren. Kaufhausdetektiv und möglicher Ladendieb… oder bringe ich Schüler da auf falsche Gedanken?)

Der englische Schulroman (neue Abenteuer im Papierweb)

Ende der Sommerferien brachte ich mir aus England ein Buch mit, das mir zufällig untergekommen war: Stalky & Co von Rudyard Kipling. Ich hatte schon mal davon gehört, außerdem lese ich Kipling gerne (so gerne, dass ich einen Eintrag über ihn schreiben muss), und es war eine schöne Ausgabe. In neun Episoden werden darin die Abenteuer eines Triumvirats von Schuljungen an einer public school erzählt: Stalky, M’Turk und Beetle.

kipling_stalky Toll erzählt, wie fast immer bei Kipling. Er verzichtet auch weitgehend auf die Wiedergabe von Dialekt, die manche seiner Geschichten – und vor allem manche Gedichte – für mich unlesbar macht.

“In Ambush”

Die drei Helden werden vorgestellt. Selbstbewusste, selbstständige Außenseiter; machen nicht bei den semi-freiwilligen Football-Spielen mit, nicht mal als Zuschauer. Sie stehlen sich lieber heimlich davon, um zu rauchen und, äh, zu lesen. Ihr geheimes Lager befindet sich zur Zeit auf dem Grundstück eines streitbaren benachbarten Gutsbesitzers, der eigentlich gar nicht gut auf Fremde zu sprechen ist, die sich auf seinem Gelände herumtreiben. Die drei haben ihn sich mit folgender Szene zum Freund gemacht, die ich dreimal lesen musste, bevor ich sie verstanden habe. Der Hintergrund: die drei werden fast vom Aufseher erwischt, als er Schüsse aus seinem Gewehr abgibt. Statt sich davon zu machen, stürmt der junge M’Turk, selbst zukünftiger Landbesitzer, empört zum Gutsbesitzer:

He choked with emotion. M’Turk’s heel tapped the lawn and he stuttered a little–two sure signs that he was losing his temper. But why should he, the offender [i.e. the trespasser], be angry?
“Lo-look here, sir. Do–do you shoot foxes? Because, if you don’t, your keeper does. We’ve seen him! I do-don’t care what you call us–but it’s an awful thing. It’s the ruin of good feelin’ among neighbors. A ma-man ought to say once and for all how he stands about preservin’. It’s worse than murder, because there’s no legal remedy.”
M’Turk was quoting confusedly from his father, while the old gentleman made noises in his throat.
“Do you know who I am?” he gurgled at last; Stalky and Beetle quaking.
“No, sorr, nor do I care if ye belonged to the Castle itself. Answer me now, as one gentleman to another. Do ye shoot foxes or do ye not?”

Von einem Gentleman zum anderen, auf Augenhöhe sozusagen: es gibt nichts Schändlicheres, als nach Füchsen zu schießen. Fie! Der Aufseher wird natürlich sofort entlassen, der Gutsbesitzer entschuldigt sich vielmals.
Da rieb ich mir das erste Mal verdutzt die Augen und ich wusste, dass ich mich in einer fremden Welt befand.

“An Unsavoury Interlude”

Auch diese Schule ist in houses unterteilt. Das Haus von Stalky & Co wird beleidigt, sie rächen sich. Schön ist der Einblick in die Welt der Lehrer und der Dienstboten, die alle in den kleinen Krieg hineingezogen werden und keinesfalls unparteiisch bleiben.

Zum Personal: Es gibt die masters (Macrea, Hartopp, King, Prout); jeder hat ein house unter sich, ihr gemeinsames Reich ist der common room. Über allem steht der head.
Forms sind die verschiedenen Klassen, einzügig natürlich; die ältesten sind in der sixth form. (Teilweise wird noch nach upper und lower unterschieden, etwa in: upper third.) Prefects sind ältere, Aufsicht führende Schüler; eine Vertrauensposition, die Stalky & Co verwehrt bleibt. Fags sind junge Schüler, die Dienstbotenaufgaben für ältere Schüler verrichten (oder verrichten müssen) und dafür gewisse Privilegien genießen.
Die Schüler leben ziemlich selbstständig in ihren Räumen. “Number 12 form room” ist das Aufenthaltszimmer einer Klasse; verdiente Schüler ergattern einen der kleineren Räume für sich, etwa “number five study”, in der Stalky & Co untergebracht sind.
Prügelstrafe ist akzeptiert und an der Tagesordnung.

“The Impressionists”

Ein Lehrer behauptet, Stalky & Co seien ein schlechter Einfluss für die Schule. Daraufhin erwecken sie gezielt den Eindruck, ihr Haus sei moralisch völlig verkommen – Glücksspiel, Wucher, dunkle Andeutungen wesentlich schlimmerer Dinge. Mitschüler laufen bleich und verstört herum – dabei haben sie nur harmlose Gruselgeschichten erzählt:

“You remember Mrs. Oliphant’s ‘Beleaguered City’ that you lent me last term?” said Beetle.
The Padre nodded.
“I got the notion out of that. Only, instead of a city, I made it the Coll. in a fog—besieged by ghosts of dead boys, who hauled chaps out of their beds in the dormitory.

Gut, musste ich mir also gleich das Buch besorgen. Und außerdem weiß ich jetzt, wo Neil Gaiman – ein großer Kipling-Freund – seine Untoten-Schule in Sandman #24 her hat, die zur Spin-off-Serie der Dead Boy Detectives geführt hat.

“The Moral Reformers”

Unangenehme Vorgänge unter den Jungen. Und wieder: dunkle Andeutungen:

“Good heavens!” said the Reverend John absently. It was some years before Beetle perceived that this was rather a tribute to [Beetle's] innocence than observation. The long, light, blindless dormitories, devoid of inner doors, were crossed at all hours of the night by masters visiting one another; for bachelors sit up later than married folk. Beetle had never dreamed that there might be a purpose in this steady policing.

Aber erst einmal nichts Sexuelles, sondern nur ein schwerer Fall von bullying. Der Hauspfarrer bittet die Jungs, doch mal die Augen aufzuhalten und sich darum zu kümmern. Und das machen sie, indem sie die drei Übeltäter in eine Falle locken, indem sie einen von sich zum Opfer anbieten (“The bleatin’ of the kid excites the tiger”). Sobald die drei in ihrer Gewalt sind, werden sie strikt nach Katechismus ein bisschen zurückgefoltert:

“Did you give Clewer Head-knuckles?” [...]
“We did, confound you!”
“Then you’ll be knuckled;” and knuckled they were, according to ancient experience. Head-knuckling is no trifle; “Molly” Fairburn of the old days could not have done better.
“Did you give Clewer Brush-drill?” This time the question was answered sooner, and Brush-drill was dealt out for the space of five minutes by Stalky’s watch. They could not even writhe in their bonds. No brush is employed in Brush-drill.
“Did you give Clewer the Key?” [...]
The torture of the Key – which has no key at all – hurts excessively. They endured several minutes of it, and their language necessitated the gag.
“Did you give Clewer Corkscrews?”
“Yes. Oh, curse your silly souls! Let us alone, you cads.”
They were corkscrewed, and the torture of the Corkscrew—this has nothing to do with corkscrews—is keener than the torture of the Key.
[...]
“He says no. Rock him to sleep. Campbell can watch.”
It needs three boys and two boxing-gloves to rock a boy to sleep. Again the operation has nothing to do with its name. Sefton was “rocked” till his eyes set in his head and he gasped and crowed for breath, sick and dizzy.

“The Flag of Their Country”

Stalky, Beetle und M’Turk werden im Lauf der Geschichten älter. Sie rauchen Zigarren, bis sie kotzen müssen. (Und konjugieren dabei: Je cat, tu cat, il cat. Nous cattons! Cat = schoolboy slang für “kotzen”.) Sie flirten mit der Bedienung und deren Mutter. In den letzten Geschichten findet die Welt außerhalb der Schule mehr und mehr ihren Weg zu den Schülern. Ehemalige kommen zu Besuch, die vom Empire erzählen, vom Krieg, von den ersten gefallenen Ehemaligen. Der Erzähler lässt gelegentlich Bemerkungen fallen über die Zukunft der Jungen: “… said Hogan, not foreseeing that three years later he should die in the Burmese sunlight outside Minhla Fort.”

“The Flag of Their Country” ist eine der witzigsten Geschichten im Buch. Ich musste – allerdings nicht zum ersten Mal im Buch – mehrfach laut lachen. Ich weiß nicht, ob ich das hier erklären kann.
Die Handlung beginnt mit Extrasportstunden als Strafarbeit, und während dieser Stunden müssen die Schüler (von denen ein Großteil später zum Militär gehen wird) Formalausbildung machen, also: Marschieren üben, Rechtsum, solche Sachen. Das sieht ein Gast, hält das Herumalbern für Ernst und sorgt dafür, dass ein Kadettenkorps an der Schule eingerichtet wird. Das ist freiwilliger Extraunterricht, mit dem sich Schüler auf die Militärakademie vorbereiten können; später sind auch Uniformen angekündigt, geübt wird mit echten, aber unbrauchbar gemachten Gewehren.
Den Jungs macht das Spaß, auch wenn sie keinen anderen aus der Schule zuschauen lassen, auch keine Lehrer, und sich weigern, öffentlich aufzutreten. Sie üben zum Beispiel auch dadurch, dass sie – immer abwechselnd – sich vor die stillgestandene Mannschaft stellen und diese im besten Kasernentonfall anschreien und beleidigen. Wer zuckt oder rot wird, muss nach vorne und löst den bisherigen Anschreier ab.

Das Vergnügen daran wird ihnen dadurch genommen, dass ein wohlmeinender M.P. stolz an der Schule vorbeischaut und einen patriotischen Vortrag hält, der gegen die Kate Fox’schen Prinzipien moderation und modesty verstößt. Damit ist das Kadettenkorps an der Schule Geschichte.


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Natürlich musste ich danach den Essay Boys’ Weeklies von George Orwell lesen. Darin berichtet er von der Fülle an Zeitschriften für Jungs, die es zu seiner Zeit gab, von vielen neuen, aber auch zwei der älteren Vorbildgeneration. Allen gemein ist, dass ein idealisiertes Bild der public school gezeichnet wird. Ein Bild, das sich obendrein seit vor dem ersten Weltkrieg nicht verändert hat. Orwell sieht Stalky klar als Vorläufer dieser Geschichten, auch wenn Kipling sicher meisterlicher und auf ganz andere Art blauäugig schreibt.
Nach Orwells Einschätzung lesen die meisten englischen Jungs diese Magazine, aber wer dann mit zwölf tatsächlich auf eine renommierte public school geht, hört dann auf damit; wer auf eine weniger renommierte Privatschule geht, liest sie ein paar Jahre weiter. Und ja, auch die working class mag diese Geschichten und träumt von den public schools. Lesenswert ist der Essay, wenn es um die Leserschaft solcher Magazine geht, und weil darin viel über das Wesen von Serien überhaupt gesagt wird.

The Magnet hieß das bekannteste dieser Magazine, und ihr bekanntester Held war Billy Bunter, “one of the best-known figures in English fiction”. Die Geschichten sind “the clean-fun, knock-about type of story”. “Sex is completely taboo, especially in the form in which it actually arises at public schools”. (Vergleiche Stephen Fry, The Liar.)

Also musste ich Billy Bunter lesen.


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Billy Bunter war zuerst eine Nebenfigur in den Magnet-Geschichten um die Schule Greyfriars. Die Hauptpersonen waren die Famous Five (nicht zu verwechseln mit den Famous Five von Enid Blyton): Harry Wharton, Bob Cherry, Frank Nugent, Johnny Bull und Hurree Jamset Ram Singh, Sohn eines indischen Nabob mit idosynkratischem Englisch. Alles aufrechte, wackere Internatsschüler. Aber Billy Bunter wurde schnell populärer als diese Helden: er ist dick, faul, geschwätzig, gefräßig, eigennützig, ein chronischer Schnorrer, dessen angekündigter Brief mit Geld nie ankommt und der seine Schulden nie zurückzahlt. Ein echter Antiheld. Seine Abenteuer erschienen von 1908 bis 1940 in The Magnet und danach in Romanform. 1967 erschienen die letzten Romane des ursprünglichen Autors.

(Aber auch danach blieb Bunter aktiv. Er spielt in Alan Moores The League of Extraordinary Gentlemen: The Black Dossier mit. In But for Bunter (1985) von David Hughes taucht Bunter als rüstiger Neunundachtzigjähriger auf. Von Val Andrews gibt es Sherlock Holmes and the Greyfriars School Mystery. Und Bunter Sahib (1985) von Daniel Green erzählt die Abenteuer seines Ururgroßvaters im Indien des 19. Jahrhunderts. Bemerkenswert ist da die Parallele zu Flashman, dem berühmtesten Antihelden und Abenteurer des 19. Jahrhunderts, ebenfalls einem Public-School-Roman entsprungen. — Jedenfalls musste ich mir die drei genannten Bücher gleich besorgen, aber davon wird ein anderes Mal die Rede sein.)

Billy Bunter’s Rebellion ist eher harmlos. Bunter weigert sich, zu arbeiten, wird bestraft, verweigert die Bestrafung, härtere Strafen werden angekündigt, aber Bunter entgeht immer wieder der Durchsetzung, und der Konflikt zwischen Autorität des Lehrers und Trotz des Schülers schaukelt sich immer weiter hoch, bis Grenzen überschritten werden – aber eine befriedigende Auflösung fehlt. Irgendwann heißt es dann, dass Bunter wieder im Karzer sitzt, arbeiten muss, mit Prügeln gestraft wird, und nicht mehr auskommen kann. Aber richtig befriedigend ist dieses Ende nicht. Immerhin, ich habe mir ein paar Magnet-Faksimile-Ausgabe besorgt, um mir mal die Originaltexte anzuschauen.


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Ein Kapitel von Billy Bunter’s Rebellion ist betitelt: “Waxy!” Schülerjargon dieser Zeit. Diesem Wort war ich vorher nur einmal begegnet, aber das doch so, dass ich es mir gemerkt habe. Und das war in William Golding, Lord of the Flies. (Blogeintrag dazu, in dem ich auf den schönen alten public-school-Slang hinweise. Da wusste ich noch nicht, wie alt diese Sprache war.)

Und plötzlich ging mir ein Licht auf. Lord of the Flies muss man eigentlich vor dem Hintergrund dieser hanebüchenen Schulromane lesen. Vor allem die in Richtung Billy Bunter. Denn Kipling wusste in Stalky sehr wohl, dass Jungen Wilde sein können:

Now that West-African war-drum had been made to signal across estuaries and deltas. Number Five was forbidden to wake the engine [d.h. diese Trommel] within earshot of the school. But a deep, devastating drone filled the passages as M’Turk and Beetle scientifically rubbed its top. Anon it changed to the blare of trumpets–of savage pursuing trumpets. Then, as M’Turk slapped one side, smooth with the blood of ancient sacrifice, the roar broke into short coughing howls such as the wounded gorilla throws in his native forest.

So bereiten sich Stalky & Co darauf vor, die Ehre ihres Hauses zu verteidigen.


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Der Großvater all dieser Schulromane ist natürlich Tom Brown’s Schooldays von Thomas Hughes. Das ist auch der Roman, dem George Macdonald Fraser den fiesen Harry Flashman entnommen und zum Helden der oben schon erwähnten Flashman-Serie gemacht hat.

Das Schlagwort zu Hughes’ Erziehungskonzept lautet Muscular Christianity: Christliche Werte, ja, aber auch viel Sport. Der gesellige, selbstbewusste, aktive Tom Brown und der kluge, fleißige, aber schüchterne Arthur ergänzen sich erst zum Idealbild. Ach ja, und der Roman spielt in Rugby (der public school), wo das gleichnamige Spiel erst kurz zuvor erfunden worden war.

Aus dem Vorwort zur 6. Auflage:

Several persons, for whose judgment I have the highest respect, while saying very kind things about this book, have added, that the great fault of it is ‘too much preaching'; but they hope I shall amend in this matter should I ever write again. Now this I most distinctly decline to do. Why, my whole object in writing at all was to get the chance of preaching! When a man comes to my time of life and has his bread to make, and very little time to spare, is it likely that he will spend almost the whole of his yearly vacation in writing a story just to amuse people? I think not. At any rate, I wouldn’t do so myself.

Erfrischend ehrlich, und trotzdem gar nicht so übel zu lesen.


Was mir aufgefallen ist: Hat der Schulroman als typisch englische Gattung auch zum Entstehen der typisch englischen Gattung des Universitätsromans geführt? Bedeuten die erkennbaren Parallelen zwischen Kiplings Schul- und Regimentsgeschichten etwas? Auch die Regimentsgeschichten um Private McAuslan von, wieder einmal, George Macdonald Fraser gehören in diese Ecke, und nicht zu vergessen die letzte Stalky-Geschichte von Kipling:

“Slaves of the Lamp. Part II”

Im ersten Teil, einem frühen Kapitel, hatten die Schüler der Schule ein orientalisches Theaterspiel aufgeführt. Themen und Methoden des dort geschilderten Streichs werden hier wieder aufgegriffen – aber die Geschichte, die in einer Rahmenhandlung erzählt wird, spielt fünfzehn Jahre später, in Afghanistan, im Krieg im Dienste der Königin.

Hier sind wir schon sehr nah an der Grenze zu Flashman, zu Armee-Anekdoten aus dem Empire. Und diente nicht Kiplings fiktive Schule dazu, genau solches Menschenmaterial für das Empire heranzuziehen? Das erklärt, warum die letzten Geschichten mehr und mehr mit der Armee zu tun haben. Allerdings ist das auch wieder realistisch; für Schüler dieser Schule und Kinder dieser Eltern ist die Armee der natürliche Schritt nach dem Schulabschluss.

Dennoch: eine ungemein interessante, fremde und witzige Lektüre mit einer ganz eigenen, die folgenden Generationen prägenden Sprache.

Die Rahmenhandlung der letzten Geschichte beginnt übrigens damit, dass alte Schulfreunde bei Wein und Tabak zusammensitzen und sich an ihre Schulzeit erinnern, Geschichten aus den Kriegen in Afghanistan austauschen und vor allem an den einen Schüler denken, der nicht unter ihnen sitzt, aber dennoch sehr präsent ist – in diesem Fall Stalky.


Eines meiner Lieblingsbücher, Lost Horizon von James Hilton, beginnt mit einer vergleichbaren, nur etwas realistischeren Szene:

Cigars had burned low, and we were beginning to sample the disillusionment that usually afflicts old school friends who have met again as men and found themselves with less in common than they had believed they had.

Diese Szene spielt vierzig Jahre später als die letzte Stalky-Geschichte, aber es geht wieder um Afghanistan, und der abwesende gemeinsame Schulfreund heißt Hugh Conway – und seine Geschichte ist es, die im Roman erzählt wird.

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Zu Harry Potter müsste ich noch was schreiben, und zum Genre des magischen Schulromans. Aber irgendwann muss Schluss sein.

Und all das nur, weil ich in England auf Stalky & Co gestoßen bin. Eigentlich hatte ich andere Pläne. Damn you, Kipling!

— Zur Zeit lese ich Her Fearful Symmetry von Audrey Niffenegger. Und schon jetzt möchte ich A Fine and Private Place von Peter S. Beagle wiederlesen, der einige ganz ähnliche Motive benutzt – einen Friedhof als Schauplatz; menschenscheue Gestalten; etwas Phantastik. Der Titel dieses Erstlingswerks ist ein Zitat aus Andrew Marvells “To His Coy Mistress”, ein Gedicht, das Niffenegger in ihrem ersten Roman, The Time Traveler’s Wife als Leitmotiv einsetzt. Es hängt irgendwie schon wieder alles zusammen.

Richtig große Zahlen (und die Ackermannfunktion)

Ein Blogeintrag für mich: Ein Thema hat mich interessiert, ich habe recherchiert und zusammengefasst, um es mir anzueignen. Für die Leser, die dableiben: Es geht um richtig große Zahlen. So große, dass die Rechenarten Addition, Multiplikation und Potenzierung nicht reichen.

Ein bisschen was zu den Rechenarten und wie sie zusammenhängen:

  • Die Addition ist eine der Grundrechenarten. Zum Beispiel: 1+2 oder 3+4.
  • Nicht ganz so grundrechnend ist die Multiplikation, die quasi nur eine Abkürzung für die mehrfache Addition ist:
    3*4 ist ja nichts anderes als 3+3+3+3 (also vier 3er mit einem Plus dazwischen).
    Fußnote: 3*4 ist natürlich auch 4+4+4, aber aus Gründen, die in den nächsten Zeilen klarer werden, lese ich hier von rechts nach links.
  • Noch weniger grundrechnend ist die Potenzierung, die quasi nur eine Abkürzung für die mehrfache Multiplikation ist:
    34 ist ja nichts anderes als 3*3*3*3 (also vier 3er mit einem Mal dazwischen).

Und was kommt nach der Potenzierung? Gibt es auch eine Abkürzung für die mehrfache Potenzierung? Ja, gibt es. Die heißt Tetration. Deshalb:

  • Noch weniger grundrechnend ist die Tetration, die quasi nur eine Abkürzung für die mehrfache Potenzierung ist:
    43 ist nichts anderes als 3333 (also vier 3er mit einem Hoch dazwischen).

Und was kommt nach der Tetration? Wie auch immer es heißt, etwa 3 dingens 4, es wird quasi nur eine Abkürzung für die mehrfache Tetration sein. 3 dingens 4 ist nichts anderes als vier 3er mit einem Tetra dazwischen: 3333. Aber spätestens jetzt wird es mit der Schreibung und eventueller Klammersetzung extrem verwirrend.

Also gut: Neue Schreibung. Zum Beispiel den Hyper-Operator:

  • 3(1)4 ist 3+4=7, also die Addition, die unterste Ebene, wie oben.
  • 3(2)4 ist 3*4=12, die Multiplikation, eine Ebene drüber.
  • 3(3)4 ist 34=81, die Potenzierung, die nächste Rechenoperation.
  • 3(4)4 ist 43=37625597484987 (der Rechner versagt), die Tetration.
  • 3(5)4 ist das, wo wir oben aufgehört haben. Heißt manchmal Pentation.

Und natürlich kann man auch mit höheren Zahlen weitermachen. Was etwa bei 3(20)4 herauskommt, kann man nicht mal im Ansatz begreifen.
Vielleicht hilft eine weitere Schreibweise, die Pfeilnotation von Donald Knuth. Bei ihr gilt:

  • 3↑4 ist dasselbe wie 3(3)4, also 34.
  • 3↑↑4 ist dasselbe wie 3(4)4, also 43. Man kann 3↑↑4 auch schreiben als 3↑3↑3↑3. Das ist die riesige Zahl von oben.
  • 3↑↑↑4 ist dasselbe wie 3(5)4, auch zu schreiben als 3↑↑3↑↑3↑↑3.
  • 3↑↑↑↑4 ist dasselbe wie 3(6)4, auch zu schreiben als 3↑↑↑3↑↑↑3↑↑↑3.

Und so weiter. Eine weitere Schreibweise ist die als Funktion. So wie man die Addition als Funktion schreiben kann – addition(a,b) – kann man auch den Hyper-Operator als Funktion schreiben: hypern(a,b) = hyper(a,n,b) = a(n)b = a↑n-2b

Man sieht, dass der Hyper-Operator sehr schnell sehr große Zahlen erzeugt. Wie schnell und wie groß?
Im Zusammenhang mit dieser Frage und aus Gründen, auf die ich unten in einem Anhang eingehen werde, konstruierte 1926 Wilhelm Ackermann die Ackermann-Funktion. In Kreisen der theoretischen Informatik ist sie sehr bekannt; praktisch findet sie wenig Anwendung – allerdings wird sie manchmal als Benchmark fürs Testen von Computern benutzt. Dafür ist sie geeignet, weil sie sehr schnell sehr viel Rechenzeit erfordert. Die Ackermann-Funktion ist berühmt dafür, dass sie sehr, sehr schnell große Werte erzeugt. Die Ackermann-Funktion wurde entworfen, um folgende Bedingungen zu erfüllen:

ack(a,b,1) = a*b (Multiplikation)
ack(a,b,2) = ab (Potenzierung)
ack(a,b,3) = ba (Tetration)

Und so weiter. Das ist jetzt aber noch keine Definition der Funktion, das ist nur eine Beschreibung ihrer Eigenschaften und ihres Bauprinzips. Die eigentliche Funktionsdefinition sah anders aus. Inzwischen ist sie mehrfach vereinfacht worden. Die heute verbreitete Funktionsdefinition erfüllt immer noch das allgemeine Bauprinzip, kommt aber mit zwei Argumenten aus und sieht so aus:

  1. ack(0, m) = m+1
  2. ack(n+1, 0) = ack(n,1)
  3. ack(n+1, m+1) = ack(n, ack(n+1,m))

Die erste Zeile wendet man an, wenn mindestens der erste Funktionsparameter 0 ist, die zweite Zeile, wenn genau der zweite Parameter 0 ist, die dritte in allen anderen Fällen. Die Funktion ist rekursiv definiert, das heißt zum Beispiel, dass man ack(1,0) erst ausrechnen kann, wenn man vorher ack(0,1) ausgerechnet hat (laut Zeile 2), was wiederum gleich 2 ist (laut Zeile 1).

Um ack(2,1) auszurechnen, muss man erst ack(1,ack(2,0)) (Zeile 3) ausrechnen,
was sich ist ack(1,ack(1,1)) (Zeile 2),
was sich ist ack(1,ack(0,ack(1,0))) (wieder Zeile 3),
was sich ist ack(1,ack(0,ack(0,1))) (Zeile 2),
was sich ist ack(1,ack(0,2)) (Zeile 1),
was sich ist ack(1,3) (Zeile 1),
was sich ist ack(0,ack(1,2)) (Zeile 3),
was sich ist ack(0,ack(0,ack(1,1))) (Zeile 3),
was sich ist ack(0,ack(0,ack(0,ack(1,0))) (Zeile 3),
was sich ist ack(0,ack(0,ack(0,ack(0,1))) (Zeile 2),
was sich ist ack(0,ack(0,ack(0,2)) (Zeile 1),
was sich ist ack(0,ack(0,3)) (Zeile 1),
was sich ist ack(0,4) (Zeile 1),
was sich ist 5 (Zeile 1).

Puh. Viel Rechenarbeit, aber wenn man es mal selber durchexerziert hat, erkennt man das Prinzip dahinter. Beispiele für das Wachstum der Ackermannfunktion:

ack(4,0) = 13
ack(4,1) = 65533
ack(4,2) = 265536-3 (eine Zahl mit 19727 Dezimalstellen).

Oft meint man, wenn man vom Wachstum der Ackermannfunktion spricht, die Funktion f(n) = ack(n,n). Deren erste Werte sind:

f(0) = ack(0,0) = 1
f(1) = ack(1,1) = 3
f(2) = ack(2,2) = 7
f(3) = ack(3,3) = 61
f(4) = ack(4,4) = ack(3,265536− 3) – zu groß, um sie anders darzustellen.

Wie müssen dann erst ack(5,5) oder ack(6,6) oder noch größere Zahlen ausschauen? The mind boggles. Dass die Ackermannfunktion so schnell wächst, ist um so interessanter, als die einzige Rechnung, die darin vorkommt, die Addition um den Wert 1 ist. Die hohen Werte kommen nur von der massiven Rekursion, dem wiederholten und wiederholten und wiederholten Aufruf der Funktion.

Hier sieht man, was die Ackermannfunktion mit dem Hyper-Operator und mit den Grundrechenarten zu tun hat, mit denen dieser Blogeintrag angefangen hat:
ack(m,n) = hyper(2,m,n+3)-3
Das ist ein bisschen mathematisch. Deshalb hier ausformuliert:

ack(0,n) = n+1
ack(1,n) = (2 plus (n+3)) -3
ack(2,n) = (2 mal (n+3)) -3
ack(3,n) = (2 hoch (n+3)) -3
ack(4,n) = (2 ↑↑ (n+3)) -3
ack(5,n) = (2 ↑↑↑ (n+3)) -3

Inzwischen wurden Funktionen gefunden, die noch schneller wachsen als die Ackermann-Funktion. Auch dazu steht unten noch ein Anhang.

Jetzt noch ein paar Zuckerstückchen für die Leser, die durchgehalten haben:

  • Eine erwähnenswert große Zahl ist Grahams Zahl, “die größte jemals in einem mathematischen Beweis [sinnvoll] verwendete Zahl”. Die Zahl ist so groß, dass man sie auch mit dem Hyper-Operator nicht sinnvoll hinschreiben kann.
  • Wie komme ich auf diesen Kram? Unter anderem über diese Liste besonderer Zahlen in der Wikipedia.
  • Oben habe ich die ersten Ackermann-Werte für ack(n,n) angegeben: 1, 3, 7, 61 – die nächste Zahl ist bereits zu groß. Einfacher ist diese berühmte Zahlenreihe: 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13 – welche Zahl kommt da als nächste? Man muss nur wissen, wo man nachschaut, in der On-Line Encylopedia of Integer Sequences (Wikipedia, hier der direkte Link zum Eingabefeld). Das ist ein Nachschlagewerk für Zahlreihen. Man gibt einen Ausschnitt aus einer solchen Reihe ein, und die Enzyklopädie spuckt aus, wo in der Mathematik diese Reihe auftaucht.
  • Für Fans großer Zahlen: So mindboggling wie die Zahlen oben sind, noch viel, viel größer ist The Clarkkkkson. Ausgangspunkt waren abzuschreibende Zeilen als Strafe im Unterricht (“Lynz” = lines), drumrumgebastelt wurde mit Hyper-Operatoren und Hyper-Fakultät, herausgekommen ist eine Zahl, die immer noch unvorstellbarer groß wird. Wer’s mag, der liest das wie eine immer mit sich selber wetteifernde Lügen- und Übertreibungs-Geschichte. (Aber das bin vermutlich nur ich.) Und doch ist The Clarkkkkson immer noch genauso weit von unendlich entfernt wie jede andere Zahl. Am Schluss des Aufsatzes steht ein Aufruf, selber noch auf anderen, vergleichbaren Wegen eine noch größere Zahl zu erfinden. Ich könnt’s nicht, klingt aber nach einem Facharbeitsthema.

ANHANG 1: Primitiv-rekursive Funktionen.

Tatsächlich ist auch die Addition, mit der oben alles angefangen hat, gar nicht so grundlegend, sondern kann auf weitere, noch primitivere Rechenformen zurückgeführt werden. Alle Funktionen, die auf diese primitiven Rechenoperationen zurückgeführt werden können, heißen primitiv-rekursive Funktionen. (Was genau diese grundlegenden Formen sind, würde jetzt verwirren. Zumindest mich.)
Zu diesen primitiv-rekursiven Funktionen gehört alles, was man sich so im Alltag und um den Alltag herum unter einer Funktion vorstellt. Dazu gehört eben auch die Summenfunktion add(a,b). Und demnach auch die Multiplikationsfunktion multi(a,b). Und demnach auch die Potenzfunktion pot(a,b). Und die Tetration tetra(a,b). Und so weiter.
All diese Funktionen kann man mit einem nicht-rekursiven Computerprogramm berechnen, das nicht viel mehr enthalten muss als Addition und Subtraktion, als Variablen und eine Zählschleife – also eine Schleife, bei der man am Anfang sagt: wiederhole 4 mal, oder 5 mal, oder wieviel auch immer.
Die Frage war nun: Gibt es Funktionen, die nicht primitiv-rekursiv sind? Die man nicht mit einem solchen Computerprogramm berechnen kann? Die Ackermann-Funktion ist eine solche Funktion und sollte genau das demonstrieren. Um die Ackermann-Funktion imperativ zu programmieren, braucht man eine while-Schleife, mit Zählschleife ist das nicht möglich. Sie wächst zu schnell.
Die Ackermann-Funktion gehört zu den μ-rekursiven Funktionen. Die μ-rekursiven Funktionen sind alle die, die man mit einer Turingmaschine berechnen kann und umgekehrt, und ebenso die while-berechenbaren Funktionen, und umgekehrt.

Manche Funktionen wachsen so schnell, dass man sie nicht mal mehr damit berechnen kann. Zum Beispiel die Sache mit dem fleißigen Biber.


ANHANG 2: Fleißige Biber.

Die Erklärung, was eine Turingmaschine ist, kündige ich immer wieder an. Irgendwann kommt das auch noch. Kurz: Es ist eine bestimmte Art erdachter Maschine, die man auch aus Legosteinen oder was auch immer konstruieren kann, die man sich aber meist nur als Simulation auf dem Computer oder als Definition auf dem Papier anschaut.
Zur Definition, und quasi zur Programmierung dieser Maschine, gehört eine beliebig große Reihe von Zuständen, die die Maschine einnehmen kann. Anhand dieser Zustände schreibt die Maschine dann Zeichen auf ein prinzipiell endloses Band, ähnlich wie ein Fernschreiber.

Die Frage ist nun: Wie oft kann eine Turingmaschine mit n Zuständen und als einzigen möglichen Zeichen {0, 1} das Zeichen 1 das Band schreiben? Es ist leicht, Turingmaschinen zu programmieren, die unendlich viele 1er schreiben, aber die zählen nicht.

Antwort:

  • Eine Turingmaschine mit 1 Zustand und dem Alphabet {0,1} kann das Zeichen 1 maximal 1mal aufs Band schreiben. (Eine Maschine, die das auch tut, heißt “fleißiger Biber”.)
  • Eine Turingmaschine mit 2 Zuständen kann das Zeichen 1 maximal 4mal aufs Band schreiben. (Eine Maschine, die das auch tut, heißt “fleißiger Biber”.)
  • Eine Turingmaschine mit 3 Zuständen kann das Zeichen 1 maximal 6mal aufs Band schreiben. (Eine Maschine, die das auch tut, heißt “fleißiger Biber”.)
  • Eine Turingmaschine mit 4 Zuständen kann das Zeichen 1 maximal 13mal aufs Band schreiben. (Eine Maschine, die das auch tut, heißt “fleißiger Biber”.)
  • Eine Turingmaschine mit 5 Zuständen kann das Zeichen 1 maximal… man weiß es nicht. Mindestens 4098mal, aber ist das bereits ein fleißiger Biber oder gibt es noch bessere Maschinen?
  • Eine Turingmaschine mit 6 Zuständen kann das Zeichen 1 maximal… man weiß es nicht. Auf jeden Fall mehr als 4,64×101439mal.

(Alle Daten aus Wikipedia.)

Die Fleißiger-Biber-Funktion biber(n) gibt an, wieviele 1er eine Turingmaschine mit n Zuständen und dem Alphabet {0,1} aufs Band schreiben kann. Diese Funktion ist sauber definiert, aber nicht berechenbar; sie wächst schneller als jede berechenbare Funktion. Das kapiere ich noch nicht ganz, wird aber wohl stimmen.


ANHANG 3: Noch mehr zur Ackermannfunktion.

Ich komme nicht los von ihr. Gerade habe ich zwei Seiten vollgekritzelt, mit Bleistift, mit Berechnungen für verschiedene Ausgangswerte. Langsam dämmert es. Mathematische Zusammenhänge kann man sich ähnlich erschließen wie Gedichte, und ich finde sie ähnlich schön.

  • ack(0,n) ist immer gleich n+1. Das ist sozusagen die Sukzession, die Nachfolgerfunktion: ack(0,8) ist 9, ack(0, 20) ist 21.
  • ack(1,3) hat etwas mit Addition zu tun – dafür steht der erste Parameter, die 1.
    ack(1,3) =
    ack(0,(ack(1,2)) =
    ack(0,ack(0,ack(1,1))) =
    ack(0,ack(0,(ack(0,ack(1,0)))) =
    ack(0,ack(0,(ack(0,ack(0,1)))) – der zweite Parameter, hier die 3, gibt also an, wie oft die Sukzessor-Funktion aufgerufen wird (und zwar, indem der Parameter bei jedem Aufruf um eins verringert wird), bis die ganze Reihe nur noch aus Sukzessor-Funktionen besteht. Die Addition wird also auf wiederholte Sukzession zurückgeführt.
  • Ähnlich wird die Multiplikation ack(2,n) auf die wiederholte Addition zurückgeführt: ack(2,1) führt irgendwann zu ack(1,3) führt irgendwann zu ack(0,4) = 5. Oder: ack(2,2) führt irgendwann zu ack(1,5) führt irgendwann zu ack(0,6) = 7. Und: ack(2,3) = ack(1,9) = ack(0,10) = 11.
    Ausführlicher:
    ack(2,3) =
    ack(1,(ack(2,2)) =
    ack(1,(ack(1,ack(1,(2,1)) =
    ack(1,(ack(1,ack(1,ack(2,0))
    Also so ähnlich wie oben, nur doch anders.

Nachvollziehen kann man das erst, fürchte ich, wenn man auch zwei Seiten vollgekritzelt hat. Muss aber wirklich nicht sein wegen mir.

Auch grafisch kann man die Ackermannfunktion auf sich wirken lassen. Hier ist (mit Lupe) die vermutlich auch noch fraktale Ausformulierung von ack(3,2):

(ack(3,2) als Textdatei herunterladen)

Besonders die jeweils letzte Ziffer ist beachtenswert.
Für mich ist das Versuchen, die unverkennbare Ordnung hinter den Zeichen zu begreifen, vergleichbar mit dem Versenken in ein Yantra (eine Art Mandala nur mit geometrischen Formen) wie dieses hier:

sri_yantra

(Quelle: Wikipedia, unter CC AT-SA 2.5) Nicht dass ich mich damit je länger als ein paar Minuten beschäftigt hätte. Es hat ein wenig von: “wie viele Dreiecke sind in dieser Zeichnung enthalten”?

Und zuletzt kann man auch noch die Zeichenketten einfach als solche betrachten. Mit den folgenden Regeln kann man sich Ackermann-Aufrufe übersetzen:
“ack” => 2
“1,” => plus
“2,” => mal
“3,” => hoch
jede Zahl direkt nach einem Komma (es gibt genau eine einzige davon pro Zeile) wird um 3 erhöht.
Am Zeilenende schreibt man noch mal -3 hin und setzt Klammern um das vorhergehende..

Damit gilt:
ackermann

Also 29.
Ich höre jetzt mal auf damit, bevor man mich noch des Wahnsinns verdächtigt.


Allerletzter Nachtrag, versprochen:

Die 3. Zeile der Funktionsdefiniton lautet:

ack(n+1, m+1) = ack(n, ack(n+1,m))

Und jetzt verstehe ich sie fast. Ich setze ein paar Zahlen und Zeichen ein:

ack(2, 4) = ack(1, ack(2,3))

und ersetze zur Veranschaulichung das erste Argument durch das gemeinte Rechenzeichen:

ack(*, 4) = ack(+, ack(*,3))

Und das heißt dann vereinfacht: Die x-fache Multplikation von 2 ist gleich 2 plus die (x-1)-fache Multiplikation von 2, etwa:

2*4 = 2+(2*3)

Oder mit einem höheren ersten Argument.

2 hoch 7 = 2 mal (2 hoch 6)

Und mit diesem Kellnerpunkt soll jetzt endgültig Schluss sein.

Kellnerpunkt: “Er ergab sich immer dann, wenn ein pompös überdrehtes Gespräch aus den Höhen seiner Selbstgefälligkeit zu einer entlarvend primitiven Schlußfolgerung abglitt, die sogar dem Kellner einleuchten mußte.” (Friedrich Torberg, aus der Tante Jolesch. Will nichts gegen Kellner gesagt haben, es ist halt so, dass der halt nur den Schlusspunkt der Diskussion mitkriegt.)

Formale Sprachen, Teil 4: Kontextsensitive Sprachen (und Überblick)

1. Überblick und Wiederholung

Im Lauf dieser Serie habe ich formale Sprachen vorgestellt, dann eine Untergruppe davon, die regulären Sprachen. Im letzten Beitrag ging es dann um eine übergeordnete Gruppe, die kontextfreien Sprachen. Die ersteren haben praktische Anwendungen etwa bei den regulären Ausdrücken, die für Suchen/Ersetzen genutzt werden. Die zweite Gruppe ist wichtig beim Beschreiben von natürlichen Sprachen und vor allem von Programmiersprachen.

Die beiden übrigen Gruppen von Sprachen haben weniger direkte Anwendungsmöglichkeiten. Allerdings sind sie für die theoretische Informatik trotzdem interessant. Deshalb will ich jetzt etwas weiter ausholen und fange von der anderen Ecke an.

Zur Wiederholung:

  1. Ein Alphabet ist eine endliche Menge von Zeichen, zum Beispiel {a,b} oder {a,b c, d, e, f, … z}. Diese Zeichen können alle aus mehr als einem Buchstaben bestehen, können auch das sein, was man konventionell unter Wörtern versteht. Wichtig ist nur, dass sie für die Zwecke der Sprachbeschreibung als unteilbar betrachtet werden. Das Alphabet einer Programmiersprache besteht also etwa aus {if, else, while, for …}, aber ich beschränke mich in den meisten meiner Beispiel auf das einfache Alphabet {a, b}.
  2. Ein Wort ist eine beliebige endliche Folge von Zeichen aus einem Alphabet.
  3. Eine Sprache ist eine Teilmenge aller möglichen Wörter, die man aus einem Alphabet bilden kann.

Die Wörter von endlichen Sprachen kann man einfach aufzählen, aber selbst das kann umständlich werden, und bei Sprachen, die aus unendlich vielen Wörtern bestehen, geht das schon mal gar nicht. Gibt es überhaupt Sprachen mit unendlich vielen Wörtern? Ja klar, wenn die Wörter beliebig lang sein können. Die Menge der Primzahlen ist unendlich groß, und die Menge aller Primzahl-Darstellungen in Dezimalschreibweise ebenso: {2, 3, 5, 7, 11, 13, 17, 19…}. Das Alphabet zu dieser Sprache besteht aus zehn Zeichen und sieht so aus: {0, 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9}.

Wenn man eine Sprache mit unendlich vielen Wörtern beschreiben will, kann man das mit einer Phrasenstruktur-Grammatik tun. Die umfangreichsten Bestandteile einer solchen Grammatik sind die Produktionsregeln, zum Beispiel:
A -> b
Diese Regel besagt, dass ich immer dann, wenn in einer Zeichenfolge ein “A” auftaucht, ich es durch ein “b” ersetzen kann.

Wieso die Unterscheidung zwischen Groß- und Kleinbuchstaben? Unser Alphabet sei weiterhin nur {a, b}. Wörter können also nur aus diesen Zeichen bestehen, alles, was andere Zeichen enthält, kann schon mal überhaupt nicht Teil der Sprache sein. Grammatiken benutzen allerdings zusätzlich so eine Art Hilfsvariablen. Die dürfen natürlich nicht so aussehen wie die Zeichen des Alphabets, und damit es da keine Verwechslung gibt, nimmt man konventionell Großbuchstaben für die Hilfsvariablen, in Zukunft “Nichtterminale” genannt, und Kleinbuchstaben für Alphabetzeichen oder “Terminale”. Das ist aber nur eine Konvention.

Mit einer Grammatik – also einem Alphabet, einer Menge an Nichtterminalen, einem Startpunkt und vor allem einer Menge an Produktionsregeln – kann man Wörter erzeugen. Nehmen eine Beispielgrammatik mit dem Alphabet {a, b}, den Nichtterminalen {S} und diesen Produktionsregeln (der Strich | steht als Abkürzung für “oder”):

  1. S -> bS | aS | b

Damit kann ich verschiedene Wörter ableiten. Man beginnt immer beim Startpunkt S und ersetzt den Teil links vom Pfeil durch den Teil rechts vom Pfeil. Wenn etwas herauskommt, was nur noch aus Kleinbuchstaben besteht, dann ist die Ableitung dieses Wortes fertig:
S -> b
S -> bS -> bb
S -> bS -> bbS -> bbb
S -> aS -> aaS -> aaaS -> aaaab
S -> bS -> baS -> baaS -> baabS -> baabb
Diese Grammatik beschreibt die (unendlich umfangreiche) Sprache aller Wörter, die auf b enden.

2. Die vier wichtigsten Grammatik-Arten

2.1 Allgemeine Phrasenstrukturgrammatiken (Chomsky-0)

Für alle Phrasenstrukturgrammatiken gilt: links vom Pfeil muss mindestens ein Nichtterminal stehen. Denn nur aus Nichtterminalen kann man ableiten. Regeln können also so aussehen:

aAa -> baAab
A -> BBBBB
A -> B
aAa -> B

Sprachen, die durch eine solche allgemeine Grammatiken beschrieben werden, gehören zum Typ Chomsky 0. Ihnen werde ich ich einen späteren Blogeintrag widmen. Vorgeschmack 1: Mit einer solchen Grammatik kann man die Wörter aller Sprachen aufzählen, die sich überhaupt irgendwie aufzählen lassen. Was man mit einer Chomsky-0-Grammatik nicht darstellen kann, kann man auch mit keinem anderen Mittel aufzählen. Vorgeschmack 2: Alles, was sich überhaupt berechnen lässt, lässt sich mit einer solchen Grammatik berechnen. Was sich mit einer Chomsky-0-Grammatik nicht berechnen lässt, kann man auch mit keinem anderen Mittel berechnen.
Was das Erzeugen von Wörtern mit Berechnen zu tun hat, werde ich weiter unten erklären.

2.2 Kontextsensitive bzw. monotone Grammatiken (Chomsky-1)

Es gilt all das oben gesagte, nur mit der weiteren Einschränkung, dass die Produktionsegeln alle folgende Form haben müssen:
xAy -> xzy, wobei x und y beliebige Kombinationen sind und auch leer sein dürfen. A ist ein Nichtterminal, z eine beliebige, aber nicht leere Zeichenfolge.
Die Regeln sehen zum Beispiel so aus:

A -> a
A -> aB
bA -> baB

An den letzten beiden Regeln sieht man, warum diese Grammatik kontextsensitiv heißt. Die vorletzte Regel lautet, dass jedes A durch aB ersetzt werden kann, egal in welchem Zusammenhang es steht. Die letzte Regel sagt indirekt auch, dass ein A durch aB ersetzt werden kann, aber eben nur dann, wenn direkt davor ein b kommt. Der Kontext ist also wichtig.

Alternativ kann man einen anderen Aspekt dieser Sprachen betonen und die Einschränkung anders formulieren: Links vom Pfeil dürfen nie mehr Zeichen stehen als rechts vom Pfeil. Diese Art Grammatik heißt dann nicht kontextsensitiv, sondern “monoton”. Die Regeln können so aussehen:

A->a
aA->Bb
AAA->bbbbb
AA -> bb

Die Grammatik heißt deshalb monoton, weil die Ableitungen nie kürzer werden, sondern immer gleich viele Zeichen haben wie die Vorgänger oder noch mehr. Das ist das gleiche “monoton” wie in “monoton steigend” aus der Kurvendiskussion im Mathematikunterricht.

Man kann jede monotone in eine kontextsensitive Grammatik umwandeln. (Andersrum braucht man das nicht, da laut der Definition oben jede kontextsensitive Grammatik ohnehin monoton ist.) Beide Arten beschreiben die gleiche Art von Sprache, die kontextsensitiven Sprachen (Chomsky 1).

Zu den kontextsensitiven Sprachen gehört die Verdopplungssprache, also die Sprache aller Wörter mit der Eigenschaft, dass die erste Hälfte des Worts gleich der zweiten Hälfte ist. Man kann auch menschliche Sprachen und Programmiersprachen mit einer kontextsensitiven Grammatik beschreiben. Allerdings erfordert diese Grammatikart so viel Rechenzeit (siehe unten), dass man sich in der Praxis mit kontextfreien Grammatiken begnügt oder mit anderen, nur ein bisschen kontextsensitiven Grammatikwn, die in der Komplexität zwischen Chomsky 1 und Chomsky 2 liegen.

2.3 Kontextfreie Phrasenstrukturgrammatiken (Chomsky-2)

Siehe älteren Beitrag.
Wie oben, mit der zusätzlichen Einschränkung, dass links vom Pfeil nur genau ein Zeichen stehen darf. Und das muss logischerweise dann immer ein Nichtterminal sein, da ja ganz allgemein gilt, dass es davon links immer mindestens eines geben muss. Typische Regel:

A -> aaBbb

Diese Regel heißt kontextfrei, weil jedes A durch aaBbb ersetzt werden kann, egal in welchem Kontext es steht. Zu den kontextfreien Sprachen gehören im großen und ganzen die Programmiersprachen. Oder die Sprache {anbn, wobei das n für die Anzahl hintereinander folgenden n gehört}.

2.4 Reguläre Grammatiken (Chomsky-3)

Siehe älteren Beitrag.
Wie oben, nur mit der zusätzlichen Einschränkung, dass rechts vom Pfeil nur stehen darf: 1 Terminal oder 1 Nichtterminal oder 1 Terminal, gefolgt von 1 Nichterminal. (Oder andersrum, erst das NT, dann das T, aber dann immer so.) Typische Regeln:

A -> a | B | aB

3. Sprachen und Rechnen

Wieso überhaupt berechnen? Was haben Wörter mit Berechnungen zu tun? Viel. Nehmen wir als Alphabet diese Menge an Zeichen: {0, 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, .}, dann sind Wörter dazu zum Beispiel: 1, 10, 2.4, 101, 993, 256, 3.14159 und alle anderen denkbaren Kombinationen.
Sprachen zu diesem Alphabet könnten sein: {alle nichtnegativen geraden Zahlen} oder {alle Primzahlen} oder {alle Zahlen mit der Quersumme 7} oder {alle Zahlen n, für die gilt an+bn=cn}. Wenn man eine Grammatik hat, mit der man genau die Sprache erzeugen kann, die aus gesuchten Wörtern besteht, dann hat man eine Grammatik, mit der man diese Aufgaben berechnen kann.

Als Beispiel für eine Grammatik, die nur nichtnegative gerade Zahlen erzeugt, habe ich einfach die Beispielgrammatik von oben genommen (für die Sprache aller Wörter, die auf b enden) und nur wenig geändert:

  1. S -> GS | US | G
  2. G -> 0 | 2 | 4 | 6 | 8
  3. U -> 1 | 3 | 5 | 7 | 9

Beispielableitung: S -> US -> UGS -> UGUS -> UGUG -> 1GUG -> 12UG > 123G -> 1232

Wenn man wissen will, ob eine Zahl eine gerade Zahl ist, muss man schauen, ob sie mit der Grammatik erzeugt werden kann => Wortproblem.

Die Aussagen “Man kann etwas berechnen” und “Es gibt eine Grammatik, die die entsprechenden Wörter (und nur die) erzeugt” sind äquivalent. Wie man das begründen kann, steht im nächsten Eintrag. Die Grammatik für {alle Zahlen n, für die gilt an+bn=cn, mit a,b,c,n als ganzen Zahlen} wäre zwar absurd kompliziert, und bis vor einem guten Jahrzehnt hätte man nicht gewusst, ob man das überhaupt berechnen kann, und wenn ja, wie. Aber da es sich berechnen lässt, wie man inzwischen weiß, ist prinzipiell auch eine Grammatik dazu möglich. Die dazu gehörende Sprache sieht übrigens so aus {2} {1, 2}, aber das weiß man halt auch erst hinterher.

Denkbarer ist eine Grammatik für die Sprache {alle Primzahlen}. Mit einer regulären Grammatik geht das nicht, mit einer kontextfreien auch nicht, mit einer kontextsensitiven – vermutlich schon, obwohl ich das Beispiel nirgendwo gefunden habe. Aber nach den nächsten Abschnitten wird vielleicht klar, wie ich zu der Annahme komme. Mit einer allgemeinen Grammatik, also vom Typ Chomsky 0, lässt sich diese Sprache auf jeden Fall beschreiben – denn bekanntlich lässt sich alles, was sich berechnen lässt, mit einer solchen Grammatik beschreiben. Und dass sich berechnen lässt, ob eine gegebene Zahl eine Primzahl ist oder nicht, das weiß man, da es Algorithmen dafür gibt (mit dem Sieb des Eratosthenes etwa).

4. Das Wortproblem

Für alle Sprachen ist das Wortproblem interessant: Gehört ein gegebenes Wort zur Sprache L oder nicht? Für reguläre und kontextfreie Sprachen ist das Wortproblem relativ leicht zu lösen. Es gibt Algorithmen dafür, man kritzelt ein bisschen mechanisch auf dem Papier herum oder lässt den Computer rechnen, und nach kurzer Zeit weiß man, ob das Wort zur Sprache gehört oder nicht. Kunststück: Beim Suchen nach einem regulären Ausdruck im Textverarbeitungsprogramm muss das Programm ja für jede Zeichenfolge überprüfen, ob sie zu der von dem regulären Ausdruck beschriebenen Sprache gehört oder nicht. Und beim Programmieren macht einen die Java-Programmierumgebung darauf aufmerksam, dass da irgendwo ein Fehler ist, dass zum Beispiel eine Klammer fehlt – dass das gegebene Programm eben nicht zur Sprache {alle syntaktisch korrekten Java-Programme} gehört.

Auch für kontextsensitive Sprachen ist das Wortproblem “entscheidbar”. Entscheidbar heißt, dass man sicher sagen kann, ob ein gegebenes Wort zu einer gegebenen kontextsensitiven Sprache gehört, oder ob das nicht der Fall ist.

Allerdings kann die Berechnung happig werden. Bei manchen Sprachen vom Typ Chomsky 1 wächst die erforderliche Rechenzeit nur polynomiell an, bei anderen dagegen zum Beispiel exponentiell. Vereinfacht gesagt, wenn man für ein Wort der Länge n berechnen will, ob es zur Sprache gehört, braucht man im ersten Fall größenordnungsmäßig n2 Rechenschritte, was viel, aber machbar ist. Für andere Sprachen braucht man dagegen größenordnungsmäßig 2n Rechenschritte, was für lange Wörter äußerst viele Rechenschritte erfordert.
Gehen wir mal davon aus, das ein Rechenschritt eine Millionstelsekunde braucht. Braucht man für ein Wort der Länge 100 im ersten Fall 1/100 Sekunde, sind es im anderen Fall 4*1014 Jahre. Aber das mit dem P und dem NP ist eigentlich schon wieder ein anderes, auch sehr spannendes Thema.

Notfalls probiert man einfach alles aus, und zwar nach dem folgenden Algorithmus:

Schritt 1: Nimm den Startpunkt S und wende jede darauf anwendbare Regel an.
Schritt 2: Wende jede anwendbare Regel auf die in Schritt 1 enstandenen Zeichenfolgen an.
Schritt 3: Wende jede anwendbare Regel auf die in Schritt 2 enstandenen Zeichenfolgen an.
Und immer so weiter.

Hier die Produktionsregel für ein möglichst einfaches Beispiel:

  1. S -> aSBC
  2. S -> aBC
  3. CB -> BC
  4. aB -> ab
  5. bB -> bb
  6. bC -> bc
  7. cC -> cc

Man beginnt bei S und wendet, wie oben angeben, nach und nach jede anwendbare Regel an. Und immer so weiter. Ich habe mal den Anfang des so entstehenden Baums aufgezeichnet. Die Ziffern geben jeweils die Nummer der Regel an, die angewendet wurde, um von der oberen Zeichenfolge zur darunter stehenden zu kommen.

chomsky1-baum

Von manchen Zeichenfolgen aus geht keine weitere Verzweigung mehr ab. Das kann daran liegen, dass die Zeichenfolge nur noch aus Terminalen besteht (also ein Wort der Sprache ist, die von der Grammatik beschrieben wird) oder daran, dass man in eine Sackgasse geraten ist und sich keine der Regeln mehr anwenden lässt. Das ist Pech, aber das ist ein Problem bei kontextsensitiven Grammatiken, anders als bei den bisher behandelten Typen Chomsky 3 und Chomsky 2.

Um zu begründen, dass sich das Wortproblem entscheiden lässt, macht man sich die Eigenschaft zu nutze, dass die Grammatik monoton ist, also nie zu kürzeren Zeichenfolgen führt. Wenn ich wissen will, ob “aabc” zu der Sprache gehört, gehe ich einfach solange allen Zweigen nach, bis ich a) keine Regel mehr anwenden kann oder b) die Zeichenfolge im Zweig länger als 4, der Länge meines Ausgangsworts, geworden ist. Wenn das Wort bis dahin nicht konstruiert worden ist, dann wird es das auch nie werden – denn kürzer können die Zeichenfolgen nicht werden. Man sieht also aus dem Bäumchen oben, dass “aabc” genauso wenig ein Wort der Sprache ist wie “bca” oder “abbc”. Wenn ich wissen will, ob “aaabbbccc” (Länge 9) zur Sprache gehört, muss ich den Baum noch weiter aufspannen – bis alle Zweige zu Sackgassen oder länger als 9 werden oder ich vorher auf dieses Wort stoße.

Die Anzahl der Zweige wächst exponentiell mit der Länge des zu überprüfenden Wortes, das heißt, dass auch die Rechenenzeit exponentiell wächst, wie oben beschrieben. Aber früher oder später, notfalls viel später, hat man eine eindeutige Antwort, ob das Wort dazu gehört oder nicht.

5. Offene Fragen bis zum nächsten Mal

Wie wird begründet, dass man mit einer Chomsky-0-Grammatik alles berechnen kann, was man überhaupt berechnen kann?
Was kann man denn nicht berechnen?
Wie begründet man, dass etwas nicht berechenbar ist?

Warum ich während der Lehrerkonferenz germanische Langzeilen schreibe, erkläre ich ein anderes Mal

Gleich beginnt sie, die grausliche Sitzung,
wo die Noten genannt, die nötig dazu sind
um die schlauen Schüler und die schlampigen ebenso
zu belehren und lohnen ihre Leistung und Fleiß.

Die Schulleitung spricht, schon lauschen ergriffen
die Lehrer, auch wenn lieber das Leben zu Hause
sie genössen. Doch nötig ist das Nicken im Verbunde,
wenn das Schicksal der Schüler sich entscheidet mit Ernst.

Ein hemmender Halt noch, erst heißt es zu klären
ein Problem, das plötzlich zur Probe der Geduld wird.
“Einspruch!”, ertönt es, und als der endlich geklärt ist,
der nächste: “So nicht!” und “Niemals!” die Rufe.

Die Debatte zerbröselt. Was ist bitte das Thema?
Wer rettet die Richtung, die Rufe werden lauter
nach Ordnung. Ohnmächtig die Ohren vom Ansturm.
Verzweifelte Köpfe knallen aufs knarzende Tischholz.

Habe ich heute nachmittag gedichtet. Alles selbstverständlich Fiktion und ohne Bezüge zu einer echten Lehrerkonferenz. Wenn die wirklich so schlimm wäre und ich so wenig aufgepasst hätte, dann hätte ich mein kleines Epos ja wohl beendet.

— Germanische Langzeile: Vier Hebungen (1, 2, 3, 4), dazwischen eine Zäsur. Anzahl der unbetonten Silben frei, also nichts mit Jambus oder so. Die Hebungen 1,2,3 (oder auch nur 2 und 3, oder 1 und 3) alliterieren, die Hebung 4 nicht.
Meine Hausregeln: Enjambement ist erlaubt, Zäsur muss nicht sein; Hebungen 1-3 alliterieren, 4 nicht. Macht Spaß. Ich hätte noch viel weiter ausholen müssen. Kenningar kommen erst später mal. Wie ich ausgerechnet auf diese Versform komme, auch. Jetzt Feierabend.