Kategorie: Schule (mal Gemacht)

Ideen für Projekte in der Schule, die ich tatsächlich schon mal umgesetzt habe.

Kartenspielen mit der 10a, aus Gründen

In der letzten Stunde habe ich mit der 10a Karten gespielt. So eine Art Mau-Mau. Mau-Mau geht ja ganz einfach: Am Anfang deckt man eine Karte auf, und die Spieler versuchen der Reihe nach ihre Karten loszuwerden, indem sie sie ablegen. (Lassen wir alle Sonderkarten mal weg.) Die Ablageregel lautet: Man kann eine Karte ablegen, wenn sie die gleiche Farbe (Herz, Pik, Kreuz, Karo) hat wie die oben liegende Karte, oder wenn sie den gleichen Wert hat.

In meiner Variante wurde allerdings eine andere Regel verwendet, die nur ich als Spielleiter, sozusagen, kannte. Eine geheime also. Einige Schüler waren die Mitspieler, die nach und nach versuchten ihre Karten loszuwerden. Es gibt auch einfache Regeln für die Bepunktung, aber die sind im Moment nicht wichtig.

Am Anfang muss man bei diesem Spiel raten und einfach eine Karten ausspielen und schauen, was der Spielleiter sagt. Vielleicht hat man Glück (“Geht”), vielleicht Pech (“Geht nicht”). Man hat vorerst einfach nicht genug Material, als dass man sinnvoll raten könnte, wie die geheime Regel lautet. Aber wenn man das Spiel ein, zwei Runden beobachtet, dann hat die ersten Vermutungen. Da waren ein paar rote Karten, die immer gingen. Oder: nach der Pik 9 waren alle Karten, die abgelehnt wurden, Pik; die Karte, die dann akzeptiert wurde, war Herz.

Aufgrund dieser Beobachtungen stellt man Theorien auf. “Nach einer Karte mit einer ungeraden Zahl muss immer ein Herz kommen.” Oder: “Nach einer Pik-Karte muss immer ein Herz kommen.” Es geht bei dem Spiel zwar nicht darum, die Regel herauszufinden, sondern darum, seine Karten loszuwerden. Aber das geht natürlich leichter, wenn man die Regel kennt. Also folgt man erst mal seiner Vermutung und legt die entsprechenden Karten ab.
Meist bricht diese erste Vermutung schon bald zusammen. Irgendeine gespielte Karte passt nicht; entweder der Spielleiter weist eine Karte zurück, auch wenn die laut der vermuteten Regel akzeptiert werden sollte, oder die Karte eines Mitspielers wird akzeptiert, obwohl man nicht weiß warum.

Es ist sehr schön, sich selber und den anderen Spielern beim Theoriebilden zuzuschauen. Man sieht die Köpfe leuchten, hört kleine Ausrufe: “Ich glaub, ich hab’s.” Ein paar Runden später das verständnislose Kopfschütteln, wenn die Theorie verworfen werden muss und man sich die bisher gespielten Karten noch einmal genauer anschauen muss.

Erfahrene Spieler, die zum Beispiel vermuten: “Nach einer Pik-Karte muss immer ein Herz kommen,” testen das im Experiment. Man wartet, bis eine Pik-Karte liegt, und legt dann ein Herz an. Leider kann man nicht immer bestimmen, welche Karte gerade oben liegt. Es geht bei diesem Spiel eher um Beobachtungen, und die Möglichkeiten für Experimente – also die Wiederholung einer beobachteten Erscheinung unter kontrollierten Bedingungen – sind gering.
Allerdings muss man auch das andere ausprobieren: Man wartet, bis eine Pik-Karte liegt, und legt dann extra kein Herz. (Oder man hofft, dass ein Mitspieler das macht.) Dann sagt der Spielleiter vielleicht “Geht nicht”, und das bestätigt die Vermutung. Oder er sagt “Geht”, und man ist überrascht. Aber auch dann ist das kein fehlgeschlagenens Experiment. Es gibt keine fehlgeschlagenen Experimente, allenfalls schlampig durchgeführte. Wenn bei einem Experiment nicht das herauskommt, was man erwartet, ist das keinesfalls ein Fehlschlag, sondern eine interessante Beobachtung, aus der man etwas lernen kann. Vielleicht lautet die Regel in Wirklichkeit ja: “Nach einer Pik-Karte muss immer eine rote Karte, also Herz/Karo, kommen.”

Es kommt nämlich oft vor, dass die vom Spieler vermutete Regel erst einmal viel komplizierter ausfällt, als die des Spielleiters tatsächlich ist. Das geschieht, wenn man kein Muster in den vorliegenden Daten erkennt und deshalb versucht, viele kleine Ausnahmen und Sonderregeln aufzustellen, damit die gespielten Karten passen. Kann ja auch stimmen so; in meiner Spielerrunde war das aber selten der Fall – wenn bei jeder neuen gespielten Karte wieder eine Ausnahme zum bisherigen Regelsatz kommt, dann ist man wohl auf dem Holzweg. Manchmal ist die eigene Regel auch einfacher nur enger gefasst als die tatsächliche, so wie in dem Fall oben, wo jede rote Karte spielbar ist, man aber glaubt, dass nur Herzen erlaubt sind. Solange man da nicht kritisch die Gegenprobe macht, wird man immer Herz legen, das wird immer funktionieren, und die eigene, unnötig enge Regel, wird bestätigt. (Bis man mal kein Herz auf der Hand hat und dem Spielleiter sagt, man kann nicht. Dann wählt der ein Karo aus, legt es an und gibt die vier Strafkarten.)


Dieses Spiel gibt es wirklich, und es ist – eine nur mäßig schräge Spielerrunde vorausgesetzt – tatsächlich gut spielbar, anders als andere Kuriositäten. Es heißt Eleusis, und ich habe vor Jahren schon mal darüber geschrieben, wenn auch aus anderer Perspektive. Robert Abbott erfand es 1959, ich spiele meist die erweiterte Version von 1977; 2006 veröffentlichte Hohn Golden eine vereinfachte Version Eleusis Express, die auch an Grundschulen spielbar sein soll. Daneben gibt es Varianten von Spieleverlagen, etwa “Geheimcode” von der Firma Winning Moves. Das wird nicht mit regulären Spielkarten gespielt, sondern mit Karten von berühmten Pesonen aus der Geschichte – die jeweils zu einer bestimmten Farbe (rot, gelb) und Kategorie (Denker, Politiker, Künstler) gehören, mit bestimmter Rahmenform (rund, eckig, spitz). Nicht sehr spielbar, obwohl es von Alex Randolph ist. Das Original von Abbott gibt es in einigen Spielebüchern oder als Broschüre bei Abbot selber – für fünf Dollar einschließlich Porto, allerdings nur auf Papier und nur per Scheck oder US-Bargeld, also noch nicht so sehr webfreundlich. Aber Eleusis Express kann man ausdrucken, da fehlen halt einige der philosophischen Überlegungen aus der Broschüre.
Neu war mir das Spiel “Mao” (Wikipedia), eine Art Eleusis-Abkömmling, das nach dem großen Vorsitzenden Mao benannt ist, dessen geheime Regeln man befolgen muss, ohne sie zu kennen; die Etymologie könnte aber tatsächlich vom deutschen Mau-Mau kommen, mit dem Mao mehr Ähnlichkeiten aufweist als mit Eleusis.)

— Ein anderes Spiel von Abbott, “Babel”, will ich mal mit Schülern ausprobieren. Ein Handelsspiel für acht bis vierzig Personen, die sich miteinander unterhalten müssen, um Karten zu tauschen und zu kombinieren, die sie dann beim Spielleiter gegen Punkte und neue Karten eintauschen. Müsste auch in der Fremdsprache gehen. Und vielleicht, irgendwann mal, so etwas wie die San Tilapian Studies von Emily Short, ein Erzählspiel für eine Party mit 30-40 Spielern.

Nachtrag: Link zu Material zu Eleusis, via Bob Abbotts Seite.


Eleusis funktioniert einfach als Spiel, aber man kann es natürlich auch als Allegorie auf die wissenschaftliche Methode sehen. Es gibt Regeln, Naturgesetze. Die kennt man nicht, und man kann sie auch nie erfahren. Man beobachtet die Natur und stellt Vermutungen an; aufgrund dieser baut man die Natur in kontrollierter Umgebung nach und stellt Experimente an, die die Vermutungen bestätigen oder auch nicht. Wenn man genug Experimente hat, stellt man eine Theorie auf. Die Theorie erlaubt Vorhersagen, und wenn sich später die Vorhersagen mit der Wirklichkeit decken, dann gilt die Theorie erst einmal als bewiesen. Mehr geht nicht in der Wissenschaft – in das Hirn des Spielleiters (oder Gottes) kann man nicht hineinsehen.

(Außerdem kann ich so vielleicht erklären, warum die Beispiele der Schülern in Erörterungen meist nichts bringen. “Mein Onkel hat einmal…/Eine Cousine von mir hat…/Ich selber habe…” – das ist etwa so aussagekräftig wie bei Eleusis: “Ich habe mal eine Kreuz 7 gelegt, und die wurde nicht akzeptiert.”)


Im Moment komme ich auf wissenschaftliches Vorgehen, weil in meinem Teil des Internets gerade wieder Homöopathie diskutiert wird. Die Kaltmamsell verweist auf einen Artikel in den Science Blogs über die Rolle der Homöopathie in der Ausbildung zum Pharmazeutiker-Ausbildung; versöhnlicher dazu Frau Nuf. Lesen Sie das nach, bei der Kaltmamsell und den ScienceBlogs, auch die jeweils vielen Kommentare. (Unbedingt den schönen Kommentar von Schlappohr bei dem ScienceBlog-Artikel lesen, mit dem herzerwärmenden Austausch zwischen Apotheker A und Herrn H.)

Leben kann ich gut mit der Argumentation: “Tests haben bewiesen, dass Homöopathie funktioniert.” Das ist nicht dumm, sondern nur falsch.
Leben kann ich auch mit: “Man kann Homöopathie nicht beweisen, das liegt in der Natur der Sache.” Das ist schon etwas dumm, aber auch das regt mich wenig auf. Diese Person gibt wenigstens zu, dass Homöopathiegläubigkeit eine Religion ist, und wenn ich mit Religion auch meine Schwierigkeiten habe, habe ich keinen Anlass, darüber zu streiten.

Mit anderen Argumenten habe ich mehr Probleme:

  • Die Pharmalobby hat etwas gegen Homöopathie. Wieso sollte sie? Kann man doch Geld mit machen. Die Homöopathielobby ist doch Teil der Pharmaindustrie. Vermutlich ist das schlechte Image von Pharma nur auf das Ph- am Anfang zurückzuführen – phishing, phreaking, lauter böse Sachen.
  • Jeder kann doch frei entscheiden, was er tut. Abgesehen davon, dass das, was man für freie Entscheidung hält, natürlich immer beeinflusst ist von Umfeld und Erziehung: Klar kann jeder frei entscheiden, hat auch niemand etwas dagegen gesagt. Das heißt aber nicht, dass jeder frei entscheiden darf, was eine Tatsache ist und was nicht. “Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber niemand hat das Recht auf eigene Fakten.” (Patrick Moynihan) Außerdem gilt das mit der freien Entscheidung wohl nur für natürliche Personen; Gesundheitsministerien und Krankenversicherungen können sicher nicht frei entscheiden, sondern müssen sich an irgendetwas halten – an Tatsachen; Bürgerwünsche; Lobbywünsche. Man wünscht sich, sie halten sich vor allem an das erste.
  • Wissenschaft kann nichts beweisen, sondern nur Theorien aufstellen. Das ist eine Wortspielerei, die zeigt, dass der Mensch keine Ahnung hat, wovon er spricht. Natürlich kann die Wissenschaft nur Theorien aufstellen, siehe Eleusis oben. Wenn die Theorien brauchbar sind, erlauben sie Vorhersagen, die bestätigt werden. Wenn das oft genug geschieht, darf man von bewiesen reden. Aber klar, natürlich ist immer möglich, dass ein Stein plötzlich nach oben fällt statt nach unten. Aber so unwahrscheinlich, dass man davon ausgehen kann, dass die Tehorie der Schwerkraft trotzdem bewiesen ist – und wenn das doch einmal geschieht, ist ein Naturwissenschaftler der erste, der sich darüber freut.
  • Alles mit den Wörtern mechanistisches Weltbild darin. Gemeint ist damit nur, dass sich Dinge gemäß Regeln verhalten, so wie bei Eleusis; das heißt nicht, dass man diese Regeln kennt. Die Alternative zu dem, was etwas unsachlich so genannt wird, lautet: Dinge verhalten sich nicht nach Regeln. Also doch Wunder.
  • Möglicherweise wird die Wissenschaft eines Tages feststellen, dass Homöopathie doch funktioniert. Nur jetzt kann sie es noch nicht beweisen. Es geht nicht ums Beweisen, es geht ums Feststellen. Man hat noch nicht festgestellt, das Homöopathie funktioniert.
  • Bei meinem Onkel hat es auch geholfen.

Dieser letzte Satz ist problematisch, und vermutlich der wichtigste. Woher weiß man, ob etwas wahr ist? Woher weiß man, dass Astrologie, Handauflegen, Hausaufgaben, Lebendiges Wasser, Aspirin funktionieren? “Mein Onkel hat festgestellt, dass es funktioniert. Ich habe festgestellt, dass es funktioniert. Deshalb funktioniert es.” Ein naheliegender Schluss. Der muss aber nicht stimmen; ich selber bin da ganz demütig und misstraue meinen eigenen Feststellungen manchmal. Alles andere erschiene mir wie Größenwahn. So ähnlich wie es optische Illusionen gibt, gibt es auch kognitive Illusionen, und woher will man wissen, ob man nicht auf eine hereingefallen ist? Das ist so ähnlich, wie wenn man bei Eleusis beobachtet, dass eine Herz 3 angelegt werden kann. Daraus die Regel abzuleiten: man kann (immer) eine Herz 3 anlegen, das wäre verfrüht. Bei Eleusis sieht man schön, wie Spieler Muster erkennen, wo keine sind.


Schlimm ist, dass so etwas die Deutschlehrer machen müssen statt die Biolehrer. Überhaupt, mit Esoterik haben es die Schulen manchmal, wie es die Süddeutsche unter “Aromadusche im Klassenzimmer” schreibt: “Lehrer setzen immer häufiger zweifelhafte Methoden in den Klassenzimmern ein.” Auch aus innerschulischen Gründen will ich dazu nicht viel schreiben. Zitieren möchte ich allerdings folgende kluge Frage, die Anne Höhl in diesem Artikel stellt:

Doch ist das Drücken einiger Energiepunkte wirklich so schlimm? Ist es gefährlich, wenn Kinder zur besseren Konzentration mit Lavendel beduftet werden? “Geschadet wird im Allgemeinen nicht dadurch, dass etwas getan, sondern dadurch, dass etwas unterlassen wird”, sagt Wolfgang Hund. Unterlassen wird die gezielte Hilfe von pädagogischen Fachleuten, wenn zum Beispiel Aufmerksamkeitsdefizite oder Lernschwächen auftreten.

Da rührt sich die Erinnerung des Deutschlehrers. Genau diese Frage stellt Daja in Nathan der Weise, und Nathan gibt genau diese Antwort darauf. Nathans Tochter Recha ist von einem christlichen Tempelritter aus dem brennenden Haus gerettet worden, bildet sich aber ein, ein Engel habe sie geschützt:

Recha. – Ich also, ich hab einen Engel
Von Angesicht zu Angesicht gesehn;
Und meinen Engel.

Nathan. Doch hätt’ auch nur
Ein Mensch – ein Mensch, wie die Natur sie täglich
Gewährt, dir diesen Dienst erzeigt: er müsste
Für dich ein Engel sein. Er müsst’ und würde.

Recha. Nicht so ein Engel; nein! ein wirklicher;
Es war gewiss ein wirklicher!

Recha will aber lieber auf wundersame Weise gerettet worden sein; Nathan weist sie darauf hin, dass die Realität wunderbar genug ist:

Nathan. Wie? weil
Es ganz natürlich, ganz alltäglich klänge,
Wenn dich ein eigentlicher Tempelherr
Gerettet hätte: sollt’ es darum weniger
Ein Wunder sein? – Der Wunder höchstes ist,
Dass uns die wahren, echten Wunder so
Alltäglich werden können, werden sollen.
[...] Lass mich! – Meiner Recha wär’
Es Wunders nicht genug, dass sie ein Mensch
Gerettet, welchen selbst kein kleines Wunder
Erst retten müssen? Ja, kein kleines Wunder!
Denn wer hat schon gehört, dass Saladin
Je eines Tempelherrn verschont? dass je
Ein Tempelherr von ihm verschont zu werden
Verlangt? gehofft? ihm je für seine Freiheit
Mehr als den ledern Gurt geboten, der
Sein Eisen schleppt; und höchstens seinen Dolch?

Darauf vermittelnd Daja, Nathans Haushälterin und Rechas Ziehmutter:

Was schadet’s – Nathan, wenn ich sprechen darf –
Bei alledem, von einem Engel lieber
Als einem Menschen sich gerettet denken?
Fühlt man der ersten unbegreiflichen
Ursache seiner Rettung nicht sich so
Viel näher?

Da ist genau die Frage aus dem Artikel oben. Nathans Antwort: Weil der Glaube an das Wunder echte Tätigkeit verhindert. Recha schwärmt für den Engel, um den heimatlosen Tempelritter in Jerusalem kümmert sich niemand; vielleicht schläft er hungernd irgendwo unter Brücken. (Nathan jagt Recha ein wenig Schreck ein, schwarze Pädagogik und so.)

Nathan: Kommt! hört mir zu. – Nicht wahr? dem Wesen, das
Dich rettete, – es sei ein Engel oder
Ein Mensch, – dem möchtet ihr, und du besonders,
Gern wieder viele große Dienste tun? –
Nicht wahr? – Nun, einem Engel, was für Dienste,
Für große Dienste könnt ihr dem wohl tun?
Ihr könnt ihm danken; zu ihm seufzen, beten;
Könnt in Entzückung über ihn zerschmelzen;
Könnt an dem Tage seiner Feier fasten,
Almosen spenden. – Alles nichts. – Denn mich
Deucht immer, dass ihr selbst und euer Nächster
Hierbei weit mehr gewinnt, als er. Er wird
Nicht fett durch euer Fasten; wird nicht reich
Durch eure Spenden; wird nicht herrlicher
Durch eu’r Entzücken; wird nicht mächtiger
Durch eu’r Vertraun. Nicht wahr?

Interactive Fiction in der Schule

Ich glaube, ich habe da etwas entdeckt, das mir viel Spaß machen wird. Über Text Adventures/Interactive Fiction habe ich ja vor ein paar Tagen geschrieben. Im Englischunterricht habe ich auch schon gelegentlich eine Zork-Stunde eingeschoben, und mit einer Unterstufenklasse, die ich in Informatik und Englisch hatte, habe ich selber mit dem Schreiben experimentiert.

Aber da geht noch mehr.

Einmal für den Literatur- und Fremdsprachenunterricht. Es gibt tolle Spiele: Manchmal muss man viele Rätsel lösen; bei anderen Spielen geht es darum, das historische New York kennenzulernen. Man schlüpft in die Rollen von Papageien oder Kleinkindern im Krabbelalter, mit entsprechend eingeschränkten Möglichkeiten, die Umwelt zu beeinflussen. Andere Werke sind Kurzgeschichten, paradoxe Parabeln und Verwirrspiele, avantgardistische Textexperimente. Auf Deutsch ist die Auswahl an Texten geringer, aber prinzipiell ist das gleiche möglich.

(Bald merkt man: Die Spiele leben nicht von den Rätseln, sondern von der Atmosphäre. Die wird anders erzeugt als in herkömmlicher Epik, ein paar Sätze reichen meist zur Beschreibung. Die Qualität des Schreibens zeigt sich auch darin, wie sehr die Erwartungen und Vermutungen des Spieler-Lesers vorausgeahnt werden; hier wird gleich unmittelbar auf die Reader-Response reagiert.)

Zum anderen kann man das Schreiben solcher Texte – vielleicht – für den Informatikunterricht nutzen. Geschrieben wird Interactive Fiction meist in eigenen, objektorientierten Programmiersprachen. In Inform 6 legt man ein Objekt so an:

Object Staff_Room "Staff Room"
     with
          description "A room for all the staff to meet and sit 
                and get a cup of coffee.",
          n_to hallway,
     has light;

Das sieht doch schon mal nach einer richtigen Programmiersprache aus. Aber in der Informatik geht es ja gar nicht so ums Programmieren. Es gibt auch Ansätze, informatische Konzepte ohne Programmiersprache zu lehren, zum Beispiel in einer Programmierumgebung, die ganz ohne Code und die entsprechenden Syntaxfehler auskommt, in der die Lernenden nur mit Drag-and-Drop arbeiten.

Eine andere Möglichkeit könnte Inform 7 sein. Da sehen die Zeilen Code, mit denen man den gleichen Raum wie oben erzeugt, so aus:

The Staff Room is a lighted room. "A room for all the staff to meet and sit and get a cup of coffee." North of the Staff Room is the Hallway.

Einfacher Inform-7-Code ist leicht zu schreiben, weil Inform 7 der natürlichen Sprache Englisch so nahe kommt wie wohl keine andere Programmiersprache. Deswegen lässt sich der Code auch sehr leicht lesen. Anspruchsvoller Inform-7-Code ist aus genau diesem Grund wohl schwerer zu schreiben, als man denkt. Zu sehr ist man versucht, einfach normales Englisch zu verwenden und übersieht dabei, dass Inform 7 trotz allem vielen Beschränkungen unterliegt. Aber dafür kann man sehr knapp und elegant formulieren:

Instead of a suspicious person (called the suspect) burning something which is evidence against the suspect when the number of people in the location is at least two, try the suspect going a random valid direction.

(Beispiel aus der pdf-Fassung von Ron Newcombs Inform 7 for Programmers.)

So komplexe Regeln für das Verhalten der Spielwelt wird man in der Schule kaum brauchen. Aber Zustandsautomaten gehen ganz schön, und die macht man zum Beispiel in der 10. Klasse. Da programmiert man zum Beispiel einen Aufzug mit drei Stockwerken/Zuständen. In Inform 7 legt man zuerst den Aufzug und die Knöpfe an, damit man in der Spielwelt auch etwas tun kann:

The elevator is an enterable, transparent container in the basement. It is not portable. The description is "An elevator with an up and a down button."
The up button is a thing in the elevator. It is scenery. The description is "An arrow pointing upwards."
The down button is a thing in the elevator. It is scenery. The description is "An arrow pointing downwards."
The elevator has a number called zustand. The zustand of the elevator is 1.

Und dann kommen die Regeln für die Zustandsübergänge:

Instead of pushing the up button when the player is in the elevator:
   if the zustand of the elevator is 0:
     now the zustand of the elevator is 1;
     say "Going up. (Ground floor.)";
     now the elevator is in the ground floor;
   otherwise if the zustand of the elevator is 1:
     now the zustand of the elevator is 2;
     say "Going up. (First floor.)";
     now the elevator is in the first floor;
   otherwise:
     say "Nothing happens."

Instead of pushing the down button when the player is in the elevator:
   if the zustand of the elevator is 2:
     now the zustand of the elevator is 1;
     say "Going down. (Ground floor.)";
     now the elevator is in the ground floor;
   otherwise if the zustand of the elevator is 1:
     now the zustand of the elevator is 0;
     say "Going down. (Basement.)";
     now the elevator is in the basement;
   otherwise:
     say "Nothing happens."

Eigentlich müssten die Knöpfe nicht nur im Aufzug sein, sondern auch außen. Aber das ist ja erst mal nur ein einfaches Modell.

Was auch noch gut geht mit Inform: Objekte, Attribute, Klassen, Vererbung, Datentypen; Modellierung, Relationen. Was vermutlich nicht so gut geht: Algorithmik, aber da bin ich noch am Herumprobieren.

Ich habe mal ein paar Seiten erstellt, die ich als Ausgangspunkt für meine Untersuchung von Inform 7 für die Schule nehmen möchte. Dort auch Links zu allem möglichen.

Bislang habe ich mit einer 10. Klasse zwischendurch mal Spiele in Inform 7 geschrieben; bisher ist nur ein kurzes Spiel online, von mir redigiert; ich hoffe, dass die anderen vor dem Schuljahresende auch fertig werden (von den Schülern selber noch redigiert).

Heute Vorlesung

image

Heute haben wir mit ersten Vorlesungen begonnen, von denen ich weiß, dass andere Schulen damit schon länger experimentieren: probehalber, für die Q12, im Rahmen einer jahrgangsinternen Ringvorlesung. Wir haben erst mal die scheidende Referendarin vorgeschickt, weil wir Schisser sind ihr Gelegenheit zu einer Abschiedsveranstaltung geben wollten. Sie hat das auch sehr gut gemacht. Thema: Kafka.

(Eigentlich sollten die Q12-Schüler vom letzten Jahr die Vortragende kennen, aber mindestens einer war dabei, der im Anschluss daran, in den einzelnen Kursen, fragte: “Aber die, die war schon eine von der Uni, oder?” Ich führe das auch auf den Hosenanzug zurück: zumindest die beiden Fachbetreuer des Faches Deutsch an dieser Schule sind eher pullovrig und weniger universitär-repräsentativ. Darf ich doch so sagen, oder? Aber natürlich lag es noch mehr an dem gut gemachten Vortrag und der präzisen Ausdrucksweise.)

Den Schülern hat das wohl gefallen. Ich habe mir nach der Vorlesung – knapp 45 Minuten – im zweiten Teil der Doppelstunde die Mitschriften zeigen lassen und deren Übersichtlichkeit gelobt. Hat also auch gepasst. Informationsdichte, Vortragsweise, Schwierigkeitsgrad fanden die Schüler auch gut.

Dokumentation an der Schule

Was ich auch noch in den letzten Ferientagen gemacht habe:

Ein kleines Heft mit allem, was neue und erfahrene Kollegen an unserer Schule über das Fach Deutsch wissen sollten:

  • Regeln für die Notengebung aus verstreuten kultusministeriellen Schreiben (und die sind sehr verstreut)
  • Vereinbarungen an unserer Schule, zum Beispiel über Schulaufgabenarten in den verschiedenen Jahrgangsstufen
  • Wertung der zentralen bayerischen Tests und eventueller Ergänzungstests dazu
  • alle möglichen Sachen, die ich mir selber nie merken kann (wie die Höchstdauer für Große Leistungserhebungen)
  • Vorlesewettbewerb
  • Gepflogenheiten bei der Respizienz
  • Musteraufsätze für einzelne Aufsatzarten und Jahrgangsstufen
  • und vieles andere.

Das geht schnell, wenn man mit Formatvorlagen in Open Office arbeitet und einen Drucker hat, der automatischen Broschürendruck beherrscht. Kollege Z. hat ein ähnliches Heft erarbeitet für die Eltern der neuen Fünftklässler, das diesen die wichtigsten Fragen zum Deutschunterricht an unserer Schule beantworten soll. Auch so schön layoutet, denn das gehört schließlich dazu. Macht was her.

Das ganze geschah zumindest von meiner Seite aus auch in der Hoffnung, dass andere Fächer nachziehen werden. Oder auch die Schulleitung selber. Im Rahmen der Evaluation damals (Gott hab sie selig) ist zwar ein Profil der Schule entstanden, mit Aufgabenbereichen und so weiter, aber, nun, na, äh, ja. Man bräuchte vielleicht doch etwas, das dauerhaft gültig, unmittelbar verfügbar und verständlich formuliert ist. Klar legt man sich dabei fest: wenn etwas veröffentlicht ist, dann ist man daran einigermaßen gebunden, und viele Institutionen scheuen diese Bindung.

Es muss ja nicht sofort so ausführlich dokumentiert sein wie in Jakobs Blog beschrieben: neues Handbuch unserer Schule, 250 Seiten auf Papier. Ausgedruckt braucht man das inzwischen ohnehin nicht mehr, pdf reicht völlig.

Später dann vielleicht auch mal ein Imagefilm, so wie der des IndaGymnasiums:

(Teil 2/Abspann.)

Gefunden vor einem knappen Jahr beim Tafelblog, aber doch nie etwas dazu geschrieben. Natürlich ist ein Imagefilm Werbung für eine Schule, aber auch da sind öffentliche Aussagen drin, auf die man die Schule festnageln kann.

Immerhin, wir haben eine Schulvereinbarung und eine Broschüre. Film-AG hätten wir auch, heißt es. Jetzt muss nur noch festgenagelt werden.

(Ach, vermutlich stehe ich einfach nur auf ordentlich gestaltete Gehefte. Hat mit den Fanzines meiner Jugend zu tun.)

Für eine Öffentlichkeit schreiben: Geniale Idee

Selber darauf gekommen bin ich nicht, aber wenigstens erkenne ich eine gute Idee, wenn ich sie sehe: Kollege Z. im Treppenhaus der Schule, er geht nach oben, ich nach unten, um uns herum wuselnde Schüler, Zeit nur für einen kurzen Zuruf: “Was hältst du davon: Ich lasse jetzt die Schüler in mein Poesiealbum schreiben.”

Und in diesem Moment war alles klar. “Genial”, habe ich noch gerufen, dann war ich schon weiter. Kollege Z. hat jetzt also ein Poesiealbum, ich habe ein Poesiealbum und Kollegin N. auch. Und wir wetteifern, wer am meisten Einträge hat.

Das da oben ist nicht mein Album, sondern das der Kollegin. Meines ist nämlich unterwegs bei Schülern. Das von Kollege Z. auch, aber er ist mir mindestens zwei Schüler voraus. Wenn man auf der anderen Seite des Albums sitzt, dann merkt man erst, wie sehr man darauf wartet, dass die Schreiber ihren Eintrag endlich hinter sich bringen und das Buch wieder abgeben.

Mögliche Spielregeln, alle vom Kollegen: Je nach Jahrgangsstufe und Geschlecht gibt es Punkte für jeden Eintrag, am meisten zählen männliche Mittelstufenschüler. Oder: wenn man von jeder Klasse, die man in einem Jahr unterrichtet, einen Schüler oder eine Schülerin im Album hat, dann darf man das Buch Lehrern zum Eintragen geben. (Auch hier wieder: Physiklehrer zählen doppelt.)

Wir werben gerade noch mehr Lehrer und Lehrerinnen an unserer Schule an. Warum ich die Idee so toll finde: Meine Schüler und Kollegen müssen für eine kleine Öffentlichkeit schreiben und sich präsentieren. Ich habe ein Erinnerungsstück, ich lerne Schüler kennen. Für Schüler ist das eine andere, indirektere Möglichkeit der Rückmeldung. Und es ist insgesamt herrlich und herzlich wenig digital.

Abschlussball Tanzkurs 2009

An meiner Schule gibt es in den 8. Klassen Tanzkurse. In den letzten zwei Jahren ist das ein bisschen reduziert worden, aber mit der neuen Kollegin Frau N. sind wir jetzt zwei Lehrer, die sich dafür interessieren, dass es so etwas gibt. Die hat das diesmal in die Wege geleitet. Gestern war der Abschlussball dieses Jahrgangs. Ort: Bürgerhaus Emmering, Veranstalter: Das Brucker Tanzstudio.

Einlass 19.30 Uhr, angekündigte Dauer bis Mitternacht, ich bin kurz vor halb zwölf gegangen, da die letzte S-Bahn nach München zehn vor zwölf fährt. Zu diesem Zeitpunkt war es jedenfalls noch proppenvoll, es wurde – wie den ganzen Abend über – ständig getanzt. Und zwar von Schülern wie von Eltern. Herzerwärmend.
Es gab zwei Einlagen der Hiphop-Gruppe Da Racoons und der Breakdance-Truppe der Tanzschule. Beides nicht zu lang, wurde begeistert aufgenommen. Die Band war gut, soweit ich das beurteilen kann, die Musikauswahl ausgezeichnet – nicht zuviel Discofox (den ich nicht mag), viel Foxtrott, auch ein Tango, viel Samba. “Wunderbar” von Cole Porter, “Cocktails for Two”, alles Sachen, die ich selber auf dem iPod habe.

Bestimmt gab es auch Stress und Sorgen und Aufregung und Tanzpartnerprobleme; ich weiß nicht, wie das so ist als Teenager oder als Nichttänzer. Aber was ich mitgekriegt habe, war toll. Die Schüler und die Eltern sahen schick aus. (So würde ich auch gerne mal mein Lehrerkollegium sehen.) Die Tanzfläche war voll, aber nicht so unbequem voll wie auf dem Frühlingsball im Bayerischen Hof dieses Jahr. Man konnte gut tanzen. Und das haben eben auch alle, bis zum Schluss. Dann spielt die Band auch noch “Love is in the air”. Nächstes Jahr gibt es das hoffentlich wieder.

Ein Tipp für zukünftige Abiturienten und Abiturientinnen: So sehen gelungene Feiern aus.







(Ich kann übrigens auch weniger verwackelt und verschwommen fotographieren. Aber ohne etwas Verfremdung müsste ich natürlich zu viel Erlaubnis einholen.)

Warum in den 8. Klassen? Das hat historische Gründe: Ich war vor Jahren eben Lehrer einer 8. Klasse, von der ich dachte, dass sie darauf anspringen würde. Außerdem passte das mit etwas Tricksen zum Englischbuch damals, da tauchte New York auf, und Irving Berlin ebenso, und den Schülern spielte ich aus Vokabel- und anderen Gründen das Lied “Let’s call the whole thing off” vor, natürlich mit ein bisschen Fred Astaire und Ginger Rogers zum Anschauen:

You say either [i:] and I say either [aι]
You say neither [i:] and I say neither [aι]
Either [i:] – either [a], neither [i:] – neither [aι]
Let’s call the whole thing off

Tatsächlich hat sich die Jahrgangsstufe 8 bewährt, auch wenn gelegentlich Bedenken kommen, ob die Schüler da nicht vielleicht zu jung sind. Sind sie nicht.

Aus den vier 8. Klassen dieses Jahr haben etwa 80 Schülerinnen und Schüler mitgemacht, dazu noch 10 aus den 9. Klassen. Es gab einen Donnerstags- und einen Freitagstermin, wobei ich den Schülern vorher hinterhergerannt bin um sicher zu gehen, dass an jedem Tag etwa gleich große Gruppen und vor allem gleich viele Mädchen und Jungen da sein würden. Das nächste mal will ich mal schauen, ob ich diese Arbeit nicht vielleicht den SMV-Vertretern angedeihen lasse.

Schule 1.0 – Das Herbarium

Habe ich schnell beim Kollegen stibitzt: 6. Klasse Biologie, auch bekannt als Naturundtechnik. Die Schüler erhielten einen Auftrag, eine Anleitung und reichlich Zeit dazu, ein Herbarium anzulegen – eine Sammlung von Wiesenblumen mit deren Bestimmung.

Eine Schülerin hat ihres letzte Woche schon vor dem Termin abgegeben, und da habe ich es mir ausgeliehen und darin geblättert. Ein dicker Hefter DIN A 4 mit Folien drin:

herbarium1_hahnenfuss

herbarium2_stiefmuetterchen

herbarium3_schafgarbe

Frau Rau zeigt mir ja tatsächlich ein- oder zweimal im Jahr eine Blumenwiese, und viele gelb blühenden Pflanzen kann ich auch bestimmen. Na ja, manche. Es interessiert mich jedenfalls. Wir haben beide im Buch geblättert und daraus gelernt.

Mir gefällt vor allem die Schafgarbe, die ich vom I Ging her kenne, auch wenn heute statt der Pflanzenstengel wohl meist Münzen verwendet werden. (Von den Schildkrötenpanzern ist man ganz abgekommen.)

Ich weiß nicht, ob es Noten auf diese Bestimmungsbücher gibt. Hausaufgaben dürfen in Bayern am Gymnasium zwar nicht benotet werden, solche Projekte und praktische Arbeiten schon – auch wenn da genauso die Eltern helfen können. Und ich habe auch nichts dagegen, dass die Eltern dabei helfen. Helfen, nicht selbermachen, aber das sieht man als Lehrer ja. In einer Ganztagsschule würde man mehrere Nachmittage auf der Wiese verbringen, aber wir haben keine Ganztagsschule (und ob die kommenden Lehrpläne Zeit für solche Bestimmungsbücher lassen, bezweifle ich). Soll man deshalb darauf verzichten, Schülern solche Aufgaben zu stellen?