Kategorie: Schule (was Schüler Können)

Das sind alles Schülerleistungen und Schülerprojekte; daneben Beispiele für den erreichbaren Leistungsstand von Schülern in bestimmten Jahrgangsstufen.

Abschlussball Tanzkurs 2012

An meiner Schule findet jedes Jahr ein Tanzkurs für die 8. Klassen statt, Teilnahme freiwillig, etwa zwei Drittel machen meist mit, dieses Jahr gab es zum ersten Mal wohl ernsthaft Probleme mit Jungenmangel. Es mangelt auch immer an Lehrern, die zum Abschlussball mitgehen – aber gut, am Tag zuvor war Abifeier, das hat vielen schon gereicht. (Leider habe ich vergessen, Kollege Z. daran zu erinnern. Der ist zwar, denke ich, kein großer Tänzer, macht dafür aber jederzeit Schabernacke mit.) Und so hatte ich allein mit Frau Rau einen schönen Abend. Vom Bahnhof aus spazierten wir an einem schönen sommerlichen Spätnachmittag eine halbe Stunde zum Veranstaltungsort, links Getreidefelder, rechts, uh, Getreidefelder mit anderem Getreide. Weizen und Roggen? Dann tanzten wir und unterhielten uns, und spazierten am Schluss, weil’s grad so schön war, durch die nach einem Regenschauer auf angenehme Temperatur gebrachte Sommernacht zurück. Glühwürmchen gesehen.

Objekte und ihre Zustände

In der 10. Klasse sollten Schüler Objekte und Zustandsübergänge illustrieren. Herausgekommen sind zwei kurze Filme zum Thema, die ich aber nicht zeigen darf. Aber ein paar Bilder darf ich – verkleinert – einstellen, die ich aus dem Film genommen und in eine Präsentation eingebaut habe.

Hier ist Objekt1 in zwei verschiedenen Zuständen, hier einfach “Vorher” und “Nachher” genannt:

Und das gleiche noch einmal mit Objekt3:

(Das Informatische daran: Objekte haben Attribute. Alle Objekte, die zur selben Klasse gehören, haben die gleichen Attribute. So könnte es bei einem Computerspiel die Klasse MENSCH geben, und die ist zum Beispiel so definiert, dass jeder Mensch ein Alter, eine Blutgruppe, eine T-Shirt-Farbe und eine Größe hat und außerdem Brillenträger ist oder nicht. Alle Objekte, die zur Klasse MENSCH gehören, haben deshalb diese Attribute – mit entsprechenden Attributwerten. Allerdings können sich die Attributwerte auch ändern. Damit ändert sich der Zustand des Objekts, also die Menge all seiner Attributwerte zu einem bestimmten Zeitpunkt. Ändert sich mindestens ein Attributwert, befindet sich das Objekt in einem neuen Zustand.)

Die Videofilme sind schön geworden. Aber so richtig leicht ist Informatik in der 10. Klasse leider nicht, Programmiersprachen sind so etwas völlig Fremdes heutzutage. Das mit den Zuständen dürfte jetzt aber einigermaßen sitzen.

Reden in der 9. Klasse

Der Schuljahresanfang in der 9. Klasse Deutsch sah diesmal so aus:

  1. (Optional: Anekdoten von der Nerd Nite erzählen. Eine Junior Nerd Nite an der Schule ankündigen.)
  2. (Optional: ein paar Videoblogs zeigen, um zu zeigen, dass man Sachen auch mit Schwung vortragen kann. In diesem Fall der Nostalgia Critic und Bottleplot.)
  3. Gestaltendes Lesen der Loriot-Rede zum Thema notleidende Vampire (mit Spendenaufruf) aus dem Schulbuch.
  4. Ein bisschen was zu Reden machen: Wiederholung, Parallelismus und Anapher als Stilmittel; Rolle von Situation, Publikum, Ziel.
  5. Dann: eine ähnliche Rede schreiben lassen. Zu einem ähnlich unernsten Thema. Vorschläge dazu machen. In der Schule zu schreiben beginnen, als Hausaufgabe beenden. Länge vorgeben: 200-400 Wörter.
  6. Im Computerraum die Rede in den Rechner tippen lassen. Genaue Vorgaben in Form eines Arbeitsblattes zur Formatierung machen. (Zeilenabstand 1 1/2, Abstand nach jedem Absatz, wo Leerzeichen hingehören und wo nicht.)
  7. Genauer sagen, wie eine gute Rede aufgebaut sein soll. Auch neue Bedingungen stellen. Überarbeiten der Rede im Computerraum.
  8. Einsammeln der Dateien.
  9. Vortragen der Reden im Klassenzimmer am Stehpult. Wenn die Klasse mitmacht, 6 Stück in einer Stunde. Ab der zweiten Stunde einen Schüler bestimmen, der Conferencier macht – den nächsten Redner auswürfelt, Rückmeldungen von der Klasse einfordert etc.
  10. Benotung auf Basis des Vortrags und der Datei. Formatierung stark gewichten.
  11. (Optional: ein paar Schüler in die Parallelklasse schicken und – wenn beide Klassen parallel arbeiten, wie bei uns geschehen – von der wiederum Redner kommen lassen, damit die auch mal vor fremdem Publikum reden.)
  12. (Optional: Weitermachen mit sachlicher Erörterung in Form einer Rede.)

Ich fand das alles sehr rund und zusammenhängend. Sowohl Schüler als Lehrer wissen jeweils, woran man gerade arbeitet, was nächste Stunde passieren wird. Beides halte ich inzwischen für sehr wichtig. (Und eher entspannend für den Lehrer ist das auch.) Die Reden habe ich zum Großteil aufgenommen, hier einige Ergebnisse:

Über Kühe:

Über Österreich:

Über das Trinken im Unterricht:

Über Bleistifte:

Über Taschentücher:

Über Mofas:

(Über Feedreader nicht hörbar, fürchte ich.)

Programmierprojekt in der Q11

Zum Ende der 11. Jahrgangsstufe müssen die Schüler im Informatik-Kurs an einem Projekt arbeiten. Dabei sollen die im Laufe des Jahres gelernten Datenstrukturen (Listen, Bäume) ebenso verwendet werden wie eine SQL-Datenbank, ansonsten ist man thematisch frei. Vorgeschlagen sind Sachen wie Reiseauskunft oder Kontoverwaltung, meine Schüler wollten etwas anderes machen.

Ich hatte zwei Gruppen. Die erste entwickelte ihr Kriegergame weiter, entstanden aus einer einfachen Übung zur Vererbung am Schuljahresanfang. Als Spiel simpel: zwei Rollenspielfiguren rüsten sich aus und hauen dann mit verschiedenen Methoden abwechseln aufeinander ein, bis einer verloren hat. Der Gewinner kriegt Geld und Erfahrungspunkte und kann sich mehr Ausrüstung kaufen; jeder Benutzer kann mehrere Spielfiguren haben, deren aktueller Zustand (Geld, Ausrüstung) in einer Datenbank gespeichert wird.

Kriegergame:
20 Klassen, davon 5 Interfaces
172 KB
~6190 Programmzeilen (2262 + GUI 3928), einschließlich javadoc und Leerzeilen

Programmiert wurde in Java in der Entwicklungsumgebung Eclipse; hier die grafische Darstellung der Klassen aus BlueJ:

Das Menü:

Der Kampf:

Der Shop:

Es gibt 5 verschiedene Charakterklassen (Hunter, Lich, Mage, Paladin, Tank), jeweils männlich oder weiblich; Ausrüstungsgegenstände; zum Teil animierte Angriffe, alles liebevoll grafisch aufbereitet. Überhaupt hat es Schülern die Grafik angetan, der größte Teil der Programmierarbeit entfiel auf die aufwendige Benutzeroberfläche. Mich selbst interessiert die am wenigsten, und fitzelig zu programmieren ist sie auch. Aber wenn’s Spaß macht.

Die andere Gruppe programmierte das Quiz “Wer wird Abiturient?”:

Quiz:
13 Klassen, davon 5 Interfaces
101 KB
~2863 Programmzeilen (1283 + GUI 1580), einschließlich javadoc und Leerzeilen

Auch hier wurde mit Eclipse gearbeitet; ein Überblick über die Klassen aus BlueJ:

Das Menü:

Eine erste Frage:

Nach den ersten sehr einfachen Fragen verlässt man die Grundschule und kann sich durch immer schwerere Fragen bis zum Abitur hocharbeiten. Die Fragen und Antworten und die Highscore-Liste sind jeweils in einer Datenbank gespeichert.

Bei beiden Projekten wurde mit den Entwurfsmustern Model-View-Controller und Beobachter gearbeitet. Insgesamt hatten die Schüler etwa neun Wochen Zeit, glaube ich.

Merken:

  • Je mehr Zeit man für das Projekt hat, desto besser. Wir hätten alle noch lange daran herumarbeiten können und wollen, ein paar erkannte Fehler sind noch drin und unerkannte sowieso. Eigentlich ist so etwas nichts für die letzten Wochen im Schuljahr, das müsste ein eigenes P-Seminar sein.
  • Das Arbeiten mit Datenbanken ist lästig. Zuerst hatte ich eine Datenbank im Web (wenn schon, denn schon), so dass die Schüler auch zu Hause daran arbeiten konnten. Das wäre für die Spiele auch schön gewesen, da es dadurch eine zentrale Benutzerverwaltung und eine zentrale Highscore-Liste gegeben hätte. Aber wenn man das Programm weitergibt, sind ja im Java-Quellcode die SQL-Zugangsdaten enthalten, und die will man nun mal nicht öffentlich haben. (Aus dem Bytecode wieder lesbaren Quellcode zu generieren, ist wohl recht leicht, wenn man nicht zusätzliche Verschlüsselungsschritte unternimmt.)
    Also hätte ein Java-Client auf den Server gemusst, der die Zugangsdaten verwaltet, nur dass bei mir kein Java läuft. Also dann doch eine lokal gespeicherte Datenbank. Microsoft Access ging recht schnell auch wenn manche Java-Versionen den Treiber bereits mitbringen, andere nicht. Einen Treiber für Open Office Base zu finden, dauerte lange, gelang aber doch. Nur dass das Open-Office-Format ein Zip-Format ist, auf dem Java nicht unmittelbar arbeiten kann – also müsste die .odb-Datei erst entpackt, dann bearbeitet, dann wieder gepackt werden, weil man nur im gepackten Zustand dann wieder mit Open-Office-Base darauf zugreifen kann.
  • Ich muss mir noch viel öfter Entwürfe zeigen lassen. Inzwischen ist StarUML auf unseren Rechnern installiert, damit geht das besser. Gefahr und Versuchung sind groß, dann doch einfach mal drauflos zu programmieren. Also: mehr Lenkung vor den Programmierphasen. Aber diese Sammelstunden kosten wieder Zeit.
  • Spiele sind eine gute Idee. Da kommen grafische Fähigkeiten zum Einsatz, und wer nicht gerne programmiert, kann Quizfragen heraussuchen und in die SQL-Datei eintippen. Irgendwas ist für jeden dabei.
  • Es ist ein fruchtloses Unterfangen, Schüler dazu bringen zu wollen, sich weniger auf die grafische Benutzeroberfläche zu konzentrieren.
  • Wichtig für die Arbeitsteilung: die Aufgaben müssen irgendwo im Web liegen, und die Schüler müssen sie selbst verwalten. Projektplanungssoftware wäre schön, aber es geht auch mit einem gemeinsamen GoogleDocs-Dokument:

    Schön, beim Mitlesen zwischendrin so Mitteilungen zu finden wie:

    !!Wichtig: Die Itemnamen dürfen maximal
    so lang sein wie “Sichel des Unterweltherschers”!!

  • Noten: Noten gab es keine darauf. Ich kann bei zwei derartig umfangreichen Projekten als nicht wirklich eingebundener Lehrer nicht mehr sinnvoll benoten. Eine Gesamtnote wäre möglich, die sich die Schüler dann untereinander aufteilen. Aber bei abiturrelevanten Noten wäre ich da sehr vorsichtig, am Ende führt das noch zu Streit. Aber es geht ja auch wunderbar ohne Noten.

Nachtrag: Jetzt auch als Video.

(Fortsetzung bei Youtube.)

Erzählen mit Perspektivenwechsel, die Schulaufgabe

Bei den letzten Schulaufgaben (für Leute außerhalb Bayerns: angekündigte, benotete Aufsätze, heftig benotet) meiner 6. Klasse habe ich mich beim Korrigieren sehr unterhalten. Eines der Themen, angelehnt an diese Übung (und die), sah so aus:

Zwei Leute haben sich verabredet, um ins Kino zu gehen. (Möglich: Kind/Elternteil, Freunde.) Einer von beiden ist pünktlich und wartet vor dem Kino und wird ungeduldig oder besorgt, weil der andere nicht kommt. Der oder die andere hat sich verspätet und beeilt sich sehr, um noch rechtzeitig zu kommen.
Erzähle das, indem du zwischen den Perspektiven der beiden abwechselst. Schildere anschaulich das Innenleben der beiden. Schreibe unterhaltend, aber übertreibe nicht; benutzte Vergleiche oder Metaphern. Am Schluss der Erzählung sollen Sie sich treffen.
Erzähle in der 3. Person.

Die Schülerinnen und Schüler haben viele Varianten dazu gemacht – Freunde, Freundinnen, Kinder und getrennt lebende Elternteile. Sehr häufig war auch das Liebespaar, das sich verabredet hatte – und an das ich beim Themenstellen gar nicht gedacht hatte. Hier die schöne Lösung einer Schülerin – 6. Klasse, 55 Minuten Arbeitszeit, 770 Wörter, gelegentliche Rechtschreib- und Kommafehler verbessert, Absätze waren bereits in dieser Form vorhanden:

Er rümpfte seine Nase. Es war schon viertel vor acht. In fünfzehn Minuten würde der Film beginnen anfangen. Irgend so eine romantische Schnulzengeschichte. Ein tiefer Seufzer entwich ihm. Von so viel Liebe und Personen, die sich Namen wie “Schnuckebärchen” oder “Honigkuchenpferd” gaben, hatte er wenig Ahnung. Ihm waren diese Leute relativ egal. Trotzdem wartete er nun schon seit geschlagenen weiteren 15 Minuten vor dem riesigen Kino, dessen Leuchtschriften und Plakate die nächtliche Atmosphäre dieses Stadtteiles etwas erhellten. Obwohl seine digitale Armbanduhr, auf die er in der vergangenen Zeit mehrmals nervös und stöhnend einen Blick geworfen hatte, erst 20.50 Uhr zeigte, lag die zu kleine Nebenstraße des Kinos verlassen vor ihm. Eigentlich wollte er gar nicht hier sein. Er hätte genau so gut zu Hause bleiben und einen gemütlichen Abend verbringen können. Aber wieder einmal hatte ihn seine Freundin Stella dazu überredet, ihr diesen einen Gefallen zu tun. Wie immer war das Argument, dass es nur dieser eine war und er in letzter Zeit viel zu wenig bei ihr war. Tja, wie immer eben. Was tut ein Mann nicht alles, um die Welt der Frauen erträglicher zu machen.

Sie musste sich beeilen. Ihr ausgemachter Zeitpunkt wäre bereits um halb acht gewesen. Nun blieben ihr nur noch sieben Minuten um ihren Weg zum Kino zu schaffen. Wieso war sie nicht mit der S-Bahn oder dem Bus gefahren? Und wieso hatte ihr Vater ausgerechnet heute dieses, wie er immer betonte, superwichtige Meeting seiner Firma, bei dem er natürlich unbedingt den Wagen für sich beanspruchte. Sie atmete tief die kalte Luft durch ihre Nase ein, ließ sie hörbar wieder hinaus. An jenem Abend hatte einfach nichts klappen wollen. Ihre Haare sahen aus wie gehäuftes Stroh, ihr Make-up machte sie sicherlich zu einem Clown im Abendkleid. Vor ihren Augen konnte sie schon ihre Mitschüler über sie tratschen sehen. Mit Worten wie: “Hast du schon gehört?” und “Ich sag es ja, eine richtige Vogelscheuche!” würde sie das Gespött der Schule werden. Der einzige Trost bestand darin, dass sie mir ihrem Freund Derek für einen Liebesfilm verabredet war. Man hörte nur die romantischsten Dinge über ihn. Himmlisch. Diese Erkenntnis malte ihr ein erleichtertes Lächeln auf ihr Gesicht. Nur er und sie. Verborgen ihm Dunklen des Kinosaales.

Na, toll. Da nahm er sich extra den Abend frei und sie ließ ihn einfach so sitzen. Drei weitere Minuten verstrichen ohne auch nur die kleinste Regung. Aber Moment! Das hieß ja auch, dass er nur noch vier Minuten hatte, bis er sie hier in der Kälte stehen lassen konnte. In seinem Kopf spielte sich ein weiterer Film ab: Er ging. Sie kam und… sie heulte. Nein. Das konnte er nicht machen. Nicht nachdem er es nun schon so weit gemeistert hatte. OK. Er musste ganz ruhig bleiben. Er musste einfach an schönere gemeinsame Zeit mit ihr denken. Ja. Es half ein wenig. Dies war der Beweis, dass er sie wirklich liebte. Na, gut. Ein Film. Ein lächerlicher Film. Was war das schon für eine Aufgabe für einen Mann wie ihn. Schulter zurück. Brust raus. Cool bleiben. Ja. Das war ein Mann.

Sie blieb abrupt stehen, kramte einen kleinen Kosmetikspiegel aus ihrer Handtasche hervor und warf einen letzten, prüfenden Blick hinein. Ihre Vermutung hatte sich bestätigt. Zum Teil. Lächeln. Einfach lächeln. Wenn ihm wirklich etwas an ihr lag, würde er über die kleine Schminkpanne hinweg sehen. Noch einmal atmete sie tief durch, ehe sie den Spiegel zurück steckte, ihr Sonntagslächeln aufsetzte und um die Ecke vor dem großen Gebäude des Kinos eilte. Sie beschleunigte ihren Gang, als sie ihn sah. Er sah umwerfend aus im Schein der Lampen, die in alle Richtungen ihren Glanz warfen. Majestätisch. Ja. Fast schon göttlich.

Da war sie. Endlich. Mit langen Schritten kam er ihr, um Lässigkeit bemüht, entgegen. Sie wirkte süß, gleichzeitig jedoch auch stilbewusst und elegant. Wunderschön. Aber ihr Lächeln übertraf jedes noch so strahlende Model dieser Welt. Von ihm aus konnten zehn Heidi Klums auf ihn zu kommen; er hätte nur Augen für sie. Sie, seine große Liebe.

Wie schaffte er es nur, so entsetzlich ruhig zu bleiben? Tja, er hatte wohl viele versteckte Talente. Zu denen zählte auch die Kombination seiner Lederjacke, dem weißen Shirt und der verwaschenen Jeans, die er wie der Schöpfer der Coolness zum besten trug. Ihr Bauch kribbelte, als würden viele Schmetterlinge und Flugzeuge durch ihn ihre Loopings drehen. Dieser Abend würde trotz kleiner Katastrophen perfekt werden.

Als sich die beiden nach einer scheinbar endlosen Zeit trafen, fielen sie sich in die Arme. Dabei vergaßen sie fast schon wieder den Anlass, weshalb sie hier waren. Doch das war ihnen in diesem Moment egal. Zwei Menschen. Eine große Liebe.

Natürlich ist das ein bisschen übertrieben… aber besser als zu wenig innere Handlung. Der abgeschlossene Kurzroman als Aufsatzsorte?

(Fußnote fürs nächste Mal: Nicht alle Aufsätze waren so gut, auch wenn viele Einser dabei waren. Den Unterschied zwischen erlebter Rede und wörtlicher Rede muss ich besser erklären, der war nicht allen klar. Aber ähnliche Themen gibt es viele, und die werde ich auch in Zukunft ausprobieren. Kaufhausdetektiv und möglicher Ladendieb… oder bringe ich Schüler da auf falsche Gedanken?)

Die Deutschstunde

Deutsch, 6. Klasse, Erlebniserzählung. Verlangt: Perspektivenwechsel, Metapher/Vergleich, innere Handlung.
Manche Schüler tun sich schwer bei innerer Handlung. Mit der Kettensäge auf den Eisbären los, das ist kein Problem, aber Angst, Neugier, Tollkühnheit schildern, das schon.

Zum Üben habe ich den Schülern “Die Klavierstunde” von Gabriele Wohmann gegeben, eine Geschichte, die fast nur aus innerer Handlung besteht: Ein Junge geht zur Klavierstunde und spielt mit dem Gedanken, sich zu drücken, etwas anderes zu tun. Er hasst diese Klavierstunde. Parallel dazu bereitet sich die Klavierlehrerin auf die Stunde vor. Sie hasst die Stunde ebenso, hat Kopfschmerzen, würde lieber absagen. Die Perspektive wechselt regelmäßig zwischen beiden hin und her, die Absätze werden immer kürzer, bis der Junge das Haus erreicht hat und hereintritt und zum Schluss die Klavierstunde beginnt. (Und die Geschichte endet.)

Das ist üblicherweise etwas für die 9. Jahrgangsstufe. Da hatte ich vor ein paar Jahren auch schon einmal ausprobiert, die Schüler die naheliegende Parallelgeschichte “Die Deutschstunde” schreiben zu lassen. (In einem Wiki, nebenbei.) Klappt mit der 6. Klasse aber auch, wie man hier sieht:

Die Deutschstunde

Die S-Bahn hielt an. Der Junge stieg aus. Genau wie viele andere Leute, die schlaftrunken, müde und missgelaunt durch das schlechte Wetter gingen. “Es ist ungemütlich,” war der erste Gedanke als ihm der eisige Wind ins Gesicht blies. Langsam ging er in Richtung der schmutzverschmierten, matschigen, glitschigen Treppe, die er heruntergehen musste. Unten angekommen schlurfte er an einem verstopften Gulli vorbei. Er entzifferte die verworrene Schrift auf den Plakaten, die zerfetzt und verschimmelt an der Wand hingen. Die schlechten Graffities an der Fassade einer Ruine, die pöbelnden Jugendlichen und die ungewaschenen Bettler, die flehend die Hände ausstreckten, das alles beachtete er nicht. Ab und zu blieb er stehen und fand in sich die fürchterliche Möglichkeit, umzukehren, nicht hinzugehen. Sein Mund, trocken vor Angst, er könnte wirklich so etwas tun. Er war allein, niemand der ihn bewachte. Trotzdem: Die Beine trugen ihn fort und er leugnete vor sich selbst den Befehl ab, der das bewirkte und den er gegeben hatte.
Er hoffte, er würde krank werden, als er vor der Ampel stand, oder er würde sich etwas brechen. Die Ampel schaltete auf gelb. Die Ampel schaltete auf grün. Mechanisch fuhr er los. Der Scheibenwischer schrappte über das Frontglas. Er bog nach rechts auf den überfüllten Parkplatz ein und zog den Zündschlüssel aus dem Schloss. Und da sah er den Jungen, der ihn an sein grausames Schicksal erinnerte. In der ersten Stunde hatte er die schlimmste Klasse der Schule. Widerliche kleine Affen!
Widerlicher fetter Affe! Damit meinte der Junge die laufenden 190 Kilo, die gerade aus dem Auto stiegen und ihm an sein grausames Schicksal erinnerten. In der ersten Stunde hatte er den schlimmsten Lehrer im Land, der eine Mütze über seine sauber frisierten drei Haare zog. Das machte sein Aussehen nicht gerade besser, denn er sah aus als wäre er ein 80 Jahre alter Elefant. Trotzdem ging er weiter über die schief gelegten Betonplatten, über den alten fast haarlosen Teppich. Er ging extra langsam und hoffte damit zwei Minuten herausholen zu können. Es gelang ihm nicht.
Der Lehrer dachte immer noch wie er es schaffte zu Hause zu bleiben. Aber trotzdem kam er zur Tür der Klasse, durch die er schon die Schüler hörte. Er ging dort hinein und sah flüchtig über die Schüler, ließ die Begrüßung aus und begann zu erklären. Laut und humorlos.

(Unverbessert, ein paar Holperer sind noch drin. Mit Erlaubnis und gegen 1 Euro Bezahlung abgedruckt, aber nicht unter CC-Lizenz veröffentlicht. Und natürlich sind Teile des Aufsatzes sehr nahe am Wohmann’schen Original.)

In der letzten Stunde haben die Schüler fünf oder sechs dieser Geschichten mit sichtlichem Vergnügen vorgelesen und angehört. Bei allem Stolz auf die schönen Leistungen, so eine Stunde zieht die Lehrerstimmung schon ganz schön herunter, wenn die Schüler da mit ihren Engelsgesichtern solche Sachen vorlesen.
Das ganze ist natürlich eine Fingerübung, die Schüler wissen sehr wohl, dass sie damit nicht ihren Alltag beschreiben. (Ich rate also davon ab, das als Audruck einer gequälten Schülerseele zu sehen.) An dieser hier hat mir die apokalyptische Stimmung am Bahnhof so gut gefallen, auch wenn die gar nicht Thema war.

Bildbeschreibung

Neulich beim Respizieren habe ich das folgende Thema gesehen. Bildbeschreibung, 45 Minuten, 7. Klasse, Bayern, Gymnasium. Einen sehr guten Beispielaufsatz schreibe ich darunter.


Jean-Baptiste Siméon Chardin, “Dame beim Tee”

Beschreibe das Gemälde “Dame beim Tee” von Jean-Baptiste Siméon Chardin aus dem Jahre 1735 nach den im Unterricht besprochenen Regeln und Vorgaben. Achte auf eine saubere äußere Form und sprachliche Korrektheit!

Aufsatz, in gänzlich unverbesserter Form:

Das 1735 entstandene Gemälde “Dame beim Tee” von Jean-Baptiste Siméon Chardin zeigt eine Frau, die in entspannter und ruhiger Haltung sitzend ihren Tee genießt.
Das Bild ist insgesamt mit matten und abgeschwächten Farben gestaltet, rechts im Vordergrund herrschhen eheer helle Mattgelb- und Rottöne vor, links im Hintergrund dunkle Schwarz- und Grautöne.
Das Licht fällt vielleicht durch ein Fenster, das oben links im Bild sein müsste, auf die Dame, auf die Rückenlehne von dem Stuhl und auf den Tisch. Links im Hintergrund ist die dunkelste Ecke des Bildes.
Die etwas rundliche Frau im Zentrum von der man die Beine nicht sieht hat sich mit leicht gekrümmtem Rücken auf einen Stuhl niedergelassen.
Die Dame streckt den Kopf leicht vor, es wirkt, wie wenn sie genussvoll den Duft des Tees einatmet. Ihr linker Arm ist auf dem Tisch rechts im Bild abgelegt, mit der rechten Hand hält sie zierlich den Teelöffel und rührt um. Beide Ellenbogen sind abgewinkelt.
Das gelockte kurze Haar der Dame ist schon grau, daraus lässt sich schließen, dass sie etwas älter ist. Sie hat eine spitze Nase und ein Doppelkinn, die Augen sind geschlossen, die Augenbrauen hochgezogen. Fast sieht sie aus, als ob sie meditiert.
Die Dame ist bekleidet mit einem schwarz-weiß gestreiften Kleid aus dickem, schweren Stoff, das ihre Rundlichkeit noch unterstreicht. Um die Schultern gelegt und um die Hüfte gebunden hat sie sich einen schwarzen Umhang mit blauer [durch Kopierfehler unlesbar] oder ein Tuch, das sich links kaum vom dunklen Hintergrund abhebt. An den Handgelenken sieht man Rüschen hervorschauen. Auf dem Kopf ist die Frau bedeckt mit einer weiß-blaufarbenen Haube, die aber ihren Hinterkopf freilässt. Das alles lässt darauf schließen, dass die Dame eine Person aus gehobener Schicht, vielleicht sogar eine Adelige ist.
Rechts im Hintergrund befindet sich der wuchtige, große rote Tisch. Eine Schublade ist leicht geöffnet. Auf ihm sind die dunkelrote, fast schwarze Kanne Tee und die mit Malereien verzierte Tasse samt Untertasse abgestellt. Da es aus der Tasse Tee noch herausdampft, lässt darauf schließen, dass die Adelige noch nicht lange hier sitzt.
Von dem Stuhl links im Vordergrund sieht man nur die Rückenlehne. Diese sieht aber dennoch elegant aus, da sie mit drei Holzbögen unterteilt ist. Den Hintergrund kann man nicht richtig erkennen.
Der Gesamteindruck des Gemäldes vermittelt eine ruhige und offene Stimmung; wer möchte nicht gerne mit der Dame tauschen und sich von einem anstrengenden Tag erholen?

(c) J.J. All rights reserved.

(Dieser Text steht nicht unter der üblichen CC-Lizenz hier, Weiterverwendung nur mit Erlaubnis der Autorin, über mich zu erreichen.)

Nachdem ich jetzt wieder weiß, was Schüler in 45 Minuten zustande bringen können, will ich mich nie wieder mit schlampigen Texten im Informatikunterricht abspeisen lassen.

Exkurs 1: Das Rechtliche

Bisher bin ich sehr schlampig mit dem Urheberrecht umgegangen, was Schülerproduktionen betrifft. Ich habe zwar die Schüler um Erlaubnis gefragt, sie in Unter- und Mittelstufe gebeten, auch den Eltern Bescheid zu sagen, aber das war es.
Seit meiner letzten Sequenz zum Urheberrecht sehe ich das etwas strenger. Also habe ich bei der Schülerin das so gemacht, wie ich das auch in Zukunft halten will:

  • die Schülerin mündlich um Erlaubnis fragen
  • der Schülerin und den Eltern ein Schreiben mitgeben, in dem ich um Erlaubnis bitte und auf Gefahren und Grenzen hinweise:
    1. die Verwertungsrechte bleiben bei den Inhabern, ich will den Text nur auf meiner Webseite veröffentlichen und werde kein Buch daraus machen
    2. niemand anderes darf den Text verwenden
    3. aber wenn der Text erst einmal veröffentlich und digital ist, dann kann er auch viel leichter gestohlen werden
    4. und außerdem könnte jemand kommentieren, dass er den Text ganz schlecht findet; das müssen Autoren aushalten
  • die Schülerin fragen, in welcher Form sie ihren Namen unter dem Text sehen möchte: gar nicht, Initialen, vollständiger Name
  • Schülerin und Eltern darauf hinweisen, dass ich gerne einen symbolischen Betrag für die Erlaubnis bezahle

Und das habe ich dann auch gemacht, einen Euro, auch wenn ich die Schülerin dazu überreden musste. So viel ist mir ein schöner Text inmeinem Blog sicher wert, und Schüler sollten auch sehen, dass ihre Produkte etwas wert sein können. Dass Intellectual Property wertvoll sein kann. (Mir gefällt das englische Wort besser, da bei property für mich mehr der Gedanke der Veräußerlichkeit mitschwingt als bei Eigentum.)

Bei Gelegenheit mache ich mal ein Formblatt aus meinem ersten Schreiben.

Exkurs 2: Die Bildbeschreibung

Das Standardthema bei der Bildbeschreibung in der Unterstufe ist ansonsten ja Spitzweg. Funktioniert auch gut, aber man liest sich ein bisschen satt an den Aufsätzen.


Carl Spitzweg, “Der arme Poet”

Das folgende Bild habe ich noch nie gemacht… aber schön wär’s schon, so ein Bild, das gleich eine Geschichte erzählt. Vielleicht nicht in der Unterstufe.


Antoine Wiertz, “Hunger, Wahnsinn, Verbrechen”

Hm. Vielleicht sollte man beim Aufsatzschreiben in der Oberstufe statt Gedichten graphische diskontinuierliche Texte (vulgo: Bilder) interpretieren lassen. Da lernt man ebenso das Hinschauen und muss seine Fähigkeiten nur an einem Text beweisen, dem eigenen, statt mit zweien zu kämpfen.