Mit Schülern ins Theater

Samstag, 23. Mai 2009

Am Freitag war ich mit Schülern einer 9. Klasse im Theater – etwa mit der Hälfte der Klasse, in Der Gott des Gemetzels von Yasmina Reza. Das Stück lief letztes Jahr in Augsburg, da habe ich bei einer Freundin, die ebenfalls Deutschlehrerin ist, das Stück im Stehen gelesen. Dieses Jahr schlug die 9. Klasse das als Lektüre vor – 14,90 Euro für gut 90 Seiten sprachen allerdings dagegen.

Aber wir gingen ins Theater, das Stück anschauen. Residenz-Theater, Schülerkarten zu 8 Euro, praktische Einrichtung.

Es war schön. Die Schüler und Schülerinnen haben einen sehr guten Eindruck gemacht, richtig stolz kann man auf die Jugend von heute sein. Schick, selbstbewusst, im Theater unaufdringlich. (Zugegeben, auf der Fahrt nach Fürstenfeldbruck saß eine andere, eigentlich ganz ähnlich kichernde Mädchenhorde in der S-Bahn, die mir eher auf die Nerven ging. Aber sobald man die Leute kennt, ist das etwas anderes und eher herzerfrischend.)

Das Stück selber: Unterhaltsam. Für mich zehn Minuten zu lang, aber trotzdem viel Gelächter. Die Brech-Szenen erinnerten dezent an Monthy Python – Slapstick funktioniert immer. Beim Lesen hat mich das Stück damals nicht sehr interessiert, da wurde viel in der Inszenierun herausgeholt.

– Die schönen Schülerkarten gibt es allerdings erst ab Gruppen von 12 Schülern. Und die sind nicht immer leicht zusammenzukriegen, in einem Leistungs- oder Grundkurs schon gleich gar nicht. Ich habe deshalb gestern einen Moodle-Kurs “Theatergehen” eingerichtet. Mit der Abstimm-Aktivität können die Kursleiter ein Theaterstück und einen Termin vorschlagen, und wer sich bis zu einem gegebenen Zeitpunkt eingetragen hat (egal aus welcher Klasse oder welchem Kurs), kriegt eine Karte bestellt und bezahlt sie und geht mit – oder sucht selbstständig einen Ersatz.

Jetzt muss ich das nur noch bekannt machen und bräuchte dann vor allem einen Kollegen, der das in die Hand nimmt. Selber bin ich nicht besonders dazu geeignet, erstens mache ich eh schon genug und zweitens: Ich schaue nicht gerne Theaterstücke an. Epik und Lyrik ist mir viel lieber, und wenn schon Drama, dann am liebsten eines, das ich in Ruhe lesen kann. Das darf ich als Deutschlehrer gar nicht zugeben; wie seit dreihundert Jahren ist Drama immer noch die Textsorte mit dem größten kulturellen Status. Aber ich mag’s nicht besonders. Ich mag Sprache, finde Iphigenie von Goethe ganz toll. Aber in einer Inszenierung geht es oft nicht um die Sprache, sondern um Personen, die in verschiedenen Konstellationen auf einer Bühne stehen und bedeutungsschwangere Pausen machen (ähnlich dem “smell-the-fart-acting” von Joey aus Friends). Nee danke, das brauche ich nicht. Je mehr Pausen, desto weniger ist das was für mich. Aber wenn Schüler ins Theater wollen, gehe ich natürlich mit.

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Woran merkt man, dass ein Gedicht lustig ist?

Freitag, 22. Mai 2009

Bei Filmen habe ich mir schon als Teenager Gedanken über Genres gemacht: Woran, oder wenigstens: ab wann merkt man, dass ein Film eine Komödie ist? Dass ein Film also nicht den (von mir verabscheuten) vorgeblichen Realitätsmodus einnimmt, der ein Merkmal der Kategorien “Drama” und “nach einer wahren Begebenheit” ist?
Bei manchen Filmen geschieht das sofort, bei anderen nach Minuten. Bei welchem Film dauert es am längsten? Signale dafür sind Filmmusik, Schriftzug und Art des Vorspanns und, lange danach, Aussehen der Figuren und Art und Inhalt ihrer Rede. (Und mise-en-scène und so weiter.)

Ähnlich ist es mit literarischen Texten: Ab wann merkt ein geübter Leser, dass ein Gedicht humorvoll im weitesten Sinn ist – also vor allem ironisch, spöttisch, unernst, albern? Lehrer bilden sich ein, dass sie das sofort sehen. Schüler, das weiß ich aus Erfahrung, sehen das nicht, und das ist ihnen nicht vorzuhalten. Aber ein Lernziel des Gymnasiums sollte doch sein, dieses unernste Sprechen zu erkennen.

Anlass war folgendes Heine-Gedicht:

Erinnerung aus Krähwinkels Schreckenstagen (1854)

Wir Bürgermeister und Senat,
Wir haben folgendes Mandat
Stadtväterlichst an alle Klassen
Der treuen Bürgerschaft erlassen.

Ausländer, Fremde, sind es meist,
Die unter uns gesät den Geist
Der Rebellion. Dergleichen Sünder,
Gottlob! sind selten Landeskinder.

Auch Gottesleugner sind es meist;
Wer sich von seinem Gotte reißt,
Wird endlich auch abtrünnig werden
Von seinen irdischen Behörden.

Der Obrigkeit gehorchen, ist
Die erste Pflicht für Jud und Christ.
Es schließe jeder seine Bude
Sobald es dunkelt, Christ und Jude.

Wo ihrer drei beisammen stehn,
Da soll man auseinander gehn.
Des Nachts soll niemand auf den Gassen
Sich ohne Leuchte sehen lassen.

Es liefre seine Waffen aus
Ein jeder in dem Gildenhaus;
Auch Munition von jeder Sorte
Wird deponiert am selben Orte.

Wer auf der Straße räsoniert,
Wird unverzüglich füsiliert;
Das Räsonieren durch Gebärden
Soll gleichfalls hart bestrafet werden.

Vertrauet Eurem Magistrat,
Der fromm und liebend schützt den Staat
Durch huldreich hochwohlweises Walten;
Euch ziemt es, stets das Maul zu halten.

Schüler erkennen eher selten, dass es sich um ein Spottgedicht handelt. Humor ist schwer, und was Deutschlehrer witzig finden, ist Schülern gerne mal ein Rätsel. Das ist kein Vorwurf, jedenfalls keiner an die Schüler. Ab wann erkennt ein normaler Leser, ab wann ein Deutschlehrer, dass sich das Gedicht über etwas lustig macht? Die Vermutung ist sicher da, sobald man “Heine” hört, aber das Vorwissen fehlt Schülern. Ich behaupte, habe aber keine Möglichkeit, das zu belegen, dass spätestens der Titel “Erinnerung aus Krähwinkels Schreckenstagen” Spöttisches suggeriert – der Name des Örtchens ist sprechend, und auch schon vor Heine verwendet worden.

Vielleicht sollte man mal Titel und erste Strophen von relativ unbekannten Gedichten sammeln und Lehrer testen, ob sie an diesen erkennen können, ob das Gedicht unernst ist oder nicht. Ich glaube, gute Leser können das schnell erkennen. Oder Gedichte Zeile für Zeile an die Wand werfen, dalli-klick-mäßig, und der erste Schüler, der laut “witzig” oder “ernst” schreit, gewinnt einen Punkt für seine Mannschaft, wenn er es denn richtig erkannt hat.

Natürlich gibt es ganz reizende Grenz- und Problemfälle, bei denen die Entscheidung schwer fällt. Vielleicht lasse ich auch mal folgendes Werk von Schiller interpretieren, allerdings ohne den Titel, der die Interpretation zu sehr in die richtige Richtung lenkt:

Vier Elemente,
Innig gesellt,
Bilden das Leben,
Bauen die Welt.

Preßt der Zitrone
Saftigen Stern,
Herb ist des Lebens
Innerster Kern.

Jetzt mit des Zuckers
Linderndem Saft
Zähmet die herbe
Brennende Kraft,

Gießet des Wassers
Sprudelnden Schwall,
Wasser umfänget
Ruhig das All.

Tropfen des Geistes
Gießet hinein,
Leben dem Leben
Gibt er allein.

Eh es verdüftet,
Schöpfet es schnell,
Nur wenn er glühet,
Labet der Quell.

Heißt “Punschlied”.

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An was ich mich noch aus meiner Schulzeit erinnere

Mittwoch, 20. Mai 2009

Manche Szenen meiner Schulzeit habe ich noch gut in Erinnerung. Viele haben mit Mitschülern zu tun, aber etliche betreffen die Interaktion mit Lehrern. An folgende davon kann ich mich noch gut erinnern:

5. Klasse:

  • Herr W. bringt uns bei, was englisches Frühstück ist (Speck, Schinken, Ei, Tomate, Bohnen) und behauptet, es sei grässlich, so etwas am Morgen zu essen. Ich wusste schon damals, dass er irrte.
  • Ältliche Biologielehrerin zieht an den Ohren. Hat keinen groß gestört, obwohl wir darüber aufgeklärt waren, dass sie das nicht durfte.

6. Klasse:

  • Ein Lehrer – Sport und Mathe, blond, stets gut gelaunt, keiner meiner Favoriten – macht mit dem Kugelschreiber einen Kringel in meine Zeichnung, an der ich während des Unterrichts arbeite. (Es gab mehrere Ordner voller Zeichnungen, alles Raumschiffe. Leider nicht erhalten.) Der Kringel wird später zu einem Scheinwerfer umgeformt. Trotzdem ärgerlich.
  • Verweis in Bio gekriegt wegen Schwätzen. Ungerechtfertigt, aber als Exempel für die Klasse verständlich. Es ging um Wirbeltiere.

9. Klasse:

  • Im Englischunterricht gehört: Bob Seger and the Silver Bullet Band, Still the Same und Bruce Springsteen, Darkness on the Edge of Town.
  • Kurzgeschichte im Deutschunterricht: Ich weiß nur noch, dass ich als einziger erkannt habe, dass die Zeitungsausschnitte, die am Spiegel der Frau klebten, bildlich zu verstehen waren. Ob ich gelobt worden bin, weiß ich nicht, aber ich habe das als Leistung empfunden. Weiß jemand, was das für eine Geschichte gewesen sein könnte?

11. Klasse

  • Deutschlehrer Herr N. kommt rein, schreit uns erst mal an. Demonstriert uns dann, wie unfähig wir sind, einfachen Anweisungen zu folgen: Jeder soll einen Zettel herausnehmen, links oben den Vornamen, rechts oben den Nachnamen hinschreiben, ähnlich einfache Anweisungen folgen. Danach hat die Hälfte der Schüler irgend etwas falsch gemacht. Hat uns schwer beeindruckt. Alle lieben ihn.
  • Gleicher Lehrer erzählt Anekdoten aus dem zweiten Weltkrieg. Zieht sein Bein etwas nach. Nur die Hälfte der Anekdoten kann wahr sein, wir wissen es, er weiß, dass wir das wissen. Wir wissen aber nicht, welche.
  • Englischunterricht bei rip. Zum Beispiel Chaucer. Aber auch Gedichte von Mervyn Peake und viele Lieder von Billy Joel.

12. und 13. Klasse:

  • Chemielehrer ermahnt mich, nicht so müde auf der Bank zu liegen. Fragt mich nächste Stunde aus. 12 Punkte gekriegt. Ha!
  • Englisch-Leistungskurs: Lehrer geht davon aus, wir würden Shelley nicht kennen. Schüler protestieren. Lehrer verlangt zum Beweis seinen zweiten Vornamen. Zwei Schüler im LK kennen ihn. Ein ähnliches Ergebnis würde mich bei aktuellen Leistungskursen überraschen.
  • Gleicher Lehrer behauptet, Kaufhausmusik würde “Bozart” heißen. Ich korrigiere ihn, er meint “Muzak”. Klugscheißer.
  • Gleicher Lehrer erwähnt nebenbei Autoren und Titel. Ich schreibe sie mit und lese sie nach und nach. Puckoon von Spike Milligan zum Beispiel. Einer seiner Vorschläge für seine Facharbeit: Lost Horizon von meinem geliebten James Hilton, Gründe für den großen Erfolg des Romans in den frühen 30er Jahren. Das Buch kannte ich vom Hörensagen schon vorher, aber das war wohl der Anlass, dass ich es mir kaufte.
  • Deutsch-Leistungskurs: Lehrerin thematisiert Kitsch. Bringt zwei Texte mit, einen literarisch wertvollen, einen verkitschten. (Quelle, ergoogelt.) Wir sollen herausfinden, welcher Text Kitsch ist, welcher nicht. Bin der erste, vielleicht einzige, der antwortet. Tippe allerdings auf den falschen Text. Das geht mir seitdem nicht aus dem Kopf: Kitsch liegt mir, deutsche Literatur ist mir suspekt, vielleicht verdorben durch Science Fiction, vielleicht sind die Kriterien auch nicht sinnvoll. Sollte ich mal mit Schülern ausprobieren.
  • Kunstunterricht: Kunstlehrer hat Videokassette dabei, die ihm ein anderer Schüler gegeben hat. “Irgendein Western,” erklärt er uns. Vermutlich ist er auf die Idee gekommen, weil der Film das Wort “Kentucky” im Namen hatte. Als der Film begann, war da kein Western, sondern… anderes. Bei “katholische Schulmädchen in Not” spult er hastig vor, in Erwartung des eigentlichen Films später auf dem Band. Als er Play drückt, lautet der nächste Satz “Willkommen in der wunderbaren Welt des Sex”. Spult sofort weiter vor. Wir klären ihn auf, dass es sich bei “Kentucky Fried Movie” um eine Komödie und keinen Pornofilm handelt; er ist beruhigt. Kriegt trotzdem Schwierigkeiten mit Eltern und Vorgesetzten, eher wegen der Zombiefilme und wegen “Die Klasse von 1984″.

Ich hatte eine schöne Schulzeit, habe die Schule aber auch sehr gerne und ganz unsentimental verlassen. Ans Abitur kann ich mich kaum erinnern; es lief sehr gut, aber das weiß ich nur noch aufgrund der Noten. Meinem sehr wortkarg geführten Tagebuch entnehme ich, dass ich in der Kollegstufe gelegentlich nicht zum Unterricht erschienen bin, sondern Kaffee getrunken habe. Mantel des Schweigens.
Ich war zuverlässig, schwätzte wohl viel, beteiligte mich gelegentlich am Unterricht (vor allem aus Mitleid, wenn sonst keiner wollte), kriegte so ziemlich alles vom Unterricht mit und hatte demnach zu Hause nicht viel zu tun. Es gab sehr wenig Gruppenarbeit, sehr gelegentlich Rollenspiel, das ich stets als unangenehm empfand. Mangel an Gewohnheit.
Im Lehrerzimmer war ich zum ersten Mal nach meiner Schulzeit; ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass ich jemals etwas an der Lehrerzimmertür von einem Lehrer wollte. In der Schulbibliothek war ich ein einziges Mal, im Sprachlabor ebenso. Im großen und ganzen lief der Unterricht in Form von Lehrer-Schüler-Gespräch ab.

Vermutlich hätte ich von anderen Schul- und Unterrichtsformen auch profitieren können. Aber für mich war diese Art Unterricht effektiv und goldrichtig: Lehrer stellt sich hin, sagt was, ich merke es mir, rede mit ihm darüber. Passe im Unterricht auf, schaue am Anfang der Stunde kurz ins Heft.
Es gibt auch heute in jeder meiner Klassen Schüler, für die diese Art des Unterrichts effektiv und goldrichtig ist. Der Ruf nach neuen Formen des Unterrichts hat weniger damit zu tun, dass die alten Formen schlechter sind, als damit, dass man damit vielleicht mehr Schüler erreicht.

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Kugelspiel aus dem 5. Jahrhundert

Montag, 18. Mai 2009

kugelspiel

Konstantinopel, 5. Jahrhundert, Marmor
Berlin, Museum für Byzantinische Kunst (im Bode-Museum)
Wettspiel, verziert mit Szenen aus dem Pferderennen

Die Löcher stellen im Prinzip Abkürzungen der regulären Rennbahn dar.

Ich war am Wochenende kurz in Berlin – Familienfeier, Kommunion der ältesten Basentochter. Sehr liebe Kinder, große Leseratten. Habe mir im Garten kleinen Sonnenbrand auf dem lichter werdenden Haupte geholt. Der Friseur wollte mich beim letzten Mal schon von einer verhüllenderen Frisur überzeugen. In Berlin viel Verwandschaft getroffen, schöne Erfahrung. Kann also sein, dass ich bald wieder mal nach Berlin komme. Dann melde ich mich hier, ob sich jemand mit mir zum Kaffeetrinken trifft.

(Im Flugzeug Sascha Lobo gesehen. Kurz hallo gesagt, unbekanntwerweise.)

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Ganz altmodische Hardware, hat aber auch Vorteile

Mittwoch, 13. Mai 2009

globus

Steht gerade bei uns im Lehrerzimmer.

Für sphärische Trigonometrie – ein Dreieck mit Innenwinkelsumme von mehr als 180° zum Beispiel. (Auch für nichteuklidische Geometrie möglich.)

Und was isses?

Ein Globus aus Tafel. Um mit Kreide darauf zu zeichnen.

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