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Karl May, Am Stillen Ocean

Überraschendes Fundstück:

Es ist unberechenbar, welche Störungen und Umwälzung die Einführung eines neuen Thieres in der ursprünglichen Thierwelt eines Ortes hervorbringen kann. So hat z.B. in Neu-Seeland der flügellose Kiwi der Uebersiedelung des europäischen Hundes nicht widerstehen können, und ebenso droht die dort eingeführte Katze dem Kakapo, einem dortigen Kukuk, der auf niederen Zweigen zu nisten pflegt, mit dem vollständigen Untergange. Nicht allein die wilden Völkerstämme sind es, die bei der Ankunft des weißen Mannes ihr Todesurtheil empfangen, auch die Hausthiere, welche ihn begleiten, bringen den freien thierischen Bewohnern der Wildniß Verderben und Vernichtung.
(“Der Kiang-lu” 1880, später aufgenommen in Am Stillen Ocean)

Der Kakapo, ich glaub’s nicht! Der Kakapo ist kein Kuckuck, sondern ein flugunfähiger Papagei; der einzig flugunfähige Papagei, den es gibt. Auf Neuseeland, ja. Den Kakapo wählten schon Douglas Adams und Mark Carwardine als eine der bedrohten Tierarten, die sie in Die letzten ihrer Art (Last Chance to See) vorstellten, und daher kennen und lieben wir ihn.

Der Kakapo ist inzwischen tatsächlich vom Aussterben bedroht (Rote Liste, critically endangered), im März 2014 gab es noch 126 Exemplare. Der Grund für das Aussterben ist der, den May schildert – zu den von May genannten Katzen (und wohl auch Ratten) kamen nach 1880 noch dort ausgesetzte Hermeline, Frettchen und Wiesel hinzu, die die überhand nehmende Zahl der Kaninchen reduzieren sollten. Rettungsversuche für den Kakapo begannen schon 1891.

Hier trägt Adams aus dem Buch vor:

Unbedingt empfehlenswert, das ganze Buch. Das Fortpflanzungsverhalten des Kakapo ist tatsächlich bizarr, Wikipedia hat eine Menge Information dazu. Unter anderem kann man dort den männlichen Balzruf hören oder (als .ogg) herunterladen. Mit meinen alten müden Ohren höre ich den originalen Balzruf dort tatsächlich nicht – die Frequenz liegt unter meiner Hörschwelle, der Ton ist zu tief. Auf Wikipedia gibt es eine um eine Quinte herauftransponierte Fassung, da höre ich den Ruf tatsächlich. Schöner ist es natürlich, sich die Originaldatei in eine Audiobearbeitungssoftware zu laden, dort zu sehen, dass da etwas ist, das man nicht hört, und dann selber die Frequenz zu erhöhen, bis man die Töne hört.

kakapo

Am Stillen Ocean ist kein Roman, sondern eine Sammlung von fünf Einzelerzählungen, die teilweise weiter in einzelne Episoden aufgeteilt sind. Der Held ist wieder mal Kara Ben Nemsi/Old Shatterhand, hier durchweg “Charley” genannt, aber die Geschichten spielen weder in Nordamerika noch in Nordafrika oder Arabien oder auf dem Balkan, sondern in der Südsee und China, und sind lose miteinander verknüpft. In der ersten Geschichte geht es um einen Machtkampf in der Südsee, in der zweiten, längeren und interessantesten, um Flusspiraten in China. Die dritte Geschichte beginnt in einem Bahnhof in einem “berühmten Centralpunkt des westfälischen Kohlen- und Eisenwerkbetriebes”, wo der Erzähler das auserkorene Opfer einer Bande von Trickbetrügern wird. Sie wollen ihn bei einer Runde Three-Card-Monte ausnehmen, aber das klappt natürlich nicht. (Später verschlägt es die Geschichte noch nach Moskau und in die Mongolei, wo er jeweils wieder auf die Trickbetrüger stößt.) In der vierten und fünften Geschichte geht es um Piraten auf Ceylon (heute: Sri Lanka) und Java.

Über Land und Leute habe ich in diesen Geschichten sehr viel gelernt. Kunststück, stellt sich heraus, denn Karl May wollte seinen Lesern genau das beibringen. In seiner Autobiographie Mein Leben und Streben schreibt May durchaus kritisch – aber ehrlich gesagt: eher noch begeistert – über die Räuberromane seiner Kindheit und vergleicht sie mit den braven didaktischen Büchern:

Und was geschah in den sonst ganz guten und brauchbaren Büchern des Herrn Rektors? Da waren große, weite und ferne Länder beschrieben, aber es ereignete sich nichts dabei. Da wurden fremde Menschen und Völker geschildert; aber sie bewegten sich nicht, sie taten nichts. Das war alles nur Geographie, nur Geographie, weiter nichts; jede Handlung fehlte. Und nur Ethnographie, nur Ethnographie; aber die Puppen standen still. Es war kein Gott, kein Mensch und auch kein Teufel da, das Kreuz mit den Fäden in die Hand zu nehmen und die toten Figuren zu beleben! Und es gibt doch Einen, der diese Belebung ganz unbedingt verlangt, nämlich der Leser. Und auf den kommt doch alles an, weil er allein es ist, für den die Bücher geschrieben werden. Die Seele des Lesers wendet sich von jeder Bewegungslosigkeit ab, denn diese bedeutet für sie den Tod. Welch ein Reichtum des Lebens dagegen in dieser Leihbibliothek! Und welch ein Eingehen auf die Eigenheiten und Bedürfnisse dessen, der so ein Buch in die Hände nimmt! Kaum fühlt er während des Lesens einen Wunsch, so wird dieser auch schon erfüllt. [...] Mag Goethe noch so viel über die Herrlichkeit und Unumstößlichkeit der göttlichen und der menschlichen Gesetze dichten und schreiben, so hat er doch unrecht! Recht hat nur sein Schwager Vulpius, denn der hat den Rinaldo Rinaldini geschrieben!

Ganz klar, May spricht sich für die Unterhaltung aus, nähert sich aber auch sehr der Trivialliteratur, wenn er lobend erwähnt, dass die Wünsche des Lesers jeweils sofort erfüllt werden. Der ganze, lesenswerte Abschnitt steht noch einmal am Ende dises Blogeintrags.

Demnach enthält das Buch auch einige der ausführlichen Landschaftsbeschreibungen, die man als junger Mensch immer übersprungen hat. Anders war das übrigens bei dem Band, den ich eine Woche zuvor gelesen hatte: Im Lande des Mahdi I: Menschenjäger enthält kaum solche störenden Landschaftsszenen. Dafür besteht es aus zu vielen Variationen von: Feinde Verfolgen, Gefangennehmen und -genommenwerden, Anschleichen und Belauschen, Befreien von Gefangenen. Auf die Dauer merkt man da schon eine gewisse Wiederholung. Da ist Am Stillen Ocean sehr viel abwechslungsreicher – andererseits enthält das dafür nervende Sidekicks, etwa der sehr flach gezeichnete Sir John Raffley (mit genau drei Merkmalen: spleeniger Engländer, wettet gern, hat eine Klappstuhl-Fernrohr-Regenschirm-Kombination) und in der letzten Geschichte den mehr als üblich rassistisch gezeichneten Quimbo.

Sprachliches

Am Stillen Ozean ist ein Fundort für das seltene Dschungel-Femininum, wie es sich – neben der Pluralform – auch bei alten Kipling-Übersetzunge findet. Oft ist hier vom Dschungel im Plural die Rede, da verwundert der Artikel “die” nicht: “Da in die dichten Dschungeln nur sehr schwer einzudringen ist” (GR11, S. 534). Manchmal ist dabei unklar, ob es sich um Singular oder Plural handelt: “Wir liefen durch die Dschungel nach der Küste zurück” (GR11, S. 568) – ein Akkusativ-Singular oder ein Plural, diesmal ohne “n”?
Aber ein echtes Femininum ist auch einmal dabei: “dann kam die Dschungel, eine undurchdringliche Verwickelung von üppigen Rankengewächsen, Schlingpflanzen und Sträuchern” (GR11, S. 426). Allerdings gibt es auch einmal ein eindeutiges Maskulinum/Neutrum: “nicht weit von uns im Dschungel verborgen” (GR11, S. 435). Zitate in diesem Fall jeweils nach der digitalen Ausgabe, also nicht überprüft.

Und dann ist da noch Karl Mays Verwendung von “jedenfalls”. Heute wird das Wort verwendet, um an Vorangegangenes anzuknüpfen, entweder rein bestätigend oder konzessiv-abwehrend. (Ich habe jedenfalls nichts davon gewusst!) Auch das Deutsche Wörterbuch (Grimmsches Wörterbuch) nennt diese Bedeutung: “nach einem zugebenden, voraussetzenden, behauptenden vordersatze: mochte er auch in not sein, jedenfalls durfte er einen solchen schritt nicht thun”. Allerdings kennt es auch eine Bedeutung, die es heute nicht mehr gibt: “es steht im sinne einer nachdrücklichen bejahung: ‘kommst du?’ jedenfalls”. Und dieses an nichts vorher Gesagtes anknüpfende “jedenfalls”, das hat May recht oft. In folgenden Sätzen steht das Wort synonym für “gewiss, sicherlich, zweifellos”.

Er ruderte sich an der Küste hin, jedenfalls um sein Lotsenboot zu holen, und wir hielten auf unsere Jacht zu.

Als wir das Zwischendeck passierten, wo die Räuber angebunden waren, stieß der Kapitän einen leichten Fluch aus, jedenfalls vor Grimm darüber, daß wir Quimbo gefunden hatten

Ich war gezwungen, das Schleichen aufzugeben, und sprang, obgleich ich in der Eile das Gespenst nicht sah, auf die Hinterluke zu. Wenn ich diese, aus der er jedenfalls gekommen war, besetzte, konnte er uns nicht entgehen.

Die Gefangenen wurden im Vorderraume untergebracht und scharf bewacht, dann ging es an eine Untersuchung des Raumes. Er enthielt eine reichliche und jedenfalls zusammengeraubte Ladung von Zimmet, Reis, Tabak, Kaffee, Ebenholz und – geraubten Frauen.

Das erinnert mich an einen Schüler in einem meiner aktuellen Kurse, der “schon” ähnlich als Allerweltsbestätigung verwendet: “Können Sie die Frage beantworten?” “Schon.”

Anhang: Aus Karl Mays Bibliographie Mein Leben und Streben

Hintergrund: Es geht um einen Nebenjob des jugendlichen Karl May in einer Wirtschaft, wo er unter anderem zum Kegelaufstellen beschäftigt ist. Dort entdeckt er Abenteuerromanzen:

Und doch gab es in dieser Schankwirtschaft ein noch viel schlimmeres Gift als Bier und Branntwein und ähnliche böse Sachen, nämlich eine Leihbibliothek, und zwar was für eine! Niemals habe ich eine so schmutzige, innerlich und äußerlich geradezu ruppige, äußerst gefährliche Büchersammlung, wie diese war, nochmals gesehen! Sie rentierte sich außerordentlich, denn sie war die einzige, die es in den beiden Städtchen gab. Hinzugekauft wurde nichts. Die einzige Veränderung, die sie erlitt, war die, daß die Einbände immer schmutziger und die Blätter immer schmieriger und abgegriffener wurden. Der Inhalt aber wurde von den Lesern immer wieder von neuem verschlungen, und ich muß der Wahrheit die Ehre geben und zu meiner Schande gestehen, daß auch ich, nachdem ich einmal gekostet hatte, dem Teufel, der in diesen Bänden steckte, gänzlich verfiel. Was für ein Teufel das war, mögen einige Titel zeigen: Rinaldo Rinaldini, der Räuberhauptmann, von Vulpius, Goethes Schwager. Sallo Sallini, der edle Räuberhauptmann, Himlo Himlini, der wohltätige Räuberhauptmann. Die Räuberhöhle auf dem Monte Viso. Bellini, der bewundernswürdige Bandit. Die schöne Räuberbraut oder das Opfer des ungerechten Richters. Der Hungerturm oder die Grausamkeit der Gesetze. Bruno von Löweneck, der Pfaffenvertilger. Hans von Hunsrück oder der Raubritter als Beschützer der Armen. Emilia, die eingemauerte Nonne. Botho von Tollenfels, der Retter der Unschuldigen. Die Braut am Hochgericht. Der König als Mörder. Die Sünden des Erzbischofs u. s. w. u. s. w.

Wenn ich zum Kegelaufsetzen kam und noch keine Spieler da waren, gab mir der Wirt eines dieser Bücher, einstweilen darin zu lesen. Später sagte er mir, ich könne sie alle lesen, ohne dafür bezahlen zu müssen. Und ich las sie; ich verschlang sie; ich las sie drei- und viermal durch! Ich nahm sie mit nach Haus. Ich saß ganze Nächte lang, glühenden Auges über sie gebeugt. Vater hatte nichts dagegen. Niemand warnte mich, auch die nicht, die gar wohl verpflichtet gewesen wären, mich zu warnen. Sie wußten gar wohl, was ich las; ich machte kein Hehl daraus. Und welche Wirkung das hatte! Ich ahnte nicht, was dabei in mir geschah. Was da alles in mir zusammenbrach. Daß die wenigen Stützen, die ich, der seelisch in der Luft schwebende Knabe, noch hatte, nun auch noch fielen, eine einzige ausgenommen, nämlich mein Glaube an Gott und mein Vertrauen zu ihm.

Die Lektüre tut seiner Seele gar nicht gut, bildet allenfalls seinen Geist ein wenig. Die heldenhaften Räuber machen Mays moralischen Kompass kaputt:

Die Psychologie ist gegenwärtig in einer Umwandlung begriffen. Man beginnt immer mehr, zwischen Geist und Seele zu unterscheiden. Man versucht, sie beide auseinander zu halten, sie scharf zu definieren, ihre Unterschiede nachzuweisen. Man behauptet, daß der Mensch nicht Einzelwesen sondern Drama sei. Soll ich mich dem anschließen, so darf ich das, was auf meinen kleinen, erst im Entstehen begriffenen Geist und das, was auf meine kindliche Seele wirkte, nicht mit einander verwechseln. Die ganze Vielleserei, zu der ich bisher gezwungen gewesen war, hatte meiner Seele nichts, gar nichts gebracht; nur das winzige Geisterlein hatte die Wirkung davon gehabt, aber was für eine Wirkung! Es war zu einem kleinen, monströs dicken, wasserköpfigen Ungeheuer aufgestopft und aufgenudelt worden. Der sehr gut, ja vielleicht außergewöhnlich veranlagte Knabe hatte sich zu einer unartikulierten geistigen Mißgestalt verwandelt, die nichts Wirkliches besaß als nur ihre Hilflosigkeit. Und seelisch war ich ohne Heimat, ohne Jugend, hing nach oben nur an dem erwähnten starken, unzerreißbaren Tau und wurde nach unten nur dadurch an der Erde festgehalten, daß ich für König und Vaterland, Gesetz und Gerechtigkeit diejenige mehr poetische als materielle Hochachtung empfand, die aus den Tagen stammte, an denen die elf Heldenkompagnieen Ernsttals sich gebildet hatten, den schwer bedrängten Monarchen Sachsens und seine Regierung von dem Untergang zu erretten. Nun aber wurde mir auch dieser Halt genommen, und zwar durch die Lektüre dieser schändlichen Leihbibliothek. Alle die Räuberhauptleute, Banditen und Raubritter, von denen ich da las, waren edle Menschen. Was sie jetzt waren, das waren sie durch schlechte Menschen, besonders durch ungerechte Richter und durch die grausame Obrigkeit geworden. Sie besaßen wahre Frömmigkeit, glühende Vaterlandsliebe, eine grenzenlose Wohltätigkeit und warfen sich zum Ritter und Retter aller Armen, aller Bedrückten und Bedrängten auf. Sie zwangen die Leser zur Hochachtung und Bewunderung; alle Gegner dieser herrlichen Männer aber waren zu verachten, also besonders die Obrigkeit, der Schnippchen auf Schnippchen geschlagen wurde. Und vor allen Dingen die Fülle des Lebens, der Tätigkeit, der Bewegung, die in diesen Büchern herrschte! Auf jeder Seite geschah etwas, und zwar etwas Hochinteressantes, irgend eine große, schwere, kühne Tat, die man zu bewundern hatte.

Aber faszinierend ist sie halt schon, die Trivialliteratur:

Was dagegen war in all den Büchern geschehen, die ich bisher gelesen hatte? Was geschah in den Traktätchen des Pfarrers? In seinen langweiligen, nichtssagenden Jugendschriften? Und was geschah in den sonst ganz guten und brauchbaren Büchern des Herrn Rektors? Da waren große, weite und ferne Länder beschrieben, aber es ereignete sich nichts dabei. Da wurden fremde Menschen und Völker geschildert; aber sie bewegten sich nicht, sie taten nichts. Das war alles nur Geographie nur Geographie, weiter nichts; jede Handlung fehlte. Und nur Ethnographie, nur Ethnographie; aber die Puppen standen still. Es war kein Gott, kein Mensch und auch kein Teufel da, das Kreuz mit den Fäden in die Hand zu nehmen und die toten Figuren zu beleben! Und es gibt doch Einen, der diese Belebung ganz unbedingt verlangt, nämlich der Leser. Und auf den kommt doch alles an, weil er allein es ist, für den die Bücher geschrieben werden. Die Seele des Lesers wendet sich von jeder Bewegungslosigkeit ab, denn diese bedeutet für sie den Tod. Welch ein Reichtum des Lebens dagegen in dieser Leihbibliothek! Und welch ein Eingehen auf die Eigenheiten und Bedürfnisse dessen, der so ein Buch in die Hände nimmt! Kaum fühlt er während des Lesens einen Wunsch, so wird dieser auch schon erfüllt. Und welche bewundernswerte, unwandelbare Gerechtigkeit gibt es da. Jeder gute, ehrenhafte Mensch, mag er zehnmal Räuberhauptmann sein, wird unbedingt belohnt. Und jeder böse Mensch, jeder Sünder, mag er zehnmal König, Feldherr, Bischof oder Staatsanwalt sein, wird unbedingt bestraft. Das ist wirkliche Gerechtigkeit; das ist göttliche Gerechtigkeit! Mag Goethe noch so viel über die Herrlichkeit und Unumstößlichkeit der göttlichen und der menschlichen Gesetze dichten und schreiben, so hat er doch unrecht! Recht hat nur sein Schwager Vulpius, denn der hat den Rinaldo Rinaldini geschrieben!

Das Schlimmste an dieser Lektüre war, daß sie in meine spätere Knabenzeit fiel, wo alles, was sich in meiner Seele festsetzte, für immer festgehalten wurde. Hierzu kam die mir angeborene Naivität, die ich selbst heute noch in hohem Grade besitze. Ich glaubte an das, was ich da las, und Vater, Mutter und Geschwister glaubten es mit. Nur Großmutter schüttelte den Kopf, und zwar je länger, desto mehr; sie wurde aber von uns andern überstimmt. Es war uns in unserer Armut ein Hochgenuß, von »edeln« Menschen zu lesen, die immerfort Reichtümer verschenkten. Daß sie diese Reichtümer vorher andern abgestohlen und abgeraubt hatten, das war ihre Sache; uns irritierte das nicht! Wenn wir lasen, wieviel bedürftige Menschen durch so einen Räuberhauptmann unterstützt und gerettet worden seien, so freuten wir uns darüber und bildeten uns ein, wie schön es wäre, wenn so ein Himlo Himlini plötzlich hier bei uns zur Tür hereinträte, zehntausend blanke Taler auf den Tisch zählte und dabei sagte; »Das ist für euren Knaben; er mag studieren und ein Dichter werden, der Theaterstücke schreibt!« Das letztere war mir nämlich, seit ich den »Faust« gesehen hatte, zum Ideal geworden.

Ich muß bekennen, daß ich diese verderblichen Bücher nicht nur las, sondern auch vorlas, nämlich zunächst meinen Eltern und Geschwistern und sodann auch in andern Familien, die ganz versessen darauf waren. Es ist gar nicht zu sagen, welchen unendlichen Schaden eine einzige solche Scharteke herbeiführen kann. Alles Positive geht verloren, und schließlich bleibt nur die traurige Negation zurück. Die Rechtsbegriffe und Rechtsanschauungen verändern sich; die Lüge wird zur Wahrheit, die Wahrheit zur Lüge. Das Gewissen stirbt. Die Unterscheidung zwischen gut und bös wird immer unzuverlässiger! das führt schließlich zur Bewunderung der verbotenen Tat, die scheinbar Hilfe bringt. Damit ist man aber nicht etwa schon ganz unten im Abgrunde angelangt, sondern es geht noch tiefer, immer tiefer, bis zum äußersten Verbrechertum.

Schlimm, schlimm. Selten ist Trivialliteratur so ineffektiv verdammt worden.

(Zum ganzen Buch.)

Kochbücher lesen

Neulich in Berlin, in der Pension, stieß ich auf das:

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Mmmmh. Karl-May-Bände, und zwar die guten, exotischen. Mit Winnetou und Old Shatterhand konnte ich nicht gar so viel anfangen, auch wenn ich etliche der Wildwest-Romane mehrfach gelesen habe und mich dabei durchaus vergnügte. Aber die sechs Bände des Orient-Zyklus, die habe ich oft gelesen: Durch die Wüste, Durchs wilde Kurdistan, Von Bagdad nach Stambul, In den Schluchten des Balkan, Durch das Land der Skipetaren, Der Schut. Kurzer Test: “Hadschi Halef Omar ibn Hadschi Abul Abbas ibn Hadschi Dawud Als Gossarah”… na ja, fast: Wikipedia korrigiert einmal meine Rechtschreibung und ändert ein “ibn” in “ben”, damit kann ich leben: Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah. (So nennt sich der Begleiter der Hauptfigur, auch wenn die vielen Hadschis im Namen eher Angabe waren als Realität. Wer Karl May gelesen hat, kann das auswendig sagen, auch noch fünfunddreißig Jahre nach der letzten Lektüre.)

In der Pension griff ich zu einem der Bände, die ich noch nicht kannte, Im Lande des Mahdi I: Menschenjäger. Und ich war gleich wieder drin. Fast so schön wie der Stimme des Erzählers auf der Hörspiel-Kassette zu lauschen, wie er – Wilhelm Hauff, Das Gespensterschiff – beginnt mit: “Mein Vater hatte einen kleinen Laden in Balsora” und einem so richtig sonoren “o” in “Balsora”. Jedenfalls liegen die drei Bände des Mahdi jetzt digital auf meinem Nachttisch, das möchte ich bald zu Ende lesen.

Aber eigentlich soll es hier um Kochbücher gehen. Erich Kästner hat ja ein umwerfendes erstes Kapitel oder Vorwort zu Emil und die Detektive geschrieben. Eigentlich habe er ja einen Südseeroman schreiben wollen, eine spannende Szene, in der ein “mit heißen Bratäpfeln geladenes Taschenmesser” eine Rolle spielte, als er plötzlich nicht mehr wusste, wieviel Beine ein Walfisch hat. Aus war es es mit dem Schreiben, denn die Fakten müssen ja stimmen. Und so kam es nie zu Petersilie im Urlaub, dem durchaus interessant klingenden Südseeroman. Der Oberkellner Nietenführ erklärt dem Herrn Kästner darauf, dass man besser über das schreibe, was man kenne. Kästner entgegnet darauf, dass ja trotzdem Schiller erfolgreich über die Schweiz geschrieben habe – und, möchte ich als Leser ergänzen, der Karl May über den Orient und Amerika, obwohl er nie da war. Die Antwort des Oberkellners darauf: “Da hat er eben vorher Kochbücher gelesen [...] Wo alles drinstand.”

Und recht hatte er, der Oberkellner, zumindest was die Kochbücher betrifft.

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Spezialitäten der Welt köstlich wie noch nie. Christian Teubner, Annette Wolter. Gräfe und Unzer 1982.

Irgendwann habe ich angefangen, mich fürs Kochen zu interessieren. Erst kamen die Kochbücher, die ich gelesen habe, und dann die Lust, Dinge auszuprobieren, die ich in den Kochbüchern fand. Ein Favorit war Spezialitäten der Welt. Ich kann gar nicht aufzählen, was ich aus diesem Buch alles gelernt habe – nicht unbedingt über das Kochen, denn das Rezept für die Salzburger Nockerln gibt eine zu hohe Temperatur bei zu kurzer Backzeit vor, und das war natürlich eines der ersten Rezepte, die ich ausprobierte. (Peter Alexander, klar.) Nein, ich lernte viel über Geographie. Die Gerichte sind geographisch angeordnet: Südeuropa, Westeuropa, Nordeuropa, Osteuropa (Polen und Sowjetunion), Mitteleuropa (Deutschland, Schweiz, Österrich, Tschechoslowakei, Ungarn), Balkan, Vorderer Orient, Nordafrika, Schwarzafrika, Nordamerika, Mittelamerika, Südamerika, Südasien (Indien, Sri Lanka), Südostasien, Ostasien, Australien/Ozeanien. Die Titel der Gerichte jeweils auf Deutsch und in der Originalsprache.

Spaghetti mit Pesto, lang bevor das hier aufkam. (Wir erinnern uns: Das Buch stammt aus einer Zeit vor dem Döner in Deutschland, der am Anfang ohnehin noch Gyros hieß, vor Sushi, selbst Jahre vor dem Tex-Mex-Boom ab Mitte der 1980er Jahre. Chinesisch, das gab es.) Bei Spanien habe ich von Migas erfahren und von Nierchen. Portugal: Was Stockfisch ist. Die gebratenen Heringe aus England habe ich einige Jahre später in einer winzigen Jugendherberge dann mal vom Herbergsvater zubereitet gekriegt. Dass die in England ihren Pudding mit Rindernierentalg machen, und überhaupt: was ein Pudding ist. Und Cornish Pasties. Und Treacle Tart. Dass man in Dänemark eine ganze Mandel im süßen Reis versenkte. Was Anchovis sind (Schweden). Borschtsch, Blini. Quarkspeise zu Ostern. Was Kwass ist. Oder, wieder westlicher, eine Wähe. Ein Beuscherl (was man so alles essen kann). Baklawa zum Nachtisch, und Imam Bayildi, das ich später wiedererkennen sollte. Ein Bild von Lammfleischspießen mit Joghurtsauce, nach dem ich immer noch Hunger habe. (Pilaw kannte ich ja schon von Karl May.) Süße orientalische Desserts. Gefilte Fisch, Kreplach, Cholent und “Kihen fin Veisseriben” (Pastinakenkuchen). Manches andere kannte ich schon von libanesische Bekannten meiner Eltern. Jambalaya, das Gericht noch vor Hank Williams oder, später, Jerry Lee Lewis. Als 2014 anlässlich der Weltmeisterschaft in Brasilien das Nationalgericht Feijoada vorgestellt wurde, habe ich gleich das Bild von S. 243 herausgesucht. Dann die Satéspießchen, erste selbstgemachte Erdnusssauce. (Nasi Goreng auf der Seite gegenüber kannte man ja eh schon seit irgendwann vor meiner Zeit.) Sashimi, roher Fisch. Komisch, dabei hieß das in Blade Runner doch Sushi… aber da war Blade Runner nicht ganz exakt.

Jetzt höre ich dann mal auf. Für so eine gesunde Allgemeinbildung und Neugier gegenüber anderen Ländern gibt es jedenfalls wirklich Schlechteres als solche Kochbücher zu lesen.

Empfehlenswert: Die Maisfritters von S. 230, die gewürzten Ananas S. 258.

— Gehört nicht ganz zum Thema, aber in die Zeit: “Zuppa Romana” (1984) von Schrott nach 8.

Wolf Haas. Brennerova

haas_brennerova Von Wolf Haas lese ich alles. Am meisten freue ich mich darüber, wenn es kein Krimi vom Brenner ist, aber zur Not nehme ich auch den, das lohnt sich auch immer.

Brennerova ist schwärzer, als ich die früheren Brenner-Krimis in Erinnerung habe. Dort ging es jeweils um Nebenerwerbsverbrecher sozusagen, die Hauptsächlich dann doch in anderen Branchen tätig waren. Hier gibt es dagegen gleich die richtig bösen Jungs. Und der Brenner, der kommt mir mehr wie ein richtiger Detektiv vor – vielleicht liegt das nur daran, dass der Brenner bald von einer faszinierenden Frau den Auftrag kriegt, ihre kleine Schwester zu suchen, die im Sündenbabel verloren gegangen ist. Bei kleinen Schwestern denke ich doch immer gleich an Raymond Chandlers Die kleine Schwester, den fünften Roman um den Privatdetektiv Philip Marlowe.

Außerdem hat der Brenner jetzt so etwas wie eine Sekretärin, so wie Sam Spade (Effie Perrine) und Perry Mason (Della Street). Nicht in dem Sinn, dass er überhaupt arbeitet, oder ihr ein Gehalt zahlt, aber doch so, dass sie ihn immer wieder dazu überredet, einen Fall anzunehmen, den er sonst vielleicht abgelehnt hätte.

Die Handlung ist etwas weit hergeholt, aber das stört mich nicht. Fährt der Brenner halt mal schnell nach Moskau und anderswohin. Sonst sage ich mal nichts dazu. Ein paar schön schräge Szenen gibt es, und ein Ochsenbild direkt aus dem Zen-Buddhismus – aber vielleicht ist das Tier auch nur für ein wirklich kalauerndes Wortspiel ganz zum Schluss da.

Cheerleader Noir

abbott_dare_meDare Me von Megan Abbott spielt an einer amerikanischen High School unter den Cheerleadern dort. Eine neue Trainerin stellt ehrgeizige Ansprüche an das Team, sie wird von den meisten verehrt, bei anderen führt das zu Eifersucht; Gerangel um begehrte Positionen im Team gibt es ohnehin. Und Gezicke.

Das Buch ist ein Krimi. Kein Krimi der englischen Landhausschule – Mord als Puzzle in Landhaus, Flugzeug, Orientexpress, auf dem Nildampfer oder einer winzigen Insel -, sondern ein Krimi amerikanischer Tradition. Mean streets, Verbrechen und Korruption und Verfall überall, niemandem kann man trauen. Diese Art Krimi entstand aus der Pulp-Literatur, Carrol John Daly war 1922 wohl der erste hard-boiled Autor; der bekannteste der frühen Generation ist Dashiell Hammett: Bei ihm gibt es den moralisch ambivalenten, aber letztlich doch ehrenhaften Privatdetektiv, der sich in dieser schmutzigen Welt bewegt und in ihr besteht (auch wenn er nicht das Mädchen kriegt). Eine halbe Generation später schafft Raymond Chandler die klassische, geradezu ritterliche Version davon. (“But down these mean streets a man must go who is not himself mean, who is neither tarnished nor afraid.”) Und bei Cornell Woolrich und James M. Cain gibt es gar keinen Lichtblick mehr, nur Abgründe und mehr oder weniger normale Menschen, die daran scheitern. Danach landen wir bei Mickey Spillane und den 1950er Jahren, worüber wir nicht reden wollen.

“Noir” heißt diese klassische Richtung, nach dem film noir, der viele dieser Romane als Grundlage hat. Typischerweise gehören dazu Schlapphüte und Neonlicht, Dunkelheit und Regen, verführerische Frauen, Verrat und Kooperation, Großstadt. Häufig eine mehr oder weniger gescheiterte, positive Detektivgestalt, aber oft genug nicht einmal das (James M. Cain: The Postman Always Rings Twice; Double Indemnity). Aber noir war im amerikanischen Raum schon früh produktiv und ist es noch immer, einer der besten klassischen Filme, “Out of the Past”, spielt draußen auf dem Land bei hellem Tageslicht. “Blade Runner” und “Radioactive Dreams” machen Science Fiction daraus, “Who Censored Roger Rabbit?” spielt im Cartoonfigurenmilieu, die Abenteuer von Bug Maldoon spielen unter den Insekten im Vorgarten. (Ein Sonderfall ist “Bugsy Malone”, eher Gangsterfilm als noir, alle Rollen gespielt von Kindern und Jugendlichen mit Durchschnittsalter zwölf. Trailer.) Und dann ist da “Brick” (Wikipedia) aus dem Jahr 2005, spielt an einer High School unter Teenagern und jungen Erwachsenen und ist noir bis ins Mark.

Dare Me ist cheerleader noir, eher wie bei James M. Cain, also ohne Lichtgestalt. Kein Neonlicht, kein Regen, keine Hüte; aber eine bedrohliche Atmosphäre, Fragen von Leidenschaft, Vertrauen und Verrat. Die erste Hälfte des Buches ist ungemein dicht. Man ahnt, dass eine Katastrophe geschehen wird, weiß aber nicht genau, aus welcher Richtung sie kommen wird. Die Cheerleader sind ein Gemisch von Naivität, Unschuld, Erfahrung, Berechnung und Kaltschnäuzigkeit, bei dem man sich als älterer Herr etwas voyeuristisch vorkommt, als würde man Tagebücher lesen. Jungs, Männer, Lehrer, Drogen, Diäten, Brechmittel. Trotzdem: Hundertfünfzig Seiten bedrohliche Atmosphäre, ohne dass wirklich etwas passiert, das ist etwas zu viel. — In der zweiten Hälfte ist die Katastrophe dann geschehen, wer und warum und was genau, das stellt sich dann erst heraus. Das Finale war mir etwas zu, hm, ja, undramatisch.

Die Hauptfigur Addy, zwischen ihrer besten Freundin Beth (manipulatives Alphamädchen), und der Trainerin (genauso manipulativ) hin- und hergerissen. Es fehlt nicht an Western-Metaphorik, aber viele Sätze könnten in jedem hard-boilded Krimi stehen oder aus dem Off eines Films kommen:

Her tears come and I fight off the urge to slap those swollen jowls of her. I fight it off because she’s about to give me gold, and she doesn’t even know it. She thinks her gossip, her petty grievances are significant, but they are tiny pinholes. The things around them, though, the fabric of Beth’s lies and fictions, they are the gold. (S. 277)

Was mir noch aufgefallen ist:

Die Autorin lässt Beth Nietzsche zitieren (“When you gaze into the Abyss [...], the Abyss gazes into you”, S. 210), Shakespeare (“We happy few, we band of bitches” S. 218, auch 292) und Goethe (“We are never deceived; we deceive ourselves”, S. 247), jeweils unmarkiert. Soll das heißen, dass Beth die Sätze als Zitat spricht, dass sie also irgendwo Nietzsche aufgeschnappt hat? Kann ich mir nicht vorstellen. Drei der vier Stellen sind außerdem Beth von der Ich-Erzählerin Addy zugeschriebene Zitate. Kennt Addy Nietzsche? Oder sind das – wahrscheinlicher – keine Zitate der Personen, sondern einfach hyperdramatische Sätze, die einfach gut zum aufgeputschten Drama passen, vor allem natürlich für die, die sie erkennen? Schließlich benutzt das Buch ja auch Noir-Motive, um die Cheerleaderhandlung mit Drama aufzuladen.

(Dass ich die Zitate als Zitate erkennt habe, liegt übrigens an meiner Wissenskompetenz. Wenn ich Henry V nicht kennen würde, wäre mir das vielleicht nicht aufgefallen. Da hätte mir jede andere Kompetenzkompetenz nicht viel geholfen, weil ich ja nicht auf gut Glück bei jedem Satz bei Google überprüfen kann, ob das vielleicht ein Zitat von anderswoher ist. Andererseits: Gibt es einen Mehrwert, wenn ich eine Stelle als Zitat erkenne, oder reicht, wenn ich die Sprache als episch aufgeladen erkenne?)

Ein echter Fehler ist aber auf S. 281 “pixilated” statt “pixelated”. Nur Letzteres hat mit Pixeln zu tun, ersteres kenne ich aus “Mr Deeds Goes to Town” von Frank Capra (screwball comedy, 1936), wo Gary Cooper in einer dramatischen Zeugenaussage vor Gericht so beschrieben wird: etwas verrückt nämlich, von den pixies, Kobolden, verwirrt. Gern geschehen, man ist ja Lehrer.

Weiterführendes Material:

  • Ein alter Blogeintrag zu Noir-Filmen.
  • Ein halber Blogeintrag zu Dashiell Hammett.
  • Ein Hinweis auf das amerikanische Taschenbuch-Genre der jugendlichen Gang-Mitglieder der 1950er Jahre, gerne auch Mädchengangs; die Google-Bildersuche zu Buchumschlägen verrät einem alles.
  • Und natürlich darf wohl keine Besprechung des Romans ohne einen Hinweis auf “Bring It On” auskommen, ein Film aus dem Jahr 2000 (Regie: Peyton Reed, von dem wir auch “Down With Love” kennen und bald den Marvel-Ant-Man, nachdem Edgar Wright nicht mehr wollte). Eine Sportkomödie unter Cheerleadern: Das Team von Kirsten Dunst fliegt fast aus der Meisterschafts-Vorrunde, weil sie unwissentlich mit einer geklauten Choreographie gearbeitet haben, also müssen neue Nummern her. Das alles solide und humorvoll gemacht. (Die zahllosen DVD-Fortsetzungen des Films sind wohl uninteressant.)
    Reinschnuppern bei Youtube:
    Der neue Choreograph
    End Credits

Ernest Cline, Ready Player One

Von Gary Larson gibt es einen Cartoon. “Hopeful Parents” steht darunter, und man sieht ein eher dümmlich aussehendes Kind mit einer Spielekonsole gebannt vor dem Bildschirm sitzen, während die dahinter stehenden, stolz zusehenden Eltern eine Vision von zukünftigen Stellenanzeigen haben: “Nintendo Expert Needed. $50,000 salary + bonus” und “Looking for good Mario Brothers Player $100,000 plus your own car.”

Dieser Cartoon könnte der Ausgangspunkt von Ready Player One von Ernest Cline gewesen sein. Wie müsste eine Welt beschaffen sein, in der es wirklich etwas bringt, Computerspiele spielen zu können? Und noch einen Schritt weiter: Wie müsste eine Welt beschaffen sein, in der es einen zum Helden macht, sich in japanischen und amerikanischen Fernsehserien der 1980er Jahre auszukennen, und in den Büchern, Filmen, Musikgruppen und Spielen dieser Zeit? Die Antwort gibt der Plot dieses Buches.

(Das ist übrigens durchaus meine Zeit. Gut, mit Japan habe ich nicht viel zu tun gehabt. Aber viele der zitierten Fernsehserien, Computer und Spiele – etwa: Joust, Centipede, Family Ties, Pacman, D&D, TRS-80, K.I.T.T., Wargames – kenne ich. Mir war lang vor den Spielfiguren klar, worauf sich der geheimnisvolle Hinweise auf eine “trophy case” beziehen muss. Mich wundert aber, dass sich das alles in einem 2011 erschienenen Jugend-Science-Fiction-Roman findet. Dass meine Generation das kennt und gerne daran erinnert wird, klar, aber dass auch junge Leute da durch wollen?)

Ready Player One spielt in den 2040er Jahren, in einer mäßig dystopischen Zukunft. Böse Konzerne kontrollieren nicht alles, aber doch eine Menge. Viele Menschen halten sich einen großen Teil ihrer Zeit in der OASIS auf – eine Art Kreuzung aus World of Warcraft und Second Life kombiniert mit der Allgegenwart von Facebook; ein Spiel und eine Simulation zugleich. Auch Schulunterricht kann gleich ganz dort stattfinden – auf einem Schulplaneten ohne Magie und Kampfmöglichkeit, versteht sich.
Der Erfinder und Programmierer dieser Spiel-Simulation, eine verschrobene Kreuzung aus Steve Jobs und Bill Gates, steinreich, Fan der 1980er Jahre, stirbt einige Jahre vor Beginn der Handlung. Er hinterlässt ein Testament: In der OASIS hat er ein Easter Egg versteckt, eine Überraschung; wer es findet, erbt sein gesamtes Vermögen und die Kontrolle über die OASIS. Es gibt eine erste verrätselte Spur, der Rest liegt in der Hand der Spieler.
Aber das Rätsel ist schwer, erst mal kommt niemand voran. Nach anfänglichem weltweiten und allgemeinen Enthusiasmus ist es nur noch die Subkuktur der easter egg hunters oder gunters, die die Suche noch nicht aufgegeben hat.
Einer von ihnen – Wade, alias Parzival, jugendliche Hauptperson des Romans – löst das erste Rätsel und damit eine weltweite Sensation aus. Ein böser Konzern setzt eine Armee von tausenden von bezahlten Spielern ein, um ihm und seinen Mitstreitern – oder Konkurrenten – zuvorzukommen und schreckt auch vor Verbrechen bis hin zum Mord in der realen Welt nicht zurück, um dieses Ziel zu erreichen.
Die Schnitzeljagd, die letztlich zum versteckten Easter Egg führt, erfordert alles Wissen, das die Spieler um die Populärkultur der 1980er Jahre angesammelt haben, und all ihre Fähigkeiten im Spielen von Computerspielen dieser Zeit.

— Ich habe das Buch als ungekürztes englischen Hörbuch gehört. Das hat sich so ergeben; an sich bin ich mit Hörbüchern nie sehr warm geworden, und ich höre sicher weniger konzentriert zu und verpasse mehr, als wenn ich das Buch direkt lesen würde. Deshalb mache ich das auch nur bei Büchern, die mich nicht so brennend interessieren. Aber vielleicht tue ich dem Buch einach unrecht, weil es es als Hörbuch einfach schwer hatte.

Ready Player One kam mir ziemlich lang vor. Auf viele Details hätte ich gerne verzichtet. Gleichzeitig lässt das Buch auch viel aus. Typisch sind Sätze wie: “I performed a few final tasks related to my escape plan, then logged out of the IOI intranet for the last time.” Was waren das für “final tasks”? Spielt keine Rolle. Dann bitte gleich weglassen.
Die jugendlichen Helden sind ziemlich klischeehaft. Der erste Kuss, zu dem es ganz am Schluss kommt, ist genau so, wie man ihn sich immer vorgestellt hat:

It felt just like all those songs and poems had promised it would. It
felt wonderful. Like being struck by lightning.

Auch sonst ist das Geheimnis jedes Hackers: wahre Liebe. Wenig überraschend, aber keinesfalls genügend vorbereitet, kommt auch am Schluss die Erkenntnis, dass die reale Welt vielleicht doch besser ist als die virtuelle.

Und doch, ich habe das Buch bis zum Ende angehört, und das nicht ungern. Ich höre einfach gerne Geschichten um Computerspiele und die 1980er. Der Roman ist voller bekannter Topoi. Wie bei Frau Holle geht der Held in eine Höhle (“cave”), steckt ein ausgestecktes Pacman-Spiel ein (“spiel mich, spiel mich”) und wird daraufhinreicht belohnt, während seine bösen Parallelfiguren leer ausgehen.

Aufgefallen ist mir eine Paralle zum Film Matrix. Und das geht ganz ohne Aliens oder Maschinen, die die Menschen gegen ihren Willen und ohne dass sie es wissen dazu zwingen, in eienr computergenerierten virtuellen Welt zu leben. Das machen die freiwillig. Einen Retter gibt es da wie dort, und Superfähigkeiten, die man sich einfach hinzuladen kann. Zugegeben, in der OASIS sind es eher magische Artefakte, aber das läuft auf das gleiche hinaus.

Interessant war das Finale: Eine große Schlacht, mit den gesammelten gunters, einem Großteil der aktiven Spieler also, gegen die gesammelten Spielfiguren des Bösen, alle auf einen Planeten, alle aufeinander drauf. So ähnlich wie die Schlacht um Helms Klamm im Herrn der Ringe. Aber die Schlacht ist um eine weitere Ebene vom Leser entfernt, und ihm deshalb viel näher. Beim Herrn der Ringe muss man sich in die Elben und Zwerge und Orks hineinversetzen, um in der Schlacht mitzufiebern; in Ready Player One muss man sich gar nicht groß in die tausenden teilnehmende Spieler versetzen, man erlebt ja ohnehin nur ihre Spielfiguren. Die namenlosen Spieler machen stellvertretend für uns bei der Schlacht mit, und sich mit einem solchen Computerspieler zu identifizieren, das fällt leicht. Ganz früher spielten Abenteuer in fernen Ländern; als die rar wurden, spielten sie im Weltraum; wenn der immer bekannter wird, muss man sie in virtuellen Welten spielen lassen. Dort kann man wieder problemlos Schwert und Laser schwingen, und ohne echte Tote. Und Geschichten geschehen ja auch tatsächlich dort, siehe diese Aufstellung der 7 Biggest Dick Moves in the History of Online Gaming. (Weitere Geschichten hier, hier, hier.)

(Eine andere Art der Virtualisierung wird auf der Büchereite der FAZ beschrieben: Traumüberwachung im Jugendbuch. Anscheinend gibt es gerade einen Schwung Jugendbücher, in denen Träume eine wichtige Rolle spielen, in denen man die Träume anderer auslesen oder manipulieren oder gemeinsam träumen kann. Die Analogie zur virtuellen Computerwelt fällt der FAZ auf; in ein paar Jahren brauchen wir vielleicht den Umweg über Träume nicht mehr, sondern können gleich über Technik schreiben.)

— Übrigens hat der Autor mit dem Erscheinen der Taschenbuchausgabe offenbart, dass es auch im Roman selber ein Easter Egg gibt. Wie im Buch gab es eine Webseite dazu, eine Bestenliste, und am Schluss einen DeLorean zu gewinnen. Die Rätsel wurden inzwischen gelöst, der Preis vergeben; ich war nur nicht interessiert genug, mich über die Details des Easter Eggs zu informieren.

Jane Austen, Northanger Abbey (und Exkurs zur erlebten Rede)

Bekannte nehmen die junge Catherine Morland für ein paar Wochen mit nach Bath, wo man zur Erholung und zur Kur hinfährt und um neue Kleider vorzuführen. Dort freundet sie sich mit Isabella Thorpe an (an der auch Catherines Bruder interessiert ist), ohne deren Oberflächlichkeit zu erkennen. Isabellas Bruder, ein rechter Depp, wirbt um Catherine; diese verliebt sich aber in Henry Tilney, mit dessen Schwester sie Freundschaft schließt.

Catherine wird als Gegenstück zu den Heldinnen sentimentaler und sentimental-grusliger Romane eingeführt. Kein Findelkind wurde in ihrerm Heimatdorf abgegeben, dessen vornehme Herkunft sich später herausstellen könnte; sie kann weder besonders gut zeichnen noch musizieren, die Beziehung zu ihren Eltern ist unkompliziert; zum Abschied verlangt ihre Schwester nicht tränenreich einen Brief jeden Tag von ihr, sie wird nicht vor Edelleuten mit üblen Absichten gewarnt, sondern daran erinnert, sich warm genug anzuziehen, um sich nicht zu erkälten. Auf der Fahrt werden sie dann auch nicht von Räubern überfallen, und als Catherine den von ihr verehrten Tilney vertraulich mit einer fremden Frau sprechen sieht, fällt sie nicht in Ohnmacht, sondern schließt, dass das dann wohl seine Schwester ist.

Diese Bodenständigkeit verliert Catherine im letzten Drittel des Buches, als sie nach Northanger Abbey eingeladen wird, dem Anwesen, auf dem Henry und seine Schwester mit ihrem Vater leben. Catherine liest nämlich gerne Romane, am liebsten Schauerromane (die gerne mal in alten Abteien spielen), und so sieht sie eine Verschwörung um eine alte Mordtat um sich herum, die sich natürlich als bloße Einbildung entpuppt. Trotzdem gibt es dann vor dem glücklichen Ende noch etwas echtes Drama.

— Das Lesen hat mir viel Vergnügen bereitet. Bekannt ist das Buch als Parodie auf den englischen Schauerroman; tatsächlich ist der Teil, der in Bath spielt, umfangreicher, und hat mir auch besser gefallen. Catherine ist eine sympathische Heldin. Sie lebt in einer Gesellschaft voller Regeln, die sie nicht alle genau kennt, die sie aber nicht verletzen will – sie achtet sehr darauf, wie sie von anderen wahrgenommen wird. Es ist angenehm, mal eine derart mitdenkende Heldin zu haben.
Vermutlich ist das Buch gut für den Einstieg in Austen geeignet: Es gibt relativ wenige Personen; die zwei Teile des Buches funktionieren ziemlich unabhängig von einander; es gibt keine obskuren englischen Erbschaftsverhältnisse, die für den Plot wichtig sind.

Exkurs 1: Die Gothic Novel und ihre deutschen Vorläufer

Der zweite Teil von Northanger Abbey ist eine Parodie auf die englische gothic novel, eine Romanform, die im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert enorm populär war, und die zu Mary Shelleys Frankenstein führte. The Castle of Otranto (Horace Walpole, 1764) gilt als erster Vertreter: Geheimgänge, Ruinen, in Ohnmacht fallende Heldinnen, Übernatürliches, Schauplatz: Italien. Am populärsten war dann Ann Radcliffe, etwa mit The Mysteries of Udolpho (1794).

Catherine Morland mag diese Literatur, und Isabella Thorpe empfiehlt ihr in Kapitel 6 ein paar Romane zur Lektüre, die “Northanger Seven“:

“I will read you their names directly; here they are, in my pocket-book. Castle of Wolfenbach, Clermont, Mysterious Warnings, Necromancer of the Black Forest, Midnight Bell, Orphan of the Rhine, and Horrid Mysteries. Those will last us some time.”

Diese Bücher gibt es alle wirklich, und eines hat mich besonders interessiert: The Necromancer; or, The Tale of the Black Forest von Lorenz Flammenberg (Pseudonym von: Karl Friedrich Kahlert), in einer wohl recht freien zeitgenössischen Übersetzung von Peter Teuthold. Die deutsche Fassung habe ich leider nicht gefunden, die englische Übersetzung bei www.gutenberg.ca. Der Grund für mein Interesse: Bislang hatte ich immer nur gehört, dass Deutschland als Vorbild für Finsteres, Unheimliches, und die gothic novels galt. Edgar Allan Poe geht im Vorwort zu seinen Tales of the Grotesque and Arabesque auf den Vorwurf ein, er würde im deutschen Stil schreiben:

with a single exception, there is no one of these stories in which the scholar should recognise the distinctive features of that species of pseudo-horror which we are taught to call Germanic [...]. If in many of my productions terror has been the thesis, I maintain that terror is not of Germany, but of the soul

Aber ich hatte keine Vorstellung davon, was diese deutschen Vorbilder denn genau waren. Die romantischen Novellen kamen eher später, hätte ich gedacht. Bleibt der Sturm und Drang, und ja: Als Folge von Schillers Räubern blühte der Räuberroman, vorher schon der Geheimbundroman, populär waren auch Roman um Geisterbeschwörer, so dass sich selbst Schiller unwillig zu Der Geisterseher herabließ.

(Einen Rest davon gibt es in Eichendorffs “Taugenichts”: Im sechsten Kapitel verbringt unser Held eine Nacht in einem alten Schloss. Es kommt ihm alles sehr gruselig vor, er sieht eine alte Frau mit Messer, fühlt sich an Geschichten von Mord und Menschenfressern erinnert, die er gelesen hat. Nach einem Brief von “Aurelie”, der an ihn adressiert zu sein scheint, flieht er, verlockt von der Musik eines Studenten unter seinem Fenster, der ihm bei der Flucht hilft.)

Von diesen Romanen kriegt man heute kaum etwas mit.

Hier übrigens der Umschlag einer Ausgabe von Northanger Abbey, die nicht erkannt hat, dass es sich um eine Parodie handelt:

austen_northanger_abbey
Paperback Library Edition (New York), 1965.

Exkurs 2: Figurenrede

In einem Roman erzählt meist der Erzähler. “In Front des schon seit Kurfürst Georg Wilhelm von der Familie von Briest bewohnten Herrenhauses zu Hohen-Cremmen fiel heller Sonnenschein auf die mittagsstille Dorfstraße,” steht da, und das sagt zu uns der Erzähler. Manchmal hört man aber auch die Stimme der Figuren selber. Neben weiteren Formen gibt es dafür folgende drei Möglichkeiten:

Direkte Rede

Eben hatte sich Effi wieder erhoben, um abwechselnd nach links und rechts ihre turnerischen Drehungen zu machen, als die von ihrer Stickerei gerade wieder aufblickende Mama ihr zurief: »Effi, eigentlich hättest du doch wohl Kunstreiterin werden müssen. Immer am Trapez, immer Tochter der Luft. Ich glaube beinah, dass du so was möchtest.«

Hier spricht die Mutter, der Erzähler tritt ganz zurück. Merkmal: Anführungszeichen.

Indirekte Rede

Und was nun die Kinder angehe – bei welchem Wort er sich, Aug in Auge mit dem nur etwa um ein Dutzend Jahre jüngeren Innstetten, einen Ruck geben musste -, nun, so sei Effi eben Effi und Geert Geert.

Hier fehlt zwar das aus dem Zusammenhang unschwer zu erschließende: “sagte der alte Briest”, aber dennoch ist klar, dass es sich um indirekte Rede handelt, dass also nicht der Erzähler uns mit der Weisheit, dass Effi eben Effi ist, beglückt, sondern dass das der alte Briest macht. Erkennbar ist das vor allem am für die indirekte Rede typischen Konjunktiv (“angehe”, “sei”). Durch dessen Verwendung betont der Erzähler geradezu, dass nicht er es ist, der hier spricht.

Erlebte Rede

Hier ein nichtfiktionales Beispiel aus der Rede des Bundestagspräsidenten Jenninger anlässlich des 50-jährigen Gedenkens an die Reichspogromnacht 1938:

Man genoss vielleicht in einzelnen Lebensbereichen weniger individuelle Freiheiten; aber es ging einem persönlich doch besser als zuvor, und das Reich war doch unbezweifelbar wieder groß, ja, größer und mächtiger als je zuvor. – Hatten nicht eben erst die Führer Großbritanniens. Frankreichs und Italiens Hitler in München ihre Aufwartung gemacht und ihm zu einem weiteren dieser nicht für möglich gehaltenen Erfolge verholfen?

Nicht Jenninger selbst stellt diese Frage, nicht er hält das Deutsche Reich für unbezweifelbar groß und mächtig: Sondern ein – fiktiver, für durchschnittlich angenommener – Deutscher 1938, dessen Gedanken hier Jenninger wiedergibt. Allerdings benutzt Jenniger hier etwas, das im Deutschen “erlebte Rede” heißt: Es gibt keine Anführungszeichen, keinen Konjunktiv, formal ist nicht zu unterscheiden, ob hier der Erzähler bzw. Jenninger spricht oder eine Figur: Beides ist 3. Person Singular Indikativ Präteritum, die normale Erzählform. Am Tag nach der Rede und den auf sie folgenden Protesten trat Jenninger vom Amt des Bundestagspräsidenten zurück.

Bei erlebter Rede verschwimmen die Grenzen zwischen Figur und Erzähler. Das kann effektiv sein. In dieser Passage aus Irrungen, Wirrungen von Fontane denkt Botho während eines Ausrittes in wörtlicher Rede vor sich hin:

“Weil ich sie liebe! Ja. Und warum soll ich mich dieser Neigung schämen? Das Gefühl ist souverän, und die Tatsache, dass man liebt, ist auch das Recht dazu, möge die Welt noch so sehr den Kopf darüber schütteln oder von Rätsel sprechen. Übrigens ist es kein Rätsel, und wenn doch, so kann ich es lösen. Jeder Mensch ist seiner Natur nach auf bestimmte, mitunter sehr, sehr kleine Dinge gestellt, Dinge, die, trotzdem sie klein sind, für ihn das Leben oder doch des Lebens Bestes bedeuten. Und dies Beste heißt mir Einfachheit, Wahrheit, Natürlichkeit. Das alles hat Lene, damit hat sie mir’s angetan, da liegt der Zauber, aus dem mich zu lösen mir jetzt so schwer fällt.”

So denkt doch kein Mensch! Umgeformt in erlebte Rede sieht das viel natürlicher aus:

Weil er sie liebte! Ja. Und warum sollte er sich dieser Neigung schämen? Das Gefühl war souverän, und die Tatsache, dass man liebte, war auch das Recht dazu, mochte die Welt noch so sehr den Kopf darüber schütteln oder von Rätsel sprechen. Übrigens war es kein Rätsel, und wenn doch, so konnte er es lösen. Jeder Mensch war seiner Natur nach auf bestimmte, mitunter sehr, sehr kleine Dinge gestellt, Dinge, die, trotzdem sie klein waren, für ihn das Leben oder doch des Lebens Bestes bedeuteten. Und dies Beste hieß ihm Einfachheit, Wahrheit, Natürlichkeit. Das alles hatte Lene, damit hatte sie’s ihm angetan, da lag der Zauber, aus dem sich zu lösen ihm jetzt so schwer fiel.

— Erlebte Rede gibt es auch im Englischen, dort heißt sie “free indirect speech”. Im Englischen gibt es keinen nennenswerten Konjunktiv mehr, der in indirekter Rede verwendet wird, stattdessen gibt es etwas, das “backshift” heißt, kurz gesagt: aus present tense in der direkten Rede wird beim Erzählen past. Aus “I want to break free” wird “He said he wanted to break free” (indirect speech) beziehungsweise ohne die Redeeinleitung gleich “He wanted to break free” (free indirect speech) – also unsere erlebte Rede.

Was das alles mit Jane Austen zu tun hat

Bei Northanger Abbey gibt es schon inneren Monolog:

“This is strange indeed! I did not expect such a sight as this! An immense heavy chest! What can it hold? Why should it be placed here? Pushed back too, as if meant to be out of sight! I will look into it—cost me what it may, I will look into it—and directly too—by daylight. If I stay till evening my candle may go out.” [Chapter 21]

Es gibt aber auch indirekte Rede ohne redeeinleitendes Verb (wie: free indirect speech) aber mit Anführungszeichen:

The place in the middle alone remained now unexplored; and though she had “never from the first had the smallest idea of finding anything in any part of the cabinet, and was not in the least disappointed at her ill success thus far, it would be foolish not to examine it thoroughly while she was about it.”

Der Zusammenhang macht klar, dass die Ansichten, die innerhalb der Anführungszeichen stehen, nicht die des Erzählers sind, sondern die von Catherine – erlebte Rede, free indirect speech, aber durch die Anführungszeichen eben nicht ganz so free.

Das gibt es im späten 18. Jahrhunbdert sicher ständig, ist mir jetzt aber zum ersten Mal so richtig aufgefallen. (Der prinzipielle Gebrauch von Anführungszeichen für wörtliche Rede wurde in England erst ab 1714 etabliert.) Northanger Abbey ist voller Beispiele. Hier spricht der alte Tilney zu Catherine:

The netting-box, just leisurely drawn forth, was closed with joyful haste, and she was ready to attend him in a moment. “And when they had gone over the house, he promised himself moreover the pleasure of accompanying her into the shrubberies and garden.” She curtsied her acquiescence. “But perhaps it might be more agreeable to her to make those her first object. The weather was at present favourable, and at this time of year the uncertainty was very great of its continuing so. Which would she prefer? He was equally at her service. Which did his daughter think would most accord with her fair friend’s wishes? But he thought he could discern. Yes, he certainly read in Miss Morland’s eyes a judicious desire of making use of the present smiling weather. But when did she judge amiss? The abbey would be always safe and dry. He yielded implicitly, and would fetch his hat and attend them in a moment.” [Chapter 22]

Herkömmliche indirekte Rede ohne Anführungszeichen gibt es natürlich auch. Ich vermute mal, ohne das überprüft zu haben, dass Austen bei indirekter Rede genau und nur dann Anführungszeichen setzt, wenn kein explizites redeeinleitendes Verb vorhanden. Dann dürfte diese erlebte Rede quasi nur in Anführungszeichen vorkommen. Nachgeprüft habe ich das nicht.

Wikipedia entnehme ich, dass Jane Austen und Goethe zu den ersten gezählt werden, die erlebte Rede bzw. free indirect speech verwenden. Dann ist das wohl in Vergessenheit geraten und erst wieder über Flaubert in die moderne Literatur gekommen.

Naomi Novik, Temeraire

novik_temeraire(Amerikanischer Originaltitel: His Majesty’s Dragon, deutscher Titel: Drachenbrut.)

Der Urvater der Geschichten um einen Jungen und seinen Drachen ist wohl “The Reluctant Dragon” von Kenneth Grahame (1898), den ich zuerst als Disneyverfilmung (1941) kennengelernt habe.
Als ich jung war, hieß “Drachen und ihre Reiter” vor allem: die Romanserie um die Drachenreiter von Pern von Anne McCaffrey. Ein Buch davon hatte ich mal gelesen, war mir sehr fremd geblieben, was rückblickend eher für das Buch spricht.
Vor zehn Jahren tauchten die Eragon-Romane auf, sehr populär in manchen Kreisen, ich habe nie reingeschaut. Eher nichts für mich. Darin geht es jeweils auch um Drachen und ihre Reiter.

Ein paar Jahre später gab es dann die Temeraire-Reihe von Naomi Novik, deutsch: Die Feuerreiter Seiner Majestät. Verschiedene Leute hatten mir davon erzählt, so dass ich jetzt das erste Buch gelesen habe:

Anfang des 19. Jahrhunderts wird England von den französischen Truppen unter Napoleon bedroht. Admiral Nelson schlägt sich tapfer, siegt bei Trafalgar über die französische Flotte – wenn da nur nicht die zahlenmäßig weit überlegenen französischen Luftstreitkräfte wären: In dieser Welt gibt es Drachen, die – mindestens seit den Kreuzzügen – auch im Krieg eingesetzt werden.
Es gibt viele verschiedene Arten von Drachen, die auch von Menschen gezüchtet werden. Kleine werden als schnelle Transportmittel für Kuriere eingesetzt, mittlere greifen gegnerische Schiffe oder Drachen unmittelbar an, die großen haben eine ganze Besatzung von Scharfschützen und Bombern.
Drachen sind sprachbegabt und intelligent, manche sehr, andere weniger. Wenn sie frisch aus dem Ei schlüpfen, kommt es in der Regel zu einer Prägung auf einen der ersten Menschen, der ihnen begegnet.

Hauptperson des Romans ist Captain Laurence, zufriedener und erfolgreicher Marinekapitän, der unverhofft zum Partner eines frisch geschlüpften Drachen wird. Das heißt, er muss die Marine verlassen, seine bisherige Karriere völlig aufgeben und Teil der königlichen Luftwaffe werden. Denn aufgrund des besonderen Verhältnisses zwischen einem Drachen und seinem Menschen leben die Menschen außerhalb der Konventionen der englischen Gesellschaft, wie man sie etwa aus Jane Austen kennt.
Die Luftwaffe ist dann auch wesentlich lockerer als die Marine, die Laurence gewohnt ist. Es ist amüsant zu lesen, wie sich Laurence erst anpassen muss, zumal es in der Lufwaffe auch Frauen gibt. Die Öffentlichkeit ahnt nichts davon, aber was soll man machen – Drachen sind rar und Drachenreiter wertvoll, und manche Drachen suchen sich nur Frauen aus.

Laut Danksagung hat die Autorin versucht, anachronistische Wörter zu vermeiden; aufgefallen ist mir nur “strafing”, das Beschießen von Personen auf dem Boden von auf einem Flugzeug montierten Schusswaffen aus. Das Wort stammt aus dem ersten Weltkrieg und kommt von “Gott strafe England”, einem – deutschen – Schlachtruf aus dem Ersten Weltkrieg. Aber gut, irgendein Wort für diese Praxis muss es auch in der Drachenreiterwelt geben.

Ich mag ja militärische Abenteurromane, die zu dieser Zeit spielen – die Aubrey/Maturin-Serie, etwas später Flashman von George Macdonald Fraser, nicht ganz so unterhaltsam Edwin Thomas, die Hornblower-Serie.

Temeraire hat all das, und dann auch noch Drachen. In späteren Bänden wird noch mehr das Verhältnis zwischen Menschen und Drachen erschlossen. Im Moment sind sie so ein bisschen wie die Hauselfen bei Harry Potter, nur größer und intelligenter, aber ihrem Menschen ebenso treu ergeben. Interessant verspricht auch die Rolle der unabhängigen Frauen zu werden, die als Drachenreiter sehr selbstständig und selbstbewusst mit den Männern leben, deren Existenz aber vor dem Rest Englands geheim gehalten werden muss. Überhaupt haben die Drachenreiter einen schlechten Ruf, stehen ganz am Rand der englischen Gesellschaft.

Ja, und dann ist da dieses komische Verhältnis zwischen Drache und Mensch, zwischen Captain Laurence und Temeraire. Das hatte mir von Anfang etwas keusch Eskapistisches, das ich sonst nur von Geschichten um Mädchen und ihre Einhörner kannte. Eine Liebesbeziehung ohne Sex. Dass Laurence Temeraire häufig mit “My dear” anspricht, ist historisch wohl auch unter Männern korrekt, und doch… Die beiden erfreuen sich an gemeinsamen Bädern (S. 62), Drachen mögen Schmuck, und Temeraire freut sich riesig über das Schmuckstück, das Laurence ihm kaumt (S. 56) und will es nicht hergeben (S. 73). Als Laurence in Kapitel 4 in sein Elternhaus kommt und den Eltern offenbart, dass er jetzt Drachenreiter ist, reagiert der Vater wie bei einer unstandesgemäßen Heirat und verweist ihn quasi des Hauses. Die Mutter ist etwas versöhnlicher und will nur wissen, ob er glücklich ist:

But she still looked at him anxiously, and there was a silent question in her eyes.
“Yes,” he said, trying to answer it. “I count myself very fortunate, I promise you.” (S. 106)

Die Mutter ermahnt Temeraire, gut auf ihn aufzupassen, was der Drache auch verspricht – unklar ist ein bisschen, ob er eher Schwiegersohn oder Schwiegertochter ist.

Ein anderer Drachenreiter – allerdings von den Kollegen verachtet, weil er seinen Drachen schlecht behandelt – gibt Laurence den Tipp, besorgte Drachen mit Schmuck zu beruhigen, die seien “just like a temperamental mistress” (S. 160). Laurence muss sich an anderer Stelle zusammenreißen (S. 256), um nicht so stolz von seinem Drachen zu erzählen wie einer dieser Männer “who could not stop talking of the beauty of their mistress.”

Ein wenig weniger keusch wird es, als Temeraire in die Pubertät kommt und Laurence ihm die frisch gewachsenen Barthaare streichelt, wohl eine erogene Zone bei Drachen (S. 206).

– Die wunderbaren TV Tropes zu Temeraire zählen viele Topoi auf, die im Buch auftauchen, etwa: A Boy and His X, Action Girl, Changeling Fantasy, Dragon Rider, Egg McGuffin, und viele weitere. Unter anderem auch Ascended Fanon: wenn Fanfic als eigenständiges Werk veröffentlicht. Anscheinend hat Temeraire als Fanfic zur Serie um Aubrey & Maturin von Patrick O’Brian begonnen, so wie Fifty Shades of Grey als Twilight-Fanfic begonnen hat.

Fazit: Ich hätte gerne noch etwas mehr Marine oder Militär und bin gespannt, was aus dem Verhältnis zu den Drachen noch alles wird. Vergnügliche Lektüre.