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Kochbücher lesen

Neulich in Berlin, in der Pension, stieß ich auf das:

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Mmmmh. Karl-May-Bände, und zwar die guten, exotischen. Mit Winnetou und Old Shatterhand konnte ich nicht gar so viel anfangen, auch wenn ich etliche der Wildwest-Romane mehrfach gelesen habe und mich dabei durchaus vergnügte. Aber die sechs Bände des Orient-Zyklus, die habe ich oft gelesen: Durch die Wüste, Durchs wilde Kurdistan, Von Bagdad nach Stambul, In den Schluchten des Balkan, Durch das Land der Skipetaren, Der Schut. Kurzer Test: “Hadschi Halef Omar ibn Hadschi Abul Abbas ibn Hadschi Dawud Als Gossarah”… na ja, fast: Wikipedia korrigiert einmal meine Rechtschreibung und ändert ein “ibn” in “ben”, damit kann ich leben: Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah. (So nennt sich der Begleiter der Hauptfigur, auch wenn die vielen Hadschis im Namen eher Angabe waren als Realität. Wer Karl May gelesen hat, kann das auswendig sagen, auch noch fünfunddreißig Jahre nach der letzten Lektüre.)

In der Pension griff ich zu einem der Bände, die ich noch nicht kannte, Im Lande des Mahdi I: Menschenjäger. Und ich war gleich wieder drin. Fast so schön wie der Stimme des Erzählers auf der Hörspiel-Kassette zu lauschen, wie er – Wilhelm Hauff, Das Gespensterschiff – beginnt mit: “Mein Vater hatte einen kleinen Laden in Balsora” und einem so richtig sonoren “o” in “Balsora”. Jedenfalls liegen die drei Bände des Mahdi jetzt digital auf meinem Nachttisch, das möchte ich bald zu Ende lesen.

Aber eigentlich soll es hier um Kochbücher gehen. Erich Kästner hat ja ein umwerfendes erstes Kapitel oder Vorwort zu Emil und die Detektive geschrieben. Eigentlich habe er ja einen Südseeroman schreiben wollen, eine spannende Szene, in der ein “mit heißen Bratäpfeln geladenes Taschenmesser” eine Rolle spielte, als er plötzlich nicht mehr wusste, wieviel Beine ein Walfisch hat. Aus war es es mit dem Schreiben, denn die Fakten müssen ja stimmen. Und so kam es nie zu Petersilie im Urlaub, dem durchaus interessant klingenden Südseeroman. Der Oberkellner Nietenführ erklärt dem Herrn Kästner darauf, dass man besser über das schreibe, was man kenne. Kästner entgegnet darauf, dass ja trotzdem Schiller erfolgreich über die Schweiz geschrieben habe – und, möchte ich als Leser ergänzen, der Karl May über den Orient und Amerika, obwohl er nie da war. Die Antwort des Oberkellners darauf: “Da hat er eben vorher Kochbücher gelesen [...] Wo alles drinstand.”

Und recht hatte er, der Oberkellner, zumindest was die Kochbücher betrifft.

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Spezialitäten der Welt köstlich wie noch nie. Christian Teubner, Annette Wolter. Gräfe und Unzer 1982.

Irgendwann habe ich angefangen, mich fürs Kochen zu interessieren. Erst kamen die Kochbücher, die ich gelesen habe, und dann die Lust, Dinge auszuprobieren, die ich in den Kochbüchern fand. Ein Favorit war Spezialitäten der Welt. Ich kann gar nicht aufzählen, was ich aus diesem Buch alles gelernt habe – nicht unbedingt über das Kochen, denn das Rezept für die Salzburger Nockerln gibt eine zu hohe Temperatur bei zu kurzer Backzeit vor, und das war natürlich eines der ersten Rezepte, die ich ausprobierte. (Peter Alexander, klar.) Nein, ich lernte viel über Geographie. Die Gerichte sind geographisch angeordnet: Südeuropa, Westeuropa, Nordeuropa, Osteuropa (Polen und Sowjetunion), Mitteleuropa (Deutschland, Schweiz, Österrich, Tschechoslowakei, Ungarn), Balkan, Vorderer Orient, Nordafrika, Schwarzafrika, Nordamerika, Mittelamerika, Südamerika, Südasien (Indien, Sri Lanka), Südostasien, Ostasien, Australien/Ozeanien. Die Titel der Gerichte jeweils auf Deutsch und in der Originalsprache.

Spaghetti mit Pesto, lang bevor das hier aufkam. (Wir erinnern uns: Das Buch stammt aus einer Zeit vor dem Döner in Deutschland, der am Anfang ohnehin noch Gyros hieß, vor Sushi, selbst Jahre vor dem Tex-Mex-Boom ab Mitte der 1980er Jahre. Chinesisch, das gab es.) Bei Spanien habe ich von Migas erfahren und von Nierchen. Portugal: Was Stockfisch ist. Die gebratenen Heringe aus England habe ich einige Jahre später in einer winzigen Jugendherberge dann mal vom Herbergsvater zubereitet gekriegt. Dass die in England ihren Pudding mit Rindernierentalg machen, und überhaupt: was ein Pudding ist. Und Cornish Pasties. Und Treacle Tart. Dass man in Dänemark eine ganze Mandel im süßen Reis versenkte. Was Anchovis sind (Schweden). Borschtsch, Blini. Quarkspeise zu Ostern. Was Kwass ist. Oder, wieder westlicher, eine Wähe. Ein Beuscherl (was man so alles essen kann). Baklawa zum Nachtisch, und Imam Bayildi, das ich später wiedererkennen sollte. Ein Bild von Lammfleischspießen mit Joghurtsauce, nach dem ich immer noch Hunger habe. (Pilaw kannte ich ja schon von Karl May.) Süße orientalische Desserts. Gefilte Fisch, Kreplach, Cholent und “Kihen fin Veisseriben” (Pastinakenkuchen). Manches andere kannte ich schon von libanesische Bekannten meiner Eltern. Jambalaya, das Gericht noch vor Hank Williams oder, später, Jerry Lee Lewis. Als 2014 anlässlich der Weltmeisterschaft in Brasilien das Nationalgericht Feijoada vorgestellt wurde, habe ich gleich das Bild von S. 243 herausgesucht. Dann die Satéspießchen, erste selbstgemachte Erdnusssauce. (Nasi Goreng auf der Seite gegenüber kannte man ja eh schon seit irgendwann vor meiner Zeit.) Sashimi, roher Fisch. Komisch, dabei hieß das in Blade Runner doch Sushi… aber da war Blade Runner nicht ganz exakt.

Jetzt höre ich dann mal auf. Für so eine gesunde Allgemeinbildung und Neugier gegenüber anderen Ländern gibt es jedenfalls wirklich Schlechteres als solche Kochbücher zu lesen.

Empfehlenswert: Die Maisfritters von S. 230, die gewürzten Ananas S. 258.

— Gehört nicht ganz zum Thema, aber in die Zeit: “Zuppa Romana” (1984) von Schrott nach 8.

Wolf Haas. Brennerova

haas_brennerova Von Wolf Haas lese ich alles. Am meisten freue ich mich darüber, wenn es kein Krimi vom Brenner ist, aber zur Not nehme ich auch den, das lohnt sich auch immer.

Brennerova ist schwärzer, als ich die früheren Brenner-Krimis in Erinnerung habe. Dort ging es jeweils um Nebenerwerbsverbrecher sozusagen, die Hauptsächlich dann doch in anderen Branchen tätig waren. Hier gibt es dagegen gleich die richtig bösen Jungs. Und der Brenner, der kommt mir mehr wie ein richtiger Detektiv vor – vielleicht liegt das nur daran, dass der Brenner bald von einer faszinierenden Frau den Auftrag kriegt, ihre kleine Schwester zu suchen, die im Sündenbabel verloren gegangen ist. Bei kleinen Schwestern denke ich doch immer gleich an Raymond Chandlers Die kleine Schwester, den fünften Roman um den Privatdetektiv Philip Marlowe.

Außerdem hat der Brenner jetzt so etwas wie eine Sekretärin, so wie Sam Spade (Effie Perrine) und Perry Mason (Della Street). Nicht in dem Sinn, dass er überhaupt arbeitet, oder ihr ein Gehalt zahlt, aber doch so, dass sie ihn immer wieder dazu überredet, einen Fall anzunehmen, den er sonst vielleicht abgelehnt hätte.

Die Handlung ist etwas weit hergeholt, aber das stört mich nicht. Fährt der Brenner halt mal schnell nach Moskau und anderswohin. Sonst sage ich mal nichts dazu. Ein paar schön schräge Szenen gibt es, und ein Ochsenbild direkt aus dem Zen-Buddhismus – aber vielleicht ist das Tier auch nur für ein wirklich kalauerndes Wortspiel ganz zum Schluss da.

Cheerleader Noir

abbott_dare_meDare Me von Megan Abbott spielt an einer amerikanischen High School unter den Cheerleadern dort. Eine neue Trainerin stellt ehrgeizige Ansprüche an das Team, sie wird von den meisten verehrt, bei anderen führt das zu Eifersucht; Gerangel um begehrte Positionen im Team gibt es ohnehin. Und Gezicke.

Das Buch ist ein Krimi. Kein Krimi der englischen Landhausschule – Mord als Puzzle in Landhaus, Flugzeug, Orientexpress, auf dem Nildampfer oder einer winzigen Insel -, sondern ein Krimi amerikanischer Tradition. Mean streets, Verbrechen und Korruption und Verfall überall, niemandem kann man trauen. Diese Art Krimi entstand aus der Pulp-Literatur, Carrol John Daly war 1922 wohl der erste hard-boiled Autor; der bekannteste der frühen Generation ist Dashiell Hammett: Bei ihm gibt es den moralisch ambivalenten, aber letztlich doch ehrenhaften Privatdetektiv, der sich in dieser schmutzigen Welt bewegt und in ihr besteht (auch wenn er nicht das Mädchen kriegt). Eine halbe Generation später schafft Raymond Chandler die klassische, geradezu ritterliche Version davon. (“But down these mean streets a man must go who is not himself mean, who is neither tarnished nor afraid.”) Und bei Cornell Woolrich und James M. Cain gibt es gar keinen Lichtblick mehr, nur Abgründe und mehr oder weniger normale Menschen, die daran scheitern. Danach landen wir bei Mickey Spillane und den 1950er Jahren, worüber wir nicht reden wollen.

“Noir” heißt diese klassische Richtung, nach dem film noir, der viele dieser Romane als Grundlage hat. Typischerweise gehören dazu Schlapphüte und Neonlicht, Dunkelheit und Regen, verführerische Frauen, Verrat und Kooperation, Großstadt. Häufig eine mehr oder weniger gescheiterte, positive Detektivgestalt, aber oft genug nicht einmal das (James M. Cain: The Postman Always Rings Twice; Double Indemnity). Aber noir war im amerikanischen Raum schon früh produktiv und ist es noch immer, einer der besten klassischen Filme, “Out of the Past”, spielt draußen auf dem Land bei hellem Tageslicht. “Blade Runner” und “Radioactive Dreams” machen Science Fiction daraus, “Who Censored Roger Rabbit?” spielt im Cartoonfigurenmilieu, die Abenteuer von Bug Maldoon spielen unter den Insekten im Vorgarten. (Ein Sonderfall ist “Bugsy Malone”, eher Gangsterfilm als noir, alle Rollen gespielt von Kindern und Jugendlichen mit Durchschnittsalter zwölf. Trailer.) Und dann ist da “Brick” (Wikipedia) aus dem Jahr 2005, spielt an einer High School unter Teenagern und jungen Erwachsenen und ist noir bis ins Mark.

Dare Me ist cheerleader noir, eher wie bei James M. Cain, also ohne Lichtgestalt. Kein Neonlicht, kein Regen, keine Hüte; aber eine bedrohliche Atmosphäre, Fragen von Leidenschaft, Vertrauen und Verrat. Die erste Hälfte des Buches ist ungemein dicht. Man ahnt, dass eine Katastrophe geschehen wird, weiß aber nicht genau, aus welcher Richtung sie kommen wird. Die Cheerleader sind ein Gemisch von Naivität, Unschuld, Erfahrung, Berechnung und Kaltschnäuzigkeit, bei dem man sich als älterer Herr etwas voyeuristisch vorkommt, als würde man Tagebücher lesen. Jungs, Männer, Lehrer, Drogen, Diäten, Brechmittel. Trotzdem: Hundertfünfzig Seiten bedrohliche Atmosphäre, ohne dass wirklich etwas passiert, das ist etwas zu viel. — In der zweiten Hälfte ist die Katastrophe dann geschehen, wer und warum und was genau, das stellt sich dann erst heraus. Das Finale war mir etwas zu, hm, ja, undramatisch.

Die Hauptfigur Addy, zwischen ihrer besten Freundin Beth (manipulatives Alphamädchen), und der Trainerin (genauso manipulativ) hin- und hergerissen. Es fehlt nicht an Western-Metaphorik, aber viele Sätze könnten in jedem hard-boilded Krimi stehen oder aus dem Off eines Films kommen:

Her tears come and I fight off the urge to slap those swollen jowls of her. I fight it off because she’s about to give me gold, and she doesn’t even know it. She thinks her gossip, her petty grievances are significant, but they are tiny pinholes. The things around them, though, the fabric of Beth’s lies and fictions, they are the gold. (S. 277)

Was mir noch aufgefallen ist:

Die Autorin lässt Beth Nietzsche zitieren (“When you gaze into the Abyss [...], the Abyss gazes into you”, S. 210), Shakespeare (“We happy few, we band of bitches” S. 218, auch 292) und Goethe (“We are never deceived; we deceive ourselves”, S. 247), jeweils unmarkiert. Soll das heißen, dass Beth die Sätze als Zitat spricht, dass sie also irgendwo Nietzsche aufgeschnappt hat? Kann ich mir nicht vorstellen. Drei der vier Stellen sind außerdem Beth von der Ich-Erzählerin Addy zugeschriebene Zitate. Kennt Addy Nietzsche? Oder sind das – wahrscheinlicher – keine Zitate der Personen, sondern einfach hyperdramatische Sätze, die einfach gut zum aufgeputschten Drama passen, vor allem natürlich für die, die sie erkennen? Schließlich benutzt das Buch ja auch Noir-Motive, um die Cheerleaderhandlung mit Drama aufzuladen.

(Dass ich die Zitate als Zitate erkennt habe, liegt übrigens an meiner Wissenskompetenz. Wenn ich Henry V nicht kennen würde, wäre mir das vielleicht nicht aufgefallen. Da hätte mir jede andere Kompetenzkompetenz nicht viel geholfen, weil ich ja nicht auf gut Glück bei jedem Satz bei Google überprüfen kann, ob das vielleicht ein Zitat von anderswoher ist. Andererseits: Gibt es einen Mehrwert, wenn ich eine Stelle als Zitat erkenne, oder reicht, wenn ich die Sprache als episch aufgeladen erkenne?)

Ein echter Fehler ist aber auf S. 281 “pixilated” statt “pixelated”. Nur Letzteres hat mit Pixeln zu tun, ersteres kenne ich aus “Mr Deeds Goes to Town” von Frank Capra (screwball comedy, 1936), wo Gary Cooper in einer dramatischen Zeugenaussage vor Gericht so beschrieben wird: etwas verrückt nämlich, von den pixies, Kobolden, verwirrt. Gern geschehen, man ist ja Lehrer.

Weiterführendes Material:

  • Ein alter Blogeintrag zu Noir-Filmen.
  • Ein halber Blogeintrag zu Dashiell Hammett.
  • Ein Hinweis auf das amerikanische Taschenbuch-Genre der jugendlichen Gang-Mitglieder der 1950er Jahre, gerne auch Mädchengangs; die Google-Bildersuche zu Buchumschlägen verrät einem alles.
  • Und natürlich darf wohl keine Besprechung des Romans ohne einen Hinweis auf “Bring It On” auskommen, ein Film aus dem Jahr 2000 (Regie: Peyton Reed, von dem wir auch “Down With Love” kennen und bald den Marvel-Ant-Man, nachdem Edgar Wright nicht mehr wollte). Eine Sportkomödie unter Cheerleadern: Das Team von Kirsten Dunst fliegt fast aus der Meisterschafts-Vorrunde, weil sie unwissentlich mit einer geklauten Choreographie gearbeitet haben, also müssen neue Nummern her. Das alles solide und humorvoll gemacht. (Die zahllosen DVD-Fortsetzungen des Films sind wohl uninteressant.)
    Reinschnuppern bei Youtube:
    Der neue Choreograph
    End Credits

Ernest Cline, Ready Player One

Von Gary Larson gibt es einen Cartoon. “Hopeful Parents” steht darunter, und man sieht ein eher dümmlich aussehendes Kind mit einer Spielekonsole gebannt vor dem Bildschirm sitzen, während die dahinter stehenden, stolz zusehenden Eltern eine Vision von zukünftigen Stellenanzeigen haben: “Nintendo Expert Needed. $50,000 salary + bonus” und “Looking for good Mario Brothers Player $100,000 plus your own car.”

Dieser Cartoon könnte der Ausgangspunkt von Ready Player One von Ernest Cline gewesen sein. Wie müsste eine Welt beschaffen sein, in der es wirklich etwas bringt, Computerspiele spielen zu können? Und noch einen Schritt weiter: Wie müsste eine Welt beschaffen sein, in der es einen zum Helden macht, sich in japanischen und amerikanischen Fernsehserien der 1980er Jahre auszukennen, und in den Büchern, Filmen, Musikgruppen und Spielen dieser Zeit? Die Antwort gibt der Plot dieses Buches.

(Das ist übrigens durchaus meine Zeit. Gut, mit Japan habe ich nicht viel zu tun gehabt. Aber viele der zitierten Fernsehserien, Computer und Spiele – etwa: Joust, Centipede, Family Ties, Pacman, D&D, TRS-80, K.I.T.T., Wargames – kenne ich. Mir war lang vor den Spielfiguren klar, worauf sich der geheimnisvolle Hinweise auf eine “trophy case” beziehen muss. Mich wundert aber, dass sich das alles in einem 2011 erschienenen Jugend-Science-Fiction-Roman findet. Dass meine Generation das kennt und gerne daran erinnert wird, klar, aber dass auch junge Leute da durch wollen?)

Ready Player One spielt in den 2040er Jahren, in einer mäßig dystopischen Zukunft. Böse Konzerne kontrollieren nicht alles, aber doch eine Menge. Viele Menschen halten sich einen großen Teil ihrer Zeit in der OASIS auf – eine Art Kreuzung aus World of Warcraft und Second Life kombiniert mit der Allgegenwart von Facebook; ein Spiel und eine Simulation zugleich. Auch Schulunterricht kann gleich ganz dort stattfinden – auf einem Schulplaneten ohne Magie und Kampfmöglichkeit, versteht sich.
Der Erfinder und Programmierer dieser Spiel-Simulation, eine verschrobene Kreuzung aus Steve Jobs und Bill Gates, steinreich, Fan der 1980er Jahre, stirbt einige Jahre vor Beginn der Handlung. Er hinterlässt ein Testament: In der OASIS hat er ein Easter Egg versteckt, eine Überraschung; wer es findet, erbt sein gesamtes Vermögen und die Kontrolle über die OASIS. Es gibt eine erste verrätselte Spur, der Rest liegt in der Hand der Spieler.
Aber das Rätsel ist schwer, erst mal kommt niemand voran. Nach anfänglichem weltweiten und allgemeinen Enthusiasmus ist es nur noch die Subkuktur der easter egg hunters oder gunters, die die Suche noch nicht aufgegeben hat.
Einer von ihnen – Wade, alias Parzival, jugendliche Hauptperson des Romans – löst das erste Rätsel und damit eine weltweite Sensation aus. Ein böser Konzern setzt eine Armee von tausenden von bezahlten Spielern ein, um ihm und seinen Mitstreitern – oder Konkurrenten – zuvorzukommen und schreckt auch vor Verbrechen bis hin zum Mord in der realen Welt nicht zurück, um dieses Ziel zu erreichen.
Die Schnitzeljagd, die letztlich zum versteckten Easter Egg führt, erfordert alles Wissen, das die Spieler um die Populärkultur der 1980er Jahre angesammelt haben, und all ihre Fähigkeiten im Spielen von Computerspielen dieser Zeit.

— Ich habe das Buch als ungekürztes englischen Hörbuch gehört. Das hat sich so ergeben; an sich bin ich mit Hörbüchern nie sehr warm geworden, und ich höre sicher weniger konzentriert zu und verpasse mehr, als wenn ich das Buch direkt lesen würde. Deshalb mache ich das auch nur bei Büchern, die mich nicht so brennend interessieren. Aber vielleicht tue ich dem Buch einach unrecht, weil es es als Hörbuch einfach schwer hatte.

Ready Player One kam mir ziemlich lang vor. Auf viele Details hätte ich gerne verzichtet. Gleichzeitig lässt das Buch auch viel aus. Typisch sind Sätze wie: “I performed a few final tasks related to my escape plan, then logged out of the IOI intranet for the last time.” Was waren das für “final tasks”? Spielt keine Rolle. Dann bitte gleich weglassen.
Die jugendlichen Helden sind ziemlich klischeehaft. Der erste Kuss, zu dem es ganz am Schluss kommt, ist genau so, wie man ihn sich immer vorgestellt hat:

It felt just like all those songs and poems had promised it would. It
felt wonderful. Like being struck by lightning.

Auch sonst ist das Geheimnis jedes Hackers: wahre Liebe. Wenig überraschend, aber keinesfalls genügend vorbereitet, kommt auch am Schluss die Erkenntnis, dass die reale Welt vielleicht doch besser ist als die virtuelle.

Und doch, ich habe das Buch bis zum Ende angehört, und das nicht ungern. Ich höre einfach gerne Geschichten um Computerspiele und die 1980er. Der Roman ist voller bekannter Topoi. Wie bei Frau Holle geht der Held in eine Höhle (“cave”), steckt ein ausgestecktes Pacman-Spiel ein (“spiel mich, spiel mich”) und wird daraufhinreicht belohnt, während seine bösen Parallelfiguren leer ausgehen.

Aufgefallen ist mir eine Paralle zum Film Matrix. Und das geht ganz ohne Aliens oder Maschinen, die die Menschen gegen ihren Willen und ohne dass sie es wissen dazu zwingen, in eienr computergenerierten virtuellen Welt zu leben. Das machen die freiwillig. Einen Retter gibt es da wie dort, und Superfähigkeiten, die man sich einfach hinzuladen kann. Zugegeben, in der OASIS sind es eher magische Artefakte, aber das läuft auf das gleiche hinaus.

Interessant war das Finale: Eine große Schlacht, mit den gesammelten gunters, einem Großteil der aktiven Spieler also, gegen die gesammelten Spielfiguren des Bösen, alle auf einen Planeten, alle aufeinander drauf. So ähnlich wie die Schlacht um Helms Klamm im Herrn der Ringe. Aber die Schlacht ist um eine weitere Ebene vom Leser entfernt, und ihm deshalb viel näher. Beim Herrn der Ringe muss man sich in die Elben und Zwerge und Orks hineinversetzen, um in der Schlacht mitzufiebern; in Ready Player One muss man sich gar nicht groß in die tausenden teilnehmende Spieler versetzen, man erlebt ja ohnehin nur ihre Spielfiguren. Die namenlosen Spieler machen stellvertretend für uns bei der Schlacht mit, und sich mit einem solchen Computerspieler zu identifizieren, das fällt leicht. Ganz früher spielten Abenteuer in fernen Ländern; als die rar wurden, spielten sie im Weltraum; wenn der immer bekannter wird, muss man sie in virtuellen Welten spielen lassen. Dort kann man wieder problemlos Schwert und Laser schwingen, und ohne echte Tote. Und Geschichten geschehen ja auch tatsächlich dort, siehe diese Aufstellung der 7 Biggest Dick Moves in the History of Online Gaming. (Weitere Geschichten hier, hier, hier.)

(Eine andere Art der Virtualisierung wird auf der Büchereite der FAZ beschrieben: Traumüberwachung im Jugendbuch. Anscheinend gibt es gerade einen Schwung Jugendbücher, in denen Träume eine wichtige Rolle spielen, in denen man die Träume anderer auslesen oder manipulieren oder gemeinsam träumen kann. Die Analogie zur virtuellen Computerwelt fällt der FAZ auf; in ein paar Jahren brauchen wir vielleicht den Umweg über Träume nicht mehr, sondern können gleich über Technik schreiben.)

— Übrigens hat der Autor mit dem Erscheinen der Taschenbuchausgabe offenbart, dass es auch im Roman selber ein Easter Egg gibt. Wie im Buch gab es eine Webseite dazu, eine Bestenliste, und am Schluss einen DeLorean zu gewinnen. Die Rätsel wurden inzwischen gelöst, der Preis vergeben; ich war nur nicht interessiert genug, mich über die Details des Easter Eggs zu informieren.

Jane Austen, Northanger Abbey (und Exkurs zur erlebten Rede)

Bekannte nehmen die junge Catherine Morland für ein paar Wochen mit nach Bath, wo man zur Erholung und zur Kur hinfährt und um neue Kleider vorzuführen. Dort freundet sie sich mit Isabella Thorpe an (an der auch Catherines Bruder interessiert ist), ohne deren Oberflächlichkeit zu erkennen. Isabellas Bruder, ein rechter Depp, wirbt um Catherine; diese verliebt sich aber in Henry Tilney, mit dessen Schwester sie Freundschaft schließt.

Catherine wird als Gegenstück zu den Heldinnen sentimentaler und sentimental-grusliger Romane eingeführt. Kein Findelkind wurde in ihrerm Heimatdorf abgegeben, dessen vornehme Herkunft sich später herausstellen könnte; sie kann weder besonders gut zeichnen noch musizieren, die Beziehung zu ihren Eltern ist unkompliziert; zum Abschied verlangt ihre Schwester nicht tränenreich einen Brief jeden Tag von ihr, sie wird nicht vor Edelleuten mit üblen Absichten gewarnt, sondern daran erinnert, sich warm genug anzuziehen, um sich nicht zu erkälten. Auf der Fahrt werden sie dann auch nicht von Räubern überfallen, und als Catherine den von ihr verehrten Tilney vertraulich mit einer fremden Frau sprechen sieht, fällt sie nicht in Ohnmacht, sondern schließt, dass das dann wohl seine Schwester ist.

Diese Bodenständigkeit verliert Catherine im letzten Drittel des Buches, als sie nach Northanger Abbey eingeladen wird, dem Anwesen, auf dem Henry und seine Schwester mit ihrem Vater leben. Catherine liest nämlich gerne Romane, am liebsten Schauerromane (die gerne mal in alten Abteien spielen), und so sieht sie eine Verschwörung um eine alte Mordtat um sich herum, die sich natürlich als bloße Einbildung entpuppt. Trotzdem gibt es dann vor dem glücklichen Ende noch etwas echtes Drama.

— Das Lesen hat mir viel Vergnügen bereitet. Bekannt ist das Buch als Parodie auf den englischen Schauerroman; tatsächlich ist der Teil, der in Bath spielt, umfangreicher, und hat mir auch besser gefallen. Catherine ist eine sympathische Heldin. Sie lebt in einer Gesellschaft voller Regeln, die sie nicht alle genau kennt, die sie aber nicht verletzen will – sie achtet sehr darauf, wie sie von anderen wahrgenommen wird. Es ist angenehm, mal eine derart mitdenkende Heldin zu haben.
Vermutlich ist das Buch gut für den Einstieg in Austen geeignet: Es gibt relativ wenige Personen; die zwei Teile des Buches funktionieren ziemlich unabhängig von einander; es gibt keine obskuren englischen Erbschaftsverhältnisse, die für den Plot wichtig sind.

Exkurs 1: Die Gothic Novel und ihre deutschen Vorläufer

Der zweite Teil von Northanger Abbey ist eine Parodie auf die englische gothic novel, eine Romanform, die im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert enorm populär war, und die zu Mary Shelleys Frankenstein führte. The Castle of Otranto (Horace Walpole, 1764) gilt als erster Vertreter: Geheimgänge, Ruinen, in Ohnmacht fallende Heldinnen, Übernatürliches, Schauplatz: Italien. Am populärsten war dann Ann Radcliffe, etwa mit The Mysteries of Udolpho (1794).

Catherine Morland mag diese Literatur, und Isabella Thorpe empfiehlt ihr in Kapitel 6 ein paar Romane zur Lektüre, die “Northanger Seven“:

“I will read you their names directly; here they are, in my pocket-book. Castle of Wolfenbach, Clermont, Mysterious Warnings, Necromancer of the Black Forest, Midnight Bell, Orphan of the Rhine, and Horrid Mysteries. Those will last us some time.”

Diese Bücher gibt es alle wirklich, und eines hat mich besonders interessiert: The Necromancer; or, The Tale of the Black Forest von Lorenz Flammenberg (Pseudonym von: Karl Friedrich Kahlert), in einer wohl recht freien zeitgenössischen Übersetzung von Peter Teuthold. Die deutsche Fassung habe ich leider nicht gefunden, die englische Übersetzung bei www.gutenberg.ca. Der Grund für mein Interesse: Bislang hatte ich immer nur gehört, dass Deutschland als Vorbild für Finsteres, Unheimliches, und die gothic novels galt. Edgar Allan Poe geht im Vorwort zu seinen Tales of the Grotesque and Arabesque auf den Vorwurf ein, er würde im deutschen Stil schreiben:

with a single exception, there is no one of these stories in which the scholar should recognise the distinctive features of that species of pseudo-horror which we are taught to call Germanic [...]. If in many of my productions terror has been the thesis, I maintain that terror is not of Germany, but of the soul

Aber ich hatte keine Vorstellung davon, was diese deutschen Vorbilder denn genau waren. Die romantischen Novellen kamen eher später, hätte ich gedacht. Bleibt der Sturm und Drang, und ja: Als Folge von Schillers Räubern blühte der Räuberroman, vorher schon der Geheimbundroman, populär waren auch Roman um Geisterbeschwörer, so dass sich selbst Schiller unwillig zu Der Geisterseher herabließ.

(Einen Rest davon gibt es in Eichendorffs “Taugenichts”: Im sechsten Kapitel verbringt unser Held eine Nacht in einem alten Schloss. Es kommt ihm alles sehr gruselig vor, er sieht eine alte Frau mit Messer, fühlt sich an Geschichten von Mord und Menschenfressern erinnert, die er gelesen hat. Nach einem Brief von “Aurelie”, der an ihn adressiert zu sein scheint, flieht er, verlockt von der Musik eines Studenten unter seinem Fenster, der ihm bei der Flucht hilft.)

Von diesen Romanen kriegt man heute kaum etwas mit.

Hier übrigens der Umschlag einer Ausgabe von Northanger Abbey, die nicht erkannt hat, dass es sich um eine Parodie handelt:

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Paperback Library Edition (New York), 1965.

Exkurs 2: Figurenrede

In einem Roman erzählt meist der Erzähler. “In Front des schon seit Kurfürst Georg Wilhelm von der Familie von Briest bewohnten Herrenhauses zu Hohen-Cremmen fiel heller Sonnenschein auf die mittagsstille Dorfstraße,” steht da, und das sagt zu uns der Erzähler. Manchmal hört man aber auch die Stimme der Figuren selber. Neben weiteren Formen gibt es dafür folgende drei Möglichkeiten:

Direkte Rede

Eben hatte sich Effi wieder erhoben, um abwechselnd nach links und rechts ihre turnerischen Drehungen zu machen, als die von ihrer Stickerei gerade wieder aufblickende Mama ihr zurief: »Effi, eigentlich hättest du doch wohl Kunstreiterin werden müssen. Immer am Trapez, immer Tochter der Luft. Ich glaube beinah, dass du so was möchtest.«

Hier spricht die Mutter, der Erzähler tritt ganz zurück. Merkmal: Anführungszeichen.

Indirekte Rede

Und was nun die Kinder angehe – bei welchem Wort er sich, Aug in Auge mit dem nur etwa um ein Dutzend Jahre jüngeren Innstetten, einen Ruck geben musste -, nun, so sei Effi eben Effi und Geert Geert.

Hier fehlt zwar das aus dem Zusammenhang unschwer zu erschließende: “sagte der alte Briest”, aber dennoch ist klar, dass es sich um indirekte Rede handelt, dass also nicht der Erzähler uns mit der Weisheit, dass Effi eben Effi ist, beglückt, sondern dass das der alte Briest macht. Erkennbar ist das vor allem am für die indirekte Rede typischen Konjunktiv (“angehe”, “sei”). Durch dessen Verwendung betont der Erzähler geradezu, dass nicht er es ist, der hier spricht.

Erlebte Rede

Hier ein nichtfiktionales Beispiel aus der Rede des Bundestagspräsidenten Jenninger anlässlich des 50-jährigen Gedenkens an die Reichspogromnacht 1938:

Man genoss vielleicht in einzelnen Lebensbereichen weniger individuelle Freiheiten; aber es ging einem persönlich doch besser als zuvor, und das Reich war doch unbezweifelbar wieder groß, ja, größer und mächtiger als je zuvor. – Hatten nicht eben erst die Führer Großbritanniens. Frankreichs und Italiens Hitler in München ihre Aufwartung gemacht und ihm zu einem weiteren dieser nicht für möglich gehaltenen Erfolge verholfen?

Nicht Jenninger selbst stellt diese Frage, nicht er hält das Deutsche Reich für unbezweifelbar groß und mächtig: Sondern ein – fiktiver, für durchschnittlich angenommener – Deutscher 1938, dessen Gedanken hier Jenninger wiedergibt. Allerdings benutzt Jenniger hier etwas, das im Deutschen “erlebte Rede” heißt: Es gibt keine Anführungszeichen, keinen Konjunktiv, formal ist nicht zu unterscheiden, ob hier der Erzähler bzw. Jenninger spricht oder eine Figur: Beides ist 3. Person Singular Indikativ Präteritum, die normale Erzählform. Am Tag nach der Rede und den auf sie folgenden Protesten trat Jenninger vom Amt des Bundestagspräsidenten zurück.

Bei erlebter Rede verschwimmen die Grenzen zwischen Figur und Erzähler. Das kann effektiv sein. In dieser Passage aus Irrungen, Wirrungen von Fontane denkt Botho während eines Ausrittes in wörtlicher Rede vor sich hin:

“Weil ich sie liebe! Ja. Und warum soll ich mich dieser Neigung schämen? Das Gefühl ist souverän, und die Tatsache, dass man liebt, ist auch das Recht dazu, möge die Welt noch so sehr den Kopf darüber schütteln oder von Rätsel sprechen. Übrigens ist es kein Rätsel, und wenn doch, so kann ich es lösen. Jeder Mensch ist seiner Natur nach auf bestimmte, mitunter sehr, sehr kleine Dinge gestellt, Dinge, die, trotzdem sie klein sind, für ihn das Leben oder doch des Lebens Bestes bedeuten. Und dies Beste heißt mir Einfachheit, Wahrheit, Natürlichkeit. Das alles hat Lene, damit hat sie mir’s angetan, da liegt der Zauber, aus dem mich zu lösen mir jetzt so schwer fällt.”

So denkt doch kein Mensch! Umgeformt in erlebte Rede sieht das viel natürlicher aus:

Weil er sie liebte! Ja. Und warum sollte er sich dieser Neigung schämen? Das Gefühl war souverän, und die Tatsache, dass man liebte, war auch das Recht dazu, mochte die Welt noch so sehr den Kopf darüber schütteln oder von Rätsel sprechen. Übrigens war es kein Rätsel, und wenn doch, so konnte er es lösen. Jeder Mensch war seiner Natur nach auf bestimmte, mitunter sehr, sehr kleine Dinge gestellt, Dinge, die, trotzdem sie klein waren, für ihn das Leben oder doch des Lebens Bestes bedeuteten. Und dies Beste hieß ihm Einfachheit, Wahrheit, Natürlichkeit. Das alles hatte Lene, damit hatte sie’s ihm angetan, da lag der Zauber, aus dem sich zu lösen ihm jetzt so schwer fiel.

— Erlebte Rede gibt es auch im Englischen, dort heißt sie “free indirect speech”. Im Englischen gibt es keinen nennenswerten Konjunktiv mehr, der in indirekter Rede verwendet wird, stattdessen gibt es etwas, das “backshift” heißt, kurz gesagt: aus present tense in der direkten Rede wird beim Erzählen past. Aus “I want to break free” wird “He said he wanted to break free” (indirect speech) beziehungsweise ohne die Redeeinleitung gleich “He wanted to break free” (free indirect speech) – also unsere erlebte Rede.

Was das alles mit Jane Austen zu tun hat

Bei Northanger Abbey gibt es schon inneren Monolog:

“This is strange indeed! I did not expect such a sight as this! An immense heavy chest! What can it hold? Why should it be placed here? Pushed back too, as if meant to be out of sight! I will look into it—cost me what it may, I will look into it—and directly too—by daylight. If I stay till evening my candle may go out.” [Chapter 21]

Es gibt aber auch indirekte Rede ohne redeeinleitendes Verb (wie: free indirect speech) aber mit Anführungszeichen:

The place in the middle alone remained now unexplored; and though she had “never from the first had the smallest idea of finding anything in any part of the cabinet, and was not in the least disappointed at her ill success thus far, it would be foolish not to examine it thoroughly while she was about it.”

Der Zusammenhang macht klar, dass die Ansichten, die innerhalb der Anführungszeichen stehen, nicht die des Erzählers sind, sondern die von Catherine – erlebte Rede, free indirect speech, aber durch die Anführungszeichen eben nicht ganz so free.

Das gibt es im späten 18. Jahrhunbdert sicher ständig, ist mir jetzt aber zum ersten Mal so richtig aufgefallen. (Der prinzipielle Gebrauch von Anführungszeichen für wörtliche Rede wurde in England erst ab 1714 etabliert.) Northanger Abbey ist voller Beispiele. Hier spricht der alte Tilney zu Catherine:

The netting-box, just leisurely drawn forth, was closed with joyful haste, and she was ready to attend him in a moment. “And when they had gone over the house, he promised himself moreover the pleasure of accompanying her into the shrubberies and garden.” She curtsied her acquiescence. “But perhaps it might be more agreeable to her to make those her first object. The weather was at present favourable, and at this time of year the uncertainty was very great of its continuing so. Which would she prefer? He was equally at her service. Which did his daughter think would most accord with her fair friend’s wishes? But he thought he could discern. Yes, he certainly read in Miss Morland’s eyes a judicious desire of making use of the present smiling weather. But when did she judge amiss? The abbey would be always safe and dry. He yielded implicitly, and would fetch his hat and attend them in a moment.” [Chapter 22]

Herkömmliche indirekte Rede ohne Anführungszeichen gibt es natürlich auch. Ich vermute mal, ohne das überprüft zu haben, dass Austen bei indirekter Rede genau und nur dann Anführungszeichen setzt, wenn kein explizites redeeinleitendes Verb vorhanden. Dann dürfte diese erlebte Rede quasi nur in Anführungszeichen vorkommen. Nachgeprüft habe ich das nicht.

Wikipedia entnehme ich, dass Jane Austen und Goethe zu den ersten gezählt werden, die erlebte Rede bzw. free indirect speech verwenden. Dann ist das wohl in Vergessenheit geraten und erst wieder über Flaubert in die moderne Literatur gekommen.

Naomi Novik, Temeraire

novik_temeraire(Amerikanischer Originaltitel: His Majesty’s Dragon, deutscher Titel: Drachenbrut.)

Der Urvater der Geschichten um einen Jungen und seinen Drachen ist wohl “The Reluctant Dragon” von Kenneth Grahame (1898), den ich zuerst als Disneyverfilmung (1941) kennengelernt habe.
Als ich jung war, hieß “Drachen und ihre Reiter” vor allem: die Romanserie um die Drachenreiter von Pern von Anne McCaffrey. Ein Buch davon hatte ich mal gelesen, war mir sehr fremd geblieben, was rückblickend eher für das Buch spricht.
Vor zehn Jahren tauchten die Eragon-Romane auf, sehr populär in manchen Kreisen, ich habe nie reingeschaut. Eher nichts für mich. Darin geht es jeweils auch um Drachen und ihre Reiter.

Ein paar Jahre später gab es dann die Temeraire-Reihe von Naomi Novik, deutsch: Die Feuerreiter Seiner Majestät. Verschiedene Leute hatten mir davon erzählt, so dass ich jetzt das erste Buch gelesen habe:

Anfang des 19. Jahrhunderts wird England von den französischen Truppen unter Napoleon bedroht. Admiral Nelson schlägt sich tapfer, siegt bei Trafalgar über die französische Flotte – wenn da nur nicht die zahlenmäßig weit überlegenen französischen Luftstreitkräfte wären: In dieser Welt gibt es Drachen, die – mindestens seit den Kreuzzügen – auch im Krieg eingesetzt werden.
Es gibt viele verschiedene Arten von Drachen, die auch von Menschen gezüchtet werden. Kleine werden als schnelle Transportmittel für Kuriere eingesetzt, mittlere greifen gegnerische Schiffe oder Drachen unmittelbar an, die großen haben eine ganze Besatzung von Scharfschützen und Bombern.
Drachen sind sprachbegabt und intelligent, manche sehr, andere weniger. Wenn sie frisch aus dem Ei schlüpfen, kommt es in der Regel zu einer Prägung auf einen der ersten Menschen, der ihnen begegnet.

Hauptperson des Romans ist Captain Laurence, zufriedener und erfolgreicher Marinekapitän, der unverhofft zum Partner eines frisch geschlüpften Drachen wird. Das heißt, er muss die Marine verlassen, seine bisherige Karriere völlig aufgeben und Teil der königlichen Luftwaffe werden. Denn aufgrund des besonderen Verhältnisses zwischen einem Drachen und seinem Menschen leben die Menschen außerhalb der Konventionen der englischen Gesellschaft, wie man sie etwa aus Jane Austen kennt.
Die Luftwaffe ist dann auch wesentlich lockerer als die Marine, die Laurence gewohnt ist. Es ist amüsant zu lesen, wie sich Laurence erst anpassen muss, zumal es in der Lufwaffe auch Frauen gibt. Die Öffentlichkeit ahnt nichts davon, aber was soll man machen – Drachen sind rar und Drachenreiter wertvoll, und manche Drachen suchen sich nur Frauen aus.

Laut Danksagung hat die Autorin versucht, anachronistische Wörter zu vermeiden; aufgefallen ist mir nur “strafing”, das Beschießen von Personen auf dem Boden von auf einem Flugzeug montierten Schusswaffen aus. Das Wort stammt aus dem ersten Weltkrieg und kommt von “Gott strafe England”, einem – deutschen – Schlachtruf aus dem Ersten Weltkrieg. Aber gut, irgendein Wort für diese Praxis muss es auch in der Drachenreiterwelt geben.

Ich mag ja militärische Abenteurromane, die zu dieser Zeit spielen – die Aubrey/Maturin-Serie, etwas später Flashman von George Macdonald Fraser, nicht ganz so unterhaltsam Edwin Thomas, die Hornblower-Serie.

Temeraire hat all das, und dann auch noch Drachen. In späteren Bänden wird noch mehr das Verhältnis zwischen Menschen und Drachen erschlossen. Im Moment sind sie so ein bisschen wie die Hauselfen bei Harry Potter, nur größer und intelligenter, aber ihrem Menschen ebenso treu ergeben. Interessant verspricht auch die Rolle der unabhängigen Frauen zu werden, die als Drachenreiter sehr selbstständig und selbstbewusst mit den Männern leben, deren Existenz aber vor dem Rest Englands geheim gehalten werden muss. Überhaupt haben die Drachenreiter einen schlechten Ruf, stehen ganz am Rand der englischen Gesellschaft.

Ja, und dann ist da dieses komische Verhältnis zwischen Drache und Mensch, zwischen Captain Laurence und Temeraire. Das hatte mir von Anfang etwas keusch Eskapistisches, das ich sonst nur von Geschichten um Mädchen und ihre Einhörner kannte. Eine Liebesbeziehung ohne Sex. Dass Laurence Temeraire häufig mit “My dear” anspricht, ist historisch wohl auch unter Männern korrekt, und doch… Die beiden erfreuen sich an gemeinsamen Bädern (S. 62), Drachen mögen Schmuck, und Temeraire freut sich riesig über das Schmuckstück, das Laurence ihm kaumt (S. 56) und will es nicht hergeben (S. 73). Als Laurence in Kapitel 4 in sein Elternhaus kommt und den Eltern offenbart, dass er jetzt Drachenreiter ist, reagiert der Vater wie bei einer unstandesgemäßen Heirat und verweist ihn quasi des Hauses. Die Mutter ist etwas versöhnlicher und will nur wissen, ob er glücklich ist:

But she still looked at him anxiously, and there was a silent question in her eyes.
“Yes,” he said, trying to answer it. “I count myself very fortunate, I promise you.” (S. 106)

Die Mutter ermahnt Temeraire, gut auf ihn aufzupassen, was der Drache auch verspricht – unklar ist ein bisschen, ob er eher Schwiegersohn oder Schwiegertochter ist.

Ein anderer Drachenreiter – allerdings von den Kollegen verachtet, weil er seinen Drachen schlecht behandelt – gibt Laurence den Tipp, besorgte Drachen mit Schmuck zu beruhigen, die seien “just like a temperamental mistress” (S. 160). Laurence muss sich an anderer Stelle zusammenreißen (S. 256), um nicht so stolz von seinem Drachen zu erzählen wie einer dieser Männer “who could not stop talking of the beauty of their mistress.”

Ein wenig weniger keusch wird es, als Temeraire in die Pubertät kommt und Laurence ihm die frisch gewachsenen Barthaare streichelt, wohl eine erogene Zone bei Drachen (S. 206).

– Die wunderbaren TV Tropes zu Temeraire zählen viele Topoi auf, die im Buch auftauchen, etwa: A Boy and His X, Action Girl, Changeling Fantasy, Dragon Rider, Egg McGuffin, und viele weitere. Unter anderem auch Ascended Fanon: wenn Fanfic als eigenständiges Werk veröffentlicht. Anscheinend hat Temeraire als Fanfic zur Serie um Aubrey & Maturin von Patrick O’Brian begonnen, so wie Fifty Shades of Grey als Twilight-Fanfic begonnen hat.

Fazit: Ich hätte gerne noch etwas mehr Marine oder Militär und bin gespannt, was aus dem Verhältnis zu den Drachen noch alles wird. Vergnügliche Lektüre.

Gemma Elwin Harris (Hrsg.), Big Questions from Little People

big_questionsDieses Buch entstand als Benefizprojekt für die englische NSPCC (National Society for the Prevention of Cruelty to Children). An zehn englischen Grundschulen – Alter der Kinder: 4 bis 12 – wurden Fragen eingesammelt, auf die die Kinder gerne eine Antwort gehabt hätten. Diese Fragen gingen dann an Experten, was sich so ziemlich alles vom Wissenschaftler bis zur Fernsehbekanntheit sein konnte. Die versuchten die Frage kurz und verständlich zu beantworten. Darunter sind namhafte Leute: Noam Chomsky, Richard Dawkins, David Crystal, David Attenborough, Philip Pullman, Simon Singh, Rupert Sheldrake.

Die Fragen sind eine bunte Mischung. “Warum ist Pipi gelb? Warum ist Blut rot? Warum ist der Himmel blau? Wo kommt der Wind her? Wer hatte das erste Haustier? Wo kommen die Namen der Städte her?”
Etwa achzig davon gibt es, jede ist auf etwa zwei Seiten (um die 330-380 Wörter) beantwortet. Es gibt Fragen ähnlichen denen, die jede Woche von Randall Munroe auf seiner Seite what if? beantwortet werden: “Wenn eine Kuh ein Jahr lang nicht furzt, und dann alles auf einmal, kann sie dann in den Weltraum fliegen?”, und sehr spezifische Fragen wie: “Mochte Alexander der Große Frösche?” Bei vielen Fragen geht es um naturwissenschaftliche Phänomene (Tiere, Regenbogen, Klima, der menschliche Körper), bei anderen um Ethik und Philosophie (“Warum sind manche Menschen gemein?” “Warum gibt es Kriege?” “Warum bin ich ich?”).

Mir gefällt am Buch – abgesehen davon, dass ich generell Antworten auf Fragen mag – die Textsorte. Die Texte sind leicht verständlich, wenig dicht, und kurz. Für den Englischunterricht die Schule kann ich so etwas brauchen.
Aber auch als Textsorte für Schüler gefällt mir das. “Erklären” ist an der Schule ohnehin völlig unterrepräsentiert. Gelegentlich finde ich bei Aufgabenstellungen diesen Operator, aber gemeint ist dann doch immer “Begründe deine Ansicht”, und das ist doch etwa anderes. Schüler sollten öfter etwas erklären müssen.

Die Fragen sind sehr unterschiedlich gut beantwortet. Viele sind nachvollziehbar, verständlich. Warum Flugzteuge fliegen können etwa (nichts mit dem Gesetz von Bernoulli zu tun hat), warum Pipi gelb ist. Andere finde ich wohlmeinend-herablassend. Auf die Frage: “Warum schmeckt Kuchen so gut?” lautet die gegebene Antwort letztlich, dass das wie Magie und überhaupt ganz toll ist, dass aus so einfachen Zutaten etwas so leckeres entsteht. “Warum kochen wir unser Essen?” dagegen: Hinweis auf rohes Essen, auf die historische Entwickung, dann drei knackige Gründe. Solide beantwortet. Die Frage “Where does ‘good’ come from?” wird meiner Meinung nach auch nicht bwantwortet, weil man dann zugeben müsste, dass das Gute eine Erfindung ist. Aber das ist sicher auch Ansichtssache. Auf die Frage: “Warum kriegen Mädchen Kinder und Buben nicht?” lautet die Antwort, neben einigen Punkten zur Entwicklung eines Fötus: Liegt an den Hormonen, Östrogen beziehungsweise Testosteron. Nun ist das mit dem “Warum” ja immer so eine Sache, das kann man so oder so verstehen. Mich hätte die Antwort mit den Hormonen nicht befriedigt, weil ich letztlich hätte wissen wollen, warum es überhaupt diese Arbeitsteilung in Kinderkrieger und Nichtkinderkrieger gibt.

Am wenigsten zufrieden bin ich aber mit der Antwort darauf, ob Zucker wirklicht schlecht für einen ist (Annabel Karmel, parenting author).
Zucker wird nicht verdammt, okay, und generell ist die Antwort schon richtig. Aber Fruchtzucker wird als irgendwie besser als raffinierter Zucker hingestellt, denn: “[th]ese forms of sugar haven’t been played about with”. Zucker sei außerdem schlecht für die Zähne. Gut, das sehe ich ein. Aber dann wird als Beleg dafür angeführt, dass man ja vielleicht dieses Experiment kenne, wo man einen Zahn oder eine Kupfermünze in ein Glass “fizzy drink” legen könne. Nach ein paar Stunden schon würde man ja sehen, was dann damit geschehe!

Bitte was? Ich hätte ja gedacht, dass alles, was da geschieht, an der Kohlensäure liegt, bei Cola auch noch an der Phosphorsäure, und nicht am Zuckergehalt.

Also frischauf ans Werk, ausprobieren. Ich habe fünf gleichermaßen gebraucht aussehende 5-Cent-Münzen gesucht. Jede liegt im Moment in einem Glas mit jeweils 200ml Flüssigkeit, Raumtemperatur. Cola mit und ohne Zucker, Limo mit und ohne Zucker, und Zuckerwasser ohne Kohlensäure. Dann wollen wir doch mal sehen, wie die Münzen am Schluss aussehen.

Inhalt der Gläser:

  1. Coca-Cola: 10,6 g Zucker pro 100 ml (Kohlensäure, Phosphorsäure)
  2. Coca-Cola zero: 0 g Zucker pro 100ml (Kohlensäure, Phosphorsäure)
  3. Sprite: 9,1 g Zucker pro 100 ml (Kohlensäure, Zitronensäure)
  4. Sprite zero: 0 g Zucker pro 100 ml (Kohlensäure, Zitronensäure)
  5. Zuckerwasser, selbst hergestellt: 10 g Zucker pro 100 ml. (Das sind etwa 4 Teelöffel pro eher kleinem Glas, was schon einiges and Umrühren erforderte.)

Verbleiben im Glas: 7 Stunden.

Versuchsanordnung:

zucker_versuchsanordnung

So sahen die Münzen vorher aus:

zucker_muenzen_vorher

So sahen die Münzen danach aus (die Seite, die oben lag):
zucker_muenzen_nachher1

So sahen die Münzen danach aus (die Seite, die unten lag):
zucker_muenzen_nachher2

Meine Interpretation der Ergebnisse:

Die kohlensäurehaltigen Flüssigkeiten haben das Metall angegriffen beziehungsweise gereinigt. Das Zuckerwasser überhaupt nicht. Die Unterseiten der Münzen, die auf dem Glasboden lagen, sind weniger angeriffen als die Oberseiten. Der Zusammenhang, der im Buch hergestellt wird, stimmt nicht.

Das heißt nicht nicht, dass Zucker den Zähnen nicht doch schadet. (Weil die Bakterien den essen.) Und auch sonst beweist das Experiment nichts, weil ein Experiment nicht viel beweisen kann. Durch Experimente überprüft man seine Vermutungen. Nötig wären jetzt weitere Experimente, mit Messung des Säuregehalts, mit verschiedenen Kombinationen von Säure- und Zuckergehalt, mit kohlensäurehaltigem Mineralwasser ohne Zitronen- oder Phosphorsäure, dann hat man mehr Daten und kann seine Vermutungen immer genauer überprüfen. Und als bewiesen kann man Sachen annehmen, wenn man eine Theorie dazu entwickelt hat und diese Theorie ermöglicht, Voraussagen zu treffen. Gibt es natürlich alles schon, siehe Chemieunterricht.

(Nebenbei: Fehlgeschlagene Experimente gibt es nicht, oder nur insofern, als sie falsch geplant oder fehlerhaft durchgeführt worden sind. Ein Experiment, bei dem nicht das herauskommt, was man erwartet hat, dürfte sogar ein höchst interessantes Experiment sein. Es kommt halt leider nicht immer das heraus, was man sich erhofft, aber aber ist etwas anderes.)