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Joseph Maria Samulskie, Kopieranstalt

samulskie_psychoknastEin Buch von Bertram Altekamp, einem Grundschullehrer aus Münster, veröffentlicht unter Pseudonym. Es geht darin um Benno Heinen, einen frustrierten Grundschullehrer, der seine böse Seite mal so richtig heraushängen lässt. (Und in der Fortsetzung dann auch in einer psychiatrischen Anstalt landet.) Das Buch ist so mittelgut geschrieben; der Autor scheut wie so viele das einfache Verb “sagen” und lässt seine Figuren stattdessen alles mögliche tun, um ihre Äußerungen herauszubringen. Trotzdem habe ich es interessiert und mit Vergnügen gelesen.

Dieser Benno Heinen, der dreht schon wirklich durch. Er rächt sich für echte oder eingebildete ungerechte Behandlung an Grundschülern, Kollegen, Schulleitung, das ganze eskaliert, bis es Tote gibt. Demnach spielt die Fortsetzung eben auch in einer Anstalt. Nun bin ich selber viel zu faul und zu zufrieden, als dass ich solche Rachefantasien in der Schule selber hätte. Ganz gelegentlich gönne ich mir mal eine gedachte Abschiedsrede zur Pensionierung, entweder für Kollegen oder meine eigene, aber auch das nicht oft. Trotzdem bereit es mir ein gewisses entrüstetes Vergnügnen, quasi stellvertrend diesen Benno Heinen all diese Sachen machen zu lassen, die man wirklich, wirklich nicht machen sollte.

Das erste Buch hat mit dabei besser gefallen als die Fortsetzung. Bei der fiel mir auf, wie übertrieben und klischeehaft das doch alles war. Das stimmte ja alles gar nicht. Komisch – bei der Schule hat mich das nicht gestört, und das war natürlich genauso überzogen.

Richard Matheson, I Am Legend

Von Fredric Brown stammt diese berühmte Kürzestgeschichte:

The last man on Earth sat alone in a room. There was a knock on the door…

(Wikipedia hat mehr dazu, auch zu Browns Vorlage. Die Zeilen sind nur der Auftakt einer sich anschließenden Kurzgeschichte, die aber weit weniger bekannt ist als eben dieser Anfang. Hier eine Idee für den kreativen Umgang damit im Englischunterricht.)

Ich kann nicht anders, als diese Kürzestgeschichte als Stammvater von Richard Mathesons I Am Legend zu betrachten. Das Buch kenne ich als Horror- und SF-Klassiker, 1954 erschienen, mehrfach verfilmt, aber ich hatte es nie gelesen – ich glaube, als junger Teenager stellte ich es mir zu gruslig vor, vor allem die Charlton-Heston-Verfilmung. Die Postapokalypse ging uns in den 80ern noch richtig nahe.

Der Ausgangspunkt: Robert Neville ist – jedenfalls soweit er weiß – der letzte Mensch auf der Erde. Tagsüber pflegt er seinen Generator, organisiert Benzin und Lebensmittel, repariert sein zu einer kleinen Festung ausgebautes Haus und sucht seine Umgebung ab. Nachts kauert er verbarrikadiert im Haus und hört den Vampiren zu, die draußen auf ihn warten, an die Türen klopfen, ihn zum Herauskommen verleiten wollen, um das Blut des letzten Menschen auf der Erde zu trinken. Das ist der zweite Stammvater der Geschichte: Der Vampirgedanke zu Ende gedacht – was machen die Vampire, wenn sie alle Menschen gebissen haben und keiner mehr da ist?

Neville nennt die Wesen da draußen Vampire. Sie fürchten Knoblauch und Kruzifix, ruhen tagsüber bewegungslos im Dunkel und sterben im Licht, können durch normale Schusswaffen nicht aufgehalten werden und zerfallen nach einem Holzblock durch das Herz. Klassische Vampire in vieler Hinsicht.
Allerdings stellt Matheson eine naturwissenschaftliche, diesseitige Erklärung für den Vampirismus zur Verfügung. Ein Bakterium ist es, dass Menschen zu Vampiren werden lässt; wenige Jahre vor Beginn der Handlung hat diese Seuche nach und nach die ganze Welt ergriffen. Neville versucht das zu erforschen, nicht völlig systematisch, und ohne viel wissenschaftliches Vorwissen, aber er hat ja Zeit und Bibliotheken. Das mit dem Kruzifix, schließt er, ist Aberglaube – christliche Vampire bilden sich nur ein, dass Ihnen das etwas ausmacht. Das mit dem Schlaf und dem Licht und der teilweisen Unverwundbarkeit liegt an den Folgen des Bakteriums, dass sich Vampire im Spiegel nicht sehen an hystersicher (eingebildeter) Blindheit. Für den Knoblauch findet Neville, wenn ich mich richtig erinnere, keine Erklärung; synthetisches Knoblauchöl hat jedenfalls keine Wirkung. Einige der Erklärungen sind überzeugender als andere, aber Neville ist ja auch kein Spezialist, und Matheson hütet sich, ein erzählerisches Machtwort zu sprechen und mehr zu erklären, als sich Neville zusammenreimt.

Ich fand das Buch ausgezeichnet. Es ist kurz, die Situation klaustrophobisch und bedrückend, man leidet unter der Ungewissheit ebenso wie die Hauptperson. Revolutionär, möchte ich sagen, ist der konsequent naturwissenschaftliche Erklärungsansatz – und revolutionär auch das, was letztlich daraus wurde: Die Vampire aus I Am Legend sind der Grundstein für die modernen Zombies. Es ist schon fast alles da, was später Geschichten dann weiter entwickeln: Intelligente Zombies; schlurfende, geistlose Zombies; die epidemische Verbreitung mit einem mikroskopischen biologischen Erreger; die Apokalypse; das Gegenüberstehen einer kleinen Gruppe von Menschen gegen eine größere Armee von Untoten; überraschende Wendungen.
Zombie-Geschichten gab es vorher auch schon, etwa die Filme White Zombie (1932) und I Walked with a Zombie (1943). Aber da waren Zombies noch einzelne, aus dem Grab auferstandene Tote, gesteuert durch Voodoo-Magie in der Karibik, die weder menschliche Opfer suchen (wie Vampire) noch ansteckend sind (wie Vampire). Den modernen Zombie gibt es erst nach Matheson, behaupte ich mal; die Liste der Zombie-Filme bei Wikipedia ist umfangreich, aber der moderne Zombie-Film beginnt erst Ende der 1960er Jahre – ob tatsächlich erst mit “Night of the Living Dead”, das müsste mal ein Schüler im W-Seminar untersuchen.

(Besonders gut am Buch: Einige Punkte, die ich hier ausgelassen habe. Weniger gut am Buch: Mathesons Angewohnheit, Neville ständig irgendwelchen Whisky veschütten zu lassen. Ein- oder zweimal reichen. Auch Nevilles sexuelle Frustration hätte sich nach einigen Jahren des Zölibats langsam legen können.)

Der Guardian brachte vor zwei Wochen eine Liste der Top 10 vampire books, viele der üblichen Verdächtigen sind dabei, aber I Am Legend fehlt. Das gehört aber unbedingt auf eine solche Liste.

Karl May, Am Stillen Ocean

Überraschendes Fundstück:

Es ist unberechenbar, welche Störungen und Umwälzung die Einführung eines neuen Thieres in der ursprünglichen Thierwelt eines Ortes hervorbringen kann. So hat z.B. in Neu-Seeland der flügellose Kiwi der Uebersiedelung des europäischen Hundes nicht widerstehen können, und ebenso droht die dort eingeführte Katze dem Kakapo, einem dortigen Kukuk, der auf niederen Zweigen zu nisten pflegt, mit dem vollständigen Untergange. Nicht allein die wilden Völkerstämme sind es, die bei der Ankunft des weißen Mannes ihr Todesurtheil empfangen, auch die Hausthiere, welche ihn begleiten, bringen den freien thierischen Bewohnern der Wildniß Verderben und Vernichtung.
(“Der Kiang-lu” 1880, später aufgenommen in Am Stillen Ocean)

Der Kakapo, ich glaub’s nicht! Der Kakapo ist kein Kuckuck, sondern ein flugunfähiger Papagei; der einzig flugunfähige Papagei, den es gibt. Auf Neuseeland, ja. Den Kakapo wählten schon Douglas Adams und Mark Carwardine als eine der bedrohten Tierarten, die sie in Die letzten ihrer Art (Last Chance to See) vorstellten, und daher kennen und lieben wir ihn.

Der Kakapo ist inzwischen tatsächlich vom Aussterben bedroht (Rote Liste, critically endangered), im März 2014 gab es noch 126 Exemplare. Der Grund für das Aussterben ist der, den May schildert – zu den von May genannten Katzen (und wohl auch Ratten) kamen nach 1880 noch dort ausgesetzte Hermeline, Frettchen und Wiesel hinzu, die die überhand nehmende Zahl der Kaninchen reduzieren sollten. Rettungsversuche für den Kakapo begannen schon 1891.

Hier trägt Adams aus dem Buch vor:

Unbedingt empfehlenswert, das ganze Buch. Das Fortpflanzungsverhalten des Kakapo ist tatsächlich bizarr, Wikipedia hat eine Menge Information dazu. Unter anderem kann man dort den männlichen Balzruf hören oder (als .ogg) herunterladen. Mit meinen alten müden Ohren höre ich den originalen Balzruf dort tatsächlich nicht – die Frequenz liegt unter meiner Hörschwelle, der Ton ist zu tief. Auf Wikipedia gibt es eine um eine Quinte herauftransponierte Fassung, da höre ich den Ruf tatsächlich. Schöner ist es natürlich, sich die Originaldatei in eine Audiobearbeitungssoftware zu laden, dort zu sehen, dass da etwas ist, das man nicht hört, und dann selber die Frequenz zu erhöhen, bis man die Töne hört.

kakapo

Am Stillen Ocean ist kein Roman, sondern eine Sammlung von fünf Einzelerzählungen, die teilweise weiter in einzelne Episoden aufgeteilt sind. Der Held ist wieder mal Kara Ben Nemsi/Old Shatterhand, hier durchweg “Charley” genannt, aber die Geschichten spielen weder in Nordamerika noch in Nordafrika oder Arabien oder auf dem Balkan, sondern in der Südsee und China, und sind lose miteinander verknüpft. In der ersten Geschichte geht es um einen Machtkampf in der Südsee, in der zweiten, längeren und interessantesten, um Flusspiraten in China. Die dritte Geschichte beginnt in einem Bahnhof in einem “berühmten Centralpunkt des westfälischen Kohlen- und Eisenwerkbetriebes”, wo der Erzähler das auserkorene Opfer einer Bande von Trickbetrügern wird. Sie wollen ihn bei einer Runde Three-Card-Monte ausnehmen, aber das klappt natürlich nicht. (Später verschlägt es die Geschichte noch nach Moskau und in die Mongolei, wo er jeweils wieder auf die Trickbetrüger stößt.) In der vierten und fünften Geschichte geht es um Piraten auf Ceylon (heute: Sri Lanka) und Java.

Über Land und Leute habe ich in diesen Geschichten sehr viel gelernt. Kunststück, stellt sich heraus, denn Karl May wollte seinen Lesern genau das beibringen. In seiner Autobiographie Mein Leben und Streben schreibt May durchaus kritisch – aber ehrlich gesagt: eher noch begeistert – über die Räuberromane seiner Kindheit und vergleicht sie mit den braven didaktischen Büchern:

Und was geschah in den sonst ganz guten und brauchbaren Büchern des Herrn Rektors? Da waren große, weite und ferne Länder beschrieben, aber es ereignete sich nichts dabei. Da wurden fremde Menschen und Völker geschildert; aber sie bewegten sich nicht, sie taten nichts. Das war alles nur Geographie, nur Geographie, weiter nichts; jede Handlung fehlte. Und nur Ethnographie, nur Ethnographie; aber die Puppen standen still. Es war kein Gott, kein Mensch und auch kein Teufel da, das Kreuz mit den Fäden in die Hand zu nehmen und die toten Figuren zu beleben! Und es gibt doch Einen, der diese Belebung ganz unbedingt verlangt, nämlich der Leser. Und auf den kommt doch alles an, weil er allein es ist, für den die Bücher geschrieben werden. Die Seele des Lesers wendet sich von jeder Bewegungslosigkeit ab, denn diese bedeutet für sie den Tod. Welch ein Reichtum des Lebens dagegen in dieser Leihbibliothek! Und welch ein Eingehen auf die Eigenheiten und Bedürfnisse dessen, der so ein Buch in die Hände nimmt! Kaum fühlt er während des Lesens einen Wunsch, so wird dieser auch schon erfüllt. […] Mag Goethe noch so viel über die Herrlichkeit und Unumstößlichkeit der göttlichen und der menschlichen Gesetze dichten und schreiben, so hat er doch unrecht! Recht hat nur sein Schwager Vulpius, denn der hat den Rinaldo Rinaldini geschrieben!

Ganz klar, May spricht sich für die Unterhaltung aus, nähert sich aber auch sehr der Trivialliteratur, wenn er lobend erwähnt, dass die Wünsche des Lesers jeweils sofort erfüllt werden. Der ganze, lesenswerte Abschnitt steht noch einmal am Ende dises Blogeintrags.

Demnach enthält das Buch auch einige der ausführlichen Landschaftsbeschreibungen, die man als junger Mensch immer übersprungen hat. Anders war das übrigens bei dem Band, den ich eine Woche zuvor gelesen hatte: Im Lande des Mahdi I: Menschenjäger enthält kaum solche störenden Landschaftsszenen. Dafür besteht es aus zu vielen Variationen von: Feinde Verfolgen, Gefangennehmen und -genommenwerden, Anschleichen und Belauschen, Befreien von Gefangenen. Auf die Dauer merkt man da schon eine gewisse Wiederholung. Da ist Am Stillen Ocean sehr viel abwechslungsreicher – andererseits enthält das dafür nervende Sidekicks, etwa der sehr flach gezeichnete Sir John Raffley (mit genau drei Merkmalen: spleeniger Engländer, wettet gern, hat eine Klappstuhl-Fernrohr-Regenschirm-Kombination) und in der letzten Geschichte den mehr als üblich rassistisch gezeichneten Quimbo.

Sprachliches

Am Stillen Ozean ist ein Fundort für das seltene Dschungel-Femininum, wie es sich – neben der Pluralform – auch bei alten Kipling-Übersetzunge findet. Oft ist hier vom Dschungel im Plural die Rede, da verwundert der Artikel “die” nicht: “Da in die dichten Dschungeln nur sehr schwer einzudringen ist” (GR11, S. 534). Manchmal ist dabei unklar, ob es sich um Singular oder Plural handelt: “Wir liefen durch die Dschungel nach der Küste zurück” (GR11, S. 568) – ein Akkusativ-Singular oder ein Plural, diesmal ohne “n”?
Aber ein echtes Femininum ist auch einmal dabei: “dann kam die Dschungel, eine undurchdringliche Verwickelung von üppigen Rankengewächsen, Schlingpflanzen und Sträuchern” (GR11, S. 426). Allerdings gibt es auch einmal ein eindeutiges Maskulinum/Neutrum: “nicht weit von uns im Dschungel verborgen” (GR11, S. 435). Zitate in diesem Fall jeweils nach der digitalen Ausgabe, also nicht überprüft.

Und dann ist da noch Karl Mays Verwendung von “jedenfalls”. Heute wird das Wort verwendet, um an Vorangegangenes anzuknüpfen, entweder rein bestätigend oder konzessiv-abwehrend. (Ich habe jedenfalls nichts davon gewusst!) Auch das Deutsche Wörterbuch (Grimmsches Wörterbuch) nennt diese Bedeutung: “nach einem zugebenden, voraussetzenden, behauptenden vordersatze: mochte er auch in not sein, jedenfalls durfte er einen solchen schritt nicht thun”. Allerdings kennt es auch eine Bedeutung, die es heute nicht mehr gibt: “es steht im sinne einer nachdrücklichen bejahung: ‘kommst du?’ jedenfalls”. Und dieses an nichts vorher Gesagtes anknüpfende “jedenfalls”, das hat May recht oft. In folgenden Sätzen steht das Wort synonym für “gewiss, sicherlich, zweifellos”.

Er ruderte sich an der Küste hin, jedenfalls um sein Lotsenboot zu holen, und wir hielten auf unsere Jacht zu.

Als wir das Zwischendeck passierten, wo die Räuber angebunden waren, stieß der Kapitän einen leichten Fluch aus, jedenfalls vor Grimm darüber, daß wir Quimbo gefunden hatten

Ich war gezwungen, das Schleichen aufzugeben, und sprang, obgleich ich in der Eile das Gespenst nicht sah, auf die Hinterluke zu. Wenn ich diese, aus der er jedenfalls gekommen war, besetzte, konnte er uns nicht entgehen.

Die Gefangenen wurden im Vorderraume untergebracht und scharf bewacht, dann ging es an eine Untersuchung des Raumes. Er enthielt eine reichliche und jedenfalls zusammengeraubte Ladung von Zimmet, Reis, Tabak, Kaffee, Ebenholz und – geraubten Frauen.

Das erinnert mich an einen Schüler in einem meiner aktuellen Kurse, der “schon” ähnlich als Allerweltsbestätigung verwendet: “Können Sie die Frage beantworten?” “Schon.”

Anhang: Aus Karl Mays Bibliographie Mein Leben und Streben

Hintergrund: Es geht um einen Nebenjob des jugendlichen Karl May in einer Wirtschaft, wo er unter anderem zum Kegelaufstellen beschäftigt ist. Dort entdeckt er Abenteuerromanzen:

Und doch gab es in dieser Schankwirtschaft ein noch viel schlimmeres Gift als Bier und Branntwein und ähnliche böse Sachen, nämlich eine Leihbibliothek, und zwar was für eine! Niemals habe ich eine so schmutzige, innerlich und äußerlich geradezu ruppige, äußerst gefährliche Büchersammlung, wie diese war, nochmals gesehen! Sie rentierte sich außerordentlich, denn sie war die einzige, die es in den beiden Städtchen gab. Hinzugekauft wurde nichts. Die einzige Veränderung, die sie erlitt, war die, daß die Einbände immer schmutziger und die Blätter immer schmieriger und abgegriffener wurden. Der Inhalt aber wurde von den Lesern immer wieder von neuem verschlungen, und ich muß der Wahrheit die Ehre geben und zu meiner Schande gestehen, daß auch ich, nachdem ich einmal gekostet hatte, dem Teufel, der in diesen Bänden steckte, gänzlich verfiel. Was für ein Teufel das war, mögen einige Titel zeigen: Rinaldo Rinaldini, der Räuberhauptmann, von Vulpius, Goethes Schwager. Sallo Sallini, der edle Räuberhauptmann, Himlo Himlini, der wohltätige Räuberhauptmann. Die Räuberhöhle auf dem Monte Viso. Bellini, der bewundernswürdige Bandit. Die schöne Räuberbraut oder das Opfer des ungerechten Richters. Der Hungerturm oder die Grausamkeit der Gesetze. Bruno von Löweneck, der Pfaffenvertilger. Hans von Hunsrück oder der Raubritter als Beschützer der Armen. Emilia, die eingemauerte Nonne. Botho von Tollenfels, der Retter der Unschuldigen. Die Braut am Hochgericht. Der König als Mörder. Die Sünden des Erzbischofs u. s. w. u. s. w.

Wenn ich zum Kegelaufsetzen kam und noch keine Spieler da waren, gab mir der Wirt eines dieser Bücher, einstweilen darin zu lesen. Später sagte er mir, ich könne sie alle lesen, ohne dafür bezahlen zu müssen. Und ich las sie; ich verschlang sie; ich las sie drei- und viermal durch! Ich nahm sie mit nach Haus. Ich saß ganze Nächte lang, glühenden Auges über sie gebeugt. Vater hatte nichts dagegen. Niemand warnte mich, auch die nicht, die gar wohl verpflichtet gewesen wären, mich zu warnen. Sie wußten gar wohl, was ich las; ich machte kein Hehl daraus. Und welche Wirkung das hatte! Ich ahnte nicht, was dabei in mir geschah. Was da alles in mir zusammenbrach. Daß die wenigen Stützen, die ich, der seelisch in der Luft schwebende Knabe, noch hatte, nun auch noch fielen, eine einzige ausgenommen, nämlich mein Glaube an Gott und mein Vertrauen zu ihm.

Die Lektüre tut seiner Seele gar nicht gut, bildet allenfalls seinen Geist ein wenig. Die heldenhaften Räuber machen Mays moralischen Kompass kaputt:

Die Psychologie ist gegenwärtig in einer Umwandlung begriffen. Man beginnt immer mehr, zwischen Geist und Seele zu unterscheiden. Man versucht, sie beide auseinander zu halten, sie scharf zu definieren, ihre Unterschiede nachzuweisen. Man behauptet, daß der Mensch nicht Einzelwesen sondern Drama sei. Soll ich mich dem anschließen, so darf ich das, was auf meinen kleinen, erst im Entstehen begriffenen Geist und das, was auf meine kindliche Seele wirkte, nicht mit einander verwechseln. Die ganze Vielleserei, zu der ich bisher gezwungen gewesen war, hatte meiner Seele nichts, gar nichts gebracht; nur das winzige Geisterlein hatte die Wirkung davon gehabt, aber was für eine Wirkung! Es war zu einem kleinen, monströs dicken, wasserköpfigen Ungeheuer aufgestopft und aufgenudelt worden. Der sehr gut, ja vielleicht außergewöhnlich veranlagte Knabe hatte sich zu einer unartikulierten geistigen Mißgestalt verwandelt, die nichts Wirkliches besaß als nur ihre Hilflosigkeit. Und seelisch war ich ohne Heimat, ohne Jugend, hing nach oben nur an dem erwähnten starken, unzerreißbaren Tau und wurde nach unten nur dadurch an der Erde festgehalten, daß ich für König und Vaterland, Gesetz und Gerechtigkeit diejenige mehr poetische als materielle Hochachtung empfand, die aus den Tagen stammte, an denen die elf Heldenkompagnieen Ernsttals sich gebildet hatten, den schwer bedrängten Monarchen Sachsens und seine Regierung von dem Untergang zu erretten. Nun aber wurde mir auch dieser Halt genommen, und zwar durch die Lektüre dieser schändlichen Leihbibliothek. Alle die Räuberhauptleute, Banditen und Raubritter, von denen ich da las, waren edle Menschen. Was sie jetzt waren, das waren sie durch schlechte Menschen, besonders durch ungerechte Richter und durch die grausame Obrigkeit geworden. Sie besaßen wahre Frömmigkeit, glühende Vaterlandsliebe, eine grenzenlose Wohltätigkeit und warfen sich zum Ritter und Retter aller Armen, aller Bedrückten und Bedrängten auf. Sie zwangen die Leser zur Hochachtung und Bewunderung; alle Gegner dieser herrlichen Männer aber waren zu verachten, also besonders die Obrigkeit, der Schnippchen auf Schnippchen geschlagen wurde. Und vor allen Dingen die Fülle des Lebens, der Tätigkeit, der Bewegung, die in diesen Büchern herrschte! Auf jeder Seite geschah etwas, und zwar etwas Hochinteressantes, irgend eine große, schwere, kühne Tat, die man zu bewundern hatte.

Aber faszinierend ist sie halt schon, die Trivialliteratur:

Was dagegen war in all den Büchern geschehen, die ich bisher gelesen hatte? Was geschah in den Traktätchen des Pfarrers? In seinen langweiligen, nichtssagenden Jugendschriften? Und was geschah in den sonst ganz guten und brauchbaren Büchern des Herrn Rektors? Da waren große, weite und ferne Länder beschrieben, aber es ereignete sich nichts dabei. Da wurden fremde Menschen und Völker geschildert; aber sie bewegten sich nicht, sie taten nichts. Das war alles nur Geographie nur Geographie, weiter nichts; jede Handlung fehlte. Und nur Ethnographie, nur Ethnographie; aber die Puppen standen still. Es war kein Gott, kein Mensch und auch kein Teufel da, das Kreuz mit den Fäden in die Hand zu nehmen und die toten Figuren zu beleben! Und es gibt doch Einen, der diese Belebung ganz unbedingt verlangt, nämlich der Leser. Und auf den kommt doch alles an, weil er allein es ist, für den die Bücher geschrieben werden. Die Seele des Lesers wendet sich von jeder Bewegungslosigkeit ab, denn diese bedeutet für sie den Tod. Welch ein Reichtum des Lebens dagegen in dieser Leihbibliothek! Und welch ein Eingehen auf die Eigenheiten und Bedürfnisse dessen, der so ein Buch in die Hände nimmt! Kaum fühlt er während des Lesens einen Wunsch, so wird dieser auch schon erfüllt. Und welche bewundernswerte, unwandelbare Gerechtigkeit gibt es da. Jeder gute, ehrenhafte Mensch, mag er zehnmal Räuberhauptmann sein, wird unbedingt belohnt. Und jeder böse Mensch, jeder Sünder, mag er zehnmal König, Feldherr, Bischof oder Staatsanwalt sein, wird unbedingt bestraft. Das ist wirkliche Gerechtigkeit; das ist göttliche Gerechtigkeit! Mag Goethe noch so viel über die Herrlichkeit und Unumstößlichkeit der göttlichen und der menschlichen Gesetze dichten und schreiben, so hat er doch unrecht! Recht hat nur sein Schwager Vulpius, denn der hat den Rinaldo Rinaldini geschrieben!

Das Schlimmste an dieser Lektüre war, daß sie in meine spätere Knabenzeit fiel, wo alles, was sich in meiner Seele festsetzte, für immer festgehalten wurde. Hierzu kam die mir angeborene Naivität, die ich selbst heute noch in hohem Grade besitze. Ich glaubte an das, was ich da las, und Vater, Mutter und Geschwister glaubten es mit. Nur Großmutter schüttelte den Kopf, und zwar je länger, desto mehr; sie wurde aber von uns andern überstimmt. Es war uns in unserer Armut ein Hochgenuß, von »edeln« Menschen zu lesen, die immerfort Reichtümer verschenkten. Daß sie diese Reichtümer vorher andern abgestohlen und abgeraubt hatten, das war ihre Sache; uns irritierte das nicht! Wenn wir lasen, wieviel bedürftige Menschen durch so einen Räuberhauptmann unterstützt und gerettet worden seien, so freuten wir uns darüber und bildeten uns ein, wie schön es wäre, wenn so ein Himlo Himlini plötzlich hier bei uns zur Tür hereinträte, zehntausend blanke Taler auf den Tisch zählte und dabei sagte; »Das ist für euren Knaben; er mag studieren und ein Dichter werden, der Theaterstücke schreibt!« Das letztere war mir nämlich, seit ich den »Faust« gesehen hatte, zum Ideal geworden.

Ich muß bekennen, daß ich diese verderblichen Bücher nicht nur las, sondern auch vorlas, nämlich zunächst meinen Eltern und Geschwistern und sodann auch in andern Familien, die ganz versessen darauf waren. Es ist gar nicht zu sagen, welchen unendlichen Schaden eine einzige solche Scharteke herbeiführen kann. Alles Positive geht verloren, und schließlich bleibt nur die traurige Negation zurück. Die Rechtsbegriffe und Rechtsanschauungen verändern sich; die Lüge wird zur Wahrheit, die Wahrheit zur Lüge. Das Gewissen stirbt. Die Unterscheidung zwischen gut und bös wird immer unzuverlässiger! das führt schließlich zur Bewunderung der verbotenen Tat, die scheinbar Hilfe bringt. Damit ist man aber nicht etwa schon ganz unten im Abgrunde angelangt, sondern es geht noch tiefer, immer tiefer, bis zum äußersten Verbrechertum.

Schlimm, schlimm. Selten ist Trivialliteratur so ineffektiv verdammt worden.

(Zum ganzen Buch.)

Kochbücher lesen

Neulich in Berlin, in der Pension, stieß ich auf das:

karl_may_pensionsbibliothek

Mmmmh. Karl-May-Bände, und zwar die guten, exotischen. Mit Winnetou und Old Shatterhand konnte ich nicht gar so viel anfangen, auch wenn ich etliche der Wildwest-Romane mehrfach gelesen habe und mich dabei durchaus vergnügte. Aber die sechs Bände des Orient-Zyklus, die habe ich oft gelesen: Durch die Wüste, Durchs wilde Kurdistan, Von Bagdad nach Stambul, In den Schluchten des Balkan, Durch das Land der Skipetaren, Der Schut. Kurzer Test: “Hadschi Halef Omar ibn Hadschi Abul Abbas ibn Hadschi Dawud Als Gossarah”… na ja, fast: Wikipedia korrigiert einmal meine Rechtschreibung und ändert ein “ibn” in “ben”, damit kann ich leben: Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah. (So nennt sich der Begleiter der Hauptfigur, auch wenn die vielen Hadschis im Namen eher Angabe waren als Realität. Wer Karl May gelesen hat, kann das auswendig sagen, auch noch fünfunddreißig Jahre nach der letzten Lektüre.)

In der Pension griff ich zu einem der Bände, die ich noch nicht kannte, Im Lande des Mahdi I: Menschenjäger. Und ich war gleich wieder drin. Fast so schön wie der Stimme des Erzählers auf der Hörspiel-Kassette zu lauschen, wie er – Wilhelm Hauff, Das Gespensterschiff – beginnt mit: “Mein Vater hatte einen kleinen Laden in Balsora” und einem so richtig sonoren “o” in “Balsora”. Jedenfalls liegen die drei Bände des Mahdi jetzt digital auf meinem Nachttisch, das möchte ich bald zu Ende lesen.

Aber eigentlich soll es hier um Kochbücher gehen. Erich Kästner hat ja ein umwerfendes erstes Kapitel oder Vorwort zu Emil und die Detektive geschrieben. Eigentlich habe er ja einen Südseeroman schreiben wollen, eine spannende Szene, in der ein “mit heißen Bratäpfeln geladenes Taschenmesser” eine Rolle spielte, als er plötzlich nicht mehr wusste, wieviel Beine ein Walfisch hat. Aus war es es mit dem Schreiben, denn die Fakten müssen ja stimmen. Und so kam es nie zu Petersilie im Urlaub, dem durchaus interessant klingenden Südseeroman. Der Oberkellner Nietenführ erklärt dem Herrn Kästner darauf, dass man besser über das schreibe, was man kenne. Kästner entgegnet darauf, dass ja trotzdem Schiller erfolgreich über die Schweiz geschrieben habe – und, möchte ich als Leser ergänzen, der Karl May über den Orient und Amerika, obwohl er nie da war. Die Antwort des Oberkellners darauf: “Da hat er eben vorher Kochbücher gelesen […] Wo alles drinstand.”

Und recht hatte er, der Oberkellner, zumindest was die Kochbücher betrifft.

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Spezialitäten der Welt köstlich wie noch nie. Christian Teubner, Annette Wolter. Gräfe und Unzer 1982.

Irgendwann habe ich angefangen, mich fürs Kochen zu interessieren. Erst kamen die Kochbücher, die ich gelesen habe, und dann die Lust, Dinge auszuprobieren, die ich in den Kochbüchern fand. Ein Favorit war Spezialitäten der Welt. Ich kann gar nicht aufzählen, was ich aus diesem Buch alles gelernt habe – nicht unbedingt über das Kochen, denn das Rezept für die Salzburger Nockerln gibt eine zu hohe Temperatur bei zu kurzer Backzeit vor, und das war natürlich eines der ersten Rezepte, die ich ausprobierte. (Peter Alexander, klar.) Nein, ich lernte viel über Geographie. Die Gerichte sind geographisch angeordnet: Südeuropa, Westeuropa, Nordeuropa, Osteuropa (Polen und Sowjetunion), Mitteleuropa (Deutschland, Schweiz, Österrich, Tschechoslowakei, Ungarn), Balkan, Vorderer Orient, Nordafrika, Schwarzafrika, Nordamerika, Mittelamerika, Südamerika, Südasien (Indien, Sri Lanka), Südostasien, Ostasien, Australien/Ozeanien. Die Titel der Gerichte jeweils auf Deutsch und in der Originalsprache.

Spaghetti mit Pesto, lang bevor das hier aufkam. (Wir erinnern uns: Das Buch stammt aus einer Zeit vor dem Döner in Deutschland, der am Anfang ohnehin noch Gyros hieß, vor Sushi, selbst Jahre vor dem Tex-Mex-Boom ab Mitte der 1980er Jahre. Chinesisch, das gab es.) Bei Spanien habe ich von Migas erfahren und von Nierchen. Portugal: Was Stockfisch ist. Die gebratenen Heringe aus England habe ich einige Jahre später in einer winzigen Jugendherberge dann mal vom Herbergsvater zubereitet gekriegt. Dass die in England ihren Pudding mit Rindernierentalg machen, und überhaupt: was ein Pudding ist. Und Cornish Pasties. Und Treacle Tart. Dass man in Dänemark eine ganze Mandel im süßen Reis versenkte. Was Anchovis sind (Schweden). Borschtsch, Blini. Quarkspeise zu Ostern. Was Kwass ist. Oder, wieder westlicher, eine Wähe. Ein Beuscherl (was man so alles essen kann). Baklawa zum Nachtisch, und Imam Bayildi, das ich später wiedererkennen sollte. Ein Bild von Lammfleischspießen mit Joghurtsauce, nach dem ich immer noch Hunger habe. (Pilaw kannte ich ja schon von Karl May.) Süße orientalische Desserts. Gefilte Fisch, Kreplach, Cholent und “Kihen fin Veisseriben” (Pastinakenkuchen). Manches andere kannte ich schon von libanesische Bekannten meiner Eltern. Jambalaya, das Gericht noch vor Hank Williams oder, später, Jerry Lee Lewis. Als 2014 anlässlich der Weltmeisterschaft in Brasilien das Nationalgericht Feijoada vorgestellt wurde, habe ich gleich das Bild von S. 243 herausgesucht. Dann die Satéspießchen, erste selbstgemachte Erdnusssauce. (Nasi Goreng auf der Seite gegenüber kannte man ja eh schon seit irgendwann vor meiner Zeit.) Sashimi, roher Fisch. Komisch, dabei hieß das in Blade Runner doch Sushi… aber da war Blade Runner nicht ganz exakt.

Jetzt höre ich dann mal auf. Für so eine gesunde Allgemeinbildung und Neugier gegenüber anderen Ländern gibt es jedenfalls wirklich Schlechteres als solche Kochbücher zu lesen.

Empfehlenswert: Die Maisfritters von S. 230, die gewürzten Ananas S. 258.

— Gehört nicht ganz zum Thema, aber in die Zeit: “Zuppa Romana” (1984) von Schrott nach 8.

Wolf Haas. Brennerova

haas_brennerova Von Wolf Haas lese ich alles. Am meisten freue ich mich darüber, wenn es kein Krimi vom Brenner ist, aber zur Not nehme ich auch den, das lohnt sich auch immer.

Brennerova ist schwärzer, als ich die früheren Brenner-Krimis in Erinnerung habe. Dort ging es jeweils um Nebenerwerbsverbrecher sozusagen, die Hauptsächlich dann doch in anderen Branchen tätig waren. Hier gibt es dagegen gleich die richtig bösen Jungs. Und der Brenner, der kommt mir mehr wie ein richtiger Detektiv vor – vielleicht liegt das nur daran, dass der Brenner bald von einer faszinierenden Frau den Auftrag kriegt, ihre kleine Schwester zu suchen, die im Sündenbabel verloren gegangen ist. Bei kleinen Schwestern denke ich doch immer gleich an Raymond Chandlers Die kleine Schwester, den fünften Roman um den Privatdetektiv Philip Marlowe.

Außerdem hat der Brenner jetzt so etwas wie eine Sekretärin, so wie Sam Spade (Effie Perrine) und Perry Mason (Della Street). Nicht in dem Sinn, dass er überhaupt arbeitet, oder ihr ein Gehalt zahlt, aber doch so, dass sie ihn immer wieder dazu überredet, einen Fall anzunehmen, den er sonst vielleicht abgelehnt hätte.

Die Handlung ist etwas weit hergeholt, aber das stört mich nicht. Fährt der Brenner halt mal schnell nach Moskau und anderswohin. Sonst sage ich mal nichts dazu. Ein paar schön schräge Szenen gibt es, und ein Ochsenbild direkt aus dem Zen-Buddhismus – aber vielleicht ist das Tier auch nur für ein wirklich kalauerndes Wortspiel ganz zum Schluss da.

Cheerleader Noir

abbott_dare_meDare Me von Megan Abbott spielt an einer amerikanischen High School unter den Cheerleadern dort. Eine neue Trainerin stellt ehrgeizige Ansprüche an das Team, sie wird von den meisten verehrt, bei anderen führt das zu Eifersucht; Gerangel um begehrte Positionen im Team gibt es ohnehin. Und Gezicke.

Das Buch ist ein Krimi. Kein Krimi der englischen Landhausschule – Mord als Puzzle in Landhaus, Flugzeug, Orientexpress, auf dem Nildampfer oder einer winzigen Insel -, sondern ein Krimi amerikanischer Tradition. Mean streets, Verbrechen und Korruption und Verfall überall, niemandem kann man trauen. Diese Art Krimi entstand aus der Pulp-Literatur, Carrol John Daly war 1922 wohl der erste hard-boiled Autor; der bekannteste der frühen Generation ist Dashiell Hammett: Bei ihm gibt es den moralisch ambivalenten, aber letztlich doch ehrenhaften Privatdetektiv, der sich in dieser schmutzigen Welt bewegt und in ihr besteht (auch wenn er nicht das Mädchen kriegt). Eine halbe Generation später schafft Raymond Chandler die klassische, geradezu ritterliche Version davon. (“But down these mean streets a man must go who is not himself mean, who is neither tarnished nor afraid.”) Und bei Cornell Woolrich und James M. Cain gibt es gar keinen Lichtblick mehr, nur Abgründe und mehr oder weniger normale Menschen, die daran scheitern. Danach landen wir bei Mickey Spillane und den 1950er Jahren, worüber wir nicht reden wollen.

“Noir” heißt diese klassische Richtung, nach dem film noir, der viele dieser Romane als Grundlage hat. Typischerweise gehören dazu Schlapphüte und Neonlicht, Dunkelheit und Regen, verführerische Frauen, Verrat und Kooperation, Großstadt. Häufig eine mehr oder weniger gescheiterte, positive Detektivgestalt, aber oft genug nicht einmal das (James M. Cain: The Postman Always Rings Twice; Double Indemnity). Aber noir war im amerikanischen Raum schon früh produktiv und ist es noch immer, einer der besten klassischen Filme, “Out of the Past”, spielt draußen auf dem Land bei hellem Tageslicht. “Blade Runner” und “Radioactive Dreams” machen Science Fiction daraus, “Who Censored Roger Rabbit?” spielt im Cartoonfigurenmilieu, die Abenteuer von Bug Maldoon spielen unter den Insekten im Vorgarten. (Ein Sonderfall ist “Bugsy Malone”, eher Gangsterfilm als noir, alle Rollen gespielt von Kindern und Jugendlichen mit Durchschnittsalter zwölf. Trailer.) Und dann ist da “Brick” (Wikipedia) aus dem Jahr 2005, spielt an einer High School unter Teenagern und jungen Erwachsenen und ist noir bis ins Mark.

Dare Me ist cheerleader noir, eher wie bei James M. Cain, also ohne Lichtgestalt. Kein Neonlicht, kein Regen, keine Hüte; aber eine bedrohliche Atmosphäre, Fragen von Leidenschaft, Vertrauen und Verrat. Die erste Hälfte des Buches ist ungemein dicht. Man ahnt, dass eine Katastrophe geschehen wird, weiß aber nicht genau, aus welcher Richtung sie kommen wird. Die Cheerleader sind ein Gemisch von Naivität, Unschuld, Erfahrung, Berechnung und Kaltschnäuzigkeit, bei dem man sich als älterer Herr etwas voyeuristisch vorkommt, als würde man Tagebücher lesen. Jungs, Männer, Lehrer, Drogen, Diäten, Brechmittel. Trotzdem: Hundertfünfzig Seiten bedrohliche Atmosphäre, ohne dass wirklich etwas passiert, das ist etwas zu viel. — In der zweiten Hälfte ist die Katastrophe dann geschehen, wer und warum und was genau, das stellt sich dann erst heraus. Das Finale war mir etwas zu, hm, ja, undramatisch.

Die Hauptfigur Addy, zwischen ihrer besten Freundin Beth (manipulatives Alphamädchen), und der Trainerin (genauso manipulativ) hin- und hergerissen. Es fehlt nicht an Western-Metaphorik, aber viele Sätze könnten in jedem hard-boilded Krimi stehen oder aus dem Off eines Films kommen:

Her tears come and I fight off the urge to slap those swollen jowls of her. I fight it off because she’s about to give me gold, and she doesn’t even know it. She thinks her gossip, her petty grievances are significant, but they are tiny pinholes. The things around them, though, the fabric of Beth’s lies and fictions, they are the gold. (S. 277)

Was mir noch aufgefallen ist:

Die Autorin lässt Beth Nietzsche zitieren (“When you gaze into the Abyss […], the Abyss gazes into you”, S. 210), Shakespeare (“We happy few, we band of bitches” S. 218, auch 292) und Goethe (“We are never deceived; we deceive ourselves”, S. 247), jeweils unmarkiert. Soll das heißen, dass Beth die Sätze als Zitat spricht, dass sie also irgendwo Nietzsche aufgeschnappt hat? Kann ich mir nicht vorstellen. Drei der vier Stellen sind außerdem Beth von der Ich-Erzählerin Addy zugeschriebene Zitate. Kennt Addy Nietzsche? Oder sind das – wahrscheinlicher – keine Zitate der Personen, sondern einfach hyperdramatische Sätze, die einfach gut zum aufgeputschten Drama passen, vor allem natürlich für die, die sie erkennen? Schließlich benutzt das Buch ja auch Noir-Motive, um die Cheerleaderhandlung mit Drama aufzuladen.

(Dass ich die Zitate als Zitate erkennt habe, liegt übrigens an meiner Wissenskompetenz. Wenn ich Henry V nicht kennen würde, wäre mir das vielleicht nicht aufgefallen. Da hätte mir jede andere Kompetenzkompetenz nicht viel geholfen, weil ich ja nicht auf gut Glück bei jedem Satz bei Google überprüfen kann, ob das vielleicht ein Zitat von anderswoher ist. Andererseits: Gibt es einen Mehrwert, wenn ich eine Stelle als Zitat erkenne, oder reicht, wenn ich die Sprache als episch aufgeladen erkenne?)

Ein echter Fehler ist aber auf S. 281 “pixilated” statt “pixelated”. Nur Letzteres hat mit Pixeln zu tun, ersteres kenne ich aus “Mr Deeds Goes to Town” von Frank Capra (screwball comedy, 1936), wo Gary Cooper in einer dramatischen Zeugenaussage vor Gericht so beschrieben wird: etwas verrückt nämlich, von den pixies, Kobolden, verwirrt. Gern geschehen, man ist ja Lehrer.

Weiterführendes Material:

  • Ein alter Blogeintrag zu Noir-Filmen.
  • Ein halber Blogeintrag zu Dashiell Hammett.
  • Ein Hinweis auf das amerikanische Taschenbuch-Genre der jugendlichen Gang-Mitglieder der 1950er Jahre, gerne auch Mädchengangs; die Google-Bildersuche zu Buchumschlägen verrät einem alles.
  • Und natürlich darf wohl keine Besprechung des Romans ohne einen Hinweis auf “Bring It On” auskommen, ein Film aus dem Jahr 2000 (Regie: Peyton Reed, von dem wir auch “Down With Love” kennen und bald den Marvel-Ant-Man, nachdem Edgar Wright nicht mehr wollte). Eine Sportkomödie unter Cheerleadern: Das Team von Kirsten Dunst fliegt fast aus der Meisterschafts-Vorrunde, weil sie unwissentlich mit einer geklauten Choreographie gearbeitet haben, also müssen neue Nummern her. Das alles solide und humorvoll gemacht. (Die zahllosen DVD-Fortsetzungen des Films sind wohl uninteressant.)
    Reinschnuppern bei Youtube:
    Der neue Choreograph
    End Credits

Ernest Cline, Ready Player One

Von Gary Larson gibt es einen Cartoon. “Hopeful Parents” steht darunter, und man sieht ein eher dümmlich aussehendes Kind mit einer Spielekonsole gebannt vor dem Bildschirm sitzen, während die dahinter stehenden, stolz zusehenden Eltern eine Vision von zukünftigen Stellenanzeigen haben: “Nintendo Expert Needed. $50,000 salary + bonus” und “Looking for good Mario Brothers Player $100,000 plus your own car.”

Dieser Cartoon könnte der Ausgangspunkt von Ready Player One von Ernest Cline gewesen sein. Wie müsste eine Welt beschaffen sein, in der es wirklich etwas bringt, Computerspiele spielen zu können? Und noch einen Schritt weiter: Wie müsste eine Welt beschaffen sein, in der es einen zum Helden macht, sich in japanischen und amerikanischen Fernsehserien der 1980er Jahre auszukennen, und in den Büchern, Filmen, Musikgruppen und Spielen dieser Zeit? Die Antwort gibt der Plot dieses Buches.

(Das ist übrigens durchaus meine Zeit. Gut, mit Japan habe ich nicht viel zu tun gehabt. Aber viele der zitierten Fernsehserien, Computer und Spiele – etwa: Joust, Centipede, Family Ties, Pacman, D&D, TRS-80, K.I.T.T., Wargames – kenne ich. Mir war lang vor den Spielfiguren klar, worauf sich der geheimnisvolle Hinweise auf eine “trophy case” beziehen muss. Mich wundert aber, dass sich das alles in einem 2011 erschienenen Jugend-Science-Fiction-Roman findet. Dass meine Generation das kennt und gerne daran erinnert wird, klar, aber dass auch junge Leute da durch wollen?)

Ready Player One spielt in den 2040er Jahren, in einer mäßig dystopischen Zukunft. Böse Konzerne kontrollieren nicht alles, aber doch eine Menge. Viele Menschen halten sich einen großen Teil ihrer Zeit in der OASIS auf – eine Art Kreuzung aus World of Warcraft und Second Life kombiniert mit der Allgegenwart von Facebook; ein Spiel und eine Simulation zugleich. Auch Schulunterricht kann gleich ganz dort stattfinden – auf einem Schulplaneten ohne Magie und Kampfmöglichkeit, versteht sich.
Der Erfinder und Programmierer dieser Spiel-Simulation, eine verschrobene Kreuzung aus Steve Jobs und Bill Gates, steinreich, Fan der 1980er Jahre, stirbt einige Jahre vor Beginn der Handlung. Er hinterlässt ein Testament: In der OASIS hat er ein Easter Egg versteckt, eine Überraschung; wer es findet, erbt sein gesamtes Vermögen und die Kontrolle über die OASIS. Es gibt eine erste verrätselte Spur, der Rest liegt in der Hand der Spieler.
Aber das Rätsel ist schwer, erst mal kommt niemand voran. Nach anfänglichem weltweiten und allgemeinen Enthusiasmus ist es nur noch die Subkuktur der easter egg hunters oder gunters, die die Suche noch nicht aufgegeben hat.
Einer von ihnen – Wade, alias Parzival, jugendliche Hauptperson des Romans – löst das erste Rätsel und damit eine weltweite Sensation aus. Ein böser Konzern setzt eine Armee von tausenden von bezahlten Spielern ein, um ihm und seinen Mitstreitern – oder Konkurrenten – zuvorzukommen und schreckt auch vor Verbrechen bis hin zum Mord in der realen Welt nicht zurück, um dieses Ziel zu erreichen.
Die Schnitzeljagd, die letztlich zum versteckten Easter Egg führt, erfordert alles Wissen, das die Spieler um die Populärkultur der 1980er Jahre angesammelt haben, und all ihre Fähigkeiten im Spielen von Computerspielen dieser Zeit.

— Ich habe das Buch als ungekürztes englischen Hörbuch gehört. Das hat sich so ergeben; an sich bin ich mit Hörbüchern nie sehr warm geworden, und ich höre sicher weniger konzentriert zu und verpasse mehr, als wenn ich das Buch direkt lesen würde. Deshalb mache ich das auch nur bei Büchern, die mich nicht so brennend interessieren. Aber vielleicht tue ich dem Buch einach unrecht, weil es es als Hörbuch einfach schwer hatte.

Ready Player One kam mir ziemlich lang vor. Auf viele Details hätte ich gerne verzichtet. Gleichzeitig lässt das Buch auch viel aus. Typisch sind Sätze wie: “I performed a few final tasks related to my escape plan, then logged out of the IOI intranet for the last time.” Was waren das für “final tasks”? Spielt keine Rolle. Dann bitte gleich weglassen.
Die jugendlichen Helden sind ziemlich klischeehaft. Der erste Kuss, zu dem es ganz am Schluss kommt, ist genau so, wie man ihn sich immer vorgestellt hat:

It felt just like all those songs and poems had promised it would. It
felt wonderful. Like being struck by lightning.

Auch sonst ist das Geheimnis jedes Hackers: wahre Liebe. Wenig überraschend, aber keinesfalls genügend vorbereitet, kommt auch am Schluss die Erkenntnis, dass die reale Welt vielleicht doch besser ist als die virtuelle.

Und doch, ich habe das Buch bis zum Ende angehört, und das nicht ungern. Ich höre einfach gerne Geschichten um Computerspiele und die 1980er. Der Roman ist voller bekannter Topoi. Wie bei Frau Holle geht der Held in eine Höhle (“cave”), steckt ein ausgestecktes Pacman-Spiel ein (“spiel mich, spiel mich”) und wird daraufhinreicht belohnt, während seine bösen Parallelfiguren leer ausgehen.

Aufgefallen ist mir eine Paralle zum Film Matrix. Und das geht ganz ohne Aliens oder Maschinen, die die Menschen gegen ihren Willen und ohne dass sie es wissen dazu zwingen, in eienr computergenerierten virtuellen Welt zu leben. Das machen die freiwillig. Einen Retter gibt es da wie dort, und Superfähigkeiten, die man sich einfach hinzuladen kann. Zugegeben, in der OASIS sind es eher magische Artefakte, aber das läuft auf das gleiche hinaus.

Interessant war das Finale: Eine große Schlacht, mit den gesammelten gunters, einem Großteil der aktiven Spieler also, gegen die gesammelten Spielfiguren des Bösen, alle auf einen Planeten, alle aufeinander drauf. So ähnlich wie die Schlacht um Helms Klamm im Herrn der Ringe. Aber die Schlacht ist um eine weitere Ebene vom Leser entfernt, und ihm deshalb viel näher. Beim Herrn der Ringe muss man sich in die Elben und Zwerge und Orks hineinversetzen, um in der Schlacht mitzufiebern; in Ready Player One muss man sich gar nicht groß in die tausenden teilnehmende Spieler versetzen, man erlebt ja ohnehin nur ihre Spielfiguren. Die namenlosen Spieler machen stellvertretend für uns bei der Schlacht mit, und sich mit einem solchen Computerspieler zu identifizieren, das fällt leicht. Ganz früher spielten Abenteuer in fernen Ländern; als die rar wurden, spielten sie im Weltraum; wenn der immer bekannter wird, muss man sie in virtuellen Welten spielen lassen. Dort kann man wieder problemlos Schwert und Laser schwingen, und ohne echte Tote. Und Geschichten geschehen ja auch tatsächlich dort, siehe diese Aufstellung der 7 Biggest Dick Moves in the History of Online Gaming. (Weitere Geschichten hier, hier, hier.)

(Eine andere Art der Virtualisierung wird auf der Büchereite der FAZ beschrieben: Traumüberwachung im Jugendbuch. Anscheinend gibt es gerade einen Schwung Jugendbücher, in denen Träume eine wichtige Rolle spielen, in denen man die Träume anderer auslesen oder manipulieren oder gemeinsam träumen kann. Die Analogie zur virtuellen Computerwelt fällt der FAZ auf; in ein paar Jahren brauchen wir vielleicht den Umweg über Träume nicht mehr, sondern können gleich über Technik schreiben.)

— Übrigens hat der Autor mit dem Erscheinen der Taschenbuchausgabe offenbart, dass es auch im Roman selber ein Easter Egg gibt. Wie im Buch gab es eine Webseite dazu, eine Bestenliste, und am Schluss einen DeLorean zu gewinnen. Die Rätsel wurden inzwischen gelöst, der Preis vergeben; ich war nur nicht interessiert genug, mich über die Details des Easter Eggs zu informieren.