Bücher

Salman Rushdie, Haroun and the Sea of Stories

rushdie_haroun“Wo kommen eigentlich die Geschichten her?”, will Haroun von seinem Vater wissen, dem gefeierten Geschichtenerzähler Rashid. Das interessiert ihn auch deshalb, weil Rashid plötzlich verstummt ist und nichts mehr erzählen kann. (Gleichzeitig hat seine Frau, Harouns Mutter, die Familie verlassen.) Selbst sein Abonnement aus der Sea of Stories will Rashid kündigen, der Quelle aller Geschichten.

Denn da kommen alle Geschichten der Welt her; sie vermischen sich, verändern sich. Allerdings ist dieser Ozean in Gefahr: Der finstere Khattam-Shud hat das Schweigen zu einem Kult erhoben und bedroht die anderen Bewohner von Kahani mit seiner Armee des fanatischen Schweigens. Kahani: Das ist das Traumreich, oder der zweite Mond der Erde, auf den es Haroun verschlägt, als er versucht, seinen Vater wieder zum Erzählen zu bringen.

Die Gestalten aus Kahani erinnern ein bisschen an ein modernisiertes Wunderland: das Walross, ein sprechender Wiedehopf (eine Maschine), ein Wasser-Dschinni, und während die Königin bei Alice eien Spielkartenarmee hat, sind die Soldaten dort als pages gekleidet, angeführt von einem General Kitab.

Kennengelernt habe ich das Buch in einer Audioaufnahme von Rushdie selbst gesprochen, und obwohl ich mit den wenigstens Hörbüchern warm werde, ist diese Fassung ein echter Gewinn. Die verschiedenen Akzente, die Rushdie verwendet, sind im Buch gar nicht angegeben, und die vielen Wortspiele im Buch fallen besonders auf, wenn sie geschickt vorgetragen werde. Außerdem weiß ich so wenigstens, wie man die vielen fremden Wörter in der Geschichte ausspricht.

In den Online-Rezensionen, die ich gelesen habe, wird dem Buch gelegentlich vorgeworfen, es sei zu offensichtlich didaktisch. Möcht schon sein. Ich habe es mal in der Schule gelesen, Oberstufe Englisch (und vielleicht auch mal Mittelstufe Deutsch? ist schon lange her), und von selber kam nie ein Schüler auf die Idee, dass die offensichtliche Märchengeschichte eine verborgene Ebene hat. Rushdie hat das Buch gleich nach den Satanischen Versen geschrieben. Als Englischlektüre ist Haroun immer noch zu empfehlen.

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Bücher, Informatik

Cory Doctorow & Jen Wang, In Real Life

doctorow_wang_irlGraphic Novel, etwa 175 Seiten.
Um die 13 Euro.

Zugegeben: Wenn es mehr gute Geschichten um Gamer und mehr gute Geschichten mit Heldinnen gäbe, dann würden mir bei In Real Life mehr die Nachteile einfallen. Die Geschichte ist ein bisschen dünn und plakativ, aber hey, das sind viele Jugendromane auch. Weil es aber nicht viel vergleichbare Bücher gibt, kann ich das nur empfehlen als Geschichte um eine Gamerin, ihre Onlinefreunde, jugendliche Naivität. Erfreulich – aber nicht verwunderlich, wenn man Doctorow kennt – ist, dass das Buch ohne die Klischees auskommt, die einem hierzulande bei Onlinespielern einfallen: Schlechte Noten, Realitätsverlust, falsche Identitäten. Dafür gibt es andere Klischees, meinetwegen, aber die sind nicht gar so platt. Und wer noch nie etwas von gold farming gehört hat, der kann hier noch etwas lernen.

Richtig schön ist auf jeden Fall, wie Wang die Bildersprache der Computerspiele mit der Bildersprache der Comics kombiniert – Eingabeformulare, Wartebalken, Punktegewinn. Das habe ich so noch nicht gesehen, aber ich lese ja auch gar nicht mehr viele Comics.

Siehe auch:

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Bücher

Mark Twain, A Connecticut Yankee in King Arthur’s Court

Ich habe schon mal recht ausführlich darüber geschrieben, aber ich habe es wiedergelesen und mir ist Neues aufgefallen.

– Inhalt –

In der sehr kurzen Rahmenhandlung trifft Mark Twain als Tourist in einem englischen Schloss einen etwas verwirrt wirkenden Amerikaner, der ihm abends im Gasthof ein Manuskript mit seiner Geschichte in die Hand drückt: Hank Morgan wacht, nachdem er in einer ehrenhaften Schlägerei bewusstlos geschlagen wurde, im Mittelalter der legendären Artus-Zeit auf. Legendär: Das ist die Fassung des Artusstoffes, die zum Klassiker und Vorbild geworden ist, nämlich die von Thomas Malory, entstanden und vom ersten englischen Buchdrucker William Caxton gedruckt in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. (Raymond Chandlers erster Detektiv hieß Mallory; sicher kein Zufall.)
Hank Morgan erwirbt sich Ruhm und Einfluss am Hof und sticht dabei seinen Rivalen Merlin aus. Am meisten kämpft Hank aber gegen die Vorurteile und Privilegien dieser Zeit, gegen Rittertum und (katholische) Kirche. Techniker, der er ist, entwickelt er heimlich ein Telegraphen- und Telefonsystem, macht die reisenden Ritter zu Handelsvertretern, führt Zeitungen ein und gründet eine Akademie (“Factory”), in der mehr oder weniger heimlich junge Menschen nach seinem Vorbild ausgebildet werden. Sein Ziel ist die Abschaffung von Ritter, Monarchie, Feudalsystem und Sklaverei; das Ersetzen der katholischen Einheitskirche durch unabhängige protestantische Kirchen, die Einführung der Demokratie. Hanks Methode dabei ist, neben einem guten Maß Trickserei, Aufklärung durch Technologie.
Am Schluss spricht doch die Kirche ein Machtwort. Der Auslöser ist ein mächtiger Streit unter den Rittern, der wie bei Malory auf das schuldige Dreiecksverhältnis Lancelot-Artus-Guinevere zurückgeht. Alle Neuerungen Hanks werden abgeschafft, der Status Quo wiederhergestellt. Am Schluss kommt es zu einem Showdown zwischen Hank, der sich mit gut fünfzig seiner Zöglinge verschanzt hat, und einem Heer von fünfundzwanzigtausend Rittern unter Führung der Kirche. Nach der letzten Schlacht sind die Ritter tot, von umgeleiteten Flüssen ertränkt, mit Dynamit in die Luft gesprengt, von Maschinengewehren und Starkstromstößen getötet. Hank selber wird von Merlin verflucht und wacht, ohne seine Frau und Kinder, in der Gegenwart wieder auf.

– Scheitern als Teil der Artushandlung –

Das Ende der Geschichte empfanden viele Kritiker als aufgesetzt, nicht zum Rest des Buchs passend. Aber das Scheitern ist auf jeden Fall wichtig, das gehört zum Aufbau der Artus-Handlung – eine großartige Idee, die in die Binsen geht. Das ist bei Malory so, bei Steinbecks Tortilla Flat, bei Mecki und die Ritter der Tafelrunde (HÖRZU 51/1976 bis 15/1977, leider nie nachgedruckt, so dass ich meine Erinnerung nicht auffrischen kann), und ganz deutlich bei T.H. White. Der Versuch, Ordnung und Zivilisation in die Willkür zu bringen, scheitert; das Zeitalter des Fortschritts hat doch nur ein paar Jahre gewährt. Das muss so sein, aus dramaturgischen Gründen, und weil Fortschritt eine mühsame Sache ist. Also ist auch Hanks Zivilisationsprojekt zum Scheitern verurteilt.
Ungeschickt ist bei Twain allerdings, dass diesess Scheitern ausgelöst wird wie bei Malory: Artus, der als Herrscher die Wahrheit nicht wahrnehmen zu müssen meint; Lancelot, der seinen König, Guinevere, die ihren Mann betrügt. Dazu Mordred, eine Sünde aus Artus’ Vergangenheit. Besser hätte mir gefallen, wenn es unmittelbar Hanks Hybris gewesen wäre, die sein System einstürzen lässt. Immerhin spricht er von sich als “a superior man like me”, und als er auf dem Weg ist, Vorbereitungen für eine Republik zu legen, gerät er selbst in Versuchung: “Well, I may as well confess, though I do feel ashamed when I think of it: I was beginning to have a base hankering to be its first president myself. Yes, there was more or less human nature in me; I found that out.”

– Der Weg zum Ende –

Die Handlung des Buchs ist episodisch und nicht immer zusammenhängend. Andererseits: Genau so ist Malory ja auch. Der Schluss kommt sehr plötzlich, das ist ungeschickt. Unmittelbar davor kommt eine lange Sequenz (Kapitel 27-39, von 44 Kapiteln), die man hätte weglassen oder kürzen können: Artus und Hank mischen sich verkleidet unters Volk, treffen auf verschiedene soziale Schichten, landen selbst in der Sklaverei. Zu lang, und sichtlich unter dem Eindruck der Sklaverei in den amerikanischen Südstaaten geschrieben. Danach wird recht rasch die Blütezeit des Königreichs beschrieben:

Now look around England. A happy and prosperous country, and strangely altered. Schools everywhere, and several colleges; a number of pretty good newspapers. Even authorship was taking a start; Sir Dinadan the Humorist was first in the field, with a volume of gray-headed jokes which I had been familiar with during thirteen centuries. If he had left out that old rancid one about the lecturer I wouldn’t have said anything; but I couldn’t stand that one. I suppressed the book and hanged the author.
Slavery was dead and gone; all men were equal before the law; taxation had been equalized. The telegraph, the telephone, the phonograph, the typewriter, the sewing-machine, and all the thousand willing and handy servants of steam and electricity were working their way into favor. We had a steamboat or two on the Thames, we had steam warships, and the beginnings of a steam commercial marine; I was getting ready to send out an expedition to discover America.

Mit dem Rittertum hat Hank, nachdem er zum Kampf herausgefordert wird, abgerechnet. Zum ersten Mal geht er selber mit Waffengewalt vor. Er erschießt einige Ritter, bis alle aufgeben, und kündigt an, es jederzeit mit allen Rittern des Reiches aufnehmen zu wollen, wenn er nur fünfzig seiner Assistenten zur Seit kriegt: “I said, name the day, and I would take fifty assistants and stand up against the massed chivalry of the whole earth and destroy it.” Und so kommt es dann am Schluss auch. Zuerst bekriegen sich die Ritter der verfeindeten Parteien – Lancelot und Artus – gegeneinander, geschildert in Malorys Worten.

Then the king looked about him, and then was he ware of all his host and of all his good knights were left no more on live but two knights, that was Sir Lucan de Butlere, and his brother Sir Bedivere: and they were full sore wounded. Jesu mercy, said the king, where are all my noble knights becomen? Alas that ever I should see this doleful day.

Diese tödliche Schlacht wird gespiegelt in Hanks letztem Kampf. Vor dem Interdikt der Kirche weicht die vermeintliche Aufgeklärtheit der Bevölkerung, so dass Hank am Schluss nur mit seinen fünfzig Elite-Zöglingen gegen das vereinte (restliche) Rittertum steht.

– Das Ende –

Und was für ein grausames Ende. (Ungeschickt wieder: Vieles davon ist technisch Clarence zu verdanken, Hanks jugendlichem Assistenten; Hank legt nur noch letzte Hand an.) Alle Fabriken werden auf Kommando gesprengt. Hank und seine Truppe verschanzen sich in einem Munitionslager, innerhalb von zwölf konzentrischen Drahtzäunen, die einzeln mit Starstrom gespeist werden können. Die Fläche außerhalb ist mit “glass-cylinder dynamite torpedoes” vermint.
Die Bomben sind am Vortag auf der Straße getestet worden. Und hier wird es dann doch zynischer, als ich es von Mark Twain kenne:

“I laid a few in the public road beyond our lines and they’ve been tested.”
“Oh, that alters the case. Who did it?”
“A Church committee.”
“How kind!”
“Yes. They came to command us to make submission. You see they didn’t really come to test the torpedoes; that was merely an incident.”
“Did the committee make a report?”
“Yes, they made one. You could have heard it a mile.”
“Unanimous?”
“That was the nature of it. After that I put up some signs, for the protection of future committees, and we have had no intruders since.”

(“Make a report” heißt nicht nur: berichten, sondern auch: einen Knall erzeugen.)

Die Zweifel der Mannschaft werden mit einer flammenden Rede beruhigt: “‘English knights can be killed, but they cannot be conquered. We know what is before us. While one of these men remains alive, our task is not finished, the war is not ended. We will kill them all.’ [Loud and long continued applause.]”

Das führt dann dazu:

Why, the whole front of that host shot into the sky with a thunder-crash, and became a whirling tempest of rags and fragments; and along the ground lay a thick wall of smoke that hid what was left of the multitude from our sight.
[…]
We now perceived that additions had been made to our defenses. The dynamite had dug a ditch more than a hundred feet wide, all around us, and cast up an embankment some twenty-five feet high on both borders of it. As to destruction of life, it was amazing. Moreover, it was beyond estimate. Of course, we could not count the dead, because they did not exist as individuals, but merely as homogeneous protoplasm, with alloys of iron and buttons.

Our camp was enclosed with a solid wall of the dead—a bulwark, a breastwork, of corpses, you may say.

I sent a current through the third fence now; and almost immediately through the fourth and fifth, so quickly were the gaps filled up. I believed the time was come now for my climax; I believed that that whole army was in our trap. Anyway, it was high time to find out. So I touched a button and set fifty electric suns aflame on the top of our precipice.
Land, what a sight! We were enclosed in three walls of dead men! All the other fences were pretty nearly filled with the living, who were stealthily working their way forward through the wires. The sudden glare paralyzed this host, petrified them, you may say, with astonishment; there was just one instant for me to utilize their immobility in, and I didn’t lose the chance. You see, in another instant they would have recovered their faculties, then they’d have burst into a cheer and made a rush, and my wires would have gone down before it; but that lost instant lost them their opportunity forever; while even that slight fragment of time was still unspent, I shot the current through all the fences and struck the whole host dead in their tracks! There was a groan you could hear! It voiced the death-pang of eleven thousand men. It swelled out on the night with awful pathos.
A glance showed that the rest of the enemy — perhaps ten thousand strong — were between us and the encircling ditch, and pressing forward to the assault. Consequently we had them all! and had them past help. Time for the last act of the tragedy. I fired the three appointed revolver shots — which meant:
“Turn on the water!”
There was a sudden rush and roar, and in a minute the mountain brook was raging through the big ditch and creating a river a hundred feet wide and twenty-five deep.
“Stand to your guns, men! Open fire!”
The thirteen gatlings began to vomit death into the fated ten thousand. They halted, they stood their ground a moment against that withering deluge of fire, then they broke, faced about and swept toward the ditch like chaff before a gale. A full fourth part of their force never reached the top of the lofty embankment; the three-fourths reached it and plunged over — to death by drowning.
Within ten short minutes after we had opened fire, armed resistance was totally annihilated, the campaign was ended, we fifty-four were masters of England. Twenty-five thousand men lay dead around us.

Es ist ein Pyrrhussieg. Sie können nicht bleiben, wo sie sind, inmitten so vieler Leichen. Und außerhalb ihrer Festung sind sie schutzlos. Merlin verhängt einen Zauber über den verwundeten Hank, der in einen tiefen Schlaf fällt. Die letzten Seiten des Manuskripts schreibt Clarence und kündigt an, den bewusstlosen Körper Hank Morgans in einer Höhle zu verstecken, bis er wieder einmal erwachen sollte. (Gehört zum Artusstoff: Der König, der verzaubert schläft, bis sein Land ihn wieder braucht.) Wenn einem der Eingeschlossenen die Flucht gelänge, würde dieser das in dem Manuskript vermerken und das Manuskript dem schlafenden Hank an die Seite legen.
Damit endet das Manuskript.

– Der widersprüchliche Hank Morgan –

Zimperlich sind die Zeiten nicht; Hank passt sich ein wenig an. Er rettet einige Gefangene von Königing Morgan le Fay, die daraufhin etwas gut hat, und nachdem er sich doch noch einmal probweise ein Lied hat vorspielen lassen, gestattet er ihr, wenigstens die Musikanten hinrichten zu lassen:

Then I saw that she was right, and gave her permission to hang the whole band. This little relaxation of sternness had a good effect upon the queen. A statesman gains little by the arbitrary exercise of iron-clad authority upon all occasions that offer, for this wounds the just pride of his subordinates, and thus tends to undermine his strength. A little concession, now and then, where it can do no harm, is the wiser policy.

Hanks Lösung für die meisten Probleme ist Technologie. Er gründet Betriebe als “nuclei of future vast factories, the iron and steel missionaries of my future civilization. Lehrer lässt er in einer “teacher-factory” ausbilden, seine Elite-Akademie nennt er “Man-factory”. Das regelmäßige Vorbeugen eines Säulenheiligen misst er mit der Stoppuhr: “I timed him with a stop watch, and he made 1,244 revolutions in 24 minutes and 46 seconds”, um später einen Generator an ihn anzuschließen.

Hank Morgan denkt nicht nur in Begriffen der Technik, sondern auch der der Wirtschaft. Vom König will er nicht die Hand der Tochter und das halbe Königreich, sondern er fordert: “you shall appoint me your perpetual minister and executive, and give me for my services one per cent of such actual increase of revenue over and above its present amount as I may succeed in creating for the state.” Merlins Kurs ist nach dessen Niederlage gefallen: “Merlin’s stock was flat.” Die erste Institution, die er etabliert, ist ein Patentamt; das fahrende Rittertum vergleicht er mit Wirschaftsspekulation:

No sound and legitimate business can be established on a basis of speculation. A successful whirl in the knight-errantry line—now what is it when you blow away the nonsense and come down to the cold facts? It’s just a corner in pork, that’s all, and you can’t make anything else out of it.

Und der Streit am Schluss, der Zusammenbruch des ganzen Systems, wird ausgelöst dadurch, dass Lancelot seine Mitritter beim Spekulieren mit Aktien über den Zisch zieht:

They were laughing in their sleeves over their smartness in selling stock to him at 15 and 16 and along there that wasn’t worth 10. Well, when they had laughed long enough on that side of their mouths, they rested-up that side by shifting the laugh to the other side. That was when they compromised with [Lancelot] at 283!

Sein Sinn für Kunst ist weniger ausgeprägt, obwohl er die frühen Farbdrucke (Chromolitographie) vermisst:

And not a chromo. I had been used to chromos for years, and I saw now that without my suspecting it a passion for art had got worked into the fabric of my being, and was become a part of me.
It made me homesick to look around over this proud and gaudy but heartless barrenness and remember that in our house in East Hartford, all unpretending as it was, you couldn’t go into a room but you would find an insurance-chromo, or at least a three-color God-Bless-Our-Home over the door; and in the parlor we had nine. But here, even in my grand room of state, there wasn’t anything in the nature of a picture except a thing the size of a bedquilt, which was either woven or knitted (it had darned places in it), and nothing in it was the right color or the right shape; and as for proportions, even Raphael himself couldn’t have botched them more formidably, after all his practice on those nightmares they call his “celebrated Hampton Court cartoons.” Raphael was a bird. We had several of his chromos; one was his “Miraculous Draught of Fishes,” where he puts in a miracle of his own—puts three men into a canoe which wouldn’t have held a dog without upsetting. I always admired to study R.’s art, it was so fresh and unconventional.

Zynisch ist Hank bei all dem nie. Manchmal verliert er allerdings für einen Moment die Hoffnung: “Well, there are times when one would like to hang the whole human race and finish the farce.”
König Artus erkennt er, bei all seiner eingeschränkten Weltsicht, als mutigen auf und gutherzigen Mann an. Hank liebt, zumindest am Schluss, Sandy und ihr gemeinsames Kind aufrichtig. Herzergreifend der Epilog, als, wieder in der Gegenwart, der Erzähler Twain die letzten Worte des sterbenden Hank hört: “Oh, Sandy, you are come at last — how I have longed for you! Sit by me — do not leave me — never leave me again, Sandy, never again. Where is your hand? — give it me, dear, let me hold it — there — now all is well, all is peace, and I am happy again — we are happy again, isn’t it so, Sandy?”

– Science Fiction –

Das Buch ist außerdem Science Fiction. Es ist eine der ersten Geschichten, möglicherweise sogar die erste überhaupt, in der es um die Erlebnisse eines Zeitreisenden geht, der in der Vergangenheit landet. Nachfolger dazu hat es seither unzählige gegeben. Es ist außerdem Science Fiction, weil es darum geht, wie neuartige Technologie aus der Zukunft eine Gesellschaft verändert, oder eben auch nicht verändert – ein Thema der Science Fiction. Und zuletzt ist das Science Fiction, mit der Betonung auf der ersten Seite, weil es darin um mehr Science geht, als ich verstehe; ich kann mir vorstellen, dass das auch mehr war, als seine zeitgenössischen Leser verstanden. Damit wird in diesem Buch Wissenschaft vorgestellt, zumindest in der Sequenz als die Funktionsweise des den tödlichen Strom liefernden Dynamos beschrieben wird:

“I start twelve immensely strong wires — naked, not insulated — from a big dynamo in the cave — dynamo with no brushes except a positive and a negative one —”
“Yes, that’s right.”
“The wires go out from the cave and fence in a circle of level ground a hundred yards in diameter; they make twelve independent fences, ten feet apart — that is to say, twelve circles within circles — and their ends come into the cave again.”
“Right; go on.”
“The fences are fastened to heavy oaken posts only three feet apart, and these posts are sunk five feet in the ground.”
“That is good and strong.”
“Yes. The wires have no ground-connection outside of the cave. They go out from the positive brush of the dynamo; there is a ground-connection through the negative brush; the other ends of the wire return to the cave, and each is grounded independently.”
“No, no, that won’t do!”
“Why?”
“It’s too expensive — uses up force for nothing. You don’t want any ground-connection except the one through the negative brush. The other end of every wire must be brought back into the cave and fastened independently, and without any ground-connection. Now, then, observe the economy of it. A cavalry charge hurls itself against the fence; you are using no power, you are spending no money, for there is only one ground-connection till those horses come against the wire; the moment they touch it they form a connection with the negative brush through the ground, and drop dead. Don’t you see? — you are using no energy until it is needed; your lightning is there, and ready, like the load in a gun; but it isn’t costing you a cent till you touch it off. Oh, yes, the single ground-connection —”

Ich habe keine Ahnung, wie und ob das so funktioniert. Bestimmt gibt es irgendwo einen Aufsatz zur Wirkungsweise des Dynamo in Mark Twains Connecticut Yankee.

– Reste –

Sprachlich ist das Buch lustig, weil Twain die moderne amerikanische Umgangssprache mit dem gestelzten Stil Malorys vermischt. Dazu kommt die Sprache der Börse und der Technologie. Parodien auf Kleinstadt-Zeitungsberichte aus Twains Zeit stehen neben langen Passagen, die wörtlich von Malory übernommen sind. Lieblingsbild: Eine Figur “in shrimp-colored tights that made him look like a forked carrot.”

Offene Fragen: Was hat Hank falsch gemacht? Hat er etwas falsch gemacht? Macht sich das Buch über den Aberglauben früherer Zeiten lustig, oder auch über Hank? Lohnenswert wäre auch, sich das Frauenbild Twains in diesem Roman anzuschauen.

Irrste Idee: Königliche Familien als Regierungsoberhäupter durch Katzen ersetzen. Die seien pflegeleichter, charakterfester, und könnten die gleichen zeremoniellen Aufgaben wahrnehmen.

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Bücher 2014

Meine gelesenen Bücher 2013 2014. Zu einigen habe ich etwas gebloggt. Die Bücher mit ° habe ich wiedergelesen, enttäuschend waren Bücher mit (-), besonders gut die mit (+). Digital gelesen um die zehn. Mehrfach im Jahr war mir der Lesestoff ausgegangen: Es stand nichts im Regal, auf das ich Lust hatte. Und so viel Bücher gar nicht erst zu Ende gelesen wie dieses Jahr habe ich auch noch nicht.

  1. Rudyard Kipling, How Shakespere came to write the Tempest
  2. Mark Twain, The Innocents Abroad° (+)
  3. Antoine Wilson, Panorama City
  4. William Shakespeare, The Tempest°
  5. Cracked, The De-Textbook (-)
    Da reichen mir die Online-Beiträge bei cracked.com
  6. Robin Sloan, Mr. Penumbra’s 24-Hour Bookstore
  7. Seymour Papert, Mindstorms
    Im Prinzip wird hier das Arbeiten mit der Programmierumgebung Logo vorgestellt.
  8. Richard Wiseman, Quirkology
  9. Philippa Pearce, Tom’s Midnight Garden
  10. Timm Grams, Denkfallen und Programmierfehler
  11. Kathrin Passig/Johannes Jander, Weniger schlecht programmieren (+)
  12. E. Nesbitt, The Magic City
  13. James Branch Cabell, The High Place°
  14. James Hilton, Random Harvest° (+)
  15. Strange Tales Vol. 3, No. 1 (1933)
    Faksimile eines alten Pulp-Magazins
  16. Spicy Adventures Stories Vol.11, No. 2 (1939)
    Faksimile eines alten Pulp-Magazins
  17. Leslie Lamport, Latex
  18. James Branch Cabell, The Cream of the Jest°
  19. Haruki Murakami, Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki
    Ich werd mit Murakami nicht mehr warm, nein.
  20. Robert Sedlaczek, Die Tante Jolesch und ihre Zeit
  21. Birgit Adam, Das Buch der Blindenschrift
  22. Sinister Stories Vol. 1, No. 1 (1940)
    Faksimile eines alten Pulp-Magazins
  23. Slightly Foxed No. 41
  24. Flann O’Brien, The Third Policeman°
  25. Weird Trails (April 1933)
    Tut so, als wäre es das Faksimile eines alten Pulp-Magazins. Ist aber neu.
  26. Leo Perutz. Nachts unter der steinernen Brücke
  27. Shirley Jackson, The Sundial
  28. Arthur Conan Doyle, A Study in Scarlet° (+)
  29. T.H. White, The Elephant and the Kangaroo
  30. Strange Tales #4 Vol. 2, No. 1 (1932)
    Faksimile eines alten Pulp-Magazins
  31. Harry Stephen Keeler, Thieves’ Nights
  32. Strange Tales #6 Vol. 2, No. 3 (1932)
    Faksimile eines alten Pulp-Magazins
  33. Harry Stephen Keeler, Find the Clock
  34. Roddy Doyle, The Guts
    Ein paar der Gestalten aus den Commitments, Jahrzehnte danach.
  35. U. Poznanski, Erebos
    In meiner Kritik war ich vielleicht etwas zu streng, im Nachhinein gefällt mir das Buch etwas besser.
  36. Daniela Schreiter, Schattenspringer
  37. Gemma Elwin Harris (Hrsg.), Big Questions from Little People
  38. Saša Stanišić, Vor dem Fest
  39. S.T. Joshi, The Rise and Fall of the Cthulhu Mythos (+)
  40. Robbie Cooper, Alter Ego
    Ein kleiner Bildband, in denen Online-Computerspieler ihren Avataren gegenübergestellt werden.
  41. E.T.A. Hoffmann, Klein Zaches genannt Zinnober (+)
  42. Wolf Haas, Komm, süßer Tod°
  43. Naomi Novik, Temeraire
  44. Robert Seethaler, Der Trafikant
  45. Walter Moers, Ensel und Krete
  46. Herold/Lurz/Wohlrab, Grundlagen der Informatik
  47. Arthur Conan Doyle, The Sign of Four°
  48. Jane Austen, Northanger Abbey° (+)
  49. Neal Stephenson, In the Beginning… Was the Command Line
  50. Ann Leckie, Ancillary Justice
    Science Fiction. Gelesen, weil die Hauptperson mit den menschlichen Geschlechtern nicht zurechtkommt (und deren Auswirkung auf die Genera in der Sprache), so dass alle Personen im Buch einfach nur “she” sind. Manche davon stellen sich danach als männlich heraus, manche als weiblich.
  51. Slightly Foxed No. 42
  52. Tom Drury, The End of Vandalism (-)
  53. Megan Abbott, Dare Me (+)
  54. Richard Hughes, A High Wind in Jamaica
    Das Bindeglied zwischen Schatzinsel und Herr der Fliegen.
  55. P.G. Wodehouse, My Man Jeeves
  56. Francis Spufford, The Child that Books Built
  57. Megan Abbott, The End of Everything (-)
    So viel schlechter als das andere Buch von ihr.
  58. M. R. Carey, The Girl with all the Gifts
    Ein Zombie-Roman, der erst einmal gut klang. Reicht inhaltlich aber nur für eine Novelle.
  59. P.G. Wodehouse, Money for Nothing
  60. P.G. Wodehouse, Something Fishy
  61. Slightly Foxed No. 43
  62. P.G. Wodehouse, Uneasy Money
  63. Wu Ch’êng-Ên, Monkey
    Alter chinesischer Roman, aus dem sich die Serie Dragonball bedient hat. Kurios und vergnüglich. Die reisen tatsächlich auf kleinen fliegenden Wölkchen herum, so wie im Anime.
  64. Anne Fadiman, At Large and At Small
  65. Wolf Haas, Brennerova
  66. Abasse Ndione, Die Piroge
  67. Terry Pratchett, Raising Steam
  68. Raymond Chandler, The Little Sister°
  69. Kurt Vonnegut, Cat’s Cradle°
  70. Karl May, Im Lande des Mahdi I: Menschenjäger
  71. Karl May, Am Stillen Ozean°
  72. Kurt Vonnegut, Slapstick°
    Wegen Vonneguts Theorien zu künstlichen Familien.
  73. Laura Waco, Von Zuhause wird nichts erzählt (+)
  74. Richard Matheson, I Am Legend (+)
    So sieht ein guter Zombie-Roman aus. Obwohl es ein Vampirroman ist.
  75. E. J. Priz, Cosa Nosferatu
    Lovecraftscher Horror, Vampire, Eliot Ness und Al Capone. (Und Tesla, natürlich.) Da wird noch mal eine Rollenspielkampagne draus.
  76. Lev Grossman, The Magician’s Land
  77. P.G. Wodehouse, Uncle Dynamite
  78. P.G. Wodehouse, Hot Water
  79. Joseph Maria Samulskie, Kopieranstalt/Psychoknast
  80. Robert M. Price (Ed.), The Horror of it All
  81. Wolfgang Herrndorf, Bilder meiner großen Liebe
  82. Slightly Foxed No. 44
  83. George Burns, 100 Years, 100 Stories° (+)
    Ah, George Burns. Ein paar Sachen, als der so siebzig, achtzig war, sind heute etwas peinlich zu lesen, aber dieser Band, kurz vor seinem hundersten Geburtstag, enthält schöne Anekdoten.
  84. Patrick Modiano, Aus tiefstem Vergessen (-)
    Nobelpreisträger, man sollte es nicht meinen.
  85. Robert Bloch, Strange Eons

Viel Pulp, viel Lovecraft, viel Informatisches, viel Wodehouse.

(Bücher 2013.)
(Bücher 2012.)
(Bücher 2011.)
(Bücher 2010.)
(Bücher 2009.)

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Bücher, Fundstücke

Joseph Maria Samulskie, Kopieranstalt

samulskie_psychoknastEin Buch von Bertram Altekamp, einem Grundschullehrer aus Münster, veröffentlicht unter Pseudonym. Es geht darin um Benno Heinen, einen frustrierten Grundschullehrer, der seine böse Seite mal so richtig heraushängen lässt. (Und in der Fortsetzung dann auch in einer psychiatrischen Anstalt landet.) Das Buch ist so mittelgut geschrieben; der Autor scheut wie so viele das einfache Verb “sagen” und lässt seine Figuren stattdessen alles mögliche tun, um ihre Äußerungen herauszubringen. Trotzdem habe ich es interessiert und mit Vergnügen gelesen.

Dieser Benno Heinen, der dreht schon wirklich durch. Er rächt sich für echte oder eingebildete ungerechte Behandlung an Grundschülern, Kollegen, Schulleitung, das ganze eskaliert, bis es Tote gibt. Demnach spielt die Fortsetzung eben auch in einer Anstalt. Nun bin ich selber viel zu faul und zu zufrieden, als dass ich solche Rachefantasien in der Schule selber hätte. Ganz gelegentlich gönne ich mir mal eine gedachte Abschiedsrede zur Pensionierung, entweder für Kollegen oder meine eigene, aber auch das nicht oft. Trotzdem bereit es mir ein gewisses entrüstetes Vergnügnen, quasi stellvertrend diesen Benno Heinen all diese Sachen machen zu lassen, die man wirklich, wirklich nicht machen sollte.

Das erste Buch hat mit dabei besser gefallen als die Fortsetzung. Bei der fiel mir auf, wie übertrieben und klischeehaft das doch alles war. Das stimmte ja alles gar nicht. Komisch – bei der Schule hat mich das nicht gestört, und das war natürlich genauso überzogen.

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Bücher

Richard Matheson, I Am Legend

Von Fredric Brown stammt diese berühmte Kürzestgeschichte:

The last man on Earth sat alone in a room. There was a knock on the door…

(Wikipedia hat mehr dazu, auch zu Browns Vorlage. Die Zeilen sind nur der Auftakt einer sich anschließenden Kurzgeschichte, die aber weit weniger bekannt ist als eben dieser Anfang. Hier eine Idee für den kreativen Umgang damit im Englischunterricht.)

Ich kann nicht anders, als diese Kürzestgeschichte als Stammvater von Richard Mathesons I Am Legend zu betrachten. Das Buch kenne ich als Horror- und SF-Klassiker, 1954 erschienen, mehrfach verfilmt, aber ich hatte es nie gelesen – ich glaube, als junger Teenager stellte ich es mir zu gruslig vor, vor allem die Charlton-Heston-Verfilmung. Die Postapokalypse ging uns in den 80ern noch richtig nahe.

Der Ausgangspunkt: Robert Neville ist – jedenfalls soweit er weiß – der letzte Mensch auf der Erde. Tagsüber pflegt er seinen Generator, organisiert Benzin und Lebensmittel, repariert sein zu einer kleinen Festung ausgebautes Haus und sucht seine Umgebung ab. Nachts kauert er verbarrikadiert im Haus und hört den Vampiren zu, die draußen auf ihn warten, an die Türen klopfen, ihn zum Herauskommen verleiten wollen, um das Blut des letzten Menschen auf der Erde zu trinken. Das ist der zweite Stammvater der Geschichte: Der Vampirgedanke zu Ende gedacht – was machen die Vampire, wenn sie alle Menschen gebissen haben und keiner mehr da ist?

Neville nennt die Wesen da draußen Vampire. Sie fürchten Knoblauch und Kruzifix, ruhen tagsüber bewegungslos im Dunkel und sterben im Licht, können durch normale Schusswaffen nicht aufgehalten werden und zerfallen nach einem Holzblock durch das Herz. Klassische Vampire in vieler Hinsicht.
Allerdings stellt Matheson eine naturwissenschaftliche, diesseitige Erklärung für den Vampirismus zur Verfügung. Ein Bakterium ist es, dass Menschen zu Vampiren werden lässt; wenige Jahre vor Beginn der Handlung hat diese Seuche nach und nach die ganze Welt ergriffen. Neville versucht das zu erforschen, nicht völlig systematisch, und ohne viel wissenschaftliches Vorwissen, aber er hat ja Zeit und Bibliotheken. Das mit dem Kruzifix, schließt er, ist Aberglaube – christliche Vampire bilden sich nur ein, dass Ihnen das etwas ausmacht. Das mit dem Schlaf und dem Licht und der teilweisen Unverwundbarkeit liegt an den Folgen des Bakteriums, dass sich Vampire im Spiegel nicht sehen an hystersicher (eingebildeter) Blindheit. Für den Knoblauch findet Neville, wenn ich mich richtig erinnere, keine Erklärung; synthetisches Knoblauchöl hat jedenfalls keine Wirkung. Einige der Erklärungen sind überzeugender als andere, aber Neville ist ja auch kein Spezialist, und Matheson hütet sich, ein erzählerisches Machtwort zu sprechen und mehr zu erklären, als sich Neville zusammenreimt.

Ich fand das Buch ausgezeichnet. Es ist kurz, die Situation klaustrophobisch und bedrückend, man leidet unter der Ungewissheit ebenso wie die Hauptperson. Revolutionär, möchte ich sagen, ist der konsequent naturwissenschaftliche Erklärungsansatz – und revolutionär auch das, was letztlich daraus wurde: Die Vampire aus I Am Legend sind der Grundstein für die modernen Zombies. Es ist schon fast alles da, was später Geschichten dann weiter entwickeln: Intelligente Zombies; schlurfende, geistlose Zombies; die epidemische Verbreitung mit einem mikroskopischen biologischen Erreger; die Apokalypse; das Gegenüberstehen einer kleinen Gruppe von Menschen gegen eine größere Armee von Untoten; überraschende Wendungen.
Zombie-Geschichten gab es vorher auch schon, etwa die Filme White Zombie (1932) und I Walked with a Zombie (1943). Aber da waren Zombies noch einzelne, aus dem Grab auferstandene Tote, gesteuert durch Voodoo-Magie in der Karibik, die weder menschliche Opfer suchen (wie Vampire) noch ansteckend sind (wie Vampire). Den modernen Zombie gibt es erst nach Matheson, behaupte ich mal; die Liste der Zombie-Filme bei Wikipedia ist umfangreich, aber der moderne Zombie-Film beginnt erst Ende der 1960er Jahre – ob tatsächlich erst mit “Night of the Living Dead”, das müsste mal ein Schüler im W-Seminar untersuchen.

(Besonders gut am Buch: Einige Punkte, die ich hier ausgelassen habe. Weniger gut am Buch: Mathesons Angewohnheit, Neville ständig irgendwelchen Whisky veschütten zu lassen. Ein- oder zweimal reichen. Auch Nevilles sexuelle Frustration hätte sich nach einigen Jahren des Zölibats langsam legen können.)

Der Guardian brachte vor zwei Wochen eine Liste der Top 10 vampire books, viele der üblichen Verdächtigen sind dabei, aber I Am Legend fehlt. Das gehört aber unbedingt auf eine solche Liste.

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Bücher

Karl May, Am Stillen Ocean

Überraschendes Fundstück:

Es ist unberechenbar, welche Störungen und Umwälzung die Einführung eines neuen Thieres in der ursprünglichen Thierwelt eines Ortes hervorbringen kann. So hat z.B. in Neu-Seeland der flügellose Kiwi der Uebersiedelung des europäischen Hundes nicht widerstehen können, und ebenso droht die dort eingeführte Katze dem Kakapo, einem dortigen Kukuk, der auf niederen Zweigen zu nisten pflegt, mit dem vollständigen Untergange. Nicht allein die wilden Völkerstämme sind es, die bei der Ankunft des weißen Mannes ihr Todesurtheil empfangen, auch die Hausthiere, welche ihn begleiten, bringen den freien thierischen Bewohnern der Wildniß Verderben und Vernichtung.
(“Der Kiang-lu” 1880, später aufgenommen in Am Stillen Ocean)

Der Kakapo, ich glaub’s nicht! Der Kakapo ist kein Kuckuck, sondern ein flugunfähiger Papagei; der einzig flugunfähige Papagei, den es gibt. Auf Neuseeland, ja. Den Kakapo wählten schon Douglas Adams und Mark Carwardine als eine der bedrohten Tierarten, die sie in Die letzten ihrer Art (Last Chance to See) vorstellten, und daher kennen und lieben wir ihn.

Der Kakapo ist inzwischen tatsächlich vom Aussterben bedroht (Rote Liste, critically endangered), im März 2014 gab es noch 126 Exemplare. Der Grund für das Aussterben ist der, den May schildert – zu den von May genannten Katzen (und wohl auch Ratten) kamen nach 1880 noch dort ausgesetzte Hermeline, Frettchen und Wiesel hinzu, die die überhand nehmende Zahl der Kaninchen reduzieren sollten. Rettungsversuche für den Kakapo begannen schon 1891.

Hier trägt Adams aus dem Buch vor:

Unbedingt empfehlenswert, das ganze Buch. Das Fortpflanzungsverhalten des Kakapo ist tatsächlich bizarr, Wikipedia hat eine Menge Information dazu. Unter anderem kann man dort den männlichen Balzruf hören oder (als .ogg) herunterladen. Mit meinen alten müden Ohren höre ich den originalen Balzruf dort tatsächlich nicht – die Frequenz liegt unter meiner Hörschwelle, der Ton ist zu tief. Auf Wikipedia gibt es eine um eine Quinte herauftransponierte Fassung, da höre ich den Ruf tatsächlich. Schöner ist es natürlich, sich die Originaldatei in eine Audiobearbeitungssoftware zu laden, dort zu sehen, dass da etwas ist, das man nicht hört, und dann selber die Frequenz zu erhöhen, bis man die Töne hört.

kakapo

Am Stillen Ocean ist kein Roman, sondern eine Sammlung von fünf Einzelerzählungen, die teilweise weiter in einzelne Episoden aufgeteilt sind. Der Held ist wieder mal Kara Ben Nemsi/Old Shatterhand, hier durchweg “Charley” genannt, aber die Geschichten spielen weder in Nordamerika noch in Nordafrika oder Arabien oder auf dem Balkan, sondern in der Südsee und China, und sind lose miteinander verknüpft. In der ersten Geschichte geht es um einen Machtkampf in der Südsee, in der zweiten, längeren und interessantesten, um Flusspiraten in China. Die dritte Geschichte beginnt in einem Bahnhof in einem “berühmten Centralpunkt des westfälischen Kohlen- und Eisenwerkbetriebes”, wo der Erzähler das auserkorene Opfer einer Bande von Trickbetrügern wird. Sie wollen ihn bei einer Runde Three-Card-Monte ausnehmen, aber das klappt natürlich nicht. (Später verschlägt es die Geschichte noch nach Moskau und in die Mongolei, wo er jeweils wieder auf die Trickbetrüger stößt.) In der vierten und fünften Geschichte geht es um Piraten auf Ceylon (heute: Sri Lanka) und Java.

Über Land und Leute habe ich in diesen Geschichten sehr viel gelernt. Kunststück, stellt sich heraus, denn Karl May wollte seinen Lesern genau das beibringen. In seiner Autobiographie Mein Leben und Streben schreibt May durchaus kritisch – aber ehrlich gesagt: eher noch begeistert – über die Räuberromane seiner Kindheit und vergleicht sie mit den braven didaktischen Büchern:

Und was geschah in den sonst ganz guten und brauchbaren Büchern des Herrn Rektors? Da waren große, weite und ferne Länder beschrieben, aber es ereignete sich nichts dabei. Da wurden fremde Menschen und Völker geschildert; aber sie bewegten sich nicht, sie taten nichts. Das war alles nur Geographie, nur Geographie, weiter nichts; jede Handlung fehlte. Und nur Ethnographie, nur Ethnographie; aber die Puppen standen still. Es war kein Gott, kein Mensch und auch kein Teufel da, das Kreuz mit den Fäden in die Hand zu nehmen und die toten Figuren zu beleben! Und es gibt doch Einen, der diese Belebung ganz unbedingt verlangt, nämlich der Leser. Und auf den kommt doch alles an, weil er allein es ist, für den die Bücher geschrieben werden. Die Seele des Lesers wendet sich von jeder Bewegungslosigkeit ab, denn diese bedeutet für sie den Tod. Welch ein Reichtum des Lebens dagegen in dieser Leihbibliothek! Und welch ein Eingehen auf die Eigenheiten und Bedürfnisse dessen, der so ein Buch in die Hände nimmt! Kaum fühlt er während des Lesens einen Wunsch, so wird dieser auch schon erfüllt. […] Mag Goethe noch so viel über die Herrlichkeit und Unumstößlichkeit der göttlichen und der menschlichen Gesetze dichten und schreiben, so hat er doch unrecht! Recht hat nur sein Schwager Vulpius, denn der hat den Rinaldo Rinaldini geschrieben!

Ganz klar, May spricht sich für die Unterhaltung aus, nähert sich aber auch sehr der Trivialliteratur, wenn er lobend erwähnt, dass die Wünsche des Lesers jeweils sofort erfüllt werden. Der ganze, lesenswerte Abschnitt steht noch einmal am Ende dises Blogeintrags.

Demnach enthält das Buch auch einige der ausführlichen Landschaftsbeschreibungen, die man als junger Mensch immer übersprungen hat. Anders war das übrigens bei dem Band, den ich eine Woche zuvor gelesen hatte: Im Lande des Mahdi I: Menschenjäger enthält kaum solche störenden Landschaftsszenen. Dafür besteht es aus zu vielen Variationen von: Feinde Verfolgen, Gefangennehmen und -genommenwerden, Anschleichen und Belauschen, Befreien von Gefangenen. Auf die Dauer merkt man da schon eine gewisse Wiederholung. Da ist Am Stillen Ocean sehr viel abwechslungsreicher – andererseits enthält das dafür nervende Sidekicks, etwa der sehr flach gezeichnete Sir John Raffley (mit genau drei Merkmalen: spleeniger Engländer, wettet gern, hat eine Klappstuhl-Fernrohr-Regenschirm-Kombination) und in der letzten Geschichte den mehr als üblich rassistisch gezeichneten Quimbo.

Sprachliches

Am Stillen Ozean ist ein Fundort für das seltene Dschungel-Femininum, wie es sich – neben der Pluralform – auch bei alten Kipling-Übersetzunge findet. Oft ist hier vom Dschungel im Plural die Rede, da verwundert der Artikel “die” nicht: “Da in die dichten Dschungeln nur sehr schwer einzudringen ist” (GR11, S. 534). Manchmal ist dabei unklar, ob es sich um Singular oder Plural handelt: “Wir liefen durch die Dschungel nach der Küste zurück” (GR11, S. 568) – ein Akkusativ-Singular oder ein Plural, diesmal ohne “n”?
Aber ein echtes Femininum ist auch einmal dabei: “dann kam die Dschungel, eine undurchdringliche Verwickelung von üppigen Rankengewächsen, Schlingpflanzen und Sträuchern” (GR11, S. 426). Allerdings gibt es auch einmal ein eindeutiges Maskulinum/Neutrum: “nicht weit von uns im Dschungel verborgen” (GR11, S. 435). Zitate in diesem Fall jeweils nach der digitalen Ausgabe, also nicht überprüft.

Und dann ist da noch Karl Mays Verwendung von “jedenfalls”. Heute wird das Wort verwendet, um an Vorangegangenes anzuknüpfen, entweder rein bestätigend oder konzessiv-abwehrend. (Ich habe jedenfalls nichts davon gewusst!) Auch das Deutsche Wörterbuch (Grimmsches Wörterbuch) nennt diese Bedeutung: “nach einem zugebenden, voraussetzenden, behauptenden vordersatze: mochte er auch in not sein, jedenfalls durfte er einen solchen schritt nicht thun”. Allerdings kennt es auch eine Bedeutung, die es heute nicht mehr gibt: “es steht im sinne einer nachdrücklichen bejahung: ‘kommst du?’ jedenfalls”. Und dieses an nichts vorher Gesagtes anknüpfende “jedenfalls”, das hat May recht oft. In folgenden Sätzen steht das Wort synonym für “gewiss, sicherlich, zweifellos”.

Er ruderte sich an der Küste hin, jedenfalls um sein Lotsenboot zu holen, und wir hielten auf unsere Jacht zu.

Als wir das Zwischendeck passierten, wo die Räuber angebunden waren, stieß der Kapitän einen leichten Fluch aus, jedenfalls vor Grimm darüber, daß wir Quimbo gefunden hatten

Ich war gezwungen, das Schleichen aufzugeben, und sprang, obgleich ich in der Eile das Gespenst nicht sah, auf die Hinterluke zu. Wenn ich diese, aus der er jedenfalls gekommen war, besetzte, konnte er uns nicht entgehen.

Die Gefangenen wurden im Vorderraume untergebracht und scharf bewacht, dann ging es an eine Untersuchung des Raumes. Er enthielt eine reichliche und jedenfalls zusammengeraubte Ladung von Zimmet, Reis, Tabak, Kaffee, Ebenholz und – geraubten Frauen.

Das erinnert mich an einen Schüler in einem meiner aktuellen Kurse, der “schon” ähnlich als Allerweltsbestätigung verwendet: “Können Sie die Frage beantworten?” “Schon.”

Anhang: Aus Karl Mays Bibliographie Mein Leben und Streben

Hintergrund: Es geht um einen Nebenjob des jugendlichen Karl May in einer Wirtschaft, wo er unter anderem zum Kegelaufstellen beschäftigt ist. Dort entdeckt er Abenteuerromanzen:

Und doch gab es in dieser Schankwirtschaft ein noch viel schlimmeres Gift als Bier und Branntwein und ähnliche böse Sachen, nämlich eine Leihbibliothek, und zwar was für eine! Niemals habe ich eine so schmutzige, innerlich und äußerlich geradezu ruppige, äußerst gefährliche Büchersammlung, wie diese war, nochmals gesehen! Sie rentierte sich außerordentlich, denn sie war die einzige, die es in den beiden Städtchen gab. Hinzugekauft wurde nichts. Die einzige Veränderung, die sie erlitt, war die, daß die Einbände immer schmutziger und die Blätter immer schmieriger und abgegriffener wurden. Der Inhalt aber wurde von den Lesern immer wieder von neuem verschlungen, und ich muß der Wahrheit die Ehre geben und zu meiner Schande gestehen, daß auch ich, nachdem ich einmal gekostet hatte, dem Teufel, der in diesen Bänden steckte, gänzlich verfiel. Was für ein Teufel das war, mögen einige Titel zeigen: Rinaldo Rinaldini, der Räuberhauptmann, von Vulpius, Goethes Schwager. Sallo Sallini, der edle Räuberhauptmann, Himlo Himlini, der wohltätige Räuberhauptmann. Die Räuberhöhle auf dem Monte Viso. Bellini, der bewundernswürdige Bandit. Die schöne Räuberbraut oder das Opfer des ungerechten Richters. Der Hungerturm oder die Grausamkeit der Gesetze. Bruno von Löweneck, der Pfaffenvertilger. Hans von Hunsrück oder der Raubritter als Beschützer der Armen. Emilia, die eingemauerte Nonne. Botho von Tollenfels, der Retter der Unschuldigen. Die Braut am Hochgericht. Der König als Mörder. Die Sünden des Erzbischofs u. s. w. u. s. w.

Wenn ich zum Kegelaufsetzen kam und noch keine Spieler da waren, gab mir der Wirt eines dieser Bücher, einstweilen darin zu lesen. Später sagte er mir, ich könne sie alle lesen, ohne dafür bezahlen zu müssen. Und ich las sie; ich verschlang sie; ich las sie drei- und viermal durch! Ich nahm sie mit nach Haus. Ich saß ganze Nächte lang, glühenden Auges über sie gebeugt. Vater hatte nichts dagegen. Niemand warnte mich, auch die nicht, die gar wohl verpflichtet gewesen wären, mich zu warnen. Sie wußten gar wohl, was ich las; ich machte kein Hehl daraus. Und welche Wirkung das hatte! Ich ahnte nicht, was dabei in mir geschah. Was da alles in mir zusammenbrach. Daß die wenigen Stützen, die ich, der seelisch in der Luft schwebende Knabe, noch hatte, nun auch noch fielen, eine einzige ausgenommen, nämlich mein Glaube an Gott und mein Vertrauen zu ihm.

Die Lektüre tut seiner Seele gar nicht gut, bildet allenfalls seinen Geist ein wenig. Die heldenhaften Räuber machen Mays moralischen Kompass kaputt:

Die Psychologie ist gegenwärtig in einer Umwandlung begriffen. Man beginnt immer mehr, zwischen Geist und Seele zu unterscheiden. Man versucht, sie beide auseinander zu halten, sie scharf zu definieren, ihre Unterschiede nachzuweisen. Man behauptet, daß der Mensch nicht Einzelwesen sondern Drama sei. Soll ich mich dem anschließen, so darf ich das, was auf meinen kleinen, erst im Entstehen begriffenen Geist und das, was auf meine kindliche Seele wirkte, nicht mit einander verwechseln. Die ganze Vielleserei, zu der ich bisher gezwungen gewesen war, hatte meiner Seele nichts, gar nichts gebracht; nur das winzige Geisterlein hatte die Wirkung davon gehabt, aber was für eine Wirkung! Es war zu einem kleinen, monströs dicken, wasserköpfigen Ungeheuer aufgestopft und aufgenudelt worden. Der sehr gut, ja vielleicht außergewöhnlich veranlagte Knabe hatte sich zu einer unartikulierten geistigen Mißgestalt verwandelt, die nichts Wirkliches besaß als nur ihre Hilflosigkeit. Und seelisch war ich ohne Heimat, ohne Jugend, hing nach oben nur an dem erwähnten starken, unzerreißbaren Tau und wurde nach unten nur dadurch an der Erde festgehalten, daß ich für König und Vaterland, Gesetz und Gerechtigkeit diejenige mehr poetische als materielle Hochachtung empfand, die aus den Tagen stammte, an denen die elf Heldenkompagnieen Ernsttals sich gebildet hatten, den schwer bedrängten Monarchen Sachsens und seine Regierung von dem Untergang zu erretten. Nun aber wurde mir auch dieser Halt genommen, und zwar durch die Lektüre dieser schändlichen Leihbibliothek. Alle die Räuberhauptleute, Banditen und Raubritter, von denen ich da las, waren edle Menschen. Was sie jetzt waren, das waren sie durch schlechte Menschen, besonders durch ungerechte Richter und durch die grausame Obrigkeit geworden. Sie besaßen wahre Frömmigkeit, glühende Vaterlandsliebe, eine grenzenlose Wohltätigkeit und warfen sich zum Ritter und Retter aller Armen, aller Bedrückten und Bedrängten auf. Sie zwangen die Leser zur Hochachtung und Bewunderung; alle Gegner dieser herrlichen Männer aber waren zu verachten, also besonders die Obrigkeit, der Schnippchen auf Schnippchen geschlagen wurde. Und vor allen Dingen die Fülle des Lebens, der Tätigkeit, der Bewegung, die in diesen Büchern herrschte! Auf jeder Seite geschah etwas, und zwar etwas Hochinteressantes, irgend eine große, schwere, kühne Tat, die man zu bewundern hatte.

Aber faszinierend ist sie halt schon, die Trivialliteratur:

Was dagegen war in all den Büchern geschehen, die ich bisher gelesen hatte? Was geschah in den Traktätchen des Pfarrers? In seinen langweiligen, nichtssagenden Jugendschriften? Und was geschah in den sonst ganz guten und brauchbaren Büchern des Herrn Rektors? Da waren große, weite und ferne Länder beschrieben, aber es ereignete sich nichts dabei. Da wurden fremde Menschen und Völker geschildert; aber sie bewegten sich nicht, sie taten nichts. Das war alles nur Geographie nur Geographie, weiter nichts; jede Handlung fehlte. Und nur Ethnographie, nur Ethnographie; aber die Puppen standen still. Es war kein Gott, kein Mensch und auch kein Teufel da, das Kreuz mit den Fäden in die Hand zu nehmen und die toten Figuren zu beleben! Und es gibt doch Einen, der diese Belebung ganz unbedingt verlangt, nämlich der Leser. Und auf den kommt doch alles an, weil er allein es ist, für den die Bücher geschrieben werden. Die Seele des Lesers wendet sich von jeder Bewegungslosigkeit ab, denn diese bedeutet für sie den Tod. Welch ein Reichtum des Lebens dagegen in dieser Leihbibliothek! Und welch ein Eingehen auf die Eigenheiten und Bedürfnisse dessen, der so ein Buch in die Hände nimmt! Kaum fühlt er während des Lesens einen Wunsch, so wird dieser auch schon erfüllt. Und welche bewundernswerte, unwandelbare Gerechtigkeit gibt es da. Jeder gute, ehrenhafte Mensch, mag er zehnmal Räuberhauptmann sein, wird unbedingt belohnt. Und jeder böse Mensch, jeder Sünder, mag er zehnmal König, Feldherr, Bischof oder Staatsanwalt sein, wird unbedingt bestraft. Das ist wirkliche Gerechtigkeit; das ist göttliche Gerechtigkeit! Mag Goethe noch so viel über die Herrlichkeit und Unumstößlichkeit der göttlichen und der menschlichen Gesetze dichten und schreiben, so hat er doch unrecht! Recht hat nur sein Schwager Vulpius, denn der hat den Rinaldo Rinaldini geschrieben!

Das Schlimmste an dieser Lektüre war, daß sie in meine spätere Knabenzeit fiel, wo alles, was sich in meiner Seele festsetzte, für immer festgehalten wurde. Hierzu kam die mir angeborene Naivität, die ich selbst heute noch in hohem Grade besitze. Ich glaubte an das, was ich da las, und Vater, Mutter und Geschwister glaubten es mit. Nur Großmutter schüttelte den Kopf, und zwar je länger, desto mehr; sie wurde aber von uns andern überstimmt. Es war uns in unserer Armut ein Hochgenuß, von »edeln« Menschen zu lesen, die immerfort Reichtümer verschenkten. Daß sie diese Reichtümer vorher andern abgestohlen und abgeraubt hatten, das war ihre Sache; uns irritierte das nicht! Wenn wir lasen, wieviel bedürftige Menschen durch so einen Räuberhauptmann unterstützt und gerettet worden seien, so freuten wir uns darüber und bildeten uns ein, wie schön es wäre, wenn so ein Himlo Himlini plötzlich hier bei uns zur Tür hereinträte, zehntausend blanke Taler auf den Tisch zählte und dabei sagte; »Das ist für euren Knaben; er mag studieren und ein Dichter werden, der Theaterstücke schreibt!« Das letztere war mir nämlich, seit ich den »Faust« gesehen hatte, zum Ideal geworden.

Ich muß bekennen, daß ich diese verderblichen Bücher nicht nur las, sondern auch vorlas, nämlich zunächst meinen Eltern und Geschwistern und sodann auch in andern Familien, die ganz versessen darauf waren. Es ist gar nicht zu sagen, welchen unendlichen Schaden eine einzige solche Scharteke herbeiführen kann. Alles Positive geht verloren, und schließlich bleibt nur die traurige Negation zurück. Die Rechtsbegriffe und Rechtsanschauungen verändern sich; die Lüge wird zur Wahrheit, die Wahrheit zur Lüge. Das Gewissen stirbt. Die Unterscheidung zwischen gut und bös wird immer unzuverlässiger! das führt schließlich zur Bewunderung der verbotenen Tat, die scheinbar Hilfe bringt. Damit ist man aber nicht etwa schon ganz unten im Abgrunde angelangt, sondern es geht noch tiefer, immer tiefer, bis zum äußersten Verbrechertum.

Schlimm, schlimm. Selten ist Trivialliteratur so ineffektiv verdammt worden.

(Zum ganzen Buch.)

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