Gedankenaustausch bei Twitter: Deutungsthesen und Schulhomepages

Zwei Gedankenaustausche bei Twitter letzte Woche, der erste zum Thema Aufsatzdidaktik: Schülerinnen und Schüler schreiben in allen Bundesländern Interpretationsaufsätze zu Dramen, Erzählungen, Gedichten. Dazu gehört dann jeweils eine Beschreibung der wichtigsten Phänomene – Erzählverhalten, Figurenkonstellation, Art der Äußerungen, Form, und die bekannten sprachlichen und stilistischen Auffälligkeiten. Das alles soll aber münden in eine eigenständige Deutung des Textes: Was bedeutet das alles denn nun? (Das ist eine ganz andere Frage als die, was der Autor damit wollte, wird aber oft damit verwechselt.) Im Lehrplan heißt das: „Vor dem Hintergrund der Mehrdeutigkeit literarischer Texte entfalten die Schülerinnen und Schüler ein eigenständiges Textverständnis […]

Mir ist egal, was der Autor meinte

Übrigens habe ich da noch ein Bild für die Deutsch-#Lehrer*innen in meiner TL. PS: Mein Tweet hat keine Metaebene. pic.twitter.com/jUkzxO4fK1 — Dejan Mihajlović (@DejanFreiburg) 9. Mai 2016 (Bild: Was der Autor meinte vs. Was dein Deutschlehrer denkt, was der Autor meinte.) War sicher lustig gemeint, und sollte vielleicht einfach die Deutschlehrer auf die Palme bringen. Aber viele Leute scheinen echt zu glauben, das dass an diesen Gedanken etwas dran ist. Und das liegt an einem Missverstehen. Also: Mir als Lehrer und Leser ist egal, was der Autor meinte. Und hoffentlich – zugegeben, hoffentlich – ist das bei allen anderen Lehrern […]

Zeitung in der Schule lesen

Zum Halbjahr habe ich eine 8. Klasse etwas unvermittelt übernommen; gestern haben wir Zeitung gelesen. Das habe ich ja schon ewig nicht mehr gemacht mit Schülern. So einfach, wie man sich das vorstellt („bringt doch alle mal eine Zeitung mit“) ist das gar nicht: Nicht alle Haushalte haben eine Zeitung, früher schon nicht, heute noch weniger. Und man darf auch nicht voraussetzen, dass die Schülerinnen einfach so die Zeitung mitnehmen dürfen, also: eher die vom Vortag sich geben lassen. Nicht alle Schüler wissen, was eine Zeitung ist. Was zusammengeheftet ist, ist eine Zeitschrift. Keine Zeitung: Anzeigen- und Wochenblätter, auch wenn […]

dada_schriftrolle

Hugo Ball & Dada

Der folgende Text von Hugo Ball ist ein Klassiker aus seinen Tagebucherinnerungen, „Die Flucht aus der Zeit“ von 1927. Darin schildert eher die dadaistische Aufführung eines dadaistischen Gedichts. Den Dadaismus behandle ich in Deutsch nur ganz am Rande im Zusammenhang mit dem Expressionismus, aber ein dadaistisches Gedicht müssen ein paar Schülerinnen und Schüler der Oberstufe ihren Mitschülern schon präsentieren. Ein Foto habe ich nicht gemacht, und an den Aufzug von Hugo Ball – siehe Bericht und Foto unten – sind die Schüler nicht herangekommen. Aber ein mehrstimmiger Vortrag, etwas Verkleidung und eine Schriftrolle waren involviert. 23. VI 1916 Ich habe […]

Fortbildung LehrplanPLUS

Heute war ich den ganzen Tag auf einer Fortbildung für die Fachbetreuer Deutsch. Es ging um die anstehende Einführung des neuen Lehrplans (https://www.lehrplanplus.bayern.de). Wie man der Webseite entnehmen kann, ist sie für alle Schularten in Bayern gedacht; ob eine davon federführend war, weiß ich nicht – aber wie kann man heutzutage noch ernsthaft auf einer hochoffiziellen Schulwebseite Comic Sans verwenden? Um Tafelschrift nachzuahmen? Was der Unterschied zwischen den Kompetenzen „Texte planen und schreiben“ und „über Schreibfertigkeiten bzw. -fähigkeiten verfügen“ wurde mir zwar in einem Satz erklärt, aber nicht so, dass ich ihn verstanden hätte. Es geht jedenfalls nicht um „richtig […]

schiller_geisterseher

Friedrich Schiller, Der Geisterseher

„Einer der besten Krimis aller Zeiten“ hieß es vor drei Wochen in der Süddeutschen Zeitung (online) über Schillers Romanfragment Der Geisterseher, das in fünf Teilen in Heft 4-8 (1787-1789) der Zeitschrift Thalia erschien und danach für die erweiterte Buchausgaben noch etwas umgestaltet wurde. Das ist Unsinn. Das Buch ist meinethalben seiner Zeit voraus, genreprägend, stilbildend, vielleicht sogar ein Krimi, sicher Schillers größter Publikumserfolg – aber ein planloses Durcheinander, was Erzählweise und Plot betrifft. Der Graf von O. erzählt uns im Buch, was er selbst miterlebt hat: Die Geschichte vom Niedergang des Prinzen von **. Der ist ein deutscher Prinz, gut […]

arnold_der_schwarze_jonas

Ignaz Ferdinand Arnold, Der Schwarze Jonas

Der Schwarze Jonas, Kapuziner, Räuber und Mordbrenner. Ein Blutgemälde aus der furchtbaren Genossenschaft des berüchtigten Schinderhannes. Aus einem Inquisitions-Protokoll gezogen ist ein – darf ich sagen berüchtigter? dabei wenig bekannter? – Räuberroman von 1805. Ich habe ihn in einer Ausgabe aus dem Jahr 2000 gelesen, print on demand, aber trotzdem ansprechend gemacht, leider mit einigen Tippfehlern, aber dafür in der Reihe „ExcentricClub“ erschienen – das macht Vieles wett. In dem dtv-Band Lieblingsbücher von dazumal. Eine Blütenlese aus den erfolgreichsten Büchern von 1750-1860 (Hrsg. Horst Kunze), den ich nie ganz gelesen habe, weil mich der Satzspiegel abschreckt, taucht Arnold nur kurz […]

Variationen auf Walter Moers

Eine Fingerübung für Zwischendurch. Ich glaube ja, dass man auffällige Sprache dann besser analysieren kann, wenn man Beispiele dafür auch mal geschrieben hat. Hier sind Variationen auf Walter Moers‘ Märchenroman Der Schrecksenmeister (der seinerseits eine Variation auf „Spiegel, das Kätzchen“ von Gottfried Keller ist). Das Original beginnt mit einer Schilderung vom „krankesten Ort in ganz Zamonien“, hier Schülerprodukte aus der Oberstufe, kleinere Rechtschreibfehler verbessert: Stellt euch den sportlichsten Ort von ganz Zamonien vor! Eine kleine Stadt mit Laufbahnen als Straße und Hochsprunganlagen auf den Dächern, über der ein sportliches Schloss mit mutigen Athleten thronte. In der es die verrücktesten Sportarten […]

Was ein Beispiel ist

Eine der ersten Unterrichtsstunden, die ich als beginnender Referendar mitansah, war bei meinem Seminarlehrer für Deutsch. Es ging um das, was damals in der 8. Klasse „Begründete Stellungnahme“ hieß und eine einfache Form des sachlichen argumentativen Schreibens war. Eine These, drei Argumente, die die These stützten, dazu Einleitung und Schluss. In dieser Stunde ging es konkret darum, wie man ein Argument aufbaut. (Die Dateien damit zählen zu den selbst erstellten Dateien auf meinem Rechner mit dem ältesten Änderungsdatum, März 1996.) Dazu gab es auf einem Arbeitsblatt eine Art vorgefertigte Stoffsammlung, und die Schülerinnen und Schüler mussten herausfinden, was sich als […]

Bachmannpreisgucken in der Oberstufe

Anfang Juli finden jedes Jahr die Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt statt, in deren Rahmen vor allem der Bachmann-Preis verliehen wird. Sieben Juroren schlagen dazu jeweils zwei Autorinnen oder Autoren vor, die eine unveröffentlichte Geschichte oder einen Romananfang mitbringen und dort vor den Jurorinnen und dem Publikum vorlesen. Nach jeder Lesung reden die Juroren dann kurz über das Werk. Und das alles live, vor Publikum, und im Fernsehen übertragen. Drumherum gibt es ein wenig Folklore für die Schlachtenbummler des Bachmannpreises (Bachmannpreisschwimmen und Bachmann Song Contest) und die Automatische Literaturkritik (Startpunkt für Recherche). Eine Doppelstunde für die Schule ist da […]