Schlagwort: Englisch

Male and Female Vocabulary

Bei Slate wird von einer Studie berichtet, bei der untersucht wurde, welche Vokabeln es gibt, die eher von Männer gekannt werden oder eher von Frauen. Bei den Top Ten der Wörter, die Männer deutlich wahrscheinlicher kennen als Frauen, kenne ich alle. Pfft, was ein Claymore ist, weiß ich seit frühen Rollenspieltagen, Kevlar kennt jeder Computerspieler, den Rest auch. Bei den zehn Wörtern, die deutlich mehr Frauen kennen als Männer, kannte ich tatsächlich nur sieben. (Nicht gekannt: ein Hormon, eine Pflanze, eine Basteltechnik. “Taupe” kannte ich allerdings.)

Gemma Elwin Harris (Hrsg.), Big Questions from Little People

big_questionsDieses Buch entstand als Benefizprojekt für die englische NSPCC (National Society for the Prevention of Cruelty to Children). An zehn englischen Grundschulen – Alter der Kinder: 4 bis 12 – wurden Fragen eingesammelt, auf die die Kinder gerne eine Antwort gehabt hätten. Diese Fragen gingen dann an Experten, was sich so ziemlich alles vom Wissenschaftler bis zur Fernsehbekanntheit sein konnte. Die versuchten die Frage kurz und verständlich zu beantworten. Darunter sind namhafte Leute: Noam Chomsky, Richard Dawkins, David Crystal, David Attenborough, Philip Pullman, Simon Singh, Rupert Sheldrake.

Die Fragen sind eine bunte Mischung. “Warum ist Pipi gelb? Warum ist Blut rot? Warum ist der Himmel blau? Wo kommt der Wind her? Wer hatte das erste Haustier? Wo kommen die Namen der Städte her?”
Etwa achzig davon gibt es, jede ist auf etwa zwei Seiten (um die 330-380 Wörter) beantwortet. Es gibt Fragen ähnlichen denen, die jede Woche von Randall Munroe auf seiner Seite what if? beantwortet werden: “Wenn eine Kuh ein Jahr lang nicht furzt, und dann alles auf einmal, kann sie dann in den Weltraum fliegen?”, und sehr spezifische Fragen wie: “Mochte Alexander der Große Frösche?” Bei vielen Fragen geht es um naturwissenschaftliche Phänomene (Tiere, Regenbogen, Klima, der menschliche Körper), bei anderen um Ethik und Philosophie (“Warum sind manche Menschen gemein?” “Warum gibt es Kriege?” “Warum bin ich ich?”).

Mir gefällt am Buch – abgesehen davon, dass ich generell Antworten auf Fragen mag – die Textsorte. Die Texte sind leicht verständlich, wenig dicht, und kurz. Für den Englischunterricht die Schule kann ich so etwas brauchen.
Aber auch als Textsorte für Schüler gefällt mir das. “Erklären” ist an der Schule ohnehin völlig unterrepräsentiert. Gelegentlich finde ich bei Aufgabenstellungen diesen Operator, aber gemeint ist dann doch immer “Begründe deine Ansicht”, und das ist doch etwa anderes. Schüler sollten öfter etwas erklären müssen.

Die Fragen sind sehr unterschiedlich gut beantwortet. Viele sind nachvollziehbar, verständlich. Warum Flugzteuge fliegen können etwa (nichts mit dem Gesetz von Bernoulli zu tun hat), warum Pipi gelb ist. Andere finde ich wohlmeinend-herablassend. Auf die Frage: “Warum schmeckt Kuchen so gut?” lautet die gegebene Antwort letztlich, dass das wie Magie und überhaupt ganz toll ist, dass aus so einfachen Zutaten etwas so leckeres entsteht. “Warum kochen wir unser Essen?” dagegen: Hinweis auf rohes Essen, auf die historische Entwickung, dann drei knackige Gründe. Solide beantwortet. Die Frage “Where does ‘good’ come from?” wird meiner Meinung nach auch nicht bwantwortet, weil man dann zugeben müsste, dass das Gute eine Erfindung ist. Aber das ist sicher auch Ansichtssache. Auf die Frage: “Warum kriegen Mädchen Kinder und Buben nicht?” lautet die Antwort, neben einigen Punkten zur Entwicklung eines Fötus: Liegt an den Hormonen, Östrogen beziehungsweise Testosteron. Nun ist das mit dem “Warum” ja immer so eine Sache, das kann man so oder so verstehen. Mich hätte die Antwort mit den Hormonen nicht befriedigt, weil ich letztlich hätte wissen wollen, warum es überhaupt diese Arbeitsteilung in Kinderkrieger und Nichtkinderkrieger gibt.

Am wenigsten zufrieden bin ich aber mit der Antwort darauf, ob Zucker wirklicht schlecht für einen ist (Annabel Karmel, parenting author).
Zucker wird nicht verdammt, okay, und generell ist die Antwort schon richtig. Aber Fruchtzucker wird als irgendwie besser als raffinierter Zucker hingestellt, denn: “[th]ese forms of sugar haven’t been played about with”. Zucker sei außerdem schlecht für die Zähne. Gut, das sehe ich ein. Aber dann wird als Beleg dafür angeführt, dass man ja vielleicht dieses Experiment kenne, wo man einen Zahn oder eine Kupfermünze in ein Glass “fizzy drink” legen könne. Nach ein paar Stunden schon würde man ja sehen, was dann damit geschehe!

Bitte was? Ich hätte ja gedacht, dass alles, was da geschieht, an der Kohlensäure liegt, bei Cola auch noch an der Phosphorsäure, und nicht am Zuckergehalt.

Also frischauf ans Werk, ausprobieren. Ich habe fünf gleichermaßen gebraucht aussehende 5-Cent-Münzen gesucht. Jede liegt im Moment in einem Glas mit jeweils 200ml Flüssigkeit, Raumtemperatur. Cola mit und ohne Zucker, Limo mit und ohne Zucker, und Zuckerwasser ohne Kohlensäure. Dann wollen wir doch mal sehen, wie die Münzen am Schluss aussehen.

Inhalt der Gläser:

  1. Coca-Cola: 10,6 g Zucker pro 100 ml (Kohlensäure, Phosphorsäure)
  2. Coca-Cola zero: 0 g Zucker pro 100ml (Kohlensäure, Phosphorsäure)
  3. Sprite: 9,1 g Zucker pro 100 ml (Kohlensäure, Zitronensäure)
  4. Sprite zero: 0 g Zucker pro 100 ml (Kohlensäure, Zitronensäure)
  5. Zuckerwasser, selbst hergestellt: 10 g Zucker pro 100 ml. (Das sind etwa 4 Teelöffel pro eher kleinem Glas, was schon einiges and Umrühren erforderte.)

Verbleiben im Glas: 7 Stunden.

Versuchsanordnung:

zucker_versuchsanordnung

So sahen die Münzen vorher aus:

zucker_muenzen_vorher

So sahen die Münzen danach aus (die Seite, die oben lag):
zucker_muenzen_nachher1

So sahen die Münzen danach aus (die Seite, die unten lag):
zucker_muenzen_nachher2

Meine Interpretation der Ergebnisse:

Die kohlensäurehaltigen Flüssigkeiten haben das Metall angegriffen beziehungsweise gereinigt. Das Zuckerwasser überhaupt nicht. Die Unterseiten der Münzen, die auf dem Glasboden lagen, sind weniger angeriffen als die Oberseiten. Der Zusammenhang, der im Buch hergestellt wird, stimmt nicht.

Das heißt nicht nicht, dass Zucker den Zähnen nicht doch schadet. (Weil die Bakterien den essen.) Und auch sonst beweist das Experiment nichts, weil ein Experiment nicht viel beweisen kann. Durch Experimente überprüft man seine Vermutungen. Nötig wären jetzt weitere Experimente, mit Messung des Säuregehalts, mit verschiedenen Kombinationen von Säure- und Zuckergehalt, mit kohlensäurehaltigem Mineralwasser ohne Zitronen- oder Phosphorsäure, dann hat man mehr Daten und kann seine Vermutungen immer genauer überprüfen. Und als bewiesen kann man Sachen annehmen, wenn man eine Theorie dazu entwickelt hat und diese Theorie ermöglicht, Voraussagen zu treffen. Gibt es natürlich alles schon, siehe Chemieunterricht.

(Nebenbei: Fehlgeschlagene Experimente gibt es nicht, oder nur insofern, als sie falsch geplant oder fehlerhaft durchgeführt worden sind. Ein Experiment, bei dem nicht das herauskommt, was man erwartet hat, dürfte sogar ein höchst interessantes Experiment sein. Es kommt halt leider nicht immer das heraus, was man sich erhofft, aber aber ist etwas anderes.)

Facharbeit 1987: “The impact of Edgar Allan Poe on the work of Howard Phillips Lovecraft”

Neulich herausgekramt: Meine Facharbeit, Leistungskurs Englisch. Getippt auf einem IBM-Computer, grün auf schwarz, ausgedruckt auf einem Typenraddrucker.

Das Original der Facharbeit habe ich natürlich nicht, und auch keine unmittelbare Kopie. Aber eine kleine Weile nach der Facharbeit habe ich für einen Brieffreund die Datei noch einmal ausgedruckt; inzwischen war das “k” am Typenrad schon etwas beschädigt, und einen Ausdruck dieser Version habe ich, nebst der Punkteverteilung durch den Lehrer damals.

Es gab 14 Punkte. Das war okay. Von einem Schüler heute würde ich deutlich mehr verlangen, aber auch dafür sorgen, dass der das auch leisten kann. Ich habe mir damals das Thema alleine gewählt, die Sekundärliteratur alleine herausgesucht (hatte ich eh alle zu Hause) und kann mich an keinerlei Betreuung oder große Ansprüche seitens der Lehrkraft erinnern. Die 14 Punkte gab es dann auch vor allem, denke ich, für das sehr gute Englisch, weniger für den Inhalt.

Der genügt meinen heutigen Ansprüchen an Schülern nicht. Schlampige Bibliographie, Anmerkungen in Klammern im Text statt ordentlicher Fußnoten und eine Neigung zu beiläufig getroffenen, pauschalen Aussagen ohne jeglichen Beleg.

Also: Nicht alles an der Schule wird schlechter. Die Vorbereitung darauf, wie man eine wissenschaftliche Arbeit schreibt, ist im G8 deutlich besser, und war es auch im G9. Ob das Englisch der Schüler besser ist, kann ich nicht beurteilen.

Hier die erste Seite:

facharbeit03

Pretentious, moi? Was für feinziselierte purple prose, oder anders gesagt, welche Liebe zum gewählten Ausdruck:

  • “Both wrote [...] tales of mystical realms, both wrought delicate poems”
  • “which leaves its hero bereft of his love”
  • “versed in the way of cosmic monstrosities and all too much aware of the danger”
  • “once they start meddling with the strange affairs delt [sic] with in Lovecraft’s prose”
  • “Who could forget the eerie atmosphere of the House of Usher or the Red Death crashing Prospero’s party?”
    (Dammit, warum habe ich die Alliteration nicht noch mit “Prince Prospero’s party” auf die Spitze getrieben? Die Vokabel “to crash a party” hatte ich übrigens aus dem Lied “You May Be Right” von Billy Joel.)
  • “for who is able to see at first glance that ‘The Golden Bough’ by Frazer is a real book, whereas the ‘Book of Eibon’ is purely fictive?”

Fehlerfrei ist die Arbeit natürlich nicht. Um nur zwei Stellen zu nennen, die mir eben aufgefallen sind:

  • “Whom, among others, he took himself as an example”
  • “Lovecraft profitated from this idea”

Eventuell kommt nächstes Schuljahr ein W-Seminar zu Horror- und Gruselliteratur zustande, Leitfach Deutsch, aber Lovecraft wird sicher auch dabei sein. So wie Novellen der Romantik, Computer- und Rollenspiele auch.

Serious Text Games

“The Republia Times” ist ein schönes Spiel, das sich vielleicht auch für das rasche Leseverstehen (skimming) im Englischunterricht eignet. Flashbasiert, im Browser zu spielen; man kann die Flashdatei aber auch einfach lokal speichern. (Via Aaron A. Reed.)

Das Spiel ist einfach, aber reizvoll: Man spielt den eben ernannten Redakteur der Republia Times, einer Zeitung im diktatorisch regierten Republia. Die Presse dort ist alles andere als frei; die Familie des Redakteurs befindet sich in Geiselhaft der Regierung. Man muss zehn Tage als Redakteur überstehen: In den ersten Tagen muss man die Loyalität der Leserschaft auf einen gegebenen Wert erhöhen, indem man regimefreundliche Propagandaartikel platziert. Danach muss man die Anzahl der Leser erhöhen, indem man Artikel veröffentlicht, die den Lesern gefallen. (Der Loyalitätswert darf dabei aber nicht unter eine bestimmte Grenze sinken.) Und danach wiederum hat man etwas freiere Hand… bis sich der Untergrund meldet und sowohl eine hohe Auflage als auch eine niederige Loyalität der Leserschaft zu einem bestimmten Termin fordert.

So sieht der Bildschirm aus:

republia

Von links unten kommen auf einem Ticker nach und nach die Nachrichten des Tages herein, mal früher mal später. Aus diesen Nachrichten kann man seine Zeitung füllen: Man macht aus dieser Nachricht eine kleine Notiz, einen gewöhnlichen Artikel oder einen großen Dreispalter. Man kann auch nichts auswählen, dann bleibt die Zeitung halt leer, und das kostet natürlich Leser. Um die Zeitung zu füllen hat man nur einen Arbeitstag Zeit; am Rand läuft eine Uhr unerbittlich mit, die einen in den späteren Phasen des Spiels unter Druck setzt. Ganz wird die Zeitung ohnehin nie voll, die Größen der Artikel und der Seite sind so gewählt, das immer mindestens ein kleines frustrierendes Kästchen frei bleibt.

Der Knackpunkt beim Spiel ist die Auswahl der Nachrichten und die Entscheidung, wie groß man sie in die Zeitung setzt:

  • Es gibt Artikel, die für höhere Leserzahlen sorgen: Sport, Militär, Unterhaltung, Wetter. Bei diesen Themen kommt es nicht auf die Größe der Artikel an, sondern nur darauf, dass es sie gibt. Die bringen Leser. Zu viel politische Propaganda und zu wenig Unterhaltung lässt die Leserzahl sinken.
  • Es gibt Artikel, die die Loyalität der Leserschaft beeinflussen, positiv oder negativ: Negative Informationen über die Regierung, Erfolge des feindlichen Nachbarstaats. Hier haben größere Artikel mehr Einfluss auf die Loyalität der Leserschaft als kleinere. Das Wetter ist immer neutral, andere Nachrichten können positiv oder negativ sein.
  • Gibt es zu viel freien Platz, dann sinken Leserzahlen. Drei große Geschichten reichen, um die Zeitung zu füllen

Nach dem zehnten Tag ist das Schicksal von Republia entschieden und es kommt zu einem Ende, sozusagen.

Für den Englischunterricht nutzbar ist das Spiel, weil man die – allerdings sehr kurzen – Nachrichten schnell überfliegen und beurteilen muss: Sind sie interessant ist oder nicht und, unabhängig davon, politisch neutral, positiv oder negativ?

Außerdem lernt man:

  • Eine Zeitung füllt sich nicht von selbst, es gibt immer jemanden, der auswählt, was hineinkommt.
  • Selbst wenn eine Nachricht gebracht werden muss, kann man sie groß herausbringen oder klein halten.
  • An manchen Tagen kommen einfach keine brauchbaren Nachrichten. Aber auch dann muss die Zeitung voll werden.
  • Es gibt mehr Nachrichten, als in einer Zeitung Platz haben. Manches erfährt der Leser also nicht.

Ein anderes flashbasiertes Spiel, das ich schon mal mit Sechtsklässlern gespielt habe, ist “The Big Scan”. Ich habe das vor Jahren schon mal erwähnt, deshalb nur kurz: Das Spiel ist – anders als Republia Times – für Lerner gedacht. Man spielt einen Privatdetektiv, der einen (nicht ganz unblutigen) Fall lösen muss. Dabei übt man, Texte gezielt nach bestimmten Informationen durchzugehen.


Kaum für die Schule geeignet sind die folgenden Spiele, aber ich will sie erwähnen, weil sie für mich reizvoll waren (alles reine Textspiele):

Whom the Telling Changed von Aaron A. Reed. (Auf der verlinkten Seite ist auch eine Möglichkeit, das Spiel im Brwoser zu spielen.) Die Mitglieder einer Stammesgruppe sitzen in vor- oder frühgeschichtlicher Zeit um ein Lagerfeuer und hören sich die rituell erzählte, altbekannte Geschichte an, die der Erzähler vorträgt. Sehr aktiv in herkömmlicher Weise ist man als Spieler nicht: in jeder Erzählpause kann man dan Erzähler bitten, bestimmte Aspekte der Geschichte zu erklären oder zu betonen. Allerdings macht das der Gegenspieler genauso, ein anderer Angehöriger der Gruppe mit anderen politischen Zielen. Beide lenken die Stimmung der Gruppe durch ihre Zwischenfragen, denn die Situation ist hoch politisch: Soll man gegen einen Nachbargruppe in den Krieg ziehen oder nicht? Stellt sie eine Gefahr dar oder nicht?
Die Geschichte, die erzählt wird, ist außerdem eine Episode aus dem Gilgamesch-Epos. Wer sich die mal am virtuellen Lagerfeuer erzählen lassen möchte, kann sich “Whom The Telling Changed” anschauen.

Auf einem Originaltext eines anderen Autors basiert auch The Tempest von Graham Nelson und, uh, William Shakespeare. (Online spielbar via der verlinkten Seite.) Man spielt den Luftgeist Ariel; die Handlung ist die von Shakespeares Sturm. Die Texte sind weitgehend Originalsprache, und zwar – laut eigenen Angaben – der fast vollständige Text der Folioausgabe von 1623. Also Blankvers. Das macht das Lesen macnhmal etwas schwer, und ganz leicht ist das Spiel auch nicht, das macht es weniger reizvoll für Leute, die weder mit frühem Neuenglisch noch mit Interactive Fiction vertraut sind. Aber reizvoll schon, das könnte ich mir auch gut mit einem allerdings gekürzten Sommernachtstraum vorstellen.

Unter der Seite Literary Worlds der Western Michigan University gibt es einen Link zu virtuellen literarischen Welten, die im Rahmen eines Projekts der Uni dort angelegt wurden. Das sind letztlich MUDs, multi-user dungeons, Textadventures für mehrere Spieler. Leider funktionieren einige der Links nicht mehr, auch wenn dann doch alle Welten – und es sind viele – von innerhalb eines jeden Spiels aus betreten werden können. Design und Interface sind nicht sehr ansprechend oder benutzerfreundlich. Ich habe mal The Tempest ausprobiert: Links textbasiert, rechts mit Bildern; navigieren kann man nur rechts, weil der Text bei Richtungsvariablen keinen sauberen Angaben ausgibt; agieren kann man nur links mit Texteingabe. Und alles recht umständlich. Eine schöne Idee, aber nicht mehr zeitgemäß. Auch die Kombination Text-Bild halte ich eher für irritierend als für nützlich – entweder ein reines Textspiel, oder Point-and-Click.

Fußnote: Ich habe schon mal ein eigenes Inform-7-Textadventure auf einen Server hochgeladen, der das Spiel multi-user-fähig macht. Funktioniert auch. Nächster Schritt: Mit Schülern eine Welt anlegen und sich dann dort treffen, textbasiert.

Podcasttipp: Lexicon Valley

Lexicon Valley (at Slate.com): Inzwischen bei Episode 13, jeweils um die dreißig Minuten. Die ersten Episoden waren nur so mäßig interessant, aber die letzten beiden fand ich gut.

— In Episode 12 ging es um die Sprache von Abraham Lincoln, insbesondere der berühmten Gettysburg Address anlässlich der Einweihung eines Soldatenfriedhofs mit Gefallenen einer Schlacht des Bürgerkriegs. Die Rede beginnt “Four score and seven years ago our fathers brought forth, upon this continent, a new nation, conceived in Liberty, and dedicated to the proposition that all men are created equal”, und endet mit: “that this government of the people, by the people, for the people, shall not perish from the earth.”

Der Podcast gibt der Rede etwas Kontext. Als junger Redner hatte Lincoln noch mit dem zu seiner Zeit geschätzten und üblichen blumigen Stil begonnen; erst später fand er zu schlichteren, moderneren Worten. Der Hauptredner bei der Einweihung des Friedhofs war auch gar nicht Lincoln, sondern Edward Everett, einer der berühmtesten – und typischeren – Redner seiner Zeit. Sprach zwei Stunden lang. Danach Lincoln, zwei Minuten.

— Noch interessanter ist Episode 13. Dort geht es um die Arbeit des graduate student Ben Schmidt. Der hat einen Algorithmus entwickelt, um anachronistische Äußerungen in Texten zu finden. (Der Algorithmus nutzt als Datenbasis Google Ngrams, Blogeintrag dazu.) Angewendet wird das zum Beispiel auf die Fernsehserie Mad Men, die Anfang der 1960er Jahre spielt. Oder auf die englische Fernsehserie Downton Abbey, frühes 20. Jahrhundert. Oder auf historische Romane von Edith Wharton, die fünfzig Jahre vor deren Erscheinen spielen.

Übergreifend scheint es so zu sein, dass sich tendenziell Anachronismen in manchen Bereichen häufen, in anderen weniger. Von einigen Ausnahmen abgesehen, gibt es im Bereich der Technik weniger sprachliche Anachronismen – vielleicht, weil Autoren bei technischen Neuerungen eher im Kopf haben, dass diese erst zu einem bestimmten Zeitpunkt eingeführt wurden. Anders ist das bei wirtschaftlichen und finanziellen Themen.
Im Podcast werden auch einige Fragen zur Untersuchungsmethode angesprochen. Wie sehr entspricht die geschriebene Sprache einer Zeit (und der Google-Korpus bezieht sich ja auf diese) der mündlichen? Das wird durch Vergleiche zwischen Hörspielen und Filmen mit zeitgleichen Druckwerken untersucht. Aber auch diese sind natürlich nicht wirklich gesprochene Sprache; am nächsten kommt noch ein Korpus von Aufnahmen nichtöffentlicher Gespräche der amerikanischen Präsidenten der letzten Jahrzehnte.

Im Großen und Ganzen bemüht sich Mad Men um möglichst wenig anachronistische Sprache. People of Colour heißen Negroes, und das kann auch nicht anders sein. Einen Ausdruck hat Schmidt allerdings gefunden, den er – so heißt es – ohne seinen Algorithmus nicht entdeckt hätte, und der in vielen Fernsehserien auftaucht, und zwar anachronistisch verwendet. Und zwar “need to” statt “must/have to/ought to”.

Schmidt fand heraus, dass in Filmen der 1960er “I ought to” wesentlich häufiger auftaucht als “I need to”, und in Filmen dieses Jahrtausends, die in den 1960ern spielen, ist es genau andersherum. Ein Blick in Google Ngrams zeigt, dass “I need to” erst spät im 20. Jahrhundert in Fahrt kommt und das ehemals viel häufigere “I ought to” verdrängt – mit der Mitte der 1980er Jahre als Zeitpunkt, in dem “I need to” häufiger wird:

Das wusste ich aber auch schon aus dem Slate-Artikel How need to vanquished have to, must, and should von Ben Yagoda aus dem Jahr 2006. Dort gibt es auch kluge Gedanken zu den Ursachen dieses Wandels. Unter anderem liegt es eben daran, so Yagoda, dass wir uns im Laufe des 20. Jahrhunderts daran gewöhnt haben, dass unser aller needs so überaus wichtig zu nehmen.

Manners for the Digital Age

Schöner Podcast: Manners for the Digital Age. Der Technik-Kolumnist und die Anstandsdame von Slate beantworten gemeinsam Fragen der digitalen Etikette. Wie geht man mit Müttern um, die Kindergeburstagsfotos bei Facebook posten, mit allen kleinen Gästen darauf? Sind (Foto-)Handys im Umkleideraum okay, auch wenn die Benutzung offiziell verboten ist? Wann muss man Ohrstöpsel aus dem Ohr nehmen? Wie geht man mit Freunden um, die einem kommentarlos die besten bei Facebook geposteten Beiträge klauen? Wie mit Kollegen, die Unwahrheiten über sich posten?

Wenn ich noch Englisch unterrichten würde: Jeweils den Anfang vorspielen, in dem die um Rat suchende Lesezuschrift vorgelesen wird; dann spekulieren lassen, was die beiden wohl antworten werden beziehungsweise einen eigenen Kurzvortrag dazu vorbereiten und vortragen lassen, dann die Originalantwort anhören und vergleichen.

Ich bin selber meist anderer Meinung als die beiden. Auffällig ist ansonsten noch, dass die hiesigen Bedenken über das Internet als bösen Ort voller Gefahren so was von gar keine Rolle spielen. Das Internet ist einfach da und Teil des Alltags.

Big Rock Candy Mountain, zweites öffentliches Üben, und Hemingway

Inhaltsverzeichnis:

  1. Musikalische Versuche
  2. Das Lied und sein Hintergrund
  3. Hobo Stories
  4. Hemingway
  5. Seminar-Idee

1. Musikalische Versuche

Okay, Zeit für das zweite öffentliche Üben:
:http://www.herr-rau.de/wordpress/archiv/bigrock2.mp3|titles=bigrock2

Nachtrag: drittes und letztes öffentliches Üben.
:http://www.herr-rau.de/wordpress/archiv/bigrock3.mp3|titles=bigrock3

Hier der Anfang meiner aktuellen Tabulatur für die Clawhammer Ukulele:

Gibt’s auch als pdf, als midi und als tux – das ist die Quelldatei für für den TuxGuitar tab editor (Java), mit dem ich midi und pdf erzeugt habe. Den finde ich für meine Zwecke praktischer als das verbreitetere PowerTab. Die midi-Datei kann man übrigens auch in andere Tabulaturprogramme importieren und erhält so die Noten.

Ukulele geht schon besser, beim Singen aber keine Fortschritte. Frau Rau sagt betont immer nichts, wenn ich singe. Ein Problem ist, dass im ersten Teil des Liedes etliche Noten sind, die unterhalb des nicht allzu großen Tonumfangs der Ukulele liegen. Ich weiß noch nicht, wie ich die am besten begleite und beim Singen treffe.

2. Das Lied und sein Hintergrund

Zum Lied selber (Wikipedia): In neueren Versionen für die Grundschule gibt es das als heiteres Kinderlied mit abgewandeltem Text. Das Original gewinnt aber viel Witz dadurch, dass das Schlaraffenland, das darin beschrieben ist, ein Schlaraffenland für hoboes ist, für Landstreicher der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. The boxcars are all empty, das sind die Güterwaggons, in die man sich verbotenerweise geschlichen hat, the railways bulls are blind, das sind die Bahnpolizisten, die die Landstreicher gerne mal aus dem fahrenden Zug werfen, und träumen kann man nur von Polizisten mit Holzbeinen (sie können einen also nicht verfolgen) und von Bäumen, auf denen die abgelegte Kleidung (“handouts”) ebenso wächst wie Zigaretten.

Hinter dieser Ebene des Liedes steckt aber noch eine weitere. Das Lied beginnt ja mit einem hobo, der in ein Landstreichercamp (“hobo jungle”) kommt und dort von diesem Hobo-Paradies zu erzählen beginnt, und das mit der Aufforderung, mit ihm zu kommen. Darauf schließen sich drei oder vier (melodisch davon verschiedene) Strophen an, die die Vorzüge dieses Schlaraffenlands preisen und die den Hauptteil des Lieds ausmachen.
Harry McClintock sang das Lied bereits in den 1890er Jahren, dreißig Jahre vor der ersten Aufnahme, und diese ursprüngliche Form enthielt eine abschließende Strophe, die in der Aufnahme ausgelassen wurde:

The punk rolled up his big blue eyes
And said to the jocker, “Sandy,
I’ve hiked and hiked and wandered too,
But I ain’t seen any candy.
I’ve hiked and hiked till my feet are sore
And I’ll be damned if I hike any more
To be buggered sore like a hobo’s whore
In the Big Rock Candy Mountains.”

Ein “punk” ist ein jugendlicher Streuner (oder allgemeiner: abwertend für einen Jugendlichen), der “jocker” ist die Figur der Rahmenhandlung, die den Leuten im hobo jungle die Geschichte erzählt und den Jungen zum Mitkommen überreden will – um ihn sexuell auszubeuten oder eine sexuelle Partnerschaft einzugehen. Klingt weit hergeholt? Solche homosexuellen – daneben auch rein pragmatische – Hobo-Partnerschaften gab es regelmäßig. Der ältere Partner heißt jocker oder wolf und lässt den jungen für sich betteln. Der junge heißt lamb oder gonzel/ganzel (Quelle).

Fußnote: Dashiell Hammett nennt in The Maltese Falcon den jungen Ganoven Wilmer gunsel. Rezipiert wurde das als Slangausdruck für “Gangster” (immerhin steckt “gun” drin) und wanderte von dort aus wohl tatsächlich auch in Slang-Wörterbücher in dieser Bedeutung. Wie das Hammett gemeint hat, weiß ich nicht. Aber Wilmer ist der jüngere Begleiter des älteren Gutman, und Joel Cairo scheint zumindest einmal den Versuch gemacht zu haben, bei ihm zu landen.

Begegnet bin ich diesem Konzept in einer Kurzgeschichte, in der der jugendliche (glaube ich) Held vor einem wolf gewarnt wird, und dass damit eben nicht einfach ein Mann gemeint sei, der Frauen hinterherpfeift. (Ich dachte, das sei eine Hemingway-Geschichte gewesen, Recherche – siehe weiter unten – sagt, dass wohl doch nicht.) Als solcher ist der Begriff ja viel weiter verbreitet, auch mit dem dazu gehörenden wolf whistle, verewigt etwa in Tex-Avery-Cartoons. Tatsächlich ist das Wort in der Bedeutung “seducer” seit 1847 belegt, seit 1917 auch für einen aktiven, dominierenden Homosexuellen (Historical Thesaurus of the OED). Ein Gay Slang Dictionary nennt als Ursprung: “prison early 1900’s”. Mehr dazu auch in diesem Glossar zur Hobo-Terminologie. Da heißt oder hieß ein unerfahrener jugendlicher hobo “preshun” oder “possesh”, der in die Lehre zu einem “profesh” geht. Jack London betont in seinem autobiographischen The Road (Gutenberg):

A boy on The Road, on the other hand, no matter how green he is, is never a gay-cat; he is a road-kid or a “punk,” and if he travels with a “profesh,” he is known possessively as a “prushun.” I was never a prushun, for I did not take kindly to possession. I was first a road-kid and then a profesh.

Die Auszüge aus dem Buch klingen ziemlich interessant, ich werde es bald mal lesen. James L. Haleys Wolf: The Lives of Jack London verdanke ich den Hinweis auf den Aufsatz “Homosexuality among Tramps” in Havelock Ellis’ Studies in the Psychology of Sex. Habe ich noch nicht reingeschaut, kann für nichts garantieren.

3. Hobo Stories

Das Wort “hobo” kenne ich schon lange. Der “hobo jungle” taucht in Tom Waits wunderbarem “Kentucky Avenue” auf, wo zwei Jungen auch die Flucht von zu Hause planen, oder davon träumen, oder zumindest einer von ihnen. (“Church key” für “Flaschenöffner” habe ich auch aus diesem Lied.)
Bei Stephen King bin ich dem hobo jungle sicher auch begegnet.
Vielleicht in Jack-London-Geschichten?
Und dann natürlich Ernest Hemingway, zum Beispiel “The Battler”. Dort ist der jugendliche – oder doch schon später Teenager? – Nick Adams, Held einer Reihe von Hemingway-Geschichten, gerade von einem Bahnpolizisten aus dem fahrenden Zug geworfen worden. Er wird von einem Lagerfeuer angelockt und trifft dort ein paar hoboes, einer davon ein ehemals berühmter Boxer, und sie teilen ihre Lebensmittel. Die Situation wird tatsächlich ein bisschen brenzlig für Nick, aber Sexualität ist kein Thema in dieser Geschichte.

4. Hemingway

Beim Blättern im Hemingwayband bin ich auf zwei schöne Geschichten gestoßen, an die ich lange nicht mehr gedacht habe. “A Natural History of the Dead”, eine ganz untypische Geschichte. In durchaus poetischem Naturkundefilm-Tonfall (wie man ihn heute aus Fernsehsendungen über Eisbären oder die Tierwelt der Alpen kennt) beginnt der Bericht über einen Kriegsschauplatz:

It has always seemed to me that the war has been omitted as a field for the observations of the naturalist. We have charming and sound accounts of the flora and fauna of Patagonia [...] Can we not hope to furnish the reader with a few rational and interesting facts about the dead?

Until the dead are buried they change somewhat in appearance each day. The color change in Caucasian races is from white to yellow, to yellow-green, to black. If left long enough in the heat, the flesh comes to resemble coal-tar, especially where it has been broken and torn, and it has quite a visible and tarlike iridescence.

Bitter. Hätte ich eher von Ambrose Bierce erwartet, so etwas.
Typischer ist “The Three-Day Blow”. Nick Adams besucht seinen Freund Bill, dessen Vater nicht zu Hause ist, in deren doch eher einfachen Behausung. Draußen stürmt es. Die beiden unterhalten sich erst mal über Sport und trinken Whiskey (und fragen sich, was Torf eigentlich ist) – und dann sprechen sie über die Bücher, die sie gerade lesen. Richard Feverel von George Meredith (“It’s all right”), The Forest Lovers von Maurice Henry Hewlett (“That’s the one where they go to bed every night with the naked sword between them”), Fortitude und The Dark Forest von Hugh Walpole (“I’d like to meet him”) und – hooray! – G. K. Chesterton.

“‘He must be the best guy there is. Do you remember the Flying Inn?”

(Falls nicht erinnerlich: ich liebe Chesterton.) Nach einer kurzen Diskussion, wer besser ist, Chesterton oder Walpole, wollen sie beide zum Fischen mitnehmen. Danach geht das ernsthafte Whiskeyrtrinken los, sie bekennen sich zum Fischen und widersagen Baseball, erheben Trinksprüche auf Walpole und Chesterton, und im Hintergrund steht die ganze Zeit über Nicks Trennung von seiner Freundin/zukünftigen Braut Marjorie.

5. Seminar-Idee

Falls ich noch Englisch unterrichten würde, könnte ich mir gut ein Seminar “Landeskunde durch Lieder” vorstellen – als W- oder P-Seminar. Die Leistung im W-Seminar wäre jeweils eine ausführliche Arbeit über ein einzelnes Lied, im P-Seminar könnte man die Lieder aufführen oder aufnehmen oder in die heutige Zeit übertragen, gerne auf Deutsch. Man müsste sich halt um die Rechte kümmern. Filme dazu: Dieses Land ist mein Land (Biographie von Woody Guthrie, 1976, mit David Carradine). Am Rande erwähnenswert: Boxcar Bertha (1972), nicht über Musik, aber mit Zügen in den 1930ern, etwas zu brutal für mich, aber auch mit David Carradine und eine ganz frühe Scorsese-Regie – in einer Rogar-Corman-Produktion, da schau her.

Lieder für das Seminar, ganz spontan:

  • Strange Fruit (Billie Holliday) (Wikipedia)
  • Brother, Can You Spare A Dime (Rudy Vallee und viele viele andere) (Youtube: The Weavers, Youtube: Al Jolson)
  • Sacco and Vanzetti (Woody Guthrie)
  • Sixteen Tons (Merle Travis u.a.) (Wikipedia)
  • Fairytale of New York (Pogues)
  • Vive la Quinta Brigada (Christy Moore) (Youtube)
  • The Ludlow Massacre (Woody Guthrie)
  • Lousiana 1927 (Randy Newman)
  • Poverty Knock (trad., Chumbawamba) (Blogeintrag)
  • Tom Joad (eine Grapes-of-Wrath-Interpretation von Woody Guthrie)
  • The Biggest Ballof Twine in Minnesota (Weird Al Yankovic) (Youtube, aber kein Vergleich zur Studioversion)
  • Ten Cents A Dance (Version 1, Version 2, Version 3, weil die beste Version – die von Doris Day – in unserem Land bei Youtube nicht angeschaut werden kann)
  • Von mir aus auch “I don’t like Mondays” und “Sunday, Bloody Sunday”, jede Menge irische politische Lieder, die 1930er sowieso.