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Fanzines

In einem großen Karton unter meinem Bett leben noch so etwa hundert Fanzines, die in meinen mittleren Teenagerjahren eine große Rolle spielten. Ich habe viele gelesen, ein paar herausgegeben, und an etlichen mitgearbeitet, zumindest an diesen hier:

fanzines

Fanzines: So heißen von Fans herausgegebene Magazine. Ich habe noch die letzten davon im Umdruckverfahren mitgekriegt, aber üblicherweise waren sie zu meiner Zeit schon kopiert. Die ganz feinen wurden im Offsetverfahren gedruckt, mit Auflagen bis zu sensationellen 100 Stück.

Unser erstes Fanzine hieß Parsec und begann mit einer bescheidenen Auflage von um die 20 Stück, wenn ich mich richtig erinnere. Kurzgeschichten, Zeichnungen, Berichte, Kritiken. Und eine Witzeseite. Parsec 4, als wir mit einstiegen, erschien um den Juni 1981 herum. Da war ich noch in der 7. Klasse, Ende 13 Jahre alt. Ich zeichnete und schrieb ein Comic innen, machte ab und zu ein Titelbild, eine Risszeichnung, und vor allem das Backcover, “Ausblicke”. Unten sieht man einen Teil meiner Arbeiten für Parsec, die weniger peinlichen. (An einige davon kann ich mich nicht erinnern, und meinen Stil erkenne ich auch nur in einigen Elementen davon wieder. Irgendeien Form von Teamwork? Die Comic-Serie erspare ich uns.)

Nach Parsec kamen Time, Einhorn, From Sunrise to Sunset, Voice of Fantasy, Orakel, diverse Oneshots. Heimlich kopiert auf dem Schulkopierer oder, nach detailliertesten Erklärungen, von Eltern auf Bürogeräten, die Vorlagen so zusammengeklebt, dass auch für die Erwachsenen die Kopierreihenfolge klar war – es ist nicht verwunderlich, dass es mir noch nie Schwierigkeiten bereitet hat, Schulaufgaben korrekt angeordnet beidseitig A3 zu kopieren. Ist ein Klacks gegenüber 20 Seiten Magazin.

Wenn man aktuellen Entwicklungstheorien glauben mag, darf man Teenagern in diesen Jahren gar nichts zutrauen. Pubertät, Auflehnen gegen Erwachsene, Umverdrahtung des Gehirns – das mag ja schon alles sein, aber wir waren damals alle zu beschäftigt dafür. Postalische Korrespondenz mit Gleichgesinnten, das Lesen und Herausgeben und Versenden von Magazinen, Besuche von Cons, und die Beschäftigung mit aktueller Science-Fiction-Literatur. Oder zumindest mit Perry Rhodan.

Pretentious – moi?

(Bildungscontent entfällt heute leider.)

In jungen Jahren habe ich mich ja im Fandom herumgetrieben (Blogeinträge dazu). Das fing an mit einem Perry-Rhodan- und Science-Fiction-Club, und richtig ernst wurde es dann mit einem Fantasy-Club. Der hatte mehr als dreißig Mitglieder, damals eine respektable Zahl. Wir schrieben uns Briefe, das waren bei mir schon so drei, vier pro Woche, mehrseitige, getippt. Und wir gaben Magazine heraus, kopiert oder – die älteren – im Offsetdruck. Selbstgeschrieben und gezeichnet, gesetzt mit der Schreibmaschine oder an grünschwarzblinkenden Computern.

Kurz nach meinem 15. Geburtstag war ich auf meinem ersten Con, einem Star-Wars-Con, obwohl ich eher Perry-Rhodan-Fan war und Star Wars nur am Rande mitnahm. Es war mein Zwillingsbruder, der an Star Wars interessiert war, aber gar nicht an Fandom und Briefen und Cons. Der Con: das waren fünfzig oder sechzig Leute, drei oder vier Tage in geschlossenen Räumen. Es gab Trockeneis für – alkoholfreie – Drinks, Blues Brothers und Blade Runner auf VHS im Fernsehzimmer, beides höchst illegal. Und Fantasy-Rollenspiele im Keller. Im Prinzip war das eine tolle Fortbildungsveranstaltung für einen Fünfzehnjährigen. Ein paar Tage gemeinsam ausgesuchte Videofilme ansehen und darüber reden, gemeinsam spielen, fachsimpeln, diskutieren. So wie Zeltlager, nur mit nicht so viel Tageslicht. (Die Fenster waren zugeklebt.)

Anscheinend habe ich für eines der Magazine damals auch einen Beitrag über den Con geschrieben. Auf den bin ich neulich im Web gestoßen worden. Schlimm. Ich war fünfzehn und muss manchmal anstrengend gewesen sein. Trotzdem, hier ist der Conbericht. (Habe ich damals tatsächlich “die” Con geschrieben? Das ist so ähnlich wie “der” Blog zu sagen; das kam erst ein paar Jahre später auf. Ich vermute redaktionelle Nachbearbeitung. Das Heft mit meinem Artikel habe ich noch, aber zu gut verstaut, als dass ich nachschauen könnte.)

Göggingen, Jugendzentrum
Beginn: 29.10.1982
Ende: 01.11.1982

Ich bin voreingenommen, wirklich. Mir hat es nämlich gefallen. Ich habe denen gesagt, ich kann nicht, weil ich voreingenommen bin. Ich habe gesagt, die sollen den Conbericht jemanden schreiben lassen, dem es nicht gefallen hat. So wie den Münchnern. Aber nein, ich mußte es machen. Warum? Zeitmangel der anderen. Eigentlich sollte auf diese Doppelseite ein Bericht über den Revenge of the Jedi Trailer. Der von Dirk Eickhoff sein sollte. Ob der nicht wollte, oder nicht durfte, weiß ich nicht.
Der Con. Erst mal ganz allgemein: Meiner Schätzung nach haben in 13 % richtig voll genossen. 37 % fanden ihn mittelmäßig, und der Rest …. na ja.
Am Freitag fing alles an. Gleich nach der Schule war ich mit diversen Freunden losgefahren und erreichte den Ort des Geschehens zu einem der vielen Zeitpunkte, wo keiner da war. Nachdem wir uns umgesehen hatten, kamen so nach und nach die nächsten Gäste. Denen wir beim Gepäcktragen halfen, versteht sich.
Der Nachmittag verging eigentlich nur mit Bestaunen über die reichlichen Ravioli Vorräte und des ersten herumschnüffelns, ob man nicht hier oder dort irgendwas – oder irgendwen – interessantes findet. Das Essen kann man mit dem Essen in einem Skilager vergleichen – mäßig also. Ich mag Skilager. Nun, die Getränke hatten den Nachteil, daß man sie bezahlen mußte. Natürlich fehlte das Kleingeld. Ein Getränk war zum Beispiel der Cantina-Flip (der später in Cantina-Flop umbenannt wurde), der aus Waldmeister, Cola, Apfel- und Orangensaft bestand. Manchmal gab es ihn auch mit Trockeneis: über -30 Grad Celsius wird es gasförmig und dampft und brodelt wie in einer Disco – das war wohl der Knalleffekt der Con. Zu jener Zeit liefen die ersten Filme im Videoraum, und von da an lief der Apparat heiß. Das Programm ging von Star Wars, The Empire Strikes Back, Galaxina, Flesh Gordon, Exterminator, Rollerball, Sador, Conan, Blade Runner, Blues Brothers – ach, ich weiß gar nicht mehr alle. Die Conbesucher verteilten sich an einigen Stellen, die sie besonders interessant fanden.
Und da liegt auch der Hund bei der Con begraben: nicht alle Leute fanden solche Orte. Das waren eben jene 87 %, im Gegensatz zu mir. Andere amüsierten sich nicht auf der Con. Man muß eben, wie man so schön sagt, das Beste aus etwas machen. Das können nicht alle. Doch um wieder zum Thema zurückzukommen: es gab bald keine geregelten Zeiten mehr. Vor allem zu der Zeit, die ander Leute damals Nacht genannt hätten. Manche schliefen um 10 Uhr ein, um Stunden später Videos anzusehen. Nachts war ja wahrscheinlich am meisten los. Aber es war ja praktisch immer Nacht, denn sämtliche Fenster waren verklebt mit Alufolie. Ich hatte meist keine Ahnung, welche Uhrzeit wir hatten, weil ich meine Uhr nicht dabei hatte. Aber trotzdem versäumte ich oft das Beste. Ich schlief immer so schnell ein. Und eine Nacht verbrachte ich im eigenen Bett – zuhause. Meine Eltern! Na ja. Der Kampf um den Schlafplatz und vor allem um die spärlichen Kissen war groß. Er lässt sich eigentlich nur mit meinem allmorgendlichen Gerangel um einen Sitzplatz in der Straßenbahn vergleichen. Unter dem Kapitel “Nahrung” wurde uns noch mehr Ravioli mit Reis und Erbsen vorgesetzt. Dank den Köchinnen. Und Nudelsalat. Der befand sich in einem mit Alufolie ausgelegten Wäschekorb. Es war entsprechend viel. Jeden Morgen verdrückte ich ein paar Semmeln, die ich jedenfalls dort im Überfluss vorfand. Alle Tage vergingen eigentlich mehr oder weniger gleich – gleich gut für mich. Es war dort, immer wenn ich wach war, einiges los. Die Schwerpunkte der Leute, die sich amüsierten, waren wohl die Bar mit diversen Barkeepern, die, sofern sie mal da waren, dem Klischee eines echten Barkeepers voll entsprachen. An der Bar trafen sich die Leute, die Quatsch machten. Und die lustig waren. Dann gab es den Materialraum. Wie ich aus dem Conbericht des EMPIRE MUNICH entnahm, hat auf der Con eine anscheinend furchtbar langweilige Diashow stattgefunden. Ich weiß es nicht. Ich war nicht. Ich war nicht dabei. Ich habe mich nämlich unterhalten. Im Materialraum war das Treffen der “Wissenschaftler” und “Politiker”. Wir spielten dort mit zwei Followern (jedem Fantasy Fan ein Begriff) ein Fantasy Spiel, daß aber bald nur in Erzählungen der geübten Spieler ausartete. Es war köstlich, lehrreich und interessant. Dann kam noch in Physikstudent dazu. Wußtet ihr schon, daß, wenn man alle Chinesen der Welt (wir nehmen die, weil wir eine große Anzahl brauchen) mit Lichtgeschwindigkeit durch eine Wand jagt, wahrscheinlich einer dabei ist, der auf der anderen Seite wieder heil herauskommt? Ohne kaputte Wand? Physikalisch sehr gut möglich. Oder daß rotes Licht ein anderes Gewicht hat, als z.B. blaues Licht? Ich hatte es bis vor der Con auch nicht gewußt. Ganz allgemein lässt sich die Con mit dem Film “Der Partyschreck” mit Peter Sellers vergleichen. Totales Chaos, große Unorganisiertheit, wenig Neues, aber für jeden, der etwas daraus gemacht hat, der etwas daraus machen konnte (das war potentiell jeder) ein wundervolles Ereignis. Bis vielleicht auf Dirk. Er mußte sich einige ätzende Bemerkungen anhören.
Noch etwas zum Conbericht der Münchner. Er war wie die Con. Ich habe mich königlich amüsiert. Es gab weder Klingelknöpfe, noch große Stimmungsmache der Münchner. Da läßt sich nur das Wort von Anastasius Grün (1806-1876) gebrauchen: “Manch Urteil ist ja längst beschlossen, eh des Beklagten Wort” – Con – “geflossen.”
Thomas Rau

(Fundort)

Was in dem Conbericht “der Münchner” drin stand, weiß ich nicht mehr. Ich glaube, die Münchner waren ein konkurrierender Verein.

con_1982

A portrait of the artist as a young man. Das Sweatshirt mit dem Con-Aufdruck habe ich heute noch. Danach gab es dann jedes Jahr einen Con, später zwei oder drei, bis ich mich dann mit dreiundzwanzig, vierundzwanzig aus der Szene verabschiedete.

The Golden Age 2: Perry Rhodan

In den letzten Wochen habe ich viele Hörbücher von meiner Festplatte angehört, die endlich mal wegmussten. Hauptsächlich Fontane und solche Sachen, aber auch Perry Rhodan Band 2300 aus dem Jahr 2005, den ich mir damals aus dem Web geladen habe. (Download inzwischen hier.)

Und grad schön war’s. Ich meine, ich kann das keinem meiner Leser einfach so empfehlen, aber wer’s mag, fur den ist es das Höchste, wie man so sagt. Und für jemanden wie mich auch, der eine Perry-Rhodan-Vergangenheit hat, und es gibt schlimmere Leichen, die man im Keller haben kann. Ich habe nur ein paar Jahre lang Perry gelesen, vielleicht zwei oder drei, aber von den ersten 1000 Heften habe ich vermutlich fünfhundert gelesen – die ersten dreihundert, und dann zwischendrin noch viele andere, dazu einige Dutzend PR-Taschenbücher.

Beim Anhören von Heft 2300 kamen viele Erinnerungen auf, Figuren, an die ich Jahrzehnte nicht mehr gedacht habe, die ich aber mit dem wunderbarsten Erinnerungen verknüpfte. Siganesen, Roi Danton, die USO, Alaska Saedelare, Schreckwürmer, Molkex, die Blues, Meister der Insel, ES, Crest, Arkoniden, Haluther, Unither. Das war so ähnlich wie beim Anhören von Wilhem Hauffs “Geschichte von dem Gespensterschiff”, das ich als Kind als Hörspiel hatte, und dessen exotisch-magische Namen ich auch schon wieder vergessen hatte. (“Mein Vater hatte einen kleinen Laden in Balsora.”)

Ich habe dann in der Perrypedia geblättert, könnte allein schon vom Ausgangspunkt “Kurioses in Romantiteln” stundenlang herumlesen. Na, und erst die wunderbaren Titelbilder von Johnny Bruck!

Ähnlich wie Leute mit Griechisch-Leistungskurs erkennen sich auch ernsthafte Perry-Rhodan-Leser auch noch Jahrzehnte danach; in meinen Kreisen gibt es leider kaum welche davon. Wie gerne würde ich mal wieder fachsimpeln und mich über die neuesten Entwicklungen informieren lassen. Viele gibt es davon ja nicht, das liegt im Wesen solcher Serien. Trotzdem sammeln sich in zweieinhalbtausend Heften, weiteren Taschenbüchern und begleitenden Serien schon sehr viel Geschichten an – immerhin durchgehend seit 1961. Der Serienkosmos wächst von Heft zu Heft, so dass es früher oder später zu jedem beliebigen Thema und zu jeder Figur in der Serie sehr viel in einem Lexikoneintrag zu schreiben gibt. Das macht die Lexikoneinträge für Außenstehende dann etwas kryptisch:

Anmerkung: Im Kommentar zu PR 2039 wird die Parabegabung der Antis ebenso wie die der Vincraner auf das Abjin der Lemurer zurückgeführt. Diese nicht besonders stark ausgeprägten paranormalen Kräfte wurden durch den Kontakt mit der Megaintelligenz ZEUT besonders gefördert. Die Abjin-Kräfte traten daher bei den auf Zeut angesiedelten Lemurern und ihren Nachkommen besonders gehäuft und ausgeprägt auf. Interessant ist, dass schon die Zeut-Ellwen die für Akonen und Arkoniden und die von ihnen abstammenden Völker charakteristische knöcherne Brustplatte anstelle von Rippen besaßen. (Perrypedia)

Wenn man das verstehen will, muss man sich schon einlesen in das Perry-Universum. Anders als bei den ähnlich gewachsenen Universen von DC beziehungsweise Marvel Comics hat es allerdings und glücklicherweise nie eine kosmische Notbremse gegeben. Das waren bei DC Crisis on Infinite Earths (und Zero Hour), bei Marvel mindestens One More Day (und jede Menge X-Kram, den ich nicht mitkriege). Diese kosmischen Notbremsen dienen dazu, einem dem Verlag unliebsam gewordenen Zustand des jeweiligen Kosmos gewaltsam und gegen alle internen Naturgesetze zurechtzurücken – so wird man zu viele Helden oder zu viel Hintergrundgeschichte los. Perry Rhodan hat den Vorteil, dass es sich in die Zukunft fortbewegt und deshalb mehr Raum für Veränderungen hat als Marvel und DC.

Könnte man auch mal eine Arbeit schreiben, die das Universum von DC, Marvel, Star Trek, Star Wars und Perry Rhodan hinsichtlich solcher Sachen vergleicht.

Vorerst und zum Schluss aber etwas Leichteres:

Warum, schreibt Dieter K. aus Brüssel,
hat Perry Rhodan keinen Rüssel?
Dr. Ara klärt: Das geht nicht, Dieter,
er ist Terraner, kein Unither.

Diese Vierzeiler waren eine kleine Mode, damals, mit fünfzehn Jahren oder so, vielleicht auch nur in meinen Kreisen Das ist der einzige, an den ich mich noch erinnere. For what it’s worth.

Can you see anything?

In den Pfingstferien war ich auf Wunsch von und mit meinen Neffen in der Tutanchamun-Wanderausstellung. Das ist diese Ausstellung, in der die Schätze der Grabkammer säuberlich auf- und ausgestellt sind – wenn auch alles nur in Form von Nachbildungen. Aber dafür kann man ganz nah ran.

Dass man dort keine Originale sieht, finde ich in Ordnung. Auch in Museen stehen oft Nachbildungen, und das auch noch hinter Glas. Die Tutanchamun-Exponante können im Gegensatz dazu beliebig neu und glänzend aussehen, auf eine Art und Weise, wie man nie ein Original restaurieren würde. Und danach machen die Originale noch mehr Spaß. Allerdings war es schwer, die wiederholte Frage des einen Neffen zu beantworten: “Ist das echtes Gold?” “Nein, das ist im Original nur vergoldet. Und das hier ist nur nachgebildete Vergoldung.”

Toll waren der garagengroße äußere Schrein, in dem der mittlere und in welchem wiederum der innere Schrein war, und darin der der äußere Sarkophag und darin der mittlere und der innere und so weiter, bis hin zur eingewickelten Mumie mit schmückender Maske. (Ausgewickelte Mumien gibt es im British Museum, wenn ich mich richtig erinnere.)

Ansonsten fand ich die Ausstellung nur mäßig interessant. Bei der säuberlich aufgestellten Beerdigungsaussteuer hat es mir allerdings die Kopfstütze angetan. Wie isst und schläft es sich mit so einem Kissenersatz?

Als Teenager hatte ich ja auch eine Ägypten-Phase, wie sich das gehört. In einer gesunden Entwicklung kommt die einige Jahre nach der Dinosaurier-Phase. Da liest man dann “Götter, Gräber und Gelehrte”. Zu dieser Zeit war ich auch auf folgenden kurzen Austausch zwischen den beiden Tutanchamun-Entdeckern gestoßen. Howard Carter öffnete die Tür zur Grabkammer, Lord Carnarvon hinter ihm fragte: “Can you see anything?” Und Carter antwortete: “Yes, wonderful things.”

Die Szene hat mich wohl so beeindruckt, dass ich eines der Fanzines, die ich damals herausgab, so nannte:

can_you_see_anything

(Vierstellige Postleitzahlen, die älteren unter uns erinnern sich vielleicht noch.)

Dazu hatte ich andere Leute aus dem Fandom um Kurzgeschichten gebeten. Die einzige Bedingung: Irgendwo in der Geschichte musste der Satz “Können Sie etwas erkennen?” auftauchen. (Der Satz fällt mir heute natürlich noch immer auf, wenn ich ihn irgendwo lese. William Golding, Lord of the Flies, Seite 135, sag ich nur.)

Kurzgeschichten gab es dann von Dirk van den Boom, Edzard Harfst, Goetz Nennstiel, Udo F. Rickert, Hermann Ritter und Karl-Heinz Zapf. Von den meisten weiß ich immer noch, wo sie sich im Web herumtreiben. Als Beispiel die Geschichte von Karl-Heinz (die kürzeste):

Die Katze

Der Raum lag in dämmriges Halbdunkel getaucht; die Fenster, welche auf die belebten Straßen hinauszeigten, waren von schweren Jalousien verschlossen. Nur wenig Licht fand seinen Weg durch einige Fugen und Ritzen.
Die junge Frau sah sich um, ihr Blick glitt über das spärliche Mobiliar des kleinen Raumes und blieb dann an der Katze hängen, deren Augen sie kühl musterten.
Ohne Grund lächelte die Frau und die Katze schnurrte und begann, um ihre Beine zu streichen. Ihre Augen schienen im Dämmerlicht unirdisch zu glühen. Die zarte Hand der Frau bewegte sich fast automatisch hinab und strich durch das seidige Fell des Tieres.
Wieviel Mühe hat es gekostet, sie zu bekommen, dachte sie bei sich und schmunzelte. Ihre Freunde würden Augen machen, wenn sie sie sehen würden. Die junge Frau blickte hoch und stand dann auf, doch die Katze sprang schnell auf ihren Schoß, und mit einem Seufzen setzte sie sich wieder. Ich darf sie nicht verärgern, sie könnte sich irgendwie verletzen und das könnte ihren Wert mindern, dachte sie. Wo nur der Professor blieb? Er hatte doch um drei Uhr hier sein wollen, um ihre seltene Erwerbung zu begutachten. Nun war er schon geraume Zeit überfällig.
Mit einem leisen Maunzen sprang die Katze herab und landete geschmeidig auf dem Fußboden, wanderte dann gemächlich zum Fensterbrett, gefolgt von den Blicken der Frau.
Wie schön sie ist, dachte sie – da klopfte es an der Tür.
Ein paar hastige Schritte brachten sie zur Klinke, und sanft drückte sie die Türe auf.
Helles Tageslicht fiel von draußen herein, gefolgt von dem wie immer etwas zerstreut wirkenden Professor, der beim Eintreten heftig blinzelte, um seine Augen an das Halbdunkel zu gewöhnen. Das war natürlich beabsichtigt gewesen, und der Gelehrte wußte dies.
Nach einer Weile schloß sie die Türe. “Nun, können Sie etwas erkennen?” Er blickte umher und schnüffelte ein paar Mal, ehe er die Frau entdeckte. Der kleine Hund vollführte einen Luftsprung.
“Ein Mensch? Ein echter Mensch?” fragte er ungläubig.
“Jawohl”, sagte die Katze, nicht ohne Stolz in ihrer Stimme, “ein echter Mensch!”

Geek Credentials

Gestern hatte ich einen langen Tag in Augsburg. Zuerst habe ich kurz auf einem Spielertreffen vorbeigeschaut – Eintritt 2,50 (oder 4 Euro für beide Tage) und dafür jede Menge Spiele und Spieler.

Für Leute, die solche Spiele und Spieler kennen, ist das nichts Besonders. Aber vielleicht wissen einige meiner Leser gar nicht, was es da für eine bunte Szene gibt. Ich bin ja schon länger nicht mehr aktiv als Spieler, und Spiele mit angemalten Plastikfiguren mochte ich noch nie, aber ich habe mir einen Flyer von einem Münchner Spieletreff mitgenommen. Mal sehen, vielleicht geht was.

Das war übrigens nicht nur ein Spielertreffen, sondern auch ein Shiroi-Treffen, wenn das denn so heißt. Ich weiß nicht genau, was das ist. Da laufen Leute in Kostümen herum (heißen die auch Gewandung oder gilt das nur für die Fantasy-Szene?), die sich an japanischen Mangas oder Zeichentrickserien orientieren. Außerdem gibt’s dabei immer Kalligraphie- und Japanisch-Einführungskurse, so viel weiß ich aus dem Web.

Ganz schön geeky, ist man kopfschüttelnd zu sagen versucht. Denn auch bei den Geeks gibt es eine Hierarchie, die schön diesem Diagramm dargestellt ist.

(gekürzte Fassung, beim Draufklicken kommt man zur Vollfassung der Autoren,The Brunching Shuttlecocks, dort auch hi-res pdf)

Man sieht, die Videospieler halten sich für etwas Besseres als die Rollenspieler, die auf die Live-Action-Rollenspieler herabsehen, und alle, alle schütteln den Kopf über die armen furries.

Es ist ganz erstaunlich, in wie viele Kategorien der vollständigen Hierarchie ich gleichzeitig gehöre. Ein paar neue müsste man obendrein aufmachen. Habe ich erwähnt, dass ich all diese Geeks toll finde? Auch die furries.
Die uninteressantesten Leute habe ich allerdings bei den Computerspielern getroffen.

– Nach dem Spielecon habe ich meine Eltern besucht und dort die Faschingskiste meiner Kindheit durchstöbert. Ein Großteil des Inhalts kommt zur Altkleidersammlung oder in den Müll, aber ein paar Reste zum Aufheben habe ich noch gefunden: Einen alten Zylinder meines Großvaters, einen echten chapeau-claque, arg ramponiert, dem ich als Kind nach Anleitung meines Zauberkastens auch mal einen doppelten Boden verpasst hatte. Einen Poncho, der Teil eines mehrere Jahre getragenen, weil obercoolen Zaubererkostüms:

Heute passe ich nicht mehr ganz hinein, dementsprechend weniger eindrucksvoll sieht er aus. Dazu muss man sich noch wahlweise Handschuhe, eine Fliege, einen Zylinder, einen angemalten Schnurrbart und auf jeden Fall einen zauberstab vorstellen. Das Kostüm habe ich mitgenommen für meinen Neffen, der noch ein wenig zu jung für einen Zauberkasten ist, aber dennoch schon jeden Trick sammelt, den er findet.

Ja, und dann das. Ich dachte, mein ganzes Spider-Man-Kostüm vom Fasching 1979 sei weggeworfen worden, natürlich mit meiner vorschnellen Erlaubnis. Aber die Handschuhe und die Maske sind noch da. Gutes, dehnbares Material.

Beängstigend. Hier eine Aufnahme von 1979:

Die Fotos oben stammen übrigens vom Balkon einer Freundin, bei der wir uns dann gestern Abend getroffen hatten, um zu essen und Grammatikprobleme zu dreschen. Die Grammatik-Geeks müssten nämlich unbedingt auch noch in die Liste oben.

Killer (The Game of Assassination)

Ich treibe mich nicht mehr in Schülerforen herum oder gar in den Lokalforen, die bei unseren Schülern so beliebt sind. (Viel, viel, viel beliebter als die fast unbekannten Blogs.) Manchmal stoße ich allerdings trotzdem auf Beiträge, so wie neulich. Denn ich habe bei Google Alerts unter anderem den Namen meiner Schule abonniert. Das heißt, immer wenn Google eine neue Seite erfasst, auf der der Name vorkommt, dann kriege ich eine Mail mit dem Hinweis darauf. Oder so ähnlich.

Und der Name meiner Schule fiel eben in einem solchen Forum, wo sich tatsächlich auch eine Schülerin einer meiner Klassen zu einer Runde Catch me if you can verabredete. Zusammen mit einem Link auf die Seite zum Spiel. Denn Catch me if you can ist ein Spiel: Die einander weitgehend unbekannten Mitspieler stellen je ein Foto von sich ein, einen Spitznamen, ihre Schule, das Verkehrsmittel, mit dem sie nach Hause kommen. Man muss herausfinden, wer die Person ist und sie erwischen – ob das mit Abklatschen oder einem gerufenen “Gotcha!” geschieht, weiß ich nicht mehr.

Die Schülerin war jedenfalls sehr überrascht, dass ich sie im Internet gefunden hatte und über das Spiel Bescheid wusste. (Das war im Unterricht aufgekommen, weil die Schüler nach bestimmten Foren fragten.)

Ein anderer Schüler der Klasse hat übrigens mein Blog entdeckt. Am nächsten Tag, Vertretungsstunde im Computerraum, habe ich der Klasse gezeigt, dass ich den Schüler über den von ihm verwendeten Suchbegriff recht gut identifizieren konnte, zusammen mit IP, Browser, Betriebssystem, Bildschirmauflösung, Dauer des Aufenthalts und so weiter. Das war den Schülern alles nicht bewusst.

Aber jetzt zurück zu Catch me if you can. Tatsächlich ist das so etwas wie die Schwundstufe von Killer. Viel schöner als mit einem Bildschirmfoto aus der Wikipedia-Seite kann ich Killer nicht erklären:

killer1.png

Killer hat eine lange Geschichte, die man bei Wikipedia und weiter unten nachlesen kann. Letztlich ist es eine Art LARP, Spieldauer etwa eine Woche oder einen Con lang; das Spiel läuft parallel zum normalen Alltag. In der häufigsten Variante muss jeder Spieler einen anderen… hm, “killen”, und ist gleichzeitig Opfer eines weiteren. Hat man sein Opfer erledigt, weist einem der Spielleiter das nächste aus der Reihe zu, bis ein Gewinner übrig bleibt.

Der Witz an der Sache sind die Mordmethoden. Die gedruckte Version von Steve Jackson Games zählt viele verschiedene Methoden auf, ermuntert aber auch zur Kreativität. Unter dem Kapitel “Bomben” finden sich der simple Wecker mit dem Zettel “Bombe” dran, den man dem anderen ins Zimmer schmuggelt (und der natürlich losgehen muss, wenn das Opfer im Zimmer ist). Das ausgehöhlte Buch, elektrische Timer, Kassettenrekorder. Das Säckchen Mehl über der Tür ist allerdings schon Klasse B, die explodierende Zigarre gar Klasse C – will heißen, zu gefährlich für den Einsatz. Klasse D wäre echtes Feuerwerk, also verboten und sehr gefährlich.

Gut funktioniert auch diese Briefbombe aus einer Haarnadel, einem Knopf und einem Gummi:

killer3.jpg

Man legt das ganze zwischen zwei Blätter Papier, und wenn der Brief unvorsichtig geöffnet wird, macht es brrrrrrrng. Funktioniert überraschend gut.

***

Im Frühling 1987 habe ich für das selige Voice of Fantasy (Nr. 39, glaube ich) folgenden Artikel geschrieben. Da war ich immerhin auch schon 19 Jahre alt. Der Anfang ist schamlos von einer Raymond-Chandler-Kurzgeschichte zitiert. Die Schrift ist nicht leicht zu lesen, es steht auch nichts sehr Wichtiges drin, nur etwas Nostalgie. Der Eindruck, wir seien echte Killer-Profis gewesen, trifft natürlich nicht zu; wir haben gerade mal zwei Partien gespielt. Aber mit Verkleidung als Weihnachtsmann und mit Luftballon und Reißnagel, wie sich das gehört.

killer2.png

(Uhm, kann jemand hier eine fast vollständige Packung Haarnadeln brauchen?)

Alternative zur Pubertät

Die 80er Jahre waren eine schöne Zeit für mich, trotz allgemeiner Endzeitstimmung. (Vor ein paar Tagen im Fernsehen kurz in Terminator hineingeschaut. Hat sich gut gehalten, aber mir fiel auf, wie kaputt und düster doch die Welt im Film war – nicht die Zukunft, sondern die Gegenwart. Das gilt für viele Filme der 80er, denke ich.)
Zu Beginn des Jahrzehnts hörte ich auf, die Micky-Maus-Bastelbögen zu basteln, und Reagan wurde Präsident, zum Ende studierte ich an der Universität und die Mauer war gefallen.

Dazwischen hatten andere Pubertät und ich trieb Fandom.

Fandom hieß:

  • Clubs gründen (1981 die Erweiterung des “SFC Terraner Union/S.I.” zum “PR/SFC Galactic Union” – immerhin waren wir schon fünf Leute)
  • Fanzines herausgeben (Parsec brachte es auf fünfzehn Ausgaben oder so, liebevoll getextet, gezeichnet, handkopiert und -geheftet)
  • mit anderen Clubs und Fans Kontakt halten (und das hieß: Briefe schreiben, vier, fünf, sechs, acht pro Woche, manchmal mit Hand, meistens mit Schreibmaschine, gerne auf selbst entworfenem Briefpapier)
  • die Fanzines von anderen Clubs und Einzelpersonen lesen, Leserbriefe schreiben, neue Clubs gründen
  • immer wieder Texte schreiben, Briefe schreiben, zeichnen
  • Leute besuchen: in Augsburg, Frankfurt, Darmstadt, Warstein-Suttrop, Saarbrücken, Freudenstadt, Köln, Düsseldorf
  • auf Cons gehen.

Dass das ganze Science Fiction oder später auch Rollenspiele zum Inhalt hatte, ist gar nicht so wichtig. Zum Verständnis wichtiger ist mein:

Kleines Lexikon des Fandoms
(mit Vergleichen zur Bloggerszene in Deutschland, so wie sie mir auffallen)

Fanzines (Blogs): Es gab sie kopiert, im Offsetdruck oder Umdruckverfahren. Sie erschienen regelmäßig oder unregelmäßig oder waren oneshots, sie waren mit Clubs verbunden oder Einzelpersonen, sie waren liebevoll entworfen und/oder amateurhaft im Design, sie waren auf ein bestimmtes Thema bezogen oder enthielten alle möglichen interessanten Einzelheiten. (“Egozine” hieß das dann.) Abonnieren konnte man sie auch, aber sie kamen nicht per Feedreader, sondern mit der Post.

Die Post (Internet): Fanzines bekam man mit der Post zugestellt. Über Fanzines und Briefe erfuhr man von weiteren Fanzines.

Die Großen Namen (A-Blogger): Sie hießen zwar nicht so, aber es gab eine Reihe von Namen, die jeder kannte und deren Produkte jeder las. Benchmarks. Gelegentlich sehe ich ihre Namen noch im WWW.

Cons (Bloggertreffen): Es hieß der Con, zumindest in meinem Sprachraum, nicht die Con, wie es ganz fälschlich und immer öfter anderswo hieß. Das war so ähnlich die der Unterschied zwischen “der Blog” und “das Blog”. Man mietete sich ein Jugendheim, Pfadfinderheim, irgendein Haus mit Küche und Stockbetten (im Karlshof sogar dreistöckig). Dort schlief man wenig und vor allem nicht nachts, aß gut, schaute die neuesten Videofilme, unterhielt sich und spielte.

Pubertät: Ein bisschen Pubertät war auch dabei, zugegeben. Aber die machte man unter sich aus, innerhalb des Fandoms. Erstes ernsthaftes Rumgeknutsche auf dem Con in Göggingen, die eine Silvesternacht im Karlshof, mit Alex und Katja und Karl-Heinz und Anja und so weiter.

Verständnisvolle Eltern: Wir waren 15 oder auch schon 17 und fuhren über verlängerte Wochenenden in gemietete Jugendheime ohne irgendwelche nennenswert Erwachsenen. Wir übernachteten bei fremden Leuten und deren Eltern, die oft recht flexibel sein mussten. (Udo: “Ich dachte, ihr wolltet Ostern kommen.”) Und unsere Eltern nahmen kurzfristig Häufchen von fremden – sehr fremden – Jugendlichen auf. Überhaupt konnte man zum Beispiel jemanden in Darmstadt anrufen, mit dem man vielleicht drei, vier Briefe gewechselt hatte und den man sonst aus den Fanzines kannte, und um Unterkunft für sich und zwei Freunde bitten, weil man auf dem Weg ins Sauerland eine Übernachtungsmöglichkeit brauchte. Und das ging, und man hatte wieder jemanden persönlich kennengelernt.

Tonbrief: (nachgetragen) Eine Frühform des Podcasts. Robert V. zum Beispiel schrieb keine Briefe, sondern sprach alles auf Kassette und schickte die Kassette dann per Post ab. Eine Kassette von Claudia und Tim habe ich noch, muss mal reinhören.

gafia sein oder gehen: “get away from it all” => Blogmüdigkeit

– Ich treibe mich ja kaum in der deutschen Bloggerszene herum; ich lese fast nur berufsbezogene Blogs oder die von Leuten, die ich persönlich kennengelernt habe. Aber wenn ich von Bloggertreffen erzählt bekomme oder davon, wie man Leute kennen kann, die man nie gesehen hat, dann fühle ich mich immer sehr an meine Fandomzeiten erinnert.

Mehr von früher:

* alte Zeichnungen
* Clubräume
* Rollenspiel-Videosünden
* Filk