Informatik

Recht auf Verschlüsselung

Jetzt auch unser Innenminister: deutsche Sicherheitsbehörderung müssen – so sein Wunsch – verschlüsselte Kommunikation lesen dürfen. Ähnliche Forderungen hat der englische Premierminister Cameron vor ihm gestellt, und auch der amerikanische Präsident Obama. Dienste wie WhatsApp sollen keine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung anbieten dürfen, ohne dass die Regierung (will heißen: alle Regierungen) eine Hintertür dazu kriegen.

In der letzten Regierung sah das noch anders aus. Da meinte der damalige Innenminister Friedrichs: “Wir werden dafür sorgen, dass noch mehr Menschen in Deutschland ihre eigene Kommunikation noch sicherer machen”, und der innenpolitische Sprecher der Unions-Fraktion, Hans-Peter Uhl, sagte: “Wer seine Daten sichern will, wird sie wohl verschlüsseln müssen und kann nicht mehr auf seinen Nationalstaat hoffen.”

De Maizières Vorschlag gefällt mir nicht. Im Moment ist es so, dass alle guten Verschlüsselungsverfahren im Prinzip öffentlich sind. Da ist nichts, was prinzipiell geheim zu halten ist. Nur wenn das Verfahren zur Verschlüsselung öffentlich ist, können Mathematiker und Kryptographen das Verfahren daraufhin überprüfen, ob es sicher ist. Wenn es aber öffentlich ist, kann sich jeder selbst so ein Verschlüsselungsverfahren programmieren. Die größeren Programmiersprachen bieten das ohnehin schon an. Also kann ich verschlüsseln, was ich will. Zugegeben, wenn ich einen unsicheren Dienst wie WhatsApp nutzen möchte, muss ich meine Nachricht vorher verschlüsseln, und dann auf dem unsicheren Weg transportieren lassen. Das ist ein wenig aufwendiger.

Also muss ich verbieten, selbst so ein Programm zu schreiben. Das geht aus vielerlei Gründen nicht. Bleibt also nur, dass ich gerichtlich erzwingen kann, dass ich als Selbstverschlüsseler mein Passwort herausrücken muss, wenn ein Gericht das beschließt. So ist das im Moment in England; in Deutschland noch nicht. Da habe ich noch das Recht auf ein Geheimnis. Das möchte ich auch behalten.

Weitere Gründe, warum das eine dumme Idee ist, stehen zum Beispiel beim Guardian.

(Dass ich mich verdächtig mache, wenn ich Verschlüsselung benutze, steht auf einem anderen Blatt. Und auch dass es schwerer ist, den Akt der Kommunikation zu verbergen als deren Inhalt. Hier übrigens mein öffentlicher Schlüssel PGP-Key. )

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Bücher, Informatik

Cory Doctorow & Jen Wang, In Real Life

doctorow_wang_irlGraphic Novel, etwa 175 Seiten.
Um die 13 Euro.

Zugegeben: Wenn es mehr gute Geschichten um Gamer und mehr gute Geschichten mit Heldinnen gäbe, dann würden mir bei In Real Life mehr die Nachteile einfallen. Die Geschichte ist ein bisschen dünn und plakativ, aber hey, das sind viele Jugendromane auch. Weil es aber nicht viel vergleichbare Bücher gibt, kann ich das nur empfehlen als Geschichte um eine Gamerin, ihre Onlinefreunde, jugendliche Naivität. Erfreulich – aber nicht verwunderlich, wenn man Doctorow kennt – ist, dass das Buch ohne die Klischees auskommt, die einem hierzulande bei Onlinespielern einfallen: Schlechte Noten, Realitätsverlust, falsche Identitäten. Dafür gibt es andere Klischees, meinetwegen, aber die sind nicht gar so platt. Und wer noch nie etwas von gold farming gehört hat, der kann hier noch etwas lernen.

Richtig schön ist auf jeden Fall, wie Wang die Bildersprache der Computerspiele mit der Bildersprache der Comics kombiniert – Eingabeformulare, Wartebalken, Punktegewinn. Das habe ich so noch nicht gesehen, aber ich lese ja auch gar nicht mehr viele Comics.

Siehe auch:

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Informatik

Fachsprache und Fehlvorstellungen

Gestern entwickelte sich eine kurze Diskussion bei Twitter, angestißen durch die Frage, wie schlimm es ist, wenn man als Informatiker oder Informatiklehrer “Ordner” statt “Verzeichnis” sagt. (Was heißt schon Diskussion? Für mich funktioniert das auf Twitter nicht. Da gibt man Meinungen von sich, im besten Fall prägnant und pointiert, und bald bestehen die 140 Zeichen zur Hälfte aus Tags der Anzusprechenden. Endete dann auch fast schon mit einem Kellnerpunkt.)

Die Frage ist nicht ganz so unwichtig, wie sie scheint. In der Didaktik geht es darum, welche Begriffe optimal für den Lernvorgang sind – manche hemmen, andere fördern ihn. Bei “Ordner”, so die Didaktiktheorie, geht es um die Fehlvorstellung, die sich bei Schülern entwickeln kann, dass in einem Ordner ja nur Dokumente enthalten sein können, wie bei einem echten Leitz-Ordner, und keine weiteren Ordner. Bei dem Begriff “Verzeichnis” entstehe diese Fehlvorstellung weniger.

(Hintergrund: Bei Windows heißen die Verzeichnise zum Beispiele “Ordner/Folder”, bei Linux “Verzeichnis/Directory”.)

Im Prinzip halte ich das mit den Begriffen schon für wichtig. Deswegen mag ich im Deutschunterricht auch nicht das Wort “Imperfekt”, sondern nur “Präteritum”. Mit dem ersten Begriff wird, zumindest für die Grundschüler mit Sprachgefühl, eine Bedeutung transportiert, die dieses Tempus im Deutschen nicht hat. Als wäre da etwas nicht abgeschlosssen, unfertig, zweitklassig. (Dabei heißt das doch – noch grauslicher – die “1. Vergangenheit”, muss also wiederum etwas Besseres sein.) Da halte ich es für einen Vorteil, wenn die Fachbegriffe ganz bewusst aus einer unverstandenen Sprache kommen – eben weil sonst die Fehlvorstellung unterstützt wird, Tempus sei das gleiche wie Zeit oder Vergangenheit wie Präteritum. Die Schüler sind regelmäßig irritiert, dass im Deutschen die Zukunft wohl häufiger mit dem Präsens ausgedrückt wird als mit dem Futur.

Bei der Informatik liegt das insofern anders, als die meisten Begriffe dort Metaphern sind. Ordner ebenso wie Verzeichnis. Wenn ich in Windows das Verzeichnis lösche, ist nicht nur das Verzeichnis weg, sondern auch dessen Inhalt – dieses Verhalten passt wiederum besser zum Löschen von Ordnern. Wenn ich ein Verzeichnis verschiebe, verschiede ich auch dessen Inhalt, was man eher bei einem Ordner erwarten würde – andererseits geschieht beim Verschieben innerhalb eines Laufwerks tatsächlich genau das nicht; die Dateien bleiben auf ihrem Platz, es sieht nur so aus, als würden sie bewegt. (Deswegen geht das Verschieben innerhalb eines Laufwerks ja auch viel schneller als das auf ein anderes Laufwerk. Oder eine andere Partition.) Und ein Alltagsobjekt kann gleichzeitig nur in einem Ordner sein, aber in vielen Verzeichnissen. Wie ist das bei Festplatten. (Antwort: Es ist kompliziert.)

Tatsächlich glaube ich, dass es für Sechstklässler überhaupt keinen Unterschied macht, ob man “Verzeichnis” oder “Ordner” sagt. Was diese gelben Dinger sind, wird schnell klar, egal wie sie heißen. Ich bin aber auch als Strukturalist sozialisiert: die Bedeutung der Wörter entsteht aus ihrem Verhalten und aus ihrem Verhältnis zu anderen Wörtern, nicht aus ihrer Form. Dass auf dem Speichern-Knopf ein Disketten-Icon ist, irritiert Schüler ja auch nicht. (Hier allerdings die Ergebnisse des Projekts “Speichern unter” der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart.)

Das ändert nichts daran, dass Fehlvorstellungen Probleme machen können. Auf unserem Schulsystem war aus vermeintliche praktischen Gründen ein bestimmter Ordner auf zwei Wegen erreichbar, mit zwei verschiedenen Laufwerksbuchstaben vorne dran. Prompt hat ein Kollege eines der beiden Verzeichnisse gelöscht, weil es ja doppelt war, und war dann überrascht, dass das andere auch weg war.

Sage ich “Feld” oder “Array”? Der zweite Begriff ist – gerade für Englischlernende – mit nichts verbunden, führt also zu keinen Vorstellungen. Der erste weckt eventuell Vorstellungen: sind es förderliche oder schädliche? Manchmal mache ich mir die deutsche Bedeutung zunutze und erkläre Felder mit diesen Bildern, nachdem wir vorher mit einer Klasse “Blume” gearbeitet haben:

Felder1

Felder2

Felder3

Felder4

(Weitere Metaphern gibt es auch, von der Schubladenreihe und dem Kistenstapel.)

Andererseits verwirrt der Begriff “Feld” dann wieder einige wenige Schüler, die dem Begriff schon als Übersetzung des englischen “Field” begegnet sind, das bei uns dann wieder Attribut heißt. Und vielleicht ist es besser, mit einem Begriff zu arbeiten, mit dem man erst mal nichts verbindet, also “Array”.

  • “Schleife” oder “Loop” oder “Wiederholschleife” oder “Wiederholung” oder “Zyklus”? “Zyklus” wäre schön, ist aber als Wort den Schülern zu fern. Schleife vermutlich.  Allerdings rückt das in die Nähe der gefürchteten “If-Schleife”, und da wollen wir gar nicht erst hin. In der Unterstufe spricht man von “Wiederholung mit Anfangsbedingung” und “Wiederholung mit fester Anzahl”, das ist für die Praxis wiederum recht lang.
  • “Zeichenkette” oder “String”, oder “string”? Gerne Zeichenkette.
  • Gleitkommazahl, Fließkommazahl, Kommazahl, float oder real? Mir reicht Kommazahl, ansonsten Gleitkommazahl. Aber was das ist, kommt ohnehin erst viel später.
  • “NP-hart” oder “NP-schwer”? Da hat sich das erste durchgesetzt. Das ist eine Fehlübersetzung, aber fürs Verständnis dürfte das das geringste Problem sein.
  • “Zeichen” oder “char”? Zeichen, sonnenklar, aber die Aussprache von “char” ist offen. Die meisten Schüler (und wohl auch Englisch-Muttersprachler) sprechen es wie das englische Wort “char” aus, was Zugehfrau oder Holzkohle bedeutet, oft in Zusammensetzungen. Hat nichts mit “charming” zu tun, klingt aber genau so. Mich schüttelt es dann immer. Es gibt auch die Ausprachen “care” und “char-“, also wie erste Silve von “character”, wo es ja auch herkommt.

Nachtrag 8.1.2015: Gerade habe ich gesehen, dass der Lehrplan auch von Ordnern spricht und nicht von Verzeichnissen. Aber das soll und muss uns als klugen und selbst denkenden Didaktikern erst mal egal sein. (Man ist ja nicht nur Beamter.)

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Informatik

Computerfähigkeiten der deutschen Jugend, wieder einmal

Letzten Donnerstag wurden die Ergebnisse der ICILS-Studie zum Umgang mit digitalen Medien veröffentlicht. Das Kürzel steht für “International Computer and Information Literacy Study”. Getestet wurden Achtklässler, Deutschland liegt international und innerhalb von Europa im Mittelfeld.

Getestet wurde in der Studie vor allem, wie gut die Schüler mit dem Computer umgehen können, wenn es darum geht, im Web (“Internet”) Informationen zu suchen, zu bewertenund zu benutzen. Es geht also nicht um Informatik und nicht um Programmierung. Hier die offizielle Seite der Studie. Aus den dort angebotenen pdfs stattmt auch dieser Überblick über die angesprochenen Kompetenzen:

icils_kompetenzen

Durchführung der Studie: Am Computer. 15 Minuten Einführung in die Laptops und die Testumgebung, dann 2 von 4 verschiedenen Testeinheiten zu je 30 Minuten. Dazu gehörten Aufgaben mit Multiple Choice etc.; Aufgaben zum Umgang mit Software (Laden, Speichern); und sogenannte Autorenaufgaben:

Bei der Bearbeitung von Aufgaben diesen Aufgabentyps sollen die Schülerin nen und Schüler Informationsprodukte (z.B. Präsentationen) unter der Verwendung von computerbasierten Software-Anwendungen erstellen oder Informationsprodukte nach gegebener Aufgabenstellung verändern. Um den Realitätsbezug dieser Aufgaben zu gewährleisten, ist im Rahmen der Aufgaben bearbeitung teilweise die gleichzeitige Nutzung verschiedener Programme notwendig (z.B. E-Mail-Programme, Internetbrowser, Textverarbeitungsprogramme oder Präsentationssoftware).

Die Beschreibung der Kompetenzstufen:

  • Kompetenzstufe I: Die unterste Kompetenzstufe umfasst rudimentäre rezeptive Fertigkeiten und sehr einfache Anwendungskompetenzen, wie das Anklicken eines Links oder einer E-Mail. International befinden sich 17.0 Prozent der Schülerinnen und Schüler auf dieser untersten Kompetenzstufe. In Deutschland liegt der Anteil bei 7.4 Prozent.
  • Kompetenzstufe II: Die Kompetenzstufe II beinhaltet den kompetenten Umgang mit basalen Wissensbeständen sowie sehr einfache Fertigkeiten im Umgang mit Informationen, z.B. eine einfache Bearbeitung von Dokumenten (z.B. das Ausschneiden, Kopieren und Einfügen von Textteilen). International befinden sich 22.7 Prozent der Schülerinnen und Schüler auf der Kompetenzstufe II. In Deutschland liegt der Anteil bei 21.8 Prozent.
  • Kompetenzstufe III: Schülerinnen und Schüler, die die Kompetenzstufe III erreichen, können angeleitet, also mit Hilfestellungen, Informationen ermitteln, diese bearbeiten sowie einfache Informationsprodukte (wie z.B. einfache Textdokumente) erstellen. International befinden sich 37.6 Prozent der Schülerinnen und Schüler auf dieser Kompetenzstufe. In Deutschland liegt der Anteil bei 45.3 Prozent.
  • Kompetenzstufe IV: Die Kompetenzstufe IV umfasst das eigenständige Ermitteln und Organisieren von Informationen und das selbstständige Erzeugen von elaborierten Dokumenten und Informationsprodukten. International lassen sich 20.7 Prozent der Schülerinnen und Schüler der vierten Kompetenzstufe zuordnen. In Deutschland liegt der Anteil bei 24.0 Prozent.
  • Kompetenzstufe V: Die oberste Kompetenzstufe beschreibt schließlich sehr elaborierte computer- und informationsbezogene Kompetenzen, zu denen das sichere Bewerten und Organisieren selbstständig ermittelter Informationen sowie das Erzeugen von inhaltlich und formal anspruchsvollen Informationsprodukten gehört. International erreichen 2.0 Prozent der Schülerinnen und Schüler diese höchste
    Kompetenzstufe. In Deutschland liegt der Anteil bei 1.5 Prozent.

Klingt gar nicht so dramatisch, ehrlich gesagt. Mittelfeld halt. In der kurzen Presse-Pdf (die große Fassung mit 328 Seiten war mir zu lang) wird exemplarische eine Aufgabe vom Schiwerigkeitsgrad III gezeigt: Im Prinzip muss man einer Mail, die man gekriegt hat, eine Web-Adresse entnehmen, die nicht als anklickbare URL vorliegt, und in den Browser kopieren oder eintippen und dann zu der Seite gehen. Kriegen 50% der Achtklässler hin.

Ergebnisse, Ausschnitt:

  • Mädchen schneiden weltweit besser ab als Jungen.
  • Von allein lernen digital natives auch nicht den Umgang mit dem Computer, weshalb man den Begriff jetzt endlich mal beerdigen sollte.
  • In Deutschland gibt es ein viel zu kleines Feld von Jugendlichen, das Kompetenzstufe V erreicht (1,5%), und zu viele (7,4% bzw. 21,8%), die nur auf I oder II kommen.
  • Benachteiligt sind: Jugendliche aus unteren und mittleren sozialen Lagen; Schüler, die nicht aufs Gymnasium gehen (sondern auf andere Schularten, Gesamtschulen eingeschlossen)
  • Schulen sind nicht gut mit moderner Technik ausgestattet; Lehrer nicht gut genug geschult – und außerdem sehr skeptisch. Computer werden wenig in der Schule eingesetzt, abgesehen vom Fach Informatik.

Und, braucht man das mit dem Computer überhaupt? In einem Zeit-Interview mit einer der Verantwortlichen für die Studie fragt die Zeit dann auch:

ZEIT ONLINE: Ist denn überhaupt bewiesen, dass Schüler mit dem Computer tatsächlich mehr lernen als ohne?
Eickelmann: Da ist die Forschung der vergangenen 20 Jahre recht widersprüchlich. Mal zeigen Studien Lernvorteile durch digitale Medien, mal nicht.

Allerdings geht es nicht nur um Lernvorteile (für andere Fächer), sondern darum, dass man mit dem Computer umgehen können muss. Von den 30% der Schüler auf Stufe I und II sagen die Verantwortlichen für die Studie:

Diese Schülergruppe wird es voraussichtlich schwer haben, erfolgreich am privaten, berufl ichen sowie gesellschaftlichen Leben des 21. Jahrhunderts teilzuhaben.



Etwas Wichtiges fehlt bei dieser Studie, nämlich die Unterscheidung hinsichtlich Bundesländern und Lehrplänen beziehungsweise Fächern. Man sollte doch meinen, dass das Fach Informatik oder Informationstechnologie in der Schule einen Unterschied macht. Oder ist es am Ende gar kontraproduktiv, wie die Nutzung in anderen Fächern anzudeuten scheint?

In Bayern gibt es am Gymnasium für jeden Schüler Informatik in der 6. und 7. Jahrgangsstufe; an der Realschule gibt es Pflichtmodule in Informationstechnologie. Dazu gehören jeweils Textverarbeitung und Präsentationssoftware, Aufbau des Web, Suchen darin, und Erstellen vernetzter Dokumente.
An der Realschule gibt es ja nach Zweig weitere Wahlmodule; am Gymnasium gibt es – aber nur im naturwissenschaftlich-technologischen Zweig – Informatik verpflichtend in der 9. und 10. Jahrgangsstufe, optional bis zum Abitur.

Am letzten Elternsprechabend beklagte eine Schülermutter, dass die Schüler des sprachlichen Zweigs benachteiligt seien – von denen forderte man auch den Umgang mit Moodle, und die hätten doch keine Informatik nach der 7. Klasse mehr gehabt. Ob es da nicht doch eine Möglichkeit gebe.

Stellt sich heraus: Es gibt. In der Kursphase der Oberstufe, also den letzten beiden Jahren vor dem Abitur, können Schulen einen Kurs “Angewandte Informatik” anbieten, zumindest in der 11. Jahrgangsstufe, mit Lehrplan und Klausuren. Der Lehrplan entspricht so ziemlich dem der 9. Jahrgangsstufe am naturwissenschaftlich-technologischen Zweig, deshalb dürfen dessen Schüler den Kurs auch nicht belegen.
Außerdem können Schulen einen Kurs “Informationstechnologie” anbieten. Darüber habe ich bisher gar nichts gefunden, habe aber schon mal nachgefragt. Irgendwann, wenn es genug Informatiklehrer gibt, kann man sich ja vielleicht auch daran machen.

Nachtrag: “Informationstechnologie” ist ein Kurs ohne Lehrplan; vor Kursbeginn wird der Schulleitung eine Lehrplanskizze vorlegt mit Informationen über die Ziele, den Lehrstoff, seine Verteilung über die Ausbildungsabschnitte, die vorgesehenen Hilfsmittel und die Leistungskontrollen. Das kann die Schulleitung dann genehmigen. – Ich fürchte nur, dass an den meisten Schulen gerade mal ein regulärer Informatikkurs stattfinden kann; aus der meist kleinen Anzahl von Schülern aus dem sprachlichem Zweig werden sich wohl nicht genug Interessierte finden.

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Informatik

Frauenanteil in der Informatik

Vor drei Wochen machte dieser Radiobeitrag von NPR die Runde, When Women Stopped Coding. Kern des Beitrags ist diese Grafik, die den Frauenanteil in medizinischen, juristischen, naturwissenschaftlichen Studiengängen im Verlauf der Jahre darstellt:

informatik_frauenanteil_usa

Man fragt sich: Was ist Anfang der 1980er Jahre passiert, dass der Anteil der Frauen – anders als in den anderen Studiengängen – plötzlich wieder gesunken ist? Die Antwort, die der Radiobeitrag gibt, lautet: Heimcomputer. Vorher waren Rechner eine Sache für Firmen; mit dem Aufkommen der Heimcomputer wurden sie zu etwas, das man zu Hause haben konnte – genauer gesagt: zu einem Spielzeug für Jungs. Und damit waren die Mädchen draußen. Als Beispiele dafür, dass das Spielzeug als Jungs-Spielzeug beworben wird, werden ein paar Werbespots zitiert; ich habe bei Youtube gesucht, welche davon zu finden sind, und kann diese zwei hier anbieten:

(Andere Spots aus der Zeit, die nicht so sehr zur Theorie passen, unterschlage ich hier mal.)

Tatsache ist, dass der Frauenanteil in der IT gering ist. Das gilt für IT-Berufe in Deutschland:

informatik_frauenanteil_berufe

2011 und 2012 lag der Anteil der Frauen, die in IT-Berufe einsteigen, bei 7,5%. Für Studiengänge sieht das ähnlich aus – der Frauenanteil ist allerdings im Steigen begriffen und liegt bei gut 22%, also dem höchsten Wert seit 1977.

informatik_frauenanteil_erstsemester

(Quelle für beide Grafiken)

Für den Anteil an Frauen, die in der Oberstufe am bayerischen Gymnasium Informatik wählen, habe ich leider keine Zahlen; in den Kursen der letzten Jahre waren es zwischen 15% und 25%.


Bleiben für mich drei Fragen:

  1. Warum ist der Frauenanteil – in der Schule, im Beruf – so gering?
  2. Ist das ein Zustand, den zu ändern sich die Gesellschaft bemühen sollte?
  3. Wenn ja, was kann man da machen?

Gute Antworten habe ich auf keine der Fragen. Zumindest will ich aber ein Argument entkräften, dem man gelegentlich begegnet: “Vielleicht wollen die Frauen einfach nichts mit Computern zu tun haben. Es soll doch jeder machen können, was er will, und zu nichts gezwungen werden.”

Klar soll jeder einzelne frei entscheiden können. Aber die Entscheidungen des einzelnen kommen ja nicht aus der Luft, sondern haben eine Vorgeschichte, und die Entscheidungen einer großen Gruppe von Menschen lassen sich an anderen Faktoren festmachen. Ich stelle mir ein gesellschaftliches System wie ein kompliziertes SimCity vor, eine Simulation einer Stadt, mit vielen Knöpfen und Drehreglern:

informatik_frauenanteil_sim

Links unten ist der Frauenanteil in der IT-Branche angegeben. Egal wie groß der ist, er hängt von den Einstellungen der verschiedenen Drehregler ab. Und ja, natürlich basiert der Anteil auf der Menge vieler freier Einzelentscheidungen. Und doch: Wenn man an den Regler im Spiel dreht, ändern sich viele andere Einstellungen, unter anderem auch der Frauenanteil in der IT. Es gibt keinen naturgegebenen Frauenanteil. “Lasst doch die Frauen und Männer machen, was sie wollen” stimmt schon, beantwortet aber nicht die Frage, ob die aktuellen Reglereinstellungen optimal sind oder nicht.

Zugegeben: Nicht alles lässt sich gesellschaftlich regeln. Es gibt Konstanten, die sich nicht ändern lassen. Das ist dann das Biologische. Aber das spielt wohl eine geringe Rolle gegenüber gesellschaftlichen Faktoren – ich kann mir keinen plötzlich eintretenden biologischen Faktor vorstellen, der Anfang der 1980er Jahre dazu geführt haben könnte, dass Frauen nicht mehr IT studieren.

(Ein weiteres Argument von sehr begrenztem Wert ist die Frage, ob es denn nichts Wichtigeres gebe. Gibt es, klar, aber das ist irrelevant.)

1. Warum ist der Frauenanteil – in der Schule, im Beruf – so gering?

Die kurze Antwort: Weil so wenige Frauen in die IT wollen. Die lange Antwort würde erklären, warum so wenige wollen. Das liegt ja an den Systemeinstellungen, wie in meinem SimCity-Beispiel. Und da habe ich allenfalls nur Vermutungen. Mit der Schule hat das ein bisschen was zu tun, aber das meiste dürften außerschulische Faktoren sein: Fehlende Vorbilder, traditionelle Rollenmodelle, Software von Männern für Männer.

2. Ist das ein Zustand, den zu ändern sich die Gesellschaft bemühen sollte?

Ja. Wenn Informatik allgemeinbildend ist und ihre Inhalte allgegenwärtig sind, und das behaupte ich mal, dann sollte man nicht einen Großteil der Bevölkerung davon ausschließen beziehungsweise sich ausschließen lassen.
Vorteile für die Welt der Softwareentwicklung: Ob gemischte Teams produktiver sind oder ob Frauen mehr Sozialkompetenz in die Firmen bringen, weiß ich nicht, da bin ich skeptisch. Grundsätzlich ist Vielfalt aber vermutlich ein Vorteil, weil sie neue Gesichtspunkte einbringt, wie auch immer die genau aussehen.
Zu Gamergate sag ich jetzt mal nichts, weil ich das nur am Rande mitkriege und ich nicht weiß, wie da szu meinem Thema passt.

3. Wenn ja, was kann man da machen?

Im Informatikunterricht nicht viel. Ein Pflichtfach Informatik einführen, wie es Bayern ja schon teilweise gemacht hat. Geeignete Themen wählen, auch wenn das nicht heißt, dass Mädchen keine Fußballfelder zeichnen sollen, sondern Puppenstuben… sagen wir: man sollte sich als Informatiklehrer essen bewusst sein, dass die Mädchen gefördert werden müssen. Wie man das macht, hängt vom Einzelfall ab. Ich bin ja schon froh, wenn die Prämisse, dass man die Mädchen nicht ausschließen soll, akzeptiert wird.

Bleibt die Frage, was das optimale Ergebnis ist. Wenn jeder Mensch sich frei für das entscheiden kann, was er will, klar – aber ganz frei sind diese Entscheidungen ja nicht. Müssen es 50% Frauen in der Informatik sein? Was tun eigentlich die Sprachen mit eine deutlich höheren Frauenanteil, müssen die sich anstrengen, Männer anzuwerben??

Ältere Blogeinträge dazu:

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Fundstücke

Mein Computer ist für mich…

Bob Blume nimmt an einer (SPD-nahen) Blogparade zu Digitalen Themen teil. Man soll dabei Sätze zu Ende schreiben. Der zweite davon beginnt:

Mein Computer ist für mich…

Der Satz scheint davon auszugehen, dass ich nur einen Computer habe. Ich habe aber zwei, einen großen Laptop (2013) und ein kleines Laptop für unterwegs. Das große Laptop enthält verschiedene virtualisierte Computer, aber die zählen wohl nicht.

Ein alter Laptop (2005) steht auch noch ungenutzt im Regal. Macht drei.
Mein Android-Tablet, sind schon vier.
Der Arduino für die Schule. Fünf.
In der Uni gibt es auch noch einen Rechner, den ich als meinen betrachte.

Wobei… der Fernseher ist auch ein Computer, so richtig mit Internet. Der DVD-/Festplattenrekorder (ein Relikt) auch.

Die neue Küche piept nicht nur gerne mal, sondern ist auch voller Computer: Der Kühlschrank ist ein Computer, der Backofen, die Waschmaschine, die Spülmaschine auch. Bei den Kochplatten bin ich mir nicht sicher. Die Küchenwaage ist wohl keiner, aber sicher bin ich mir auch da nicht.

Was ist überhaupt ein Computer? Ein Ding, das rechnen und sich Sachen merken kann, und das man programmieren kann. Sekundär ist, wie leicht ich auf diese Rechen- und Programmiermöglichkeit Zugang habe. Am einfachsten geht das, wenn ich mit einem normierten Stecker eine Tastatur und einen Bildschirm anschließen kann, und wenn das Betriebssystem auf dem Computer dann eine nützliche Ausgabe über den Monitor liefert und Eingaben über die Tastatur annimmt. Wenn nicht… na, dann muss man vielleicht andere Geräte anklemmen und ein bisschen löten, aber ein Computer ist das trotzdem.

Halt, einen habe ich noch! Mein Drucker ist selbstverständlich auch ein Computer. Der Beweis: Man kann auf ihm Doom laufen lassen. (Video hier.) Das ist eine keinesfalls notwendige, aber absolut hinreichende Bedingung dafür, dass irgend etwas ein Computer ist. Tatsächlich ist das wohl mit die erste Spielerei, die irgendein Stück Hardware über sich ergehen lassen muss: Kann man darauf Doom laufen lassen?

Und mein Router ist ja auch ein Computer, fällt mir gerade ein.

Jeder USB-Stick – und überhaupt jedes USB-Gerät – ist auch ein eigener Computer. (Soll ich wirklich anfangen, die zu zählen?) Auf jedem USB-Stick ist ein Bereich, der dafür sorgt, dass der Stick etwas tut, wenn der USB-Stick eingesteckt wird, nämlich mindestens eine Verbindugn zwischen den Geräten herzustellen. An diesen Bereich kommt man als Nutzer normalerweise nicht ran. Aber vor einiger Zeit haben Entwickler gezeigt, dass das prinzipiell doch geht, und dass man in diesen Bereich auch Schadsoftware einspielen kann, der dann auf dem Rechner, in den der Stick eingesteckt wird, alles mögliche machen kann. Siehe WIRED, ganz aktuelle Sache.

Spätestens jetzt müsste man sich eigenlich fragen, was ein Computer eigentlich ist. Einen Computer kann man sich wie ein großes Patiencespiel vorstellen, mit vielen Karten. Mit dem Computer kann man alles berechnen, was überhaupt berechenbar ist. Mit einem etwas stupiden Patiencespiel auch: Es gibt einen Haufen Karten und dazu einen überraschend kleinen Satz von Spielregeln. Dann bringt man die Karten in eine Ausgangsposition und fängt an zu spielen. Irgendwann geht die Patience dann meist nicht mehr weiter, und aus der Lage der Karten – alle aufgebraucht? alle offen? wo verteilt? – kann man dann das Ergebnis der Berechnung ablesen, und zwar jeder beliebigen Berechnung. Das geht alles mit dem jeweils identischen kleinen Satz an Spielregeln. Wenn man das elektronisch macht und nicht mit Patiencekarten, dann ist das ein Computer.

Irgendwann stelle ich vielleicht diese Computer-Patience-Regeln vor. Eine beliebte Variante davon heißt “Turing-Maschine”.
Wenn ich vorher weiß, wie viele Karten beziehungsweise wie viel Platz auf dem Schreibtisch ich höchstens brauche, dann kann ich damit eine ganze Menge berechnen, aber doch nicht alles. Wenn ich nicht vorhersagen kann, wieviel Schreibtischplatz ich höchstens brauche, dann geht aber wirklich alles, was geht. Das heißt dann “turing-vollständig”. Manches geht dann zwar noch immer nicht, aber das gilt dann auch für den Elektronik-Computer.

Hier ist eine Liste von Programmen und Spielen von Zeug, die sich zufälligerweise als turing-vollständig herausgestellt haben: Accidentally Turing-Complete. Ziemlich technisch, aber das Kartenspiel Magic: The Gathering kenne ich halbwegs. Ja, innerhalb des Spiels kann man einen Computer simulieren und beliebige Berechnungen durchführen (Cory Doctorow dazu).

Nachtrag: Einen MaKey MaKey hatte ich bei der Liste der Computer noch vergessen. Und einen kleinen AirPlay-Audioanschluss für die Stereoanlage.

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Informatik

Schleifchenmachen

In der 7. Klasse lernen die Schüler am bayerischen Gymnasium Algorithmik “mit einem Programmiersystem, mit dem sie die Algorithmen intuitiv umsetzen können und bei dem die Einzelschritte des Ablaufs altersgemäß visualisiert werden” (Lehrplan). Das heißt in der Regel: Robot Karol, das virtuelle Legomännchen. Es kann Ziegelsteine vor sich ablegen und aufnehmen, kann sich nach links und rechts drehen und einen Schritt nach vorne machen. Aus diesen Anweisungen bastelt man sich ein Programm.

Wenn man dabei überlegt vorgeht, schreibt man beispielsweise nicht:

schritt()
linksdrehen()
schritt()
linksdrehen()
schritt()
linksdrehen()

sondern:

wiederhole 3 mal
  schritt()
  linksdrehen()
*wiederhole

weil man erkannt hat, dass da eine gewisse Struktur in der Abfolge von Anweisungen ist.
Am Anfang neigen Schüler allerdings dazu, auf dieses “wiederhole” zu verzichten und einfach draufloszuschreiben. Deswegen gebe ich bei Aufgaben gerne mal vor, in wieviel Zeilen sie lösbar sind, in der Hoffnung, dass die Schüler versuchenn, meine Vorgabe zu erreichen – oder bei manchen Aufgaben auch schon mal zu unterbieten, wenn ihnen noch ein kürzerer Weg eingefallen ist.

robot_karola_aufgaben

Gestern habe ich ein Übungsprogramm dazu konstruiert, bei dem allerdings gar nichts altersgemäß visualisiert wird. Man gibt ein, welche Anweisungen es geben soll, wie viel Verschachtelungen von Schleifen es maximal geben soll, und dann erzeugt das Programm zum Beispiel:

schritt()
linksdrehen()
schritt()
linksdrehen()
schritt()
linksdrehen()

Selber muss man das dann kürzer fassen, wenn es geht, und vergleicht dann mit der Antwort. Hier als Java-Programm in einer ersten Version:

Weiterlesen

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