Schlagwort: Lehrerbild

Über das Notengeben & querulante Lehrer

Ein beliebtes Aufsatzthema in der frühen Mittelstufe ist die Frage, ob man Noten in der Schule abschaffen soll. Die Schüler sind massiv dagegen, Eltern sicher ebenso; nur die Lehrer träumen gelegentlich davon, wie schön eine Schule ohne Noten wäre. Für Lehrer sind Noten das, was ihnen in der Schule am schwersten fällt, was der anstrengendste Teil des Unterrichts ist. Wenn ihr etwas gegen Noten habt: Mich habt ihr auf eurer Seite. (Allerdings ist das lästige Notengeben, das ständige Treffen von Entscheidungen, auch ein Grund dafür, warum wir relativ gut bezahlt werden.)

Noten haben, hat man mir beigebracht, mehrere Aufgaben: Rückmeldung an Schüler (und Eltern) darüber, wie gut der aktuelle Stoff beherrscht wird; Rückmeldung an den Lehrer, welche Ergebnisse der Unterricht in dieser Klasse hat. Sie haben aber auch Nebenwirkungen, werden als Belohnung oder Bestrafung gesehen, und von unerfahrenen oder schlechten Lehrern als Mittel zur Disziplinierung eingesetzt.

Rückmeldung ist wichtig. Sonst erfreut man sich als Lehrer schnell am Irrglauben, die Schüler könnten nach dem Unterricht mehr als vorher. Und manche Schüler glauben selber genauso schnell, sie könnten etwas, bloß weil sie eine Erklärung verstanden zu haben meinen. Rückmeldung kann aber auch ohne klassische Noten geschehen. Notenfreie Schule: Gerne, solange das ohne Esoterikgeschwurbel auskommt. Die Frage, wie man mit Schülern umgeht, die den vorgesehenen Stoff nicht ausreichend beherrschen, ist zur Zeit auch mit Noten nicht sehr gut geklärt.

Hier ein Interview mit einem Bildungsforscher dazu. Mit manchem hat er recht, anderes ist wohl verkürzt wiedergegeben. “Denn klassische Noten messen die Kinder nicht an Lernzielen, sondern am Klassendurchschnitt.” Das ist zumindest theoretisch falsch. Gemessen wird nicht an der Klasse, sondern an dem, was in dieser Jahrgangsstufe allgemein erreichbar ist. In der Praxis kriegt man allerdings tatsächlich am wenigstens Rückfragen von der Schulleitung oder dem Kultusministerium, wenn man Notenschnitte zwischen 3,00 und 3,60 produziert. Weltfremd ist die Behauptung: “Aber ein guter Lehrer braucht keine Noten, weil er die Kinder für den Stoff begeistern kann” – wenn sie so pauschal gemeint ist, wie sie dasteht. Tendenziell stimmt das nämlich schon, aber zur Freiheit des Individuums gehört auch, dass sich manche Kinder nicht für den Stoff begeistern lassen, da kann der Lehrer so gut sein, wie er will. Mit Noten wird die Begeisterung allerdings auch nicht größer.


Michael Felten fordert in der Zeit online Lehrer dazu auf, mehr Querulant zu sein und weniger kultusministeriell vorgeschriebene Innovation abzunicken. In Bayern haben wir es da noch vergleichsweise gut. Durch den fehlenden Wechsel in der Regierungspartei kommen auch die Innovationen, mit denen sich jeweils die neue Regierung von der alten absetzen will, weniger häufig. Ganz gefeit davor sind wir auch nicht, wie man am über Nacht verordneten G8 sieht. Und ansonsten bleiben Abnicken wie Innovation ja auch gerne mal folgenlos, ich sage nur externe Evaluation.

(Gedankengang aufgrund von Englandurlaub nicht zu Ende geführt.)

Wer Probleme mit dem Ausüben von Macht hat, sollte kein Lehrer werden

Im P-Seminar der Oberstufe in Bayern arbeiten die Schüler nicht nur an einem Projekt, sie erhalten auch Informationen über die Berufswelt. Unter anderem gibt es dazu die BuS-Selbsterkundungshefte. (Bus: Berufs- und Studienwahl.) Wie nützlich die sind, kann ich noch nicht sagen – vermutlich schon einigermaßen, obwohl die Behauptung am Ende von Heft A schon gewagt optimistisch formuliert ist: “Wahrscheinlich drängen sich auf der Grundlage all der gesammelten Daten über Ihre Einstellungen, Werte, Fähigkeiten, Schwächen usw. bestimmte konkrete Berufe auf.” Von Aufdrängen sprechen die meisten meiner Schüler nicht.

Diese Hefte sind dazu da, dass Schüler sich Gedanken machen, welche Berufe sie interessieren, und dass sie überprüfen können, ob ihre Ziele und Wünsche auch dazu passen. Notiert habe ich mir dazu zwei Fundstellen aus Heft A:

Wer Beruf und Familie gut miteinander vereinbaren und außerdem viel Freizeit haben will, sollte nicht unbedingt einen Managementposten anstreben.

Das ist, fürchte ich, realistisch, und die Empfehlung ist sinnvoll. Mich stört nur die Kombination der beiden Bedingungen (Beruf/Familie und Freizeit). Gemeint ist vermutlich, dass bereits jeweils eine der Bedingungen ein Ausschlusskriterium für den Managementposten ist. Dann soll man das auch so schreiben.

Dann gibt es noch dieses Fundstück:

Unterschätzen Sie nicht die Wichtigkeit von Werten für die Berufswahl! Wer z.B. Macht verabscheut, aber einen Beruf wählt, der zwangsläufig mit Macht verbunden ist (z.B. der des Lehrers), wird sich in diesem Beruf immer wieder selbst im Wege stehen und mit seinem Beruf weder glücklich sein noch Erfolg haben.

Allgemein stimmt diese Aussagen, und das Beispiel im Besonderen auch: Lehrer üben Macht aus, darüber sollten sie sich klar sein. Formal geschieht das vor allem dadurch, dass sie Noten machen, über Vorrücken entscheiden und Abschlüsse verleihen. (Diese Sachen sind für mich die anstrengendstem am Lehrersein, die ich einerseits gerne abgeben würde, die andererseits Ursache für unsere Besoldung sind.)
Außerdem üben wir im lehrerzentrierten Unterricht Macht dadurch aus, dass wir bestimmen, was passiert. Und das tun wir, mindestens so lange, wie es Lehrpläne gibt, also solange Schüler zu bestimmten Zeitpunkten etwas lernen sollen, ob sie wollen oder nicht.

Geht es auch anders? Beschreibt das zweite Zitat ebenso wie das erste einen Ist-Zustand, der sich irgendwann einmal ändern sollte? In Einzelfällen sowieso. Aber ein ganzes Schulsystem umzubauen, dass es ohne Machtverhältnisse funktioniert, also ohne dass eine oder alle Parteien auf unterschiedliche Weise Druck ausüben können – das kann ich mir nicht vorstellen. “Denn ist nicht alles, was man Kindern tut, Gewalt?”, fragt der schmierige Patriarch im Nathan, um allerdings gleich hinzuzufügen: “Zu sagen: — ausgenommen, was die Kirch’ an Kindern tut.” Man möchte manchmal aktualisieren: “Ausgenommen, was ein Lernbegleiter an Kindern tut.”

Selbst Rousseau will Macht ausüben bei der Erziehung. Der Schüler soll es nur nicht merken:

Folgt mit Eurem Zögling den umgekehrten Weg. Lasst ihn immer im Glauben, er sei der Meister, seid es in Wirklichkeit aber selbst. Es gibt keine vollkommenere Unterwerfung als die, der man den Schein der Freiheit zugesteht. So bezwingt man sogar seinen Willen.

Zitat aus Emile, aus Wikipedia übernommen, weil ich Emile ja nie gelesen habe und darauf hoffe, dass das auch wirklich so da drin steht.


Fundstück: Das GBlog hat Gedanken zu einer Kritik der Kompetenzorientierung zusammengestellt. Geht es am Ende darum, dass Schüler genau die Kompetenzen erwerben sollen, die es ihnen erlauben, in einer unwirtlichen Berufwelt zu funktionieren, ohne diese zu hinterfragen? Ist mir etwas zu theoretisch, der Artikel, aber ich bin auch mehr so middlebrow statt highbrow.

Bildungsumfrage 2012 – was wollen die Eltern?

Im Januar 2012 hat das Meinungsforschungsinstitut Emnid im Auftrag des Versandhandelgeschäfts Jako-o (Kindermode, Spielwaren und Accessoires) zum zweiten Mal eine Umfrage durchgeführt dazu, was sich Eltern schulpflichtiger Kinder – also bis 16 Jahre – von der Schule wünschen und inwiefern sie glauben, dass das bereits verwirklicht ist. Das Fazit: “Unser Schulsystem ist immer noch weit von den Wünschen und Vorstellungen der Eltern entfernt,” auch wenn es sich im Vergleich zum Jahr 2010 schon genähert hat. Die Geschäftsleitung wird weiter machen:

Ich verspreche Ihnen: JAKO-O wird nicht locker lassen. […] Vor allem, weil Familien unsere Kunden sind, für die wir uns einsetzen und denen wir […] eine Stimme geben wollen.

Wie sehen Eltern die Schule also? Unter anderem wurden ihnen folgende bildungspolitische Ziele vorgesetzt; “sehr wichtig” war ihnen dabei:

  • dass viel Wert auf soziales Verhalten gelegt wird: 84%
  • dass umfassende Allgemeinbildung vermittelt wird: 80%
  • dass lernschwache Schüler besser gefördert werden: 79%
  • dass besonders Begabte besonders gefördert werden: 52%
  • dass die Schule berufsbezogen ausbildet: 44%
  • dass Leistung im Vordergrund steht: 28%

Leider habe ich nirgendwo gefunden, wie viele Optionen die Befragten außer “sehr wichtig” hatten. Vielleicht “wichtig”, “nicht so wichtig” und “unwichtig”?

Warum ist es mehr Leuten sehr wichtig, lernschwache Schüler zu fördern, als Begabte? Möglicherweise halten sie einen Mindestgrad an Bildung, der durch die Schule vermittelt werden soll, für essenziell. Und da ist es eben wichtiger, dass möglichst alle zumindest dieses Minimum mitkriegen. Um das eigene Kind scheint es nicht zu gehen: Immerhin halten 76% der Befragten ihr Kind für gerade richtig gefordert, 7% halten es für eher überfordert, 15% für eher unterfordert. Könnte man auch eine Schlagzeile machen: “Doppelt vo viel Eltern halten ihr Kind für unterfordert wie überfordert.”

Vielleicht käme etwas anderes heraus, wenn man fragte: “Sollte die Schule ihre begrenzten bisherigen Ressourcen umverteilen, um mehr lernschwache Schüler zu fördern, oder mehr begabte?”

Dass “Leistung im Vordergrund steht” ist eine komische Formulierung für ein bildungspolitisches Ziel. Es überrascht mich nicht, dass das nicht gut abschneidet. Ich weiß auch nicht genau, was sich die Befragten oder Fragesteller darunter vorstellen.

Tatsächlich glauben Eltern allerdings, das folgende Ziele von den Schulen verwirklicht werden, und zwar “sehr stark” oder “eher stark”:

  • dass Leistung im Vordergrund steht: 74%
  • dass viel Wert auf soziales Verhalten gelegt wird: 44%
  • dass besonders Begabte besonders gefördert werden: 44%
  • dass umfassende Allgemeinbildung vermittelt wird: 43%
  • dass die Schule berufsbezogen ausbildet: 30%
  • dass lernschwache Schüler besser gefördert werden: 29%

Ich bin sicher nicht der einzige, dem aufgefallen ist, dass hier zwei Antwortkategorien zu einer einzelnen Prozentangabe vermengt wurden. Wie viele Optionen gab es hier wohl? Und wäre es nicht besser, dann auch bei der ersten Statistik zwei Antwortkategorien zusammenzufassen?

Dass Leistung im Vordergrund steht, glauben viele Eltern also. Ist vielleicht auch so. Aber dass Begabte mehr gefördert werden als lernschwache Schüler? Das kann ich mir nicht vorstellen.

Aus dieser Übersicht kann man die Ergebnisse etwas besser ablesen, auch ist bei der Verwirklichung nur “sehr stark” eingetragen:

Weitere Zahlen:

63% erarbeiten mit dem Kind zu Hause die Lerninhalte. Ebenso viele geben an, dass die Kinder in der Regel allein zurechtkommen, also keine Hilfe durch Geschwister oder Nachhilfe brauchen.
31% engagieren sich in der Elternvertretung. (So viele?)
60% beklagen, dass sie viele der Aufgaben übernehmen müssen, die sie eigentlich bei den Schulen sehen. (Bei den Müttern deutlich mehr als bei den Vätern.)

Konkret sehen die Befragten die Zuständigkeit für bestimmte Ziele (wenn auch andere als oben) so verteilt:

Für die wenigsten Sache ist die Schule allein zuständig, das meiste ist Aufgabe von Eltern und Lehrern. Eher bei sich sehen Eltern das Recht oder die Pflicht der Erziehung zu Pünktlichkeit und Höflichkeit

Bei der Umfrage waren mehr als zwei Drittel Mütter, der Rest Väter. Die Antworten wurden unter anderem nach Bundesland, Schulbildung, Alleinerziehung unterschiedlich gewichtet, damit das Ergebnis repräsentativ für die ganze Bundesrepublik ist.

Weiter Fragen betrafen das G9 (Eltern sind dagegen) und Inklusion. Zu letztere schreibe ich nichts, weil das an meiner Schule noch in sehr weiter Ferne liegt.

Fazit: Weiß nicht. Gegen das G9, gegen Leistungsprinzip. Was auch immer das letzte heißen soll. Ansonsten wenig Dramatisches oder Überraschendes, finde ich. Ich hätte konkretere Fragen bevorzugt.

Quelle für alle Daten und Grafiken: Jako-o Pressemappe zur Emnid-Umfrage

Was liest ein Lehrer am Gymnasium so?

Ich weiß nicht, warum und woher sie kommen. Aber ab und tauchen sie auf und ein Tisch im Lehrerzimmer ist gefüllt mit Büchern, die man sich anschauen und bestellen kann. Gestern zum Beispiel.
Nur: was glaubt man eigentlich, das Lehrer so kaufen würden? Mir ist die Auswahl peinlich. An Literatur und Lyrik: Heinz Erhardt, sonst nichts. (Denkbar noch: eine großformatige Faust-Ausgabe, philologisch unbrauchbar, dafür mit schönen Illustrationen aus dem frühen 20. Jahrhundert. Wollte man immer schon mal lesen.) An Geisteswissenschaften: leichte Zusammenfassungen in Geschichte und Philosophie, hochglanz, großzügig gesetzt, knapp an Kinderbuchfassungen vorbeischrammend. Dazu Kochbücher für Leute, die sich nicht besonders für Kochbücher interessieren. Die hundert besten diese und die hundert besten das. Alles schön gebunden, limitierte Sonderausgaben, großer Zitatenschatz etc.

Vielleicht sind diese Bücher ja da, damit man jetzt ein paar nette Weihnachtsgeschenke aussuchen kann. Dann müsste meine Überschrift lauten: “Was verschenkt ein Lehrer am Gymnasium so für Bücher?” und das wäre keinen Deut besser.

Eigentlich sollte ich froh sein um jedes Buch, das gelesen wird. Bin ich auch. Und auch in diesen Büchern stecken schöne Gedanken. Aber die Auswahl kratzt sehr an meinem Lehrerbild. Ich hätte gerne Lehrer, die andere Bücher bevorzugen. Ich mag Lyrik, Kochbücher, Geisteswissenschaften, sogar Basteleien, Kunst. Auf all diesen Gebieten gibt es so viel bessere und schönere Bücher als die angebotenen. Allerdings: die kosten dann mehr als 4,99€, und ich fürchte, da liegt das Problem.

Als ich in der Kollegstufe war, da konnte ich auch nicht an der Abteilung “Modernes Antiquariat” der Buchhandlungen vorbeigehen. (Das war die Gegend, wo solche Bücher lagen. Ich weiß nicht, ob’s das noch gibt.) Aber das ist lange her.

Klingt das ganze versnobt und elitär? Zumindest ein bisschen, hoffe ich.

Frank McCourt, Teacher Man

In den Ferien habe ich dieses dritte Buch von Frank McCourt gelesen (nach Angela’s Ashes und ‘Tis); es enthält die Erinnerungen von McCourt an sein Leben als Lehrer an verschiedenen amerikanischen Schulen seit den 1950er Jahren. Das Lesen hat Spaß gemacht, das Buch enthält Heiteres und Trauriges, viele Schulgeschichten und auch Privatleben. Allerdings: so gut wie im Vorwort wurde das Buch für mich nie wieder. Dort dankt McCourt nicht wie üblich denjenigen, ohne die dieses Buch nicht entstanden wäre – stattdessen vergibt er ihnen, Papst Pius XII, den Engländern allgemein, dem Bischof von Limerick und vielen anderen. Und das in einem Tonfall, genial.

Der Rest ist auch gut, McCourts Kampf mit sich und dem Schulwesen, mit Vorgesetzten, Kollegen und Schülern. Wenn das ein Roman wäre, hätte ich aber auf ein paar Kapitel verzichten können – die Handlung lebt von der Sympathie und dem Mitgefühl, die man für McCourt aufbringt, und meine Geduld hat er eine klitzekleines bisschen strapaziert.

Vielleicht hat mich auch nur gestört, dass McCourt von vielen als Vorbild Für Uns Alle dargestellt wird, der ewige (Englisch-)Lehrer im Kampf mit dem System. Aber für mich ist er keine moderne Lehrerfigur – und er wäre der erste, der das zugibt, meine ich dem Buch zu entnehmen.

Zum einen sind amerikanische Verhältnisse nicht auf deutsche zu übertragen, und die vor vierzig oder fünfzig Jahren auch nicht. McCourt schildert ausführlich, wie wichtig das Hereinkommen der Schüler ist, wie jeder von ihnen das Eintreten ins Klassenzimmer dazu nützt, sich in Szene zu setzen, den eigenen Rang zu demonstrieren – das Verhalten kenne ich aus amerikanischen Fernsehserien, aber für bayerische Gymnasien gilt das nicht. Schon mal, weil da die Schüler nicht hereinkommen.

Unverändert gilt aber, was McCourt über Schulleitungen und dergleichen sagt:

This is the situation in the public schools of America: The farther you travel from the classroom the greater your financial and professional rewards. Get the license, teach for two or three years. Take courses in administra­tion, supervision, guidance, and with your new certifi­cates you can move to an office with air-conditioning, private toilets, long lunches, secretaries. You won’t have to struggle with large groups of pain-in-the-arse kids. Hide out in your office, and you won’t even have to see the little buggers. (p. 187)

Vor allem stellt McCourt für mich das romantische, und nicht professionelle, Bild vom Lehrer da, den wir aus Dead Poets Society und vielen anderen Geschichten kennen: genialisch, beliebt, ohne Zusammenarbeit mit Kollegen, unbequem, ohne an irgendeinen Lehrplan gebunden zu sein. Und mit einer enormen Kapazität, sich von der Schule vereinnahmen zu lassen:

At the end of a school day you leave with a head filled with adolescent noises, their worries, their dreams. They follow you to dinner, to the movies, to the bathroom, to the bed. (p. 217f)

Also, gesund ist das nicht.

Vielleicht liegt das alles daran, dass diese Lehrer alles Englischlehrer sind. Das scheint der archetypische Lehrer zu sein. Ich würde gerne mehr von anderen Lehrern hören oder lesen. Denn wie das mit den Englisch- oder Deutschlehrern eben so ist… das sagt am besten dieses Zitat von Kurt Vonnegut über Allen Ginsbergs Gedicht “Howl”, eine Hymne der Beat-Generation. Es beginnt mit den Worten: “I saw the best minds of my generation destroyed by madness, starving hysterical naked, dragging themselves through the Negro streets at dawn looking for an angry fix.” Ich habe das Vonnegut-Zitat selbst mal beim Lesen herausgepickt, es hat aber anscheinend auch viele andere Nerven getroffen, so oft wie es zitiert wird:

I like “Howl” a lot. Who wouldn’t? It just doesn’t have much to do with me or what happened to my friends. For one thing, I believe that the best minds of my generation were probably musicians and physicists and mathematicians and biologists and archaeologists and chess masters and so on, and Ginsberg’s closest friends, if I’m not mistaken, were undergraduates in the English department of Columbia University.
No offense intended, but it would never occur to me to look for the best minds in any generation in an undergraduate English department anywhere. I would certainly try the physics department or the music department first — and after that biochemistry.
Everybody knows that the dumbest people in any American university are in the education department, and English after that.
(Palm Sunday, p. 156)

Ach ja, Vonnegut. Einer meiner literarischen Helden…. Er zählt die Informatiker natürlich nur deshalb nicht auf, weil es die damals noch nicht so gab.

— Eine Erfahrung, die McCourt macht, ohne sie zu thematisieren: das Wichtigste für den Lernerfolg sind Klassen, die lernen wollen. Die gibt es bei ihm nämlich manchmal. Und das macht einen größeren Unterschied als Computer und Lern- und Lehrmethoden und alles andere. Auch heute gibt es manchmal, und an meiner Schule gar nicht so selten, solche Klassen. Und das ab der 5. Klasse. Kümmert sich die Forschung bitte mal darum, wie solche Klassen entstehen? Das ist wichtiger als alles, was man an Methodik am Gymnasium treiben kann.

Zitierte Werke:

  • Frank McCourt, Teacher Man. A Memoir. New York: Scribner 2006.
  • Kurt Vonnegut, Palm Sunday. An Autobiographical Collage. London: Jonathan Cape 1981.

Dietrich Weichold, …und nebenbei ein toter Lehrer

Dieses Buch war im Juli bei mir im Briefkasten, ein Ansichtsexempar des Schmetterling Verlags. Auch wenn es an “Tobias Rau” ging, ich lese gerne Krimis, und Bücher im Lehrermilieu obendrein, also: vielen Dank. Außerdem war keine Bitte um Kommentierung in meinem Blog dabei, also schreibe ich gerne etwas dazu.

weichold_toter_lehrer

Das Buch ist ein Kriminalroman. Am Anfang, wie sich das für einen Krimi gehört, gibt es eine Liste der wichtigsten Personen. Wie ich das immer mache, habe ich gleich anhand dieser Liste auf den Täter getippt. Wie meistens lag ich daneben. Das ist allerdings verzeihlich: in diesem Buch geht es gar nicht so sehr darum, den Täter herauszufinden, denn der ist dann doch der, den man meint. Oder bin ich nur zu versiert als Krimileser?

Auf den ersten Seiten findet die Beerdigung des Opfers – eines Lehrers – statt. Ratlosigkeit unter Lehrern und Schülern. Dann ein Sprung zurück, vier Monate, und die eigentliche Geschichte wird erzählt. Cyberbullying, Mobbing. Etwa in der Mitte des Buches geschieht das Verbrechen; der Rest ist Aufklärung durch die Polizei.
Als Krimi ist das Buch etwas enttäuschend. Aber zum Genre Krimi gehört ja auch ein Mehrwert – in jedem Krimi erfährt man etwas über tropische Gifte oder das Leben auf dem Landsitz, oder über einen kleinen Ausschnitt der Gesellschaft oder eine Region. Hier ist es das Schwäbische um Tübingen herum, und das Lehrerkollegium. Kleinstadt und Kultur. Grantler und Nörgler und Besserwisser. Schlangen vor dem Kopiergerät. Eine Schulleitung, die ungewöhnlich ruhig bleibt, als am Morgen des Abiturs eine Leiche gefunden wird – erst der zweite Gedanke gilt dem Abitur (Alptraum jedes Schulleiters), der erste dann doch dem Todesfall. Bewundernswert. Möglicherweise unrealistisch.

Gefesselt haben mich die fiktiven Kollegen allerdings trotzdem nur mäßig. Die sehe ich doch eh jeden Tag. Vielleicht mag ich Lehrer in der Literatur dann doch nur in der grotesken Übertreibung. Am meisten habe ich mich auf die Tagebucheinträge der Neuntklässlerin gefreut, die den meisten der kurzen Kapitel folgen.

Dietrich Weichold war bis 2008 Lehrer für Spanisch, Englisch und Deutsch am Gymnasium. Amazon hat von ihm noch eine Theaterversion vom Hobbit im Angebot und ein kleines book on demand mit Anekdoten aus den 1950ern, das ich mir bestellt habe, weil es sehr interessant klang. Ich bewundere normale Leute enorm (Lehrer etwa), die die Ausdauer haben sich hinzusetzen und einen Roman zu schreiben. Ich komme mir nach den ersten Zeilen gleich so albern vor, dass ich in den letzten fünfzehn Jahren nie mehr geschafft habe.

Links aus den letzten Wochen (ich komme echt nicht mehr nach)

Mündliche Noten

Bei Jochen gibt es gerade eine sehr interessante Diskussion um mündliche Noten und um die Benotung von Mitarbeit im Unterricht. Jean-Pol Martin stellt darin eine einfach umsetzbare, praktikable und mir sehr sinnvoll erscheinende Möglichkeit vor, die man sich lediglich trauen muss. Aber wir trauen uns eh zu wenig.

Umfrage zu Lehrern

Ich hätte es vermutlich verpasst, wenn mich nicht landeskunde darauf aufmerksam gemacht hätte. Der Spiegel zeigte Ende März die Ergebnisse einer Allensbach-Umfrage zum Thema Schule und Lehrer. Hier meine zwei liebsten Folien. Zuerst die harmlose, sie zeigt etwas über Vorurteile:

ifd10029-13

Nur 16% aller Lehrer, finden die Befragten, bemühen sich, den Unterricht interessant zu gestalten. Aber die Lehrer der eigenen Kinder sind immer eine Ausnahme: da sind es immerhin 44%. Zugegeben, das gilt für “den Lehrer, den man am besten kennt”, und vielleicht kennt man die aktiveren Lehrer besser. Trotzdem sieht das nach einem massiven nicht zutreffenden Vorurteil aus.

Interessanter die zweite Folie: Was die Eltern sich wünschen, dass die Schule vermittelt.

ifd10029-2

Und da steht Rechtschreibung und Grammatik ganz oben. Computer und Naturwissenschaften weit abgeschlagen. Deutsch ist insgesamt das Fach, dessen Inhalte den Eltern am meisten am Herzen liegen – oder zumindest ein Teil; viele Inhalte fallen recht lapidar unter “gute Allgemeinbildung”. Die Fähigkeit, zu bewerten, fehlt ganz. Um sinnvoll bewerten zu können, müssen sie aber dieses ganze verpönte Faktenwissen lernen.

(Alle Folien gibt es als pdf beim dphv.)

Geschichten um die Kinderpornographie

Zusammenfassung und die wichtigsten Links zur sogenannten Kinderpornographie-Sperre beim Handelsblatt. Bevor mir jemand ruft, dass das Internet kein rechtsfreier Raum sein kann: Siehe Die dreizehn Lügen der Zensurursula.