Schlagwort: Literatur

Prometheus und andere Tricksereien

Sturm und Drang, Goethes “Prometheus”: Entstanden wohl in den frühen 1770er Jahre, die erste autorisierte Druckfassung von 1789 unterscheidet sich von der Fassung letzter Hand 1827 nur durch ein paar Schreibvarianten. In Anthologien findet man allerdings meist die ohne Namensnennung und unautorisiert verwendete Druckfassung von 1785 – in den späteren Versionen hat der Klassiker Goethe seinen jugendlichen Sturm und Drang geglättet und etwa das berühmt gewordene “Knabenmorgen-Blütenträume” durch schlichte “Blütenträume” ersetzt. Der Nachwelt gefällt die frühe Fassung aber besser.

Vor der Lektüre kann man etwa diesen Videoclip vom Bayerischen Rundfunk anschauen:

BR-alpha – Mythen – Michael Köhlmeier erzählt Sagen des klassischen Altertums (Download vieler Episoden)


Im Zusammenhang mit Prometheus frische ich auch gerne mal die griechische Mythologie auf, schon mal für die Klassik nächstes Jahr. Für die Oberstufe ist mein Kerngedanke ist dabei: In eine Vielzahl lokaler und weiter verbreiteter Götter und Vorstellungen brachte Hesiod Ordnung, in dem er in seiner Theogonie das vorhandene Material zusammenstellte und redigierte. (So ähnlich wie Roy Thomas die chaotische DC-Superheldenwelt der 1930er bis 1970er Jahre ordnete, das Nebeneinander verschiedener Entstehungsgeschichten glättete und erklärte. Inzwischen ist alles noch komplizierter geworden, fragt nur mal jemanden nach Supergirl.) Eros “ist” also nicht irgendwie das Kind der Nacht, und Aphrodite “ist” nicht die Tochter von Uranos, sondern das ist halt bei Hesiod so. Bei Homer ist Aphrodite die Tochter von Zeus und Dione. Bei anderen Autoren ist das alles wieder ganz anders, und das gilt für andere Gestalten wieder genauso. Das ist mehr Bildung, als bei “Wer wird Millionär” die zwölf olympischen Götter aufzählen zu können.

Weil ich alle Übersichten, die ich gefunden habe, etwas unübersichtlich fand, habe ich die Wikipedia-Darstellungen etwas geändert:

theogonie1

theogonie2

(Originaltabellen von Wikipedia unter CC-BY-SA-Lizenz, deshalb steht auch der ganze Blogeintrag hier unter CC-BY-SA. Hier meine .odt-Datei dazu, über die Formatierung nicht erschrecken.)


Und zweitens nutze ich gerne die Gelegenheit für etwas laienhafte vergleichende Mythologie.

Ausgangspunkt:

Nach Film und Gedicht wissen Schüler: Prometheus ist ein Titan, gehört also nicht zur klassischen Götterriege. Er ist ein Freund des Menschen, sein Schöpfer sogar, und bringt ihm viele Dinge bei. Er stiehlt das Feuer für ihn und bringt ihm bei, bei den Tieropfern die Götter um das bessere Teil zu betrügen. Am Ende wird er für seine Taten an den Kaukasus gefesselt, wo täglich ein Adler kommt und an seiner – stets nachwachsender – Leber frisst.

Danach gebe ich folgende Texte zu lesen:

1. Bibel, 1. Mose 3

Die Schlange nun erwies sich als das vorsichtigste aller wildlebenden Tiere des Feldes, die JHWH Gott gemacht hatte. So begann sie zur Frau zu sprechen: Sollte Gott wirklich gesagt haben: Ihr dürft nicht von jedem Baum des Gartens essen? Darauf sprach die Frau zur Schlange: Von der Frucht der Bäume des Gartens dürfen wir essen. Aber von der Frucht des Baumes, der in der Mitte des Gartens ist, hat Gott gesagt: Ihr sollt nicht davon essen, nein, ihr sollt sie nicht anrühren, damit ihr nicht sterbt. Darauf sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet ganz bestimmt nicht sterben. Denn Gott weiß, dass an demselben Tag, an dem ihr davon esst, euch ganz bestimmt die Augen geöffnet werden, und ihr werdet ganz bestimmt sein wie Gott, erkennend Gut und Böse. Danach sah die Frau, dass der Baum gut war zur Speise und dass er etwas war, wonach die Augen Verlangen hatten, ja der Baum war begehrenswert zum Anschauen. So begann sie von seiner Frucht zu nehmen und zu essen. Danach gab sie davon auch ihrem Mann, als er bei ihr war, und er begann davon zu essen. Dann wurden ihnen beiden die Augen geöffnet, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren. Daher nähten sie Feigenblätter zusammen und machten sich Lendenschurze.

(Offene Bibel, CC-BY-SA 3.0, deshalb der ganze Blogeintrag auch unter dieser Lizenz. )

Und frage die Schüler, ob sie irgendwelche Gemeinsamkeiten entdecken. Tun sie, und zwar: Die Schlange entspricht der Pandora, die ja auch Unheil bringt. Das lasse ich erst mal stehen. Dass damit Erkenntnis gleich Unheil gesetzt wird, sieht man erst beim zweiten Hinschauen. Sonst schon irgendwelche Parallelen?

Loki, germanische Gottheit, unter anderem des Feuers

Er besitzt einen ausgeprägten Sinn für Strategie und nutzt ihn, um mit Intrigen und komplexen Lügen seine Interessen durchzusetzen. Da Loki halb Ase, halb Riese ist, scheint sein Verhältnis zu den Asen auch zwiespältig zu sein. Doch von Odin wird er geachtet; die beiden schließen sogar Blutsbruderschaft. Außerdem hilft Loki Thor durch eine List bei der Wiederbeschaffung seines Hammers Mjöllnir, der von den Riesen gestohlen wurde. Loki ist somit Feind und Freund der Götter zugleich. Erst nachdem er Hödur durch eine List dazu brachte, seinen Bruder Balder zu töten, verbannt ihn Odin.
Loki ist ein Gestaltenwechsler, ein Meister der Metamorphose, der sich in die verschiedensten Tiere und Menschen verwandeln kann. In den überlieferten Mythen ist er Adler, Stute, Lachs, eine Fliege oder ein altes Weib. Denn er wechselt auch sein Geschlecht, erlebt Schwangerschaft und Geburt, trägt in Gestalt einer Stute das achtbeinige Ross Odins, Sleipnir, aus, wie die Sage vom Riesenbaumeister erzählt. […] Loki ist als Kulturheros der Erfinder des Fischnetzes, aber er, der Tölpelhaftigkeit und Listenreichtum in sich vereint, wird auch zum Opfer seiner eigenen Erfindung.
Lokis Handlungen lassen erkennen, dass diese Schlechtes wie auch Gutes bewirken; letzteres oft gegen seine ursprüngliche Intention. Dennoch handelt er nicht ausschließlich schädigend. Oft wird Loki wegen seiner Listigkeit und seiner Kreativität von den anderen Gottheiten herangezogen, um aussichtslose Situationen zu bewältigen, was er auch immer schafft. Ebenso lässt er sich durch diese verpflichten, durch seine Schalkhaftigkeit angerichteten Schaden wiedergutzumachen.
Der gefangene Loki wurde zur Strafe mit den Eingeweiden seiner Söhne auf spitze (dreikantige) Felsen gefesselt. Über seinem Kopf hängte man eine giftige Schlange, die ätzenden Speichel tropfen ließ. Seine Frau Sigyn fing diesen Speichel in einer Schüssel auf. Nur wenn sie die Schüssel wegzog, um sie zu leeren, trafen ein paar Tropfen auf Lokis Gesicht. Er schüttelte und wand sich so gewaltig unter seinen Schmerzen, dass dadurch die Erdbeben entstanden.

(Wikipedia, CC-BY-SA.)

Loki kennen manche Schüler noch aus Die Maske mit Jim Carrey, die anderen alle aus Thor und Avengers.
Weitere Parallelen? Als Erstes wird genannt, dass die Bestrafung ähnlich ist wie die Prometheus’, dass Loki ebenfalls die Götter betrügt, klug ist, und Streiche spielt. Vielleicht erkennen die Schüler ihn schon als Freund und Lehrmeister des Menschen. Dass er ein Gott des Feuers ist und ebenfalls nicht zu den Asen im eigentlichen SInn gehört, übersieht man vielleicht noch, das wird dann aber schon noch wichtig.

Coyote stiehlt das Feuer

Coyote, like the rest of the People, had no need for fire. So he seldom concerned himself with it, until one spring day when he was passing a human village. There the women were singing a song of mourning for the babies and the old ones who had died in the winter. Their voices moaned like the west wind through a buffalo skull, prickling the hairs on Coyote’s neck. […] Coyote, overhearing this, felt sorry for the men and women. He also felt that there was something he could do to help them. He knew of a faraway mountain-top where the three Fire Beings lived. These Beings kept fire to themselves, guarding it carefully for fear that man might somehow acquire it and become as strong as they. Coyote saw that he could do a good turn for man at the expense of these selfish Fire Beings.
[Coyote goes to the Fire Beings and prepares the theft.]
But before [the Fire Being] could come out of the teepee, Coyote lunged from the bushes, snatched up a glowing portion of fire, and sprang away down the mountainside.
Screaming, the Fire Beings flew after him. Swift as Coyote ran, they caught up with him, and one of them reached out a clutching hand. Her fingers touched only the tip of the tail, but the touch was enough to turn the hairs white, and coyote tail-tips are white still. Coyote shouted, and flung the fire away from him.
[The stolen fire finally ends up hiding in Wood.]
The Fire Beings gathered round, but they did not know how to get the fire out of Wood. They promised it gifts, sang to it and shouted at it. They twisted it and struck it and tore it with their knives. But Wood did not give up the fire. In the end, defeated, the Beings went back to their mountain-top and left the People alone.
But Coyote knew how to get fire out of Wood. And he went to the village of men and showed them how. He showed them the trick of rubbing two dry sticks together, and the trick of spinning a sharpened stick in a hole made in another piece of wood. So man was from then on warm and safe through the killing cold of winter.

(Diese Fassung kursiert an verschiedenen Stellen im Netz, hier etwa: http://www.ilhawaii.net/~stony/lore06.html. Hier eine Version mit Giant statt Coyote.)

Langsam sollten sich Parallelen herausstellen. Bei diesen Figuren handelt es sich um den Archetyp Trickster, den es in vielen Kulturen in verschiedenen Ausprägungen gibt. Typische Merkmale:

  • Der Trickster ist eine Figur, die zwischen den Hauptgruppen der Menschen und Götter steht.
  • Er ist amoralisch und spielt Streiche, hilft mal den Menschen und Göttern, mal legt er sie herein.
  • Bei Streichen ist er oft selbst der Geschädigte.
  • Er kann häufig die Gestalt wandeln oder verkleidet sich viel.
  • Typische Leistung: Er bringt Menschen das Kulturwissen, insbesondere bringt er ihnen das Feuer.

Prometheus wird von den Menschen überwiegend positiv gesehen; Streiche spielt er den Göttern. Von diesen wird er dann auch bestraft. Bestraft wird auch Loki, der eher negativ gesehen wird, auch wenn er den Göttern oft hilft, auch durch Verkleidungen. Aber er wird später am Weltuntergang beteiligt sein; vorerst leidet er eine ähnliche Strafe wie Prometheus. Er ist ein Gott des Feuers. Coyote gehört ebenfalls weder zu den Göttern noch zu den Menschen. Er spielt Streiche, wandelt die Gestalt, fällt auf die Schnauze (man denke nur an seine Erlebnisse mit dem Road Runner) – und bringt den Menschen das Feuer.

Vor diesem Hintergrund sieht man vielleicht auch die Schlange anders, vor allem, wenn man sie mit Satan in Beziehung setzt, und mit der Gestalt Luzifer – drei Gestalten mit zugegeben unterschiedlichem Ursprung, aber in der Kombination erhellend. (Pun intended: Luzifer heißt “Lichtbringer”.) Auch diese Gestalt steht zwischen Mensch und Gott, spielt Streiche, verwandelt sich, wird bestraft – und man kann durchaus argumentieren, dass das Geschenk der Schlange, nämlich Erkenntnis gegen den Willen der Gottheit, ein echtes Geschenk ist, und keinesfalls ein Übel aus der Büchse der Pandora.

Zwischen den Zeilen schreiben (2)

(Fortsetzung von hier. Es geht immer noch darum, welche Geschichten man zu anderen Geschichten erzählen kann.)

6. Begriffsklärungen

Fortsetzungen von eigener und fremder Hand gibt es schon seit langer Zeit. (Rechercheauftrag für später: Mal zusammenstellen.) Eine Fortsetzung nimmt die Geschichte oder das Personal des ersten Teils wieder auf und erzählt, wie es mit ihnen weitergeht. Fortsetzungen können bald nach dem Ausgangstext erscheinen oder viel später. Fortsetzungen zu Pride and Prejudice gibt es in Hülle und Fülle.

Prequels sind ebenfalls Texte, die nach einem gegebenen Text geschrieben werden, aber zeitlich davor spielen. Sie können dazu dienen, ein neues Licht auf den ursprünglichen Text zu werfen, etwa wenn Jean Rhys in Wide Sargasso Sea die Vorgeschichte zu Jane Eyre erzählt und dadurch Rochesters Frau, der madwoman in the attic, ein Gesicht verleiht. Sequels und Prequels sind die erzählerische Form der fiktiven Biographie aus dem ersten Teil dieses Blogeintrags.

Nur aus Prequels besteht eine Fernsehserie wie Die Abenteuer des jungen Indiana Jones: Darin geht es um Geschichten, die zur Jugendzeit Indys spielen, also lange vor Jäger des verlorenen Schatzes. Der Reiz dabei ist weniger die Beziehung zum Urfilm, sondern der der Einbettung in historische Fakten. Ähnlich wie Flashman trifft der junge Indiana auf viele Personen der Weltgeschichte und ist bei vielen bedeutenden Ereignissen anwesend oder sogar ihr Auslöser.

Ist die – eher später als früher – entstandene Ilias ein Prequel zur Odyssee? Das würde ich nicht sagen, ebenso wenig wie ich die Telegonie eine Fortsetzung davon nennen würde – die Telegonie ist ein verschollenes Epos um Kirkes und Odysseus’ Sohn Telegonos. (Bringt seinen Vater um, heiratet seine Mutter; Telemach heiratet Kirke.) Prequel wie für Sequel beziehen sich auf einen konkreten Urtext als Vorlage, und bei Geschichten aus mündlicher Tradition, wozu ich Odyssee und Ilias rechne, gibt es den Gedanken eines originalen, korrekten Urtexts noch nicht, sondern nur gleichberechtigte Varianten gemeinsamen Erzählguts.

Eine Serie unterscheidet sich von der Fortsetzung mindestens dadurch, dass sie auf eine größere Zahl von Geschichten ausgelegt ist. Es gibt Serien mit fortlaufender Handlung (typisch: Lindenstraße) und Serien mit abgeschlossenen Episoden (typisch: Simpsons). Bei den ersten ist Continuity noch wichtiger als bei den zweiten. Interessant an Serien finde ich, dass es dabei möglich ist, auf Rückmeldungen der Rezipienten einzugehen.

Ein Crossover liegt vor, wenn Figuren aus einer gegebenen Geschichte in einer neuen Geschichte auftauchen. Zum Beispiel gibt es eine Episode der Fernsehserie Mord ist ihr Hobby mit der Detektivin Jessica Fletcher, in der auch Magnum aus der gleichnamigen Detektivserie auftaucht. Crossovers gibt es in Hülle und Fülle, zwischen Lovecraft und Wodehouse, zwischen Lovecraft und Sherlock Holmes (etwa in Shadows over Baker Street, herausgegeben von Michael Reaves und John Pelan, einer ganzen Anthologie zum Thema), zwischen Sherlock Holmes und Flashman (Flashman and the Tiger)

Mischformen gibt es sicher auch. Ist Joseph Andrews von Henry Fielding eine Fortsetzung von Samuel Richardsons Pamela, oder ein Crossover? Andrews ist der Bruder von Pamela, aber die Romane haben kaum etwas miteinander zu tun. Möglicherweise ist das nur ein Fall eines geteilten Universums.

Geteilte Welten: Manchmal sind es nur Andeutungen, dass eine Geschichte in derselben Welt spielt wie eine andere. “Castle Rock” heißt ein Ort, der in vielen Geschichten von Stephen King auftaucht, ohne dass diese Geschichten sonst viel miteinander zu tun hätten. Eine Vorstufe dazu ist “Beachings Over”, ein Ortsname, der in mehreren Romanen von James Hilton auftaucht, aber immer für verschiedene Romane steht. (Übrigens wird auch Hiltons Mr Chips in seinem Roman Time and Time Again kurz erwähnt.) Das fiktive Ruritanien aus The Prisoner of Zenda von Anthony Hope taucht ebenfalls in vielen Geschichten anderer Autoren auf, nicht zuletzt in Nicholas Meyers The Seven-Per-Cent Solution, von dem wir schon sprachen. Und in vielen Filmen von John Landis taucht ein Kinoplakat auf, das für einen Film “See You Next Wednesday” wirbt – unter anderem in Kentucky Fried Movie, Blues Brothers und dem Video zu Michael Jacksons “Thriller”.

Geteilte Welten sind in Superhelden-Comics heute gang und gäbe. Dabei war das keinesfalls selbstverständlich, und im Kino leben auch heute noch, von den letzten Marvel-Filmen mit The Avengers als Höhepunkt abgesehen, die Helden jeweils in ihrer eigenen Welt.

Retcon: Jetzt geht es ans Eingemachte. Continuity ist ein Begriff aus der Filmsprache. Wenn in der einen Einstellung eine Taschenlampe in der linken Hand hält und in der folgenden Einstellung – die aber zur gleichen Szene gehört und unmittelbar anschließt – die Taschenlampe in der rechten Hand, dann ist das ein Continuity-Fehler. (In Graf Dracula auf Schreckenstein wurde mir das anhand von Zigaretten erklärt, so gegen Ende der 1970er Jahre.) Solche Fehler gibt es im Film oft, weil die Reihenfolge der Aufnahme von Einstellungen eines Film oft wenig mit der Reihenfolge zu tun hat, in der sie später der Zuschauer sieht.

Auch bei Serien geht es um Continuity. Wenn eine Person in der einen Episode “Peter Parker” heißt und in der nächsten Episode “Peter Palmer”, dann ist das ein Fehler. Je länger eine Serie läuft, desto leichter ist es, solche Fehler zu machen, und wir habe viele Serien mit vierzig und mehr Jahren Geschichte auf dem Buckel.

Retroactive continuity, kurz retcon, nennt man es, wenn man in einer neuen Geschichte rückwirkend eine andere Geschichte umdeutet (aber nicht neu schreibt), so dass die Ereignisse dort eine andere Bedeutung gewinnen als in der ursprünglichen Lesart. Professor X ist in Heft 42 gestorben? Ein paar Hefte stellt sich heraus: nein, das war in Wirklichkeit ein Doppelgänger gewesen, der seinen Platz eingenommen hat, und der ist gestorben. Gerade in der Welt der Superheldencomics sind retcons weit verbreitet – in den ersten paar Jahrzehnten waren sie noch originell, aber inzwischen sind sie sehr lästig. Gute retcons können dagegen alte Geschichten in ganz neuem Licht erscheinen lassen. Als Peter Parker 1973 seinen bösen Klon besiegte und tot liegen ließ, ahnte keiner, dass sich 1993 herausstellen würde, dass der Klon a) gar nicht tot war, b) gar nicht so böse war, sondern nur verwirrt, und c) damals der Klon gewonnen hatte und wir seitdem dessen Abenteuer verfolgt hatten. Der echte Peter Parker hatte verletzt überlebt und sich seitdem anderswo herumgetrieben. Aufregend! Nur dass das mit dem Verwechselspiel so oft hin und her ging, bis die Leser es gründlich satt hatten. Der leere Platz zwischen den einzelnen Panels, den Bildchen, im Comic heißt gutter, und dort ist jedenfalls Platz für viele Geschichten.

Eine Miniform des retcon ist der früher von Marvel an aufmerksame Leser verteilte No-Prize. Um einen solchen Preis zu bekommen, musste man einen (üblicherweise: Continuity-)Fehler im Heft entdecken, und mit einer auch noch so hanebüchenen Geschichte wegerklären.

Ein virtuelles retcon gibt es in The Magicians von Lev Grossman (Blogeintrag). In diesem Buch gibt es eine Reihe von Romanen um die Märchenwelt Fillory, die für die realen Narnia-Bücher von C. S. Lewis. In Band 2 der Fillory-Serie, The Girl Who Told Time kämpfen die Kinder Martin und Fiona gehen Watcherwoman, und in einem späteren Band stellt sich heraus, dass ihnen Rupert dabei geholfen hat, ohne dass sie – oder die Leser des zweiten Bandes – das gemerkt hätten.

Der antike Geschichtsschreiber Herodot zitiert in seinem 2. Buch (Abschnitt 113-116) ägyptische Gelehrte, nach denen Helena tatsächlich nie in Troja war, sondern die Zeit des Trojanischen Krieges in Ägypten verbracht hat. Herodot findet Anzeichen in der Ilias, dass auch Homer von dieser Version gehört hat. Geschichtsklitterung, Geschichtsschreibung oder retcon? (Memo: Später mal einen Blogeintrag schreiben zu Hesiods Theogonie als frühem Beispiel für retcon, und Hesiod selber mit Roy Thomas vergleichen, der auch verschiedene Einzelgeschichten zu einem gemeinsamen Erzählstrang verband.) Das Stück Helena von Euripides greift diese Version auf, laut ihm war die Helena, die in Troja war, nur ein von den Göttern erzeugtes Abbild. Um… wie war das mit den Klonen nochmal?

Bei den meisten retcons spielt die neue Geschichte später und nur bestimmte Elemente der Vergangenheit werden umgedeutet. Manchmal spielen aber die ganze neue Geschichte oder wesentliche Teile davon in der Vergangenheit. Das ist dann keine Vorgeschichte, da es nicht vor dem Ausgangstext spielt. Es ist auch keine Fortsetzung, da es nicht danach spielt. Es spielt währenddessen. Ich nenne so etwas mal “Einsetzung”.

7. Einsetzungen

Beweisstück L: Rosencrantz und Güldenstern sind tot

Das Tom-Stoppard-Stück nimmt zwei Nebenfiguren aus Hamlet, gibt ihnen eine Hintergrundgeschichte und eigene Pläne und zeigt, was sie unternehmen, während sie im Originalstück offstage sind. Die Originalgeschichte wird dabei belassen, so wie es auch bei der Thurber-Macbeth-Geschichte war, mit der alles begonnen hat. Auch Das echte Log des Phileas Fogg, unser zweiter Ausgangspunkt, gehört hierher.

Beweisstück M: Gertrude und Claudius

Zugegeben, das ist tatsächlich mehr eine Vorgeschichte als eine Einsetzung, da der Roman von John Updike mit dem Beginn von Hamlet endet. Es deutet allerdings noch radikaler das Geschehen der Shakespeare-Handlung um. (Blogeintrag dazu.)

Beweisstück N: Zurück in die Zukunft

Auch das gehört eher zu retcon als hierher. Aber hier habe ich nun mal die schönen Beispiele versammelt. In Back to the Future spielt Marty McFly auf der Bühne “Johnny B. Goode”, während der Schurke des Films ihn sucht. In der Fortsetzung Back to the Future II reist Marty McFly wieder in die Vergangenheit und klettert, während sein jüngeres Ich auf der Bühne steht, im Hintergrund herum und prügelt sich mit dem Schurken, der ihn mit der anderen Version seiner selbst verwechselt.

Beweisstück O: Die Wahrheit über Hänsel und Gretel

Die Fakten von Hänsel und Gretel, wie wir sie kennen, bleiben bestehen – am Schluss hat man zwei lachende Kinder und eine tote alte Frau. Hans Traxler deckt auf, was damals wirklich geschah.

Beweisstück P: Trials and Tribble-Ations

Das ist eine der interessantesten Folgen der Serie Deep Space 9. Der Hintergrund: Es gibt eine Episode von Star Trek (der alten Serie), in der sich die Crew der Enterprise auf einer Raumstation befindet, die von süßen kleinen pelzigen Wesen überrannt zu werden droht. “The Trouble with Tribbles” heißt die Episode, ein Klassiker, ein wenig albern. Auf der Raumstation gibt es einen Händler, der die süßen kleinen pelzigen Wesen als Spielzeug verkauft; man trifft sich auf neutralem Gebiet (der Bar) mit bösen Klingonen; es geht um eine Ladung Weizen, die in Gefahr ist, von den sich rasant vermehrenden Tribbles aufgefressen zu werden. In der neuen Episode, Jahrzehnte danach gedreht, reist eine Abordnung der Deep Space 9 zurück in der Zeit auf diese alte Raumstation und sieht Captain Kirk und die Klingonen und die Handlung von damals, bleibt natürlich immer im Hintergrund, um den ursprünglichen Lauf der Geschichte nicht zu verändern. Szenen aus der alten Fernsehserie sind in die neue hineingeschnitten, Figuren hineinkopiert. Eine erweiterte Form des Marty-McFly-Modells von oben, schön gemacht.

Beweisstück Q: Dracula in London

In Kapitel 16 von Bram Stokers Dracula verbringt die Titelfigur eine Woche in London. Was hat sie während dieser Woche noch alles getrieben, während Van Helsing hinter ihr her war? Diese Antholgie versammelt Kurzgeschichten, die genau darauf Antwort geben.

Beweisstück R: Suspects

Eine komische Geschichte, das. Ich zitiere mal aus einem alten Blogeintrag von mir:

[Suspects] besteht aus über 80 kurzen (2-3 Seiten langen) biographischen Einträgen, etwa zu Ilsa Lund (Ingrid Bergman in Casablanca), zu Casper Gutman (Sydney Greenstreet in The Maltese Falcon), Gilda Farrell (Rita Hayworth in Gilda). Harry Lime, Norman Bates, Susan Alexander Kane, und vielen anderen mehr.
Man erfährt Dinge aus der Vergangenheit dieser Filmcharaktere, erfährt, wie es mit ihnen nach Ende des Films weiter gegangen ist. Manchmal sind die Filme nur Episoden aus einem weit abenteurlicheren Leben. Für Rick Blaine (Humphrey Bogart in Casablanca) war das Café Americain nur eine Station von vielen.
Manchmal erfährt man Einzelheiten, die einen den Film in ganz anderem, teilweise düstereren Licht sehen lassen. Die Interpretationen aus Suspects (denn das sind sie letztlich) kann ich nicht mehr ignorieren, wenn ich Gilda oder Touch of Evil sehe.
Nach und nach stellt sich in Suspects heraus, dass viele der Charaktere sich kannten oder miteinander verwandt sind. Noah Cross (John Huston in Chinatown) und Norma Desmond (Gloria Swanson in Sunset Boulevard) kannten sich in den 20er Jahren, waren befreundet mit den Sternwoods aus The Big Sleep.
Was zuerst wie eine literarische Spielerei erscheint, bekommt Funktion: Irgendwann merkt man beim Lesen, dass diese Biographien von einem Erzähler verfasst werden, einer Person, die viele der Charaktere kannte, und die einen Grund hat, diese Geschichten zu erzählen. Düsterer, als ich es mir gewünscht hätte, aber trotzdem ein schönes, interessantes Buch – vielleicht sogar ein Roman.

Einen Stammbaum, ganz wie bei den Biographien von Philip José Farmer, gibt es natürlich auch.

– Einen unvollständigen Überblick über Fortsetzungen, Vorgeschichten, Einsetzungen, Retcons geben die Seiten zu External Retcons bei TV Tropes und Parallel Novels bei Wikipedia.

8. Finale: Zurück zum Krimi

Dieser Aufsatz über das Füllen von Lücken begann mit einem Krimi. Und immer wieder tauchten Krimis auf, Hamlet und Hänsel und Gretel eingeschlossen. Warum gehören so viele meiner Beispiele zu dieser Gattung? Das mag einfaches selection bias sein, weil ich möglicherweise überproportional viele Krimis kenne. Vielleicht gibt es aber auch einen weiteren Grund, den ich jetzt erläutern möchte.

Philip José Farmer spricht in seinem Vorrede zum Echten Log des Phileas Fogg, die ich diesem Aufsatz als Motto vorangestellt habe, davon, dass es in ein und demselben Roman nicht nur “die äußere, die offensichtliche” Geschichte gibt, sondern eine weitere, die “esoterisch, im Verborgenen angesiedelt” ist. Ich behaupte, dass das für traditionelle Krimis geradezu typisch ist. Es gibt in ihnen die äußere, exoterische Geschichte, die dem Leser anhand von Fakten verkauft wird: Als die Uhr zehn schlägt, ertönt die erregte Stimme von Oberst von Gatow aus einem verschlossenen Zimmer; eine Reihe von Zeugen bricht die verschlossene Tür auf und finden darin seine erstochene Leiche; es gibt keine Ausgänge aus dem Zimmer. Am Schluss des Krimis deckt der Ermittler die esoterische, verborgene, innere Geschichte auf: Es war gar nicht zehn (die Uhr war verstellt), Oberst von Gatow war schon tot (die Stimme kam von einer Schallplatte), die Tür wurde vom ersten der Zeugen – der die Tat begangen hatte – erst verschlossen, bevor sie aufgebrochen wurde, und überhaupt war Oberst von Gatow gar nicht Oberst von Gatow, sondern ein Doppelgänger. Ganz schlimm treibt das A. A. Milne in The Red House Mystery (Wikipedia), das Raymond Chandler in “The Simple Art of Murder” auseinandernimmt, mit Zwillingsbrüdern, die heimlich die Rollen tauschen – Superheldencomics können kaum abstruser sein. Krimis dieser Art bestehen gerade aus ihrem eigenen Retcon. Dafür habe ich hier einige schöne Beispiele.

Beweisstück S: Der Detection Club

Der Detection Club (Wikipedia) ist eine seit 1930 existierende Vereinigung von meist englischen Krimiautoren, zu den Gründungsmitgliedern gehören Agatha Christie und Dorothy L. Sayers. Bald nach der Gründung erschienen zwei literarische Experimente dieser Gruppe.

In Ask a Policeman (1933) gibt ein Spieler, John Rhode, auf knapp siebzig Seiten eine Situation vor: Tatort, gezeichnete Karte dazu, Mord, Verdächtige, Hinweise, und das natürlich ordentlich rätselhaft. Vier weitere Spieler (darunter Dorothy L. Sayers) schreiben unabhängig voneinander eine Lösung des Falles, die zu den gegebenen Fakten passt. Natürlich spinnen sie dazu die Geschichte weiter beziehungsweise decken Elemente der verborgenen Handlung auf. Zum Schluss gibt es eine fünfte Lösung, deren Autor im Gegensatz zu den anderen alle Texte kennt, und in der versucht wird, alle vier konkurrierenden Varianten zu vereinigen und eine fünfte Lösung (die der Polizei) zu präsentieren. Notgedrungen werden dabei nicht alle Widersprüche zwischen den vorherigen Einzellösungen aufgelöst. Insgesamt ist das Buch als Experiment interessant, als Roman äußerst unrund und die minutengenauen Aufzählungen, wer wann wo gewesen sein muss, sind ein Grund dafür, warum diese Art Krimis nervt.

The Floating Admiral (1931) geht etwas anders vor, für uns hier nicht ganz so interessant. Wieder gibt es ein erstes Kapitel, das einen Fall präsentiert. Ein zweiter Autor schreibt die Geschichte weiter, präsentiert aber noch keine Lösung, sondern macht die Geschichte nur etwas komplizierter. In einem verschlossenen Umschlag hinterlässt er seine eigene Lösung. Der dritte Autor kriegt die beiden vorhergehenden Texte zu lesen und hinterlässt wieder eine Lösung im verschlossenen Umschlag. Und das geht weiter bis zu einem zwölften Kapitel. Anders als bei Ask a Policeman gibt es also eine fortlaufende Handlung, und im Anhang sind die elf vorläufigen Lösungsvorschläge (die aus den verschlossenen Umschlägen) der ersten elf Autoren abgedruckt. Auch wieder mit minutengenauen Aufzählungen.

Beweisstück T: Die Wahrheit über den Fall D.

Dieser Krimi von Fruttero & Lucentini enthält den Text des letzten, unvollendeten Roman von Charles Dickens, The Mystery of Edwin Drood, möglicherweise ein Krimi, da Drood unter mysteriösen Umständen verschwindet. Nach Dickens hat es viele Erzählungen gegeben, die versuchen, das Geheimnis um Edwin Drood zu lösen. In Die Wahrheit über den Fall D. geht es um einen Kongress (mit den Teilnehmern: Sherlock Holmes, Hercule Poirot, Nero Wolfe, Maigret, Philip Marlowe und anderen), auf dem eben das versucht wird. Es stellt sich am Schluss heraus, dass der Roman tatsächlich ein Schlüsselroman ist, in dem Dickens Geheimnisse über eine Person der Zeitgeschichte zu verraten im Begriff ist – und eben von genau dieser umgebracht wird. Der Fall D. ist also auch der Fall Dickens.

Beweisstück U: Ein Fall für drei Detektive

Das ist vermutlich mein Hauptzeuge. Dieser Krimi von 1936 enthält die klassische Ausgangssituation vom Mord im verschlossenen Zimmer in einem englischen Landhaus. Der Landpolizist ermittelt, aber die Stars sind die drei privaten Ermittler, dünn verschleierte Versionen von Lord Peter Wimsey, Hercule Poirot und Pater Brown. Anders als bei den Experimenten des Detection Club ist das hier aber ein Roman aus der Hand eines Autors und damit wesentlich angenehmer zu lesen; die Wege der Detektive überkreuzen sich, es gibt keine separaten Kapitel. Zum Finale sind, wie es so üblich ist, alle Zeugen im Wohnzimmer versammelt und der erste Detektiv erklärt den Anwesenden, wie die scheinbar unmögliche Ausgangssituation aufzulösen ist. Nur dass danach der zweite aufsteht und seine eigene, abweichende Version präsentiert. Danach der dritte. Und alle Versionen passen zu den Fakten, zu der exoterischen (äußeren) Geschichte! Am Schluss war es dann übrigens die vierte Version, die des schlichten, methodisch arbeitenden Dorfpolizisten.

9. Nachspiel

Exoterische und esoterische, äußere und innere Geschichten gibt es natürlich nicht nur im Krimi. Rashomon-Geschichten (Blogeintrag) bestehen aus konkurrierenden Versionen zu gegebenen Fakten; bei TV Tropes gibt es eine umfangreiche Sammlung davon. Typischerweise ist dort aber keine Version als die tatsächliche festgelegt; der Rezipient muss damit leben, dass es keine Instanz gibt, die eine Version als die wahre bestimmt.

– So, das war’s. Tippfehler werden nach und nach verbessert. Ab jetzt gibt es erst mal wieder nur Blogeinträge zur Schule. Bald fängt sie ja auch in Bayern wieder an.

Notizzettel für Nachträge zum späteren Einbau: Glosse (Gedichtform, Wikipedia); Faltbilder im Mad-Magazin

Zwischen den Zeilen schreiben (1)

Zusammenfassung: Keine Geschichte erzählt alles. Der Leser muss immer Lücken füllen, sei es bei dem Äußeren einer Person oder bei einem Vorgang. Diese Leerstellen entstehen absichtlich, unabsichtlich, durch Fehler des Autors, durch fehlerhafte Überlieferung, und sind unvermeidbar. Man kann sie füllen, indem man sich ihnen spielerisch-wissenschaftlich nähert oder dadurch, dass man sie literarisch mit anderen Geschichten füllt.

Zwischen den Zeilen schreiben

Nachdem ich mich mehrere Monate lang mit diesen Elementen beschäftigt hatte, kam ich zu der Schlussfolgerung, dass die Reise um die Erde in 80 Tagen zwei Geschichten umfasste. Eine war die äußere, die offensichtliche, von Verne als interessante, aber keineswegs harte Abenteuergeschichte erzählt. Die andere war esoterisch, im Verborgenen angesiedelt und voller gefährlicher Implikationen für die Menschheit.
Philip José Farmer, Das echte Log des Phileas Fogg

1. Von Shakespeare und Jules Verne

Beweisstück A: The Macbeth Murder Mystery

Wenn ich Shakespeare in der Schule mache, und selbst wenn nicht, ist “The Macbeth Murder Mystery” von James Thurber ein Baustein, den ich immer wieder verwende. Die kurze Geschichte von 1943 besteht fast nur aus dem Dialog eines namenlosen Erzählers mit einer amerikanischen Touristin. Beide sind in England im Urlaub, und die Touristin hat als Reiselektüre statt eines ihrer geliebten Kriminalromane versehentlich eine Penguin-Ausgabe von Shakespeares Macbeth erwischt. “It was a stupid mistake”, so beginnt die Geschichte, aber da die Frau nichts anderes zu lesen hatte, las sie eben Macbeth, und zwar wie einen Krimi. Der hat ihr dann nicht gefallen, weil er sich nicht an die entsprechenden Regeln hält – klar ist für sie, dass es nicht Macbeth gewesen sein kann, der den König umgebracht hat. Ihre Krimierfahrung sagt ihr, dass der offensichtlich Schuldige unschuldig sein muss. Stattdessen vermutet sie während des Lesens zuerst Banquo, der dann aber die zweite Leiche des Stücks ist. Auch eine gute Krimitradition, dass der erste Verdächtige das zweite Opfer wird. Das verdächtige Verhalten von Macbeth und Lady Macbeth wird dadurch erklärt, dass beide jeweils den anderen für den Täter halten und versuchen, die Aufmerksamkeit von ihm abzulenken. Auch das Rätsel des dritten Mörders wird einbezogen – in Akt III, Szene 1 werden zwei Mörder gedungen, die Banquo töten sollen, in Szene 3 sind es plötzlich drei, die die Tat ausführen. Wer ist dieser dritte, der explizit und verwundert begrüßt wird mit “But who did bid thee join with us?” Thurbers Leserin weiß die Antwort: Es ist Macduff, der in Wirklichkeit hinter der Sache steckt.

Diese Geschichte habe ich während meiner Thurber-Phase im Studium wiederentdeckt, ich kannte sie aber bereits aus einem alten Schulbuch. Auch zu Schulzeiten habe ich die nächste Geschichte gelesen.

Beweisstück B: Das echte Log des Phileas Fogg

Für diesen Science-Fiction-Roman hat Philip José Farmer seine Reise um die Erde in 80 Tagen von Jules Verne sehr gründlich gelesen. Zur Erinnerung: Darin geht der exzentrische Brite Phileas Fogg die Wette ein, in 80 Tagen einmal um die Welt zu reisen – auch mit den modernen Beförderungsmitteln von 1872 keine Kleinigkeit. Begleitet wird er von seinem Diener Passepartout, verfolgt und behindert von einem Detektiv, der ihn für einen flüchtenden Bankräuber hält.

Farmer sind beim Lesen einige Merkwürdigkeiten und unbeantwortete Fragen aufgefallen. Wo hat Phileas Fogg seine umfassenden geographischen Kenntnisse her, woher seinen Reichtum? Das fragen sich selbst die Klubkollegen Foggs bei Verne. Warum ist Pünktlichkeit für Fogg so wichtig? Ist es nicht ungewöhnlich, dass er seinen bisherigen Diener entlässt, weil das Wasser für die morgendliche Rasur nur 28 statt den üblichen und gewünschten 30 Grad heiß ist? (Meine Verne-Übersetzung, zu der später noch etwas zu sagen ist, fragt explizit: “Was mochte sich James Forster gedacht haben, als er es schon bei [zu niedriger Temperatur] vom Feuer nahm?”) Der neue Diener erscheint um halb elf desselben Tages, trotzdem will Fogg bereits Empfehlungen erhalten und gute Auskünfte über ihn bekommen haben? Und warum, fragt sich Farmer als gründlicher Leser, schlagen alle Uhren Londons um 8 Uhr 50 abends, als Fogg zum Ende des 34. Kapitels ankommt, die Wette scheinbar verloren? Wörtlich heißt es bei Projekt Gutenberg (Übersetzer nicht angegeben): “[A]ls der Gentleman auf dem Bahnhof ankam, schlug es acht Uhr fünfzig Minuten auf allen Uhren Londons.” Im Original: “[Q]uand le gentleman arriva à la gare, neuf heures moins dix sonnaient à toutes les horloges de Londres.” Seit wann schlagen Uhren denn um eine so krumme Zeit?

Fußnote zur Ausgabe des Verne-Romans im Hause Rau, in der Übersetzung von Eugen Stotz: Das ist eine von diesen Übersetzungen, die das Original verbessern und ergänzen. Nicht nur korrigiert sie das im ersten Absatz genannte Todesjahr von Richard Brinsley Sheridan vom ursprünglichen (und falschen) 1814 auf das historisch korrekte 1816, sie übersetzt den Ankunft in London auch mit: “Als Mr. Fogg in London ankam, war es 8,50 Uhr.” Ohne schlagende Uhren. Es mag ja nett gemeint sein, echte oder vermeintliche Fehler des Originals auszubessern oder zu übergehen. Aber es macht einen großen Unterschied, wie Dorothy Sayers in “Aristotle on Detective Fiction” schreibt, ob auktorial die Zeit angegeben wird in der Form “Jones came home at 10 o’clock”, worauf sich der Krimileser dann verlassen kann, oder ob neutral erzählt wird mit den Worten: “The grandfather clock was striking ten when Jones reached home” – dann sagt das noch lange nichts über die tatsächliche Uhrzeit aus.

Farmer nimmt sich diese und andere merkwürdige Stellen in Vernes Roman vor und kommt zu der Erkenntnis, dass Verne nicht die wahre Geschichte von Phileas Fogg erzählt hat. 1947 wird bei Bauarbeiten das echte, in einer unbekannten Schrift verfasste und schlecht erhaltene Reisetagebuch Foggs gefunden. 1962 wird es von Sir Beowulf William Clayton entschlüsselt, zu dessen Familie Farmer bereits aufgrund biographischer Nachforschungen Kontakt hatte, auf die später noch ausführlicher eingegangen werden wird. Jedenfalls gelingt es Farmer, die echten Geschehnisse zu rekonstruieren, und eben die präsentiert er in Das echte Log des Phileas Fogg. Und ja, auch das Rätsel der um 8.50 Uhr schlagenden Uhren wird darin gelöst.

— Bei der Thurber-Geschichte geht es darum, die Fakten des Originaltexts möglichst unangetastet zu lassen (dritter Mörder, verdächtiges Verhalten von Macbeth, Todesfälle) und eine andere Geschichte drumherum zu schreiben, diese Fakten anders zu interpretieren. Bei Farmer geht es um genau das gleiche: Lücken zu finden und in diese Lücken etwas anderes, Unterhaltsames hineinzuschreiben. Der grundlegende Unterschied zwischen beiden Texten ist der, dass der eine ein literarisches Spiel mit einem fiktionalen Text – nämlich Macbeth – ist, während der andere davon ausgeht, dass der Ausgangstext – also die Reise um die Erde in 80 Tagen – reale Ergebnisse beschreibt, wenn auch unvollständig.

Weiter geht es deshalb mit Gedanken zu den oben angesprochenen Lücken in Texten.

2. Über Lücken in Texten

Alle Texte enthalten solche Lücken, und es gibt verschiedene Ursachen für sie. Zum einen lässt ein Autor manchmal bewusst Fragen offen. Das kann sein, weil die Antwort darauf unwichtig ist oder eine Sache schlichtweg geheimnisvoll bleiben soll, wie die Frage nach Phileas Foggs Vergangenheit und seinem Reichtum bei Verne. Oder das kann sein, weil der Autor davon ausgeht, dass ein sorgfältiger Leser auch dann auf die Antwort kommt, wenn der Autor sie nicht explizit in den Text geschrieben hat. Das sind die berühmten offenen Enden in der Kurzgeschichte, oder die Ehebruchszene in Effi Briest, die allenfalls ganz fein angedeutet wird. Oder Pablo in Tortilla Flat von John Steinbeck, der in das Haus von Mrs. Torelli geht, um Brennholz für sich und seine Freunde zu besorgen. Was er im Haus mit Mrs. Torelli getan hat, um sich das Holz zu verdienen, wird nicht explizit gesagt, aber doch deutlich gemacht. Forschungsfrage für spätere Recherche: Ab wann gibt es diese Art Lücken? Lücken aus Diskretion gibt es jedenfalls mindestens seit Cervantes.

Dann gibt es noch die Fragen, die deshalb nicht im Text beantwortet sind, weil sie so nicht im Text gestellt werden. “Scheitert Werther an sich oder an seiner Umwelt? Erörtern Sie!”, wie wir im Erörterungsbusiness gerne mal von Schülern wissen wollen. In Pride and Prejudice and Zombies von Jane Austen und Seth Grahame-Smith gibt es im Anhang eine Sammlung solcher Fragen, darunter etwa:

8. Vomit plays an important role in Pride and Prejudice and Zombies. Mrs. Bennet frequently vomits when she’s nervous, coachmen vomit in disgust when they witness zombies feasting on corpses, even the steady Elizabeth can’t help but vomit at the sight of Charlotte lapping up her own bloody pus. Do the authors mean for this regurgitation to symbolize something greater, or is it a cheap device to get laughs?

Ein Text mit vielen solcher Leerstellen, Stellen zum Einhaken, regt dazu an, diese Leerstellen zu füllen – anders als bei unseren Beispielen oben geschieht diese Füllung in der Schule aber nicht beliebig, sondern eng am Text festgemacht. Nein, Effi Briest ist nicht von Außerirdischen manipuliert worden.

(Charles G. Finney ist in The Circus of Dr Lao so nett, in einem Anhang “The Questions and Contradictions and Obscurities” aufzulisten – offene Fragen des Buchs, etwa: “9. If the circus didn’t come to Abalone on the railroad and didn’t come on trucks, how did it get there?”)

Andere Leerstellen entstehen durch Lücken in der Überlieferung. Hat Sigurd/Siegfried Brünhild schon bei einem früheren Abenteuer getroffen und sich mit ihr verlobt, oder war der Trick mit dem Feuer, als er sich für Gunnar/Gunther ausgegeben hat, doch die erste Begegnung?
Die Lieder-Edda, einer der beiden wichtigen Quellen zur germanischen Mythologie, ist in vor allem einer Handschrift überliefert, dem Codex Regius (Wikipedia). Ein Text darin wird als das kürzere Sigurdslied bezeichnet (das mit 71 Strophen recht lang ist), allerdings fehlt ein entsprechendes längeres Sigurdslied. War das etwa in der Lücke mitten in der Handschrift, wo ein ganzer Bogen mit geschätzt acht Blättern entfernt wurde? Tolkien hat das vermutet. Jedenfalls hat er zwei lange Lieder zu diesem Stoff selbst gedichtet, auf Englisch, aber in germanischer Strophenform, die 2009 als The Legend of Sigurd & Gudrún veröffentlicht wurden. Das erste Gedicht darin nennt Tolkien auch (allerdings auf Altnordisch) “das längste Sigurdslied”. In den Liedern versucht Tolkien auch, überlieferte Widersprüche im Verhältnis zwischen Brünhild und Sigurd aufzulösen.

Weitere Lücken sind – etwas vereinfachend gesagt – auf Fehler des Autors zurückzuführen. Sheridan starb tatsächlich 1816, auch wenn Verne etwas anderes behauptet. Die Frau von Sancho Panza wechselt im Don Quijote von Cervantes ihre Namen zwischen Juana Gutiérrez, Mari Gutiérrez, Teresa Panza und Teresa Cascajo. (Weitere Fehler im 1. Band werden in Kapitel 3. des 2. Bandes thematisiert, als man Don Quijote von der Existenz des Don Quijote erzählt.) Und die Augen von Madame Bovary ändern ihre Farbe von braun zu schwarz zu blau.

Selbst der große Homer schläft manchmal, sagt Horaz, etwa wenn Menelaos in der Ilias Pylaimenes im Kampf tötet, derselbe aber später wieder lebt. Später werden wir jemandem begegnen, der viele solcher anregender Flüchtigkeitsfehler beging und uns dadurch große Freude macht. Diese Fehler heißen auch continuity errors, und auf continuity, ein Begriff ursprünglich aus der Filmsprache, werden wir noch zu sprechen kommen.

Kurzer Einschub 1: Auch Lücken in der Geschichtsschreibung regen an, sie zu füllen. Wer war der Mann mit der eisernen Maske? Alexandre Dumas gibt in einem Roman die Antwort. Wer war Jack the Ripper wirklich? Viele, viele Geschichten haben sich dieser Frage angenommen. Dann gibt es noch die Abenteuer um Flashman (Blogeintrag), der sich durch die Geschichte des 19. Jahrhunderts windet, oder beiläufige Erklärungen wie die von Achim von Arnim: “Das Warten auf diese Nachrichten [von der Titelheldin der Novelle "Isabella von Ägypten, Kaiser Karl des Fünften erste Jugendliebe"] war die Ursache seines unbegreiflichen Zögerns, ehe er aus den Niederlanden nach Spanien ging.”

Kurzer Einschub 2: Der Gedanke, dass ein vorliegender Text überhaupt Fehler enthalten kann und dass man versuchen kann, ihn zu verbessern, ist alt. Die textkritische Methode (Wikipedia) versucht, aus dem Vergleich verschiedener Fassungen einen Urtext zu rekonstruieren, also den Text, auf dem die erhaltene Fassung basiert. Möglicherweise ist bei manchen Textsorten aber bereits der Gedanke, es gäbe einen Urtext, irreführend.
Die historisch-kritische Methode der christlichen Kirchen geht über die reine Textkritik hinaus und versucht, einen Text in einem historischen Zusammenhang zu deuten und zu verstehen. Christliche Fundamentalisten lehnen das ab, lassen aber die Textkritik zu – siehe die Chicago-Erklärung des Internationalen Rats für biblische Irrtumslosigkeit.

Wer macht denn eigentlich diese Fehler? Ist das ein Fehler in der Überlieferung, hat der Drucker einfach schlampig gearbeitet? Ist es der Autor, etwa Cervantes, der sich die Namen seiner Nebenpersonen nicht merken kann? Oder ist es der Erzähler selbst, dem der Fehler unterläuft (und der demnach vom Autor bewusst eingesetzt wird)? Im Don Quijote stammen nur die ersten acht Kapitel vom ersten Erzähler selber, alles andere hat ein gewisser Cide Hamete Benengeli auf Arabisch aufgeschrieben, und der Erzähler-Herausgeber hat sich das wiederum von einem Übersetzer vermitteln lassen. Vielleicht hat einer von denen Probleme mit Namen.

Der Gedanke, dass der Autor gar nicht selber die Geschichte geschrieben oder gar erfunden hat, sondern lediglich der Herausgeber eines Dokuments ist, das jemand anderes ihm zugespielt hat, ist weit verbreitet. Deshalb kommt jetzt ein Kapitel zur Herausgeberfiktion (Wikipedia).

3. “Natürlich, eine alte Handschrift”

Dieses Motto ist vorangestellt unserem:

Beweisstück C, stellvertretend für viele: Der Name der Rose

Die einführenden ersten Seiten des Romans erklären, wie es überhaupt dazu gekommen ist, dass ihn der Leser in Händen hält. Der unbenannte Herausgeber – nennen wir ihn der Einfachheit halber auch Umberto Eco, denn er behautet von sich, das Buch Apokalyptiker und Integrierte verfasst zu haben, und das ist von Eco – stößt 1968 zum Ende des Prager Frühlings auf ein Buch eines Abbé Vallet, 1842 erschienen. Es handelt sich um die französische Übersetzung eines lateinischen Buchs von Dom Jean Mabillon (17. Jahrhundert), das eine Handschrift aus dem 14. Jahrhundert wiedergibt (von Adson von Melk). Eco fertigt, aus Prag vor sowjetischen Truppen fliehend, eine Rohübersetzung des Vallet-Buchs an, bis ihm das Buch vor Salzburg abhanden kommt. Spätere Recherchen nach dem Buch bleiben weitgehend erfolglos, ja, es finden sich keine Spuren eines Abbé Vallet. Aber dann stößt Eco in Buenos Aires doch auf Adsons Spuren, die spanische Übersetzung eines vergriffenen georgischen Originals von Milo Temesvar, in dem als Quelle für Stellen aus dem Adson-Manuskript Athanasius Kircher genannt wird. Also beschließt Eco, auf Basis seines Materials die Geschichte von Adson in dessen Worten zu erzählen.

Diese ganze Vorrede ist ein Gemisch aus Erfundenem und Belegtem. Einen Abbé Vallet hat es nie gegeben, eine Dom Mabillon schon; der Prager Frühling ist historisch, das Buch nicht. Apokalyptiker und Integrierte gibt es, Milo Temesvar nicht, auch wenn der nicht von Eco erfunden wurde, sondern von einem Händler auf der Frankfurter Buchmesse Anfang der 1960er Jahre. Adson von Melk ist erfunden, Athanasius Kircher nicht. (Ach, noch einmal den Name der Rose mit Schülern lesen können!)

Ein wichtiger Topos ist hier eingebaut: Der Autor, der sich als Herausgeber tarnt. Dabei wird das Erzählte außerdem als tatsächlich Geschehenes vorgestellt, auch wenn der Herausgeber natürlich keine Garantie für den Wahrheitsgehalt übernehmen kann.

Das hatten wir oben schon bei Cervantes. Das gibt es schon bei den Ritterromanzen, über die sich Cervantes lustig macht. Das gibt es bei Goethes Werther, der mit einer ganz kurzen, aber ebenso falschen Vorrede beginnt wie bei Eco: “Was ich von der Geschichte des armen Werther nur habe auffinden können, habe ich mit Fleiß gesammelt und lege es euch hier vor, und weiß, dass ihr mir’s danken werdet.” Das geht von Edgar Allan Poes “MS. Found in a Bottle” (“MS.” steht für Manuskript, Handschrift) bis zu Cyril M. Kornbluths “MS Found in a Chinese Fortune Cookie”. Auch bei Lolita von Nabokov erklärt ein Vorwort des behandelnden Arztes das Zustandekommen des anschließenden Dokuments. Und nicht zuletzt stellt sich auch Philip José Farmer nur als Herausgeber von Das echte Log des Phileas Fogg dar, mit detaillierten Angaben zur Herkunft des Manuskripts, auf dem sein Text beruht.

Zur Fiktion gehört auch, dass der Herausgeber das macht, was ein anständiger Herausgeber so tut: Er bearbeitet und annotiert. Ernst Penzoldt fungiert in Die Powenzbande als Museumskustos und schreibt Vorworte zu den verschiedenen Ausgaben und einen erfundenen bibliographischen Anhang zum Thema. Im Werther gibt es Fußnoten unter anderem zu den Briefen vom 26. Mai, vom 16. Junius und vom 17. Februar, in denen zum Beispiel als Gründe für Streichungen angegeben werden, “niemand Gelegenheit zu einer Beschwerde zu geben” oder dass “man nicht glaubte, eine solche Kühnheit durch den wärmsten Dank des Publikums entschuldigen zu können.” Nach dem 6. Dezember kommt eine direkte Ansprache: “Der Herausgeber an den Leser.” Und die Manuel-Biographie meines geschätzten James Branch Cabell ist voller gelehrter Zitate, erfundenen und anderen, Kommentaren zur Entstehungsgeschichte, bis hin zu einer ausführlichen Genealogie der Nachfahren von Manuel – einschließlich Alessandro de Medici, William Shakespeare, Robert Herrick, William Wycherley, Alexander Pope und Richard Brinsley Sheridan, eben jener vom ersten Absatz bei Jules Verne oben.

Neben dem Spiel mit dem Herausgeber gibt es auch die bewusste Täuschung, etwa bei James Macphersons Ossian, den auch Goethe und Werther für die Übersetzung authentischer frühmittelalterlicher Dichtung halten.

Die Herausgeberfiktion wird häufig von weiteren Anstrengungen begleitet, die die Fiktion aufrecht erhalten, es handelte sich bei dem Erzählten um tatsächlich Geschehenes: Man mischt möglichst viel tatsächliche Ereignisse ein. Bei Werther gibt es das nicht, aber bei Eco stimmen viele der Daten und Angaben in seiner Vorrede. Deshalb auch die vielen Fußnoten bei den Flashman-Romanen von George Macdonald Fraser, in denen der Herausgeber seinen Erzähler Flashman schon mal korrigiert, wenn dessen Erinnerungen nicht zur geschichtlich anerkannte Überlieferung passen.

Kriminalgeschichten, Herausgeberfiktion und Lücken im Text werden im nächsten Kapitel in einer erfolgreichen Kombination auftauchen: bei Sherlock Holmes.

4. Anwendungsbeispiel: Sherlock Holmes und The Game

Beweisstück D: Sherlock Holmes

Kaum eine Figur der Literatur hat so zur kreativen Auseinander- und Fortsetzung angeregt wie Sherlock Holmes. Warum ausgerechnet er? Später kann ich vielleicht einen neuen Gedanken zur Erklärung beitragen, vorerst will ich nur die Art der Auseinandersetzung beschreiben, die als The Game bezeichnet wird.

Schon bald wurde Holmes von manchen Leuten für eine echte Person gehalten; die ersten an Holmes gerichteten Briefe in der Sammlung Letters to Sherlock Holmes (ed. Richard Lancelyn Green, Penguin 1985) stammen von 1904, und sicher gibt es frühere. Nur wenig später begannen andere Leute, so zu tun, als sei Holmes eine echte Person. Die Spielregeln für the game: Holmes und Watson sind bzw. waren reale Personen; Watson hat die Abenteuer von Holmes geschrieben; Conan Doyle war der literarische Agent Watsons – eine Doyle aufgenötigte Version der Herausgeberfiktion also. (Literary Agent Hypothesis bei TV Tropes.) Der Sherlock-Holmes-Kanon besteht aus 4 Romanen und 56 Erzählungen, die gewisse Widersprüche und logische Fehler enthalten. In der ersten Kurzgeschichte taucht ein König von Böhmen auf; es gibt aber keinen solchen – wie erklärt man das? (Antwort: Watson verschleiert die tatsächliche Identität des adligen Klienten, über den die spielerische Forschung Spekulationen angestellt hat.) Im ersten Roman wird Watsons Kriegsverletzung an der Schulter platziert, im zweiten am Bein – also wo jetzt? Im zweiten Roman, der Ereignisse aus dem Jahr 1888 wiedergibt, ist Watson mit Mary Morstan verheiratet, 1894 ist er wieder allein (nach einem “schmerzlichen Verlust”), 1903 hat er Holmes gegen eine Ehefrau eingetauscht. Wieviele gab es denn? Es gibt Theorien mit einer, zwei und drei Ehefrauen, neben obskureren Varianten wie der von zwei Watsons mit je einer Ehefrau.

Mit der textkritischen und historisch-kritischen Methode versucht also die spielerische Holmes-Forschung, Lücken im Text zu erklären, und davon hat Doyle viele hinterlassen. Für die vielleicht zentrale Geschichte, “The Final Problem”, in dem sich Holmes mit seinem Erzfeind Moriarty die Reichenbachfälle hinabstürzt und zumindest scheinbar ums Leben kommt, zählen Albert Silverstein und Myrna Silverstein in “Concerning the Extraordinary Events at the Reichenbach Falls” fünfzehn Ungereimtheiten auf, die erklärt werden wollen. Diese Ungereimtheiten können auch in der literarischen Auseinandersetzung mit Doyle erklärt werden:

Beweisstück E: The Seven-Per-Cent-Solution

Ausgangspunkt für dieses Roman ist das oben erwähnte “The Final Problem” und die Methode ist – nicht zufällig – die gleiche, wie sie Philip José Farmer in Das echte Log des Phileas Fogg anwendet: Lücken im Text entdecken und mit einer eigenen Geschichte füllen.
Wieso haben wir vorher noch nie von Moriarty gehört? Was soll er angeblich Aufregendes über den altbekannten Binomischen Lehrsatz veröffentlicht haben? Was müsste man sich eigentlich denken, wenn der Kokain nehmende beste Freund einem eine solche Räuberpistole auftischt, die Rollläden herunterlässt und Angst vor Luftgewehren hat? Meyers Antwort – auf einer alten Handschrift beruhend, natürlich, mit genauer Herkunftsangabe – lautet: Die veröffentlichte Geschichte von Watson ist nicht die wahre, sondern eine veränderte Fassung der tatsächlichen Ereignisse. Holmes ist unter anderem durch den im Kanon belegten Kokainmissbrauch paranoid geworden, Moriarty weitgehend harmlos. (Ähnlich geschieht das auch in der letzten bisher gedrehten Episode von Sherlock, in der Moriarty die Welt von einem ähnlichen Szenario überzeugt.)

Neben der Herausgeberfiktion verleihen der Geschichte die eingebauten Fakten und Personen aus der realen Welt (Holmes und Watson reisen zu Freud nach Wien) und die verarbeiteten Elemente des Originaltexts zusätzliche Authentizität.

Beweisstück F: H. W. Starr, “A Submersible Subterfuge or Proof Impositive”

Dieser Aufsatz von 1959 deckt Widersprüche zwischen den beiden Jules-Verne-Romanen 20 000 Meilen unter den Meeren und Die geheimnisvolle Insel auf. Im ersten Roman wird die Nautilus des Kapitän Nemo 1866 zum ersten Mal gesichtet, 1968 geht sie ihm Malstrom unter. Nemo wird auf 35-50 Jahre geschätzt. Es fällt kein Wort über irgend etwas Exotisches in der Mannschaft. Im zweiten Roman tauchen Nemo und die Nautilus wieder auf – nur ist Nemo jetzt sehr alt und silberhaarig, ein indischer Prinz, “Dakkar”, im Exil, und die Handlung spielt 1865. Starr verwirft den zweiten Roman als reine Erfindung Jules Vernes, während der erste auf ein Manuskript von Professor Aronnax zurückgeht. (Natürlich, möchte man sagen.) Dann widmet er sich der Frage nach der Identität Nemos und argumentiert, dass Nemo niemand anderes als Moriarty ist! Philip José Farmer teilt manche dieser Ansichten, deshalb enthält Das echte Log auch den Starr-Aufsatz im Anhang. Auch bei Farmer sind Nemo und Moriarty dieselbe Person.

— Eine weitere Art Leerstellen möchte ich eigens erwähnen. Wenn man einmal das Herausgeberfiktionsspiel spielt und die erzählten Geschehnisse für real nimmt, dann hält man natürlich auch die Personen für real. Und dann kann man sich fragen, was die Personen vor und nach der Handlung des Ausgangstextes getrieben haben. Und schon hat man:

Beweisstücke G-J: Fiktionale Biographien

  • William S. Baring-Gould, Sherlock Holmes of Baker Street
  • William S. Baring-Gould, Nero Wolfe of West Thirty-fifth Street
  • Philip José Farmer, Tarzan Alive
  • Philip José Farmer, Doc Savage: His Apocalyptic Life

Das ist nur eine Auswahl, hier gibt es weitere fiktionale Biographien, etwa von Horatio Hornblower, Leopold Bloom und Jeeves. Der Archteyp ist die Holmes-Biographie von 1962. Mit textkritischer, historisch-kritischer Methode und vielleicht etwas Phantasie rekonstruiert Baring-Gould das Leben von Sherlock Holmes, Herkunft, Geburt, Nachkommen. Ja, es gibt Anzeichen dafür, dass Holmes Kinder hinterlassen hat. Eines davon ist Nero Wolfe, Thema der zweiten Biographie von Baring-Gould (1969, postum erschienen).

1972 erschien Tarzan Alive von Philip José Farmer, eine Biographie Tarzans. Eben bei den Recherchen dafür war Farmer auf die Familie von Sir Beowulf William Clayton gestoßen, zu dessen Vorfahren sogar tatsächlich auch Phileas Fogg gehört, wie sich herausstellt. Auch sonst ist die Verwandtschaft illuster: John Clayton ist – schon bei Edgar Rice Burroughs – der echte Name Tarzans. (Der Titel der Familie ist allerdings nicht “Greystoke”, ein Blick in den englischen Adel zeigt, dass es diese Familie nicht gibt. Burroughs hat aus Gründen der Diskretion den tatsächlichen Familiennamen verschleiert, und Farmer folgt dieser Tradition.)

Bei den Recherchen zum Stammbaum Tarzans stößt Farmer auf überraschend viele bekannte Namen, darunter Elizabeth Bennet und Fitzwilliam Darcy, aber auch Sir Percy Blakeney, besser bekannt als the Scarlet Pimpernel). Mit einer weiteren Biographie, nämlich der von Doc Savage, baut Farmer das System aus.

5. Anwendungsbeispiel: Wold Newtonry

Beweisstück J: Doc Savage: His Apocalyptic Life

Doc Savage ist der Held von 181 Abenteuergeschichten, 1933-1949 erschienen (Blogeintrag dazu, schon von 2004, aber tatsächlich noch im letzten Jahrtausend entstanden).

Doc Savage. His Apocalyptic Life erzählt seine Geschichte, indem Farmer, wie wir es schon kennen, das Material der kanonischen Texte analysiert, Lücken verschiedener Art findet und auf verschiedene Art schließt. Er verankert die Ereignisse in der Realität, indem er historische Fakten in die Biographie einbaut. Das, und Elemente aus anderen Geschichten – aus vielen anderen Geschichten.

Wir erfahren, wie Monk Mayfair, ein recht auffälliges Mitglied aus Savages Team, im Ersten Weltkrieg einen amerikanischen Krankenwagenfahrer traf, der Monks Beschreibung an Ernest Hemingway weitergab, der sie später für Harry Morgan in To Have and Have Not verwendete (p. 121). William Harper Littlejohn, ein anderes Mitglied, unterrichtete laut Farmer an der Miscatonic University in Arkham und war möglicherweise der Anführer der Miscatonic-Expedition in die Antarktis von 1929, über die Howard Philips Lovecraft Details erfahren haben muss, die er für At the Mountains of Madness verwendete (p. 148). Laut einem Savage-Roman soll es in Südamerika Menschenaffen geben, was der zoologischen Forschung allgemein noch nicht bekannt ist. Allerdings hat auch Professor Challenger bei einer Amazonas-Expedition Menschenaffen entdeckt. (Challenger kennt man von The Lost World von Conan Doyle.) Als Savage als Kind einmal davon lief, wurde Sam Spades Vater beauftragt, ihn zu suchen (p. 37); unterrichtet wurde Savage in seiner Jugend – aus Gründen, die in der Biographie genau erklärt werden – von den größten Geistern seiner Zeit, darunter auch Sherlock Holmes, einem entfernten Verwandten.

Kernstück von Farmers Werk ist die Sache mit Wold Newton. Wold Newton ist ein kleiner Weiler in Yorkshire. Am 13. Dezember 1795 schlug ein paar Meilen außerhalb ein Meteorit ein. Das ist historisch gesichert. Weniger bekannt ist, dass sich zum Zeitpunkt des Einschlags und ganz in der Nähe des Einschlagorts zwei große Kutschen mit insgesamt 14 Passagieren und vier Bediensteten befanden, die von einer bisher noch nicht identifizierten Strahlung des Meteoriten getroffen wurden. Diese Strahlung veränderte die DNA der Reisenden nachhaltig, so dass unter ihren Nachkommen ungewöhnlich viele übermächtige Personen sind, die zu großen Helden oder Schurken der Weltgeschichte wurden: Tarzan, Doc Savage, Sherlock Holmes, James Moriarty, Leopold Bloom, Sam Spade, Philip Marlowe, James Bond, Wolf Larsen (der Seewolf), Allan Quatermain, Fu Manchu, Lord Peter Wimsey und viele, viele andere. Zu den Passagieren der Kutsche gehörten auch Fitzwilliam Darcy und Elizabeth Bennet (aus Pride and Prejudice); zu den Vorfahren (natürlich nicht vom Meteor beeinflusst) gehören Manuel von Poictesme (James Branch Cabell) und Solomon Kane (Robert E. Howard).

Details und eingescannte Stammbäume gibt es auf dieser Seite zu Farmer und den Wold-Newton-Abkömmlingen.

Beweisstück K: The Secret History of the World

So wie das Game der spielerische Umgang mit Sherlock Holmes ist, ist Creative Mythology (Farmers Begriff) oder Wold Newtonry der spielerische Umgang mit dem Szenario, das Farmer entworfen hat. Die Liste von Werken, die man untersuchen und diskutieren kann, ist dabei enorm gewachsen – und ständig kommen neue hinzu.

Denn die Grenzen des Wold-Newton-Universums sind noch nicht abgesteckt. Wenn – laut Farmer – Doc Savage im selben Universum spielt wie Sherlock Holmes und Sherlock Holmes im selben Universum wie Billy Bunter (Blogeintrag), dann gehört Billy Bunter auch ins Doc-Savage-Universum – wie jeder andere aus einem Holmes-Crossover, und davon gibt es viele.

Win Scott Eckert ist so etwas wie der Kustos des Wold-Newton-Universums. Autor von Romanen, Herausgeber von Aufsatzsammlungen und Sammler und Herausgeber von Crossovers: A Secret Chronology of the World. Band 1 habe ich schon gelesen und Band 2 darf ich erst anfangen, habe ich mir vorgenommen, wenn ich diesen Blogeintrag zu Ende geschrieben habe, dessen Anfänge im letzten Jahrtausend liegen.

Zum Crossover-Universum gehören alle Angehörigen des Wold-Newton-Kreises bei Farmer, und die Geschichten über sie. Nachdem diese Figuren in verschiedenen Crossover-Erzählungen weitere literarische Figuren getroffen haben, gehören auch diese Figuren ins Crossover-Universum. Und so weiter, mit gewissen Einschränkungen, weil sonst bald jede Figur der populären Literatur dazu gehört, die zu kreativer Auseinandersetzung einlädt – was es immer schwieriger macht, die Widersprüche zwischen den einzelnen Texten aufzulösen und zu erklären. Crossovers bringt das Geschehen all dieser Texte in eine chronologische Ordnung. Band 1 beginnt vor 6 Millionen Jahren, zusammenhängender werden die Ereignisse ab 20.000 BCE (die Kull-Geschichten von Robert E. Howard), und richtig dicht wird die Chronologie ab dem 16. Jahrhundert mit Kit Walker, dem ersten Phantom; mit Solomon Kane; mit Don Quijote und dem ersten Zorro. Ab dann geht es Schlag auf Schlag.

- So, das war jetzt Teil 1, eigentlich nur eine Zusammenfassung von Material. Teil 2, zu dem ich hoffentlich bald komme, enthält darüber hinaus ein paar eigene Gedanken, mit denen ich den Bogen zu meinem Ausgangspunkt schlagen möchte.

Heinrich Heine, Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland

Überrascht hat mich folgendes Fundstück bei der Lektüre von Heinrich Heines Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland, das zeigt, dass Heine Shelleys Frankenstein gelesen oder zumindest davon gehört haben muss:

Es geht die Sage, dass ein englischer Mechanikus, der schon die künstlichsten Maschinen erdacht, endlich auch auf den Einfall geraten, einen Menschen zu fabrizieren; dieses sei ihm auch endlich gelungen, das Werk seiner Hände konnte sich ganz wie ein Mensch gebärden und betragen, es trug in der ledernen Brust sogar eine Art menschlichen Gefühls, das von den gewöhnlichen Gefühlen der Engländer nicht gar zu sehr verschieden war, es konnte in artikulierten Tönen seine Empfindungen mitteilen, und eben das Geräusch der innern Räder, Raspeln und Schrauben, das man dann vernahm, gab diesen Tönen eine echtenglische Aussprache; kurz dieses Automat war ein vollendeter Gentleman, und zu einem echten Menschen fehlte ihm gar nichts als eine Seele. Diese aber hat ihm der englische Mechanikus nicht geben können, und das arme Geschöpf, das sich solchen Mangels bewusst worden, quälte nun Tag und Nacht seinen Schöpfer mit der Bitte, ihm eine Seele zu geben. Solche Bitte, die sich immer dringender wiederholte, wurde jenem Künstler endlich so unerträglich, dass er vor seinem eignen Kunstwerk die Flucht ergriff. Das Automat aber nahm gleich Extrapost, verfolgte ihn nach dem Kontinente, reist beständig hinter ihm her, erwischt ihn manchmal, und schnarrt und grunzt ihm dann entgegen: give me a soul! Diesen beiden Gestalten begegnen wir nun in allen Ländern, und nur wer ihr besonderes Verhältnis kennt, begreift ihre sonderbare Hast und ihren ängstlichen Missmut. Wenn man aber dieses besondere Verhältnis kennt, so sieht man darin wieder etwas Allgemeines, man sieht, wie ein Teil des englischen Volks seines mechanischen Daseins überdrüssig ist und eine Seele verlangt, der andere Teil aber aus Angst vor solcherlei Begehrnis in die Kreuz und die Quer getrieben wird, beide aber es daheim nicht mehr aushalten können.

Wie international die Bestseller auch damals waren, zeigt andersherum eine Stelle aus Frankenstein, die ich vor ein paar Monaten entdeckt habe. Das Monster, auf der Flucht und von seinem Schöpfer verlassen, lernt heimlich das Sprechen, indem er eine Familie belauscht und in deren Büchern liest. Darunter auch Goethes Werther:

One night during my accustomed visit to the neighbouring wood where I collected my own food and brought home firing for my protectors, I found on the ground a leathern portmanteau containing several articles of dress and some books. I eagerly seized the prize and returned with it to my hovel. Fortunately the books were written in the language, the elements of which I had acquired at the cottage; they consisted of Paradise Lost, a volume of Plutarch’s Lives, and the Sorrows of Werter. The possession of these treasures gave me extreme delight; I now continually studied and exercised my mind upon these histories, whilst my friends were employed in their ordinary occupations.
I can hardly describe to you the effect of these books. They produced in me an infinity of new images and feelings, that sometimes raised me to ecstasy, but more frequently sunk me into the lowest dejection. In the Sorrows of Werter, besides the interest of its simple and affecting story, so many opinions are canvassed and so many lights thrown upon what had hitherto been to me obscure subjects that I found in it a never-ending source of speculation and astonishment. The gentle and domestic manners it described, combined with lofty sentiments and feelings, which had for their object something out of self, accorded well with my experience among my protectors and with the wants which were forever alive in my own bosom. But I thought Werter himself a more divine being than I had ever beheld or imagined; his character contained no pretension, but it sank deep. The disquisitions upon death and suicide were calculated to fill me with wonder. I did not pretend to enter into the merits of the case, yet I inclined towards the opinions of the hero, whose extinction I wept, without precisely understanding it. (Anfang des 15. Kapitels, fehlt in der Übersetzung bei gutenberg.de)

Kein Wunder, dass das Monster am Leben, an sich, seinem Schöpfer und überhaupt verzweifelt, wenn er sich Werther als Vorbild nimmt.

Heute Fortbildung, und Krimi-Lektüre, und Schullektüre, und überhaupt kam dann noch alles mögliche dazu

Erstens.

Heute in der 7. Klasse, Deutsch, weiter die Lektüre besprochen. Die Klasse hat schon ein Buch gelesen, wollte aber ein weiteres gemeinsam lesen. Also entschieden wir uns für… ich weiß auch nicht, wie das genau geschah, es war mitten im Doppelabitur, ich war sehr im Stress… für ein Buch, das mir dann nicht so gut gefallen hat. Mehr ein Jugendbuch, das tatsächlich nur für die Jugend ist. Es gibt ja genug Jugendbücher, die auch Erwachsene noch lesen können. Und das Buch war vielleicht mehr für die ohnehin dominanten Mädchen als für die Jungs. Also gut: die Schüler wollten einen Arena Thriller lesen, Sommernachtsschrei von Manuela Martini.
Dann wollte ich aber doch, dass die Jungs die Wahl haben sollten, etwas anderes zu lesen. Und sie wollten Edgar Wallace. Der Hexer. Okay. Kein Jugendbuch, sondern für Erwachsene geschrieben. Vor 85 Jahren. Hat sich nicht so gut gehalten.

Dann habe ich mich aber doch mit den Büchern versöhnen können, weil die Schüler etwas damit anfangen konnten. (Es war auch keiner überfordert von der Lektüre.) Zum einen: Figurenkonstellation und Inhaltsangabe, und zwar so, dass die andere Hälfte der Klasse bei dem Buch mitreden kann, das sie nicht gelesen hat. Und die Inhaltsangabe eben nicht chronologisch und unter sofortigem Verraten aller Geheimnisse – die ja bei Krimis, und beides sind tatsächlich weitgehend Krimis, ja besonders wichtig sind. Außerdem gab es schon vor dem Austeilen der Lektüre einen Arbeitsauftrag, nämlich die nur leicht veralteten “Twenty Rules for writing detective stories” von S. S. van Dine (1928), auf Deutsch natürlich. Regel 1 etwa:

The reader must have equal opportunity with the detective for solving the mystery. All clues must be plainly stated and described.

Und Regel 16 beginnt:

A detective novel should contain no long descriptive passages, no literary dallying with side-issues, no subtly worked-out character analyses, no “atmospheric” preoccupations.

Nach der Lektüre wurde dann diskutiert, welches Buch sich an welche Regeln hält und damit Kriminalroman oder Detektivgeschichte genannt werden kann. Beide eher ja, der Sommernachtsschrei sogar noch eher. Aber diese Regeln bieten auf jeden Fall eine schöne Möglichkeit, Bücher zu analysieren, statt eben nur den Inhalt wiederzugeben.
Beim Vergleich der Bücher stellte sich auch heraus, dass der Hexer eher nach wie ein Thriller nach vorwärts gewandt erzählt wird, während der Sommernachtsschrei analytisch aufgebaut ist: da geht es darum, typisch für den Detektivroman, herauszufinden, was eigentlich alles vor dem eigentlichen Einsetzen der Handlung geschehen ist. Das ist ein Muster, das die Schüler später vielleicht bei König Ödipus und Nathan wiederfinden. Und ja, Wörter wie “analytisch” nimmt eine 7. Klasse gerne bereits an.

Überhaupt, an Krimis könnte man sehr viel Erzähltheorie üben. Siehe auch den Vortrag/Essay “Aristotle on Detective Fiction” von Dorothy L. Sayers, ich finde leider keine Quelle im Web, lesenswert, oder W.H. Auden, “The Guilty Vicarage”.


Zweitens.

Dann mit der 7. Klasse in den Computerraum, zum Schluss des Schuljahres ein bisschen spielen – nach strukturiertem Vorgehen mit Kontrollstrukturen und Algorithmik bei Robot Karol sollen sie jetzt einfach mit Scratch herumspielen. Scratch ist eine objektorientierte grafische Programmierumgebung, die man schon in der Grundschule einsetzen könnte. Grafisch heißt: man schreibt keinen Programmcode, sondern schubst mit der Maus grafische Elemente herum. Tippfehler gibt es also keine. (Klassen kennt das Programm allerdings nicht, soweit ich weiß.) Durch das Herumspielen mit demn Programm lernt man viel, wenn man will.
Überhaupt frage ich mich nach geeigneten Zugängen zur Informatik. Informatik ist viel mehr als Programmieren, und man könnte das Fach wohl auch ohne dieses unterrichten. Aber irgendwie ist das in der Praxis halt doch die Grundlage, ohne die es nicht geht. Ich habe nie viel programmiert, und hole das gerade nach. (Ich laufe gerade mit einer MVC-Brille durch die Welt und teile alles, was ich sehe, in Model, View oder Controller ein. Irgendwann wird ein Blogeintrag daraus.)
In der 10. Klasse sollen die Schüler Programmieren lernen und Informatik lernen, parallel. Ja, ich versteh schon, ist schon sinnvoll. Aber ich frage mich, ob die Schüler nicht zuerst programmieren lernen sollten und danach Informatik. Obwohl… streicht das. Das hatten wir doch schon. Ein halbes Jahr Pascal im Matheunterricht


Drittens.

Apropos herumspielen: Google+ gefällt mir sehr gut, sollte Ende des Monats für alle starten. Wenn die Erwachsenen dann bitte alle von Facebook dorthin umziehen würden?


Viertens.

Mit der 9. Klasse lese ich gerade Shakespeare, Romeo und Julia, auf Deutsch. Und nicht Andorra. Weil wir da die Baz-Luhrmann-Verfilmung anschauen können, weil die Schüler davor noch nicht mal wussten, was Akte sind, und vor allem: weil sie sich schon mal auf harmlose Weise an die Sprache des späteren 18. und frühren 19. Jahrhunderts gewöhnen sollen. Damit der Nathan in der 10. und der Faust in der 11. dann nicht so schwer fallen, denn das tun sie. Grob klappt das mit dem Verstehen auch, aber wenn man nachhakt, wie viele der Informationen, die tatsächlich in zwei, drei, vier Versen gepackt sein können, tatsächlich ankommen – dann muss ich morgen wirklich mal eine Seite ganz gründlich gemeinsam Vers für Verse auseinandernehmen.


Fünftens.

Heute wieder Moodle-Fortbildung, schulintern. Lief gut. Zum Einstieg kam wieder meine Folie mit dem Hype-Zyklus, inzwischen auch unter CC-BY-SA-Lizenz zum Herunterladen. Außerdem ein Papier mit den wichtigsten Tipps und Informationen (Download.)

Und natürlich hat jeder Anwesende – darunter einige Referendare – eine Teilnahmebestätigung gekriegt, liebevoll selbst gestaltet mit Schullogo und “2. Ausfertigung für die Lehrkraft” und allem. So wie Philip Marlowe zwei Arten von Visitenkarten hat, die mit der Pistole mit Eck und die ohne – je nach Art des zu beeindruckenden Klienten -, habe ich zwei Versionen gemacht: eine mit Kinder-Foto von mir in der Ecke und eines ohne. Ich habe dann doch nur die ohne Foto herausgerückt, weil ich das ja auch tatsächlich eine ernsthafte und sinvolle Fortbildung war. Aber ein kleines “etc.” habe ich mir bei der Unterschrift gegönnt:

Holmesiana

War im Kino, Sherlock Holmes gucken. Hat mir gut gefallen. Als Film gut – wenn es auch mehrere überflüssige Szenen darin gibt, die weder die Handlung voranbringen noch etwas zur Charakterisierung der Personen beitragen noch Atmosphäre erzeugen. Schön: die Boxkampszene, überflüssig: das Spektakel in der Werft. Immer wieder enttäuschend: Showdown hoch oben auf einem historischen Wahrzeichen. Das mochte ich bei X-Men schon nicht, und bei Holmes wird das für jeden, der sich minimal in London auskennt, lächerlich – aus den Katakomben des Parlaments spaziert man quasi direkt auf die Spitze der Tower Bridge. Aber trotzdem ganz okay. Robert Downey Jr. als Holmes, Jude Law als Watson und Kelly Reilly als Mary Morstan waren sehr gut, wenig überzeugend fand ich nur Hans Matheson als Lord Coward.


Als Sherlock-Holmes-Interpretation war der Film noch besser. Wieder wurden der Figur neue Seiten abgewonnen oder die alten Seiten für eine neue Zeit dargestellt. Hier die stichpunktartige Beschreibung von Holmes, die Watson erstellt hat, kurz nachdem sie zusammen in die Baker Street zogen (A Study in Scarlet):

  1. Knowledge of Literature.—Nil.
  2. Philosophy.—Nil.
  3. Astronomy.—Nil.
  4. Politics.—Feeble.
  5. Botany.—Variable. Well up in belladonna, opium, and poisons generally. Knows nothing of practical gardening.
  6. Geology.—Practical, but limited. Tells at a glance different soils from each other. After walks has shown me splashes upon his trousers, and told me by their colour and consistence in what part of London he had received them.
  7. Chemistry.—Profound.
  8. Anatomy.—Accurate, but unsystematic.
  9. Sensational Literature.—Immense. He appears to know every detail of every horror perpetrated in the century.
  10. Plays the violin well.
  11. Is an expert singlestick player, boxer, and swordsman.
  12. Has a good practical knowledge of British law.

Zu ernst darf man diese Liste nicht nehmen; wenige Zeilen zuvor hat Holmes Watson versichert, dass er keine Ahnung davon hat, ob sich die Erde um die Sonne dreht oder umgekehrt, und dass es ihn auch nicht interessiert. Die Forschung geht davon aus, dass Holmes hier seinem zu neugierigen Mitbewohner einen Bären aufbindet, zumal Holmes an anderer Stelle durchaus astronomische Kenntnisse beweist.
Aber ein guter Faustkämpfer ist Holmes, und das zeigt er in der Verfilmung auch. Der Kampfstil hätte für meine Verhältnisse noch etwas viktorianischer sein können (fisticuffs), aber wenigstens gab es auch kein Hong-Kong-Gehoppse. Beim Faustkampf zeigt Holmes zweimal seine analytischen Fähigkeiten, indem er quasi in die Zukunft schaut (so würde man das in einem Superheldenfilm nennen). Schön gemacht, aber noch schöner wäre es, wenn er diese Fähigkeiten auch in einem Zusammenhang hätte zeigen dürfen, der für den Plot und nicht nur für die Charakterisierung wichtig gewesen wäre. Das geschieht nur einmal ansatzweise, als man im Nachhinein erfährt, dass Holmes bereits vorausgesagt hat, aus welchem Fenster er nach einer gewissen Zeit stürzen würde.

Sehr schön ist auch die Szene, in der Holmes Watson erklärt, was er bei und nach ihrem ersten Besuch von Irene Adler herausgefunden hat; der Zuschauer ist hier ähnlich überrascht wie es sonst nur pflichtgemäß Watson ist. Aber auch dieses erzählerische Mittel wird nur bei der Exposition eingesetzt und nicht mehr später im Film. Klar darf man es nicht überstrapazieren, aber einmal vielleicht noch an zentralerer Stelle?

Auf jeden Fall neu interpretiert, aber naheliegend: der eifersüchtige Holmes, der Watson gram ist, weil der wegen seiner Verlobten die gemeinsame Bude aufgibt. Manchmal wirken Holmes und Watson aber etwas zu sehr wie ein stereotypes schwules Paar beim Streiten.


Ich mag Holmes, habe den ganzen Kanon in jüngeren Jahren gelesen und kenne und schätze die Variationen. Aus Gründen, die ich dereinst in meinem magnum opus darlegen werde (ein Blogeintrag, der seit zehn zehn Jahren halbfertig ist und zu Ende geschrieben werden will), bietet sich Holmes für solche Wiedererfindungen besonders an. Eine meiner liebsten ist diese hier:


Nicholas Meyer, The Seven-Per-Cent Solution. New York: Dutton 1974.

Verfilmt als Kein Koks für Sherlock Holmes, so auch der Titel der ersten deutschen Ausgabe; inzwischen heißt sie Sherlock Holmes und der Fall Sigmund Freud. Die Geschichte: Holmes fühlt sich verfolgt von Professor Moriarty, dem “Napoleon des Verbrechens”. Er verschanzt sich in seiner Wohnung und berichtet Watson atemlos von dem gefährlichen Netz, das der gefährliche Professor um ihn gezogen hat. Diesen Ausgangspunkt kennt auch der Kanon, ab hier entwickelt sich die Handlung anders. Als sich Moriarty als harmloser Mathematiklehrer herausstellt, diagnostiziert Watson bei Holmes paranoiden Verfolgungswahn, ausgelöst durch übermäßigen Doregnkonsum. Durch einen Trick lenkt Watson den immer noch genialen Holmes nach Wien, zur größten Autorität, was Drogen und psychische Störungen betrifft, Sigmund Freund. In Wien deckt Holmes eine Intrige auf, wird mehr oder weniger geheilt (wobei die Psychoanalyse interessante Details aus Holmes’ Kindheit enthüllt), und im spannenden Finale rasen zwei Züge um die Wette.

(Auf der Hinfahrt reisen Holmes und Watson eine Weile zusammen mit einem Herrn Rassendyll, angeblich aus Tirol, tatsächlich gerade aus Ruritanien kommend. Das ist auch so ein Herr, der weit herumkommt. Auch der junge Flashman erlebt Abenteuer in Ruritanien, und im Alter von über siebzig Jahren legt sich Flashman erfolgreich mit Holmes’ zweiter Nemesis, Colonel Sebastian Moran, an. Man kennt sich halt.)


Eine Holmes-Ausgabe für Aficionados sind die zwei Bände The Annotated Sherlock Holmes von William S. Baring-Gould.

Die Geschichten sind chronologisch geordnet, also der Biographie Holmes’ folgend, wie überhaupt das Buch natürlich davon ausgeht, dass Holmes eine reale Person ist. Bilder und Karten ergänzen die Geschichten, sehr ausführliche Randbemerkungen und Kommentare weisen auf Positionen aus der Holmes-Forschung zu vom Text aufgeworfenen Fragen hin und machen sicher ein Drittel der Bände aus. Nehmen wir nur mal die Sache mit den Reichenbach-Fällen. Bekanntlich stürzten Holmes und Moriarty dort ab, beide kamen ums Leben. So dachte jedenfalls auch Watson einige Jahre, bis Holmes in “The Adventure of the Empty House” unvermittelt wieder auftaucht. Was bei den Reichenbach-Fällen und in den Jahren danach wirklich geschah, ist eine Frage, auf die Holmes (beziehungsweise sein im Unklaren gelassener Chronist Watson) nie völlig befriedigende Antworten gegeben hat. Vielleicht hat sich deshalb die Holmes-Forschung so intensiv damit beschäftigt. Baring-Gould reißt auf zwei Seiten nur einige der wichtigsten Theorien an, zusammen mit ihren Vertretern und deren Argumenten. Wer will, kann anhand der genannten Titel gerne tiefer in die Forschung einsteigen. Die Hauptrichtungen:

  1. Sowohl Holmes als auch Moriarty überlebten den Sturz. (Weil Moriarty gar nicht wirklich existiert hat. Weil Moriarty und Holmes dieselbe Person waren. Weil Moriarty einen Doppelgänger benutzt hat.)
  2. Beide starben in Wirklichkeit und die danach spielenden Fälle Holmes’ sind reine Erfindung Watsons. Das würde manche Unterschiede zwischen dem frühen und dem späten Holmes erklären: der frühe nimmt Kokain und Morphium, der späte nicht. (Aber das kann natürlich auch auf Freuds Therapie in Wien zurückgehen.) Der frühe respektiert das Gesetz mehr als der späte, kennt sich besser unter Spionen aus, spielt mehr Geige, zitiert auf Deutsch und Französisch (was der späte nie tut). Anthony Boucher, geschätzter Krimi- und Science-Fiction-Autor, ging ursprünglich davon aus, dass Mycroft den gestorbenen Sherlock durch einen angelernten Nachfolger ersetzen ließ.
  3. Auch die Theorie, dass Moriarty allein überlebte, hat Vertreter, gilt aber als unwahrscheinlich.

(Von Baring-Gould gibt es auch eine Biographie Holmes’ und eine von Nero Wolfe, in der Baring-Gould eine Idee aus dem Baker Street Journal aufgreift und Wolfe zu einem Sohn von Holmes und Irene Adler macht.)


Holmes-Leser sind wie die Leser von Superhelden-Comics gründliche Leser, wie man sie sich als Literaturtheoretiker nur wünschen kann. Da wird argumentiert mit dem gesamten Instrumentarium, das wir in der Deutsch-Oberstufe vermitteln wollen: mit Autorenintention, Erscheinungsweise, redaktionellen Einschränkungen, Biographie des Autors, aber natürlich vor allem auch textimmanent. Allein das folgende Panel, Platz 5 auf einer Liste mit “The Top 70 Most Iconic Panels in Marvel History”, hat zu zahllosen Interpretationen geführt:


Amazing Spider-Man 121, writer: Gerry Conway; art: Gil Kane; inks: John Romita, Tony Mortellaro; Juni 1973

Warum musste Gwen Stacy sterben, welche Brücke war es, woran starb sie genau, welche Absicht und welche Wirkung (in diesem Fall ist das nicht das gleiche) hat das “Snap” rechts unten… Comic-Fans diskutieren so etwas gerne. (Wikipedia zu The Night Gwen Stacy Died.) Ookla the Mok singen in “Stop Talking About Comic Books Or I’ll Kill You” zwar verständlicherweise:

Stop talking about comic books or I’ll kill you.
I don’t care if the Hulk could defeat the Man of Steel.
I’m gonna rearrange your face if you continue to debate
whether Logan’s claws could pierce Steve Roger’s shield.

– aber die Art und Weise, wie diese Fragen diskutiert werden, ist vorbildlich.


Noch kurz zum Film: Wann fing das eigentlich an, die Kombination von später Viktorianik (oder frühes Edwardian) und phantastischen Elementen?

Einerseits ist das vielleicht schon in der Zeit angelegt, siehe Bram Stokers Dracula. Und schon in Young Sherlock Holmes (1985) gibt es einen ägyptischen Kult, wenn auch – wie im aktuellen Holmes – keine echte Magie dahintersteckt.

Pseudo-Wissenschaft (mit Tesla im Grenzbereich) gibt es auch in The Prestige (2006), basierend auf einem Roman von Christopher Priest (1995). Dann ist da noch The Glass Books of the Dream-Eaters (2006) von G.W. Dahlquist, auch mit okkulter Wissenschaft.

Oder ist tatsächlich The League of Extraordinary Gentlemen (1999) ein Vorläufer? Allerdings kam auch schon 1986 die Rollenspiel-Erweiterung Cthulhu by Gaslight heraus. Da lag wohl etwas in der Luft. Siehe hierzu auch den Wikipedia-Eintrag zu Steampunk (abgeleitet von: Cyperpunk) mit den verwandten Kategorien Gaslight Romance, Western Steampunk, Dieselpunk und Steamgoth.

Rudyard Kipling & Wardrobe Worlds

Bei Lewis Carroll kommt Alice entweder durch ein Kaninchenloch oder durch einen Spiegel ins Wunderland. Die Kinder in C.S. Lewis’ Der König von Narnia gelangen durch einen Wandschrank nach Narnia, und einen Wandschrank benutzt auch Erich Kästner in Der 35. Mai.

Es geht um magische Reiche und wie man dorthin gelangt.

Bei den unvergleichlichen TV Tropes, wo ich mich schon wieder für Stunden festgelesen habe, gibt es eine ausführliche, aber keineswegs vollständige Liste solcher magischer Länder.
Auch zu Toren, die in diese Reiche führen gibt es dort eine Liste.

Offhand fallen mir folgende Beispiele ein:

  • Lewis Caroll, Die beiden Alice-Bücher (Methode: Kaninchenloch und Spiegel)
  • C.S. Lewis, Die Narnia-Romane (Methode: Wandschränke und Ringe)
  • Salman Rushdie, Haroun and the Sea of Stories (Methode: Ein magischer Wiedehopf erscheint und nimmt einen mit)
  • Michael Ende, Die unendliche Geschichte (Methode: Magisches Buch)
  • Michael Chabon, Summerland (Methode: habe ich vergessen. Es geht jedenfalls um Baseball.)
  • Norton Juster, The Phantom Tollbooth (Methode: Einmal durchfahren.)
  • Lev Grossman, The Magicians (Methode: Knöpfe)
  • Raymond Chandler, “The Bronze Door” (um mal einen Außenseiter zu nennen)
  • Andre Norton, die Hexenwelt-Romane – stellvertretend für Abraham Merritt und viele andere klassische Fantasy-Autoren. Als Zitat verfremdet bei Harlan Ellison, “The Place With No Name”. (Methode: Magische Steine, magische Reisebüros, magische Schiffsmodelle, magische Fluchthelfer.)
  • Old Time Radio series The Cinnamon Bear
  • Jonathan Carroll, Bones of the Moon, und andere
  • Neil Gaiman, A Game of You (Sandman Heft 32-37)
  • E.T.A. Hoffmann, “Nussknacker und Mausekönig”: Marie und der Nussknacker gehen durch einen Kleiderschrank ins Puppenreich.
  • Überhaupt, der Großvater aller Wege ins Traumreich: das Märchen. Bei Frau Holle fällt ein Ball in den Brunnen, und wer dem Ball nachklettert, kommt in das Reich von Frau Holle. Jack klettert die Bohnenranke nach oben ins Wolkenreich. Ein Unterschied ist vielleicht der, dass im Märchen das andere Reich als relativ normale Fortsetzung unserer Welt angesehen wird (müsste man diskutieren), ein anderer der, dass dort das Tor außerhalb des Hauses ist – eine Höhle, eine Pflanze, ein Brunnen. Türen und Fenster sind moderner und innerhalb der eigenen vier Wände zu finden, und vielleicht deshalb um so fantastischer.

Und dann gibt es die Sonderform der Traumwelten – Welten, die explizit nur in Träumen existieren und in die man fast nur schlafend und träumend kommt. Für mich war der Urvater immer:

  • Lord Dunsany mit seinen Geschichten “Idle Days on the Yann”, “A Shop in Go-By Street” und andere Tales of Three Hemispheres.
  • H.P. Lovecraft schrieb einige Geschichten, die sehr an Dunsany erinnern und die in den Dreamlands spielen. Und Lovecrafts Geschichten waren wieder Ausgangspunkt für viele andere Autoren. Darf ich in diesem Zusammenhang auf den H.P. Lovecraft Literary Podcast hinweisen? Die zwei Autoren nehmen sich in chronologischer Folge jede Woche eine Geschichte von Lovecraft vor und plaudern darüber. Jetzt sind sie gerade bei den interessanten Geschichten angekommen, “The Outsider” etwa, aber die klassischen Lovecraft-Geschichten kommen alle erst noch.
    Zu den Dreamlands gehören die Steps of Deeper Slumber, die Hafenstadt Dylath-Leen, Ulthar, die Ruinen von Sarnath, Celephaïs, das Unbekannte Kadath im Norden, und viele weitere Orte.

Ich erwähne das deshalb so ausführlich, weil ich eine solche Traumwelt auch von Rudyard Kipling entdeckt habe, und zwar in:

  • Rudyard Kipling, “The Brushwood Boy” (1899, glaube ich).

Wie es sich für exotische Länder gehört, gibt es auch eine Karte dazu:

Die Geschichte selber ist gar nicht so spannend; es passiert nicht viel. Ein kleiner Junge träumt regelmäßig von einem fantastischen Land. Er träumt so detailliert, dass er eine Karte dieses Landes zeichnen kann; jedenfalls von den Bereichen, die er kennt. Er trifft dort auch gelegentlich auf ein Mädchen (“Annieanlouise”), mit dem er sich gut versteht und kleine Abenteuer erlebt.
Als Erwachsener wird er Offizier, ist erfolgreich und beliebt. Gelegentlich kommen seine Träume wieder. Eines Tages trifft er im realen Leben auf eine junge Frau, die dieselbe Traumwelt kennt wie er; sie ist schließlich das kleine Mädchen von damals. Hochzeit und Happyend.

Orte in dieser gemeinsamen Traumwelt sind die Lilienschleuse, jenseits von Hong-Kong und Java (beides steinerne Lilien im Traumozean); ein großes Haus, in dem Es stirbt; es gibt Policeman Day und die Stadt des Schlafes; ein magisches Pony und den Dreißig-Meilen-Ritt – genauso fantastisch wie in späteren Traumwelten.