Schlagwort: Sagen

Prometheus und andere Tricksereien

Sturm und Drang, Goethes “Prometheus”: Entstanden wohl in den frühen 1770er Jahre, die erste autorisierte Druckfassung von 1789 unterscheidet sich von der Fassung letzter Hand 1827 nur durch ein paar Schreibvarianten. In Anthologien findet man allerdings meist die ohne Namensnennung und unautorisiert verwendete Druckfassung von 1785 – in den späteren Versionen hat der Klassiker Goethe seinen jugendlichen Sturm und Drang geglättet und etwa das berühmt gewordene “Knabenmorgen-Blütenträume” durch schlichte “Blütenträume” ersetzt. Der Nachwelt gefällt die frühe Fassung aber besser.

Vor der Lektüre kann man etwa diesen Videoclip vom Bayerischen Rundfunk anschauen:

BR-alpha – Mythen – Michael Köhlmeier erzählt Sagen des klassischen Altertums (Download vieler Episoden)


Im Zusammenhang mit Prometheus frische ich auch gerne mal die griechische Mythologie auf, schon mal für die Klassik nächstes Jahr. Für die Oberstufe ist mein Kerngedanke ist dabei: In eine Vielzahl lokaler und weiter verbreiteter Götter und Vorstellungen brachte Hesiod Ordnung, in dem er in seiner Theogonie das vorhandene Material zusammenstellte und redigierte. (So ähnlich wie Roy Thomas die chaotische DC-Superheldenwelt der 1930er bis 1970er Jahre ordnete, das Nebeneinander verschiedener Entstehungsgeschichten glättete und erklärte. Inzwischen ist alles noch komplizierter geworden, fragt nur mal jemanden nach Supergirl.) Eros “ist” also nicht irgendwie das Kind der Nacht, und Aphrodite “ist” nicht die Tochter von Uranos, sondern das ist halt bei Hesiod so. Bei Homer ist Aphrodite die Tochter von Zeus und Dione. Bei anderen Autoren ist das alles wieder ganz anders, und das gilt für andere Gestalten wieder genauso. Das ist mehr Bildung, als bei “Wer wird Millionär” die zwölf olympischen Götter aufzählen zu können.

Weil ich alle Übersichten, die ich gefunden habe, etwas unübersichtlich fand, habe ich die Wikipedia-Darstellungen etwas geändert:

theogonie1

theogonie2

(Originaltabellen von Wikipedia unter CC-BY-SA-Lizenz, deshalb steht auch der ganze Blogeintrag hier unter CC-BY-SA. Hier meine .odt-Datei dazu, über die Formatierung nicht erschrecken.)


Und zweitens nutze ich gerne die Gelegenheit für etwas laienhafte vergleichende Mythologie.

Ausgangspunkt:

Nach Film und Gedicht wissen Schüler: Prometheus ist ein Titan, gehört also nicht zur klassischen Götterriege. Er ist ein Freund des Menschen, sein Schöpfer sogar, und bringt ihm viele Dinge bei. Er stiehlt das Feuer für ihn und bringt ihm bei, bei den Tieropfern die Götter um das bessere Teil zu betrügen. Am Ende wird er für seine Taten an den Kaukasus gefesselt, wo täglich ein Adler kommt und an seiner – stets nachwachsender – Leber frisst.

Danach gebe ich folgende Texte zu lesen:

1. Bibel, 1. Mose 3

Die Schlange nun erwies sich als das vorsichtigste aller wildlebenden Tiere des Feldes, die JHWH Gott gemacht hatte. So begann sie zur Frau zu sprechen: Sollte Gott wirklich gesagt haben: Ihr dürft nicht von jedem Baum des Gartens essen? Darauf sprach die Frau zur Schlange: Von der Frucht der Bäume des Gartens dürfen wir essen. Aber von der Frucht des Baumes, der in der Mitte des Gartens ist, hat Gott gesagt: Ihr sollt nicht davon essen, nein, ihr sollt sie nicht anrühren, damit ihr nicht sterbt. Darauf sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet ganz bestimmt nicht sterben. Denn Gott weiß, dass an demselben Tag, an dem ihr davon esst, euch ganz bestimmt die Augen geöffnet werden, und ihr werdet ganz bestimmt sein wie Gott, erkennend Gut und Böse. Danach sah die Frau, dass der Baum gut war zur Speise und dass er etwas war, wonach die Augen Verlangen hatten, ja der Baum war begehrenswert zum Anschauen. So begann sie von seiner Frucht zu nehmen und zu essen. Danach gab sie davon auch ihrem Mann, als er bei ihr war, und er begann davon zu essen. Dann wurden ihnen beiden die Augen geöffnet, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren. Daher nähten sie Feigenblätter zusammen und machten sich Lendenschurze.

(Offene Bibel, CC-BY-SA 3.0, deshalb der ganze Blogeintrag auch unter dieser Lizenz. )

Und frage die Schüler, ob sie irgendwelche Gemeinsamkeiten entdecken. Tun sie, und zwar: Die Schlange entspricht der Pandora, die ja auch Unheil bringt. Das lasse ich erst mal stehen. Dass damit Erkenntnis gleich Unheil gesetzt wird, sieht man erst beim zweiten Hinschauen. Sonst schon irgendwelche Parallelen?

Loki, germanische Gottheit, unter anderem des Feuers

Er besitzt einen ausgeprägten Sinn für Strategie und nutzt ihn, um mit Intrigen und komplexen Lügen seine Interessen durchzusetzen. Da Loki halb Ase, halb Riese ist, scheint sein Verhältnis zu den Asen auch zwiespältig zu sein. Doch von Odin wird er geachtet; die beiden schließen sogar Blutsbruderschaft. Außerdem hilft Loki Thor durch eine List bei der Wiederbeschaffung seines Hammers Mjöllnir, der von den Riesen gestohlen wurde. Loki ist somit Feind und Freund der Götter zugleich. Erst nachdem er Hödur durch eine List dazu brachte, seinen Bruder Balder zu töten, verbannt ihn Odin.
Loki ist ein Gestaltenwechsler, ein Meister der Metamorphose, der sich in die verschiedensten Tiere und Menschen verwandeln kann. In den überlieferten Mythen ist er Adler, Stute, Lachs, eine Fliege oder ein altes Weib. Denn er wechselt auch sein Geschlecht, erlebt Schwangerschaft und Geburt, trägt in Gestalt einer Stute das achtbeinige Ross Odins, Sleipnir, aus, wie die Sage vom Riesenbaumeister erzählt. […] Loki ist als Kulturheros der Erfinder des Fischnetzes, aber er, der Tölpelhaftigkeit und Listenreichtum in sich vereint, wird auch zum Opfer seiner eigenen Erfindung.
Lokis Handlungen lassen erkennen, dass diese Schlechtes wie auch Gutes bewirken; letzteres oft gegen seine ursprüngliche Intention. Dennoch handelt er nicht ausschließlich schädigend. Oft wird Loki wegen seiner Listigkeit und seiner Kreativität von den anderen Gottheiten herangezogen, um aussichtslose Situationen zu bewältigen, was er auch immer schafft. Ebenso lässt er sich durch diese verpflichten, durch seine Schalkhaftigkeit angerichteten Schaden wiedergutzumachen.
Der gefangene Loki wurde zur Strafe mit den Eingeweiden seiner Söhne auf spitze (dreikantige) Felsen gefesselt. Über seinem Kopf hängte man eine giftige Schlange, die ätzenden Speichel tropfen ließ. Seine Frau Sigyn fing diesen Speichel in einer Schüssel auf. Nur wenn sie die Schüssel wegzog, um sie zu leeren, trafen ein paar Tropfen auf Lokis Gesicht. Er schüttelte und wand sich so gewaltig unter seinen Schmerzen, dass dadurch die Erdbeben entstanden.

(Wikipedia, CC-BY-SA.)

Loki kennen manche Schüler noch aus Die Maske mit Jim Carrey, die anderen alle aus Thor und Avengers.
Weitere Parallelen? Als Erstes wird genannt, dass die Bestrafung ähnlich ist wie die Prometheus’, dass Loki ebenfalls die Götter betrügt, klug ist, und Streiche spielt. Vielleicht erkennen die Schüler ihn schon als Freund und Lehrmeister des Menschen. Dass er ein Gott des Feuers ist und ebenfalls nicht zu den Asen im eigentlichen SInn gehört, übersieht man vielleicht noch, das wird dann aber schon noch wichtig.

Coyote stiehlt das Feuer

Coyote, like the rest of the People, had no need for fire. So he seldom concerned himself with it, until one spring day when he was passing a human village. There the women were singing a song of mourning for the babies and the old ones who had died in the winter. Their voices moaned like the west wind through a buffalo skull, prickling the hairs on Coyote’s neck. […] Coyote, overhearing this, felt sorry for the men and women. He also felt that there was something he could do to help them. He knew of a faraway mountain-top where the three Fire Beings lived. These Beings kept fire to themselves, guarding it carefully for fear that man might somehow acquire it and become as strong as they. Coyote saw that he could do a good turn for man at the expense of these selfish Fire Beings.
[Coyote goes to the Fire Beings and prepares the theft.]
But before [the Fire Being] could come out of the teepee, Coyote lunged from the bushes, snatched up a glowing portion of fire, and sprang away down the mountainside.
Screaming, the Fire Beings flew after him. Swift as Coyote ran, they caught up with him, and one of them reached out a clutching hand. Her fingers touched only the tip of the tail, but the touch was enough to turn the hairs white, and coyote tail-tips are white still. Coyote shouted, and flung the fire away from him.
[The stolen fire finally ends up hiding in Wood.]
The Fire Beings gathered round, but they did not know how to get the fire out of Wood. They promised it gifts, sang to it and shouted at it. They twisted it and struck it and tore it with their knives. But Wood did not give up the fire. In the end, defeated, the Beings went back to their mountain-top and left the People alone.
But Coyote knew how to get fire out of Wood. And he went to the village of men and showed them how. He showed them the trick of rubbing two dry sticks together, and the trick of spinning a sharpened stick in a hole made in another piece of wood. So man was from then on warm and safe through the killing cold of winter.

(Diese Fassung kursiert an verschiedenen Stellen im Netz, hier etwa: http://www.ilhawaii.net/~stony/lore06.html. Hier eine Version mit Giant statt Coyote.)

Langsam sollten sich Parallelen herausstellen. Bei diesen Figuren handelt es sich um den Archetyp Trickster, den es in vielen Kulturen in verschiedenen Ausprägungen gibt. Typische Merkmale:

  • Der Trickster ist eine Figur, die zwischen den Hauptgruppen der Menschen und Götter steht.
  • Er ist amoralisch und spielt Streiche, hilft mal den Menschen und Göttern, mal legt er sie herein.
  • Bei Streichen ist er oft selbst der Geschädigte.
  • Er kann häufig die Gestalt wandeln oder verkleidet sich viel.
  • Typische Leistung: Er bringt Menschen das Kulturwissen, insbesondere bringt er ihnen das Feuer.

Prometheus wird von den Menschen überwiegend positiv gesehen; Streiche spielt er den Göttern. Von diesen wird er dann auch bestraft. Bestraft wird auch Loki, der eher negativ gesehen wird, auch wenn er den Göttern oft hilft, auch durch Verkleidungen. Aber er wird später am Weltuntergang beteiligt sein; vorerst leidet er eine ähnliche Strafe wie Prometheus. Er ist ein Gott des Feuers. Coyote gehört ebenfalls weder zu den Göttern noch zu den Menschen. Er spielt Streiche, wandelt die Gestalt, fällt auf die Schnauze (man denke nur an seine Erlebnisse mit dem Road Runner) – und bringt den Menschen das Feuer.

Vor diesem Hintergrund sieht man vielleicht auch die Schlange anders, vor allem, wenn man sie mit Satan in Beziehung setzt, und mit der Gestalt Luzifer – drei Gestalten mit zugegeben unterschiedlichem Ursprung, aber in der Kombination erhellend. (Pun intended: Luzifer heißt “Lichtbringer”.) Auch diese Gestalt steht zwischen Mensch und Gott, spielt Streiche, verwandelt sich, wird bestraft – und man kann durchaus argumentieren, dass das Geschenk der Schlange, nämlich Erkenntnis gegen den Willen der Gottheit, ein echtes Geschenk ist, und keinesfalls ein Übel aus der Büchse der Pandora.

Laienhafte Notizen zu germanischer Dichtung (mit Weltende)

Ja, die Germanen. Eine völkerwandernde Gruppe von Sprechern verwandter indoeuropäischer Dialekte. Grob kann man die Dialektgruppen Nordgermanisch (die Nachfolger davon in Skandinavien und Island), Ostgermanisch (Gotisch gehört dazu, Nachfolger gibt es keine mehr) und Westgermanisch (Althochdeutsch, Altenglisch, Altniederdeutsch/Altsächsisch) unterscheiden; es gibt natürlich noch weitere Klassifizierungen.

Die Germanen auf dem Großteil des Kontinents, also die Sprecher westgermanische Dialekte, hinterließen nicht viele schriftliche Zeugnisse. Ein paar Namen sind noch da: Donar, der Donnergott, nach dem der Donnerstag benannt ist; Wodan/Wotan, auf den Wednesday zurückgeht. (Auch die meisten anderen Wochentagsbezeichnungen gehen auf germanische Götter zurück – die Germanen übernahmen die 7-Tage-Woche von den Römern und ersetzten die römischen Götter durch entsprechende eigene. So wurde aus dem Tag des Jupiter – dies iovis, jeudi, jueves – der Tag des Donar; beides sind Donnergötter. Und aus dem Tag des Merkur – dies mercurii, mercredi, miércoles – wurde eben der Tag des Wodan; beide kann man als Trickster-Götter sehen.)
Was man über die germanische Götterwelt weiß, weiß man hauptsächlich aus nordgermanischen Quellen, und in diesen Dialekten heißen die beiden genannten Götter Thor und Odin, und bei diesen Formen der Namen bleibe ich jetzt auch.

Kennengelernt habe ich Thor natürlich hier:

marvel_thor

Lief ja auch neulich im Kino. Und deshalb habe ich schon als Kind die germanischen Sagen gelesen. Die Göttersagen jedenfalls, die Heldendichtung weniger. Überliefert sind viele Sagen vor allem in zwei Werken, die dummerweise beide Edda heißen. Das eine Buch beginnt tatsächlich mit den Worten “Dieses Buch heißt Edda”, es heißt auch Prosa-Edda, weil viel davon in Prosa geschrieben ist, oder Snorra-Edda, nach dem Autor, Snorri Sturluson. Das andere, bekanntere, wird in Anlehnung an das erste Buch Lieder-Edda genannt, oder auch Ältere Edda, weil man früher davon ausging, dass es vor dem ersten Buch entstanden ist – was aber wohl nicht stimmt.
Die Lieder-Edda ist eine Sammlung vollständiger, aber unverbundener Götter- und Heldensagen. Geschrieben ist sie in stabgereimten germanischen Langzeilen, vier davon je Strophe.

Hier eine Strophe aus der “Heimholung des Hammers”. Der Riese Thrym hat Thors Hammer gestohlen und will ihn nur herausgeben, wenn er Freyja zur Frau erhält. Loki und Thor machen sich auf, den Hammer zurückzuholen – Thor verkleidet als Freyja, Loki als Zofe. Eine Idee Lokis, natürlich. Die vermeintliche Freyja fällt erst einmal durch recht männlichen Hunger und Durst auf. Schließlich fordert Thrym einen Kuss und hebt den Schleier der vermeintlichen Braut:

Kusslüstern lüftete das Linnen der Riese;
Doch weit wie der Saal schreckt’ er zurück:
“Wie furchtbar flammen der Freyja die Augen!
Mich dünkt es brenne ihr Blick wie Glut.”
(Übersetzung: Karl Simrock)

Und dann beginnt auch schon die Prügelei.

– Weniger bekannt, aber auch sehr reizvoll ist die Snorra-Edda, und in der habe ich neulich etwas herumgelesen. Sie stammt aus derselben Zeit wie die anonyme Lieder-Edda, dem 13. Jahrhundert, hat aber einen ausgemachten Autor: Snorri Sturluson. Sturluson war ein isländischer mittelalterlicher Gelehrter, Christ natürlich. Island war spät christianisiert worden, aber zu Sturlusons Zeit schon durch und durch christlich. Allerdings wurden, anders als auf dem Kontinent, die Reste des germanischen Glaubens nicht groß bekämpft; sie hielten sich ohnehin nur als Sagenstoff. Im Gegenteil, die alten Sagen und Stoffe wurden geachtet, drohten aber in Vergessenheit zu geraten: Ihr Auftritt, Snorri Sturluson!
Der schrieb mit seiner Edda nämlich ein Lehrbuch für Dichter. Die altnordische Dichtung gilt – wir wissen das seit John Irvings The Water-Method Man – als sehr komplex, da zu ihrem Verständnis nicht nur formale Zusammenhänge beitragen (Metrik, Reim), sondern auch ein bestimmtes Vokabular (dazu später mehr) und ein großes Wissen um mythologische Zusammenhänge. All dieses Wissen wollte Sturluson bewahren und weitergeben, deswegen schrieb er sein Lehrbuch.

Die Sturluson-Edda besteht aus einem kurzen Vorwort, in dem Sturluson (wenn das Vorwort denn tatsächlich von ihm ist) den Sagenstoff in das aktuelle christliche Weltbild einordnet: Die germanischen Götter waren gar keine Götter, sondern menschliche Helden, die erst im Nachhinein zu Göttern verklärt wurden. Und zwar waren sie die Kämpfer um Troja, die danach auswanderten nach Europa – aus Asien nämlich, und deshalb wurden sie Asen genannt.
Darauf folgt ein etwas ausführlicherer Prosateil, in dem in einer Rahmenhandlung Göttersagen nacherzählt werden. (Das muss aber nicht heißen, dass diese Fassung tatsächlicher germanischer Religion entspricht. Zu dieser Zeit war das nur noch Folklore, und der Redakteur oder Autor Snorri ein Christ mit eigenen Schwerpunkten.)
Daran schließen sich zwei umfangreiche praktische Teile an, in denen anhand zitierter altnordischer Dichtung (von benannten und anonymen Dichtern, darunter auch Strophen, die sich fast gleichlautend in der Lieder-Edda finden) poetische Prinzipien der altnordischen Dichtung vorgeführt und erklärt werden. Die mythologische Abhandlung zuvor bildet quasi die Grundlage dafür.

So, das war der allgemeine Teil fast schon. Hier noch ein Ausschnitt aus der Snorra-Edda. Ragnarök: Das Schicksal der Götter ist gekommen, die meisten von ihnen werden zugrunde gehen. Die riesige Midgardschlange, auch Jörmungandr genannt, erhebt sich, der Geister-Kapitän Hrym sticht mit seinem Schiff Naglfar in See. (Das Schiff Naglfar: wird nach und nach aus den Fingernägeln Verstorbener gebaut. Zum Ende der Welt wird es gerade fertig geworden sein, deshalb ist es wichtig, den Toten die Nägel sauber zu schneiden.) Der Feuerdämon Surtur greift an; die Herrin der Unterwelt, Hel, empfängt viele Tote. In der Übersetzung von Karl Simrock:

Hrym fährt von Osten, es hebt sich die Flut;
Jörmungandr wälzt sich im Jötunmuthe.
Der Wurm schlägt die Brandung, aufschreit der Adler,
Leichen zerreißt er; Naglfar wird los.

Surtur fährt von Süden mit flammendem Schwert,
Von seiner Klinge scheint die Sonne der Götter.
Steinberge stürzen, Riesinnen straucheln,
Zu Hel fahren Helden, der Himmel klafft.

Bin nur ich das, oder erinnert das wirklich sehr an Jakob van Hoddis’ berühmtes “Weltende”:

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Parodiert der Hoddis am Ende tatsächlich die Ragnarök-Dichtung? Oder ist Katastrophendichtung eh immer gleich?


Bonusteil 1: Tolkien

Nur ganz kurz: der war ja Professor für Altenglisch/Angelsächsisch und las in einer Runde Gleichinteressierter isländische Sagas im Orginal. Vor zwei Jahren erschien ja seine Legende von Sigurd und Gúdrun, in stabgereimten Langversstrophen, in der er Lücken im Mythenkanon durch Neudichtung spielerisch schließt. Der Herr der Ringe knüpft stärker an germanische Dichtung an, als man meint (Fußnoten dazu in altem Blogeintrag). Hier nur kurz eine Auswahl an Namen von Zwergen, die an einer Stelle der Snorra-Edda aufgezählt werden: Dwalinn, Bifurr, Bafurr, Bömbur, Nori, Ori, Oinn, Thorinn, Fili, Kili, Gloinn. (Und Gandalf.) Nur Balin(n) muss aus einer anderen Quelle kommen.

Bonusteil 2: Kenningar

So beginnt Snorri den Abschnitt über die Dichtkunst:

Nun sollt ihr hören, wie die Skalden die Dichtkunst mit diesen Ausdrücken umschreiben [...]: zum Beispiel nennen sie sie Kwasirs Blut und Schiff der Zwerge, Zwergenmet, Asenmet, Auslöse des Riesenvaters, die Flüssigkeit von Odrödir und Bodn und Son [...], Flüssigkeit Hnitbörgs, Kampfesbeute Odins und Geschenk Odins.

Puh. Heute ist man von der Muse geküsst, aber das war es schon. Dass Zwergenschiff für Dichtkunst steht, kann man nur verstehen, wenn man den Mythos von der Entstehung der Dichtkunst kennt, und eben den hat Snorri deshalb zuvor erzählt. Diese Art der Umschreibung ist typisch für altnordische Dichtung und heißt Kenning. (Wikipedia deutsch, sehr viel ausführlicher Wikipedia englisch).

Die Kurzfassung: Kenningar bestehen immer aus zwei Begriffen, einem Grundwort und einem Bestimmungswort. Bei “Lindwurmlager” ist “Lager” das Grundwort, bestimmt wird es näher durch “Lindwurm”. Das Bestimmungswort kann auch im Genitiv stehen, vor- oder nachgestellt. Gemeint ist aber weder das eine noch das andere, sondern etwas anderes: in diesem Fall “Gold”. (Ist das verwandt mit dem, was im Germanistikstudium “Bahuvrihi” hieß?)

Beispiele für Kenningar:

Lindwurmlager, für: Gold
das Verderben der Zweige, für: Feuer
Bienenwolf (Beowulf), für: Bär
Zahnröter des Wolfes, für: Mann (get it?)
Wundbiene, für: Pfeil

Ich mag diese Kenningar, und irgendwann will ich mal Schüler darauf ansetzen. Eine Liste von Kenningar aus dem Schulalltag? Zuerst kämen wohl Allerwelts-BahuvrihiKomposita wie “Schaumschläger” und “Dünnbrettbohrer” heraus, man müsste also Neuschöpfungen verlangen. Ein Lehrer… Freudevernichter? Kreidezerstörer? Etwas episch-heldisch sollte es schon klingen.

Entschlüsseln kann man eine Kenning relativ leicht, wenn sie offensichtlich metaphorisch oder metonymisch ist, wie in den Beispielen oben. Wenn sie allerdings mythologischen Hintergrund hat, und das ist oft der Fall, dann braucht man dieses Hintergrundwissen:

Swafnirs Saalschindeln, für: Schilde (Swafnir=Odin, sein Saal=Valhalla, und deren Dach ist mit Schilden gedeckt)
Ymirs Schädel, für: Himmel (aus dem Schädel des Frostriesen wurde der Himmel erschaffen)
Zwergenschiff, für: Dichtung (zu lange Geschichte für hier)

Snorri Sturluson zählt in seiner Edda mehr oder weniger systematisch und anhand von Beispielstrophen wichtige Kenningar für Dichtkunst, Thor, Balder, Njörd, Freyr, Heimdall und andere Götter auf und erklärt sie. Leider habe ich online keine deutsche Übersetzung der poetologischen Teile der Prosa-Edda gefunden (Simrock hat nur die Mythen), hier gibt es immerhin den ersten poetologischen Teil auf Englisch.

Eine Auswahl von Kenningar und Heiti (siehe weiter unten) gibt es hier auf Deutsch, eine Datenbank altnordischer Kenningar mit englischen Übersetzungen gibt es hier und, semantisch klassifiziert, hier.

Und jetzt für Fortgeschrittene: In einer Kenning kann das Bestimmungswort (manchmal auch das Grundwort) selbst durch eine Kenning umschrieben werden. “Fütterer der Kriegs-Möwen” bedeutet dann “Fütterer der Raben”, bedeutet dann: “Krieger”. Und “Zerstörer des Hungers des Adlers” bedeutet dann “Fütterer des Adlers”, bedeutet dann: “Krieger”. Und, man ahnt es schon, auch diese nunmehr dreiteilige Kenning kann erweitert werden, indem man wieder einen Begriff durch eine Kenning ersetzt. Und so weiter:

Fjordknochen: Steine
Männer der Fjordknochen: Felsriesen
Brandung der Hefe der Männer der Fjordknochen: Bier der Riesen (=Dichtkunst) bzw. ihr Vortrag
(aus der Übersetzung von Arnulf Krause)

Das hat schon was von cryptic crossword puzzle. Snorri empfiehlt als Grenze für verständliche Kenningar maximal fünf Teile, die längste überlieferte Kenning besteht aus neun:

nausta blakks hlé-mána gífrs drífu gim-slöngvir oder nausta blakks hlémána gífrs drífu gimsløngvir
“Feuerschwinger des Schneegestöbers des Trolls des Schutzmonds des Rosses des Bootshauses”
Ross des Bootshauses: Boot
Schutzmond des Boots: Schild
Troll (=Feind) des Schilds: Axt
Schneegestöber der Axt: Kampf
Feuerschwinger des Kampfes: Krieger
(meine Übersetzung aus dem Englischen, daher vielleicht falsch)

Es zeichnet sich ein Muster ab: wenn man nicht weiß, was eine Kenning bedeutet, liegt man mit “Krieger” oft nicht falsch. Der zweite Tipp ist dann wohl “Odin”.

Bonusteil 3: Heiti (und grammatische Traktate)

Eine weitere Zutat altnordischer Dichtung sind Heiti (Wikipedia englisch). Auch das sind (in der heute verbreiteten Bedeutung) synonyme Umschreibungen, anders als die Kenningar bestehen sie aber nur aus einem einzigen Begriff. Sie sind kulturell festgelegt, man muss halt wissen, dass “Eber” für “Fürst” steht, “der Gierige” für “Feuer”, “Baum” für “Mann” und “Salz” für “Meer”.
Über Heiti habe ich im Web nicht viel gefunden. Eine Liste von Heiti soll im Dritten grammatischen Traktat stehen. Also: Es gibt einen Codex Wormianus. Der enthält unter anderem die einzelnen Abschnitte der Snorra-Edda und vier grammatische Traktate. Der dritte Traktat stammt von, Moment, Óláfr Þórðarson, einem Neffen von Snorri. Am meisten dazu habe ich noch hier gefunden.
Der erste grammatische Traktat (anonym, um 1150) sieht aber auch interessant aus. Darin werden Vorschläge zu einer systematischen Schreibung des Altisländischen gemacht. Das Lautsystem wird anhand von Minimalpaaren untersucht, neue Vokalgrapheme werden vorgeschlagen und die Markierung von Langvokalen und Nasalen durch diakritische Zeichen. Da wirkt das Mittelalter gleich etwas weniger finster.

Weiterführende Lektüre, neben den verlinkten Quellen:

  • Anfangen mit einer Nacherzählung germanischer Sagen und Mythen, etwa: Germanische Götter- und Heldensagen, nach den Quellen neu erzählt von Reiner Tetzner.Stuttgart: Reclam 1997. Sehr vollständig.
  • Erst dann die Edda des Snorri Sturluson. Ich fand verständlich die Fassung von Arnulf Krause (Reclam 1997), der die Verse wörtlich übersetzt und dabei die Metrik nicht berücksichtigt. Leider fehlt der letzte poetologische Teil von Sturluson. Bei Wikipedia gibt es die alte metrische Simrock-Übersetzung beider Eddas, da fehlen aber noch größere Teile der Snorra-Edda.

Max Frisch, Homo faber: Referate – und die Links dazu

Im letzten Semester der Q12 lasen alle Deutschkurse an meiner Schule Homo faber von Max Frisch. Die Lehrer aller Oberstufen-Deutschkurse haben auch sonst viel zusammengearbeitet, aber das ist eine Geschichte für ein anderes Mal.

1. Die Referate

Homo faber ist keines meiner Lieblingsbücher, aber die Schüler mochten es immer einigermaßen. Und selbst ich freundete mich wieder damit an. Diesmal gingen wir so vor, dass wir – eine Anregung des Kollegen Z. – uns darauf beschränkten, die Beziehungen zur griechischen Mythologie in dem Roman herausarbeiten zu lassen. Davon gibt es nämlich überraschend viele, und da wir auch viele mündliche Noten brauchten, hielt jeder Schüler ein Referat. Die Themen waren unter anderem folgende:

  • Daidalos
  • Prometheus
  • Hermes
  • Ikaros
  • Moiren
  • (Geburt der) Venus
  • Erinnyen
  • Orpheus
  • Hades, Charon und Styx
  • Agammemnon, Klytämnestra und Aigisthos
  • Sirenen/Kirke
  • Nekyia (Fahrt in die Unterwelt)
  • Ödipus

Dabei sollten die Referate alle so aufgebaut sein:

  1. Beschreibung des antiken Mythos. (Dazu: Deutung des Mythos.)
  2. Elemente des Mythos in Homo faber.
  3. Andere Ausformungen des Mythos in der bildenden Kunst, Literatur oder Musik.

Je nach Thema variiert dabei das Gewicht, das man auf die einzelne Punkten legen kann, aber Stoff gibt es bei allen reichlich. Es ist erstaunlich, wie viel in Homo faber steckt, wie viel man über Mythen sagen kann. Das bringt auch den Schülern etwas.

Im Prinzip liefen die Referate gut. Die meisten Schüler haben sich Mühe gegeben, einige sogar viel – kein Wunder, viel Zeit für mündliche Noten ist im letzten Semester nicht, und bei einer 1:1-Gewichtung spielt sie auch eine große Rolle. Nur bei zweien von meinen zwanzig Schülern hatte ich den Eindruck, dass sie weniger Energie darauf verwendet hatten, als ihnen eigentlich möglich war. Nur einmal wurde erkennbar die Stark-Sekundärliteratur zu Homo faber plagiiert – also kommentarlos in etlichen Formulierungen übernommen.

2. Die Links unter den Referaten

Auf einen Punkt muss ich aber beim nächsten Mal noch mehr achten: die verwendeten Quellen. Ja, ich habe den Schülern in der Bibliothek zwei Standardwerke zur griechischen Mythologie gezeigt. Verwendet wurden sie kaum. Stattdessen standen unter den meisten Referaten als Bibliographie drei, vier Weblinks. Eine kleine Auswahl:

3. Schlussfolgerungen

Meine Interpretation dieser Quellen: die Schüler arbeiten zu Hause und nicht in der Bibliothek, sie leihen sich keine Bücher aus und kopieren sich keine Aufsätze. Das verstehe ich erst mal. Gute Aufsätze sind rar, vor allem in unserer spärlichen Bibliothek. Also bleibt das Web als Quelle. Aber bei der Bewertung dieser Quellen unterlaufen noch Fehler.
Erstens enthalten viele Quellen nur den den Wikipedia-Text, manchmal ohne dass das dort steht, manchmal mit korrekter Angabe. Dann soll man gefälligst Wikipedia selbst als Quelle nennen – entweder die Schüler erkennen den Originalort nicht, oder sie haben verinnerlicht, dass Deutschlehrer keine Wikipedia-Links mögen. Zweitens: manche Links sind gar nicht nötig, etwa ein Link zu einem x-beliebigen Fundort von Heines “Loreley”. Ich nehme an, das liegt daran, dass die Schüler wissen, dass irgendwelche Links von ihnen erwartet werden, dass diese aber eine bestimmte Qualität haben sollen, ist nicht klar. Soviel zum W-Seminar. Drittens fehlt die kritische Würdigung der Seiten: manche sind einfach zu trivial. Das gilt auch für Bücher. Tessloffs Enzyklopädie Mythologie? Vom Hersteller empfohlenes Alter: 10-12 Jahre.

Was für Konsequenzen soll ich aus diesen Links ziehen? Zum einen vielleicht gar keine. Meine eigenen Referatsquellen waren im Gymnasium nicht besser. Und ein gelegentlich eingeschmuggelter alberner Eintrag in der Bibliographie ist Tradition. Aber wann lernen die Schüler einen anderen Umgang mit Quellen – doch erst an der Uni? Ich hatte nicht mal Zeit, das mit den Links groß zu thematisieren.

  • In Zukunft bei jedem Link den Namen eines Autors verlangen. Kein Name, keine Verlinkung. Vielleicht achten die Schüler dann mehr darauf, von wem der Text stammt.
  • Recherchieren üben. Aber das kostet Zeit.
  • Hat das W-Seminar versagt, in dem die Schüler doch wissenschaftspropädeutisch betreut werden sollten? Nicht direkt: W-Seminar ist W-Seminar und Deutschreferat ist Deutschreferat, und die beiden haben nichts miteinander zu tun. Ob das jetzt Wissen oder Kompetenz ist, das im Seminar erworben wurde: es bleibt fürs Seminar reserviert und wird nicht auf andere Fächer übertragen.
  • Ein Versuch fürs nächste Jahr, etwa in der 10. Klasse: ein Referat zu Nathan vergeben, etwa “Nathan als Kaufmann/Geld in Nathan“, und zwar an zwei Schüler. Der eine darf als Material nur einen Aufsatz zum Thema nehmen, den ich dem Schüler gebe. Der andere darf das gesamte Internet als Materialquelle verwenden. Wo kommt das interessantere Referat heraus?

Wolfgang Herrndorf, Tschick

herrndorf

Nachdem ich das Buch im Dezember kurz erwähnt hatte, habe ich inzwischen mit meiner 9. Klasse verhandelt, so dass es jetzt unsere Klassenlektüre ist. Dagegen spricht der Preis, das Buch gibt es bisher nur gebunden. Aber ich halte es für eine sehr geeignete Lektüre. Zuerst einmal deshalb, weil das Lesen Spaß macht. In der 8. Klasse lesen Schüler häufig das “Fräulein von Scuderi”, das ich selber sehr mäßig interessant finde. In der 9. Klasse liest man einen dünnen Dürrenmatt-Roman oder eine Novelle von Gottfried Keller, “Kleider machen Leute” etwa. Keller finde ich heute sehr lustig, als Schüler hat er mich gelangweilt, und wenn ich auch glaube, dass eine Keller-Lektüre sinnvoll sein kann – ein richtiges Lesevergnügen bietet sie kaum einem Schüler.

Anders Tschick, der macht wenigstens manchen Spaß. Aber Spaß reicht ja nicht, das Buch soll auch noch gut sein. “Geschmacksbildung” gehört zu unserem Bildungsauftrag. Und drittens muss man Etwas Machen mit der Schullektüre. Das muss nicht das gefürchtete Zu-Tode-Analysieren sein, aber irgendetwas schon. Und damit habe ich häufig Probleme, weil mir zu wenig einfällt. Aufbau einer Novelle, tektonisches Drama, das geht noch. Am leichtesten fallen mir Vergleiche mit anderen Werken, aber genau das geht in der Schule nicht ohne Weiteres, da die Schüler keine solchen anderen Werke kennen.

Bei Tschick hatte ich das Glück, das Anfang dieser Woche ein Interview von Kathrin Passig mit Wolfgang Herrndorf bei FAZ Online erschienen ist, das mir viel Arbeit abgenommen hat.

Erst mal habe ich etwas zu Kathrin Passig erzählt und dabei gleich das Lexikon des Unwissens an einen Schüler ausgeliehen. Dann ging es um die Wörter im Interview, die die Schüler nicht oder nicht alle kennen: Rezensent, Rezension, Päderast (komplett mit Exkurs in die griechische Antike), Protagonist, Genre.

Herrndorf/Passig erwähnen Motive aus Huckleberry Finn, Der Fänger im Roggen und Herr der Fliegen – was Neuntklässlern noch wenig sagt. Also spricht man auch kurz darüber, und – Unterrichtsidee 1 – erfreulicherweise haben sich für die ersten drei Romane Freiwillige gefunden, die sie lesen werden und in einer Art literarischem Quartett vorstellen werden. (Jeweils vier Leute und ein Buch, Gesprächsrunde vor der Klasse.)

Was ist noch alles drin im Interview? Die Beobachtung, dass die Jugendsprache im Roman kaum durch Vokabular, sondern durch Satzbau dargestellt wird. Meine Schüler meldeten gleich Zweifel an dieser Aussage an. Es stimmt jedenfalls, dass sich Tschick bei hipper Jugendsprache zurückhält – schon mal, weil die so schnell veraltet. Jedenfalls wunderbar, Jugendsprache macht man eh in der 9. Klasse, haben wir gleich etwas, das wir uns anschauen können. Unterrichtsidee 2. Und sei es nur, folgende alphabetische Liste von Wörtern in die chronologisch richtige Reihenfolge zu bringen:

abgefahren, dufte, irre, klasse, prima, Spitze, toll, Wahnsinn

Die Wörter stammen aus den Präambeln zu den Kapiteln in Thommie Bayer, Das Herz ist eine miese Gegend. Zu ergänzen noch: super, knorke und geil.

Sehr nett ist auch die folgende Interviewfrage: “Versetzen wir uns ins Jahr 2030. Ihr Buch ist seit zehn Jahren Schullektüre. Neuntklässler stöhnen, wenn sie den Namen Wolfgang Herrndorf hören. Welche Fragen zum Buch müssen in Aufsätzen beantwortet werden?” (Sehr nett deshalb, weil Passig uns natürlich mit der 9. Klasse genau trifft. Aber den Schülern fiel gleich auf, dass da doch eigentlich 2020 stehen müsste. Ich habe ihnen erklärt, dass es wohl noch zehn Jahre dauert, bis sich das Buch als Lektüre durchsetzt, schon mal, weil man noch auf die Taschenbuchausgabe wartet.) Die Antwort übrigens: “Ich fürchte, man wird sich im Deutschunterricht am Symbolträchtigen aufhängen, an der Schlussszene…” Da hat man gleich Unterrichtsidee 3.

Was ist noch alles drin? Kommentare zum Literaturbetrieb, dazu, wie Erfolgsromane entstehen. Interessiert die Schüler auch. Aber als Unterrichtsidee 4 macht man natürlich die Heldenreise. Und das kommt so:

Herrndorf beantwortet eine Frage Passigs nach einem Element des Romans damit, dass das so schön zum Konzept der Heldenreise passte. Das Konzept hat der Mythenforscher Joseph Campbell (The Hero with a Thousand Faces) erfunden oder popularisiert, weiß nicht genau was. Strukturalismus, für Mythen und Sagenkreise ein bisschen das, was Vladimir Propp für die Morphologie des Märchens gemacht hat. Tut mir leid, das name-dropping muss sein, weil der Kollege S. meinen Campbell heute mit binären Oppositionen bei Lévi-Strauss übertrumpft hat. Solche Kollegen haben wir. Habe ihn gleich zu einem W-Seminar aufgefordert.
Ähem. Zurück zur Heldenreise.

Nach Campbell und Wikipedia laufen Geschichten um mythische (Kultur-)Helden nach folgendem Muster ab:

  1. Ruf: Erfahrung eines Mangels oder plötzliches Erscheinen einer Aufgabe.
  2. Weigerung: Der Held zögert, dem Ruf zu folgen, beispielsweise, weil es gilt, Sicherheiten aufzugeben.
  3. Aufbruch: Er überwindet sein Zögern und macht sich auf die Reise.
  4. Auftreten von Problemen, die als Prüfungen interpretiert werden können.
  5. Übernatürliche Hilfe: Der Held trifft unerwartet auf einen oder mehrere Mentoren.
  6. Die erste Schwelle: Schwere Prüfungen, Kampf mit dem Drachen etc., der sich als Kampf gegen die eigenen inneren Widerstände und Illusionen erweisen kann.
  7. Fortschreitende Probleme und Prüfungen, übernatürliche Hilfe.
  8. Initiation und Transformation des Helden: Empfang oder Raub eines Elixiers oder Schatzes, der die Welt des Alltags, aus der der Held aufgebrochen ist, retten könnte. Dieser Schatz kann in einer inneren Erfahrung bestehen, die durch einen äußerlichen Gegenstand symbolisiert wird.
  9. Verweigerung der Rückkehr: Der Held zögert in die Welt des Alltags zurückzukehren.
  10. Verlassen der Unterwelt: Der Held wird durch innere Beweggründe oder äußeren Zwang zur Rückkehr bewegt, die sich in einem magischen Flug oder durch Flucht vor negativen Kräften vollzieht.
  11. Rückkehr: Der Held überschreitet die Schwelle zur Alltagswelt, aus der er ursprünglich aufgebrochen war. Er trifft auf Unglauben oder Unverständnis, und muss das auf der Heldenreise Gefundene oder Errungene in das Alltagsleben integrieren. (Im Märchen: Das Gold, das plötzlich zur Asche wird.)
  12. Herr der zwei Welten: Der Heros vereint Alltagsleben mit seinem neugefundenen Wissen, und lässt somit die Gesellschaft an seiner Entdeckung teilhaben.

Die zwei Helden, die ich am besten kenne, sind Gilgamesch und Odysseus, und ja, da kann man schon Parallelen finden. Aber bei Tschick? Ist eine schöne Aufgabe für Schüler, auch schon in der 9. Klasse, denke ich. Wer’s lieber eine Nummer kleiner hat, kann sich ja auf das Genre des Road Movie beschränken.

Interessant ist auch, und das wusste ich nicht, dass es eine Fassung der Heldenreise-Stationen gibt, die Drehbuchautoren als Vorlage dienen soll. (Auch Wikipedia.) Einige Schüler untersuchen gerade, ob sie dafür Beispiele finden. Star Wars wird in Wikipedia selber genannt.

Mal sehen, was die Tschick-Lektüre noch alles bringt.

Griechische Sagen mit dem Kamishibai, der Rest

Hier noch ein paar Reste zum letzten Beitrag. Die Videos darf ich zwar nicht zeigen, aber hier sind immerhin die Grafiken zu drei weiteren Schüler-Sagen und zu meiner Demoversion, anhand derer ich das Prinzip Kamishibai vorgeführt habe.

– In der Sage von Persephone verliert Demeter, Göttin der Fruchtbarkeit, ihre Tochter Persephone an Hades, den Gott der Unterwelt. Nach dem Rat Zeus’ soll Persephone daraufhin zwei Drittel des Jahres in der Unterwelt bei Hades bleiben, ein Drittel an der Oberfläche mit ihrer Mutter verbringen.












– Europa:











– Herkules’ Aufgabe, den Stier von Kreta zu fangen:











– Der Beginn des trojanischen Kriegs. Auf die Hochzeit von Peleus und Thetis wird Eris, Göttin der Zwietracht, nicht eingeladen. Sie wirft deshalb einen goldenen Apfel in die Runde, der der schönsten Göttin gehören soll. Hera, Athene und Aphrodite streiten sich darum und versprechen jeweils Paris, der die Entscheidung treffen soll, Belohnung für den Wahl, dass er sich für sie entscheidet. Paris gibt den Apfel Aphrodite, die ihm Helena, die schönste Frau der Welt, versprochen hat. Leider ist Helena schon mit Menelaos verheiratet – der für sie mit den anderen Griechen in den Krieg ziehen wird:














Als pdf herunterzuladen:

Vor ein paar Tagen habe ich Hörbuchfassungen von Aesops Sagen gehört. Die sind vielleicht noch geeigneter für Schüler, da kürzer und vertrauter.

Griechische Sagen mit dem Kamishibai

Die Videos sind Ende 2009 aufgenommen worden, also im ersten Drittel der 6. Klasse.

Daidalos und Ikaros:

(S.M. und F.S., Klasse 6a)

Europa:

(T.H., Klasse 6a)

Der Stier von Kreta:

(R.N. und N.W., Klasse 6a)

Europa:

(F.S. und J.W., Klasse 6a)

Nächstes Mal: erst in der zweiten Jahreshälfte machen, wenn ich die Schüler besser kenne. Dann: nicht alle Schüler das machen lassen, sondern nur zwei oder drei Gruppen. Es muss nicht jeder das gleiche machen, das wird ermüdend. Die einen Referate, die anderen Kamishibai, eine dritte Gruppe Hörspiele. Zuletzt und am schwierigsten: mündliches Erzählen habe ich so nicht geübt, das muss ich extra mal machen. Die Vorführungen sind gut vorbereitet, hören sich aber auch vorbereitet an. Mir wäre relativ spontanes Erzählen lieber.

Die Videos sind noch nicht auf der Schulhomepage, da ich dort kein Youtube einbinden kann. In den Sommerferien setze ich die Seite neu auf.

(Blogeintrag zum Kamishibai.)

Noch ein paar Sagen

Interessant an folgender Sage finde ich die Logik: Wenn man im Himmel stirbt, wird man auf der Erde wiedergeboren.
(Alle Fehler unkorrigiert. Vor allem Kommas fehlen.)

Warum der H. so viel spricht!

Jeder Schüler des Graf-Rasso-Gymnasium kennt den Herrn H. und jeder weiß dass er im Unterrricht spricht wie ein Wasserfall. Doch das war nicht immer so. Denn in seinem früheren Leben…

Der Herr H. war in seinem früheren Leben nämlich Lehrer im Himmel. Er hat in seinem Unterricht so viel geredet dass die Worte die Schüler förmlich zu zerdrücken schienen. Eines Tages beschwerte sich ein Schüler darüber, dass der H. so viel redet, beim lieben Gott.

Der liebe Gott wollte testen ob das stimmte was der Schüler ihm berichtete und schickte einen Schüler in den Unterricht, der testen sollte ob der H. wirklich so viel redet. Falls das stimmte, das der H. so viel redet sollte er vom lieben Gott, einen Kopf kürzer gemacht werden, damit der H. nicht mehr reden konnte.

Als der Schüler in den Unterricht vom H. kam wurde er von den Worten fast erschlagen. Als der Unterricht beendet war, kam der Schüler mit blauen Flecken, die ihm die Worte verpasst hatten vor den lieben Gott. Dieser sah woher die blauen Flecken kamen und damit war die Entscheidung gefallen: “Der H. wird geköpft.”

Einen Tag später wurde er zum Verhör vor den lieben Gott geschleppt. Der liebe Gott kannte keine Gnade und schlug den H. einen Kopf kürzer. Damit glaubte man die Wörtergefahr gebannt zu haben. Doch das war falsch.

Denn im Himmel wächst alles nach und so bekam der H. einen neuen Kopf mit einem größeren Mund und größeren Stimmbänder. Doch der liebe Gott köpfte ihn nicht noch einmal sondern lies sich etwas anderes einfallen.

Er erteilte dem H. Redeverbot bis zum Ende seinen Lebens im Himmel. Falls er das Redeverbot nicht einhalten täte würde er für immer in die Hölle verbannt werden. Das wollte der H. nicht und so sagte er kein Wort mehr bis er im Himmel starb.

Als er wieder auf die Welt kam wurde er Lehrer beim Graf-Rasso-Gymnasium. Weil er im Himmer so wenig geredet gatte musste er die Worte die er im Himmel nicht sagen durfte, auf der Erde herausplappern.
So kommt es das der H. so viel redet.

Vor allem die blauen Flecken gefallen mir gut. Wir haben im Unterricht verschiedene Sagen gelesen, der Schüler hat sich sicher daran oder an eigener Lektüre orientiert. Fürs Ende der Geschichte habe ich einen Verbesserungsvorschlag. Wenn es heißt: “Falls er das Redeverbot nicht einhalten täte würde er für immer in die Hölle verbannt werden,” dann sollte das genau so kommen, und die Hölle, das ist dann der Unterricht auf der Erde. (Zu böse?)

Zum Abschluss noch eine ganz kurze Sage, die Satzbaufehler leicht verbessert. Viele Rechtschreibfehler, wenig Erzählung, aber eine nette Idee:

Warum der Tageslichtprojektor immer ausgeht

Vor ungefähr 200 Jahren gab es einen Schüler am Graf-Rasso-Gymnasium, der gemein und hinterlistig war. Er war zu allen seinen Mitschülern gemein weil sie ihn wegen seinem Aussehen auslachten. Er war klein und sein Gesicht war eingedrückt und er hatte Segelohren. Eines Tages ergerte er einen kleineren Schüler der in wirklichkeit ein Zauberer war. Als er den Schüler baht aufzuhören und er es nicht tat verbande [verbannte] der Zauberer den bösen Schüler in einen Tageslichtprojektor wo er noch heute ist. Und wenn der Tageslichtprojektor ausgeht versucht der Schüler zu entkommen, doch vergebens.