Schlagwort: Schullektüren

U. Poznanski, Erebos

poznanski_erebosNachdem mir im Lauf des letzten Jahres mein Neffe aus der 6. Klasse das Buch empfohlen hat, dann ein Schüler aus der 8. Klasse, und eine wenig lesende Elftklässlerin ebenso, musste ich es nun doch lesen. Es hat also etwas gedauert; ich bin bei deutscher Jugendbuchliteratur generell skeptisch, bei dicken Büchern auch, und wenn es dann auch noch um Computer geht, ist mir das auch eher ein Warnsignal. 486 Seiten.

(Weitgehend spoilerfrei, nachdem alle Prämissen geklärt sind.)

Ausgangspunkt der Geschichte: An einer Schule in London benehmen sich einige Schüler ungewöhnlich. Fehlen in der Schule, sind übermüdet, vernachlässigen ihre bisherigen Freizeitaktivitäten und Freunde. Die Ursache, das kriegt die junge Hauptperson Nick bald heraus, ist ein Computerspiel, das heimlich von Hand zu Hand herumgereicht wird. Auch Nick kommt bald an das Spiel und ist genauso davon fasziniert wie die anderen.

Es handelt sich um ein Fantasy-Online-Spiel, vergleichbar mit World of Warcraft, vielleicht eine Nummer kleiner als das. Man erschafft sich eine Spielfigur, läuft mit dieser in der Fantasywelt herum, trifft Nichtspielercharaktere und andere Spieler, erschlägt verschiedene Monster und verbessert die Punktewerte der Figur und deren Ausrüstung.

Das Spiel ist so gut, so spannend, dass die Spieler stunden- und nächtelang spielen, und dann eben auch mal nicht in die Schule gehen. Außerdem hat das Spiel einige weitere ungewöhnliche, geradezu geheimnisvolle Aspekte, was seine Verbreitung und die Geheimhaltung darum betrifft. Und es weiß zumindest scheinbar mehr über den Spieler, als eigentlich möglich ist.

Wenn ein Spieler schneller aufsteigen möchte, oder die Spielfigur kurz vor dem Tod im Spiel steht, macht das Spiel in Form eines wichtigen Nichtspielercharakters ein Angebot. (Nichtspielercharaktere: Figuren in diesen Spielen, die vom Computer gesteuert werden, also Monster, Stadtbevölkerung, Händler, diverse Auftraggeber; können mehr oder weniger individuell gestaltet sein.) Man kriegt Extrapunkte, wird geheilt, steigt schneller auf, wenn man kleine Aufträge erledigt – Aufträge in der wirklichen Welt, in London. So muss Nick etwa ein Päckchen an einer genau bezeichneten Stelle abholen und anderswo deponieren. Nach und nach werden die Aufträge immer ominöser, und natürlich erhalten auch andere Spieler solche Aufträge.

– Als Buch selber war Erebos für mich wenig ergiebig. Es ist völlig humorlos; keine der Person macht eine irgendwie nennenswerte Entwicklung durch. Dabei geschehen durchaus dramatische Sachen, und doch ist am Schluss eigentlich alles wieder wie vorher. Das kann durchaus eine starke Wirkung haben, etwa in Goldings Herr der Fliegen, wenn die Erwachsenen die Kinder von der Insel abholen und gar nicht mitkriegen, was dort alles geschehen ist: Das bedeutet, dass all das, was auf der Insel zum Vorschein gekommen ist, bei passender Gelegenheit jederzeit wieder da sein kann. Bei Erebos wird dadurch aber nichts über das Wesen des Menschen ausgesagt. Da kommt der Leser heraus mit einem: “Oh, cool, wenn es so ein Spiel wirklich gäbe!” Aber gut, nicht jedes Jugendbuch muss auch für mich als Erwachsenen gewinnbringend sein.

Das Buch hatte aber auch interessante Aspekte für mich. Gut getroffen: Als Leser kommt mir das Streben der jugendlichen Spieler, den Punkten in diesem Spiel hinterherzurennen und Level aufzurüsten, so überhaupt nicht nachvollziehbar und ziemlich sinnlos und oberflächlich vor. Andererseits: So sinnlos und oberflächlich ist es ja auch. Ist also nur konsequent.
Die beschriebene Fantasy-Welt ist entsetzlich öde und flach, zweidimensional, klischeehaft. Wie soll die Spieler in ihren Bann ziehen? Das ist nichts von dem Detailreichtum, den es etwa bei Tolkien gibt. Man hat den Fantasy-Mischwald geradezu vor Augen, bestehend aus maximal drei verschiedenen Baumtypen, fein säuberlich immer einer nach dem anderen aufgestellt. Das liest sich fade, und das soll so überwältigend faszinieren?

Andererseits: Damit ein echtes Spiel Leben gewinnt und eine Geschichte entwickelt, dazu braucht es gar nicht viel. Selbst bei so einema bstrakten Spiel wie Schach kann in einer Partie viel Drama stecken, da gibt es Angriffe und Hinterhalte und Finten und verloren geglaubte Schlachten – genug für eine Geschichte. Und echte Online-Rollenspiele bieten auch genügend Gelegenheit dazu, in einem Blogeintrag habe ich mal auf zwei Seiten bei Cracked.com verlinkt, mit Geschichten aus der MMORPG-Welt. Da gibt es schon tolle Sachen – weit faszinierendere als bei dem Erebos-Spiel. Dessen Faszination bleibt für mich nicht nachvollziehbar, die muss ich als gesetzt hinnehmen.

Was mir als Spielerfreund fehlt: “Gaming the system”, das Spiel als solches erkennen und dessen Lücken ausnutzen. Gibt es in Wirklichkeit viel, im Buch nicht, da spielen die Figuren so, wie sie sollen. In Wirklichkeit sind Spieler kreativer – gut, vielleicht nur die Spieler, die ich verstehe.

Gefallen hat mir wiederum der Gedanke, durch Botendienste außerhalb des Spiels schneller Punkte zu kriegen. Denn das erinnert mich sehr an das Konzept in-game purchase, das es bei vielen kostenlosen Spielen kriegt. Da kann man sich auch mühsam Punkte erarbeiten, oder nach Verletzung zwölf Stunden Pause machen, um zu heilen – aber wenn man keine zwölf Stunden (Echtzeit!) warten oder doch halt gleich sofort bitte das mächtige Schwert haben möchte, dann muss man mit echtem Geld bezahlen.

Nicht gefallen hat mir die Willkür des Spiels beziehungsweise der Nichtspielfigur, die die Verhandlungen mit der Spielfigur führt. Der wirkte eher unberechenbar und großzügig-gönnerhaft wie ein Sektenführer oder Drogendealer aus dem Kino. Als echter Spieler hätte mich das abgeschreckt, da möchte ich mehr Berechenbarkeit.

Gut gefallen: Die heldenhafte Musik, die man hört, wenn man als Spieler auf dem richtigen Weg ist. Wie einfach man als Spieler doch zu manipulieren ist.

Nicht gut gefallen: Erwachsene spielen keine Rolle, kommen nur zum Aufräumen vorbei. Selbst nach dem eigentlichen Höhepunkt kümmern sich die jugendlichen Helden selber noch um viele Sachen. (“Adults are useless.”)

Technisch begeht das Buch keine größeren Fehler, lässt sich aber auch wenig zu konkreten Aussagen hinreißen. Computer funktionieren halt irgendwie semi-magisch, vermutlich mit einem dieser Algorithmen, von denen man so viel hört. (Einmal steht IP-Adresse, wo es MAC-Adresse heißen müsste bei der Identifizierung eines Rechners.)

Bei Erebos wird am Schluss nichts offen gelassen. Bei einem großen Treffen gestehen sich die Jugendlichen, welche Spielfigur sie in der Fantasy-Welt waren. Da hätte man mehr daraus machen können; bei den meisten war es unmöglich und auch nicht beabsichtigt, irgendwie darauf zu kommen, wer wer war. Schöner wäre es, mehr Hinweise zu geben, aber dazu hätten die Charaktere vielleicht mehr Eigenleben entwickeln müssen – so waren fast alle nur Namen, vielleicht noch mit einem Label “die Schüchterne” versehen.
Vor ein paar Jahren hat der Fotograf Robbie Cooper eine Ausstellung gemacht, “Alter Ego” (Buch dazu kriegt man im Online-Buchhandel), in der es Fotos von Computer-Rollenspielern und ihren Avataren gegenüberstellte. Online unter http://www.robbiecooper.org/small.html, und dann im Menü “simulations / alter ego / photos ->” auswählen.

Als Schullektüre: Vielleicht in der 6. Klasse? Gefällt dann auch den Jungs, die sonst wenig lesen. Komisch, aber wenn die Wenigleser mal was lesen, dann immer diese dicken Schinken. Tatsache ist jedenfalls, dass das Buch bei Schülern wohl sehr gut ankommt, und bei einigen Erwachsenen, die ich kenne, auch.

Wer ansonsten mal sehen will, wie reich so eine Welt sein kann, schaut sich mal Dwarf Fortress an.

(Mitten im Buch hatte ich kurz die Idee: Der oberböse Gegenspieler des Spiels, von dem gelegentlich die Rede ist, stellt sich als – sagen wir – “der Büchermeister” heraus. Das Spiel versucht Leute für sich zu rekrutieren, mit dem Spiel, und der Büchermeister auch, mit einem Buch, und zwar mit eben dem, das man gerade liest. Schade nur, dass dank des Buchs dann trotzdem alle Leser das beschriebene Spiel toller finden werden als das Buch – das gedruckte Wort als Eigentor. Und überhaupt ist das dann doch eine eher wirre Idee, gerne wieder vergessen.)

Stand by Me, Jahrzehnte danach

Different Seasons ist eine 1982 erschienene Sammlung von vier langen Kurzgeschichten – oder Kurzromanen? – von Stephen King. “Novella” heißt diese Länge auf Englisch, und das Terminologieproblem ist noch das geringste bei Texten dieser Länge: Sie lassen sich einzeln auch schlecht verkaufen. King gelang das nur, indem er vier davon zusammenpackte. Die erste wurde als Shawshank Redemption verfilmt, die zweite als Apt Pupil, für die vierte ist ein Film in Produktion. (Eine Geschichte um einen geheimnisvollen Club und eine geheimnisvolle Bibliothek, ganz klassisch und weniger ernst gemeint als die anderen Geschichten. Kann ich mir als Film schwer vorstellen.) Und die dritte, die Herbstgeschichte, heißt als Film Stand by Me.

“The Body”, die ursprüngliche King-Geschichte, ist schon mal sehr gut. Sie spielt in der tiefen Vergangenheit der späten 1950er Jahren, wird aus dem Rückblick erzählt. “Möchtet ihr mal eine echte Leiche sehen?”, fragt einer von vier Freunden, der weiß, wo die Leiche des bei einem Unfall ums Leben gekommenen Jungen aus der Nachbarschaft liegt. Die vier machen sich auf dorthin, eigentlich nur eine Wanderung von ein, zwei Tagen, aber für die Jungen wird es eine Reise. Keine Monster, kein übernatürlicher Horror, nichts Phantastisches.
Der Film fügt dem einen passenden Soundtrack hinzu, einen tollen Regissseur (Rob Reiner), und tolle Schauspieler. Wil Wheaton, einer davon, und in Fankreisen wohlbekannt, hat neulich auf seinem Blog einen kurzen Film von Herve Attia vorgestellt. Attia schneidet Aufnahmen aus Filmklassikern mit neuen Aufnahmen der Originaldrehorte zusammen, Jahrzehnte danach. So auch bei Stand by Me:

Stand by Me 1986 ( FILMING LOCATION ) from Herve Attia on Vimeo.

Schnüff.

Im Schülerbuch Green Line New 4 ist ein Auszug aus der King-Geschichte; ich habe damit aber noch nie gearbeitet. Es gibt eine Penguin-Schülerausgabe von “The Body”, mit vereinfachtem Wortschatz und britischer Rechtschreibung. Den habe ich im letzten Jahrtausend mal mit einer 9. Klasse angefangen – aber dann musste ich plötzlich als Vertretung mit zum Englandaustausch, und dann kam das Schuljahresende, so dass ich nicht wirklich zum Arbeiten mit dem Text kam.

Die aktuelle Ausgabe ist eine “2nd Revised edition” und laut Amazon einige Seiten dicker als meine alte Ausgabe. Das heißt vermutlich nicht viel, aber zumindest in der alten Ausgabe fehlt ein essentieller Teil, und es wäre schön, wenn auch unwahrscheinlich, wenn sie doch noch aufgenommen worden wäre: Die Geschichte, die der junge Gordie (und spätere Erzähler des Buchs) am Lagerfeuer erzählt. Wie sich der gehänselte Dicke bei seiner Umwelt anlässlich des örtlichen Blaubeerkuchen-Wettessens rächt, indem er a) vor dem Wettbewerb eine große Portion Rizinusöl trink und b) ein Tempo beim Blaubeerkuchenessen anschlägt, das er unmöglich durchhalten kann.

Den Ausschnitt kann man auch bei empfindlichem Magen ansehen, er ist in seiner Übertriebenheit verhältnismäßig behutsam umgesetzt:

Juvenil, kindisch! Also das muss doch in eine Schülerausgabe! Liest sich auch in der Geschichte gut.

– Attia hat das auch mit anderen Filmen gemacht. Ich habe mir das bei American Graffiti angesehen, auch ein schöner Film; spielt ebenfalls in der Vergangenheit. So gut wie Stand by Me funktioniert das nicht, da hilft das häufige Voice-over sehr.

Cory Doctorow, Little Brother (incl. epub)

Ich bin ein Schüler an der Cesar Chavez High in San Franciscos sonnigem Mission-Viertel, und damit bin ich einer der meistüberwachten Menschen der Welt.

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Little Brother ist ein Roman für Jugendliche, 2008 erschienen. Der Autor Cory Doctorow (Wikipedia) ist in Internetkreisen bekannt als Aktivist, Autor, Blogger und Journalist und für ein rotes Cape.

Das Buch spielt in einer so nahen Zukunft, dass sie fast schon Gegenwart ist. Schüler in San Francisco haben Laptops statt Schulbüchern, mit einem Betriebssystem, das auf den Schulgebrauch ausgerichtet ist und den Benutzern wenig Kontrolle über den Rechner gibt und gleichzeitig ihre Benutzung kontrolliert. Videokameras mit Gesichtserkennung auf den Schulfluren sind kürzlich verboten worden, als Ersatz experimentiert die Schule mit Schritterkennungs-Software, um den Aufenthalt der Schüler zu überwachen. Computerversierte Schüler wissen allerdings, wie man diese Systeme austrickst.
Dann verüben Terroristen einen Angriff auf San Francisco, in der Größenordnung vergleichbar dem Angriff auf New York 2001. Die staatliche Heimatschutzbehörde ergreift Maßnahmen, die nach und nach zu einem immer größeren Überwachungsstaat in Kalifornien führen, bis hin zu Guantanamo-artigen Geheimgefängnissen. Eine Reihe von Jugendlichen, allen voran der 17-jährige Marcus, wehren sich gegen die Beschneidung ihrer Bürgerrechte – sie wehren sich vor allem mit kleinen digitalen Sabotagemaßnahmen und Happenings.

Der Titel des Buches – eine Anspielung auf George Orwells 1984, in der der Große Bruder die personifizierte Überwachung darstellt – bezieht sich auf eine Stelle, an der nach Namen für die lose Verbindung aufmüpfiger Jugendlicher gesucht wird. Dabei fällt auch “Little Brothers”, sozusagen als die kleinen Brüder des großen Überwachers, die sich gegen dessen Methoden wehren.

Ich halte das Buch für Science Fiction im besten Sinn, nämlich mit der Betonung auf dem ersten Wort. Denn die Geschichte selber ist eher dünn. Der Überwachungsstaat entsteht eben nicht nach und nach, auch wenn ich das oben geschrieben habe – sondern er ist sofort da. Gleich am Anfang werden Marcus und seine Freunde von der Heimatschutzbehörde festgehalten und misshandelt, einfach weil sie zufällig zu einer ungünstigen Zeit an einem ungünstigen Ort waren. Das ging ein bisschen arg schnell. Und die Charaktere sind schon sehr zweidimensional. Von Erwachsenen ist man das in Jugendbüchern gewöhnt, aber auch die Jugendlichen sind holzschnittartig. Viel telling, wenig showing.

Dafür werden Konzepte und Erkenntnisse vorgestellt, wenn auch nicht immer besonders elegant. “Erlaubt mir an dieser Stelle eine kleine Abschweifung, um das zu erklären” schreibt der Ich-Erzähler, und das macht der dann auch. Alan Turing wird vorgestellt, die Entschlüsselung des Enigma-Codes, RFID-Chips und wie man sie unbrauchbar macht, Bayessche Filter und Histogramme, das Falsche-Positivergebnisse-Paradoxon, Internet-Protokolle und asymmetrische Verschlüsselung nach öffentlichen Algorithmen. Außerdem schadet es gar nicht, dass Schüler mal von Linux hören, von LARP (einschließlich Vampirrollenspiel im Hotel, wie ich es aus Erzählungen kenne), von Alternate Reality Games.

Hier werden Technik und Populärkultur ernst genommen; übliche Lektüre im Deutschunterricht ist dagegen Level 4 – Die Stadt der Kinder von Andreas Schlüter für die zugegeben etwas jüngeren Schüler: Dort werden die Kinder auf magische Weise in die Welt des Computerspiels befördert und müssen sich dort ohne Erwachsene zurechtfinden.

Ist Little Brother als Schullektüre geeignet oder nicht? Man kann auf jeden Fall tolle Sachen damit machen:

  • Das englische Original hat Doctorow unter der Creative-Commons-Lizenz BY-NC-SA freigegeben. Das heißt, solange man den a) Autor nennt und b) das ganze nicht kommerziell ist, darf man mit dem Buch machen, was man will (eine Verfilmung, ein Comic, eine gekürzte oder erweiterte Ausgabe), solange man c) das entstandene Produkt unter den gleichen Bedingungen auch anderen zur Verfügung stellt. Man braucht weder die Erlaubnis des Autors noch eines Verlages dazu. Über CC-Lizenzen sollten Schüler Bescheid wissen.
  • Das Buch gibt es als rororo-Taschenbuch in einer Übersetzung von Uwe-Michael Gutzschhahn. Rowohlt hat für die Rechte am Buch sicher bezahlt, es handelt sich ja um eine kommerzielle Verwendung. Ich habe das Buch allerdings in der Übersetzung von Christian Wöhrl gelesen. Der hat das Buch auch übersetzt und stellt seine Version als pdf öffentlich zur Verfügung, natürlich ebenfalls unter der CC-BY-NC-SA, wie es die Lizenz ja vorsieht. Man kann Schüler die Übersetzungen vergleichen lassen; mir selber gefallen an der Wöhrl-Übersetzung etliche Sachen nicht. Deshalb habe ich mir an über hundert Stellen kurze Notizen in mein pdf-Dokument gemacht (am Tablet gelesen, dort geht das mit einfachem Daumendruck). Nur zwei davon betreffen Schreibfehler, der Rest sind Stellen, die ich erst mit dem Original vergleichen möchte, bevor ich sie beurteile. Wenn ich das Buch mit Schüler lese, würde ich auf jeden Fall eventuell vorher und sicher nachher eine verbesserte Übersetzung davon erstellen, die ich dann der nächsten Klasse zur Lektüre anbieten könnte.
  • Weil man das ja darf, hat jemand die Wöhrl-Übersetzung auch in das eBuch-Format .epub umgewandelt, aber wohl automatisiert aus der pdf-Datei, jedenfalls sind die Dateien, die ich gefunden habe, unbrauchbar. Deshalb habe ich die pdf-Datei überarbeitet und mache das Buch hiermit als sauber formatierte .epub-Datei zugänglich.
    Ich würde natürlich die Schüler überreden, ihr Tablet oder Smartphone mal als Lesegerät auszuprobieren. Von selber kommt sicher kaum einer auf die Idee, Romane dort zu lesen, da ist die Schullektüre doch ein guter Anlass.
  • Mit der Übersetzung von Wöhrl darf man ja alles machen, was man mit dem Original auch darf, also hat Fabian Neidhardt das Buch als Hörbuch aufgenommen und stellt es zum öffentlichen Gebrauch zu Verfügung.
  • Tvtropes.org ist ein riesiges Wiki, auf dem man Stunden verbringen kann. Dort wird etwas gesammelt, das eigentlich nicht Trope, sondern Topos heißt. Topoi sind feste – vielleicht sogar vorformulierte – Bilder und Motive der Literatur (später auch: in Film, Fernsehen, Comics, Computerspielen und anderen Medien). Die gibt es schon sehr lange. Tvtropes kennt die Kategorien “Older Than Dirt” (vor dem griechischen Alphabet), “Older Than Feudalism” (von dort bis zum Fall Roms), “Older Than Print” (von dort bis zum Buchdruck) und so weiter. Die Bezeichner der Topoi sind meist etwas alberner als “locus amoenus” oder andere traditionelle Toposnamen.
    Auf der Tvtropes-Seite von Little Brother sind über 50 Topoi aufgezählt, die sich im Buch finden lassen: Von “Adults Are Useless” und “Anti-Hero” und “Blonde Republican Sex Kitten” bis “Would Hurt a Child”, “Your Terrorists Are Our Freedom Fighters” und “Your Radio Hates You”. Die kann man Schüler suchen lassen, oder man kann sie diskutieren, anzweifeln, erklären, Beispiele aus anderen Büchern finden. Eine deutschsprachige Sammlung von Schullektüren-Topoi ist übrigens auch ein Projekt, das ich im Hinterkopf habe.
  • Referat oder Diskussionsrunde zu der Fortsetzung des Buchs, Homeland.
  • Vergleich mit anderen Dystopien.
  • Als Basis für Diskussion und – je nach Altersstufe – Erörterungen. In einer Unterrichtsstunde im Buch wird selbst diskutiert:

    “Unter welchen Umständen sollte die Regierung bereit sein, die Bill of Rights außer Kraft zu setzen?”, fragte sie und drehte sich dabei an die Tafel, um die Zahlen von eins bis zehn untereinanderzuschreiben.

Und dann ist natürlich die Aktualität des Romans. 2010 gab es einen Skandal um eine Schule in Philadelphia (Zeitungsartikel): die Schule spionierte die Schüler mit den in die Schülerlaptops eingebauten Kameras zu Hause aus, ohne deren Wissen natürlich. Und gestern lese ich, dass eine Schülerin aus Texas vom Unterricht suspendiert wurde, weil sie sich weigerte, den Schülerausweis mit eingebautem RFID-Chip zu tragen. (Tatsächlich war das schon im Januar, aber sie kehrt dieser Tage zur Schule zurück; das Gericht gab der Schule Recht, trotzdem benutzt die Schule das Überwachungsprogramm inzwischen nicht mehr.) Dazu noch die aktuellen gesellschaftlichen Themen Vorratsdatenspeicherung, NSA-Bespitzelung, Handy-Rasterfahndung. Lesenswert auch das Interview zu Trusted Computing: Windows 8 macht sich auf den Weg, Hardware zu propagieren, die das Installieren von Linux erschwert macht und die Kontrolle der installierten Programme ermöglicht.

Was gegen das Buch als Schullektüre spricht:

  • Es ist nicht wirklich gut geschrieben. Vielleicht lag’s an der Übersetzung, vermutlich eher an den zweidimensionalen Figuren. Andererseits weiß ich nicht, ob das Schüler stören würde. In dem Alter habe ich auch recht platte Sachen gelesen und genossen.
    Was mir übrigens fehlt: eine Demonstration echter Zusammenarbeit. Schön wäre eine Erzählung vom Wachsen eines Wikis oder anderer Zusammenarbeit; hier wird das nur behauptet und nicht gezeigt. Und ich hätte gerne einen glaubwürdigen Vertreter des Themas Sicherheit und Überwachung, als ernst zu nehmenden Gegenspieler der Jugendlichen.
  • In welcher Jahrgangsstufe soll man das lesen? Auf Englisch frühestens in der 10. Klasse, denke ich, vorher ist nicht genug Sprache da. Oder doch schon in 9? Besteht dann die Gefahr, dass die ganze Technik überlesen wird? Im Deutschunterricht… am liebsten in der 8., so was das Niveau des Buchs betrifft. In dem Alter muss man sie auch das Interesse an Technik und Informatik etwas fördern, und der Inhalt dürfte die Schüler in diesem Alter sehr interessieren. Andererseits ist ein bisschen Sex drin, einmal Geschlechtsverkehr offstage, einmal heftiges Fummeln. (Ist das Rummachen unmittelbar vor der Pressekonferenz, die sie dadurch fast verpassen, unrealistisch oder sind rebellische Teenager wirklich so planlos? Die Frauenfiguren sind in Ordnung, aber jede einzelne der Jüngeren steht auf den Helden. Na ja.)
  • Einige Male wird positiv die Piratenpartei genannt – in Schweden. Dass die deutsche Piratenpartei damit nicht gemeint ist, muss man den Schülern sagen, trotzdem ist das manchen Eltern vielleicht schon zu politisch. Wir erinnern uns: wenn man irgendwas mit Hexen und Zauberern liest, gibt es häufiger aus religiösen Gründen Protest, als man denkt.
  • Irgendein Elternteil arbeitet immer bei Microsoft. Wenn der Internet Explorer als “Microsofts Crashware-Dreck, den kein Mensch unter 40 freiwillig benutzte” bezeichnet wird, und wenn Firmen, die die Lizenz erworben haben, für Microsoft-Spielekonsolen zu schreiben, “Blutgeld an Microsoft gezahlt” haben, dann muss man sich auf etwas Ärger vorbereiten.
  • Jugendsprache zu lesen ist meistens etwas peinlich; bei der Beschreibung von Stadtvierteln in San Francisco ist von “Nutten” und “Transen” und “pissen” die Rede, aber das dürfte kein Problem sein.
  • Das Buch zitiert mehrfach die amerikanische Unabhängigkeitserklärung: wenn ein Volk nicht mehr will, was die Regierung tut, darf das Volk sich wehren. Hm.
    Erstmal ist die Bevölkerung von San Francisco mit dem Vorgehen der Heimatschutzbehörde ja voll einverstanden. (Die Presse erfüllt ihre Rolle der Aufklärung aber auch nicht.) Trotzdem reklamiert Marcus das Recht für sich, aktiven Widerstand zu leisten. Das hätte ich gerne etwas differenzierter. Andererseits, vielleicht ist das ein guter Anlass zur Diskussion.

Das Buch ist aber so schön aktuell und würde den Schüler gut gefallen. Nächstes Jahr habe ich wohl eine 8. und eine 10. Klasse in Deutsch. In 10 ist keine Zeit dafür, da muss man sich mit dem 18. Jahrhundert beschäftigen. Ist 8 zu früh? Ein Referat ist natürlich immer drin. (Rowohlt empfiehlt ab 14 Jahren – im Lauf der 8. werden die meisten Schüler 14, einige sind es schon vorher, sehr selten erst später.)

Links:

Fußnote:

Von Wired gibt es die 12-teilige Videoserie Codefellas (Youtube). Darin spionieren Special Agent Henry Topple, der noch sehr an den Verkleidungen und Geheimoperationen des kalten Kriegs hängt, und die junge Hackerin – bald seine Vorgesetzte – Nicole Winters im Auftrag der Regierung den Menschen hinterher.

Scott Westerfeld, Uglies

Vorgemerkt als Schullektüre, auf Deutsch, 6. oder 7. Jahrgangsstufe.

Uglies spielt in eienr Zukunft, wenige hundert Jahre von hier entfernt. Uns kennt man nur noch als die “Rusties”, eine frühere Kultur mangelhafter Nachhaltigkeit, die viel Schrott hinterlassen hat. In der schönen neuen Welt wächst man auf bei seinen Eltern, bis man dann zum “Ugly” wird und in einer Art fröhlicher Internatsstadt mit anderen Uglies lebt, dort in die Schule geht, Streiche spielt, Sport treibt. Mit 16 tritt man über in die nächste Phase und wird zum “Pretty”. Pretties, das sind quasi die Erwachsenen, die vor allem über ihr Aussehen und die damit verbundene Autorität definiert werden, nicht unbedingt über verantwortungsvolles Handeln oder einen Beruf oder was man sonst mit Erwachsenen verbindet. Vielleicht liegt das daran, dass im Buch eher die New Pretties im Vordergrund stehen, weniger die Middle Pretties, die tatsächlich Berufe haben, oder Late Pretties (“Crumblies”).

Pretty wird man nicht von selber, sondern in einer Schönheitsoperation zum 16. Geburtstag. Makellose Haut, gerade Nasen, angemessen hohe Wangenknochen, Immunität gegen Krankheiten, gute Haltung, ein bisschen mehr Körperfett oder weniger, bis das aktuelle Ideal erreicht ist. Und dann lebt man als zufriedener Pretty und hat mit den jungen, etwas übermütigen Uglies wenig zu tun. Uglies fiebern dieser Operation entgegen, die ist so etwas wie der fest zugesagte und verbindliche Porsche zum Schulabschluss.

Meinem Neffen, Ende 6. Klasse, hat das Buch sehr gut gefallen. Ein dickes Plus sind sicher die Hoverboards, Sportgeräte, wie meine Generation sie aus Zurück in die Zukunft II kennt. Erlaubte und unerlaubte Ausflüge damit spielen für Uglies und auch für die Handlung eine große Rolle – und faszinieren sicher viele jugendliche Leser. Mein Neffe hat jedenfalls gleich technische Zeichnungen dazu angefertigt. Die Hauptpersonen sind fast alle weiblich, trotzdem wird das Buch auf Jungs gefallen: es gibt reichlich Action und Verfolgungsjagden und Technik.

Kleiner Spoiler, der wohl gar nicht so überraschend kommen dürfte: Nicht alle Uglies sehen die Schönheitsoperation unkritisch.

[New Pretty:] “Crazy love and jealousy and needing to rebel against the city. Every kid’s like that. But you grow up, you know?”
[Ugly:] “You grew up because of an operation? Doesn’t that strike you as weird?”

Das hat mich an eine Bradbury-Geschichte erinnert, auch wenn die nur am Rand etwas damit zu tun hat. Ich musste etliche Bücher durchwühlen, bis ich den Titel wieder wusste: “One Timeless Spring” beginnt mit dem Satz “That week, so many years ago, I thought my mother and father were poisoning me.” Der zwölfjährige Erzähler führt die subtilen Veränderungen, die er seit einiger Zeit an sich wahrnimmt, darauf zurück, dass er einer Krankheit oder Vergiftung leidet. Gefördert wird diese durch seine Eltern, seine Schule, was er dort lernt, was er zu Hause isst. Mit jedem Frühstück, jedem Mittagessen, jeder Schulstunde verändert sich sein Körper, wird erwachsener, sieht er die Zeit der unbeschwerten Kinderspiele davongehen. Er versucht zu hungern, um den Vorgang aufzuhalten. Am Schluss knickt er doch ein.

Und beim Durchblättern dann gleich noch eine, “Fever Dream”: Ein Junge, ähnliches Alter, liegt mit Scharlach im Bett, so sagen es ihm Arzt und Eltern. Er bildet sich aber ein, dass sein Körper nach und nach von Mikroben übernommen wird – erst die Hand, dann den Arm, und so weiter. Am Schluss, nach einer überraschend plötzlichen Heilung, verhält er sich plötzlich gruslig anders. Horrorgeschichte? Pubertätsparabel?

Uglies sehe ich vor allem als Schullektüre, als Erwachsener habe ich das nicht mit der gleichen Spannung gelesen wie Tschick oder Harriet the Spy oder Curious Incident. Aber die Folgebände (Pretties, Specials, und Extras) werde ich vermutlich auch noch lesen.

Resolute Schüler und Schullektüren

Ein Fundstück aus meinem Referendariat, vom Seminarlehrer für Deutsch ausgeteilt, dem Herrn Bittig*:


(Die 12. Jahrgangsstufe hieß damals 8. Klasse. Und das ist eine Abschrift des Originals, das es hoffentlich gegeben hat. Bei Dokumenten aus Deutschlehrerhand weiß man ja nie, wer sie wirklich verfasst hat.)

Wilde Zeit, das. Da lagen Resolutionen in der Luft; heute hat man die gar nicht mehr. Ich fürchte, das liegt auch daran, dass wir Lehrer so aalglatt geworden sind, oder von mir aus: verständnisvoll, umsichtig, vertrauensfördernd, dass Resolutionen an uns abperlen würden. Oder sie sind nicht mehr nötig, weil sie entweder eh nichts bringen oder das gleiche Problem durch ein einfaches Gespräch auch geklärt werden kann.

Irgendwann traue ich mich noch, den “Bericht zum Streikaufruf an die Schüler des Gymnasiums Fürstenfeldbruck am 28.5.1968″ zu veröffentlichen, vom damaligen stellvertretenden Schulleiter an die Landpolizei Fürstenfeldbruck geschickt, und in dem die Eriegnisse geschildert werden, “die zur Inanspruchnahme der Polizei führten.” Der letzte Absatz lautet: “Einige Schüler der oberen Klassen (diese hatten gerade eine Freistunde) diskutierten noch kurze Zeit mit den Aufwieglern, gingen aber bald zum Unterricht.” – Oder wir packen das auf die Schulhomepage, so als Fundstück aus der wilden Vergangenheit der Schule, die man ihr heute nicht mehr so ansieht.

*Laut Schulwebseite 2012 in die Freistellungsphase eingetreten, also die Vorpensionierung. War ganz okay, das Referendariat; jedenfalls habe ich mich gut verstanden mit dem Herrn Bittig, und auch manches gelernt. Ich habe noch die Protokolle von damals auf Festplatte, muss ich mir mal wieder anschauen.

Ray Bradbury

Letzte Woche starb, 91-jährig und von meinem Teil des Web wenig beachtet, Ray Bradbury. Ich lernte ihn kennen als Science-Fiction-Schriftsteller, und zwar einen der ganz großen – neben Asimov, Heinlein und vielleicht noch Arthur C. Clarke.

Ich kannte Bradbury schon während meiner Schulzeit. In meinem Leistungskurs-Macbeth ist neben den Zeilen “By the pricking of my thumbs/Something wicked this way comes” der Name Bradburys gekritzelt; einer seiner Romane heißt so. Gelesen hatte ich damals aber nur wenig von ihm. Ich kannte ihn aus der einen oder anderen Anthologie und vor allem aus der SF-Sekundärliteratur.

(Es ist ganz erstaunlich, wieviel man als Sechzehnjähriger erfährt, wenn man eine Essay-Sammlung von Asimov oder Der Millionen-Jahre-Traum liest, eine Literaturgeschichte der Science Fiction von Brian W. Aldiss. Meine erste Begegnung mit Aristophanes, Cyrano, Horace Walpole, Mary Shelley, Wells, Bradbury und vielen anderen.)

Aber richtig lieben gelernt habe ich Bradbury in den zwei Jahren nach der Schule. Ich bin so etwas wie ein Bradbury-Fan. Einen knappen Meter zu ihm habe ich im Regal – ein bisschen Biographie, ein wenig Sekundärliteratur, ein paar Theaterstücke, Gedichte und Essays, und vor allem die Kurzgeschichtensammlungen und Romane. Bradbury war vor allem ein Autor von Kurzgeschichten; die meisten seiner Romane entstanden daraus, eben Fahrenheit 451 und Something Wicked This Way Comes, daneben die Mischformen aus Roman und Kurzgeschichtensammlung The Martian Chronicles und Dandelion Wine. In den letzten Jahrzehnten fassten Bradbury oder sein Verleger viele seiner alten Geschichten mit einer Romanhandlung zusammen; selten war das eine Verbesserung gegenüber den einzelnen Geschichten. Ein waschechter und sehr gelungener später Roman ist der Krimi Death Is A Lonely Business von 1985.

Kaum eine Geschichte von Bradbury ist klassische Science Fiction. Aber es geht fast immer um Träume, Wünsche, Magie, die Zukunft, Erfundenes. In der dunklen Variante sind das seine Halloween-Geschichten, sommerlicher die vielen Coming-of-Age-Geschichten, allen voran Dandelion Wine. (Die muss man sich zeitlich so wie bei den frühen Waltons vorstellen, Anfang der 1930er Jahre.) Es ist vor allem Bradburys blumige, metaphernreiche Sprache, die es mir angetan hat. Hier die Anfänge seiner besten Romane:

Dandelion Wine:

It was a quiet morning, the town covered over with darkness and at ease in bed. Summer gathered in the weather, the wind had the proper touch, the breathing of the world was long and warm and slow.

Fahrenheit 451:

It was a pleasure to burn. It was a special pleasure to see things eaten, to see things blackened and changed. With the brass nozzle in his fists, with this great python spitting its venomous kerosene upon the world, the blood pounded in his head, and his hands were the hands of some amazing conductor playing all the symphonies of blazing and burning to bring down the tatters and charcoal ruins of history.

The Martian Chronicles:

One minute it was Ohio winter, with doors closed, windows locked, the panes blind with frost, icicles fringing every roof, children skiing on slopes, housewives lumbering like great black bears in their furs along icy street. And then a long wave of warmth crossed the small town.

Death Is A Lonely Business:

Venice, California, in the old days had much to recommend it to people who liked to be sad. It had fog almost every night and along the shores the moaning of the oil well machinery and the slap of dark water in the canals and the hiss of sand against the windows of your house when the wind came up and sang among the open places and along the empty walks.

Und natürlich Something Wicked This Way Comes:

The seller of lightning-rods appeared just ahead of the storm.

Muss man mögen. Ich habe es geliebt. Bradbury schrieb lyrisch, sentimental, witzig, voller Energie, immer bereit, das Gruselige im Normalen zu sehen (“The Small Assassin”) oder das Schöne im Grusligen (“The April Witch”, “Uncle Einar”). Auch wenn seine späteren Romane und Zusammenstellungen von Kurzgeschichten nicht an die ersten vierzig Jahre seines Schaffens heranreichen: toller Autor.


The Martian Chronicles

Kann ich als Schullektüre nur empfehlen. Es geht ein bisschen um Raumschiffe, das spricht die technikbegeisterten Gemüter an. Es ist auch ein bisschen traurig, das ist dann etwas für die anderen. Es ist ein Gebilde aus thematisch und zeitlich verbundenen Kurzgeschichten, mit kleinen lyrischen Kapitelchen dazwischen, das man als Roman betrachten kann, aber nicht muss – zu Not kann man einzelne Geschichten heraussuchen und bearbeiten lassen, ganz binnendifferenzierend. Themen bietet sich sehr viele an; Material gibt es viel dazu – Kunststück, das Buch ist seit Jahrzehnten eine beliebte Schullektüre (hier, da, dort), wenn auch wohl eher in den USA als bei uns. Gesichtspunkte sind etwa:

  • Finden Sie Ungereimtheiten innerhalb und zwischen den Geschichten.
  • In welchen Geschichten tauchen Marsianer auf, und welche Rolle spielen sie jeweils?
  • Teilen Sie das Buch in drei oder vier große Teile. Begründen Sie Ihre Unterteilung.
  • Welche Elemente verbinden die einzelnen Geschichten miteinander?
  • Welche Elemente weisen auf spätere Geschichten hinaus, oder zurück zu früheren?
  • Beschreiben Sie marsianische Technologie und vergleichen Sie sie mit irdischer.
  • Welche Elemente des Frontier Myth finden Sie im Buch? Wer war Johnny Appleseed?
  • Martian Chronicles und Manifest Destiny.
  • Welche Geschichte ist für Sie die zentrale der Sammlung? Warum?
  • Vergleichen Sie (eine Auswahl aus jeweils zwei geeignenten Geschichten)?
  • Welches Bild der Marsianer haben die Menschen zu welchem Zeitpunkt?
  • Metamorphosen als zentrales Motiv.
  • Eine Geschichte des Mars in der Science Fiction.
  • Die Geschichte “Usher II” und Edgar Allan Poe.
  • Die Geschichte “Usher II” und Zensur in den USA der 1950er Jahre.

Zum letzten Punkt: “Usher II” kann man als Vorläufer des späteren Fahrenheit 451 sehen. Es geht darin um das Verbieten von Literatur, erst weil bestimmte Aspekte diesen nicht gefallen, dann weil andere etwas gegen andere Punkte haben… es fängt an mit phantastischer Literatur und Filmen, mit Poe und Märchen, und nach und nach müssen alle Geschichten daran glauben. Die Martian Chronicles erschienen 1950, nehmen aber schon die Kommunistenjagd und Zensur während der McCarthy-Zeit der kommenden Jahre voraus. Zu McCarthy siehe meinen Blogeintrag zum Film Good Night, and Good Luck; dort ist auch eine Seite aus dem EC-Comics The Haunt of Fear (1954) abgedruckt. EC, das hieß ursprünglich Educational Comics, seit 1950 spezialisierte sich dieser Verlag aber auf inzwischen berühmt gewordenen Science-Fiction- und Horrorcomics, teilweise mit recht grauslichem Humor. Bald gerieten die Hefte unter politischen Beschuss, das Phänomen der Jugendkriminalität der 1950er Jahre wurde ihnen angelastet. Sie versuchten sich zu wehren (“Nur Kommunisten wollen Comics verbieten!”), half aber nichts:

– Digital habe ich viele Hörspiele nach Bradburys Werken, ältere und jüngere. Online gibt es einige Martian-Chronicles-Episoden in den Serien Dimension X und X Minus One aus den 1950er Jahren:

Dimension X (1950-1951)
Episode 11: There Will Come Soft Rains & Zero Hour
Episode 14: Mars Is Heaven
Episode 20: The Martian Chronicles
Episode 26: And the Moon Be Still As Bright

Episode 14 versucht, die ganze Kurzgeschichtensammlung in eine halbe Stunde zu packen; die anderen Episoden nehmen sich jeweils einzelne Geschichten vor. Weitere Bradbury-Episoden, die nichts mit den Chronicles zu tun haben, sind 8, 40, 43, 46, 48.

X Minus 1 (1955-1958)
Episode 03: Mars Is Heaven
Episode 19: And the Moon Be Still As Bright

Die Tonqualität ist bei dieser etwas jüngeren Serie meist besser. Weitere Bradbury-Episoden sind 12 (“The Veldt”, sehr zu empfehlen), 24, 26, 29, 30.


Überhaupt, der Mars

Der bietet sich für ein W-Seminar an, auf Basis von Das Jahrhundert der Marsianer von Helga Abret und Lucian Boia, eine Art Rezeptionsgeschichte des Mars. Das Jahrhundert der Marsianer dauerte von 1877 bis 1977. Den Anfang machte die Entdeckung der Marskanäle – auch wenn sie keine waren – durch Giovanni Schiaparelli, die Folge waren Spekulationen über eine alte Zivilisation dort – der Mars als Projektionsfläche – bis zu Wells’ Invasion und später der von Welles’ (Blogeintrag dazu), mit Edgar Rice Burroughs als fantastischem Zwischenspiel. Dann verlor der Mars nach und nach seine Glaubwürdigkeit als bewohnter oder ehemals bewohnter Planet und wurde, wie bei Bradbury, ganz zur Metapher. 1977 landeten die Viking-Sonden und meldeten endgültig: kein Leben. “Blues für einen roten Planeten” heißt dann auch passend dieUnser-Kosmos-Folge von Carl Sagan dazu.

(Vor ein paar Jahren wurde dann doch gefrorenes Wasser gefunden wurde. Vielleicht sogar fließendes. Der Mars ist wieder da.)

Krimis schreiben, Fabel und Diskurs

Und noch ein Rest von der Fortbildung in der letzten Woche: Für ein Projekt musste schnell eine einfache Krimi-Handlung her. Der Ausgangspunkt: Jemand wacht im Hotel neben einer Leiche auf, blutige Hände und so weiter, ein Messer neben sich – wie geht es weiter? Was ist passiert?

Da hätte ich mir meine Schüler aus der 7. Klasse gewünscht. Mit denen habe ich ja Krimis gelesen. Zum Abschluss und nach dem Erarbeiten eines Kriterienkatalogs stellten die Schüler einen Edgar-Wallace-Thriller beziehungsweise einen Jugendkrimi vor, der gut in die Reihe Arena Thriller gepasst hätte. Zu den Kriterien gehört bei letzten zum Beispiel das Personal (Heldin weiblich, 15-17 Jahr) oder der Titel (zusammengesetztes Substantiv mit jeweils einem positiven und einem negativen Bestandteil). Das haben die Schüler sehr gut gemacht. Hier eine leider nur stichpunktartige Zusammenfassung, die ich mir nach der Präsentation schicken ließ.

Titel: Veilchenblut

Vorgeschichte:

  • 17-jähriges Mädchen namens Monica
  • als 4-jährige entführt
  • konnte im Gegensatz zu anderen, umgebrachten Kindern entfliehen
  • jedem Kind wurde vor dem Mord ein Veilchen auf das Handgelenk tätowiert
  • die Mörderin wurde beinahe gefasst, doch als sie davon erfuhr, brachte sie sich um

Grund wieso [die verrückte Entführerin] jedem Kind ein Veilchen auf die Hand tätowiert hat:

  • ihre damals 4-jährige Tochter an Krebs gestorben
  • sie fand es ungerecht, wieso “alle” Kinder leben dürfen außer ihres
  • [das] hat sie verrückt gemacht

Inhalt:

  • Freund von Monica fehlt in der Schule
  • wird tot am Ufer eines Flusses aufgefunden
  • mit einer Tätowierung, die neu ist, am Handgelenk: ein Veilchen
  • das gleiche hat Monica auch
  • Schwester wird entführt, nicht gefunden
  • Zusammenhang, aber die Mörderin ist tot – Mittäter?
  • Monica ermittelt

Auflösung:

  • Monica findet Fotos von ihrem Vater und Mörderin – küssend!
  • Vater ist Liebhaber von Mörderin + Vater von an Krebs gestorbenen 4-jährigen Kind
  • er hat nie Mutter von Monica geliebt
  • Mutter hat Vater nicht gehen lassen
  • sie hat gedroht alles zu sagen
  • sie weiß, dass er der Mittäter ist
  • die Wut auf die Mutter hat er an den Kindern ausgelassen
  • er rächt sich für die Mörderin
  • deshalb Freund und eine Tochter entführt
  • Monica ist als Kind nicht entkommen, Vater konnte damals sein Kind nicht umbringen

Hm, ausformuliert wäre dem vielleicht noch leichter zu folgen. Beim nächsten Mal. Wenn ich noch weitere Plots zur Veröffentlichung kriege, hänge ich die unten an.

– Jedenfalls konnte ich mich bei der Fortbildung plötzlich in die Situation eines Film- oder eher Fernsehproduzenten versetzen, der mal eben rasch einen groben Plot braucht und bereit ist, für diese Leistung zu zahlen. Ohne Schülerhilfe musste ich mich selber daran machen, eine Geschichte zu entwerfen.

Der Krimi und die Inhaltsangabe

Angefangen habe ich so:

  • Held wacht neben Leiche auf
  • durchsucht Leiche
  • findet Zimmerschlüssel und einen Schließfachschlüssel
  • geht in das Zimmer des Toten
  • findet dort…

Schon bald war ich aber verwirrt und musste in meiner Skizze Sachen ergänzen, durchstreichen, umschreiben. Es wurde unübersichtlich. Deshalb entschied ich mich für eine zweite Fassung, die nicht mit dem Beginn des Krimis ansetzt, sondern eher sogar damit aufhört:

Der Schlagerstar B. ist heimlich verheiratet und hat drei Kinder, will aber nicht, dass das öffentlich wird. Der Gangster M. lässt sich vom Gangster W. eine Kopie der Heiratsurkunde schicken, um B. zu erpressen. M. verspricht W. dafür einen Teil des Geldes. M. versteckt die Urkunde in einer mit einem Geheimcode gesicherten Kassette in einem Schließfach im Hotel. Den Code hat er auf einen Zettel notiert. Dann geht M. zu B…

Die erste Fassung gibt die Reihenfolge wieder, in der der Leser oder Spieler das Geschehen erfährt. Die zweite Fassung gibt die chronologische Reihenfolge des Geschehens wieder (und stellt auch kausale Zusammenhänge her). Leider ist die Termionologie für diesen sehr wichtigen Unterschied nicht einheitlich, die frühe Unterscheidung in story und plot (durch E.M. Forster) reicht da nicht. Die Strukturalisten unterscheiden story und discourse, dabei ist story die chronologische Zusammenfassung und discourse bezieht sich auf die Art und Weise, wie die Geschichte präsentiert wird – also in welcher zeitlichen Folge, aber auch in welcher Erzählweise und mit welchen weiteren Formen der Leserlenkung.

Auf Deutsch heißt das “Handlung” oder “Fabel”, aber die Trennung zwischen diesen und einem Diskurs ist mir in meinem lange zurückliegenden Germanistikstudium nicht begegnet. Jedenfalls vermisse ich einen geeigneten Ausdruck, der für die Textsorte Inhaltsangabe am Gymnasium hilfreich wäre. Ich will bei der Inhaltsangabe definitiv nicht, dass diese sich an der Erzählreihenfolge orientiert. Aber immer wieder zu sagen: “Fasse chronologisch zusammen statt in der Erzählreihenfolge” ist umständlich, hier hätte ich gerne einen Fachausdruck.

Warum möchte ich keine Zusammenfassung in Erzählreihenfolge? Erstens, weil dadurch Nacherzählungen herauskommen. Zweitens, weil das zu leicht ist und keine Reorganisation des Textes erfordert. Drittens, weil das eine nützliche Fähigkeit ist, etwa wenn man einen Krimi erklären will. Wenn man da die Handlung in der Erzählreihenfolge wiedergeben will, verheddert man sich in “stellt sich heraus, dass das doch gar nicht so” und “hat zuvor heimlich” und “Moment, ich habe vergessen, er hat dabei auch noch vorher”.

Deswegen sollte man ab der 8. Klasse den Schülern Texte vorlegen, in denen eben nicht chronologisch eine Handlung wiedergegeben wird. Bei pointierten Geschichten stellt sich oft am Schluss etwas heraus, dass chronologisch an den Anfang gehört; bei Krimis ist dieser analytische Aufbau sogar ganz typisch fürs Genre.

(Natürlich braucht man auch andere Arten der Inhaltszusammenfassung, für Buchvorstellungen und Rezensionen und Klappentexte und so weiter. Da soll man den Schluss ruhig weglassen.)