Schlagwort: Sprache

Male and Female Vocabulary

Bei Slate wird von einer Studie berichtet, bei der untersucht wurde, welche Vokabeln es gibt, die eher von Männer gekannt werden oder eher von Frauen. Bei den Top Ten der Wörter, die Männer deutlich wahrscheinlicher kennen als Frauen, kenne ich alle. Pfft, was ein Claymore ist, weiß ich seit frühen Rollenspieltagen, Kevlar kennt jeder Computerspieler, den Rest auch. Bei den zehn Wörtern, die deutlich mehr Frauen kennen als Männer, kannte ich tatsächlich nur sieben. (Nicht gekannt: ein Hormon, eine Pflanze, eine Basteltechnik. “Taupe” kannte ich allerdings.)

Mit großem P, verdammt noch mal

Die Geschichte ist jetzt über ein Jahr alt, aber ich habe sie erst gestern mitgekriegt. Also: breaking news aus dem Lehrerzimmer.

Ich schrieb gestern an einem Blogeintrag, in dem das Wort “Wordpress” einige Male auftauchte. So schrieb ich das Wort, so wurde es gespeichert. Auf der Vorderseite des Blogs wurde es aber so dargestellt: “WordPress”. Hm. Also recherchiert.

Stellt sich heraus, dass das schon seit Wordpress 3.0 so geht. Der Anlass: WordPress (immerhin eine registrierte Marke) schreibt man mit großem P. Camel case heißt das allgemein, weil das Wort einen Buckel in der Mitte hat.
Und Matt Mullenweg, der führende Kopf hinter Wordpress, hat mit der Version 3.0 eine Methode in den Code eingebaut, die automatisch jedes “Wordpress” als “WordPress” darstellt. Die php-Funktion heißt capital_P_dangit(), auf Deutsch etwa “Großes P, zefix!”

Guter Name, weniger gute Idee. Es hagelte Kritik, unter anderem, weil a) diese Funktion nicht über den üblichen Weg der offenen Diskussion eingebaut wurde, sondern an der Community vorbei, b) weil die Programmierung schlampig war und bei Blogs, die etwa in einem Verzeichnis “Wordpress” lagen, zu Chaos führte (das kleine “wordpress” wie bei mir blieb verschont) und c) weil Mullenweg wenig diplomatisch und eher pampig auf die Kritik reagiert hat.

  • In diesem Blogeintrag (englisch) ist die Geschichte schön dargestellt.
  • Hier ein deutschsprachiger Blogeintrag.
  • Die Domain http://capitalp.org/ ist nur zur Verspottung dieser Aktion da.
  • Und wenn man das Verhalten nicht mehr haben möchte: Hier ist ein Plugin dazu, oder man fügt einfach ein paar Zeilen Code in sein Template ein, wie hier beschrieben und wie ich es gemacht habe.
    Sonst könnte ich ja nur über Umwege überhaupt darüber schreiben.
  • Eine schöne, nicht ganz ernst gemeinte Idee hier: Das Plugin No Comic Sans, Dangit! verhindert, dass jemand diese Schrift benutzt. Für die Zukunft geplant: eine Funktion, mit der man missliebige Kommentare automatisch in dieser Schriftart anzeigen lassen und deren Schreiber so als Idioten darstellen kann. Now that’s an idea.

Die Kritiker rufen “Zensur” und wollen sich nicht ihren Inhalt von einem Programm vorschreiben lassen. Außerdem müsse es plug-in heißen und nicht plugin, und sowieso WordPress®. Was wäre, wenn Microsoft in Word die beliebte Schreibweise Micro$oft unterbinden würde?

Die Verteidiger sagen: das ist auch nichts anderes als die automatische Veränderung von einfachen Anführungszeichen in typographische, oder die Veränderung von Emoticons zu grafischen Smileys, und dagegen habe auch niemand etwas. Außerdem müsse WordPress seine Marke schützen.

Darf der Mullenweg das überhapt? Aber klar. WordPress ist zwar Open Source. Das heißt nicht nur, dass der Quelltext offen gelegt ist, sondern auch, dass sie beliebig kopiert und verändert werden darf. Der Name “WordPress” ist aber geschützt, so dass nur der Inhaber der Rechte an dieser Marke Material unter diesem Namen veröffentlichen darf. Wem dessen Version nicht passt, der darf gerne auf Basis der bestehenden Software seine eigene Version verbreiten – aber nicht “WordPress” nennen.

— Ich weiß nicht, ob sich inzwischen noch jemand darüber aufregt. Vermutlich haben die meisten Blogs wissentlich oder eher unwissentlich diese Zwangsschreibung akzeptiert.

Ich habe die Funktion jedenfalls deaktiviert. Wenn die Leute aufhören, “Spiderman” zu schreiben (6.480.000 Treffer) und stattdessen das korrekte “Spider-Man” verwenden (5.850.000 Treffer), dann reden wir weiter. Die Zusammenschreibung (ohne Camel Case, ohne Bindestrich, ohne Leerzeichen) ist ein Zeichen, dass das Wort in die Sprache übernommen wurde. So wurde auch aus space ship das spaceship und aus screen play das screenplay.

Nebenbei: der Föhn ist ein trockener Fallwind, wie es so schön heißt. Die Haartrockner-Marke Fön schreibt man ohne h, auch wenn sie ihren Namen vom Wind abgeleitet hat. (Strenggenommen sogar: FOEN.) Das generische Wort für Haartrockner schreibt man heute Föhn (wie den Wind), vor der Rechtschreibreform aber Fön (wie die Marke).
Auch hier hat die Sprache sich nicht an die – vom Standard abweichende – Schreibung der Marke gehalten, und dabei die Markenbezeichung auf vergleichbare Produkte erweitert. Ich nehme mal an, dass man das als Marke verhindern will.

Das Blog ist tot

Heiko hält ein Plädoyer für das Blog (als Reaktion auf Herrn Larbig). Meine Meinung: private Blogs sind ein Nischenprodukt und bleiben das.

Den Tod des Blogs aus einer anderen Sicht verkündet das Sprachlog: Duden, Facebook-Umfrage, Korpusanalyse belegen, dass das Neutrum das Blog weiterhin auf dem Rückzug ist und das Maskulinum der Blog dominiert. Das gelte tendenziell auch für Fachkreise, so dass das Maskulinum seufzend und klagend auch vom Sprachlog als die zukünftig geltende Form akzeptiert wird.

Der Kampf ist vorbei. […] Sprachgefühl hin oder her, man muss wissen, wann es Zeit ist, aufzugeben.

Nö, muss man nicht. Zugegeben, kämpfen um Wörter muss man ohnehin selten. Kann mich noch an Wolf Schneider erinnern, wie er seinen Widerstand gegen rasant aufgab, das eigentlich ursprünglich “knapp, streifend” hieß und vom Rasieren kam, und von der rasant genommenen Kurve kam dann die Geschwindigkeit (mit etwas Interferenz vom Rasen). Widerstand ist zwecklos, aber natürlich darf man trotzdem sprechen, wie man will, und die Sprachmitverwender sind kein Grund, auf gesuchte Konjunktive oder idosynkratische Genera zu verzichten. In der Sprache muss es auch konservative Kräfte geben, und ich bin gerne eine davon.

Also sage ich weiter das Blog. Ich sage der Radio und der Pub und nicht das, der Con und nicht die.

Woher kommt eigentlich das Genus bei einer Entlehnung aus einer Fremdsprache? (Siehe dazu auch das Sprachlog oben.) Man nimmt entweder das Genus der deutschen Entsprechung dazu. Aus dem Maskulinum le bar/el bar wird das Femininum die Bar, weil, weil… die Kneipe, die Gaststätte, die Wirtschaft? (Siehe eventuell auch unten wegen die Barriere.)
Dass counter auf deutsch der Counter heißt, liegt am Suffix -er, der beiden Sprachen gemein ist. Kommt vom lateinischen -arius und ist Maskulinum.
Oder man nimmt das Genus eines deutschen Wortes, das so ähnlich klingt. So wird der Blog von “der Block” beeinflusst.
Viele der Wörter sind außerdem Clippings oder andere Kurzformen, und da wird das Genus von dem verloren gegangenen Teil bestimmt: der Radio kommt von der Radioapparat/-empfänger und das Radio von das Radiogerät. Manche Leute wissen vielleicht, dass pub von public house kommt, und da muss es natürlich das pub heißen. Warum sage ich dann der pub? Sicher ist, dass ich die Kurzform vor der Langform kennengelernt habe und deswegen nicht mit Haus in Verbindung gebracht habe. Wieso aber Maskulinum? Mir fallen weder ein ähnliches noch ein entsprechendes deutsches Maskulinum ein. Ist das Maskulinum einfach mein/der deutschen Sprecher Standardgenus für Entlehnungen? (Ich habe aus Unizeiten im Kopf, dass das eher das Neutrum ist, aber alle meine Beispiele sprechen dagegen. Also doch Maskulinum?)
Zu den Kurzformen gehört auch der Con. Was das ist, muss ich mal in einem Beitrag beschreiben, wenn mein Fotoalbum wieder hier ist. Die Kurzfassung: mehrtägiges Treffen einer nicht zu kleinen Zahl von Scence-Ficon-, Film-, Comic- und anderen Fans. Und das englische “con” ist natürlich die Kurzform von “convention”. Und doch: in meinen Jugendjahren war es der Con. Erst nach und nach wurde die Con daraus, und wenn das in meinen Augen auch richtiger erscheint, so klingt das in Ohr und Herz falsch.
Hier übrigens mein Bericht über meinen ersten Con 1982, da war ich gerade 15 geworden. Dort steht allerdings das Femininum für Con, obwohl ich das so kaum geschrieben habe. Müsste mal mein Original herausziehen, ob das schon damals der Redakteur war oder erst beim Web-Abdruck geändert wurde.

Fazit: bei Pub und Con war ich zu spät dran mit dem Einsteigen und habe das Standardmaskulinum, bei Blog war ich früh genug dabei, das Logbuch zu erkennen, und bleibe beim Neutrum.

(Das ist alles noch nichts im Vergleich zu der, die oder das Dschungel.)

Thesaurus

David Crystal stellt in seinem Blog den Historical Thesaurus of the Oxford English Dictionary vor. Die Datenbasis dafür ist der Oxford English Dictionary, aber die Information ist gänzlich anders angeordnet, nämlich eben als Thesaurus.

In einem Thesaurus kann man nach Synonymen suchen. So eine Funktion ist zum Beispiel in meinem LibreOffice intergriert (und auch in Open Office und Microsoft Word). Ich habe da mal das Wort “Haus” geschrieben und markiert und dann den Thesaurus um Synonyme dazu gebeten. Der hat etwa zwanzig davon gefunden, und bietet sie mir zur Auswahl an, und zwar nach Aspekten sortiert. Meinte ich Haus unter dem Aspekt “Bau”? Dann schlägt er vor: Behausung, Bude, Eigenheim, Heim, Hütte, Bauwerk, Gebäude. Oder meinte ich Haus unter dem Aspekt “Blutsbande”, etwa wie in “Haus Habsburg”? Vorschläge: Familie, Familienbande, Geblüt, Geschlecht, Mischpoke, Sippe, Stamm.

Ein Thesaurus enthält als zentrale Begriffe also solche Apekte wie “Bau” und “Blutsbande”. Der Historical Thesaurus kennt mehr als 236.000 solcher Kategorien, die sich in Hierarchien befinden. Allein diese Einteilung der (sprachlichen – aber welche gäbe es außer ihr?) Welt in Kategorien ist schon eine spannende Sache. Das macht das Dewey Decimal Systemn für Bibliotheken, das machte 1668 John Wilkins in seinem Essay towards a Real Character and a Philosophical Language, in dem er die Grundlagen einer philosophischen Sprache zu legen versucht, indem er das Wissen um seine Welt klassifiziert, und das macht das moderne Semantische Web.

Den Historical Thesaurus kann man zumindest zur Zeit und zumindest teilweise online befragen. Am einfachsten geht das über “Synonym Search”. Man sucht nach einem Wort, etwa “rosebud”, und kriegt als Ergebnis drei Großkategorien: Animal Kingdom, Society und Plants. Um welches “rosebud” soll es gehen? Um, probieren wir mal Society aus. Dort werden mir wieder drei Bereiche angeboten, ich wähle mal den Bereich, der technisch so heißt: “03.01.04.04.02. ./ 06.06. . .” mit der Bedeutung “members of scouts/guides”. das ist die endgültige Unterkategorie mit eben dem Inhalt: “Bezeichnungen für Mitglieder der Pfadfinder.” Und da finde ich dann, chronologisch geordnet mit dem Jahr des OED-Erstbelegs:

Boy Scout, patrol leader, scoutmaster/scout-master, tenderfoot, captain, (Girl) Guide, lieutenant, sea-scout, Rosebud (1914), Brownie, Sixer, tenderpad, Wolf Cub… na ja, und noch viele Synonyme mehr.

Mäßig spannend, das Ergebnis. David Crystal beschreibt in seinem Blogeintrag, wie er den Thesaurus dazu nutzt, herauszufinden, ob “bottom” schon zu Shakespeare-Zeit die Bedeutung von “Hintern” hatte. Also nach “bottom” suchen, Überkategorie “The Body” wählen, Unterkategorie “buttocks”, und man sieht alle Synonyme von Alteneglisch bis 1968. (Ergebnis: nein, bei Shakespeare gibt es diese Bedeutung noch nicht.) Jedenfalls alle, die das OED kennt. Ich habe nach Pulp-Fiction-Vokabular gesucht, da war nicht alles drin. Und unter “sexual intercourse” ist der Erstbeleg für “(to) shtup” erst 1969? Wird schon stimmen, ich hätte auf älter geschätzt.

Conan, Thor und Google Ngrams

Conan, das Musical:

Neuverfilmung kommt dieses Jahr.

Thor:

Sieht schlimm aus. Die Superhelden-Comic-Serie Thor halte ich selbst unter den besten Bedingungen für schwer verfilmbar: ein germanischer Gott mit langen blonden Haaren, buntem Cape und fliegendem Hammer kommt auf die Erde. Nicht leicht. Aber mutig: nach den Verfilmungen von Hulk, Iron Man und Captain America (Mitte 2011) werden diese einzelnen Helden nämlich zu einem gemeinsamen Film The Avengers zusammentreten, ganz nach Vorbild der Hefte aus den frühen 1960ern.
Aber eine funktionierende Thor-Verfilmung sieht anders aus. Die germanische Götterwelt darf nicht futuristisch und schon gar nicht klinisch-kalt wirken. Und beides tut sie im Trailer. Wo ist der gebratene Keiler mit dem Messer im Rücken, aus denen man sich ein Stück herausschneiden kann? (Gut, das ist Walhalla, nicht Asgard.) Wo sind die Bierkrüge, die zotigen Lieder? Rauch und offenes Feuer, prächtige Gelage? Stattdessen herrscht auf Asgard eine Stimmung wie auf dem Todesstern. Nenene, als Fantasy-Film wäre das machbar gewesen, aber als Superhelden-Science-Fiction nicht.

— In meiner 9. Klasse mussten die Schüler in der Schulbibliothek Bilder suchen, also Metaphern und dergleichen, und bibliographische Angaben sowie die Signatur des Buches herausschreiben und das Bild dann in der Klasse vorstellen und analysieren. Unter anderem tauchte dort der Backfisch auf, den einige Schüler gar nicht kannten und die anderen nur als gebackenen Fisch. Die Vorstufe “Backfisch” zur späteren “jungen Dame” kannte gar keiner mehr. Und ich war mir auch nicht so sicher, ob sie mir das glaubten. Aber wenn die Schüler schon kein Vertrauen in mich haben, dem Internet glauben sie ja alles. Also zeigte ich ihnen den Google Ngram Viewer, ein tolles neues Spielzeug von Google.

Google hat ja viele Bücher eingescannt, die sie zum Teil auch noch lange nicht veröffentlichen dürfen. Aber Tante Google hat daraus schon mal einen Korpus zusammengestellt, eine Datenbank, in der steht, welches Wort in welchem Jahr in einem dieser Bücher veröffentlicht wurde. Und damit kann man zum Beispiel das Suchwort “Backfisch” eingeben und als Sprache Deutsch auswählen:

Man sieht, der Backfisch hatte seinen großen Aufstieg von 1900-1920, erholte sich kurz in der unmittelbaren Nachkriegszeit, und ist heute weniger populär.

Daraufhin wollte ein Schüler “knorke” analysiert haben. Ich glaube, das hatte ich mal als Beispiel für vergangene Jugendsprache gebracht. Also gut:

Man sieht deutlich, dass das Wort erst 1920 auftaucht.

Dann sollte ich “Nerd” eingeben, immer noch im Korpus deutscher Veröffentlichungen:

Soweit nichts Überraschendes. Das Wort dümpelt vor sich hin und wird ab Ende der 1980er Jahre kontinuierlich immer häufiger. Yay! Allerdings habe ich mir dann auch mal die Häufigkeit des Wortes von 1800-2000 angeschaut, und siehe da: im 19. Jahrhundert hatte das Wort eine Blütezeit!

Wo kommt das denn her? Das Grimmsche Wörterbüch enthält den Begriff gar nicht (Onlinefassung). Auch für englische und amerikanische Bücher gibt es viele Belege für das 19. Jahrhundert; das (Shorter) Oxford English Dictionary im Regal kennt allerdings keine Nerds. Wikipedia nennt als Erstbeleg ein Buch von Dr. Seuss – bekannt für seine Wortschöpfungen – von 1950. Ziemlich sicher sind die Belege aus dem 19. Jahrhundert also etwas anderes. Ein häufiger Scanfehler? Eine heute unbekannte Abkürzung?

Sprachliche Bilder 1: Metaphern und Vergleiche

(Nach einer Diskussion auf der Mailingliste und einem Beitrag bei JochenEnglish jetzt auch hier etwas dazu.)

Bei einem poetischen, literarischen Vergleich werden zwei Dinge miteinander verglichen, die etwas gemeinsam haben. Das heißt: so gut wie alles kann verglichen werden – das menschliche Gehirn ist gut darin, herauszufinden oder auch zu erfinden, was die Sachen gemeinsam haben könnten.

Bei der Untersuchung eines Vergleichs sollen sich die Schüler jeweils fragen: 1) welche zwei Dinge werden verglichen, und 2) vor allem, welche Gemeinsamkeit wird dadurch nahegelegt?

In der Schule nehme ich als Beispiel gerne die Gedichtzeile: “My love is like a red, red rose.” Hier wird die Angebetete des Sprechers mit einer Rose verglichen. Was haben sie gemeinsam? Beide sind schön, kostbar, exquisit. Beide riechen gut, fühlen sich gut an. Beide können stechen, sagen die Schüler dann, und ich bitte darum, das Bild nicht mit einem anderen Bild zu erklären. (Die angebetete Frau sticht sicher nicht im wörtlichen Sinn.) Also gut, ändern wir das in: beide können verletzen. Beide können welken sind vergänglich in ihrer Schönheit.

Dass dieses Gemeinsame beim Vergleich nicht ganz einfach zu benennen ist, unscharf und Gefühlssache bleibt, macht den Reiz literarischer Vergleiche und Metaphern aus. Bei Allerweltsmetaphern fällt einem da weniger ein: “Glühbirne” – so ein Leuchtedings wird mit einer Birne verglichen, weil, weil, weil die so eine ähnliche Form haben. Und von oben herabhängen, das war’s dann schon. Andererseits kann auch manche tote Metapher noch Überraschendes zeigen, wenn man mal genau hinschaut. “Wellenreiten” etwa – die Bewegung auf einem Pferd wird verglichen mit der Bewegung auf einem Surfbrett. Die Körperhaltung ist sich ein wenig ähnlich, die geöffneten Beine. Das Unsichere, Schwankende der Bewegung. Die Gefahr des Absturzes, die fehlende völlige eigene Kontrolle, die leichte Auf- und Abbewegung.

Solche Bilder gibt es auch in der Werbung. In der hier werden ein Pferd und Kaffee miteinander verglichen. Weit hergeholt? Man kann nun mal alles vergleichen, auch Pferde und Kaffee, wenn man will. Freundlicherweise erklärt uns die Werbung den Vergleich explizit, sonst würde man nicht so schnell darauf kommen:

“Temperament, Eleganz, Klasse” – das hat das Pferd mit diesem Kaffee gemeinsam. Und natürlich die Farbe, auch wenn die nicht als Teil des tertium comparationis genannt wird. Werbung ist voller derartiger Bilder, auch wenn die meisten Metaphern keinesfalls erklärt werden, sondern ihre Wirkung auch so erfüllen sollen. Autowerbung dürfte da ganz typisch sein, auch wenn mir im Moment keine weiteren Metaphern einfallen.

Scherze kann man auch treiben mit Vergleichen, wenn auch nur mäßig witzige. Man lässt den Hörer erst die eine Basis des Vergleichs erwarten und präsentiert dann eine andere: “Du hast Beine wie ein Reh. (Pause.) Nicht so schlank, aber genauso haarig.” “Du bist wie ein Fuchs. (Pause.) Ned so schlau, aber so gstinkert.”
Da ist Voltaire schon lustiger:

Bei einer Beerdigung fragte man Voltaire, wie er die Grabrede fände. “Wie das Schwert Karls des Großen”, erwiderte er. Und als niemand diese Anspielung verstand, fügte er hinzu: “Lang und flach.”

(Aus einer Anekdotensammlung im Bücherschrank meiner Eltern.)

In eine ähnliche Ecke gehört auch die Klappentextmetapher. Auf den Diogenes-Bänden von Ray Bradbury stand zumindest früher das Zitat: “Ray Bradbruy ist der Louis Armstrong der Science Fiction” (Kingsley Amis). Man denkt: weil der so virtuos, so elegant, so munter, fröhlich, gut ist. Tatsächlich meint Amis in der Quelle den Vergleich explizit so: selbst Leute, die von diesem Spezialgebiet (der Science Fiction, des Jazz) keine Ahnung haben, haben den Namen schon einmal gehört.

Manchmal wird so ein Vergleich gleich über mehrere Zeilen ausgebreitet, das heißt dann extended metaphor/simile oder sogar conceit und war besonders bei den metaphysical poets des 17. Jahrhunderts beliebt. Hier wird der Vergleich gleich im Gedicht analysiert:

Go, lovely Rose –
Tell her that wastes her time and me,
That now she knows,
When I resemble her to thee,
How sweet and fair she seems to be.

Tell her that ‘s young,
And shuns to have her graces spied,
That hadst thou sprung
In deserts where no men abide,
Thou must have uncommended died.

Small is the worth
Of beauty from the light retired:
Bid her come forth,
Suffer herself to be desired,
And not blush so to be admired.

Then die – that she
The common fate of all things rare
May read in thee;
How small a part of time they share
That are so wondrous sweet and fair!

Edmund Waller 1606–1687

Fast schon ein conceit ist auch diese Metapher von Wolfram von Eschenbach (etwa 1170-1220) in einem tageliet. In dieser Gattung geht es stets darum, dass der Morgen anbricht und das Paar von heimlich minnendem Ritter und Minnedame trennt:

Sîne klâwen
durch die wolken sint geslagen,
er stîget ûf mit grôzer kraft,
ich sich in grâwen
tegelîch, als er will tagen,
den tac

Hier wird das Hereinbrechen des Morgens, die Streifen von Sonnenlicht durch die Wolken, verglichen mit den Klauen eines Raubtiers, das irgendeinen undurchsichtigen Vorhang zerreißt. Die Basis des Vergleichs: die Risse in der undurchsichtigen Hülle, durch die Spuren des Verursachers brechen, die drohende Gefahr, die Aussichtslosigkeit, sich ihr zu widersetzen. Im tageliet bedeutet der Morgen ja die Gefahr, erwischt zu werden.

Das war dann auch eine Personifikation, eine Sonderform von Vergleich und Metapher. Metaphern sehe ich übrigens mehr oder weniger nur als Kurzform des Vergleichs. Natürlich gibt es auf der einen Ebene einen Riesenunterschied: wenn man einen Vergleich aufstellt, lädt man ein, dem Gedankengang zu folgen (my love is like a red, red rose – kann man auch so sehen oder nicht); bei einer Metapher stellt man eine Behauptung auf, die sachlich unwahr ist (my love is a red rose). Bei einem Vergleich wird häufig die Basis des Vergleichs – das tertium comparationis – genannt, bei einer Metapher nur selten. Trotzdem ist der Unterschied für mich nicht sehr wichtig.

Vergleiche und Metaphern zum Üben:

  • Sie roch so, wie das Taj Mahal bei Mondschein aussieht. (Raymond Chandler) – schön, exotisch, überwältigend, nicht sehr subtil, fast ein bisschen kitschig?
  • Es war, als hätt der Himmel / Die Erde still geküsst (Eichendorff)
  • “Daten sind das Müllproblem der Informationsgesellschaft” (Bruce Schneier)
  • Und frische Nahrung, neues Blut / Saug ich aus freier Welt / Wie ist Natur so hold und gut, / Die mich am Busen hält! (Goethe)
  • Das Land der Griechen mit der Seele suchen. (Goethe)
  • “Das jüngste Konjunkturpaket ist für den Bildungsbereich nur eine Dopingspritze, um Fassaden zu verschönen”, warnt Ludwig Eckinger, Bundesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE). “Wenn erst richtig realisiert wird, welcher enorme Schuldenberg aufgeschüttet wird, droht dem Bildungsbereich eine Hungerkur ohnegleichen.”

    – puh, ich zähle mindestens fünf Metaphern in diesem Zitat, auch ohne die toten Bilder, die in unserer Sprache historisch ohnehin in jedem zweiten Wort sein dürften. Erziehung, Verband, Vorsitzender, Bildung, alles mal Bilder gewesen.

Warum muss man Bilder überhaupt analysieren? Muss man gar nicht. Aber Analyse ist ein Weg, um ein Gespür für Bilder zu kriegen, und dieses Gespür muss man erst erwerben. Dann können Bilder erst ihre Wirkung entfalten. Diese Wirkung besteht selten darin, “dass man sich die Sache besser vorstellen kann”. Sondern darin, einen bestimmten Aspekt der Sache zu betonen, eine Sichtweise zu ermöglichen, auf die man sonst nicht gekommen wäre.

(Zweiter Teil: Metonymie und Symbol.)

Who writes like who? Verzeihung, whom. Oder doch who?

Nettes Spielchen: I Write Like, eine Seite, bei der man einen zusammenhängenden englischen Text eingibt, theoretisch selbst verfasst, und die Maschine sagt einem dann, welchem – Englisch schreibenden – Autor man ähnelt. (via Anke Groener)

Ich habe natürlich ausprobiert, was geschieht, wenn man gleich Texte englischer Autoren eingibt. Heraus kam:

  • Ray Bradbury schreibt wie Stephen King.
  • Rudyard Kipling schreibt wie Vladimir Nabokov.
  • Robert Leslie Bellem schreibt wie Nabokov.
    Oder wie H.G. Wells, wenn man den Textausschnitt erweitert.*
  • William Faulkner schreibt wie Margaret Mitchell.
  • Ernest Hemingway schreibt wie Raymond Chandler.
  • Henry James schreibt wie H.P. Lovecraft.
  • H.P. Lovecraft schreibt wie H.P. Lovecraft.

* Bellem muss man nicht kennen. Ein Spitzname für ihn ist Shakespeare of the Spicies. Pulpautor vom Feinsten.

Dass Hemingway und Chandler sich ähnlich sind, da ist etwas dran. Henry James und Lovecraft dagegen… das müsste man untersuchen.
Mögliches Spiel, auch für die Schule: man gibt einen Text eines selbst gewählten Autors ein und schaut, wem dieser Autor ähnelt. Dann muss man ein Textstück des neuen Autors suchen und eingeben und wiederum schauen, wem dieser ähnelt. Und so weiter, bis man irgendwann zu einem Autor kommt, der sich selber ähnelt, wie Lovecraft in meinem Versuch oben.