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Derberer Humor

Was ein roast ist, weiß ich seit 1982, als ich das Comic-Heft Fantastic Four Roast #1 las:

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(Titelbild: Fred Hembeck und Terry Austin)

Das ist eine festliche Veranstaltung zu Ehren eines Gastes, der während dieser Veranstaltung von Gastrednern durch den Kakao gezogen wird.

Berühmt sind die Roasts des Friars Club in New York. Zum ersten Mal habe ich, glaube ich, in einem Buch über Vaudeville davon gelesen. Von 1998-2002 wurden die Roasts vom Kabelkanal Comedy Central übertragen; seit 2003 produziert der Kanal eigene solche Veranstaltungen – jeweils behutsam fürs Fernsehen zurechtgeschnitten. Auf Youtube kann man etliche dieser Sendungen sehen, hier ist ein vorzeigbarer Zusammenschnitt aus dem Roast von Charlie Sheen:

Die Witze der Festredner – alles bekannte Komiker und Schauspieler – sind teilweise ziemlich derb. Also nix mit Gürtellinie oder so. Ich verstehe nicht alle, weil ich behütet aufgewachsen bin und viele Witze mehr Wissen um damaliges amerikanisches Prominenten-Tagesgeschehen erfordert, als ich habe – aber doch die meisten. Die Gastredner ziehen auch über einander her, und am Schluss erhält der Ehrengast Gelegenheit zu einer ausführlichen Replik.

In einem Interview wird Sarah Silverman zu einem Austausch beim James-Franco-Roast befragt, als sie sich über Jonah Hill lustig machte und der sich darauf revanchierte. Wie man sich da fühlt und so. (Wie viel von so etwas eventuell doch scripted ist, kann ich nicht beurteilen.) Ich wundere mich, dass das das deutsche Privatfernsehen das Konzept noch nicht für sich entdeckt hat.

Berühmt geworden ist der Friars Club Roast von 2001 zu Ehren von Hugh Hefner. Das war wenige Wochen nach den Attentaten auf Washington und New York, nach den Twin Towers. Der Komiker Gilbert Gottfried machte die ersten Witze darüber. Das kam wohl nicht gut an beim Publikum. Hier ein Zeitungsbericht über die Veranstaltung. Aber Gottfried gelang es, die Gunst des Publikums wieder zu gewinnen, die Stimmung wieder herzustellen, indem er “The Aristocrats” erzählte, bis einzelne Leute auf dem Boden lagen vor Lachen.

“The Aristocrats” – kann man alles nachlesen im Internet – ist ein Witz mit einer langen Tradition, den sich Komiker gegenseitig erzählen. Auf der Bühne, vor Publikum, hat er eigentlich nichts zu suchen und wird auch nicht aufgeführt. Der ist mehr so eine Insidersache. Eigentlich ist er nur das Skelett für eine zu improvisierende Handlung. Er beginnt damit, dass eine Künstlerfamilie – meist Vater, Mutter, Kinder, Hund – einem Agenten eine Vaudeville-Nummer ankündigt. Dann folgt die improvisierte, nicht festgelegte Beschreibung der Nummer, die möglichst tabubrechend ist, voller Sex und Gewalt und Fäkalien, Inzest, Vergewaltigung, Mord. Am Schluss fragt der Agent: “Und wie heißt diese Nummer?”, worauf die Antwort – tadaa! – stolz lautet: “The Aristocrats!” (Anfang der Doku bei Youtube.)

Benjamin Appel, The People Talk

Die 1930er Jahre der USA interessieren mich besonders. Angefangen hatte das mit den Filmen von Fred Astaire & Ginger Rogers, mit den Abenteuern des Pulp-Helden Doc Savage, dann kam das dazu, was heute OTR (Old Time Radio) heißt. Über ein paar Umwege bin ich dann hier gelandet:

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In dem Bestseller von 1940 beschreibt Appel eine Reise durch die USA, vom Nordosten quer durch bis an die Westküste, dann durch den Westen und den Süden wieder zurück. Dabei geht es nicht um Reisebeschreibung, die wird nur am Ende mancher Kapitel in ein paar lyrischen Zeilen abgehandelt. Auch Appel selber hält sich im Hintergrund, es geht nicht um ihn, auch wenn er präsent ist – er spricht mit Leuten, lässt sich Dinge zeigen und erklären: Eine industrielle Schlachterei in Chicago, die Mäh- und Dreschmethoden von Bauern; er verbringt ein paar Tage in einem Holzfällerlager, fährt mit Fischern auf Fang, schaut bei einer Demonstration für Rentengesetzgebung und einem Dreh in Hollywood zu, His Girl Friday übrigens. (Die vielen Fachausdrücke beim Fischen, Schlachten, Holzfällen gingen deutlich über die Grenzen meines Wortschatzes hinaus.)

Immer wieder geht es um das Verhältnis von Arbeitern zu Fabrikbesitzern, vom sharecropper zum Grundbesitzer, von Kleinbauern zu Lebensmittelindustrie, und um Organisation. Die Menschen sind arm, erst mit dem kommenden Krieg werden sich die USA aus der Depression befreien. Die Arbeitsbedingungen sind brutal; das kann man sich heute nur noch vorstellen, wenn man nach China schaut. Das Verhältnis zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern ist gespannt, es kommt immer noch zu Überfällen, Schlägereien; Ford betreibt ein ausgefeiltes Spitzelsystem. Die letzte Station der Rundreise ist Washington, DC, die Mitschrift einer Sitzung im Repräsentantenhaus. Es geht unter anderem um die Fortführung des im vorigen Jahr gegründeten Komittees gegen unamerikanischen Aktivitäten. Mr. Robison aus Kentucky hat bereits für die Gründung gestimmt, Mr. Alexander aus Minnesota glaubt, dass nur Faschisten und Kommunisten etwas gegen so ein Komittee haben könnten, auch Mr. Dempsey aus New Mexico spricht sich dafür aus. Nur Vito Marcantonio, Mitglied der Labor Party und für diese 1939 bis 1956 im Repräsentantenhaus, spricht dagegen. (Ja, Kinder, so etwas gab es mal in den USA. Hier kann man seinen Redebeitrag nachlesen, unter dem 23. Januar 1940.) Wir wissen ja, wie es weiterging mit diesem Komittee.

Die Art des journalistischen Reisesachbuchs war damals wohl popuär, entnehme ich dem Internet. Mir gefällt daran, dass der reisende Journalist sich zwar zurückhält, aber nicht verleugnet. Auf einem Teil der Strecke ist auch seine Frau dabei. Das Buch erinnert daran, dass die USA einmal anders waren, als man sie sich heute vorstellt. Über den Alltag in Deutschland in den 1930er Jahren weiß ich übrigens viel weniger, weil ich da keine Bücher gelesen habe und die Erinnerungen und Erzählungen meiner Eltern erst in den frühen 1940er Jahren beginnen.

(Dieser Benjamin Appel ist tatsächlich derselbe, der in Wikipedia und selbst in den Notizen zum Guide to the Benjamin Appel Papers nur als Autor von Pulp-Kriminalgeschichten – Generation Dashiell Hammett – in Erscheinung tritt. Am meisten Biographisches steht in diesem NYT-Artikel von 2006.)

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Auf das Buch gekommen bin ich über das Begleitheft zu der CD-Box “Songs of the Depression”. Kann ich nur empfehlen, hinter dem Link kann man in die 88 Musikstücke reinhören; die Titel allein erzählen eine eigene Geschichte.

Gekauft hatte ich mir die Box, weil ich einige der Lieder schon kannte, allen voran “Ten Cents A Dance” und “Brother, Can You Spare A Dime?” – möglicherweise die Hymne der Depressionszeit. Auf dieses Lied gekommen war ich über Phil Harris. Der singt Balu in Disneys Dschungelbuch, war Bandleader bei Jack Benny und danach in den frühen 1950ern Star seiner eigenen Radioshow, zusammen mit Alice Faye, seiner Frau, selber noch eine größere Berühmtheit. “The Phil Harris & Alice Faye Show” ist einer meiner Old Time Radio Favoriten. Phil & Alice spielen sich selber, Elliott Lewis den trinkfreudigen Freund und Musiker, dazu zwei Kinder, Nachbarsjunge, Schwager, schräge Handlung, und zwei Musiknummern pro Episode, etwa Phil & Alice im Duett mit “Baby, It’s Cold Outside.” (Hier kann man alle erhaltenen Folgen anhören oder herunterladen.)

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Und auf einer Phil-Harris-CD war ich auch auf “Brother, Can You Spare A Dime?” gestoßen. Wenn man das Lied kennt, stößt man immer wieder darauf, in Bugsy Malone, einer Episode von Neil Gaimans Sandman, oder gespielt in einer Fußgängerzone, und nicht zuletzt auch in Hard Times. An Oral History of the Great Depression von Studs Terkel, 1970 erschienen, und sicher bekannter als Appels Buch. Kein Reisebericht, keine Journalistenfigur mehr, sondern nur kurze Berichte, in der Ich-Form geschrieben, von Leuten, die Terkel interviewt und um ihre Geschichte gebeten hat. Unter anderem auch Yip Harburg, der Texter von “Brother, Can You Spare A Dime?” (und The Wizard of Oz und vielen anderen Nummern), in den 1950er Jahren auf der Schwarzen Liste. Den Text des Interviews von Yip Harburg gibt es hier, allerdings als Real Audio, für die unter uns, die das noch kennen.

Schöne Lieder

Schon mal verlinkt, aber nichts daraus geworden, deshalb jetzt eingebettet: Jonathan Coulton, “The Presidents”.

Washington came first and he was perfect,
John Adams kept us out of war with France
Jefferson made a Louisiana Purchase
In 1812 James Madison kicked the British in the pants
James Monroe told Europe they could suck it
John Quincy Adams looked just like his Dad
Andrew Jackson got rid of all the Indians
Van Buren served one term but he wasn’t bad

Sollen die Europäer mal nicht so spotten über die geschichtslosen Amerikaner. Der Ton ist nicht so besonders, ich habe außerdem noch eine schönere Liveaufnahme.

Vielleicht kann man etwas im Englischunterricht damit machen. Ich habe mal als Teil eines Wikiprojekts den Text ausgegeben und zu den meisten Zeilen Links gesetzt, hinter denen die Schüler dann eine Erklärung zu der Zeile schreiben sollten. (Nach Recherche zum Thema natürlich.) Ich bin mir aber nicht sicher, was das gebracht hat.

  • Klar, die Schüler sind weg von der Straße und beschäftigt, noch dazu mit einer gewissen Freiheit. Das kann nie schaden.
  • Die Schüler haben gelernt, dass Man Gemeinsam An Einem Projekt Arbeiten Kann. Aber eigentlich ist dazu so ein Liedtext zu klein, jeder Schüler weiß, dass das im Prinzip eine Aufgabe für eine Einzelperson ist. Hat ja auch nur einer geschrieben, den Text.
  • Jeder Schüler hat sich ein oder zwei Daten aus der amerikanischen Geschichte etwas näher angeschaut. Kann auch nicht schaden. Ist vermutlich das Lohnendste an der Aufgabe.
  • Die Schüler haben einen vagen Eindruck davon bekommen, dass die USA eine Geschichte haben. Kann auch nicht schaden. Die besseren Schüler wussten das wohl vorher schon.
  • Selbstständiges Recherchieren, na ja, okay.
  • Was man eigentlich an dem Lied sieht: dass für das Verständnis von Texten aus einer anderen Kultur viel Faktenwissen nötig ist – Fakten, die Mitglieder dieser Kultur zu einem ordentlichen Teil kennen und man selber nicht.

Diese Wiederaufnahme eines Lied aus alten Fry&Laurie-Tagen ging auch schon durch die Blogs, ich hab’s aber noch nicht hier gehabt. Hugh Laurie ist klasse.

Horace McCoy, They Shoot Horses, Don’t They?

Spannendes Wettrennen: was kommt zuerst, Sommerferien oder Zusammenbruch? Noch eine Woche.

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Vielleicht doch mal als Schullektüre? Beim ersten Lesen vor einigen Jahren hat mich das Buch noch mehr beeindruckt, aber gut fand ich es auch diesmal noch. Interessant ist die Gattung: Das Buch läuft unter novel, ist aber schon sehr kurz, 120 Seiten, sehr großzügig gesetzt. Nur ein Handlungsstrang, strenger Aufbau – eine Novelle eben.

Das Buch erschien 1935, mitten in der Depressionszeit. Robert und Gloria versuchen erfolglos, in Hollywood Arbeit in der Filmbranche zu finden, aber es gibt keine Arbeit. Sie lernen sich zufällig kennen und beschließen, an einem Tanzmarathon teilzunehmen.

Dieser Tanzmarathon sieht so aus: 144 Paare treten an und tanzen. Rund um die Uhr. Eine Stunde und fünfzig Minuten tanzen, dann zehn Minuten Pause – um zu essen, zu schlafen, auf die Toilette zu gehen, sich zu rasieren. Nach einer Woche sind nur noch die Paare dabei, die es wirklich ernst meinen, gut siebzig. Nach und nach werden es immer weniger, nach 879 Stunden sind noch 20 Paare dabei. Das sind 36 Tage.

Warum machen die Teilnehmer mit? Ein paar hoffen auf die 1000 Dollar Preisgeld, vielen geht es nur um das regelmäßige Essen; Robert nimmt zweieinhalb Kilo zu während des Turniers.
Was springt für die Veranstalter heraus? Die Zuschauer zahlen Eintritt. Damit sich das Geschäft lohnt – Arzt, Lebensmittel, Krankenschwestern, Ansager, Saalmiete wollen bezahlt werden -, müssen viele Zuschauer kommen. Zum einen hofft man auf die Zugkraft durch Stars unter den Besuchern. Ruby Keeler (42nd Street) schaut vorbei und Alice Faye (Alexander’s Ragtime Band), von beiden habe ich einige Lieder auf dem iPod. (Weitere Namen in Kapitel 10 und 11, zum Recherchieren für Referate.)
Zum anderen lässt sich die Leitung Gimmicks einfallen: ein Paar wird – gegen Bezahlung – während des Marathons heiraten. Täglich gibt es Ausscheidungsrunden, eine Art Wettrennen, “derby” genannt. Fünfzehn Minuten traben die Paare um einen Parcours, die Männer müssen gehen, die Frauen halten sich mit einer Art Geschirr an ihnen fest und dürfen gehen oder rennen, wie sie wollen.

Ein Paar scheidet aus, weil der Mann ein gesuchter Verbrecher ist. Ein anderes wird unauffällig entfernt, weil die Frau minderjährig ist (“jailbait”) und der Mann das Weite suchen muss. Eine Frau ist schwanger, der örtliche Moralverein protestiert.

Glorias Niedergeschlagenheit und Bitternis wächst kontinuierlich. Man erfährt ein paar Details aus ihrer Vergangenheit, mehr als über Robert. Zum Schluss bittet sie Robert, sie zu erschießen. Er macht das auch; daher die angedeutet Rahmenhandlung mit einem Todesurteil für Robert vor Gericht. Deutsche Übersetzung des Titels: “Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss”.

— Leicht zu erkennen die novellentypische Symbolik: Das Leben als eine “Rennebahn”, wie es in dem dem Gryphius-Sonett heißt; ein Tanz, bei dem man nicht gewinnen kann, sondern sein Bestes geben muss, allein um nicht auszuscheiden; die Entmenschlichung der Teilnehmer.
Der Aufbau ist zwingend und unerbittlich, einmal durch die immer wieder angedeutete Rahmenhandlung, die das Ende vorwegnimmt, außerdem durch die stetige Reduktion in der Anzahl der Paare, das Mitzählen der Stunden.

— Zur Geschichte der Tanzmarathons: Ja, es hat solche Veranstaltungen gegeben, und zwar in dieser Form und mit jeweils vergleichbaren Regeln und Einlagen. Unbestätigten Quellen zufolge (besser bekannt als: das Web) dauerte der längste 22 Wochen; eine zuverlässigere Quelle spricht von 1638 Stunden, mehr als zwei Monaten.
Zuerst, noch in den 20er Jahren, war diese Tanzwettbewerb noch Ausdruck des Strebens nach mehr oder weniger albernen Rekorden: flagpole sitting oder Alleinflüge über den Atlantik. Als aber klar war, dass man damit – anders als bei anderen Rekordversuchen – als Veranstalter Geld verdienen konnte, und als es in den 30er Jahren immer mehr arbeitslose und verzweifelte Menschen gab, wurden die Tanzmarathons zu den beschriebenen menschenunwürdigen Veranstaltungen.

— Siehe auch Hands on a Hard Body, ein Dokumentarfilm von 1997 über eine jährliche Veranstaltung in Texas: 24 Teilnehmer legen eine Hand auf einen niegelnagelneuen Pickup-Truck, und wer die Hand am längsten dort lässt, ohne sich an das Auto zu lehnen oder in die Hocke zu gehen, der gewinnt das Auto. 1995 waren das 77 Stunden. Also wirklich harmlos im Vergleich zu den Marathontänzen. (Ich kenne den Wettbewerb aus dem bei Wikipedia verlinkten NPR-Radiobeitrag.)
Der Vergleich zu aktuellen Reality-Shows bietet sich an. Aber im Vergleich zur Depressionszeit geht es uns noch richtig gut.

(Die Sidney-Pollack-Verfilmung mit Jane Fonda kenne ich nicht. Klingt aber gut.)

The WPA

Frau Rau ist neulich beim Romanelesen auf einen Helden gestoßen, für den in den 30er Jahren “a spell of the WPA” anstand. Und weil sie nicht wusste, was das ist, und ich noch schneller bin als als das Internet, jedenfalls wenn ich im Nebenzimmer sitze, hat sie mich gefragt. Dank mausloser Blitzbedienung des Rechners konnte ich ihr auch in Sekunden das Lied “The WPA” von Louis Armstrong und den Mills Brothers vorspielen (1940).

Die WPA (Works Progress Administration, Wikipedia) war in den Jahren 1935-1943 eine Maßnahme der Roosevelt-Regierung gegen die Arbeitslosigkeit der Depressionszeit. Das war keine Arbeitslosenunterstützung im engeren Sinn, sondern staatlich finanzierte und organisierte Bereitstellung von Arbeit: Wer wollte, konnte immer eine Arbeit bei der WPA kriegen. Die WPA baute Straßen, Wohnsiedlungen, öffentliche Gebäude, finanzierte aber auch Theaterstücke, veranstaltete Ausstellungen, Leseförderungsmaßnahmen, Schreibworkshops, alles mögliche.

Hier ein Reklameposter der WPA mit ihren Aktivitäten:
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(Wikimedia Commons)

Es gab allerdings auch Kritik an der WPA. Ein Vorwurf war der, dass es Geld fürs Nichtstun gibt. Oder wie es in dem oben erwähnten Lied “The WPA” heißt:

Sleep while you work while you rest while you play
Lean on your shovel to pass the time away

Leider, leider gibt es keine Online-Version des Liedes. Das ist nämlich wirklich sehr flott, Louis Armstrong & the Mills Brothers. Die einseitige Sicht der WPA, die in dem Lied dargestellt wird, ist allerdings wohl ungerecht. (Deckt sich aber mit anderen fiktionalen Darstellungen.) Vielleicht gibt es deshalb eine jüngere Version des Jazzmusikers Bob Dorough, der das Spöttische, Flotte der alten Version leider abgeht:

Auch Glenn Miller hat eine Version des Liedes aufgenommen, die ist allerdings nie veröffentlicht worden und auch nicht erhalten – vielleicht war sie Miller nicht gut genug, vielleicht gab es technische Fehler bei der Aufnahme, es gibt auch Gerüchte, nach denen der Verlag keine Veröffentlichung wollte.

Alles bei Youtube:

(Siehe auch älteren Blog-Eintrag: The Great Depression.)

Holy Mackerel

Peter David ist einer der wenigen Comic-Autoren, deren Namen ich kenne. Er schreibt außerdem Drehbücher und Romane, ich habe gelegentlich auf ihn hingewiesen. Er ist der einzige, dessen Hefte ich fast immer an Erzähltechnik und Figurenrede erkenne; er ist der beste Autor, wenn es darum geht, den Figuren der großen zwei (Marvel und DC) neue Aspekte abzugewinnen. Trotzdem, und keine Sorge, außerhalb der Unterhaltungsbranche und speziell des Comic-Teils davon muss man seinen Namen nicht kennen.

Peter David führt schon seit sehr langer Zeit ein Blog, das ich seit sechs oder sieben Jahren lese. Er schreibt über Comics, Fernsehserien, Sport, Politik, Gesellschaft. Israel, Zensur, Schwulenehe. Ich hole mir da immer meine tägliche Dosis Landeskunde ab. Er hält nicht mit seiner Meinung zurück, bekennt Farbe, kneift nicht; es gibt rege Diskussionen zu seinen Blogeinträgen, meist so an die hundert Kommentare, viele Stammleser. Eines meiner Lieblingsblogs. Und jetzt hat er sich gleich zweimal Feinde gemacht. Beides weitgehend unverdient.

Zuerst hat er den neuen Generalstaatsanwalt der USA kritisiert, der in einer Rede bemängelt hatte, dass das Thema race in den USA ein Tabuthema sei. Man rede nicht genug über Rassenprobleme, und das sei feige. Peter David rügte, das sei keine Feigheit, das liege daran, dass das Thema “vergiftet” sei, zwar eben durch viele Sprecher für die amerikanischen Schwarzen, selbsternannt oder nicht. Als Nichtschwarzer etwas zum Thema race zu sagen, sei zu brenzlig. Kann nur Ärger geben. Oy. Das hätte er mal nicht schreiben sollen. Ob er recht hat oder nicht, kann man diskutieren. (Er stellt das selber auch differenziert dar.) Die Hälfte der gut 180 Kommentare bestätigen aber: Es wäre viel, viel einfacher für ihn, wenn er die Klappe gehalten hätte. Für Landeskunde interessante Aufgabe: Argumente und Gegenargumente aus den Kommentaren zu fischen, zu sortieren, zu einer eigenen Meinung dazu gelangen. (Link zum Blogeintrag.)

Das ist aber noch nichts im Vergleich zu dem shitstorm zu seinem nächsten Eintrag. Der ist landeskundlich nicht so interessant, aber es geht von ihm eine Faszination aus, die man Autounfällen zuschreibt. Ich kann nicht anders, ich lese regelmäßig die neuesten Kommentare. Sind schon über 500.
Und zwar geht es darum, dass der Forum-/Blog-Anbieter Livejournal quasi über Nacht eine Comicfan-Community vom Netz genommen hat. Scans Daily hieß die. Ich hatte nie davon gehört, Peter David auch nicht, andere auch nicht. Es war trotzdem eine aktive und vermutlich ganz angenehme Community, vielleicht eine Generationenfrage. Auf Scans Daily wurden alte und neue Comics diskutiert. Lobenswert. Dazu luden die Fans eingescannte Comicseiten hoch. Die Hausregel: Nie mehr als ein halbes Heft, keineswegs das ganze. Peter David sah das, weil seine erst letzte Woche erschienene Ausgabe von X-Factor #40 (mit massivem Überraschungsende) dort zur Hälfte zu lesen war. Peter David diskutierte dort wohl ein bisschen mit, er informierte aber vor allem Marvel Comics (den Rechteinhaber), dass da möglicherweise eine Urheberrechtsverletzung vorliegt. Soviel zu Peter David. Bald darauf schloss Livejournal unvermittelt die Seite, nachdem schon Photobucket, wo die Scans gehostet waren, einzelne Bilder vom Netz genommen hatte. Mehr weiß man nicht; die Informationspolitik von Livejournal ist wohl miserabel. Und wer ist schuld an dem ganzen? Peter David. 500 Kommentare hin und her. Viele vernünftige Stimmen, aber auch viele vergrätzte Fanboys. Die Menge an Gift und Galle ist erschreckend. Klar ist das aktuelle Copyright absolut unbefriedigend. (Selbst in den USA, wo es fair use gibt. Da sind ein oder zwei Seiten tatsächlich legal, anders als bei uns.) Genauso klar war Scans Daily illegal. Genauso dürfen Marvel und Photobucket und Livejournal mit ihrem Eigentum machen, was sie wollen. Warum kriegt Peter David den Dreck ab? Weil er sich in die Öffentlichkeit stellt. Respekt. (Link zum Blogeintrag.)

Reden analysieren: Obama

David Crystal analysiert Obamas Rede zur gewonnenen Wahl.

Liest sich so spannend wie Sportberichterstattung. (Stelle ich mir vor.) In der Welt der Thursday Next-Romane sehen so die Zeitungen aus.

(Tipp von Wolfgang aus enpaed. Jetzt habe ich den David Crystal aber auch endlich abonniert.)