Schlagwort: William Shakespeare

Macbeth in den Kammerspielen

Ich gehe nicht gerne ins Theater. Das ist immer abends, und da bin ich müde. Außerdem sind komische Leute um mich herum. Aber das Hauptproblem ist, dass ich mich da oft langweile, selbst bei Stücken, die ich zum Lesen gut finde. Ich wünsche mir beim Theater eine hohe Informationsdichte, so wie ich mir bei Fernsehserien grundsätzlich Split-Screen wünsche (also mehrere Fenster mit unterschiedlichen Szenen, gerne mit Bezug zueinander). Und wenn ich dort am Anfang der letzten Folge eines Vierteilers ein schnell geschnittenes “Was bisher geschah” sehe, wünsche ich mir einen ganzen Film, der so dicht erzählt ist wie dieser Rückblick.
Und was kriege ich meist im Theater? Eine Gruppe von Menschen, die in sicher ganz wichtigen Konstellationen auf der Bühne stehen und bedeutungsvoll schweigen. Jedes Wort im Satz betonen, und dann wieder bedeutungsvoll gucken. Und schweigen, bedeutungsvoll. Das Haupt schütteln, schweigend. — Mein liebstes Theater nehme ich bitte gleich als Hörspiel, mit viel Text, wenig Pausen dazwischen, und schneller, dichter Vortragsweise. Wo die Leute stehen und wie sie gucken, ist mir dabei egal.

Gestern abend war ich in den Kammerspielen bei Macbeth. Die Kurzfassung: es hat mir vom ersten Moment an ausgezeichnet gefallen. Und ich glaube, das liegt an der Informationsdichte der Inszenierung, obwohl es natürlich auch geholfen hat, dass die fünf Schauspieler sehr gut waren. Diese Informationsdichte wurde nicht durch Handlung und Dialog erreicht, sondern eher durch lyrische Effekte, so wie Lyrik ja auch sehr informationsdicht ist.

Es dauerte eine ganze Weile, bis die erste Worte fielen, die doch sonst das sind, was mich interessiert. Aber meine Aufmerksamkeit hatte auch so genug zu tun. Am Anfang die drei Hexen, als bunte Fairy Godmothers gekleidet, die das Publikum wortlos neckten. Allein da schon Assoziationen zu englischer Pantomime. Die drei mit deutlich unterschiedlichen Charakteren, darunter eine etwas mufflige, von einem Mann gespielt. Da hatte ich sofort Terry Pratchetts Hexen im Kopf. Dann kamen Macbeth und Banquo auf dem Schlachtfeld, von den Hexen live mit Blut getränkt, Schattenspiel im Hintergrund mit der Königskrone. (Überhaupt passierte gerne etwas auf zwei Ebenen, vorne und im Haus hinten. Ein Haus, dessen Inneres so plötzlich in Erscheinung tritt wie das Sterbezimmer von Charles Foster Kane in der Anfangssequenz von Citizen Kane.) Macbeth und Banquo als zwei Schuljungen, mit freundschaftlichem, nicht ganz konkurrenzfreien Abhängigkeitsverhältnis, die ihre innige Verbundenheit, oder zumindest den Wunsch danach, mit einem Lied aus der West Side Story ausdrücken. Dann die Botenrede vom Krieg als Live-Kriegs- und Sport-Berichterstattung mit Mikrofon. Überhaupt wurde das große Mikrofon und sein langes Kabel viel als dramaturgisches Mittel verwendet (und keinesfalls derm Lautstärke wegen): zum Singen, zum Kenntlichmachen der Öffentlichkeit der Rede, für akustische Verfremdungseffekte. Oder es wurde dem Malcolm, König Duncans Sohn, in die Hand gedrückt, damit der etwas sagt – und der kein Wort herausbrachte wie Colin Firth in The King’s Speech.

Und wir sind immer noch erst ganz am Anfang des Stücks. So dicht ging es weiter. Nicht die ganze Zeit, und der 4. Akt hatte Längen, aber das muss so sein. Vierte Akte sind immer langweilig (ist mir bei Cyrano und Twelfth Night zum ersten Mal aufgefallen). Die haben sogar ein eigenes Wort dafür in der Dramentheorie: retardierendes Moment. Das kann also kein Versehen sein, das mit den langweiligen vierten Akten, sondern Absicht. Warum, weiß ich auch nicht. Als Ausnahmen fallen mir spontan ein: A Midsummer Night’s Dream – eigentlich nur vier Akte mit einem angehängten Spiel im Spiel – und The Merchant of Venice – vier Akte mit einer angehängten Gerichtsverhandlung.

Der Text des Stücks (Übersetzung von Thomas Brasch, bearbeitet von der Regisseurin Karin Henkel und Jeroen Versteele) wurde gekürzt. Das ist völlig in Ordnung. Immer wieder wurden Passagen dabei chorartig wiederholt, teilweise auf Deutsch und Englisch, nacheinander oder nebeneinander. Sprache war dabei ein lyrisches Stilmittel (und Shakespeare ist immer für schöne Bilder gut) neben anderen, visuellen Stilmitteln.
Ein Problem habe ich nur mit dem Verwenden eines Soundtracks. Gesang und live gespielte Instrumente (das gab es auch) finde ich legitime dramaturgische Mittel. Text- und Bildeinblendungen ebenso, auch wenn es die in diesem Stück nicht gab. Aber Filmmusik, sozusagen, da fühle ich mich nicht wohl dabei. Es ist ein effektives dramaturgisches Mittel, keine Frage. Aber zu effektiv für mich, glaube ich. Aus eigenen Erfahrungen weiß ich, dass man einen selbst gedrehten Videofilm, gut oder schlecht, durch nichts so aufpeppen kann wie durch eine schöne Filmmusik im Hintergrund. Da ist sofort Spannung da, die Wertigkeit des Film steigt enorm. Text- und Bildeinblendungen haben diesen Effekt nicht. Jedenfalls mag ich Musikeinblendungen in Theateraufführungen nicht, die habe ich lieber unplugged, sozusagen,.

Wie sehen andere Theatergänger diese Inszenierung? Werden die bedeutungsschwangeren Pausen vermisst? Vielleicht wird die Inszenierung als bloße Unterhaltung gesehen. Das Stück wurde verhältnismäßig unkonventionell, aber vor allem unterhaltend inszeniert. Ich habe nicht das geringste Bedürfnis, nach einer darüber hinaus gehenden Interpretation dieser speziellen Inszenierung, ist das in Ordnung?

Ein Wort noch zu den Clowns: In Shakespeare selber ist nur der Türsteher eine komische Figur, wenn ich mich richtig erinnere. Hier waren es auch die zwei bis drei gedungenen Mörder, die Banquo und seinen Sohn Fleance töten sollen. Toll, wie die Schauspieler aus den Rollen zuvor plötzlich in diese komische Einlage wechselten. Fans der englischen Radioserie “I’m Sorry I’ll Read That Again” (ISIRTA, etwa 1964-1975) kennen etwas Ähnliches aus der Macbeth-Episode, die man etwa hier anhören und da herunterladen kann. (Der Macbeth-Sketch beginnt 15:15 die Mörder-Szene kommt ab 25:30.)

Mit Schülern habe ich Macbeth nie gelesen, war aber mal mit ihnen in einer Inszenierung und habe das Stück dazu kurz vorbereitet. Dazu habe ich die ISIRTA-Nummer vorgespielt, die tatsächlich einen guten Überblick über die Handlung gibt. Die Wortspiele und Anspielungen habe ich dazu herausgeschrieben, also setze ich die keinesfalls vollständige Liste mal hierher:

  • Titus Andronicus: tight (=dicht, betrunken) as Andronicus
  • Scene 1: (I’ve) seen one
  • blasted heath (karge Heide): blasted Heath (verdammter Heath, Prime Minister)
  • infernal Wilson (Prime Minister vor und nach Heath)
  • a foul night: fowl (Geflügel)
  • to lash (peitschen)
  • a terrible night to be abroad (unterwegs): …a broad (eine Frau)
  • I noticed a hollow (cave/hole in ground): …hullo (=hello)
  • double, double, toil and bubble (witches’ song): melody of “twinkle, twinkle, little star”
  • hail, hail, hail (=Heil): hail (=Hagel)
  • Thane (Scottish title)
  • issue (=Nachkommenschaft) : Ring a Ring o’ Roses: Kinderspiel/-lied, mit dreimal Niesen (hatch-u, hatch-u, hatch-u), gefolgt von der Zeile “all fall down” (ein Relikt aus der Pestzeit)
  • throne (Thron): throne (Kloschüssel)
  • is this a dagger which I see before me (famous line)
  • the porter told (zählen/läuten – altertümlich) the bell: to tell (erzählen)
  • Lady Macbeth began wailing (weinen, klagen): …whaling (Walfangen)
  • Thar (=there) she blows: traditioneller Ruf bei Sichtung eines Wals
  • They brought in the corpse: …brought in the cops
  • traditioneller Polizistensatz: “Hello, hello, what’s all this here then?”
  • to crown (krönen): to crown (eins auf den Kopf geben)
  • he tore his hair… and stamped on his rabbit: …his hare (Hase)
  • to wash one’s hands: euphemism for going to the toilet
  • spot, damned spot (famous line)
  • you shall be king till Burnam wood shall come to Dunsinane (famous line)
  • stronghold (Festung): stronghold (Ringergriff)
  • bulwarks (“Bollwerk” – Zinnen oder so etwas…): bollocks (Hoden – aber anderes Register)

Und natürlich ist keine Macbeth-Behandlung vollständig ohne James Thurbers geniales “The Macbeth Murder Mystery”.

“Pulp Fiction” im Blankvers

Pulp Fiction (Tarantino) im Blankvers. ‘Nuff said.

Ein gemeinschaftliches Wikiprojekt, das den Film in die Sprache Shakespeares umsetzt: The Pulp Shakespeare Project.

Vincent: And know’st thou what the French name cottage pie?

Julius: Say they not cottage pie, in their own tongue?

Vincent: But nay, their tongues, for speech and taste alike
       Are strange to ours, with their own history:
       Gaul knoweth not a cottage from a house.

Julius: What say they then, pray?

Vincent: Hachis Parmentier.

Julius: Hachis Parmentier! What name they cream?

Vincent: Cream is but cream, only they say la crème.

Julius: What do they name black pudding?

Vincent: I know not;
       I visited no inn where’t could be bought.

(Source)

Jeder kann mitmachen, viele Stellen sind noch nicht übersetzt, andere gibt es in mehreren Varianten.

Vincent: But wait, for half my tale is yet untold.
       Were I to ask thee how the Hollanders
       do garnish their patatas, wouldst say thus:
       “The sweet, luxurious sauce of fair Mahon,
       with olive’s oil and creamy yolk of egg,
       well known as garnish meet for tubers”–aye?

Julius: Is it not so?

Vincent: God blind me if it were.
       The Lowland-men, who must distracted be,
       do grind up crimson nightshade and concoct
       a loathsome sauce, _ketjap_ by name, which doth
       no doubt inflame their fevered brains anew,
       perpetuating their insanity.

Julius: God’s truth! I can believe it not.

Vincent: Oh, aye,
       and not a little do they thus employ;
       but rather the patatas drown therewith.

Julius: ‘Tis an abomination, by my faith.

Dann also Hamlet

Wo ich schon den Roman ausgesucht habe, wollte ich meinen Schülern im LK wenigstens die Entscheidung überlassen, welches Shakespeare-Stück sie lesen wollen. Der Hauptgrund ist vermutlich doch der, dass mir die Entscheidung selber schwer fällt. Mit vielen Stücken kann man Schönes machen.

  • Romeo & Juliet: Übersichtlicher Aufbau, viel spannende Handlung, sprachlich schön. Sehr witzig. Viele kennen das Stück schon. Das ist ein Vorteil oder ein Nachteil. Man kann Shakespeare in Love dazu anschauen und die sehr gelungene Baz-Luhrmann-Verfilmung. (Der hat übrigens auch Strictly Ballroom gemacht.)
  • Macbeth: Liest der Parallelkurs. Läuft gerade in München. Ist schön kurz. Die Hexen sind ikonisch. Die Handlung ist nicht ganz so übersichtlich, die Sprache interessiert mich bis auf einige tolle Szenen nur mäßig. Gibt interessante Verfilmungen. Eine tolle Parodie von I’m Sorry I’ll Read That Again, dazu Thurbers “The Macbeth Murder Mystery”. Ein eher humorloses Stück, geht’s mir weg mit dem Torwächter.
  • Midsummer Night’s Dream: Lustig. Bei allem Durcheinander doch sehr übersichtlich. Hat der halbe Kurs schon mal mit mir im Theater gesehen, davor haben wir ein paar Stunden dazu gemacht. Aber untypischer Aufbau. Tolle Charaktere, aber nur mäßig tolle Dialoge. Ich könnte wieder mit meinem Puppenthetar hausieren gehen. Verfilmt mit Michelle Pfeiffer und Kevin Kline, Rupert Everett und Calista Flockhart. Die Neil-Gaiman-Version davon im Sandman.
  • Twelfth Night: Aus historischen Gründen eines meiner Lieblingsstücke. Ich glaube aber, dass Schüler das nicht so lustig finden wie ich. Much Ado ginge. Den Anfang von Henry V mache ich so oder so. The Tempest mag ich auch seit der 11. Klasse, da habe ich eine BBC-Fassung rauf und runter gesehen, auf Deutsch allerdings. Richard III würde Frau Rau freuen und gäbe mir einen Grund, mich mit dem Stück zu beschäftigen; uich kann mich nicht mehr an viel erinnern. Und und und.

Die Schüler machten selber Vorschläge und stimmten ab und entschieden sich für:

  • Hamlet

Und zwar ziemlich eindeutig.

Ich nehme an, sie trauen sich was zu und wollen, wenn schon Shakespeare, dann gleich voll einsteigen. Das Stück ist lang, es passiert eigentlich nicht viel (das ist ja der Punkt), trotzdem ist es voller schöner Stellen. Witzig. Ein Spiel im Spiel; es gibt Verfilmungen; eine schöne Radiofassung habe ich auch. Von Will Eisner gibt es den Hamlet-Monolog schön interpretierend illustriert. (In Comics & Sequential Art.) Ich muss mir mal wieder die Verfilmung von Rosencrantz & Güldenstern sind tot anschauen, wie gut sie sich gehalten hat. Damals im Kino hat sie mir sehr gefallen.

Dann also Hamlet.

The Ultimate Coffee-Table Book

Für Weihnachten ist es fast schon zu spät; Amazon verspricht nicht, dass das Buch noch davor geliefert werden kann. Aber vielleicht ist ja jemand kurzentschlossen und kennt einen Anglisten, der sonst schon alles hat. Ich habe mir das Buch schon vor einigen Monaten gekauft, gebraucht, aber wie neu. 110 Euro, das ist viel, aber dann auch wieder weniger, als ich gedacht hätte.

Hier ist es jedenfalls:

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Eine Faksimile-Ausgabe des First Folio (Wikipedia).

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Brauchen tut man eine Folio-Ausgabe zu Hause nicht. Es gibt auch Folio-Faksimiles im Web einzusehen. Für die Schulbibliothek ist so eine Ausgabe eher sinnvoll. Große Angst gäbe es vielleicht davor, dass Schüler ine in teures Buch hineinschmieren, aber nach dem ersten Erschrecken darüber wäre es vielleicht sogar reizvoll, eine Ausgabe zu haben, an der Generation von Englischschülern sich vergangen haben. (Ist nur ein Wunschtraum; die Grenze zwischen Randbemerkung und Sachbeschädigung ist für Schüler zu leicht zu übertreten.)

Trotzdem ist es schön, das Folio selber zu besitzen. Ich mag Shakespeare. Allein das Format ist imposant, der Text leicht zu lesen, wenn man ihn denn eh schon kennt.

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Vermutlich wurden etwa 1000 Exemplare des Folios gedruckt, 228 davon existieren nach aktueller Zählung heute noch. Jede einzelne Ausgabe besteht aus unterschiedlichen Druckbögen, da gleichzeitig gesetzt, gedruckt, verbessert und gebunden wurde. Das heißt, jede Ausgabe unterscheidet sich in manchen Seiten von den anderen. Die Faksimileausgabe ist eine Zusammensetzung verschiedener Folioausgaben: Die Herausgeber entschieden bei jeder Seite, welche die besterhaltene Ausgabe dafür war. Über das Folio ist viel geforscht worden: Wieviel Schreiber daran beschäftigt waren, welcher davon wie gut ausgebildet war und welche Eigenheiten hatte. Details dazu und zur Rolle des First Folio für Shakespeare-Ausgaben (Macbeth ist zum Beispiel nur hier überliefert) gibt es bei Wikipedia.

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Folio heißt übrigens, dass man einen großen Bogen Papier nimmt und einmal faltet. Das gibt dann vier bedruckte Seiten im Buch. Im Quartformat faltet man den ursprünglichen Bogen zweimal (und schneidet die Ränder auf). Das gibt acht Seiten.

Folio (2°) – einmal falten, vier Seiten
Quart (4°) – zweimal falten, acht Seiten
Oktav (8°) – dreimal falten, sechzehn Seiten
Duodez (12°) – vierundzwanzig Seiten, ein bisschen komplizierter zu falten

Ein Folio war und ist natürlich prestigeträchtiger als ein kleiner Oktav- oder gar Duodezband. Die berühmteste Beschreibung der Formate ist vielleicht die von Herman Melville in Moby Dick. Als es dann endlich um Wale geht, klassifiziert der Erzähler sie nach der Größe: Foliowale, Quartwale, Oktavwale und schließlich die Duodezwale (Tümmler, Delphine).

Shakespeare, Sommernachtstraum

Mit Teilen des Englisch-LK war ich letzten Donnerstag im Theater, A Midsummer Night’s Dream. Und da man Schüler nicht unvorbereitet auf Shakespeare loslässt, habe ich im Schnelldurchgang ein paar Stunden zur Einführung in den Sommernachtstraum gemacht. (Welches Stück wir später lesen, steht noch nicht fest; ich spreche mich da mit dem Parallelkurs ab.)

Zuerst ein Tafelbild, nicht ganz so kompliziert wie das folgende, aber durch den allmählichen Aufbau sind Tafelbilder ja auch leichter nachzuvollziehen als fertige Diagramme:

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Dann habe ich den Schülern die ersten Minuten der Papiertheater-Version gezeigt, die ich mal mit Neuntklässlern gemacht habe. Die ersten Seiten eben der 600-Zeilen-Fassung für das Papiertheater haben wir dann auch gelesen. Man kriegt ein Ohr für den jambischen Pentameter, die Sätze werden notgedrungen kürzer und übersichtlicher und man kann die Handlung verfolgen – zugegeben, die Bildqualität leidet unter der Knappheit. Bei der Inszenierung erkennt man zumindest immer wieder mal Stellen wieder und findet sich zurecht.

Ich denke, es ist sehr hilfreich, mehrfach den gleichen Text zu lesen. Wir haben diese Pille versüßt dadurch, dass wir nach der Kurzfassung den Anfang einer kritischen Ausgabe gelesen und verglichen haben, und danach den Anfang als Faksimile der ersten Folio-Ausgabe.

Die Inszenierung war dann auch in Ordnung. Knapp zweieinhalb Stunden mit Pause, Schülervorstellung. Viel Wert wurde auf Slapstick gelegt, das Publikum war’s zufrieden, und das ist sicher im Sinne Shakespeares. Mir ist dabei allerdings aufgefallen, dass mich das Stück deutlich weniger interessiert als andere bekannte Shakespearedramen. Keine knackigen Monologe, wenig echte Tragik, zwei kaum auseinander zu haltende Liebespaare. Bottom ist tatsächlich noch die interessanteste Figur.

Sehr spannend sieht diese Multiplayer-Adventure zum Sommernachtstraum aus, Midsummer Madness. Läuft leider in unserem Rechnerraum nicht, sonst hätte ich das mit Schülern gemacht.

Der Humor im letzten Akt stammt ja aus der dilettantischen Aufführung der Handwerker, voller Fehler und Versprecher. Das hat mich erinnert an The Farndale Avenue Housing Estate Townswomen’s Guild Dramatic Society’s Production of Macbeth von David McGillivray und Walter Zerlin jr. Von den beiden Autoren gibt es noch eine ganze Reihe Stücke um diese Dramatic Society. Gespielt wird jeweils, wie die liebenswerten, aber doch sehr amateurhaften Damen der Farndale Avenue Jousing Estate Townswomen’s Guild Dramatic Society (darunter die resolute Mrs Reece, die nervöse Felicity) ein Stück aufführen, und die Aufführung gerät jedes Mal zu einer kleinen Katastrophe. Voller Versprecher, fehlender Requisiten, umstürzenden Wände, ausfallender Beleuchtung. Tee und Kekse während der Pause, versteht sich, zusammen mit Broschüren mit Neuigkeiten aus dem Gemeindeleben.

The Way of the World

Das 17. Jahrhundert war eine tolle Zeit in England: Am Anfang machte sich Shakespeare noch in Twelfth Night über die Puritaner in Gestalt von Malvolio lustig – religiöse Eiferer, aber auch Reformer, die Kirche wie Krone lästig fielen. Eine radikale Gruppe setzte sich 1620 nach Amerika ab: Die Pilgerväter auf der Mayflower.
Die republikanische Bewegung gewann in England immer mehr Einfluss, es kam zum Bürgerkrieg, der König Charles I wurde hingerichtet und die Republik ausgerufen: zuerst das Commonwelath of England (1649-1653) und danach das Protectorate (1653-1659) mit Oliver Cromwell als Alleinherrscher. Lange Geschichte.

Unter den Puritanern war das Theater weitgehend verboten. Die Monarchie setzte 1660 mit der Rückkehr von Charles II aus dem Exil wieder ein, und die Leute holten nach, was sie verpasst hatten. Charles II schätzte Frauen und Theater. 1665 kam die Pest nach England, 1666 war der große Brand von London. Charles II starb 1685, sein Bruder machte als (katholischer) James II weiter, doch der wurde schon 1685 in der Glorious Revolution abgesetzt und durch William und Mary (protestantisch) ersetzt. Die unterschrieben die Bill of Rights und waren weniger sinnenfroh als die Vorgänger.

Das Drama der Restaurationszeit brachte unter anderem tolle Komödien hervor: Geistreich, moralisch ambivalent, unterhaltsam. Einige werden auch heute noch immer wieder gespielt.
In The Country Wife von William Wycherly lässt Harry Horner das Gerücht verbreiten, er sei impotent, so dass ihm die anderen Herren der Gesellschaft ihre Frauen auch ohne Aufsichtsperson überlassen. Unter den Frauen spricht sich aber schnell herum, dass das nicht stimmt. Die berüchtigtste Szene ist die china scene, in der Horner mit einer Frau in seinem Kabinett ist. Der Ehemann steht vor der Tür und hört zu und lacht darüber, wie sehr der arme Horner von der Frau bedrängt wird: Sie bettelt Horner darum an, ihr sein Porzellan zu zeigen, und er weigert sich. Schließlich zeigt er ihr’s aber doch. Dem Zuschauer (aber nicht dem Ehemann) wird durch viele Zweideutigkeiten klar, dass es tatsächlich wohl kaum um Porzellan geht.

Zum Ende der Restaurationszeit, schon unter William und Mary, kommt noch einmal ein Höhepunkt: The Way of the World von William Congreve. (Ein Favorit meines geliebten James Branch Cabell übrigens.) Makellose Charaktere gibt es keine darin, aber auch kaum nur lächerliche Gestalten. Es dreht sich alles um Geld und Heiraten, und damit es mit beidem klappt, müssen ein paar Intrigen sein. Die berühmteste und eine sehr schöne ist die folgende. (Ein Vorbild dafür waren sicher Benedick und Beatrice aus Much Ado About Nothing.)

Mirabell ist ein ehemaliger Lebemann, der aber jetzt Millamant aufrichtig liebt und sie heiraten will (wenn denn erst ein paar Erbschaftsangelegenheit geregelt sind). Bevor sie in die Heirat einwilligt, stellen sich beide Bedingungen – stellen eine Art Ehevertrag auf. Auch wenn da natürlich immer noch eine Portion Flirten dabei ist, sind beide dabei sind angenehm nüchtern und modern. Sie besteht auf ihrem Recht, so lange zu schlafen wie es ihr beliebt; verbittet sich niedliche Kosenamen und öffentliches Rumgeknutsche; will weiterhin an Besuch empfangen und besuchen, wen sie will; will alleine zu Abend essen, wenn sie Lust dazu hat und ohne einen Grund angeben zu müssen. Sie will nicht freundlich zu dämlichen Geschäftsfreunden sein müssen. Er muss immer anklopfen, bevor er ihr Zimmer betritt, und so weiter. Auch Mirabell stellt ähnliche Bedingungen.

MILLA. [...] My dear liberty, shall I leave thee? My faithful solitude, my darling contemplation, must I bid you then adieu? Ay-h, adieu. My morning thoughts, agreeable wakings, indolent slumbers, all ye douceurs, ye sommeils du matin, adieu. I can’t do’t, ’tis more than impossible–positively, Mirabell, I’ll lie a-bed in a morning as long as I please.

MIRA. Then I’ll get up in a morning as early as I please.

MILLA. Ah! Idle creature, get up when you will. And d’ye hear, I won’t be called names after I’m married; positively I won’t be called names.

MIRA. Names?

MILLA. Ay, as wife, spouse, my dear, joy, jewel, love, sweet-heart, and the rest of that nauseous cant, in which men and their wives are so fulsomely familiar–I shall never bear that. Good Mirabell, don’t let us be familiar or fond, nor kiss before folks, like my Lady Fadler and Sir Francis; nor go to Hyde Park together the first Sunday in a new chariot, to provoke eyes and whispers, and then never be seen there together again, as if we were proud of one another the first week, and ashamed of one another ever after. Let us never visit together, nor go to a play together, but let us be very strange and well-bred. Let us be as strange as if we had been married a great while, and as well-bred as if we were not married at all.

MIRA. Have you any more conditions to offer? Hitherto your demands are pretty reasonable.

MILLA. Trifles; as liberty to pay and receive visits to and from whom I please; to write and receive letters, without interrogatories or wry faces on your part; to wear what I please, and choose conversation with regard only to my own taste; to have no obligation upon me to converse with wits that I don’t like, because they are your acquaintance, or to be intimate with fools, because they may be your relations. Come to dinner when I please, dine in my dressing-room when I’m out of humour, without giving a reason. To have my closet inviolate; to be sole empress of my tea-table, which you must never presume to approach without first asking leave. And lastly, wherever I am, you shall always knock at the door before you come in. These articles subscribed, if I continue to endure you a little longer, I may by degrees dwindle into a wife.

MIRA. Your bill of fare is something advanced in this latter account. Well, have I liberty to offer conditions:- that when you are dwindled into a wife, I may not be beyond measure enlarged into a husband?

MILLA. You have free leave: propose your utmost, speak and spare not.

MIRA. I thank you. Imprimis, then, I covenant that your acquaintance be general; that you admit no sworn confidant or intimate of your own sex; no she friend to screen her affairs under your countenance, and tempt you to make trial of a mutual secrecy. No decoy-duck to wheedle you a fop – scrambling to the play in a mask, then bring you home in a pretended fright, when you think you shall be found out, and rail at me for missing the play, and disappointing the frolic which you had to pick me up and prove my constancy.

MILLA. Detestable imprimis! I go to the play in a mask!

MIRA. Item, I article, that you continue to like your own face as long as I shall, and while it passes current with me, that you endeavour not to new coin it. To which end, together with all vizards for the day, I prohibit all masks for the night, made of oiled skins and I know not what–hog’s bones, hare’s gall, pig water, and the marrow of a roasted cat. In short, I forbid all commerce with the gentlewomen in what-d’ye-call-it court. Item, I shut my doors against all bawds with baskets, and pennyworths of muslin, china, fans, atlases, etc. Item, when you shall be breeding -

MILLA. Ah, name it not!

MIRA. Which may be presumed, with a blessing on our endeavours -

MILLA. Odious endeavours!

MIRA. I denounce against all strait lacing, squeezing for a shape, till you mould my boy’s head like a sugar-loaf, and instead of a man-child, make me father to a crooked billet. Lastly, to the dominion of the tea-table I submit; but with proviso, that you exceed not in your province, but restrain yourself to native and simple tea-table drinks, as tea, chocolate, and coffee. As likewise to genuine and authorised tea-table talk, such as mending of fashions, spoiling reputations, railing at absent friends, and so forth. But that on no account you encroach upon the men’s prerogative, and presume to drink healths, or toast fellows; for prevention of which, I banish all foreign forces, all auxiliaries to the tea-table, as orange-brandy, all aniseed, cinnamon, citron, and Barbadoes waters, together with ratafia and the most noble spirit of clary. But for cowslip-wine, poppy-water, and all dormitives, those I allow. These provisos admitted, in other things I may prove a tractable and complying husband.

MILLA. Oh, horrid provisos! Filthy strong waters! I toast fellows, odious men! I hate your odious provisos.

MIRA. Then we’re agreed. Shall I kiss your hand upon the contract? And here comes one to be a witness to the sealing of the deed.

Neil Gaiman, The Sandman

School Matters schreibt über FORA.tv (“so etwas wie YouTube auf intellektuell”) und verweist auf eine Videoaufzeichnung mit Neil Gaiman: An Evening’s Entertainment with Neil Gaiman celebrating Fragile Things: Short Fictions and Wonders. Tolle Sache, sowohl FORA.tv als auch Neil Gaiman.

Ich lese im Moment wieder die Sandman-Reihe (von Gaiman), in der Hoffnung, doch einmal einen Band in der Schule verwenden zu können. The Sandman erschien in 75 Heften von 1989 bis 1996. Gesammelt wurden die Hefte in zehn Bänden (also doch ein Amazon-Link, etwa 15 Euro pro Band).

The Sandman ist eine tolle Serie: Alles geschrieben von Gaiman, wechselnde Zeichner, phantastische Titelbilder von Dave McKean, so schön, dass sich auch der Extraband nur mit den gesammelten Titelbildern lohnt.
Die ersten Sandman-Geschichten sind Grusel- oder Horrorgeschichten. Später werden sie märchenhaft-phantastisch, aber auf eine Art, die gar nichts mit Tolkien zu tun hat. Alle sind poetisch. Manche Geschichten sind Vignetten, die meisten sind fortlaufende Geschichten in fünf oder sechs Episoden, und zusammen gehalten wird alles durch die Rahmenerzählung – die im Lauf der Serie immer mehr zur Haupthandlung wird – um Morpheus, den Herrn der Träume, und seine merkwürdige Familie.

Die Entstehungsgeschiche des Sandman ist angenehm kompliziert – angenehm für Leute wie mich, die gerne in der S-Bahn Kollegen belabern. Ende der 1930er bis Mitte der 1940er Jahre war das Golden Age der Superhelden-Comics: Auf der DC-Seite mit Superman, Batman und Wonder Woman, mit den nicht ganz so bekannten Green Lantern und The Flash. In den 50ern gab es nur wenige Superheldencomics, und erst Anfang der 60er begann – ausgehend von Stan Lee und Marvel Comics – das Silver Age: Mit Spider-Man, den Fantastischen Vier, den X-Men, dem Hulk. Und auch DC hatten ihre alte Helden herausgekramt, Green Lantern und the Flash eine neue Identität und ein neues Kostüm verpasst, und nach und nach wurden viele der Golden-Age-Helden wiederbelebt: Green Arrow, Hawkman, Dr Fate, Hourman, Starman. 1974 versuchte Jack Kirby das gleiche mit dem in Vergessenheit geratenen Golden-Age-Sandman, ohne großen Erfolg.
Erst Gaiman verknüpfte die verschiedenen Sandman-Gestalten zu einer Geschichte, baute darauf seine Gestalten auf und löste sich dabei weit vom Rest des DC-Universums. Aber schön ist, wie er Dunsany und Cabell und DC-Helden und viele Gestalten aus verschiedenen Mythologien einbaut

Band 1: Preludes & Nocturnes. Schöne Grusel-Anthologie. Noch relativ eng am DC-Universum; leider zum Schluss zu grauslich, als dass ich das in der Schule lesen wollen würde. Aber gut. Wunderbares Duell in der Hölle.

Band 2: The Doll’s House. Vorwort von Clive Barker. Zusammenhängende Handlung, teilweise Rückgriffe auf den ersten Band, kann man aber auch ohne verstehen. Mitunter recht grauslich (the Corinthian: ein entlaufener Alptraum), aber auch sehr, sehr witzig. Der Kongress mit den verschiedenen Podiumsdiskussionen ist unschlagbar.

Band 3: Dream Country. Vier einzeln zu lesende Geschichten, Morpheus selber ist in allen nur Randfigur. Vor allem die erste Geschichte um Kalliope gefällt mir, die Muse, gefangen in Griechenland und jetzt von Autor zu Autor weitergereicht. Die dritte ist eine Variante auf Shakespeare’s Midsummer Night’s Dream, für die Gaiman einen World Fantasy Award bekam. Mit Schülern wohl ganz gut lesbar.

Band 4: Season of Mists. Vorwort von Harlan Ellison. Morpheus kriegt den Schlüssel zur Hölle, weil Luzifer nicht mehr will, und Gestalten aus allen möglichen Mythologien bitten Morpheus um die Übergabe dieses reizvollen Stückchens Land. Keiner meiner Favoriten.

Band 5: A Game of You. Vorwort von Samuel R. Delany. Zusammenhängende Handlung. Vielleicht ein bisschen zu verwirrend für Schüler. Ein Haus voller kurioser Gestalten und ein Traumland, das Gefahr läuft, zerstört zu werden.

Band 6: Fables & Reflections. Vorwort von Gene Wolfe. Acht einzeln zu lesende Geschichten: Eine um Kaiser Norton (Kaiser der USA, wohlgemerkt – kennengelernt habe ich Norton über Illuminatus, und später habe ich auch mal eine Bonanza-Folge mit ihm gesehen); eine Einwanderergeschichte aus der alten Welt (Großpapa erzählt Enkelin, wie es wirklich war); Kaiser Augustus; die französische Revolution; eine Geschichte, die auf einer kurzen Passage aus den Reisen des Marco Polo basiert und die mich dazu gebracht hat, meine englischsprachige Marco-Polo-Ausgabe aus dem Regal zu holen und darin zu stöbern. (Das macht Spaß. Mehr als WWW danach zu suchen. Das wird in zehn Jahren vielleicht anders sein, aber solange ein Buch in meiner Bibliothek steht, greife ich lieber dazu als mich mit einer Suchmaschine herumzuschlagen.) Eine Geschichte um Orpheus, eine um Baghdad. Doch, auch geeignet für die Schule.

Band 7: Brief Lives. Vorwort von Peter Straub. Zusamenhängende Handlung, aber natürlich episodenhaft. Dream und Delirium machen sich auf die Suche nach dem verlorenen Familienmitglied; zwischendrin begegnen sie vielen Leuten. Orpheus’ Schicksal klärt sich und Morpheus’ deutet sich an. Für die Schule wenig geeignet.

Band 8: World’s End. Vorwort von Stephen King. Ein Gasthof am Ende der Welt als Rahmenhandlung; die Gäste erzählen Geschichten, beste Novellentradition. Sandman und seine Familie spielen nur am Rande mit, aber man trifft einige Gestalten aus vorhergehenden Bänden wieder. Sehr schöne Geschichten, aber zu wenig Sandman für die Schule.

Band 9: The Kindly Ones. Das wohl unzugänglichste, auch das dickste Buch. Morpheus und die Furien.

Band 10: The Wake. Eine wirklich schöne Geschichte um Hob Gadling, der inzwischen hunderte von Jahren alt ist, auf einer Renaissance Fair (“Mittelaltermarkt” heißt das bei uns). Ansonsten viel Epilog und schon deshalb nichts für die Schule.

Am liebsten würde ich mit Band 1 einsteigen, aber der ist zu grauslich. Also doch 2, 3 oder 6? Es gibt außerdem noch einige Sandman-Anthologien und Spinoff-Serien.