Tagebuchbloggen, grobschlächtig; Kinobesuche

Grob deshalb, weil das nur ein Überblick über die Woche gibt; ich werde nicht anfangen, regelmäßig über meinen Alltag zu schreiben.

Die Weihnachtsferien waren bekanntlich schön. Inzwischen programmiere ich herum und komme dafür sehr, sehr wenig zum Lesen. Die Schule macht mir sehr Arbeit.

Wenn das Leben dir Steckrüben gibt, mach Cornish Pasties daraus. (Damit es richtig gut wird, braucht man Kronfleisch dazu, aber das kriege ich glücklicherweise immer ohne Vorbestellung am Markt bei meinem Innereienmetzger.

Im Kino gewesen, Knives Out gesehen. Hat mir ganz ausgezeichnet gefallen. Es hat Elemente von J. B. Priestleys An Inspector Calls – aber hat das nicht jeder derart klassischer Krimi? Ein Inspektor inspiziert eine Familie, und die Dinge sind nicht so, wie sie scheinen. Außerdem sieht Christopher Plummer aus wie von Steve Ditko gezeichnet, aber mir fehlt noch das geeignete Bild, um das zu zeigen – hohe Stirn, hohe Wangenknochen, breiter Mund (schmunzelnd).

Dann Joker gesehen. Wie erwartet ist das nicht mein Film: Ein bisschen zu viel Gewalt, aber das ist kein Vorwurf, und man kriegt ja mit, wann man – gelegentlich – wegschauen muss. Aber vor allem gehört er in die Kategorie Drama, und die langweilt mich fast immert. Ich mag an Filmen alles, was intellektuell stimulierend ist: überraschende Wendungen, oder überhaupt irgendwelche Überraschungen; offene Fragen, Rätsel, Unklares, das Erzeugen einer anderen Welt als der meinen, Puzzles, oder einfach nur Sprachwitz. Außerdem sentimental, das mag ich auch. Aber mitfühlen mit Figuren, so mit Empathie, das ist gar nicht das meine.

(Warum mag ich noir? Wieso halte ich Joker eben nicht für noir, neo- oder sonstwie? Vielleicht bin ich ja auch nur ein Marvel-Snob.)

Schule: Termine, Arbeit, schon okay. Aber wenig Zeit.

Hack the Web: Unterrichts- und Fortbildungsformat?

Vor ein paar Wochen war in meiner 9. Klasse in Informatik nach einem Test noch eine Stunde Zeit; Wiederholung und Vertiefung passte danach nicht. Glücklicherweise hatte einer der Praktikanten eine schöne Idee: Er hatte als Projekt eine Webseite erstellt mit gemischten kleinen Aufgaben aus der, hm, Web-Bearbeitung? Informatik? Angewandten Informatik? – Benutzer legen sich dabei ein Konto an und haben dann 30 Minuten Zeit, auf Hack the Web möglichst viel Aufgaben zu lösen und viele Punkte zu erreichen. Die Punkte kann man dann auf einer High-Score-Liste vergleichen. So ähnlich habe ich das als “Capture the Flag” mal auf einer Fortbildung kennengelernt. (Das mit den 30 Minuten nur bei Anmeldung als Klasse, wenn man das nur einfach so macht, gibt es keine Zeitbeschränkung.)

Auf jeder Aufgaben-Seite muss man ein Codewort eingeben und abschicken. Das Codewort zu finden ist meist die eigentliche Aufgabe. Anders etwa als bei dem ebenfalls webbasierten Rätselspiel Notpron eröffnet die Lösung einer Aufgabe meist mehrere andere Aufgaben, so dass man ausweichen kann, wenn man mal nicht weiter weiß oder mag.

Ansonsten war da nichts von einem Lehrpfad oder einer Webquest. Kein Kontext. Keine Kompetenzorientierung. Einfach nur Aufgaben. Hat voll funktioniert, und die Schüler und Schülerinnen kamen auch recht weit. Ich habe das eine Woche später auch meine Informatiklehramt-Studentinnen und ‑Studenten machen lassen; auch da viel Vergnügen.

Die Aufgaben sind alle nicht sehr schwierig; sie richten sich auch an Schüler und Schülerinnen oder Studierende, keine Hacker. Die erste Aufgabe – ich spoilere jetzt, aber nur wenig – ist besonders einfach: Das Codewort auf der Webseite ist in der gleichen Farbe geschrieben wie der Hintergrund; man soll es sichtbar machen, indem man einfach einen Bereich selektiert und markiert, worauf der Text ja standardmäßig im Browser hervorgehoben wird.

Und da dachte ich mir: Wie weit würden wohl die Lehrer und Lehrerinnen eines Kollegiums, irgendeines, bei so einem Spiel kommen? Sozusagen, wenn man das als Fortbildungsmaßnahme anböte? Mein Respekt vor den Schülern und Schülerinnen wächst bei dieser Vorstellung. Sie haben wahrscheinlich genau so viel Angst, sich zu blamieren, wie Erwachsene, aber sie trauen sich das Arbeiten mit dem Rechner zu; außerdem haben sie keine Scheu, Aufgaben zu lösen, auch wenn das keinen unmittelbaren Sinn hat. Ein Kollegium… würde zögerlicher an so eine Aufgabe herantreten. Und vielleicht würden, ahem, schon manche bei der ersten Aufgabe Probleme haben, der mit dem Sichtbarmachen durch Auswählen und Markieren.

Und doch lässt mich der Gedanke nicht los, das Format für die Schule zu nutzen, für Unterricht oder Fortbildung. Es würde nicht sehr um informatische Dinge gehen, aber um die Nutzung von digitalen Werkzeugen, webbasiert oder lokal installiert. (Ich nähere mich damit auch dem Konzept Esape Room, das wird ein eigener Eintrag mal.) Man könnte im Rahmen der Aufgaben:

  • QR-Codes dekodieren
  • bei einem Bild den Kontrast erhöhen, um Unsichtbares sichtbar zu machen
  • für Fortgeschrittene: zwei oder mehr Bilder übereinander legen (als Ebenen), um Text lesbar zu machen – eventuell muss man sie auch erst auf die gleiche Größe skalieren
  • die Geschwindigkeit einer Audiodatei verändern, um den Text verständlich zu machen
  • eine Bilddatei mit einem Hexeditor öffnen, um eine darin versteckte Nachricht zu lesen
  • eine Java-Datei decompilieren, um sich den Quellcode anzuschauen
  • die Lösung auf Chinesisch präsentieren – erfahrene Webnutzer haben ja keine Probleme, sich das übersetzen zu lassen

So als Ergänzung zu den Mebis-Fortbildungskursen… aber nicht zu Hause zu machen, sondern zusammen mit anderen im gleichen Raum. Ist dann auch gleich viel gemütlicher. Zugegeben: Damit gibt man Gelegenheit zu zeigen, was man bereits kann; Lernaufgaben sind das keine.

In der Biberrepublik

Erinnerungen an Venedig

“Alle Städte sind gleich, nur Venedig ist ein bissl anders.” So lässt Friedrich Torberg die Tante Jolesch sagen, und die Tante Jolesch hat gar nicht Unrecht damit. Venedig ist anders. Venedig ist ganz genau so, wie es im Film Top Hat (1935) dargestellt wird, zum Beispiel am Anfang dieser Szene:

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Wohlgemerkt: Das soll das echte Venedig sein, in dem sich die von Fred Astaire und Ginger Rogers gespielten Charaktere aufhalten, nicht etwa eine Venedig-Revue auf einer großen Bühne. Und doch trifft diese Märchenlandschaft das Unwirkliche von Venedig besser, als man meint.

Vielleicht ist das Surrealste die Tatsache, dass es keine Autos gibt, und eine Stadt mit Straßen, aber ohne Autos wäre ähnlich unwirklich – aber wo Straße, da halt auch Auto.

Ich habe viele Erinnerungen an Venedig. Manche davon sind falsch. Im Rollenspiele war ich schon in Paris, im Harz auf dem Brocken, in Paris, in Nepal, in Dublin. (Und als ich das erste Mal dann wirklich in Dublin war, kam mir manches vertraut vor.) Und auch in Venedig war ich da schon, ich kann mich genau erinnern, das muss 1937 oder so gewesen sein. Es war nur auf der Durchreise, ein oder zwei Tage, ging dann bald weiter nach Nordostafrika, aber an einen Abend in Harry’s Bar kann ich mich erinnern. – Nur dass meine Notizen sagen, dass das gar nicht die Harry’s Bar in Venedig war, sondern die in Paris! Anscheinend sind meine falschen Erinnerungen doppelt falsch. Dennoch erstaunlich, wie echt diese Rollenspiel-Erinnerungen wirken – ganz im Gegensatz zu Film-Erinnerungen übrigens.

Richtigere Erinnerungen habe ich auch, ich war schon mindestens zweimal in Venedig; das letzte Mal jedenfalls mit knapp sechzehn Jahren. Das da links bin ich, und das rechts hat Frau Rau heute aufgenommen. Links halte ich wohl Futter für die Tauben, rechts Futter für Frau Rau:

(Ach, es waren andere Zeiten damals. Vielen Dank an meine Eltern. Ich habe das alles gar nicht zu würdigen gewusst und für selbstverständlich genommen. Venedig, USA, Bahamas. Was für ein Aufwand, in den 1970er, 1980er Jahren.)

Venedig im Deutschunterricht

Im Deutschunterricht beginnt die Rom-Rezeption früher als die von Venedig. Rom, das ist das, was Goethe so beeindruckte; italienische Reise, Antike, Weimarer Klassik. Venedig taucht erst später auf, mit Thomas Mann, und einige Jahrzehnte zuvor mit Conrad Ferdinand Meyer, und ein Nietzsche-Gedicht fällt mir noch ein. Beide Gedichte kenne ich aus meinem liebsten Schulbuch aus meiner 11. Klasse

Auf dem Canal grande betten
Tief sich ein die Abendschatten,
Hundert dunkle Gondeln gleiten
Als ein flüsterndes Geheimnis.

Aber zwischen zwei Palästen
Glüht herein die Abendsonne,
Flammend wirft sie einen grellen
Breiten Streifen auf die Gondeln.

In dem purpurroten Lichte
Laute Stimmen, hell Gelächter,
Überredende Gebärden
Und das frevle Spiel der Augen.

Eine kleine, kurze Strecke
Treibt das Leben leidenschaftlich
Und erlischt im Schatten drüben
Als ein unverständlich Murmeln.

Conrad Ferdinand Meyer

Ich mag dieses Gedicht sehr. Dabei interessiert mich eine eventuelle metaphorische Übertragung auf das Leben an sich, zu der einen die letzte Strophe verleiten mag, überhaupt nicht; ich schätze daran nur die Abbildung einer Szene. Wie hier Licht und Laut und Leben entsteht in den mittleren beiden Strophen, und Stille und Dunkelheit in der ersten und letzten Strophe: so ist das Abendlicht in Venedig. – Kein echtes Venedig, das “frevle Spiel der Augen”, das flüsternde Geheimnis rufen ein romantisiertes Bild hervor – hier steht Venedig für Abenteuer, erotische und andere; für Intrigen und Ränke. Bevor Venedig zum Sinnbild des eleganten Verfalls wurde, war es ein Ort der Verschwörungen und Intrigen, mit Casanova und Cagliostro.

Das gibt es etwa in Friedrich Schillers Der Geisterseher – siehe den ausführlichen Blogeintrag dazu. – Wie sahen eigentlich die deutschen und englischen Romantiker (einschließlich der Klassik) Venedig? Ich höre da immer nur von Italien allgemein, und von Rom. Von Shelley und Byron gibt es wohl etwas zu Venedig; für die deutsche Klassik war Rom prägender – klar, Venedig ist nicht antik, hier steht nichts Römisches auffällig sichtbar herum. Und der Verfall – kann es sein, dass die deutschen Romantiker sich bei allem Ruinenkult nicht für italienische Ruinen interessierten?

Immerhin ergibt eine kurze Recherche, dass Goethe auf seiner Italienreise auch in Venedig war.

So stand es denn im Buche des Schicksals auf meinem Blatte geschrieben, daß ich 1786 den achtundzwanzigsten September, abends, nach unserer Uhr um fünfe, Venedig zum erstenmal, aus der Brenta in die Lagunen einfahrend, erblicken und bald darauf diese wunderbare Inselstadt, diese Biberrepublik betreten und besuchen sollte. So ist denn auch, Gott sei Dank, Venedig mir kein bloßes Wort mehr, kein hohler Name, der mich so oft, mich, den Todfeind von Wortschällen, geängstiget hat.

Als die erste Gondel an das Schiff anfuhr (es geschieht, um Passagiere, welche Eil’ haben, geschwinder nach Venedig zu bringen), erinnerte ich mich eines frühen Kinderspielzeuges, an das ich vielleicht seit zwanzig Jahren nicht mehr gedacht hatte. Mein Vater besaß ein schönes mitgebrachtes Gondelmodell; er hielt es sehr wert, und mir ward es hoch angerechnet, wenn ich einmal damit spielen durfte. Die ersten Schnäbel von blankem Eisenblech, die schwarzen Gondelkäfige, alles grüßte mich wie eine alte Bekanntschaft, ich genoß einen langentbehrten freundlichen Jugendeindruck.

Goethe, Italienische Reise, 28. September 1786

Biberrepublik! Was für ein schönes Wort! Warum hört man das nicht öfter in Verbindung mit Venedig? Und ganz reizend auch, dass die Gondeln schon damals beliebte Souvenirs waren. (Goethes Vater hatte 1740/41 eine Bildungsreise nach Italien unternommen und darüber ein Buch geschrieben.)

Die Enge und Gedrängtheit des Ganzen denkt man nicht, ohne es gesehen zu haben. Gewöhnlich kann man die Breite der Gasse mit ausgereckten Armen entweder ganz oder beinahe messen, in den engsten stößt man schon mit den Ellbogen an, wenn man die Hände in die Seite stemmt; es gibt wohl breitere, auch hie und da ein Plätzchen, verhältnismäßig aber kann alles enge genannt werden.

Goethe, Italienische Reise, Den 29sten, Michaelistag, abends.

Also, ganz so eng ist es auch wieder nicht. Aber mit ein bisschen Suchen bin ich schon auf Gassen gestoßen, die den Goethetest bestehen.

(Bilder: Frau Rau)

Nachdem ich müde geworden, setzte ich mich in eine Gondel, die engen Gassen verlassend, und fuhr […] bis gegen den Markusplatz, und war nun auf einmal ein Mitherr des Adriatischen Meeres, wie jeder Venezianer sich fühlt, wenn er sich in seine Gondel legt. Ich gedachte dabei meines guten Vaters in Ehren, der nichts Besseres wußte, als von diesen Dingen zu erzählen. Wird mir’s nicht auch so gehen?

Den 29sten, Michaelistag, abends.

Auch hier hat Goethe, finde ich, das Gefühl richtig beschrieben. Weil heute, so im Vaporetto, dem Alltagsfahrzeug der Venezianer (wenn es in Venedig überhaupt noch Venezianer gibt, das kann ich nicht beurteilen), da dachte ich mir das auch.

Herr Rau fühlt sich an Bord einesVaporetto als Seebär (Bild: Frau Rau)

Bilder und Museen

Anfahrt mit dem Zug, knapp sieben Stunden Direktverbindung von München aus, mit Landschaft drumrum. Und dann steigt man aus dem Zug und steht mitten in Venedig. Nachts leere und ruhige Gässchen.

Die verwinkelten und stillen Gässchen – sind sie ein Zeichen dafür, dass dort niemand mehr wohnt? Oder ist es dann einfach verschlafener Stadtkern? Wird Venedig irgendwann mal ganz Museum sein – so ein Disneyworld, in dem man wohnen kann?

Das allerletzte Bild nur deshalb, weil ich mal für Geld einen Text über Fortuny übersetzt habe, und weil ein Lied auf einer Platte von The Bathers so heißt, und meine Bathers-Platten habe ich in einer prägenden Phase meines Lebens viel gehört.

Die… befremdlichen Bilder davor stammen aus dem Museo di Storia Naturale di Venezia. Ich gehe ja sehr gerne in naturhistorische Museen, komme aber weniger dazu, als man meint. Das in Venedig ist… sehenswert. Viele Räume davon sind schick und modern, siehe das blaue Bild, und sehr ansprechend aufgemacht, auch wenn die Texte alle nur auf Italienisch sind. Aber davor gibt es zwei Säle mit historischen Sammlungen, und drei, vier, Räume, in denen die Beute eines Jäger und Sammlers des späten 19. oder frühen 20. Jahrhunderts steht – gehäuft, und kaum kommentiert, lediglich und wenigstens mit einigen Texten zum Kolonialismus. Aber nichts zu der zur Schau gestellten Mumie, den Schrumpfköpfen, den Schädeln – oder eben den vielen ausgestopften Tieren, obszön in ihrer Fülle. Aber so muss das bei Agatha Christie und auch schon bei Doyle gewesen sein, diese Jäger mit dunkler Vergangenheit, die aus Afrika mit ihrer Beute zurückkommen und die dann aushängen.

Anhang

Beim Suchen nach dem Text des Canal-Grande-Gedichts bin ich auf ein gleichnamiges, viel weniger bekanntes Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer gestoßen:

Auf dem Canal grande.

Eine glückgefüllte Gondel gleitet auf dem Canal grande,
An Giorgione lehnt die Blonde mit dem rothen Sammtgewande.
„Giorgio, Deiner Laute Saiten hör’ ich leise, leise klingen“ –
„Julia Vendramin, Erlauchte, was befiehlst du mir zu singen?“

Nichts von schönen Augen, Giorgio! Solches Thema sollst du lassen!
Singe, wie dem Meer entstiegen diese wunderbaren Gassen!
Fessle kränzend keine Locken, die sich ringeln los und ledig!
Giorgio, singe mir von meinem unvergleichlichen Venedig!”

„Meine süße Muse will es! Es geschieht!“ Er präludierte.
„Weiland, eh’ des heil’gen Marcus Flagge dieses Meer regierte,
Drüben dort, wo duftverschleiert Istriens schöne Berge blauen,
Sank vor ungezählten Jahren eine Dämm’rung voller Grauen.

Durch das Dunkel huschen Larven, angstgeschreckte Hunde winseln,
Schreie gellen, Stimmen warnen: „Löst die Böte! Nach den Inseln!“
In den Lüften haucht ein Odem, wie es in den Gräbern modert –
Schaurig tagen Meer und Himmel! Aquileja brennt und lodert!

Von der Stätte, wo die stillen, ungezähmten Flammen wogen,
Kommt ein dumpfes Menschenbrausen nach dem freien Strand gezogen:
Attila, die Gottesgeißel, jagt auf blutbesprengten Pfaden
Krieger mit zerbrochnen Schwertern, Fraun mit Schätzen schwer beladen.

Wie zum Hades Schatten wandern, ziehn zum Meere die Gescheuchten,
Das die purpurroth gefärbten Wolken weit hinaus beleuchten,
Wittwen, Waisen schreiten jammernd, schweigend stürzen wunde Männer,
Mitten im Gewühle bäumen Wagen sich und scheue Renner.

Kniee wanken, Füße gleiten, Kästchen brechen, draus die hellen
Goldnen Reife rollend springen und die weißen Perlen quellen.
Nackte Küstenkinder starren gierig auf das rings zerstreute
Gold, und doch betastet’s keines, – Etzel’s ist die ganze Beute!

Schiffer rüsten dunkle Nachen, drüber Wogen schäumend schlagen,
Durch die weiße Brandung werden bleiche Fraun an Bord getragen –
Mit der Rechten an die phryg’sche Mütze langt der Meerplebejer,
Beut zum Sprung ins Boot die Linke dem behelmten Aquilejer.

Schon entflieht ein Schiff mit weh’nden Segeln, flatternden Gewanden,
Drin sich weitgetrennte Loose sonder Wahl zusammenfanden,
Unbekannte Hände drücken sich in angstbeklommnem Traume,
Aquileja’s Ueberbleibsel schmiegen sich in engem Raume.

Letzte Scheideblicke wendend, sehn sie noch den Himmel bluten
Aber tiefer stets und ferner brennen die gesunknen Gluten.
Still verglimmt der Heimat müde Todesfackel. Auf die Ruder
Beugt sich Unglück neben Unglück, Bruder seufzend neben Bruder.

Eine Fürstin küsst ein Knäblein, ein dem Edelblute fremdes,
Eine Sclavin wärmt ein fürstlich Kind im Schooß des Wollenhemdes –
Unter ihnen Eine Tiefe, über ihnen Eine Wolke –
Liebe thaut vom Himmel, Liebe wächst in diesem neuen Volke.

Ueber eines Mantels Flattern, sturmverwehten greisen Haaren
Will das Schweben einer Glorie einen Heil’gen offenbaren,
Dieses ist der heil’ge Marcus, rüstig rudernd wie ein Andrer –
Nach den nahenden Lagunen lenkt die Fahrt der sel’ge Wandrer.

Neben ihm der Jugendschlanke schlägt die Wellen, daß sie schallen,
Wirren Locken sind die Kränze schwelgerischer Lust entfallen.
Der Bacchant wird zum Aeneas. Niederbrannte Troja’s Feuer.
Mit den rudernden Genossen sucht er edles Abenteuer.

Mälig lichtet sich der Osten. In der ersten Helle schauen
Kecke Männer tief ins Antlitz morgenstiller schöner Frauen –
Lieblich Haupt, das blonde Flechten wie mit lichtem Ring umwinden,
Bald an einem tapfern Herzen wirst du deine Heimat finden!

Scharfgezeichnet neigt sich eines Helden narb’ge Stirne denkend,
In das göttliche Geheimniß ew’gen Werdens sich versenkend;
Rings in Stücke sprang zerschmettert Roma’s rost’ge Riesenkette,
Neue Weltgeschicke gönnen junger Freiheit eine Stätte .…

Wie geworfen aus dem Himmel heiter spielend von Auroren,
Schwimmt ein lichter Kranz von Inseln in die blaue Flut verloren –
Jubelnd grüßen den beschwingten, den beseelten Ruderschlägen
Fischer bis zum Gurt umbrandet, netzezieh’nde, schon entgegen.

„Fleh’nde kommen wir, Veneter! Drüben flammt ein weit Verderben!
Unsre Seelen sind entronnen einem ungeheuern Sterben!“
„Freuet euch! Ihr lebt und athmet! Hier ist euch Asyl gegeben!
Friede sei mit euren Todten! Freude denen, die da leben! …“

Schwert und Ruder tragend wallen ernste Genien vor den Böten;
Auch ein Schwarm von Liebesgöttern flügelt durch die jungen Röten –
Ueber das Gestein der Inseln geht ein Hauch von Lust und Wonne,
Ahnungsvollem Meer entsteigend, prangt Venedigs erste Sonne.

Blonde Julia, Deiner Heimath Ursprung hab’ ich dir verkündet,
Liebe hat die Stadt Venedig, Liebe hat die Welt gegründet –
Deiner Augen strahlend blauer Himmel würde bleichen ohne
Liebesfeuer und verstummen, wie die Laute des Giorgione.“

Programmierhormone und der weihnachtlich-neujährlichen Komplex

Schön die Familienfeiern, nicht so schön, dass ich zu korrigieren hatte. Ich werde auch nicht schneller dabei, der Widerwille wächst, und ich zweifle am Sinn vieler meiner Prüfungen.

Aber dafür gib es immer wieder neue Möglichkeiten, mich abzulenken. In der ersten Hälfte der Weihnachtsferien war es das Programmieren:

Erdnussflips kommen mir nicht ins Haus, weil ich da immer gleich die ganze Tüte auf einmal esse. Und auch beim Programmieren muss ich vorsichtig sein: Wenn ich nicht aufpasse, habe ich mich plötzlich tagelang nicht rasiert oder angezogen und keinen Kontakt zur Außenwelt, von Frau Rau abgesehen. Aber es geht mir gut dabei… es hat allerdings auch etwas Suchtartiges. Hat schon jemand untersucht, wie sich das Programmieren auf die Ausschüttung von Dopamin (oder was auch immer nun wirklich ein Glückshormon ist) auswirkt? Neulich habe ich die erste halbe Stunde eines Vortrag von Manfred Spitzer angeschaut. Belastbaren Inhalt gab es wenig, halt viel Gehirnaufnahmen mit “So sieht ein Gehirn mit Kokain aus” und “So sieht ein Gehirn aus, wenn dessen Besitzer an Facebook denkt”; den Rest soll man sich dann denken.

Was macht eigentlich mein Gehirn beim Programmieren? Ich fange an mit einer kleinen Idee, programmiere ein paar Grundlagen, der Computer akzeptiert meinen Code: Glücksgefühl. Ich habe eine Idee für eine kleine Erweiterung, nur ein paar Zeilen; es funktioniert. Glücksgefühl. Eine weitere Erweiterung, sie funktioniert nicht; ich bessere einen Tippfehler aus. Glücksgefühl. Noch eine Idee, diesmal dauert es etwas länger, wieder mit Tippfehlern (also Quellen für Glücksgefühle), dann aber endlich so, wie ich geplant habe. Glücksgefühl. Und dann noch eine Kleinigkeit und dann noch eine, und dann merke ich erst, dass mir schon seit einiger Zeit kalt ist oder dass ich Hunger habe.

Das ist etwas anderes als der Flow, wenn ich beim Zeichnen bin. (Zum Zeichnen bin ich aber lange nicht mehr gekommen.) Beim Programmieren gibt es nämlich ständig und kurz getaktet Rückmeldung scheinbar von jemand anderem (dem Computer), dass man etwas richtig macht. Validation heißt das, und das passiert jedesmal, wenn der Code als valide bestätigt wird, als korrekt. Die Aufnahmen von meinem Gehirn sollte Spitzer mal überprüfen!

(Tatsächlich habe ich eine grafische und andere Schnittstellen für ein bereits gegebenes neuronales Netz in Java programmiert, mit dem Ziel, herauszufinden, ob das so für die Schule einsetzbar ist. Ja, ist es. Und ich habe die Grundlagen für eine Java-Version des Brettspiels “Dungeon Quest” programmiert sowie die Grundlagen für eine Java-Version des Brettspiels “The Fury of Dracula”, was sich so eine Art erweiterte Form von “Scotland Yard” ist – beides eventuell als Ausgangspunkt für größere Programmierprojekte in der Q11. Vielleicht später mal was zu alledem im Blog.)

Bücher 2019

Meine gelesenen Bücher 2019, endlich wieder mehr davon, und es hat mir großes Vergnügen bereitet. Die Bücher mit ° habe ich wiedergelesen. Wie immer waren es in der ersten Jahreshälfte mehr als in der zweiten, und ganz am Anfang die prägenden Bücher: der letzte Adrian Mole, Robert Graves; ganz besonders Isak Dinesen. Überschätzt: Michael Shea.

25 Bücher von Frauen, 44 von Männern, Rest gemischt. 20 Bücher wiedergelesen. 12 Nonfiction. 9 Podcast-Episoden. 12 Blogeinträge zu Lektüren.

(Meine Bücher schreibe ich übrigens seit Ende 1999 auf. Schon als Kind habe ich gerne Listen gemacht.)

  1. Laurie R. King, The Moor
  2. Sue Townsend, Adrian Mole: The Prostrate Years
  3. Anke Tröder, 13 Near Misses
  4. Robert Graves, Homer’s Daughter
  5. Stephen Jay Gould, Hen‘s Teeth and Horses‘ Toes
  6. William Goldman, The Season
  7. Ursula K. Le Guin, The Wave of the Mind
  8. Thomas Fröhlich, Sherlock Holmes und das Geheimnis des Illusionisten
  9. Hugh Walker, Boten der Finsternis° (Terra Fantasy 20) (Podcast)
  10. Isak Dinesen, Seven Gothic Tales
  11. Ursula K. Le Guin, The Dispossessed
  12. Arthur Conan Doyle, Der Hund der Baskervilles°
  13. Pierre Bayard, Freispruch für den Hund der Baskervilles
  14. Saladin Ahmed, Throne of the Crescent Moon
  15. Dashiell Hammett (Hrsg.), Creeps By Night
  16. Lin Carter (Hrsg.), Flug der Zauberer° (Terra Fantasy 21) (Podcast)
  17. Andre Norton, Das Mädchen und der Magier° (Terra Fantasy 22) (Podcast)
  18. Karl May, Der Schut°
  19. Maja Lunde, Die Geschichte der Bienen
  20. Slightly Foxed No. 61
  21. Isak Dinesen, Anecdotes of Destiny and Ehrengard
  22. Michael Chabon, The Final Solution
  23. Aminata Sow Fall, The Beggars‘ Strike
  24. Hope Mirrlees, Lud-in-the-Mist
  25. Leonora Carrington, The Hearing Trumpet
  26. Workers’ Tales: Socialist Fairy Tales, Fables, and Allegories from Great Britain
  27. Robert E. Howard, Krieger des Nordens (Terra Fantasy 23) (Podcast)
  28. Ted Chiang, Stories of Your Life
  29. Gail Honeyman, Eleanor Oliphant Is Completely Fine
  30. Michael Moorcock, Diener des Runenstabs (Terra Fantasy 24) (Podcast)
  31. Stephen King, The Body °
  32. Raquel J. Palacio, Wunder
  33. C.L. Moore, Jirel, die Amazone° (Terra Fantasy 25) (Podcast)
  34. Slightly Foxed No. 62
  35. Lin Carter, Götter, Gnomen und Giganten ° (Terra Fantasy 26) (Podcast)
  36. Roy Lewis, The Evolution Man
  37. Jakob Arjouni, Kismet
  38. Stephen Chbosky, The Perks of Being a Wallflower
  39. Amie Kaufman & Jax Kristoff, Illuminae
  40. Homer/Emily Wilson, The Odyssey
  41. Hugh Walker, Gefangene der Finsternis ° (Terra Fantasy 27) (Podcast)
  42. Dagmar Chidolue, Ponzl guckt schon wieder
  43. Friedrich Ani, Süden und das heimliche Leben
  44. Géza von Cziffra, Der Kuh im Kaffeehaus
  45. Isak Dinesen, Winter‘s Tales
  46. Carlo Collodi, Pinocchio
  47. Rudyard Kipling, The Phantom Rickshaw and other Ghost Stories
  48. Rudyard Kipling, Under the Deodars°
  49. Joseph Moncure March, Das Wilde Fest
  50. Judith Kerr, When Hitler Stole Pink Rabbit
  51. Judith Kerr, Bombs on Aunt Dainty
  52. Robert E. Howard, Kull von Atlantis° (Terra Fantasy 28) (Podcast)
  53. Judith Kerr, A Small Person Far Away
  54. Ute Schmid, Katharina Weitz, Michael Siebers, Künstliche Intelligenz selber programmieren für Dummies Junior
  55. Philip Roth, Our Gang °
  56. Michael Shea, The Incompleat Nifft
  57. Michael Shea, Polyphemus
  58. Jan Wagner, Regentonnenvariationen
  59. Robert Shea, Robert Anton Wilson, Illuminatus! Part I: The Eye in the Pyramid°
  60. Slightly Foxed No. 63
  61. Robert Shea, Robert Anton Wilson, Illuminatus! Part II: The Golden Apple°
  62. Robert Shea, Robert Anton Wilson, Illuminatus! Part III: Leviathan°
  63. Ghost Stories Vol. 10, No. 6, July 1931
  64. Kent Haruf, Eventide
  65. Robert Irwin, The Arabian Nightmare°
  66. Sheddad Kaid-Salah Ferrón, Eduard Altarriba, Professor Albert und das Geheimnis der Quantenphysik
  67. S. J. Perelman, Westward Ha!°
  68. Judith Lynne, Not Like A Lady
  69. Robert E. Howard, Herr von Valusien° (Terra Fantasy 29)
  70. Daniel Mendelsohn, Eine Odyssee
  71. Slightly Foxed No. 64
  72. Peter S. Beagle, The Folk of the Air°
  73. Michael Moorcock, Legion der Morgenröte (Terra Fantasy 30)
  74. Andre Norton, Die Braut des Tiermenschen° (Terra Fantasy 31)

(Bücher 2018)
(Bücher 2017.)
(Bücher 2016.)
(Bücher 2015.)
(Bücher 2014.)
(Bücher 2013.)
(Bücher 2012.)
(Bücher 2011.)
(Bücher 2010.)
(Bücher 2009.)

Kull von Atlantis – Terra Fantasy Band 28 und 29

Der erste Terra-Fantasy-Band enthält – mehr oder weniger – die Hälfte der 1967 zusammengetragenen Kull-Geschichten: Drei längere oder halbwegs lange Geschichten, sechs eher kurze Vignetten. Zwei Fragmente wurden durch Lin Carter beendet. Alles Howard-Material entstand wohl 1926–1930, nur ein kleiner Teil wurde zu seinen Lebzeiten veröffentlicht. Kull verkaufte sich wohl nicht besonders, Robert E. Howard packte beim nächsten Versuch noch ein bisschen mehr Magie dazu und schuf seine nächste, ungleich erfolgreichere Figur: Conan, den Barbaren.

Kull ist nur in der ersten kurzen Vor-Geschichte allein, danach stets König und stets in Begleitung der gleichen Weggefährten. Klar wird viel mit dem Schwert gekämpft, aber der Hauptgegner wird nie im Kampf getötet (von einer der Geschichten abgesehen, die von Lin Carter beendet wurden, und die auch in anderen Punkten von Howard abweicht). Vielmehr geht es um eher existentielle Probleme oder philosophisch verpackte Rätsel, auf einem Niveau, das einen Teenager durchaus faszinieren kann. In einer Geschichte stirbt der Gegner explizit nicht durch Kull, sondern einen unscheinbaren Skorpion; in einer anderen geht es um eine das ganze Universum bedrohende Stille (ähnlich wie bei Michael Endes Nichts); in einer weiteren um die Sache mit dem Kosmos und dem Sandkorn und Welten in Welten und so weiter.

Anders als sein Nachfolger Conan ist Kull ein Grübler, Standardpose Kopf sinnend auf den Arm gestützt. Es gibt keine Trinkgelage, sondern “zwei riesengroße Regale mit Pergamentschriften” in seinem ansonsten karg eingerichteten Raum, und “Kull war nicht an Frauen interessiert”. Der Emo unter den Barbaren, der Philosoph, der Asket? Der Grübler?

Wirklich erwähnenswert und folgenreich ist vielleicht nur die einzige der Geschichten in diesem Band, die zu Howards Lebzeiten veröffentlicht wurde, “Das Schattenkönigreich”. Darin geht es um Verfolgungswahn und Identität. Kull ist erst vor kurzer Zeit zum Herrscher von Valusien aufgestiegen. Das neuerworbene Reich ist ihm noch unbekannt; er wird überrascht von einem Geheimgang, der bis zu seinen Gemächer führt, und der seinen piktischen Verbündeten (später: Vertrauten) bekannter ist als ihm. Vor allem ist sein Palast von einem Kult von Schlangenmenschen unterwandert, die die Gestalt echter Menschen annehmen können. Er kann sich nicht darauf verlassen, dass die Personen wirklich die sind, für die sie sich ausgeben – und wird selbst für eine kurze Weile durch einen Doppelgänger auf dem Thron ersetzt. (Diese Geschichte ist wohl tatsächlich der Urvater von “V – die Besucher” oder den modernen Reptiloiden-Verschwörungstheorien.)

Der zweite Band enthält die restlichen Geschichten, und damit fast alles, was es von Kull gibt. Auch hier sind Geschichten von Lin Carter beendet, und nicht wirklich gut beendet.

Erwähnenswert ist “Herr von Valusien” (“By This Axe I Rule”), eine abgelehnte und unverkaufte Geschichte, die Howard nur leicht variierte, mit ein bisschen Magie versah, und dann mit “Conan” als Namen der Hauptfigur verkaufte – so kam es, dass auch Conan schon in der ersten Geschichte ein König war. In den meisten anderen Geschichten ist er eher ein Herumtreiber. Eine Nebenfigur der Geschichte, die Kull letztlich das Leben rettet, ist – wieder mal – eine Frau, die aufgrund der Gesetze Valusiens ihren Geliebten nicht heiraten kann. Nach seiner Rettung zerbricht Kull dramatisch mit seiner Axt die Steintafel mit dem hinderlichen Gesetz. “Ich bin das Gesetz,” ruft er. – Der Gedanke, dass es ein Volk gibt, das, etwa mittels gewählter Vertreter, das Gesetz ändern kann, ist diesen Geschichten fremd.

In “Die Spiegel des Tuzun Thune” (“The Mirrors of Tuzun Thune”) hört Kull von einem berühmten Zauberer, der Wunder wirken kann, und stellt ihn auf die Probe. Er soll einen Dämon beschwören, oder ein Wunder wirken. Der Zauberer kontert, nichts sei leichter als das: Er müsse nur Kull ins Gesicht schlagen, und würde damit einen furchtbaren Dämon herbeirufen. Und der Zauberer bewegt seine Hand: “Ist dies kein Wunder – daß dieses blinde Fleisch meinem Geist gehorcht? Ich gehe, ich atme, ich spreche. Sind das nicht alles Wunder?”

Ich hätte schwören können, dass ich das schon mal bei Lessing in Nathan der Weise gelesen habe. Da geht es doch auch um Wunder, und dass unsere Welt wunderbar genug ist. Ähnlich auch bei Lichtenberg, ganz häufig bei Chesterton – aber nichts. Kann es sein, dass diese aufklärerische Szene wirklich auf Howards Mist gewachsen ist?

Ich habe nur eine entfernt verwandte Zen-Erzählung gefunden, wo ein Soldat zum Zen-Lehrer Hakuin geht und von diesem wissen will, ob es wirklich ein Paradies und eine Hölle gibt. Hakuin beleidigt den Soldaten, worauf dieser sein Schwert zu ziehen beginnt: Hier öffne sich das Tor zur Hölle. Als der Soldat sein Schwert wieder in die Scheide steckt, kommentiert Hakuin: Und hier beginne das Paradies. – Ich glaube, von dieser Art der Proben eines weisen Lehrers gibt es noch mehr, und irgendwo hat REH das mit dem Wunder und der Hand her.

Anhang

Vorweihnachtswoche: Wichteln, Audio in Englisch 7, Restklassenbeschäftigung

Weihnachtswichteln

Am Freitag kein Unterricht, dafür zwei Stunden Gottesdienst (freiwillig), zwei Stunden Klassleiterstunde (weihnachtlich zu verbringen) und zwei Stunden frei. Ich sag ja immer, Schule muss mehr sein als Unterricht, aber ich sage das ironisch. Dennoch hat meine 7. Klasse die Weihnachtsstunde anständig hinter sich gebracht. Ein paar hatten Musikinstrumente dabei – Ukulele, Violine, Querflöte, Gitarre – und spielten ein bisschen vor; eine Schülerin hatte ein Gedicht mitgebracht; wir sangen Lieder. Die Hauptattraktion war aber wieder das Wichteln. Weniger Kosmetik als letztes Jahr. Trotz Um- und Rückbau wegen Sitzkreis hatten wir am Schluss nichts mehr zu tun und standen wartend herum.

Audiosachen machen

Mit der 7. Klasse in Englisch Mini-Podcasts ausprobiert, in Anlehnung an eine Aufgabe aus dem Schulbuch: Die Schüler und Schülerinnen sollen – wenn möglich, ist freiwillig, all eInformationen dafür auf einem Blatt – zu zweit einen Lieblingsort vorstellen, mit dem Handy als Aufnahmegerät. Danach sollten sie zu Hause die Audiodatei auf einen USB-Stick kriegen und mitbringen. Ich hatte gewarnt, dass das schwierig sein und sicher nicht bei allen klappen würde. Und so war es auch beim ersten Versuch: Manche hatten falsche Dateien (Emails, Verknüpfungen), andere doch nur ihr Smartphone (und von einem Applegerät kriegt man die Dateien nicht herunter), und wenn dann doch mal eine Datei war, dann war sie oft in einem Format, das sich auch mit Online-Konverter nicht in ein weiterverarbeitbares Format bringen ließ.

Glücklicherweise hatte ich das so ähnlich erwartet und war halbwegs darauf eingestellt. Beim zweiten Versuch dann sollten die Schüler und Schülerinnen ihre Audiodatei von zu Hause aus bei Mebis hochladen; ich würde sie dann für alle konvertieren. Und das ging wesentlich besser, so werde ich das in Zukunft auch halten! Ich lud die Dateien herunter und brachte konvertierte Version zur Bearbeitung in die Schule mit. Dazu ein Jingle, ein Soundeffekt, den Auftrag, eventuelle Versprecher herauszuschneiden. (Aber auch hier: Bei ein paar hatte der Upload nicht geklappt, hieß es; das muss alles oft geübt werden.)

Außerdem gezeigt, wie man mit einem Programm aus Audio-CDs (den schulbuchbegleitenden Englisch-CDs des Vorjahrs) mp3-Dateien erstellt. Ein Beitrag des Fachs Englisch für unser Mediencurriculum.

Resteklassen, Klassenreste

Am Donnerstag fiel für viele Schüler und Schülerinnen einiger Jahrgangsstufen auch der Unterricht aus, weil stattdessen ein Volleyballturnier angesagt war. Und so waren manche Klassen nur teilweise besetzt, zumal wie in den Tagen zuvor auch noch vereinzelte Musikproben waren. Man weiß an diesen Tagen nie so recht, wie viele bei einem im Unterricht sitzen werden und was man mit denen anfangen soll. Offiziell heißt es, die würden nachlernen, aber das ist natürlich Quatsch.

Also reservierte ich für zwei Stunden den Computerraum und bot an, Aufsicht zu führen: Wer nichts Sinnvolleres mit den Schülern und Schülerinnen anzufangen weiß, der könne sie zu mir schicken – ich würde Aufsicht führen und Gelegenheit zum Tastschreibenüben geben. Drei Kollegen und Kolleginnen bedankten sich, zwei schickten ein paar Schüler und Schülerinnen vorbei, die auch mehr zu Mebis erklärt haben wollten.

Ich glaube, ich möchte das in Zukunft ausbauen: 1 Aufsicht in Bibliothek, 1 Aufsicht im Computerraum, 1 Aufsicht in Mensa – alle anderen Restklassenlehrer und ‑lehrerinnen sollen Kaffeetrinken oder nach Hause gehen. So eine Art Freiarbeit, fördert Selbstständigkeit blabla usw.

Tatsächlich geht es aber auch gegen diese vielen Sportturniere und die Vergeudung von Unterrichtszeit. Meine Angebot an die Kollegen und Kolleginnen war leider so freundlich formuliert, dass das vielleicht niemand gemerkt hat. Klar könnten die Resteklassen auch beim Volleyballturniert zuschauen, weil Zuschauer ja wichtig sind. Aber: siehe Vergeudung.

Peter S. Beagle, The Folk of the Air

Der Roman The Last Unicorn (1960) hatte mir gut gefallen; ganz ausgezeichnet fand ich Peter S. Beagles Erstling, A Fine and Private Place (1960, deutsch: He! Rebeck!), also war ich gespannt auf seinen nächsten Roman (nach einer Reihe anderer Veröffentlichungen):

Das dürfte knapp dreißig Jahre her sein. Ich weiß noch, dass mich das Buch damals irritierte, mir nicht wirklich gefiel – vielleicht hatte ich einfach anderes erwartet. Beagles Laufbahn verfolgte ich seitdem nicht gründlich, aber mit Interesse, las noch ein, zwei weitere Bücher von ihm. Aus Gründen an The Folk of the Air und daran erinnert, dass ich meinen Frieden noch nicht damit gefunden hatte, las ich das Buch ein zweites Mal – und weil Beagle, selbst wohl nicht zufrieden damit, gerade an einer überarbeiteten Version davon sitzt.

Zum Inhalt:

Der herumziehende Lautenspieler Farrell – später erfahren wir seinen vollständigen Namen: Joseph Malachi Lope de Vega Farrell – kehrt mit seinem alten VW-Bus namens Madame Schumann-Heink zurück in die Stadt, in der er seine College-Jahre verbracht hat: Avicenna, Kalifornien. Er besucht dort seinen alten Freund Ben, der mit einer etwas geheimnisvollen älteren Frau, Sia, zusammenlebt. Außerdem trifft er dort eine alte Flamme, Julie, mit der er seit vielen Jahren immer wieder eine Weile zusammenlebt, bevor sie sich dann doch wieder verkrachen.

Ben hat ein großes Geheimnis, stellt sich heraus. Sia hat ein großes Geheimnis. Julie hat ein kleineres Geheimnis, und vor allem nimmt sie Farrell mit zu einem Treffen der “League of Archaic Pleasures”. Das sind die örtlichen… nicht Cosplayer, nicht LARPer, sondern in gewisser Art deren Vorläufer: Die Mitglied haben Fantasy-Namen, Kostüme, Rüstungen, Zeremonien, tragen Kämpfe aus, tanzen Renaissancetänze und sprechen einander mit “thou” an.

Und ich glaube, das ist es, was mich so irritiert hat an dem Buch. Vorbild für die League of Archaic Pleasures ist vielleicht die real existierende “Society for Creative Anachronism”, die ich damals schon aus Berichten und von Fotos kannte. Ich war damals selbst schon im Rahmen meiner FOLLOW-Mitgliedschaft auf solchen Veranstaltungen gewesen – Rüstungen, Feuerschlucker, Met, und auch ich hatte ein Kostüm an, und ich habe mit Morgenstern-Attrappen aus Tennisbällen im Wald gekämpft. Der große Unterschied: Die League-Leute im Buch sind cool, betreiben das Kampfspiel voller Ernst, treiben Falknerei und sind allesamt Experten für Renaissancemusik und ‑tänze. Das brachte ich nicht zusammen mit der Realität, die ich kannte.

Der Schlüssel liegt darin, dass das Buch ein Roman der Urban Fantasy ist. Und es gibt zweierlei Fantasy-Elemente: Erstens beschwört die junge Hexe Rosanna bei ersten großen Fest der League eine dämonenartige Gestalt, wovon nur Farrell Zeuge wird. Rosanna und Nicholas sind die Schurken des Buchs, auch wenn sie differenziert dargestellt werden; ihre Geschichte und Vorgeschichte und ihre Pläne treiben die Handlung voran. Zweitens ist es ein Fantasy-Element, dass diese League of Archaic Pleasures so groß und semiprofessionell ist. Die Stadt Avicenna selbst, man merkt es am Namen, ist ein bisschen komisch. Vor kurzem hat der Stadtrat beschlossen, den Verkauf von Kriegsspielzeug, körnergefüttertem Rindfleisch und Puppen ohne Genitalien zu verbieten. “Man, everybody in Avicenna is insanely knowledgeable about something. Especially fighting.” Farrell unterhält sich mit “pony-tailed boys who knew South German plate armor from Milanese, and Peffenhauser’s work from Colman’s.” Und nebenbei kann man nicht nur den Namen Tolkien fallen lassen, sondern auch Cabell, und jeder weiß, wer gemeint ist. Das war zum einen die Welt, die ich kannte, zum anderen eben auch nicht.

Wie es nach dem Erscheinen von Nicholas Bonner auf dem ersten Fest weitergeht, erzähle ich hier nicht. Es geht im Buch ohnehin mehr um die Stimmung als um die Handlung, auch wenn die logisch genug entwickelt wird. Allerdings ist Farrell für die Handlung des Buchs gar nicht so wichtig, wie man vielleicht meint. Er ist letztlich doch Zuschauer, er verbindet die verschiedenen Handlungsstränge – andererseits wären sie auch ohne ihn verbunden. Farrell trifft keine Entscheidungen und ist für nichts verantwortlich; die Handlung läuft ohne ihn ab. Ben ist viel mehr der Held als er, und wichtiger für die Handlung.

Ich bin gespannt, ob Peter S. Beagle wirklich an dem Buch arbeitet und was dabei herauskommt.

Licht im Tunnel, Calliope-Vorlesung, Glühwein

Im Moment bin ich ein kleines bisschen im Stress. Das heißt, ich sehe jetzt schon wieder Licht. Die letzten vier Wochen war ich ständig am Korrigieren, Unterricht habe ich nur so notdürftig wie möglich vorbereitet – immer noch bemüht, aber leider nicht so gründlich, wie ich gerne hätte.

Außerdem war ich krank, erkältet, so sehr, dass ich einmal die Didaktik-Vorlesung ausfallen lassen musste. Weil das eine System zur Kursverwaltung neu ist und nicht richtig funktioniert… also gut, Bedienerfehler, wohl… und das andere System, Moodle, gerade aus anderen Gründen nicht richtig funktioniert, ging meine Nachricht über die ausfallende Veranstaltung leider nicht an alle heraus, sondern nur an mich selber als Veranstaltungsleiter.

So warteten die Studenten und Studentinnen vergeblich auf mich, und ich wurde durch einen Telefonanruf zu Hause überrascht, auf den ich mich wie immer befremdlich mit einem skeptischen “Hallo?” meldete. Bei mir ruft sonst nie jemand Unbekanntes an; die Namen hinter den anderen Nummern werden im Display angezeigt. Es waren die Studierenden, die sich ein Herz gefasst und mich gegoogelt hatten und im Impressum meines Blogs auf meine Telefonnummer gestoßen waren. (Nicht meine Haupt-Telefonnummer übrigens, sondern eine zweite Nummer für den gleichen Apparat, die sich jederzeit ändern lässt. Ich glaube, die hat bisher noch nie jemand gewählt.)

Es sei nicht so schlimm, sagten sie, und sie gingen dann eben zum zweihundert Meter entfernt gelegenen Christkindlesmarkt am Chinesischen Turm. Von dort aus posteten sie ein Gruppenfoto bei Moodle – wie schön! Und sie hätten nur über didaktische Themen geredet, sagten sie.

Gestern habe ich dafür alle, die mitkommen wollten, auf dem dem Christkindlesmarkt zu Glühwein oder alkoholfreiem Punsch eingeladen. Gruppenfotos gemacht, hier ist eines zum Veröffentlichen:

Links oben: der Calliope-Koffer

Auf Wunsch der Studenten und Studentinnen gab es dann auch eine entsprechende Moodle-Badge für alle, die dieses oder letztes Mal dabei waren:

Badge “Heimeliges Heißgetränk”

(Andere Badges gibt es sonst für zu erledigende Pflichtaufgaben während der Vorlesung.)

- Davor haben wir 90 Minuten mit der Calliope mini gespielt. Anscheinend habe ich noch nie wirklich über die Calliope geschrieben? Das überrascht mich aber doch, ich habe immer wieder damit gearbeitet; muss ich unbedingt nachholen. Kurz: Die Calliope ist ein kleiner, leicht programmierbarer Minicomputer mit allen möglichen Sensoren (Beschleunigung, Lage, Temperatur, Lautstärke, Helligkeit, zwei Knöpfe) und Ausgabemöglichkeit (eine 5x5-Matrix aus roten LED, eine LED für beliebige Farbe, Lautsprecher für kleine Musikstücke). Außerdem können die Calliopes untereinander über Funk kommunizieren.

Meine Schule hat zwei kleine Köfferchen voller Calliopes für den Einsatz im Computerraum:

Einen hatte ich mir ausgeliehen und die Studenten und Studentinnen darum gebeten, Rechner mitzubringen. Die didaktische Auswertung und Diskussion der Einsatzmöglichkeiten steht noch aus, das kommt nächstes Mal, aber die Bastelzeit war eine gute Idee. Die Calliope macht auch in diesem Alter Spaß – und es gab endlich mal Gelegenheit, die Kommunikation der Rechner untereinander zu testen. Das ging etwas durcheinander, weil bald alle auf den gleichen Kanälen sendeten und empfingen. Aber auch das war lustig.

CHIP‑8: Teil 2, in welchem das eigentliche Programm vorgestellt wird

Stehen geblieben waren wir bei diesem Computerprogramm für den CHIP‑8:

A2 1E C2 01 32 01 A2 1A D0 14 70 04 30 40 12 00 60 00 71 04 31 20 12 00 12 18 80 40 20 10 20 40 80 10

Es erzeugt ein Zufallslabyrinth so wie dieses hier:

Wie geht das? Wie können ein Haufen Zahlen so etwas erzeugen?

Sie können es natürlich nicht allein, sondern nur, wenn sie einem Computer gefüttert werden, der genau mit diesen Zahlen umgehen kann. Zentral an so einem Computer ist die Recheneinheit (die kann rechnen), dazu kommen der Arbeitsspeicher und Ein- und Ausgabemöglichkeiten. Gesteuert wird das ganze vom Steuerwerk. Ausgabemöglichkeiten für den CHIP‑8 sind der Bildschirm und ein Tonsignal, Eingabemöglichkeiten eine eingeschränkte Tastatur, aber die brauchen wir hier gar nicht. Das kann man sich so vorstellen:

Weil das Laden und Speichern von Daten im Arbeitsspeicher relativ langsam ist, gibt es in manchen Prozessoren spezielle Zwischenspeicher, die bequemer zugänglich sind, Register genannt. Der CHIP-8-Prozessor hat 16 solche Register, mit V0 bis VF bezeichnet. Manche davon haben zusätzliche Funktionen. Insgesamt sieht der Speicher des Systems zum Beispiel so aus:

  • Der Abeitsspeicher ist in Byte-große Häppchen aufgeteilt.
  • Jedes Häppchen kriegt eine fortlaufende Nummer, die Adresse.
  • Die Nummern 0 bis 1FF sind für Kram reserviert.
  • Wenn ein Programm, zum Beispiel MAZE, geladen wird, dann kommt es ab Adresse (hexadezimal) 200 in den Arbeitsspeicher – ich habe das in der Grafik schon mal erledigt.
  • Der interne Programmzähler wird auf 200 gesetzt, das heißt, da wird das Programm beginnen.

Der erste Befehl lautet A21E, dann kommt C201, und so weiter. Aus einem Handbuch zum CHIP‑8 habe ich mir herausgesucht, wofür diese und die anderen Befehle stehen. Meistens stehen die ersten vier Bit, also die erste Ziffer, für die Art des Befehls, quasi das Verb (setze, hole, springe, erhöhe); die anderen zwölf Bit, also Ziffern zwei bis vier, sind Adressen- oder Zahlenangaben, quasi Akkusativ- oder Dativobjekte. Hier sind die Übersetzungen der Befehle:

Also: In Adresse 200–201 steht A21E, das heißt: Schreibe 21E in das I‑Register. Das I steht für Memory Index Pointer, lese ich; später wird mir klar werden, was das bedeutet. Danach wird der Programmzähler erhöht, die Adresse 202–203 wird ausgewertet, wo das C201 bedeutet, dass letztlich in V2 zufällig eine 0 oder eine 1 geschrieben wird. In Adresse 204–205 wird mit 3201 überprüft, ob in V2 – dem Register, in das wir eben geschrieben haben – eine 1 steht: Wenn ja, dann wird die nächste Zeile übersprungen.

Wichtig ist D014 an Adresse 208–209: Hier wird auf den Bildschirm gemalt! Und zwar an die Koordinaten (V0, V1) – in diese Register schreiben wir alsol zumindest in diesem Programm die Position, an die etwas gezeichnet werden soll! Was gezeichnet wird, war mir da noch nicht klar. Gut, vielleicht hätte ich die Anleitung lesen sollen…

Dann wird in Viererschritten die x‑Koordinate erhöht, bis zu dem Höchstwert 40 (=dezimal 64, so viele Pixel gibt es hier in der Breite), dann wieder von vorne angefangen, aber mit jeweils erhöhtem y‑Wert, bis am Ende an der Adresse 218–219 der Befehl 1218 erreicht wird, der besagt, dass das Programm zur Adresse 218 springen soll: eine Endlosschleife.

Unklar waren mir erst die letzten 8 Byte, also die letzten vier Zeilen oben. Meine Interpretation der Zeilen als Befehl machte keinen Sinn. Und das muss sie auch gar nicht: diese Zahlen sollen gar nicht als Befehle interpretiert werden, der Programmzähler wird nie auf ihre Adressen gesetzt, diese Zahlen sind einfach nur Zahlen. Das heißt…

Erinnert ihr euch an das I‑Register, den Memory Index? Und an die Zeile, an die irgendetwas an die Koordinaten (V0,V1) geschrieben werden soll? Tatsächlich passiert bei Ausführung des Befehls D014 Folgendes: “D” kann man sich als “display” merken; “01” bedeutet, dass die x/y‑Koordinaten in V0 und V1 stehen, und die “4” bedeutet, dass an diese Stelle 4 Byte, also 4*8 bit gezeichnet werden sollen – und zwar genau diese 4 Byte, die sich an der Stelle befinden, auf die der Memory Index verweist. Das ist entweder 21E (in Zeile 200–201 festgelegt) oder 21A (in Zeile 206–207 überschrieben). An diesen Stellen – den letzten acht Byte des Programms – werden zwei kleine Bildchen definiert, sogenannte Sprites.

Ab Adresse 21A stehen folgende 4 Bytes:

hex 80, also bin 10000000
hex 40, also bin 01000000
hex 20, also bin 00100000
hex 10, also bin 00010000

Ab Adresse 21E stehen folgende 4 Bytes:

hex 20, also bin 00100000
hex 40, also bin 01000000
hex 80, also bin 10000000
hex 10, also bin 00010000

Und diese Bytes, also eigentlich diese Bits, werden als kleine Bildchen interpretiert:

Diese Bildchen (Sprites) sind immer 8 Pixel breit, aber sie können bis zu 15 Pixel hoch sein – hier sind sie 4 Pixel hoch, weil sie aus vier Byte bestehen. Das Labyrinth braucht nur die linke Hälfte der Sprites, deswegen wird das nächste Sprite ja auch vier Pixel versetzt gezeichnet und überlagert damit die leeren Pixel des Vorgängers.

Und jetzt kann man experimentieren. Die letzten acht Byte des Programmcoes definieren die beiden Sprites. Wenn ich die ersetze durch 80 40 40 80 10 20 20 10, dann sehen die beiden Sprites so aus:

Dann ist das Zufallslabyrinth gar keines mehr:

Oder man setzt den Memory Index Pointer auf 200 statt auf 21A? Dann werden die ersten vier Byte einmal als zwei Befehle, einmals als Sprite interpretiert.

Vielleicht kommt man mal so weit mit einer 12. Klasse? Da macht man Maschinensprache, aber typische Aufgaben wie Multiplikation durch wiederholte Addition und solche Sachen.

Anhang: Warum macht man das so umständlich, mit 3201 statt “if (v2==0)”, wie man das aus Java kennt? Tatsächlich sind diese Zahlen die einzige Sprache, die ein Prozessor versteht, auch heute noch. Alles andere, das auf einem Rechner läuft, wird – vielleicht über mehrere Zwischenstufen – in genau solche Zahlen übersetzt, also in Maschinensprache. Allerdings sind moderne Prozessoren in manchen Aspekten komplexer aufgebaut als der recht primitive CHIP‑8.