Friedrich Theodor Vischer: Auch Einer (1879) – Teil 1

Ein namenlos bleibender Erzähler wandert in der Schweiz, um den Zuger See herum und läuft dort immer wieder einem anderen Wanderer über den Weg. Die beiden freunden sich fast an, doch der Unbekannte, A.E. genannt (“Auch Einer”, hat das halbe Buch gedauert, bis ich das kapiert habe), wahrt eine gewisse Distanz. Er nennt seinen Namen nicht und will auch den des Erzählers nicht wissen, um das Verhältnis so ganz von Mensch zu Mensch halten, ohne Achtung von Herkunft oder Stand. Im Lauf ihrer vielen Gespräch erklärt A.E. dem Erzähler seine Philosophie, sein Weltbild.

Schon früh fällt dabei der Begriff von der “Tücke des Objekts”. Der hatte mich ursprünglich auf diesen Roman gebracht – ein sprichwortlich gewordener Ausdruck, in meiner Kindheit in meiner Familie immer wieder mal verwendet, so wie “Oh wie eiskalt ist dein Händchen” und viele andere. Genug – ich recherierte und fand heraus, dass der Ausdruck aus diesem Roman stammt, der unter anderem als “kurios” bezeichnet worden war und später zu einem ebenso kuriosen Roman von Heimito von Doderer. Also musste ich Auch Einer lesen.

Die Welt nach A.E. ist böse, oder zumindest eben tückisch: Eine liebevoll bestrichene Scheibe Brot am Nebentisch fällt exemplarisch auf die gebutterte Seite – “’natürlich’ würde A.E. sagen”. Die erstaunlich ausführliche Wikipedia-Seite zum Eintrag “Butterbrot” sagt mir im Abschnitt “Fallen eines Butterbrots”, dass das bereits ab dem Anfang des 19. Jahrhunderts Thema ist; der englische Eintrag “Buttered toast phenomenon” führt ein Gedicht von 1884 an, das zur Verbreitung dieses Gedankens beigetragen habe.

“Von Tagesanbruch bis in die späte Nacht, solang irgend ein Mensch um den Weg ist, denkt das Objekt auf Unarten, auf Tücke. Man muß mit ihm umgehen, wie der Tierbändiger mit der Bestie, wenn er sich in ihren Käfig gewagt hat; er läßt keinen Blick von ihrem Blick und die Bestie keinen von seinem; was man da von der moralischen Gewalt des Menschenblickes vorbringt, ist nichts, ist Märchen; nein, der starre Blick sagt dem Vieh nur, daß der Mensch wacht, auf seiner Hut ist, und Blick gegen Blick, gleich fix gespannt, lauert es denn, ob er sich einen Augenblick vergesse. So lauert alles Objekt, Bleistift, Feder, Tintenfaß, Papier, Zigarre, Glas, Lampe – alles, alles auf den Augenblick, wo man nicht acht gibt. Aber um Gottes willen, wer kann’s durchführen? Wer hat Zeit?”

Dass die Welt so ist, wie sie ist, liegt an ihrem Ursprung. A.E. enthüllt dem Erzähler seine Kosmogonie, die ein Urweib und Urschlamm enthält und böse Geister; all diese schufen die Menschen, die – von einem männlichem Lichtgeist unterstützt – wiederum die Kultur erschufen: “das Recht, den Staat, die Wissenschaft, die begierdelose Liebe und die Künste.”

“Aber die Geister, das Schandschlammprodukt, wüteten und beschlossen furchtbare Rache. Sie schlüpften in die Objekte. – Das Weitere wissen Sie, wissen, wie der Mensch nun geschunden wird, was alles ihm über den Weg rennt, wenn er mitten im besten, im vernünftigsten, im zweckmäßigsten Tun begriffen ist, wissen, wie er in allem tückisch durchkreuzt, durchbrochen, das Hackbrett ist, worauf kichernd, hohnlachend die bösen Geister spielen. Es ist nur noch beizubringen, daß es ungenau gesprochen ist, wenn man das besessene Objekt anschuldigt, statt den besitzenden Dämon.”

Es sind also die ehemals selbstständig existierenden Dämonen, die in die gewöhnlichen Dinge des Alltags schlüpften. Deshalb findet man seine Brille nicht, deshalb fällt das Butterbrot immer auf die gebutterte Seite, deshalb schlägt, ahem, der Druckfehlerteufel zu. Das erinnert mich an die Gremlins. Das Wort wurde nicht eigens für den Film aus dem Jahr 1984 erfunden, es ist deutlich älter und bekannt geworden über das Militär. Wenn dort irgendein Gerät nicht funktionierte, oder nicht so funktionierte, wie es sollte, und das kommt beim Militär ja immer wieder mal vor, dann hieß es: Die Gremlins sind schuld. Es geht also vor allem um mechanische oder elektronische Fehlfunktionen, als wären da kleine Teufelchen am Werk, die das Gerät sabotieren. Entstanden ist diese Bedeutung wohl in der britischen Luftwaffe in den 1920er Jahren “among the British pilots stationed in Malta, the Middle East, and India” (Wikipedia, wo noch viel mehr dazu, auch schöne Poster).

Von herkömmlicher Kunst ist A.E. nur mäßig beeindruckt. Der Wilhelm Tell, der könne schon eine echte Tragödie werden, wenn Tell eben mit dem wahren Gegner, dem Objekt, zu kämpfen hätte – bei der Landung ins Wasser fiele, etwa, worauf das Drama eine andere Richtung nehme. Das Ende dann so:

“Tell gelangt auf seiner Flucht nach Wien, nimmt einen falschen Namen an, erinnert sich an seine Geschicklichkeit in Holzarbeiten, wird Schreiner, zieht seine Familie nach und überläßt es den Enkeln, im Verlauf der Zeit den richtigen Namen wieder zu schreiben.”

Die drei Grazien als Skulptur, schön und gut, aber richtige Kunst entsteht erst mit einem anderen Stoff:

“Drei furchtbare Weiber, schön und entsetzlich, grauenhaft schön, bilden, sich umarmend, eine Gruppe, ein Symplegma! –: der Schnupfen, der Katarrh oder Pfnüssel (dies Wort hatte er, wie er mir sagte, in der Schweiz aufgefangen; er unterbrach hier den Zug seiner Rede, verbreitete sich über dessen onomato-poetischen Wert und behauptete mit komischer Heftigkeit, das Wort sei keltischen Ursprungs, was ich ihm doch nicht bestritt, obwohl ich es für gut deutsch hielt) – der Pfnüssel – und die Grippe! Ziel, des edelsten Künstlers würdig! Hauptaufgabe: die Nuancen, die Stufen richtig zu geben, abzutonen!”

Krankheiten spielen überhaupt eine zentrale Rolle im Kunst- und Weltbild von A.E. – auch Hamlet liest sich erst richtig, wenn man erkannt hat: “alle Hauptstellen in diesem unsterblichen Drama verkünden doch mit Flammenschrift: jeder Zoll ein Hämorrhoidarius!”

In einer Schlüsselszene führt A.E., sich in einem Sturm an eine Felswand klammernd, einen inneren Monolog, also eigentlich einen äußeren, in den Sturm gebrüllten Monolog, der aber beim lauschenden Erzähler als das ankommt, was später innerer Monolog heißen wird, weil der Wind nur Satzfetzen zu ihm durchlässt:

»Welt – eine Erkältung des Absoluten – in der Einsamkeit – spuckte aus und die Welt war – die Welt vom Ewigen gehustet, geräuspert – Schandgallert – Brütnest der Plagteufel – Trichinen des Daseins –«

Jetzt ballte er wieder die Faust gegen einen der Felsriesen, die ihm gegenüberstanden.

»– – verhöhnst du mich? Urkerl – Schöpfungstagen – immer gleich – undurchbohrbar – Urlümmel – Schweig! – selbst ein alter Rotzler – Triefnase – – Mensch doch wenigstens Schnupftuch –«

Er gebrauchte es mächtig.

»Warum – warum, ewiger Gott, der du nicht bist – dies tiefe, starke Bewußtsein der Zwecke – Zusammenhangs – daß etwas, auch nur etwas ganz sei – Durchkreuzung – herrliche Gefühle – Kröten – über den Weg laufen – Beinstellen – uns, deren Adlersonnenblick – Ganzes – Harmonie – Freude – einmal – einmal – Blütenkelch – Feldwanze darin – Gespensterangst, Tag und Nacht – Herzensbangigkeit, tiefe – unsichtbaren Feind – Furcht? – Nie, – vor keinem sichtbaren – will endlich frei sein – frei – Angstband zerreißen – in Fetzen vor deine Füße! – Ha! Wie? Du auch da unten im Wasserstrudel, Nixe mit den Fischaugen? Kennst mich noch? Glotzt herauf? Soll ich kommen? Fort! fort! Nicht zu dir, nicht dir zulieb! – – Suwarow – weiß, – Gebrüll der Schlacht – wie so wohl, so frei – Gebeine im wütenden Wasserstrudel bleichen –«

Die beiden trennen sich schließlich, haben sich aber zuvor beide als Dichter – ganz amateurhaft, versteht sich – geoutet, und A.E. verspricht dem Erzähler, ihm eine Erzählung zu schicken, und diese Erzählungen findet sich dann in den Roman eingeschoben: “Der Besuch. Eine Pfahldorfgeschichte”.

Vorher entnehme ich einigen Anspielungen im Text, dass es wohl um diese Zeit herum eine populäre Gattung des Pfahlbauromans gab mit Handlung in der Jungsteinzeit, auf die das Werk von A.E. vielleicht eine Parodie ist? Denn – sagt mir Wikipedia – im Winter 1853/54 wurden am Zürichsee während einer Trockenperiode Spuren von Pfahlbausiedlungen entdeckt, und zwar die ersten in Europa, scheint es. Die gab es im Alpengebiet wohl tatsächlich viel, wie sich danach herausstellte. Allerdings stellte sich bald die Frage: Waren die Pfahlbauten wirklich ursprünglich im Wasser gestanden und damit echte Pfahlbauten, oder waren sie am Ufer, gegen Überschwemmungen geschützt, und nur durch den später ansteigenden Wasserspiegel im See gefunden worden? Dann wäre das vielmehr eine “Feuchtbodensiedlung”! Wikipedia beruhigt:

Sie waren nur durch einen späteren Seespiegelanstieg unter die Wasserlinie geraten und zunächst irrtümlich für echte Pfahlbauten (im Wasser stehend) gehalten worden. Mit fortschreitender Ausgrabungstätigkeit an den zirkumalpinen Seen wurden aber immer mehr echte Pfahlbauten, die nur saisonal bei Niederwasserständen trocken fielen, gefunden. Pfahlbausiedlungen und Pfahlbauten sind nach den neuesten Untersuchungen wieder als Begriffe akzeptiert. Damit ist der langandauernde „Pfahlbaustreit“ um die Lage dieser Siedlungen beendet.

Und jetzt bin ich am Lesen dieser sehr langen Binnenerzählung, die die restlichen zwei Drittel des ersten Bandes ausmacht. Allein, ich musste schon jetzt beginnen, meine Gedanken zum Buch aufzuschreiben; das wird ja uferlos sonst. Ob der Rest interessant ist, kann ich also noch nicht sagen.

Zeichnungen zu Gedichten

Elfte Klasse, den Inhalt eines Gedicht als Bild zusammenfassen, im Unterricht – auf Papier oder hier auf verschiedenen Tablets:

Welches Gedicht hier abgebildet wird, ist Deutschlehrkräften wohl sehr schnell klar, und wer sonst einen kleinen Überblick über deutsche Lyrik hat, kennt das sicher auch.

Der Hintergrund ist der: Zu manchen Gedichten lässt sich leicht eine Illustration anfertigen, zu anderen nicht. Aufgabe: Finde weitere Gedichte im Schulbuch, die sich gut oder eben auch schlecht illustrieren lassen. Ergebnis: Gedankenlyrik geht gar nicht. Gedichte, in denen es viel um Innenleben geht (sagen wir mal: Erlebnislyrik), gehen dann, wenn das Innenleben an konkreten Bildern der äußeren Elementen festgemacht wird. Metaphern gehen meist nicht.

Für solche Aufgaben müssten die Schüler und Schülerinnen eine Gedichtsammlung haben. So etwas gab es früher als Lesebuch, aber Lesebücher gibt es nicht mehr; das moderne Arbeitsbuch enthält nur eine kleine und verstreute Auswahl an Texten. Weitere Aufgaben, die mit einer Gedichtsammlung möglich sind: schmökern, motivgleiche Gedichte finden, Gedichte mit unterschiedlichen Rhythmen finden (vielleicht sogar bei gleichem Metrum), heitere und traurige Gedichte finden.

Mir fehlt halt die Zeit, so eine Sammlung als epub zusammenzustellen. Oder eher: Ich kann mich nicht für eine Form entscheiden; insbesondere die Zeilennummerierung ist nicht ganz einfach (Blogeintrag). Und natürlich können das nur gemeinfreie Gedichte sein, eine philologisch verwertbar Ausgabe wird es auch nicht sein, aber das macht nichts.

Für die Schule aufbearbeitete epubs gibt es ohnehin viel zu wenige. Ich habe für meine aktuelle Klassen sauber formatierte E‑Buch-Versionen erstellt von Nathan der Weise, von Woyzeck, von Irrungen, Wirrungen und “Der Sandmann” und “Das Marmorbild”. Keine davon gibt es dergestalt im Web, dass Schüler und Schülerinnen sie leicht oder überhaupt selber finden können. Klar, bei Amazon, und für Geld, dafür vielleicht annotiert. Aber die Annotationen kann ich auch selber machen. Irgendwann vielleicht mal ein W- oder P‑Seminar “Digitale Bibliothek für die Schule erstellen”, nur weiß ich nicht, ob es dafür Interesse gibt. Dann eher ein zentrales OER-Projekt? Noch lesen fast alle Schüler und Schülerinnen Schullektüren lieber auf Papier, aber ich kann mir vorstellen, dass sich das bald einmal ändern wird. Tablets gibt es immer mehr an der Oberstufe, viele Arbeitsblätter werden abfotografiert und gleich wieder zurückgegeben. Für die Zukunft wäre es mir recht, wenn die Klassen und Kurse nicht auf die Digitalläden der großen Firmen angewiesen wären.

Nach dem vielen Text jetzt als Auflösung zu oben ein Tafelbild von mir, anno 2008, zu dem gleichen Gedicht. Würde ich heute etwas anders machen, auch inspiriert von den Bildern oben.

Auflösung, und einer für die Suchmaschinen: Die Illustrationen sind zu Joseph von Eichendorff, “Sehnsucht”.

Über die verschiedenen fehlgeschlagenen Versuche der Illuminaten, mich zu kontaktieren

Auslöser war ein Anruf heute, auf dem Telefon (huch!), unter der Nummer, die hier in meinem Impressum steht. Das ist eine von mehreren Nummern, die alle zum gleichen Apparat führen. Frau (Home Office) Rau ging ran, weil ich gerade in einer Videokonferenz war; aber dann musste doch ich sprechen.

Ein Herr erkundigte sich nach den Illuminaten, da ich in meinem Blog so viel über die geschrieben hatte. (Hier, aber auch andernorts.) Er habe eine spirituelle Erfahrung oder Begegnung mit ihnen gehabt und suche nach Gleichgesinnten. Ich reagiere spontan nicht sehr lustig oder ironisch, erklärte also, dass ich viel über die echten und die popkulturellen Illuminaten wisse, dass es die nicht in einem sinnvollen Sinn gebe (aufgelöst Ende des 18. Jahrhunderts, als Studentenulk wiederbelebt in den 1960er Jahren), dass die Kommentare in meinem Blog Betrugsversuche seien, und dass ich ihm viel Glück bei seiner Suche wünsche.


Der erste Brief einer Geheimorganisation an mich ist nicht überliefert. Ich war vielleicht fünfzehn Jahre alt, hatte Stefan B. und Karl-Heinz Z. im Verdacht, und ebenso im Verdacht, mir den Brief wieder entwendet zu haben, vielleicht ist er auch verloren gegangen – genug, es gibt keinerlei Zeugnisse und ich kann mich an kaum etwas erinnern.


Der zweite Brief kam von Udo aus dem Sauerland, da war ich siebzehn:

Ich bin damals zur Post am Hauptbahnhof, weil da sämtliche Telefonbücher für ganz Westdeutschland auslagen, und las mich durch das Telefonbuch von Warstein/Suttrop, um den Inhaber der vierstelligen Nummer ausfindig zu machen. Hätten Sie doch auch getan? So viele Anschlüsse gab es da ja nicht.


Außer Konkurrenz, weil anderer Hintergrund: Eine Nacht lang Trenchcoat tragen.


Ende 2017 bekam ich meine bis zu diesem Anruf letzte Nachricht eines Geheimbundes. Es kam in der Post, Poststempel Augsburg, meine Heimatstadt: Ein auf einem Farblaserdrucker beidseitig ausgedrucktes Blatt, gefaltet und die Seiten aufgeschnitten, mit Heftklammern sauber zusammengehalten, so dass ein kleines Heftchen, eine Broschüre daraus wurde.

Der Inhalt: Eine Räuberpistole um Verschwörung und Geheimbund und abgesetzte Könige, wenn ich mich richtig erinnere, in einem fiktiven Land, mit einem fiktiven Titel. Dazu der Slogan “sapere aude” in interessantem Design. Die Handlung erinnerte mich ein wenig an das Buch “S.” von J.J. Abrams und Doug Dorst (Blogeintrag), aber vielleicht trügt mich meine Erinnerung da.

Der Text enthielt unter anderem ein leichtes kryptographisches Rätsel, und ein schwereres – an dem ich scheiterte. Das war mir peinlich. Ehrlich gesagt, das sah nach einer Werbeaktion oder einem Scherz aus, durchaus gut gemacht, aber nichts, das eine echt schwierige Verschlüsselung erwarten ließ. Dennoch, ich fand die Lösung nicht – und ja, ich habe auch mit CrypTool gearbeitet und hatte außerdem gedacht, dass ich zumindest in die Basics der Verschlüsselung eingestiegen war. Hybris, reine Hybris.

Die Broschüre enthielt auch den Link zu einer Webseite unter eigener Domain, auf der man aber nur die Vorlage für die Broschüre als Pdf-Datei herunterladen konnte, zusammen mit einer Bastelanleitung. Die dort herunterladbare Broschüre war, wie meine auch, deutschsprachig. Ich gab irgendwann mal auf und vergaß das ganze, bis ich heute daran erinnert wurde.

Dann nahm ich meine Recherche wieder auf; weit führte sie wieder nicht. Aber:

  • Die damalige Domain ist im Dezember 2020 (glaube ich) frei geworden, also gibt es nichts mehr unter dieser Adresse.
  • Erstmals in Erscheinung getreten ist sie im November 2017.
  • Ich habe sie mir geholt, aus sentimentalen Gründen.
  • In der Wayback Machine des Internet Archives gibt es Belege für den aktiven Zeitraum, mit dem Seiteninhalt, an den ich mich erinnere und den ich damals anscheinend nicht gespeichert habe, schlampig von mir.
  • Die Inhalte auf dieser Domain, es handelt sich lediglich um eine Seite, werden von einer externen Filehoster-Site aus eingebunden.
  • Die Inhalte sind unter einer CC-Lizenz freigeben; es gibt ein Impressum mit einer E‑Mailadresse und der Ankündigung, es handle sich um eine spielerische Einführung in Verschlüsselungstechnik (was gut zum Tonfall insgesamt passt; es klingt nicht nach Betrugsversuch oder echten Spinnern).
  • Die ursprüngliche pdf-Datei lässt sich über den externen Hoster auch heute noch herunterladen, allerdings ist in der Wayback-Machine-Fassung eine englischsprachige Version und nicht wie bei mir damals eine deutschsprachige Fassung verknüpft; die englische Fassung trägt einen anderen Titel.
  • Die Grafiken zur Anleitung zum Falten des Buchs tragen deutsche Dateinamen, was den Verdacht nahelegt, dass es sich ursprünglich um ein deutschsprachiges Projekt handelt (die Kryptogramme im englischen Text habe ich mir noch nicht angeschaut). Auch der so liebevoll formatierte Schriftzug “sapere aude” fehlt in der englischen Fassung der pdf-Datei.

Ich erwähne das vor allem deshalb, weil ich weder auf Twitter noch sonstwo im Web Hinweise auf dieses Projekt finde. Der ziemlich eindeutige Projektname ist in der deutschen Fassung ein Unikat, ich habe keinen signifkanten Treffer in Suchmaschinen gefunden, allenfalls Fehltranskriptionen in Dokumenten, die nichts damit zu tun haben. Hat niemand je etwas darüber geschrieben oder bin ich zu blöd, das zu finden? Das Projekt sah mir doch nach einigermaßen Reichweite aus.

Wenn man nach dem englischsprachen Projektnamen sucht, der auch der Name der Domain war, findet man exakt einen signifkanten Treffer – in einem Spielerforum, wo sich ein Forenmitglied danach erkundigt, ob jemand von dieser Sache gehört habe. Es hatte niemand, vor der Webseite wurde gewarnt (“wer weiß, was man sich beim Herunterladen da einfängt”), das war’s.

Den Namen verrate ich extra nicht. Ich finde, so viel Geheimnis gehört respektiert. Wenn ich das an Klausis Krytop Kolumne schicke (das bekannteste Blog zu Kryptographie in Deutschland, glaube ich), wäre das sicher bald gelöst, aber ein bisschen will ich noch träumen. Und mich vielleicht doch irgendwann noch einmal an das ungelöste Kryptogramm machen.

Ironisches Reden

Über fünfzig deutsche Schauspieler und Schauspielerinnen haben an einer Aktion teilgenommen, bei der sie ironisch-sarkastisch-zynisch (darüber wird man streiten) eine (ihre?) Unzufriedenheit mit Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie demonstrierten: in übertriebener Form forderten sie immer mehr und strengere Maßnahmen.

Das ist die verhältnismäßig neutrale Beschreibung, und im besten Fall sah das so auf dem Papier und dort vielleicht nach einer brauchbaren Idee aus. Was herauskommen ist, ist unglücklich und peinlich. Es hagelt berechtigte Kritik von den meisten Seiten und Lob und Zuspruch von den Spinnern und Rechtsnationalen. Manche der Teilnehmenden rudern zurück, andere buddeln sich noch tiefer hinein.

Man hätte vorher mehr nachdenken können. Der Schauspieler Khodr Kida Ramadan, der ebenfalls für das Projekt angefragt wurde, erklärt das so (das erste Mal, dass ich etwas von Instagram einbette, ich hoffe, das geht halbwegs):

Mich erinnern die ursprünglichen Videos an einige Abiturreden, die ich im Lauf meiner Schulzeit erlebt habe. Nicht die echt kritischen, die fast schon ein Eklat sind, da wurde ich anderthalb mal Zeuge. Allen Respekt dafür. Ich meine eher die, die versehentlich daneben gehen – versehentlich vielleicht, absehbar sicher, so wie auch hier. Das waren dann jeweils Schüler, die auf die eine oder andere Weise unzufrieden waren mit der Schule. Zusammen mit der Gelegenheit, vor allen anderen auf einer Bühne zu stehen, führt das mitunter zu Ironie.

Unzufriedenheit: Man kriegt irgendwie nicht, was man gewohnt ist, und auf das man aber Anspruch zu haben glaubt. Durch Ironie baut man ein Schutzschild auf, implausible deniability, hat man ja doch gar nicht so gemeint. “Das war doch Ironie,” und dann darf man sagen, was man will. Überhaupt: Die Kritik hätte schon vorher kommen können, und in anderer Form, bei den Abiturreden wie bei den Schauspieler:innen, aber da war nichts. “Man darf ja nichts sagen”, heißt es auch bei beiden – “aus Angst vor schlechten Noten” oder aus Angst, gecancelt zu werden – beides Ausreden.

Aber alle können ja noch lernen, Abiturredner sowieso und auch Schauspieler:innen. Das war vielleicht dumm und ungeschickt, aber man muss auch eine Gelegenheit zum Rückzug lassen – finde ich. Das beutelt einen ja sicher auch, so einen, na ja, Fehler zu machen, so öffentlich. Allerdings habe ich das nicht im Detail verfolgt – ich kenne ohnehin, ahem, fast niemanden von diesen Leuten.

Vergnügliche Stunden in der Schule (für mich)

Englische Konversation, 11. Klasse, heute: Eigentlich schob ich nur kurz ein, dass viele Schüler und Schülerinnen, die ansonsten eher britisches Englisch sprechen, das intervokalische [t] lenisiert aussprechen, also fast wie ein [d]. Das heißt, sie sprechen “hot” [h​​​ɒt​] aus und “hotter” [‘hɒdə] – das stößt mir jedesmal auf. Das gibt es im amerikanischen Englisch, ja. Aber der Vokal ist ist bei den Schülern und Schülerinnen nicht zum amerikanischen [a] geworden. Also kurze Wiederholung zu stimmhaften und stimmlosen Konsonanten und zu Auslautverhärtung – dem Phänomen, dass ursprünglich stimmhafte Konsonanten am Wortende stimmlos werden, so dass sich “Pferd” auf “Wert” reimt, aber eben nicht “Pferde” auf “Werte”. Das befolgen Deutschsprechende erst einmal auch, wenn sie Englisch reden, wo es das Phänomen nicht so gibt.

Ein Schüler meinte dann, in England würden die doch eh alle [‘hɒʔə] sagen, also mit einem glottalen Plosiv, glottal stop, Glottisschlag. Deshalb weiter: Nein, vor allem und typisch in Südlondoner Akzent, aber auch im Aussterben begriffen. Aber der Glottisschlag ist so ein interessanter Laut, da holte ich mir die Erlaubnis zum Ausholen.

Den Laut gibt es im Deutschen auch, sogar häufig. Wir haben aber keinen Buchstaben dafür. Zwischen “be-inhalten” und “Spiegel-ei” ist dieser Laut, und zwischen “hin-auf” – außer man sagt “hi-nauf”, was inzwischen sicher häufiger ist. Aber auch zwischen nicht zusammengesetzten Wörter steht vor einem Vokal oft dieser Laut: zwischen “mein Auto” – außer man sagt “mei-Nauto”. Das ist empfohlen, wie auch geübte Vielsprecher einen Halbvokal wie [w] oder [j] als gleitenden Einstieg in einen Vokal wählen, eben um den Knacklaut zu vermeiden, der auf Dauer nicht gut für die Stimmbänder ist.

Auch die Aussprache von “Schüler:innen” oder “SchülerInnen” ist mit diesem Knacklaut kein Problem – man darf ja gerne dagegen sein, aber bitte nicht mit dem Argument, das könne man ja nicht aussprechen.

Diese Wort-Abtrennungen wie “mei-Nauto” gab es im Englischen auch, so dass “a nadder” (die deutsche Natter) zu “an adder” wurde und “an eke name” (ein, uh, auch-er Name) zu “a nickname”. Aber, was hat “eke” mit “auch” zu tun?

Also gut, schnell noch 2. Lautverschiebung und danach auf Wunsch auch noch die 1. eingeschoben. Grimm kennen sie gerade eh aus der Romantik. Das kann ich alles auswendig, und früher war die indoeuropäische Sprachfamilie sogar mal Stoff in der 8. Klasse. Vor der kompetenzorientierten Entschlackung der Lehrpläne.

Deutsch, Q11: In der darauf folgenden Doppelstunde ging es um E.T.A. Hoffmann, “Der Sandmann”. Ich hatte eh schon etwas zur Motivgeschichte vorbereitet, angefangen mit Hypnos und Morpheus. Aber ein mythologisch interessierter Schüler kam mir zuvor: Er hatte gelesen, dass in der germanischen Mythologie Schlaf und Traum als Sendboten galten, und das Wort Sandmann von “Sendbote” komme. Ich äußerte Skepsis, fand dazu aber zwei Zeilen auf Wikipedia (ohne weitere Quelle). Aber immerhin. Ich blieb bei meiner Skepsis, bat den Schüler, das weiter zu recherchieren.

Am 10. April 2010 erweiterte der Nutzer “Jbergner” den Beitrag “Sandmann” unter anderem um folgende Zeilen: (nein, aber so ähnlich jedenfalls):

Für die [[Germanen]] waren der Schlaf und der Tod Geschwister. Beide wurden als ”Sandmann” (”Sendbote”) bezeichnet.

Und seitdem steht das da wohl so. Der Text hat sich nur wenig verändert bis heute; es finden sich etliche Stellen im Web, die das gleiche behaupten – aber nie mehr, und nie mit genaueren Quellenangaben, so dass ich vermute, dass die alle auf eine einzige Quelle zurückgehen, nämlich Wikipedia. Und die wiederum geht vielleicht zurück auf Hans-Jürgen Möller, Psychiatrie und Psychotherapie, Ausgabe von 2005, S. 295 – da steht, ganz nebenbei, das mit den Sendboten. Diese Quelle fand und schickte mir der Schüler.

Natürlich bin ich kein Experte, und natürlich ist es so, dass Lehrkräfte vielleicht zu oft davon ausgehen, dass etwas, das sie nicht kennen, gar nicht stimmen kann. Und doch bleibe ich bei meiner Skepsis. Im Sandmann-Beitrag in der Enzyklopädie des Märchens (15 Bd.) habe ich nichts dazu gefunden; wenn man im Web auf Englisch sucht, findet man gar keine solche Behauptungen.

Aber der Schüler und ich, wir recherchieren weiter, und vielleicht findet sich ja jemand, der sich in germanischer Mythologie auskennt – und in der Etymologie von “Sandmann”.

Impf-Ungeduld und Testen in der Schule

Seit Anfang dieser Woche (also nach den Osterferien) kommen in Bayern ab einer 7‑Tage-Inzidenz von 100 nur die Abschlussklassen in die Schule, das heißt fürs Gymnasium: die Kurse der 11. und 12. Klassen, und das jeweils abwechselnd nur in halber Besetzung. Außerdem müssen sich diese Schüler und Schülerinnen alle in der Schule im Klassenzimmer mit einem Selbsttest auf eine Covid-19-Infektion testen. Vor den Osterferien war das als freiwillig angekündigt, aber das ist lange her.

Ich finde es sehr lästig, dass ausgerechnet diese beiden Jahrgangsstufen in die Schule kommen. Gerade die kämen noch am besten ohne den Sozialkontakt aus und gut mit dem Distanzunterricht zurecht. Aber gut.

Getestet werden muss mindestens zweimal in der Woche. Da bietet sich tatsächlich der tägliche statt wöchentliche Wechsel der Kurshälften: bei uns wird einfach jeden Morgen getestet, in der jeweils ersten Stunde der Schüler und Schülerinnen. Wenn das erst in der dritten Stunde ist, muss man das halt mitkriegen; das geht aber schon.

Ohne Husten und Niesen laufen die Tests aber nicht ab. Deshalb Fenster auf, Desinfizieren, Augsburger Puppenkiste, dauert zehn Minuten mit Vorbereitung – dann muss man nur noch daran denken, nach einer Viertelstunde auf die Ergebnisse zu schauen. Das vergesse ich gerne mal. Ansonsten bei uns: sehr viel Aufwand, sehr gute Organisation. Aber insgesamt alles undramatisch.

(Anders ist das an anderen Schulen – die Schulleiterfreundin von Hauptschulblues berichtet.)

Bisher hatte ich kein Positiv-Ergebnis in einem Kurs. Müssen wir tiefer bohren? Vermutlich rechnen landauf, landab alle Schüler und Schülerinnen bedingte Wahrscheinlichkeiten aus – wenn ich ein Positiv-Ergebnis kriege, ist es wahrscheinlicher, dass ich infiziert bin (sehr unwahrscheinlich) und der Test das anzeigt (sehr wahrscheinlich), oder dass ich nicht infiziert bin (sehr wahrscheinlich) und der Test das falsch anzeigt (unwahrscheinlich)? Bei uns werden jeden Tag hundert Schüler und Schülerinnen getestet, ungefähr, und da müsste man eigentlich schon immer wieder mal ein paar falsch-positive Ergebnisse erwarten.

Der tägliche Wechsel und das zweitägliche Testen ist auch insofern gut, als der Test erst dann korrekt eine Infektion signalisiert, wenn man schon einige Tage infiziert und bereits infektiös ist. Ein “negativ” am Mittwoch sagt also nur, dass man, vielleicht, am Montag noch nicht infiziert war, ein “positiv” am Freitag sagt, dass man vielleicht schon am Mittwoch jemanden angesteckt hat. Es geht also nicht darum, konkret Schüler:innen und Lehrkräfte unmittelbar zu schützen, sondern einen möglichen Ausbruch rasch zu unterdrücken. Das sehe ich sogar ein.

Und dennoch werde ich jetzt langsam ein bisschen impfungeduldig. In Augsburg, lese ich, fangen sie jetzt schon mit Prioritätsgruppe 3 an. Und im Lehrerforum höre ich von Lehrkräften an Gymnasien, die bereits Impfangebote erhalten haben. Ich bin auch Gruppe 3, als Lehrer am Gymnasium. Außerdem bin ich bald Mitte fünfzig, übergewichtig, habe Bluthochdruck – ich würde jetzt auch gerne mal. Hab mich schon mal höflich ganz vorsichtig bei der Hausärztin gemeldet, dass ich also schon würde, wenn ich könnte; aber es gibt natürlich wenig Dosen dort. Nun, ich stehe auf der Liste.

Ich könne es allen, die bereits geimpft sind, und es gitb sicher viele Fälle, die noch vor mir drankommen sollten. Aber ich werde ungeduldig.

Nachtrag: Ein paar Stunden später kam tatsächlich eine Mail mit Einladung zur Impfterminvereinbarung. Die lesen aber nicht mein Blog, oder? Jetzt muss ich nur noch von der Hausärztin starkes Übergewicht und Bluthochdruck bestätigen lassen.

Intensive und extensive Beschäftigung mit Lektüre: Avengers 142

Im 18. Jahrhundert änderte sich auch das Leseverhalten in Westeuropa, soweit ich weiß. Davor lasen viele Leute nur wenige Werke, oft erbauliche, und vor allem die Bibel; diese wenigen Werke dafür aber um so gründlicher: intensive Lektüre. Mit wachsender Alphabetisierung, mit der schnell wachsenden Popularität von Romanen las man danach viel und schnell und gierte nach Fortsetzungen und neuen Romanen: extensive Lektüre.

In meiner Kindheit und Jugend las ich viel, und wenn ich auch immer wieder zu bewährten Lieblingstexten griff und diese wieder und wieder las, intensiv, dann insgesamt doch wahrscheinlich extensiv, stets auf der Suche nache Neuem. Bei Musik und sogar bei Film war das teilweise anders. Da hörte ich ein Lied, eine Platte dutzendfach hintereinander an, schrieb die Liedtexte mühsam heraus und kaute so auf jedem Wort herum. Das war eine intensive Beschäftigung damit, bei der ich viel gelernt habe. Auch die Kindheitskassetten mit Hörspielen wurden wieder und wieder zum Einschlafen gehört, allein schon, weil es nicht so viele davon gab. Und da schon seit früher Kindheit – wir reden von den späten 1970er Jahren, meine Damen und Herren – ein Videorekorder im Haus war, gab es auch Filme, die ich immer wieder ansah. Es war eben keine enorm große Anzahl an Filmen. Auch dabei habe ich viel gelernt.

Und dann waren da meine Marvel-Superheldencomics. Sind 100 Hefte Fortsetzungsgeschichte, bei denen doch immer wieder das gleicher geschieht, nur scheinbar anders, eigentlich ein Text – intensive Lektüre – oder verschiedene – extensive? So oder so, ich habe intensiv gelesen, alle Hefte mehrfach, allein schon, weil ich das gemeinsame Universum nicht gut genug kannte und erst mal alle Zusammenhänge verstehen wollte.

Ein besonderer Fall war meine spärliche Sammlung originaler US-Hefte, ein paar aus dem Urlaub, ein paar von Flohmärkten. Die habe ich wieder und wieder gelesen, vor allem wieder, weil ich nur wenige davon hatte. Außerdem kannte ich viele Wörter nicht und suchte sie zu erschließen. Vor allem war es aber so, dass viele dieser amerikanischen Originalhefte, auch wenn sie teilweise älter waren als meine deutschen Hefte, in deren fiktionaler Zukunft spielten – Die Rächer waren in Deutschland 1978 mit der Entsprechung zu Heft Nr. 101 eingestellt worden, und das amerikanische Heft Avengers 142 aus dem Jahr 1975, lange Zeit mein einziges altes US-Avengers-Heft, war gleichzeitig Zukunft und Vergangenheit. Was mochte inzwischen, also seit Heft 101, passiert sein?

Avengers 142 ist obendrein eine Zeitreisegeschichte. Ein paar der Avengers sind in der US-Vergangenheit im Wilden Westen und treffen dort auf Kid Colt, the Two-Gun Kid, the Ringo Kid und natürlich Rawhide Kid und Night Rider (vormals Ghost Rider, nachmals Phantom Rider; lange Geschichte). Und diese Western-Helden kannte ich zum Teil schon! Neue Wörter, die mir in diesem Heft begegneten und an denen ich lernte: Owlhoots, savvy, ethereal, palooka, butte, throttle, polecat, pardner, fancy. Wobei fancy, das begegnete mir in der Zeit immer wieder, auch in sichtlich unterschiedlichen grammatischen Kategorien. – Geübt auch, aber wohl nicht neu gelernt: “thou”, “he standeth” und andere ältere Formen, wie Thor sie gerne benutzt, darunter auch “enow” statt “enough”. Shakespeare im Leistungskurs Englisch ein paar Jahre später war dann kein Problem. – Aber wer war diese komische kahlköpfige Frau, die ich nur von einem Quartett her kannte?

Der zweite Teil der Handlung betraf die Gegenwart, auch die für mich verrätselt bekannt-unbekannt, vergangen-zukünftig: Die Squadron Supreme hatten die Rächer gefangen genommen, unter Mitwirkung der bösen Roxxon Corporation, deren Name mir schon mal begegnet war. Die Squadron Supreme waren Superhelden aus einer Parallelwelt, sehr an die Gerechtigkeitsliga von DC angelehnt, entstanden aus einem inoffiziellen Crossover. Davor (Publikationsreihenfolge) bzw. danach (in-world) gab es allerdings die gleich aussehende Squadron Sinister, lange Geschichte, hat etwas mit Parallelwelten zu tun. Schuld am aktuellen Schurkentum der an sich guten Squadron war wieder einmal die Serpent Crown, auch das eine lange Geschichte, deren Fährte ich zum ersten Mal in den ganz alten Hit-Comics aufgenommen hatte.

Gezeichnet war das alles übrigens von einem jungen George Pérez, leider nicht besonders gut getuscht von Vince Colletta. Aber die Layouts von Pérez erkenne ich sofort wieder, jetzt, wo ich jüngere Werke von ihm kenne.

Hier wird das Heft besprochen: http://marveluniversity.blogspot.com/2015/04/december-1975-part-one-long-awaited.html

Exkurs: Western-Helden

Im Golden Age der spätern 1930er und 1940er Jahre gab es viele Superhelden-Comics. In den 1950er Jahren waren sie suspekt geworden. Anders als die Horror-Comics, mit denen zusammen sie verfolgt wurden, starben sie nicht ganz aus, aber die Verlage setzten in dieser Phase auf Comics mit Liebesgeschichten oder Western. Und diese Westernhelden überlebten bis weit in das Silver Age, wie die Renaissance der Superhelden mit dem Aufstieg der Marvel-Comics auch heißt – teils mit neuen Geschichten, teils mit Nachdrucken. Zu den bekanntesten gehörten: Kid Colt, Rawhide Kid, Two-Gun Kid, Ringo Kid. Dabei waren Kid Colt und Ringo Kid für mich stets austauschbar, hatten keine Eigenschaften, die ich mir gemerkt hätte; Two-Gun Kid hatte immerhin eine kleine Maske und eine Geheimidentität, fast wie der Lone Ranger. Die einzige Figur, die anders war als die anderen, war Rawhide Kid.

Warum eigentlich? Es muss die spezielle Lederkluft gewesen sein. Keine Maske, aber trotzdem nicht so gar cowboyhaft wie die anderen. An die Geschichten mit Rawhide Kid, die ich gelesen habe, kann ich mich nämlich gar nicht erinnern. Sie werden nicht gar so anders gewesen sein? – Er wurde immer wieder mal aus der Klamottenkiste geholt, 2003 in einer allerdings nicht besonders guten Miniserie als schwul inszeniert. Seitdem taucht er immer mal wieder auf.

Osterferien 2021

Zeit für einen neuen Avatar, Unterricht neulich:

Nach den Ferien lasse ich mir vielleicht von einem Kurs oder einer Klasse die Haare schneiden, das wäre lustig.

Osterferien, verdiente, oder zumindest ersehnte:

Das sind hot cross buns, süßer Hefeteig mit Rosinen und Zitronat und Orangeat und Gewürzen, ein englisches Ostergebäck. Ich habe sie schon einmal gemacht, aber das muss vor Blogzeiten gewesen sein, weil es keine Spuren davon gibt. Damals gelangen sie mir besser, aber sie schmeckten gut.

Heute wandern gewesen in der Stadt, den Auer Mühlbach entlang. Der fängt in Thalkirchen hinter dem Zoo an und fließt nach dem bayerischen Landtag wieder in die Isar. Dazwischen kommt man mal am Archiconvent des (eines) Templer-Ordens vorbei, hier von außen:

Vor dem Eingang Informationen zu gemeinnützigen Tätigkeiten, insbesondere Abgabe von Mittagessen.

Erwähnenswert ist das deshalb, weil ich vor den Osterferien noch schnell den Nathan an meine 10. Klasse ausgeteilt habe. Ich hatte ihn rechtzeitig als Klassensatz bestellt, obwohl wir erst in einer ganzen Weile dazu kommen werden – aber wer weiß, wann ich die Klasse wieder persönlich sehe. Ich rechne nicht damit, dass das bald nach den Ferien sein wird.

Und mit dem einen Teil habe ich angefangen, Nathan der Weise zu lesen, um das Hineinkommen zu erleichern. Was ist ein “Mameluck”, was bedeutet: “Die Szene ist in Jerusalem”, und was ist ein “Tempelherr”? Also kurz Kreuzzüge in Erinnerung gerufen, den Templerorden, Abstecher zu Verschwörungsmythen, dann angefangen zu lesen.

Ich mag Nathan und würde ungern stattdessen Emilia Galotti oder Kabale und Liebe lesen. (Allenfalls die Räuber sind denkbar, aber da begnüge ich mich mit Auszügen.) Vom wichtigeren Inhalt – Wunderglaube, Toleranz – abgesehen, finde ich auch den Aufbau des Stücks viel interessanter, und der Einstieg erzeugt Spannung. Auch die Schüler merkten: Da ist irgendwas zwischen Daja und Nathan, erpresst sie ihn oder was geht in ihr vor? Ein Templer soll die Recha gerettet haben: “Aber ich dachte, die sind der Feind und belagern die Stadt?” Genau!

Morgen dann Montag, und kein Unterricht! Dann erst beginnen die Ferien richtig. Pläne und Arbeit habe ich natürlich genügend auch so.

Gelesen: Bernhard Spring, Folgen einer Landpartie (2010)

Das Buch ist ein Krimi oder wird jedenfalls als solcher verkauft: “Ein historischer Halle-Krimi” aus der Reihe TatortOst. Ich mag Krimis – Hammett und Chandler aus den einen, den englischen Whodunnit aus den anderen Gründen. Bei letzterem gibt es oft einen Mehrwert: Der klassische Krimi mit seinen Serienfiguren verlangt, dass die Figur in jeder neuen Geschichte an einen neuen interessanten Ort kommt oder in einem neuen Milieu arbeitet. Ich habe Krimis gelesen, die in der Briefmarkensammlerszene spielten, unter Comicsammlern, bei englischen Moriskentänzern, auf einer Buchhandelsmesse. Man kriegt immer so ein bisschen interessante Information mit.

Ein bisschen anders sind die Regionalkrimis. Die erschienen Mitte der 1980er an meinem Horizont. Frieder Faist, Schattenspiele (1984) war mein erster – spielte in meiner Heimatstadt Augsburg, ich erkannte viel wieder. Und zehn Jahre später oder so ging das mit dem Allgäu los. Da gibt es keinen Mehrwert in Folge eines neuen Milieus, nur Freude über das Wiedererkennen des bekannten – und wer nicht aus der Gegend stammt, für den ist vielleicht das das Interessante.

Dazu möchte ich auch die historischen Krimi gesellen. Die sind wie Regionalkrimis, nur in der Zeit. Da war sicher Umberto Ecos Der Name der Rose Auslöser für viele andere Bücher.

Folgen einer Landpartie ist ein historischer Krimi. Die Hauptperson und der ermittelnde Detektiv, wenn man so viel, ist der junge Joseph von Eichendorff, der eben als 17-jähriger Student in Halle eingetroffen ist. Später wird er einer der bekanntesten romantischen Schriftsteller werden, und das ist ja auch der Grund, warum er Hauptperson ist. Ähnliches gibt es in Das Erlkönig-Manöver von Robert Löhr aus dem Jahr 2007, wo Goethe, Schiller, Kleist und Konsorten spannende Abenteuer erleben.

Der junge Eichendorff, aus dessen Perspektive in 3. Person erzählt wird, ist als Ermittler uninteressant und unfähig. Am Ende fragt er sich selber: “Nun dämmerte es Eichendorff langsam. O nein, wie hatte er sich doch auf dem Irrweg befunden! Warum hatte er nicht schon viel zeitiger bemerkt, wer der eigentliche Täter war?” und wenige Zeilen darauf: “Natürlich! Wie hatte Eichendorff nur so blind sein können!” Das hatte ich mich beim Lesen schon lange zuvor gefragt. Und da fehlt mir dann doch der auktoriale Erzähler, der mir versichert, dass Eichendorff alles richtig macht oder eben wirklich äußerst nachlässig ist – an beidem könnte ich mich reiben. So fehlt diese Erzählinstanz als Autorität, und das stört mich. Selber beurteilen und werten ist schön und gut, aber mit einem starken auktorialen Erzähler liest man weniger allein.

Eichendorff handelt auch nicht. Er befindet sich zufällig zur Tatzeit als Gast auf einem Anwesen, auf dem jemand zu Tode kommt. Ja, er schaut sich den Tatort an, einmal, und findet dort etwas, aber das war es an Ermittlung. Er befragt eigentlich keine Zeugen, sucht keine Spuren, überführt keinen Täter und bildet sich dabei doch ein, den Fall zu lösen (nachdem er den Großteil des Buchs über sehr, sehr beschränkt denkt) – bildet sich überhaupt ein, dass es einen Fall gibt. Außer ihm und seinem Bediensteten Jakob glaubt nämlich niemand an ein Verbrechen, und niemand erfährt von Eichendorffs Verdacht, seiner Vermutung, seiner Lösung. Und das ist dann schon wieder reizvoll. Und das finde ich dann schon wieder sehr reizvoll, so dass ich mit dem Kriminalfall, wenn es den einen gibt (und Eichendorffs Datenbasis dafür ist tatsächlich sehr kümmerlich), halbwegs versöhnt bin. Umberto Ecos Krimi ist die Geschichte eines Irrtums, hier wird die Hypothese nicht mal mehr an der Realität überprüft.

Wir erfahren ansonsten Biographisches über den jungen Eichendorff (hat mich nicht interessiert) und immerhin ein wenig Zeitgeschichte, wenn auch genug für meinen Geschmack. Armut, Hunger, Prostitution, Juden, Napoleon, Ständeordnung, Theaterbau, Goethe, immerhin angerissen.

Wenn ich mal dazu komme, so in ein, zwei Jahren, will ich etwas über Manly Made Wellmans Kurzgeschichten-Serienhelden Silver John schreiben, der in den sehr ländlichen Appalachen mit einer Gitarre umherzieht und phantastische Abenteuer erlebt. In denen geht um authentische und dazuerfundende Folklore, Hexergestalten und Fabelwesen, und die Geschichten gefallen mir sehr gut. So etwas hätte ich gerne auf Deutsch, die Wahrheit über Lorelei oder die schöne Lau und den Blautopf und das Stuttgarter Hutzelmännlein. Gerne mit Eichendorff als Helden, oder Chamisso.

(Es gibt wohl einen weiteren Eichendorff-Krimi von Spring, dann wohl mit einem älteren Eichendorff.)

Noch zwei Wochen bis Osterferien

In zwei Wochen sind Osterferien. In diesen zwei Wochen ist Unterricht – Wechselunterricht zwar, tageweise (epidemiologisch weniger klug), und mit Masken, aber ohne vollmundig angekündigte Tests. Nicht dass ich mir von den viel erwarte; sinnvoll wäre allein, die Schulen geschlossen zu halten.

Ich verstehe nicht, warum die Schule jetzt für diese zwei Wochen aufmachen. Natürlich wird es schön sein, Schüler und Schülerinnen zu sehen, für mich und vor allem sie selber. Aber es ist für meine Schulart pädagogisch nicht nötig und psychologisch nicht so nötig, dass das die Infektionen rechtfertigt. Der Großteil der Bürger und Bürgerinnen verlangt nicht nach Öffnungen zu den aktuellen Bedingungen, sondern nach Plänen und Perspektiven. Warum wird dann aufgemacht?

Ist es, weil es keine Pläne und Perspektiven gibt? Ich fürchte, das stimmt. Mir sind keine wirklichen mittel- oder längerfristigen Pläne bekannt.

Ist es, weil absehbar ist, dass nach den Osterferien keine Gelegenheit dazu sein wird? Lieber zwei Wochen jetzt, damit alle wenigstens kurz einander sehen, und danach die Sintflut?

Ist es, weil die Entscheider – Ministerpräsident:innen – dumm sind? Ich will das wirklich nicht ausschließen. Glauben die wirklich, dass die Bevölkerung das will? Glauben die wirklich den Scharlatanen, die meinen, das wird alles nicht so schlimm jetzt?

Ist es, weil die Entscheider die falschen Ratgeber haben, die ihre Ansicht gut verkaufen, aber natürlich nicht das Gemeinwohl im Sinn haben?

Geht es um Wahlkampf? Angst davor, dass deie Covid-Spinner alle AfD wählen? Das fällt für mich unter dumm/schlechte Beratung.

Oder ist es, weil die Entscheider mehr Einblick in wirtschaftliche Zusammenhänge haben? Sonstiges Geheimwissen?

In drei, vier Wochen wird es heißen: das sei nicht absehbar gewesen; wir haben nach bestem Wissen und Gewissen; wir haben auf unsere Berater gehört, die sich geirrt haben – und Verantwortung wird niemand übernehmen.

Gelesen: Gretchen McCulloch, Because Internet: Understanding the New Rules of Language. War leider nicht ganz so interessant, wie ich gedacht habe; wahrscheinlich habe ich mir anderes erwartet oder war missgestimmt. An sich nämlich schon interessant und lesenswert. Mitgenommen habe ich, zu welchen Änderungen in der Sprache die Verbreitung des Telefons geführt hat, angefangen mit Begrüßungen. Statt “Good morning!” oder welcher Tagezeit auch immer beginnt man mit “Ahoy” (Bell) oder “Hello” (Edison) – beides vorher unübliche Begrüßungen, die etwas Befehlshaftes haben. – Die Etymologie scheint unklar, für das deutsche “Hallo” wird eine alte Imperativform zu holen angegeben, und zwar war das der Anruf an den Fährman, überzusetzen (“hol über”), während für das englische “hello/hallo/hullo” eine alte Kombination von “hey” und “lo” genannt wird, also ein völlig anderer Ursprung.

“Hello” hat sich dann verselbständigt und ist eine Standard-Begrüßungsformel geworden, auch wenn sie noch eine Weile den abrupten Tonfall behielt und von konservativen Sprechern abgelehnt wurde. So wie “Servus” als Begrüßung durch Schüler:innen, das kann ich gar nicht ab.

Jedenfalls ist es mit dem Internet ähnlich: Twitter, WhatsApp, Chat führen zu neuen Umgangsformen, die von manchen Sprecherinnen voll akzeptiert, von anderen als irritierend verstanden werden. Junge Leute finden “…” passiv-aggressiv, auch der Punkt am Satzende ist aggressiv – der unmarkierte Normalfall ist oft kein Satzschlusszeichen, sondern Leerzeile oder neue Nachricht.

Gelesen: In der Zeitung stand, dass Schüler der 12. Klasse unserer Schule einen anonymen Brief an Schulleitung (und Zeitung) geschrieben haben: Sie sind unglücklich mit dem verpflichtenden, benoteten Sportunterricht in Fußball und anderen Kontaktsportarten, weil sie einander dabei unangenehm nahe kommen, und sie bitten die Schulleitung, das auszusetzen. Das war alles völlig nachvollziehbar und gut argumentiert, meine Untersützung haben sie. Aber: a) man muss zumindest informiert sein über die formalen Vorgaben des Kultusministeriums, bevor man so einen Brief schreibt, und das klang nicht so, und b) anonym geht gar nicht. Noch dazu mit der faulsten aller faulen Behauptungen, sie hätten Angst davor, dann schlechte Sportnoten zu kriegen und ihre Abiturnote zu gefährden. Ich finde das peinlich. – Wenn nicht anonym, dann hätte es außerdem ein Interview auf der Homepage und mit der Zeitung gegeben und damit vielleicht ein wenig Wirkung.