Im Kino gewesen: Captain Marvel (weitgehend spoilerfrei)

Dann also doch noch etwas zu dem jüngsten Marvel-Film. Kurzfassung: Hat mir gefallen. Aber ich fand ja auch Avengers: Infinity War bewundernswert und enorm langweilig.

Der andere Captain Marvel

Captain Marvel ist dann doch eine der weniger erfolgreichen Figuren in den Marvel-Comics. Und das kam so: Der Konkurrenzverlag DC hat auch einen Captain Marvel im Angebot, und das seit wesentlich längerer Zeit. Genau genommen gehört der DC-Captain-Marvel auch nicht ursprünglich zu DC, sondern entstammt dem einstigen Konkurrenzverlag Fawcett Comics. Der wurde aber von DC verklagt und 1951 entschied ein Gericht (noch nicht letztinstanzlich) zugunsten von DC: Der Fawcett-Captain-Marvel sei dem DC-Superman zu ähnlich. Groß und stark und Cape, viel mehr Ähnlichkeit ist das nicht, aber wie heißt es so schön: Intellectual property is not a shield, it’s a weapon. Jedenfalls gab Fawcett 1953 den Kampf auf und stellte das Heft ein. 1972 kramte DC die Figur wieder heraus (lizenziert von Fawcett, die ihn selber als Folge des Rechtsstreits nicht mehr verwenden durften) und integrierte ihn und seine ganze Bande an Freund, Feind und Familie nach und nach ins reguläre DC-Universum.

Die anderen Captains Marvel

Nur hatte der Marvel-Verlag in der Zwischenzeit die Gelegenheit genutzt, selber einen Captain Marvel zu erfinden und ein Heft dieses Namens herauszugeben. Warum: Weil das rechtlich möglich war (da es seit einiger Zeit kein so getiteltes Heft gegeben hatte) und sie sich den Namen sichern wollten. Und seitdem hat Marvel darauf geachtet, dass immer wieder mal eine Serie Captain Marvel veröffentlicht wurde, so dass die Konkurrenz das nicht mehr konnte – auch wenn die Figur selber nicht besonders erfolgreich war. Deswegen heißt der DC-Film mit dem DC-Captain-Marvel, der in vier Wochen herauskommt, auch wie dessen Comics Shazam!

Nur: So richtig erfolgreich war der Marvel-Captain nie. Der erste Captain hatte ein langweiliges Kostüm und mehr Science-Fiction-Hintergrund als üblich. Recht spät erst entdeckte ich, dass der viel coolere zweite Captain Marvel, den ich vorher kennen gelernt hatte, tatsächlich der erste mit neuem Kostüm und neuen Kräften und neuem Stil war. (Leider wurden die deutschen Comics mitten in der Entwicklung zu diesem eingestellt.) Ein paar Jahre später starb die Figur dann für damalige Verhältnisse dramatisch und groß angelegt. Und so ging der Name auf einen neuen, diesmal weiblichen Captain Marvel über, und danach auf einen Sohn des ursprünglichen, und danach erst auf die zwischendrin erschienene Ms. Marvel – Carol Danvers, eine Nebenfigur bereits aus der ersten Captain-Marvel-Geschichte mit langer Geschichte danach. Und diese letzte Captain Marvel, um die geht es in dem Film.

Jetzt endlich: Der Film

Wie gesagt: Hat mir gefallen. Natürlich ist das Popcornkino, es bewegt mich nicht wie es Jules et Jim, Casablanca, Sullivan’s Travels, After Hours taten, auch alles Mainstream-Filme. Allerdings war nicht nur ich von der Stan-Lee-Würdigung am Anfang gerührt. — Keine interessanten Schnitte, keine kühne Kameraeinstellungen. Aber ich fühlte mich an keiner Stelle in meiner Intelligenz beleidigt (da bin ich besonders empfindlich) und habe mich nicht gelangweilt. Der Film ist bunt und lustig, wenigstens ansatzweise nichtlinear erzählt, bin ja schon froh; wartet mit kleinen und großen Überraschungen auf – vor allem eine finde ich beeindruckend. Und: Endlich mal keine Liebesgeschichte im Film, also gar keine; eine starke Frau und ein verspielter Geheimagent. Dazu die vielen Elemente der Originalgeschichte, die mti aufgenommen wurden: Angefangen mit den Uniformen der Kree und dem Kostüm der Captain Marvel. Sehr zufrieden. Eine Post-Credit-Szene, die in ihrer Vorhersehbarkeit und Banalität geradezu ein freches Zungeherausstrecken dem gegenüber ist, der sich auf den nächsten Film in ein paar Wochen freut – Avengers: Endgame natürlich.

Deutung und Rezeption

Ich habe den Film dann auch gleich als Beispiel im Deutschunterricht herangezogen für das, was wir bei der Arbeit mit Texten von den Schülern und Schülerinnen wollen: Eine Inhaltsangabe zur Orientierung (damit die SuS, die den Film nicht gesehen haben, überhaupt unserem Fachsimpeln folgen können), eine Beschreibung/Analyse von Auffälligkeiten (Stilmittel, Motive) und dann vor allem eine Deutung/Interpretation. Und der Film lässt sich auf verschiedene Art deuten und wird im Netz auch auf verschiedene Art gedeutet: Als Vorstufe zu Avengers: Endgame; als feministischer Film; als Film zum Thema Kolonialismus; als männerfeindlicher Propagandafilm.

Denn als solcher wird der Film von einer kleinen lauten Minderheit gesehen. Ähnlich wie schon bei diesem einen Star-Wars-Film neulich oder bei Ghostbusters davor stören sich diese Fans daran, dass eine Frau die Hauptrolle hat. Das ist meine Deutung; tatsächlich heißt es meist eher: dass es vor allem darum ging, gewaltsam die Hauptrolle mit einer Frau zu besetzen und eine feministische Botschaft zu verbreiten, so dass die erzählerischen und gestalterischen Qualitäten des Films darunter litten. Captain Marvel schießt im True-Lies-Pappaufsteller Arnold Schwarzenegger den Kopf weg und nicht Jamie Lee Curtis, und Samuel Jackson wird zum Geschirrspülen degradiert. Brie Larson als Captain Marvel agiere hölzern – schon nach den ersten Trailern hieß es, sie schaue immer so verbissen, sollte doch öfter mal lächeln. Und tatsächlich gibt es eine Szene im Film, wo ein aufdringlicher Passant ihr vorschlägt, doch mal zu lächeln. Diese Szene, so hieß es, sei aber keine Reaktion auf Fankritik, sondern von Anfang an drin gewesen. Weil Frauen das nun einmal gesagt kriegten.

Meine Meinung dazu: Marvel hat schon immer so Sozialkram gemacht. Social Justice Warrior wird als Schimpfwort verwendet, aber was waren Marvel-Superhelden je anders? Das hier habe ich bei Twitter gefunden, eine von Stan Lees Kolumnen aus den Comics, ich tippe mal auf 1970er Jahre:

Klar ging es Stan Lee und Marvel vor allem ums Geschäft. Aber die Marvelhefte hatten alle auch Tränendrüse und Moral und Dilemmata und Minderheiten, nie nur Eskapismus. Das unterschied – im Silver Age – Marvel von DC. (Ja, weiß schon, auch da gab’s Green Lantern/Green Arrow.)

Natürlich kleidet sich die Kritik am Film auch anders. Eine Besprechung (4/10 Sterne) in der Internet Movie Database („But, I still went in with an open mind“) klagt:

It just all felt sloppy and rushed. It’s like they never heard of Joseph Campbell and how a hero tell is made. Where is the journey a hero has to go through to get to that point they are one. That’s basic.

That’s basic. Und ich war so froh, endlich mal einen Film zu haben, der mir nicht wieder die hunderste Version der Heldenreise auftischt. It’s like they never heard of Joseph Campbell. Man sollte meinen, dass man Filme, selbst über Heldinnen, auch mal anders aufbauen kann als Joseph Campbell das beschrieben und nicht etwas vorgeschrieben hat.

Essen in Brighton, 2019

Das Frühstück unten stammt übrigens aus der Gaststätte Brightons mit der schlechtesten Hygienebewertung der ganzen Stadt, Stand Herbst 2018. Ich fand es sehr lecker und würde jederzeit wieder hingehen.

Als Erstes aßen wir dieses Mal, noch vor dem Auspacken, Dim Sum – gemischte chinesische Kleinigkeiten. Glibber in Erdnusssauce, Reis im Lotusblatt, Turnip Cake (trotz des Namens mit chinesischem Rettich, schmeckt aber nicht nach Rettich).

Am Tag darauf Sunday Roast im Pub. Alles sehr gut, besonders das Gemüse, aber der schöne große Yorkshire Pudding war leider enttäuschend.

Danach Food for Friends, die erste Anlaufstelle für leckeres (vegeatrisches) Essen. Diesmal weniger überwältigend als sonst, trotzdem: Fried Tofu geht immer.

Höhepunkt für mich: Das Market (vormals Graze). Das tut so, als gäbe es da Tapas, und auf der Speisekarte steht „Tapas“, und wir haben am Tapas-Tag das Tapas-Menü bestellt – eine Auswahl aus Vorspeisen-, Hauptspeisen- und Nachtisch-Tapas. Aber das waren keine Tapas: Churros, sonst in Kakao getippt, hier mit Ziegenkäse im Teig und Trüffelhonig-Dip. Eine Kohlrabischeibe auf leckerer roter Soße unter Käse, Muscheln, und vor allem eine Aubergine, kreuzweise eingeschnitten, mit Sirup-Soja-Teriyakisoße getränkt.

Kein Foto vom letzten und vorletzten Restaurantbesuch, obwohl vor allem der sagenhaft, Keim Foto auch von den Käse&Keks-Abenden vor dem Fernseher.

Karl May wiederlesen: Orientzyklus, Band 6 (Der Schut)

Vor zwei Jahren habe ich die Bände 1-3 gelesen, letztes Jahr die Bände 4-5, jetzt bin ich endlich auch zu Band 6 gekommen.

Titelbild "Der Schut"Kara Ben Nemsi und Halef sind weiterhin auf der Jagd nach dem Schut und seinen Genossen. Sie verfolgen den schwer verwundeten Mübarek und Barud el Amasat, begleitet werden sie von Osko (der sich wegen der Geschehnisse aus Band 1 an Barud rächen will) und Omar (der sich an Baruds Bruder Hamd el Amasat rächen will).

Der Mübarek stirbt an seinen Wunden und am Angriff eines Bären; Osko tötet Barud; sie weichen der Falle aus, die ihnen der Köhler Scharka stellt: Dort gibt es eine als Meiler getarnte Höhle, in der Gefangene verwahrt und getötet werden. Die Helden befreien dabei ihren alten Freund Sir David Lindsay. Zuvor war Lindsay Gefangener des Schut und gibt ihnen wertvolle Hinweise zum Aufbau dessen unterirdischer Anlage, wo noch andere Gefangene warten: der reiche Skipetar Stojko Wites und Henri Galingré.

Zusammen reiten sie zu Kara Nirwan, dem angesehenen Betreiber des Newera-Khan, nehmen ihn gefangen und bezichtigen ihn, der Schut zu sein. Die Einwohner des Dorfes sind mehr als skeptisch. Als es den Helden gelingt, die Gefangenen zu befreien, muss der Schut allerdings fliehen – noch besteht außerdem die Möglichkeit, den letzten Teil des Schurkenplans auszuführen: Hamd el Amasat hatte sich bei der Familie Galingré eingeschlichen und begleitet jetzt Henri Galingrés Frau und Kind mit dem Vermögen der Galingrés, angeblich zum Kauf neuer Waren bestimmt. Die Familie soll allerdings in eine Schlucht geworfen werden.

Kara Ben Nemsi erreicht die Gruppe noch rechtzeitig, verfolgt den Schut, der in einer Schlucht stirbt. Omar blendet Hamd el Amasat, tötet ihn aber nicht. De Zusammenhänge werden aufgeklärt: In Band 1 war Kara Ben Nemsi ja auf einen kurz zuvor ermordeten Franzosen gestoßen, nahm die Verfolgung dessen Mörders auf (Hamd el Amasat), der dabei Omars Vater tötete, worauf sich Omar der Verfolgung anschloss. Der Franzose war Paul Galingré, Sohn von Henri, auf der Suche nach seinem Onkel.

Ein Anhang erzählt von einem letzten Besuch bei Halef und seinem Stamm und dem Tod Rihs bei einer sinnlosen Racheaktion der Beduinen.

— Fazit: Meh. Bonuspunkte für die Dinge, an die ich mich noch aus meiner Kindheit erinnere: Die Jagd auf den Bären und das Braten der Bärentatzen, das mit Kennerhand geworfene Wurfbeil, das erst am Boden entlang fliegt und dann nach oben steigt. (Das wollte mir als Kind nie richtig plausibel erscheinen und ist es wohl auch nicht.) Die ganze Köhleranlage: So und durch anschließendes Nachfragen bei meinen Eltern habe ich gelernt, was ein Köhler ist. Das Fläschchen mit Phosphor, um im Dunkel Licht zu haben. Und was Pökeln ist.

Es gibt wie immer viel Anschleichen und Lauschen, aber relativ wenig Gefangenenbefreiung. Diesmal trifft Kara Ben Nemsi nicht auch Unbeteiligte am Straßenrand, zu denen er freundlich ist und die ihm dafür hilfreiche Hinweise oder Rettung in späterer Not geben. Überhaupt ist das Personal sehr übersichtlich, ein Diagramm wie bei den letzten Malen nicht nötig. Die Schurken werden recht früh dezimiert, die Heldengruppe bleibt konstant. Bis auf den überflüssigen Anhang gibt es verhältnismäßig wenig penetrantes Christentum; das war schon mal schlimmer. (Aber der Anhang.)

Der Schut als anerkannter Mann im Dorf doppelt sich ein wenig mit dem Mübarek als anerkanntem Mann in seinem Dorf. Neu aber die Situation, wie Kara Ben Nemsi inmitten des eher feindseligen Dorfes einen Gefangenen macht. Die Anlage des Schut und deren Zerstörung erinnert ein wenig an den Schatz vom Silbersee.

Auffällig wieder einmal die Parallele zu Sherlock Holmes beim Spurenlesen:

Da diese Schärfe fehlt, so hat der Mann keine Fußbekleidung getragen; er ist barfuß gewesen. Willst Du das nun einsehen?«
»Wenn Du es in dieser Weise erklärst, muß ich Dir Recht geben.«

Man kann Halef da schon ein bisschen als genervt lesen, wenn man möchte:

»Kannst du dir denken, wer hier gegangen ist?« fragte ich Halef.
»Nein, Effendi,« antwortete er. »Da du mir deine Meinung noch nicht mitgeteilt hast, weiß ich noch nicht, von welchem Gedanken ich auszugehen habe.«

Insgesamt kann ich Band 1 und Band 3 des Orientzyklus‘ noch zur Lektüre empfehlen. Die letzten drei Bände, die auf dem Balkan und nicht mehr im Orient spielen, haben mir als Kind gefallen, jetzt stören mich ihre Schwächen mehr als bei den anderen Bänden.

Magie- und andere Systeme

Die Teile 1 bis 3 sind vielleicht von allgemeinem Interesse, der Rest sind dann wohl doch eher Notizen für mich.

Teil 1: Zauberei im Rollenspiel

Anfang der 1980er Jahre gab es in den Spielwarenhandlungen Deutschlands Das Schwarze Auge und Dungeons & Dragons als Rollenspielsysteme. In beiden Spielen gab es Zauberer, die wohl alle auf Tolkiens archetypischen Gandalf zurückgingen: Spitze Hüte, große Stäbe, weiße Bärte. Anders als im Roman braucht der klassische Rollenspiel-Zauberer aber feste Spielregeln, und da unterschieden sich D&D und DSA doch sehr.

DSA schien mir damals das normalere System zu sein, wer weiß, wo meine Einstellung, wie Zauberei zu funktionieren hat, herkommt. Ein Zauberer lernte und konnte danach erst wenige, im Laufe der Jahre immer mehr Zaubersprüche aus einem begrenzten Vorrat an vorhandenen, in den Regelbüchern erklärten Zaubersprüchen. Jeder Zauber kostete Astralpunkte, pro Tag stand einem Zauberer nur eine begrenzte (mit der Erfahrung aber wachsende) Anzahl davon zur Verfügung. Die konnte er ausgeben für einen oder mehrere „Balsamsalabunde – Heile, Wunde!“ oder „Flim-Flam-Funkel – Bring Licht ins Dunkel!“ (Ja, die Namen waren meistens so.)

D&D hatte dagegen ein merkwürdigeres System. Hier waren die Zauberer noch schwächer und eingeschränkter; erst mit einiger Erfahrung wurden sie zu mächtigeren Spielfiguren (nehme ich mal an), die mit Feuerbällen nur so um sich werfen konnten. Am Anfang hatte man wie bei DSA nur eine begrenzte Anzahl an Sprüchen im Repertoire, die hatte man gelernt. Dazu kam aber folgende Einschränkung: Jeden Morgen konnte sich der Zauberkundige aus seinem Zauberbuch (mit dem Repertoire an erlernten Sprüchen) eine sehr kleine Anzahl an Sprüchen einprägen, und nur diese Sprüche konnte er an diesem Tag wirken; war ein Zauberspruch gewirkt, verschwand er aus dem Gedächtnis des Zaubernden. – Das war mir fremd. Jahre danach stieß ich auf die Quelle, nämlich die Geschichten von der Sterbenden Erde von Jack Vance, eine sehr fremd-vertraute zukünftige Welt, wo Zauberei genau so funktioniert. Die Namen der Sprüche bei Jack Vance sind noch fantasievoller als bei DSA: „Hoularts Bauchgrimmen“, „Lugweilers unwiderstehlichr Juckreiz“, „Grüner Aufruhr“, „Zauber der Gehirnwucherung“, „Hoularts blaue Extraktion“, „sofortwirkender elektrischer Strahl“.

Teil 2: Wie ich fast mal ein eigenes Zaubereisystem erfunden hätte

Ich hatte mal folgende Idee: Ein Zauberkundiger kriegt jeden Tag fünf Zauberpunkte (die er zum Zaubern braucht), aber nur, wenn er an diesem Tag nicht zaubert. Es gibt keine Obergrenze für die Anzahl an Zauberpunkten, die man haben kann, und sie gehen auch nicht verloren, es sei denn natürlich, man gibt sie aus, um zu zaubern. Ein kleiner Straßenzauberer schlägt sich vielleicht damit durch, dass er jeden Tag für fünf Punkte ein paar Tricks macht, und ist danach weitgehend schutzlos; ein Mitglied einer Abenteurergruppe zaubert ein paar Tage nichts, um am Ende des Spiels einen ordentlichen Feuerball loslassen zu können. Und der mächtigste Zauberer ist der, der nie zaubert: der hat dann so viele Punkte, dass er jederzeit in Hülle und Fülle zaubern könnte, und eben deshalb ist er mächtig und muss es gar nicht mehr tun.

Dann fiel mir auf, dass das eine Analogie zum Kapitalismus ist und man die Zauberpunkte einfach als Analogie zum Geld sehen kann, und dann hatte ich keine Luste mehr auf dieses Zaubereisystem.

Teil 3: Noch ein Zaubereisystem

Wieder andere Rollenspiele – und spätere Fassungen von DSA und D&D – versuchten sich an noch komplexeren Magiesystemen: Zauber, bei denen man die Hände frei haben musste oder die nur mit dem Geist funktionieren; die eine bestimmte Vorbereitungszeit oder – schon interessanter – bestimmte Zutaten brauchten. Das schien mir eine adäquate, aber noch verbesserbare Näherung an die Funktionsweise von Zauberei in Fantasygeschichten. Dazu gehören:

  • Es gibt einfache und schwierige Zauber.
  • Die kann man lernen.
  • Man kann neue Zauber erfinden.
  • Mit der Erfahrung kann man immer besser zaubern.
  • Es können sich Fehler in Zauberformeln einschleichen, wenn man nicht sorgfältig arbeitet.
  • Zaubern kostet Zeit und Vorbereitung.
  • Es gibt Zauberbücher.

Das klingt für mich nach Programmierung. Zaubern ist wie Programmieren. Es gibt einfache und schwierige Algorithmen. Manche davon haben Namen. Man kann neue Algorithmen erfinden. Einen Algorithmus zu implementieren, kostet Zeit und Mühe; Fehler können sich einschleichen. Mit der Erfahrung geht es besser; erfahrene Programmierer können mehr Algorithmen auswendig und sicher implementieren. Wenn man noch Bots dazu nimmt oder gegeneinander kämpfende Assemblerprogramme wie in Core War (Wikipedia), hat man Zaubererduelle. Einfache Zauberer haben pro Tag vielleicht nur drei Kontrollstruktren und vier Anweisungen zur Verfügung und können damit machen, was sie halt damit machen können. Mit der Erfahrung kriegt man weitere Kontrollstrukturen oder neue Datenstrukturen zur Verfügung. Zaubererschulen wären quasi Anhänger verschiedener Programmiersprachen. Man kennt „Dijkstras Pfad aus der Finsterniß“ auswendig, oder schlägt im Zauberbuch (uh, Stack Overflow?) nach. die spannende Szene, wo die junge Zauberei-Anfängerin sich zum Finale an einen mächtigen Zauber macht, der eigentlich viel zu schwer und zu mächtig ist, aber nötig um den Endgegner zu besiegen — das ist quasi, auswendig in möglichst wenig Zeilen Rot-Schwarz-Bäume zu implementieren, auch wenn man nur mal kurz überflogen hat, wie das geht.

Diese Parallelen sind sicher in der Fantasy-Cyberpunk-Literatur durchgespielt worden. Aber im Brett-, Rollen- oder Computerspiel? Hm. Ist nicht Second Life so etwas, weil, da gibt es doch auch Leute, die ganz tolle Dinge machen können? Im Indy-Spiel else Heart.Break() – größtenteils ein Point-and-Click-Adventure – kann man als Hacker Elemente des Spielwelt umprogrammieren, indem man echten Code schreibt (eventuell bei begrenzter Anzahl von Kontrollstrukturen und Anweisungen). Und ja, so steht es im Interview, man kann dadurch auch das Spiel zum Abstürzen bringen, weil aufgrund der vielen Möglichkeiten sich nicht alles bfangen lässt.

Teil 4: Anhänge/Andere Simulationen

Ich mag Simulation, Modellbildung, und damit auch Spiele: Spiele sind Modelle. Es folgen einige Ideen zu Spielen, die ich mal hatte.

Poker-Spiel

Ich würde mal gern ein Poker-Kartenspiel sehen, also eine Pokersimulation. Die Spieler kriegen auf die Hand eine Reihe von Karten, die sie der Reihe nach ausspielen; auf denen steht zum Beispiel „busted flush“ oder „four of a kind“. Jeder Spieler legt pro Runde eine Karte aus, die beste Karte gewinnt. Jetzt muss man nur das mit dem Bluffen noch unterbringen. Und schon hat man… ein Standard-Stichmachen-Spiel?

Vor dem Hintergrund dieser Poker-Simulation versteht man vielleicht auch meinen nächsten Gedanken: Bei einem Spiel als Modell/Simulation eines spannenden Geschehens kann man je nach Art des Spiels sich zum Beispiel durch einen cleveren unerwarteten Trick, mit dem die anderen Spieler nicht gerechnet haben, Vorteile verschaffen. Oder man kann sich durch das Ausspielen der Ereigniskarte „Cleverer Unerwarteter Trick“ ebensolche Vorteile verschaffen – der Unterschied ist quasi im Abstraktionsgrad. Schach und Go sind anstrengend, da muss man selber clevere unerwartete Züge machen; bei Spielen mit Ereigniskarten ist das leichter.

Brettspielideen: Herr der Ringe

Ich überlegte auch mal, wie man ein Herr-der-Ringe-Brettspiel gestalten könnte. Der erste Gedanke war, zwei Spielerinnen zu haben: Sauron auf der einen, die Ringgemeinschaft auf der anderen Seite. Das Problem ist nur: Im Buch kann sich Sauron nicht vorstellen, dass irgendwer den Ring zerstören wollen könnte, er hat da sozusagen einen blinden Fleck. Er rechnet fest damit, dass seine Gegenspieler andere Pläne haben, das heißt, jemand wird den Ring tragen und sich gegen Sauron stellen.

Wenn im Brettspiel die Entscheidung über Sieg und Niederlage wirklich so überraschend kommt wie im Buch, dann würde das wohl enttäuschend und eine Antiklimax sein. Der Ringspieler müsste quasi eine Karte ausspielen: „Völlig überraschender Gewinn“; Ziel des Spiels wäre also, irgendwie an diese Karte zu kommen. Oder der Gewinn kommt völlig überraschend, weil der Sauronspieler tatsächlich etwas übersehen hat – aber damit nähern wir uns wieder der Schach- oder Go-Komplexität von Spielen. Gibt es gute und faire und einfache Fallenstellerspieler, also mit echten raffinierten Fallen statt mit „Du tappst in eine Falle“-Karten?

Sonst noch eine Idee für den nichtfrustrierenden Überraschungsaspekt: Ringspieler kann eine beliebige Regel außer Kraft setzen oder die Gewinnbedingungen ändern?

Die Bewegung wäre wie bei Scotland Yard oder dem weniger bekannten (The) Fury of Dracula. Der Sauron-Spieler weiß also nicht, wo die Figuren der anderen tatsächlich sind, aber er kann in verschiedenen Gebieten den Level of Evil steigern – das erhöht die Chance für gefährliche Zufallsbegegnungen; z.B. Gebiete, die an Nazgul angrenzen, haben +3 auf gefährliche Zufallsbegegnung. Begegnungen kann man auf verschiedene Weise überstehen, die letzte Möglichkeit: Ringbenutzen. Damit entkommt man der unmittelbaren Gefahr, aber Sauron erfährt, wo der Spieler ist.

Der Ringspieler zieht am Anfang Karten, darunter „Friends“: wer die Fangorn-Karte hat, für den ist Fangorn ungefährlich, sonst wär’s Fangorn nicht. Der Sauronspieler weiß natürlich nicht, welche – falls überhaupt – Orte für den Spieler betretbar sind und welche nicht

Computerspielprojekt: Kneipengerüchte

Man kennt das ja: Erschöpft zieht man im Fantasy-Computerrollenspiel nach langer Wanderung durch das Stadttor und geht gleich in die Kneipe, hängt den staubigen Hut an einen Haken, lehnt das Schwert gegen den Stuhl und wartet darauf, dass der Wirt mit Krügen von schäumendem Bier und den neuesten Nachrichten kommt. „In den Bergen oben soll Gold zu finden sein. Und die Kobolde im Osten planen einen Kriegszug“, heißt es.

Und diese Gerüchte stimmen immer und lenken einen zur nächsten größeren oder kleineren Aufgabe. Ich habe mit dem Gedanken gespielt, Gerüchte als solche in einem Spiel zu modellieren. Ausgangspunkt dabei waren wohl falsche Erinnerungen an die kurzen Erzählungen „Carcassonne“ von Lord Dunsany und „The Quest of Iranon“ von Howard Phillips Lovecraft (von Lord Dunsany inspiriert). In beiden Geschichten geht es um Helden, die eine legendäre Stadt suchen, sie nie finden und darüber alt werden. Bei Lovecraft erhält der Held zumindest am Ende einen Hinweis – von mir etwas fehlerinnert hört er letztlich seine eigene Geschichte, also von jemandem, der auszog, diese Stadt zu finden.

Ich hätte gerne eine Fantasy-Spielwelt, in der die Spielerhelden große oder kleine Ereignisse auslösen und von diesen dann in veränderter Form später zu hören bekommen. Gerüchte wären demnach erst einmal Nachrichten, die sich wie Reisende auf bestimmten Strecken – oder quasi als Gepäck von tatsächlich reisenden Nichtspielercharakteren – fortbewegen, eventuell auch Ableger von sich produzieren. Und während der Reise ändert sich der Nachrichteninhalt durch Mutation: Es ändert sich entweder der Ort, oder die Anzahl der Beteiligten, oder der Ausgang oder die Art des Ereignisses – so wie beim Spiel Stille Post. Man müsste das nur so feineinstellen, dass es eine angemessene Anzahl an Gerüchten auf der Welt gibt.

Armee, die sich verdeckt nähert

Spieler A legt einen kleinen gemischten Stapel von 5-10 Informationskarten aus. Davon enthält 1 Karte die tatsächlich relevante Information („Die Armee hat den Zielort erreicht“), die anderen Karten sind letztlich leer. Spieler B nimmt jeden Zug 1 Karte vom Stapel und sieht sie an – wenn während einer bestimmten Anzahl von Zügen nicht die Karte mit der relevanten Information aufgedeckt wird, tritt das Ereignis ein, ohne dass Spieler das verhindern kann oder rechtzeitig davon erfährt (eben etwa den Einmarsch der Armee).

(Erweiterung: Anzahl der Späher entspricht Anzahl der Karten, die man aufdecken kann.)

Fanny-Burney-Spiel

Aus einem alten Blogeintrag von mir zum Roman Evelina von Fanny Burney (1778):

Etwas förmlicher laufen die Treffen in assembly rooms ab. Die jungen Leute tanzen, streng reglementiert; die alten spielen Karten. Beim Lesen ist mir selber die Idee zu einem Kartenspiel gekommen. Für zwei oder mehr Spieler, kooperativ oder kompetitiv, als Erzählspiel oder doch eher klassisch mit nachgeahmten Erzählelementen – das weiß ich alles noch nicht. Die Spieler haben jedenfalls eine Reihe von Personenkarten auf der Hand, verdeckt von einem Stapel: junger Mann, junge Frau, alte Frau. Außerdem gibt es noch Funktionskarten: „ist Geschwister von“, „ist Kind von“, „ist in Liebe verfallen“ oder auch „ist verfeindet mit“. Spieler können zuerst Personenkarten ausspielen, etwa bei einem Treffen im Teehaus, als Begleitung von bekannten, bereits gespielten Karten. „Lord Orville erscheint zusammen mit einer jungen Frau“ heißt es dann. Oder Spieler können zuerst Funktionskarten ausspielen, also an bereits ausgespielte, vom Typ dazu passende Karten: „Lord Orville hat ein Geschwister“, „Polly ist verliebt“. Und man kann vor allem bereits ausgespielte Karten ergänzen, Personen um zusätzliche Funktionen, oder Funktionenkarten mit der noch fehlenden Person dazu versehen. Eine assembly-Phase bietet immer Gelegenheit, neue Karten auszuspielen; ansonsten gibt es noch Ereigniskarten, „Ein Brief“ etwa, die ermöglichen, neue Karten ins Spiel zu bringen.

Na gut, ich müsste noch mal darüber nachdenken. Jedenfalls ist Evelina die Art Geschichte, wo zuerst eine Person auftaucht („unglücklicher Mann in Schwarz“), dann eine Geschichte dazu offenbart wird, aber natürlich diskret und ohne Namen („ist verstoßenes Kind von“ und „ist verliebt in“), wo man genau weiß, dass die passenden Personenkarten dazu später noch aufgedeckt werden („ist verliebt in“) oder bereits auf dem Tisch liegen, aber noch nicht zugeordnet („ist verstoßenes Kind von“). Und tatsächlich kommt der eine oder andere Twist im Plot sehr überraschend und unerwartet: „[T]hat lady – is the daughter of Sir John Belmont! – of my father!“

Spiel-Idee: Rechthaber-Kartenspiel

Zu spielen mit einem Satz von Kartenpaaren, etwa wie beim Schwarzen Peter. Ein Teil der Karten wird verdeckt auf die (vorerst zwei?) Spieler verteilt, der Rest kommt auf einen Stapel.

Man spielt eine Karte („Die Behauptung“) und behauptet, die passende Begleitkarte dazu auf der Hand zu haben („Der Beweis“). Der andere Spieler kann die Behauptung angreifen (am sichersten natürlich, wenn er selber die passende Karte hat, dann weiß er, dass er recht hat), woraufhin der erste Spieler die passende Karte zeigen oder klein beigeben muss; wenn er die passende Karte tatsächlich hat, gewinnt er doppelt. Müsste man noch erweitern.

Spiel-Idee: Interpretationsspiel

Bei diesem Kartenspiel geht es um die Simulation eines Deutschaufsatzes vom Typ Interpretation.

Die Spieler spielen Textkarten aus. An eine Textkarte kann man (farblich) passende Aussagekarten anlegen. Wenn man diese durch passende Begründungskarten unterstützt, erhält man Punkte dafür – je nachdem, wie interessant die Aussagekarte ist, etwa von 1-9. Aussagekarten haben noch einen zweiten Wert, sie müssen nämlich in unterschiedlichem Maß (wieder 1-9) durch die Begründungskarten gestützt werden.

Wenn bei Spielende Aussagekarten nicht ausreichend durch Begründungskarten gedeckt sind, zählen sie negativ, sonst positiv.

Wer nicht genug Karten auf der Hand hat, kann in die Bibliothek gehen und neue Karten vom Stapel ziehen. Insgesamt stelle ich mir da ein Spiel aus der Rommé/Canasta-Familie vor.

Das Karl-May-Spiel

Vielleicht nur, weil ich gerade den letzten der sechs Bände des Orient-Zyklus‘ lese: Auch das bietet sich als Spiel an, allein schon der vielen immer wiederkehrenden Handlungsbausteine. In eine neue Stadt kommen, wo der Wirt ein Freund oder ein Mitglied der Schurkenbande ist. Spurenlesen, Anschleichen, gefesselte Leute befreien. Mitglieder der Heldengruppe werden gefangengenommen: Spurenlesen, Anschleichen, Befreien. Zufallsbegegnungen am Straßenrand: Immer Gutes tun, dann hat man eine Freundeskarte, gut für einmal „Du kommst aus dem Gefängnis frei“ (oder gar nicht erst hinein). Weitere Ereigniskarten „Der Engländer“ oder „Du verlierst einen Gefährten“.

Jedesmal, man eine Person rettet, wird Karte eine Karte gezogen – entweder eine Aufgabenkarte mit einer einer Nebenquest, oder Hauptquest-Teilinformation, von denen man immer eine bestimmte Anzahl haben muss, um weiterzukommen. Spieler hat 1 Quest und maximal 3 Nebenquesten; wenn er keine mehr hat und 1 Abenteuer übersteht, zieht er eine neue Questkarte.

Gerne auch als Spiel auf dem Smartphone. Oder als Patience?

Arthur Conan Doyle, Der Hund der Baskervilles


Schullektüre in der 7. Klasse, Abstimmung nach einigen Vorschlägen; dieser Vorschlag kam von der ansonsten wenig ergiebigen Liste an Lektürevorschlägen des Kultusministeriums für diese Jahrgangsstufe.

Die Schüler und Schülerinnen lasen das Buch erst einmal zu Hause und sollten dabei für jedes Kapitel eine kurze Inhaltsangabe schreiben – in Stichpunkten oder als Fließtext, was die meisten wählten – und was ihnen dabei aufgefallen ist; außerdem eine Liste der Schauplätze anlegen. Ich möchte das nicht Lesetagebuch nennen; etwas Ähnliches kennt die Klasse vom Vorjahr bei einem anderen Buch.

Kurzes Inhaltsverzeichnis dieses Blogeintrags:

1. Fragen und Anmerkungen der Klasse 7a zu Der Hund der Baskervilles
2. Vorläufig unerklärte Vorfälle und andere Merkwürdigkeiten
3. The Game
4. Weitere Sachen, die man machen kann

1. Fragen und Anmerkungen der Klasse 7a zu Der Hund der Baskervilles

Nach der Lektüre haben die SuS in Gruppenarbeit ihre Unterlagen verglichen und ergänzt. (Das Vergleichen klappt gut, das Ergänzen weniger.) Außerdem sollten sie Fragen an das Buch stellen, die wir dann nach und nach beantworten würden. Ich tippte die Fragen dann im Klassenzimmer in den Rechner, sortierte sie ein wenig um und gab den SuS einen Ausdruck, um ihn ihrem Geheft beizulegen.

  1. Was wäre, wenn Selden Holmes getötet hätte?
  2. Was wäre, wenn der Hund überlebt hätte?
  3. Wie ist Selden ausgebrochen?
  4. Was wäre, wenn Stapleton überlebt hätte?
  5. Was wäre, wenn Sir Charles überlebt hätte?
  6. Was wäre, wenn Beryl Stapleton Mittäterin wäre?

Das sind die Fragen, zum Großteil kontrafaktische, die ich selber nicht sehr interessant finde. Aber klar, muss man dann auch drüber reden. Nur Frage 6, ide interessiert mich sehr – auf die möchte ich nachher noch einmal zu sprechen kommen.

  1. Das Klauen des Schuhs macht keinen Sinn, da der Geruch des Besitzers schnell verschwindet?
  2. Wieso nimmt Stapleton den Schuh mit, als er ins Moor flüchtet?
  3. Wieso geht der Hund nicht näher an Charles Baskerville heran, als der tot ist?

Fragen 7-9 habe ich gruppiert, weil die Antwort auf alle nämlich lautet: Weil der Autor schlampig gearbeitet hat bzw. es gibt keinen guten Grund innerhalb der Handlung dafür. Das haben die Schüler und Schülerinnen klug erkannt. Außer es gibt etwas, das allen entgangen ist, einschließlich Sherlock Holmes – dazu später mehr.

  1. Was stellt das Titelbild der Ausgabe dar?

Wir recherchierten und fanden den Namen des Fotografen heraus, der wiederum für eine Agentur arbeitet, die Bilder für Buchcover anbietet. Wir blickten ein bisschen ins Sortiment. Fazit: Das Titelbild stellt eine generisch spannend Szene dar, die aber mit der konkreten Handlung nichts zu tun hat. (Hier alle Bilder des Fotografen bei dieser Agentur.)

  1. Wer ist eigentlich die Hauptperson, Watson oder Sherlock Holmes?

Das ließ sich durch einen Lehrervortrag klären: Doyle hatte Sherlock Holmes satt, ließ ihn mit dem dafür erfundenen Moriarty die Reichenbach-Fälle hinunterstürzen und sterben – vermeintlich, wie sich ein paar Jahre später herausstellte, als Holmes zurückkehrte. Der Hund der Baskervilles war der erste Roman nach dieser Pause, und auch der spielte in der Frühzeit der Partnerschaft, also vor dem scheinbaren Tod. Dennoch hatte Doyle wohl keine rechte Lust auf Holmes, und so lässt der Watson den Großteil der Handlung über allein.

  1. War das SH Büro oder seine Wohnung am Anfang?
  2. Wurde SH eigentlich bezahlt?
  3. Lebt Watson bei SH oder was?
  4. Wo haben Holmes und Watson ihre Waffen her?

Schöne Fragen, die den Alltag betreffen. Beim Guardian gibt es einen Grundriss der Wohnung. Es gibt keine Grenze zwischen Wohnung und Büro, und Watson und Holmes leben berühmtermaßen zusammen. Und ja, das Geschäftsmodell von Sherlock Holmes ist nicht sehr überzeugend. Im Hund wird tatsächlich nie über Geld geredet, alles reine Gentleman-Sache. Klar wird sich Henry Baskerville am Ende nicht lumpen lassen, aber so richtig der Klient ist er eigentlich auch nicht. – Es war für Holmes und Watson zwar schon etwas Besonderes, eine Waffe mitzunehmen, aber an Waffen zu kommen war damals wohl nicht sehr reglementiert.

  1. Kein spannendes Kapitel
  2. Warum haben die am Anfang so viel gesprochen und am Ende nicht? Warum so viel Dialog am Anfang und dann nicht mehr?
  3. Manche Kapitel spannend, bei anderen passiert gar nichts
  4. Spannend erst ab dem 6. Kapitel

Dazu habe ich den Begriff Exposition eingeführt. Am Anfang wird Holmes recht klassisch vorgestellt, und dannt gerät er in den Hintergrund und die Atmosphäre von Dartmoor übernimmt. Was man spannender findet, da unterschieden sich die Meinungen.

  1. Welche Farbe hat Phosphor/wieso leuchtete der Hund?

Ließ sich klären. Reiner Phosphor wird es ja wohl eh nicht gewesen sein.

  1. Warum wird so oft erwähnt, dass Dr Mortimer gerne Schädel untersucht? Das hat doch gar keinen Einfluss auf die Geschichte?

Die einfachste Antwort: Um ihn als Mann der Wissenschaft auszuweisen, was Holmes mehrfach lobend erwähnt. Damit hätten wir auch ein Motiv des Romans, den Gegensatz zwischen Wissenschaft und Aberglauben. (Wobei das Schädelvermessen ja schon arg an der Grenze zur seriösen Wissenschaft schwimmt.)

  1. S. 47 „bedeuten“ ausgeschnitten → taucht S. 44 gar nicht auf!

Eine sehr kluge Leserin, der das aufgefallen ist: Im Buch gibt es einen anonymen Brief, aus Zeitungszeilen ausgeschnitten, dessen Text lautet: „Halten Sie sich vom Moor fern, wenn Ihnen Leben und Verstand lieb sind.“ Zwei Seiten später konstatiert Holmes, dass der Text mit einer Nagelschere ausgeschnitten worden ist, weil zweimal angesetzt werden musste, „um das Wort ‚bedeuten‘ auszuschneiden.“ Aber das Wort taucht im Brief gar nicht auf!

Tatsächlich ist das schlicht ein Fehler des Übersetzers. Überhaupt, der übersetzt auch „Murphy, a gipsy horse-dealer“ mit „ein als Pferdehändler tätiger Roma namens Murphy“. Aber erstens hätte in der Zeitung damals Zigeuner gestanden und nicht Roma, aber darüber kann man streiten; allerdings war der Murphy sicher kein Roma, sondern ein Irish Traveller oder Tinker – in England bezeichnete „gypsy“ oder „gipsy“ beides.

2. Vorläufig unerklärte Vorfälle und andere Merkwürdigkeiten

So begann ein Tafelbild von mir, und weder die Schüler und Schülerinnen noch die Kollegin, die im Rahmen gegenseitiger Besuche hinten drin saß, erkannten die Zeichnung:

Wie kann man das nur für eine Bratpfanne halten! Das ist eindeutig eine Lupe! Unter der Lupe waren dann VUV, RH, C und F:

  • VUV: Vorläufig unerklärter Vorfall. Dient zur Spannungssteigerung, und Krimis sind voll davon. (Verfolgung in London, geklauter Schuh, Hundespuren bei Leiche, Gerüchte um Hund im Moor.)
  • C: Clue, Hinweis, der später bei der Lösung des Falles einbezogen wird. (Die gestohlenen Schuhe, der Aschehaufen, der Brief von LL.)
  • RH: Red Herring, ein Hinweis oder VUV, der den Leser und/oder Detektiv auf eine falsche Fährte lockt, weil er dann doch nichts mit der Lösung des Falls zu tun hat. (Das Schluchzen der Frau in der Nacht, der kerzenwandelnde Butler nachts.)
  • F: Fehler des Autors (oder Übersetzers?), offene Fragen, für die es keine Antworten gibt.

Diese VUV wurden dann in Gruppenarbeit gesammelt und als Stichpuntke oder Randbemerkungen im erstellten Exzerpt notiert.

3. The Game

Im klassischen Krimi und auch in den meisten Tatort-Folgen gibt es Fakten (als VUV oder Clue oder Red Herring), die den Leser zu einer Interpretation in einer Richtung lenken: Ein gespenstischer Hund wars, oder Person X. Das nenne ich die exoterische Deutung (aber nicht, wenn ich mit Schülerinnen spreche). Am Ende stellt sich aber üblicherweise heraus, dass der Hudn nur ein Trick war oder Person Y die Täterin. Das nenne ich die esoterische Deutung der Fakten.

Aber warum da aufhören? Die Fakten des Krimis lassen sich sicher auch anders deuten. In Ein Fall für drei Detektive (1936) werden die Fakten eines Falles von drei Detektiven und einem Poliziste gleich auf vier verschiedene Arten gedeutet. (Siehe alten Blogeintrag dazu und zu ähnlichen Fällen.) Und gerade bei Sherlock Holmes gibt es seit Ronald Knox‘ Aufsatz „Studies in the Literature of Sherlock Holmes“ (1911) – wohl entstanden als Parodie auf Bibeldeutungen und -umdeutungen – die Tradition, die Werke des Meisters umzudeuten, die Geschichten hinter den Geschichten aufzudecken, zusätzliche Informationen zu entdecken und dabei, ahem, den einen oder anderen Fehler des Meisters auszubügeln. Man nennt das auch The Game.

Seit 1946 erscheint das Baker Street Journal der Baker Street Irregulars mit Aufsätzen zu Holmes, oft auch genau zu diesem Thema. Ahem, und ich habe zufällig nicht nur den ersten Band davon, sondern zwei dicke Sammelbände mit den besten Aufsätzen daraus, und sämtliche Hefte von 1946-2011 als Facsimile-PDF-Dateien. Man ist dann ja doch interessierter Holmes-Freund.

Und natürlich hat man sich auch dort schon der Fragen angenommen, denen ich oben in der Liste die Nummern 6-9 gegeben habe: Das Schuhklauen macht doch keinen Sinn? Wieso verfolgt die Kutsche in London Henry Baskerville zum Hotel, wo Stapleton doch schon weiß, in welchem Hotel Baskverille absteigt? Wieso nimmt Stapleton den Schuh mit, als er ins Moor flüchtet? Wieso geht der Hund nicht näher an Charles Baskerville heran, als der tot ist? Was ist, wenn Beryl Stapleton Komplizin ist? Wieso ist Dr. Mortimer, der doch ständig Schädel vermisst und sogar einen Aufsatz zu Atavismen verfasst hat, die Ähnlichkeit zwischen Stapleton und dem Baskerville-Vorfahr nicht aufgefallen?

Den gleichen Fragen geht auch Pierre Bayard in seinem eher schlechten Buch Freispruch für den Hund der Baskervilles: Hier irrte Sherlock Holmes (2008) nach. Tatsächlich ist seine Interpretation der Fakten originell und lesenswert, aber die ersten drei Viertel des Bandes sind selbstverliebte Überflüssigkeit. Der Mann tut außerdem ständig, als sei er der Erfinder des Prinzips, Krimis gegen den Strich zu lesen.

Jedenfalls erklärte ich meinen Schülern und Schülerinnen, die schon brav Fakten (als VUV, Clue, Red Herring oder Flüchtigkeitsfehler) gesammelt hatten, das Prinzip, und bot Ihnen drei Alternativen zu Stapleton als Alleintäter an: (1) Beryl war es, oder (2) Mortimer war Komplize, oder (3) ganz etwas anderes. In Gruppenarbeit – sie mögen Gruppenarbeit – mussten sie dann ihre Deutung der Fakten unterstützen.

Eigentlich ist das ein bisschen früh in der 7. Klasse, aber die Schüler und Schülerinnen schlugen sich recht gut. Ich hoffe nur, ich animiere sie dadurch nicht zu Verschwörungstheorien, sondern sie verstehen, dass das nur ein Spiel ist. Hier ihre Lösungen, von mir in Stichpunkten mitnotiert:

Team 1:

  • Beryl und Mortimer sind Komplizen
  • haben Affäre, wollen deshalb Stapleton ermorden
  • Stapleton flüchtet vor Mortimer ins Moor
  • Beryl spielt Laura Lyons; weil sie maskiert war, nicht erkannt
  • Beryl war die mit dem Bart in der Droschke
  • Beryl war nur zum Schein gefangen
  • Der Hund gehörte in Wirklichkeit Mortimer
  • Beryl hat Stapleton zu Seldens Leiche geschickt, damit Verdacht auf ihn fällt
  • Sie haben den Schuh ins Moor gelegt, um Verdacht auf Stapelton zu lenken

Team 2:

  • Mortimer spielt doppeltes Spiel: arbeitet mit Stapleton zusammen, danach mit Beryl gegen ihn verschworen
  • sie wollen an das Erbe, Mortimer hat Stapleton nämlich als Erbe erkannt
  • Mortimer will Hälfte des Erbes, damit er Stapleton nicht verrät; später will er dann aber doch das ganze Erbe, hätte es über Beryl gekriegt, die von Stapleton geerbt hätte
  • Mortimer zu Holmes, um Verdacht auf Stapleton zu lenken
  • Mortimer stiehlt den Schuh, hat auch eher Zugriff auf Schuh als Stapleton
  • hat Erfahrung mit seinem eigenen Hund
  • sie haben den Hund ohne Essen eingesperrt, damit der blutrünstig wird, als er rausgelassen wird, tötet der den Cockerspaniel
  • Beryl soll sich bei Henry einschleimen
  • Mortimer schubst Stapleton während Flucht ins Moor – Stapleton würde selbst nicht sterben, kennt ja den Weg
  • Mortimer legt Schuh ins Moor, um zu bestätigen, dass Stapleton der Böse ist

Team 3:

  • Theorie 1
    • Mortimer ist Komplize von Stapleton, hat diesem von Sir Charles‘ Herzschwäche erzählt
    • Stapleton hilft Mortimer dafür, den begehrten Schädel von Charles Baskerville zu bekommen
  • Theorie 2
    • Laura Lyons will Stapleton heiraten
    • Larua Lyons erkennt Lücken in dessen Plan, erzählt deshalb Holmes und Watson von den Heiratsplänen
  • Theorie 3
    • Der Hund ist ein echter Nachfahre des Legendenhunds
    • Die Hundenachkommen haben sich von den im Moor verendeten Pferden ernährt
    • Hundm ist zufällig auf Charles gestoßen; hat Baskerville in der Nähe gerochen, als Henry eingeladen war

Team 4:

  • Beryl ist Komplizin von Stapleton; sie nutzt ihn aber nur aus, um an das Erbe zu kommen
  • Der anonyme Brief ist von Stapleton
  • Stapleton ist weggelaufen, weil er denkt, Beryl wird ihn verraten
  • Stapleton wollte Laura Lyons um Hilfe bitten, aber die hat sich mit Beryl zusammengetan (die beiden hatten vielleicht sogar Affäre)
  • Beryl Stapleton hatte 2 Hunde, hat beide befreit, der eine hat Henry verfolgt, der andere Stapleton
  • Mortimer ist weiterer Komplize von Beryl, hat sich in sie verliebt, will sich von seiner Frau trennen – deshalb hat er Holmes die Schädelverwandtheit Hugo/Stapleton verschwiegen
  • Mortimer versucht hinter Beryls Rücken Stapleton mit Sherlock Holmes‘ Hilfe loszuwerden
  • beim Tod von Sir Charles hat Hund Selden gesehen, und den dann verfolgt, deshalb hat er Sir Charles nicht weiter verfolgt

Alle noch nicht ganz ausgereift, aber die Erkenntnisse decken sich durchaus mit dem, was andere Forscher vermutet haben. Vor allem die ersten beiden sind überzeugend, beim dritten gefällt mir die Theorie, dass doch echte (Geister-)Hunde dahinterstecken und die vierte Theorie ist so schön kompliziert und hat ein gleichgeschlechtliches Liebespaar.

4. Weitere Sachen, die man machen kann

  • Es gibt eine deutsche Hörspielfassung und bei Amazon das Skript dazu, wenn auch nur für den Kindle. Könnte man vielleicht mal nachspielen. Audiobookfassungen gibt es etliche, ganz oder teilweise bei Youtube.
  • Die entsprechene Sherlock-Episode anschauen (das ist die Serie mit Benedict Cumberbatch und Martin Freeman) und vergleichen.
  • Bilder und Karten von Dartmoor, klar.
  • Kapitel 4 im Buch und laut Lehrplan: Schilderungen. In Doyle selber gibt es zwei Passagen, in denen das Moor ausführlich anschaulich geschidlert wird, dazu mindestens eine Schilderung von Baskerville Hall und zwei des unheimlichen Huneheulens über dem Moor. Den Schülern und Schülerinnen habe ich ein noch mehr zum Buch passendes Stimmungsbild von Dartmoor gezeigt als das folgende, aber nur das folgende ist für die CC-Veröffentlichung hier lizenziert:

Stanley Donen

Am21.2.2019 starb Stanley Donen, einer der ganz großen Regisseure, dessen Name dabei doch wenig bekannt ist.

Singing in the Rain (1952) ist ein schöner und wichtiger Film, und natürlich ein Musical. Bekannt ist On the Town (1949) mit Gene Kelly, Frank Sinatra, Jules Munshin, Ann Miller, Vera-Ellen – an Originalschauplätzen, nämlich in New York, gedreht, was sehr ungewöhnlich war. Der Film ist überschätzt, das Musical von Leonard Bernstein an sich ist ganz hervorragend, aber nur wenige seiner Lieder haben es in den Film geschafft. Meine Lieblingsnummer „Some Other Time“, ist nicht dabei.

In On the Town verbringen drei befreundete, aber unterschiedliche Seeleute einen gemeinsamen Tag in New York auf der Suche nach Touristenattraktionen und Frauen. Nach einem Tag ist aber alles vorbei. Ähnlich, nur viel, viel besser ist Donens Meisterwerk It’s Always Fair Weather: Drei Soldaten verabreden, sich zehn Jahre nach dem Krieg wieder in ihrer Stammkneipe zu treffen, um dem Wirt zu zeigen, dass ihre Freundschaft ewig hält. Zehn Jahre danach halten sie sich mehr oder weniger spontan an diese Abmachung – und haben sich sehr verändert, halten einander für Deppen verschiedener Art und können gar nichts mehr miteinander anfangen. Der eine ist Geschäftsmann mit Magenleiden (Dan Dailey), der andere ein etwas schäbiger Boxmanager (Gene Kelly), der dritte ein Landei (Michael Kidd). Dazu Cyd Charisse. Und Gene Kelly mit einem schönen Lied auf Rollschuhen.

Die Filme Arabesque (Gregory Peck und Sophia Loren) und Charade (Audrey Hepburn und Cary Grant) habe ich als Jugendlicher immer verwechselt. Kunststück, beide sind von Donen. Arabesque mochte ich lieber, aber auch hier ist der andere der bekanntere Film.

Mit all diesen Filmen bin ich aufgewachsen. Dazu Eine Braut für Sieben Brüder. Die Rollschuhnummer kam ab und zu in Elmar Gunsch‘ Kabinettstückchen. Damals kamen noch alte Filme im Fernsehen – dreißig, vierzig, fünfzig Jahre alte. Seufz. Vermutlich ist das heute nicht anders, nur dass die dreißig, vierzig, fünfzig Jahre alten Filme für mich halt immer noch neue Filme sind.

Wahrscheinlich hätte ich nichts über Donen geschrieben, wenn ich nicht auf dieses Fundstück hingewiesen worden wäre: Eine Traumsequenz-Szene aus Moonlighting (deutsch: Das Model und der Schnüffler) – laut DVD-Anhang schrieb Billy Joel das Lied dazu tatsächlich angesichts der Serie, und die Serie nahm das Lied dann an und baute eine Musicalnummer dazu, Regie Stanley Donen. Wer mal wieder einen jungen tanzenden Bruce Willis sehen will:

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Stöckchen springen

Schon vor zweieinhalb Jahren gefragt und eben daran erinnert worden. Vielleicht gibt es einen (Fantasy?-)Kontext zu den Fragen, aber versprechen kann ich das nicht. Hier verspätet meine Antworten.

  1. Servus, sprich: aus welcher Welt stammst Du und was zeichnet sie aus? Aus dieser hier. Aus einer Welt, die meine Eltern für mich geschaffen haben, aus einem Amalgamuniversum, das ich mir zusammengesucht habe. Aus der Welt der frühen 1980er Jahre. Es ist auf jeden Fall eine durch Medien vermittelte, also konstruierte Welt. Die unmittelbare Erfahrung war nie so das meine.
  2. Und wer und was bist Du? Die Summe meiner Erfahrungen und ausgelösten Änderungen in der Welt.
  3. Welches Element Deiner Heimatwelt hat Dich am meisten geprägt? Alte Filme mit Fred Astaire und Ginger Rogers, und die frühen Spider-Man-Comics.
  4. Wissen, Erkenntnis oder Mythos? Erkenntnis wird überschätzt, hat keine korrigierene Instanz, sondern nimmt den Erkennenden zu wichtig. Wissen und Mythos sind dagegen beides soziale Konstruktionen; zwischen beiden zu wählen fällt mir deutlich schwerer. Vermutlich Wissen, aber nur knapp.
  5. Was ist der schwierigste Handel, den du in Deinem Leben eingegangen bist? Gibt es eine Entscheidung, die Dich bis heute verfolgt? Eine solche Entscheidung gibt es nicht. Schwierige Handel: Auch da fällt mir keiner ein; ich glaube, ich habe es immer sehr leicht gehabt.
  6. Welche anderen Charaktere verbinden Dich mit der Welt? Wessen Tod würde Dich am meisten erschüttern? Familie. Der Tod von Prominenten, und alte Prominente ohnehin, erschüttert mich nicht, mahnt mich nur ans Vergehen der Zeit und das alles vergänglich ist.
  7. Erzähl mir einen Schwank aus Deiner Jugend! Stattdessen vier Blogeinträge dazu.
  8. Was ist Dein größter Erfolg? Oder: Gibt es etwas, worauf du wirklich stolz bist? Mir fällt nichts ein, auf das ich wirklich stolz bin. Dinge, auf die ich nicht stolz bin, das ja. Größter Erfolg: Auch das nicht. Wenig Ziele, wenig Probleme. Viel leises Vergnügen.
  9. Wovor hast Du am meisten Angst? Ich habe vor sehr vielem ein bisschen Angst. Wenn ich keine habe, suche ich mir etwas, vor dem ich Angst haben kann. Aber viel Angst ist es jeweils nicht. Insgesamt bin ich dann eher furchtlos.
  10. Nur zur Sicherheit: Lebst Du noch und bist dem Tod schon einmal spektakulär von der Schippe gesprungen? Falls nicht: Wie bist Du gestorben? Ja, ich lebe noch, spektakulär war noch nie etwas bei mir. Als Dreijähriger war ich mal im Notarztwagen, keine Luft, Verdacht auf (Pseudo?)krupp, dann aber doch nichts. Und hinter einem Bus bin ich mal vor ein überholendes Auto gerannt, das gab eine leichte Prellung.
  11. Blicke auf Dein Leben zurück und stell Dir vor, es gäbe jemanden, jenseits Deiner Welt, der alle Deine Handlungen bestimmt: Würdest Du sagen, diese Person mache einen guten Job? Was wäre Deine größte Kritik? Ziellosigkeit, falls mein Leben ein Kunstwerk sein sollte. Mein Leben als von jemand anderem bestimmt, also quasi als Computerspiel, wäre ein walking simulator. Anderseits verstehe ich den Reiz von als walking simulator verspotteten Computerspielen durchaus.

Seifen

Seit einiger Zeit haben wir in diesem Haushalt kein Duschgel mehr, sondern waschen uns mit Seife. Die Älteren erinnern sich: So war das früher! Da kam Zahnpasta in Tuben, deren Inhalt man taktisch geschickt ausquetschen musste, um an die zweite Hälfte des Inhalts zu gelangen. (Ein Motiv in launiger Partnerbeziehungscomedy waren Unvereinbarkeiten hinsichtlich des Quetschweise.) Und man wusch sich beim Duschen mit Seife. Erst nach meiner Kindheit tauchten Plastikflaschen mit Duschgel auf. So konnte Otto 1979 noch folgenden Sketch im Fernsehen bringen:

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Ein kurzer Test bei meiner 7. Klasse: Die findet das immer noch witzig, und niemand war verwirrt, warum der komische Mann hier Seife zur Reinigung verwendet statt Duschgel.

Shampoo kam jedoch auch in meiner Kindheit schon in Plastikflaschen. Oder? Ich kann mich jedenfalls nicht an Seife erinnern, aber das muss nichts heißen.

Zu Weihnachten schenkte uns die umweltbewusste Nichte Shampoo in Seifenform. Sieht aus wie Seife, tut man kurz an die Haare, schäumt und fühlt sich an wie Shampoo. Ohne Plastikflasche. Ich weiß noch nicht, wo die Nichte die Shampooseife herhatte, die abgebildete oben ist mit 10 Euro noch deutlich im Muss-man-sich-leisten-können-Bereich. (Hält aber auch lange.)

Datenschutz an der Schule

Sehr neugierig hat meine 7. Klasse ins schräg gegenüberliegende Klassenzimmer der Parallelklasse geschaut, wo der Mathematiklehrer die Notenverteilung der letzten Prüfung an die Tafel geschrieben hatte – die gleiche Prüfung, mit den gleichen Aufgaben, die auch meine Klasse abgelegt hatte. Weil man schon recht gerne die Noten mit der Parallelklasse vergleicht. Es haben nur die Operngläser gefehlt.

Isak Dinesen, Seven Gothic Tales

Diese Sammlung von sieben Geschichten war 1934 die erste Buchveröffentlichung von Isak Dinesen (Karen Blixen, in Deutschland auch Tania Blixen). Die Erstausgabe begann mit einem Vorwort von Dorothy Canfield und diesen Worten:

The person who has set his teeth into a kind of fruit new to him, is
usually as eager as he is unable to tell you how it tastes.

Ich möchte mich dem anschließen und fragen: „War es ein Bär oder ein Russe oder was?“ Das ist eine Fragen, die Charles G. Finney seinem kurzen Roman The Circus of Dr Lao im Anhang „Offene Fragen, offene Widersprüche und Unklarheiten“ anfügt. Die Frage, was ich da eigentlich gelesen habe, wird mich noch einige Zeit beschäftigen. Eines wurde mir schon im Lauf der ersten Geschichte klar und später immer deutlicher: Diesem Erzähltonfall, diesen erschaffenen Welten (und Geschichten erschaffen stets wackere neue Welten) war ich noch nicht begegnet.

Dabei kam mir der Ton gleichzeitig von Anfang an wundersam vertraut vor. Die erste Geschichte beginnt nicht nur im gemächlichen Novellentonfall des frühen 19. Jahrhunderts, sie bietet auch tatsächlich die ältere typische Form der Novellensammlung mit einer gefährlichen Situation als Rahmenhandlung und Binnenerzählungen der Figuren darin. Ich musste gleich an Goethes Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter denken. Auch wenn die Binnenerzählungen bei Dinesen naturgemäß kurz sind: Diesen Erzähltonfall kenne ich nur aus den Novellen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. — Poe wird gelegentlich zum Vergleich mit Dinesen angeführt, pah, schreibt ganz anders. Guy de Maupassant, ebenso. Prosper Merimée, Théophile Gautier: vielleicht, an die kann ich mich nur dunkel erinnern. Geistergeschichten von M.R. James oder Arthur Machen, Wells oder Kipling: Nein, mindestens der letztere erzeugt auch ganz eigene Welten, aber sie schreiben alle moderner, zeitgemäßer. (Le Fanu vielleicht?) Dinesens Geschichten wirken auf mich wie aus der Zeit gefallen, erinnern mich an Motive und Duktus bei Eichendorff und E.T.A. Hoffmann, also die deutsche Romantik hundert Jahre zuvor.

Das allerdings jeweils mit einem Schuss Borges darin. Aber gut, die deutsche Romantik kann auch ziemlich schräg sein: Hoffmann hat „Heimatochare“, eine Briefnovelle über zwei befreundete Naturkundler auf Hawaii, die sich wegen einer Inselschönheit in die Haare kriegen und einander wegen ihr töten. Erst spät stellt sich heraus, dass es um eine Laus geht, die zu einer unentdeckten Art gehört. Chamisso hat den Mann ohne Schatten, Ludwick Tieck das Paar, das die Treppe zu ihrer Dachwohnung verheizt (so wie Phileas Fogg den Zug), von Achim von Arnim werden in einer Geschichte „eine alte Hexe, ein Toter, der sich lebendig stellen musste, eine Schöne aus Tonerde und ein junger Mann, aus einer Wurzel geschnitten“ in einer Kutsche versammelt, und von Karl Immermanns Münchhausen fange ich erst gar nicht an.

Blixen/Dinesen war Dänin. Ich weiß nichts über dänische Literatur, ich weiß nicht, welche Wurzeln Blixens Geschichten dort haben. Die auf Englisch geschriebenen Geschichten heißen „gothic tales“; sie enthalten meist übernatürliche Elemente, sind aber nie Geistergeschichten im klassischen Sinn. Schräg sind sie. Die sieben Geschichten hängen nicht zusammen. Aber sie verwirren, und so suchte ich auch zwischen den Geschichten nach Sinn und Zusammenhängen. In der einen taucht eine irritierende Spiegelszene auf, in der anderen gibt es eine ganz ähnliche Szene. Derselbe Spiegel am Ende? Überhaupt, Spiegel tauchen immer wieder auf. Und Don Giovanni, und Elsinore. Totenschädel spielen immer wieder eine kleine Rolle. Die eine Geschichte erwähnt Sklaverei, die nächste beginnt mit einem Sklaven; in der einen hört man von einem, der vor der Hochzeit flieht, in der nächsten gibt es das in anderer Form wieder; in einer wird von einem Affen erzählt, die nächste heißt gleich so. Die Hauptperson in einer Geschichte ist eine Nebenfigur in der folgenden.

Und immer wieder tauchen kleinere oder größere Heresien auf, hier gesammelt, weil ich sie interessant fand:

  • Vor dem Sündenfall war die Erde flach, und der Teufel war es, der die dritte Dimension hinzugefügt hat. Der Apfel war ja auch rund. („The Deluge at Norderney“)
  • Nicht die Menschheit ist gefallen, sondern Gott: Die heutige Generation im Himmel ist nicht mehr das, was sie mal war; der Gott, der die Sterne, das Meer und die Wüste erschaffen hat, Homer und die Giraffe, der kann nicht derselbe sein, der heute „the King of Belgium, the Poetical School of Schwaben, and the moral ideas of our day“ unterstützt. („The Deluge at Norderney“)
  • Wir lieben das, was Nein zu uns sagt. Die Erde sagt Ja und das Meer sagt Nein, und deshalb lieben wir das Meer, und Gott Nein zu uns sagen zu hören, das ist gut. („The Supper at Elsinore“)
  • Nachdem man sich nicht vorstellen kann, dass Gott eine Ewigkeit mit dem Kaiser von Österreich und der Schwiegermutter des (aktuellen) Erzählers verbringen will, sind Himmel und Hölle für fiktive Gestalten wie Don Giovanni oder Odysseus oder Don Quixote erschaffen worden – Ziel von Gottes Schöpfung sind die fiktiven Figuren der Literatur; die Menschen sind nur das Mittel zum Zweck. („The Roads Round Pisa“)
  • Wer Gott liebt, muss Spaß verstehen. („The Dreamers“)
  • Hat der heilige Petrus die Geschichte mit dem dreifachen Hahnenschrei herumerzählt, oder woher weiß man davon? („The Poet“)
  • Religionen sind wie ein Schild „Hier Wäscherei“, das man im Fenster eines Ladens sieht, aber der Laden ist ein Trödelladen und verkauft Schilder und wäscht keine Wäsche. Aber das Schild ist Beweis dafür, dass zumindest irgendwer irgendwann an den Sinn des Wäschewaschens geglaubt hat und die Existenz einer Wäschemangel. („The Poet“)

Zu den einzelnen Geschichten:

The Deluge at Norderney: An der Nordsee gibt es in den 1830er Jahren eine überraschende Sturmflut, vier Flüchtende verbringen eine Nacht im oberen Stock eines einsturzgefährdeten Bauernhauses: Ein alter Kardinal, ein junger Mann, eine feine alte Dame auf Urlaub, ihre Ziehtochter Calypso von Platen (auf der Flucht vor ihres Onkels August Gedichten; kein Scherz). Während unklar ist, ob sie gerettet werden, erzählen sie sich ihre Geschichten. Tatsächlich nimmt die Handlung dann auch einen unerwarteten Verlauf, der Boden des Lesers ist so unsicher wie die Situation der Figuren. Und: Ich musste viel nachschlagen und ein bisschen Französisch herauskramen; ein englisches Publikum hätte mit Norderney, August von Platen, der französischen Revolution vielleicht noch mehr Schwierigkeiten. (Mit: Totenschädel, Spiegel, Marionetten.)

The Old Chevalier: Die konventionellste Geschichte. Aber immer noch mit reichlich Leerstellen. (Mit: Totenschädel, Spiegel, Don Giovanni, Affe. Keine MArionetten, aber Puppen.)

The Monkey: Boris, ein junger Offizier, flieht vor einem Homosexuellen-Skandal zu seiner Tante, Äbtissin eines Klosters, die für ihn schnell eine Braut aussuchen soll. Die heißt Athena, wohnt mit ihrem Vater in Draculas Schloss, und will nicht heiraten. Und es gibt einen Affen. Erinnerte mich an Eichendorff, „Die Entführung“, nur sinistrer, und wenn Athena Boris ins Gesicht schlägt, schlägt sie ein paar Zähne aus. (Mit: Affe, Totenschädel, Spiegel, Don Giovanni, Marionetten.)

The Roads Round Pisa: Graf Augustus, ein junger melancholischer dänischer Adliger, hilft einer alte Dame, die mit ihrer Kutsche verunglückt ist („The Old Lady’s Story“). In ihrem Auftrag reist er Richtung Pisa und übernachtet in einer Osteria, andere Gäste sind eine junge Frau, als Mann verkleidet („The Young Lady’s Sorrows“) und ein örtlicher Prinz („The Story of the Bravo“), dessen ein wenig kryptische Geschichte ein Duell mit einem jungen Mann provoziert, ohne dass recht klar wird, was da eigentlich genau vor sich geht. Auch die Marionettentheater-Aufführung hilft nicht viel, bevor es am Morgen zum Duell und so etwas wie einer Aufklärung kommt. Natürlich hängen sämtliche Binnengeschichten zusammen, und wer die Puzzlesteine richtig zusammenbaut, erfährt, was da eigentlich alles vor sich gegangen ist. Nun bin ich ein wirklich gründlicher Leser, aber auch ich habe erst zwei Tage nach der Lektüre und mit Hilfe eines Kommentars im Web das allerletzte Fragezechne schließen können, dann aber mit einem „Ahh… natürlich!“ Man muss übrigens nicht hinter alles kommen wollen; das Rätsel in „The Old Chevalier“ hat vermutlich keine greifbare Lösung, und auch das ist in Ordnung. Dinge geschehen, manchmal kann man sie sich erklären, manchmal nicht. (Mit: Elsinore/Dänemark, Spiegel, Don Giovanni, Goethe, Graf Augustus, Marionetten.)

The Supper at Elsinore: Zwei alte Damen treffen sich mit dem Geist ihres geliebten, toten Bruders, der einst kurz vor seiner bevorstehenden Hochzeit verschwunden war. Er erzählt – wieder Binnenerzählungen, aber nur knappe – von seinen Erlebnissen. (Mit: Spiegel, Totenschädel, Elsinore/Dänemark, Sklaverei, Flucht vor der Hochzeit, Schiff, Marionetten.)

The Dreamers: 1863 ist eine Dau im indischen Ozean auf dem Weg nach Sansibar, an Bord befinden sich drei Männer: Aus dem zweijährigen Exil zurück ist Said Ben Ahamed, „der Sohn von Tippo Tips Schwester, und selbst ein Favorit dieses großen Mannes.“ Er fährt nach Hause, um Rache zu üben. Viele mächtige Männer in Sansibar würde eiligst ihren Besitz packen und fliehen, wenn sie von seiner Ankunft wüssten. Klingt spannend? Pech gehabt: Mehr erfahren wir nicht über ihn, die Rache, Tippo Tip, seine Schwester. „Von seiner Rache, als sie denn kam, haben andere Erzählungen berichtet.“ Ich kenne keine, aber Wikipedia bietet einen Ansatz.

Dann ist da der Geschichtenerzähler Mira Jama, der erklärt, warum er keine Geschichten mehr erzählt: Er hat zu viel erlebt, so viel Böses ist ihm zugestoßen, so viele Geister hat er gesehen, dass er die Dinge zu gut kennt und keine Furcht mehr hat, und damit kann er nicht mehr erzählen. Nur im Traum, da kennt er noch Furcht und freut sich an ihr.

“Well, yes, alas,” said Lincoln, turning around on his side, “what is life, Mira, when you come to think upon it, but a most excellent, accurately set, infinitely complicated machine for turning fat playful puppies into old mangy blind dogs, and proud war horses into skinny nags, and succulent young boys, to whom the world holds great delights and terrors, into old weak men, with running eyes, who drink ground rhino-horn?”
“Oh, Lincoln Forsner,” said the noseless story-teller, “what is man, when you come to think upon him, but a minutely set, ingenious machine for turning, with infinite artfulness, the red wine of Shiraz into urine?”

Und es gibt Lincoln, ein junger Europärer, der eigentlich eine junge Witwe heiraten soll, aber ausbüchst. Sein Vater schreibt ihm einen wunderbar passiv-aggressiven Brief: Er (der Vater) verzeiht ihm, weil er bei der Beschäftigung mit den Familienarchiven herausgefunden hat, dass es die Familie nur deshalb zu Reichtum und Ansehen gebracht hat, weil es in jeder Generation ein schwarzes Schaf gibt, sozusagen ein Opferlamm. All die Makel und Fehler, die sonst auf die ganze Familie verteilt würden, liegen bei diesem einen Auserwählten, und so gibt der Vater diesem Sohn seinen Segen – er soll so ungehorsam, schwach und sündhaft sein, wie er will, um der Familie das nötige abschreckende Beispiel zu sein. (Worauf der Vater selber die zurückgelassene Braut heiratet.)

In Rom trifft Lincoln Olalla, eine Kurtisane, große Liebesgeschichte, bis ein alter Jude auftaucht, von dem sie behauptet, sie habe ihm ihren Schatten verkauft. Dann ist sie plötzlich verschwunden. Auf der Suche nach Olalla trifft er einen alten und nicht sehr geschätzten Bekannten, Pilot:

If he ever found in himself any original taste at all, he made the most of it. Thus he would go on talking of his preference for one wine over another, as if he meant to impress such a precious finding deeply upon you. A philosopher, about whom I was taught in school and whom you would have liked, Mira, has said: “I think; consequently I am.” In this way did my friend Pilot repeat to himself and to the world: “I prefer Moselle to Rhenish wine; consequently I exist.”

Pilot erzählt seine eigene Geschichte, nämlich wie er in Luzern in eine Putzermacherin verliebt war und durch sie in Revolutionswirren geriet und den Bischof von St. Gallen erschoss. Die Geliebte verschwindet spurlos, ein alter Jude erscheint. (Lincoln horcht auf; seine eigene Geschichte kennen seine Gegenüber noch nicht.) — Der Begleiter dieses Bekannten, Baron Guildenstern, erzählt nun wiederum seine Geschichte: Unter alten geflüchteten Aristokraten weilend warb er einst eine nicht ganz so alte Dame, zurückgezogen und brav, aber wohl mit Vergangenheit. Auch hier taucht ein alter Jude als Vertrauter auf. Der Baron, ein gefühlskalter serieller Verführer, nimmt an einem Wettbewerb teil: An einem Tag drei Meilen reiten, drei Flaschen des örtlichen Weins trinken und mit drei Frauen schlafen. (Reihenfolge egal.) Er schafft es auch ins Zimmer der zu Verführenden. Die dreht die Situation um:

‘Listen for one moment,’ she said. ‘Here we are all alone. There is no one in the house but we and my maid who brought you here, that pretty girl. Are you not afraid?

Sie spielt auf Don Giovanni an, wo die rächende Figur des Commandante den Verführer holt, deutet ein ähnliches Schicksal für den Baron an. Dann bezeichnet sie sich als „shining bubble“, dessen Zeit zu gehen gekommen ist: „The people, and her creator even, were becoming too fond of her. You give her her great tragic end. No other man in the world, I think, could have done that so well.“ Sie kündigt sozusagen die Schritte der Statue an, der Baron-Erzähler beschreibt beim Erzählen noch einmal diese Frau, insbesondere die Narbe an ihrem Hals – die Pilot als Narbe seiner revolutionären Putzmacherin erkennt, worauf wir aus der Geschichte geworfen werden. Auch Lincoln erkennt anhand der Narbe (sie ist in seiner Erzählung erwähnt) seine Olalla. Während sich alle mit offenen Mund anstarren, kommen Gäste in die Gastwirtschaft: Eine Frau – vielleicht die Frau? – und unabhängig von ihr ein alter Jude. Die Frau, angeblich eine angesehene Ratsherrengattin, verschwindet gleich wieder; die drei in einer Kutsche hinterher. Schneesturm. Es folgt nach einigen dramatischen Szenen die Geschichte des alten Juden.

Was später aus seinem Freund wurde, hat Lincoln einmal von einem deutschen Geistlichen am Kap der Guten Hoffnung erzählt bekommen. Oder er, Lincoln, habe sich das ausgedacht; er weiß es nicht mehr genau. War es ein Bär oder ein Russe oder was? (Mit: Don Giovanni, Sklaverei, Flucht vor der Hochzeit, Schiff.)

The Poet: Eine unglückliche Liebesgeschichte. Mathiesen, ein alter Däne, der gerne Dichter wäre, aber doch nur Mäzen ist, benutzt seine Verlobte (die wieder ihre ganz eigene Geschichte hat und in einer zauberhaften Szene nachts heimlich Ballett tanzt) und einen jungen Dichter, den er zu Großem berufen sieht, als Marionetten. Pflückte Mathiesen das gelbe Stiefmütterchen absichtlich? War der Vater der Braut Handelskapitän oder Theaterleiter? Ein Bär oder ein Russe? (Mit: Goethe, Spiegel, Graf Augustus, Elsinore/Dänemark. Keine Marionetten, aber Puppen. Haschisch – nicht wichtig, ist mir nur aufgefallen, weil mich die vorhergehende Geschichte an Lord Dunsany erinnert hatte. Kein Don Giovanni, aber ein schwarzer Opernmantel.)


Zum Wiederlesen: Alle. „The Monkey“, weil ich noch ein bisschen mehr verstehen möchte, „The Roads Round Pisa“ und „The Dreamers“, weil ich verschachtelte Geschichten mag und noch ein bisschen mehr nachvollziehen möchte, und „The Poet“. Auf Deutsch übersetzt, aber nur antiquarisch erhältlich.