Objektorientierung Unterstufe, Punktschreibweise, Methodenaufrufe: Tangram

Das mit der Objektorientierung in der Unterstufe halte ich immer mehr für ein Unding, aber wenigstens gibt es im neuen Lehrplan ein wenig Abwechslung. Doch werde ich auch Pixelgrafiken so wenig objektorientiert wie es nach Lehrplan geht unterrichten; wie bisher bei E‑Mail ja auch schon.

Üblicherweise steigt man in die Objektorientierung mit Vektorgrafiken und einem meiner in der Tat liebsten Werkzeuge, Libre Office Draw, ein. Grundrisse zeichnen, naja, macht den Kindern Spaß, aber langweilt mich. Ich bin auch schon mal gleich mit EOS eingestiegen, da lernt man die Punktschreibweise richtig – dafür braucht man zwar Klassen, die in der Buchreihenfolge erst nach den Objekten eingeführt werden sollen. Aber erstens macht das unser aktuelles Buch selber, und zweitens sollte man vielleicht überdenken, ob man nicht doch mit Klassen anfangen sollte – denn von Anfang an verwenden die Schüler und Schülerinnen “Rechteck” und dann auch bald “Ellipse”.

Diesmal bin ich sehr bald von den Grundrissen unter Umgehung der Autos, Lokomotiven und Häusern auf Tangram übergegangen. Ich mache die Informatik-Unterstufe jetzt schon seit über fünfzehn Jahren, aber erst jetzt fiel mir das ein. Aus einer Extension holte ich mir eine Vorlage und erstellte danach Aufgaben:

Die Tangram-Elemente und Anweisungen sind in der Größe beziehungsweise in Größe und Position fixiert. (Die Anweisungen liest übrigens niemand.) Gut schummeln kann man bei manchen Aufgaben, indem man dem Rand der Objekte in der Aufgabenstellung eine andere Farbe als schwarz zuweist – das kann man als Tipp geben oder selber herausfinden lassen. Bei den einfachen Aufgaben muss man die Tangram-Elemente nur verschieben, später auch drehen. Die letzten Aufgaben mit den bunten Elementen – nur eine ist abgebildet – verlangen das Lesen von Methodenaufrufen in Punktschreibweise und das manuelle Eingeben oder zumindest das regelmäßige Ablesen von Werten im Eigenschaften-Inspektor in der Seitenleiste.

Datei zum Weiterbasteln, mit Lösungen.

Ergänzen könnte man noch eine Liste mit Tangram-Mustern zum Nachlegen. Ich habe das zum letzten Mal vor 35 Jahren intensiver getan; da waren ein paar ganz schön fiese dabei.

Klassenelternabend 2021

Ich bringe diese Wörter häufig durcheinander: Klassenelternabend heißt es, wenn die Eltern einer Klasse in einem Zimmer sitzen und ein paar oder viele Lehrkräfte der Klasse sich und ihr Fach vorstellen und Fragen beantworten. Außerdem wählt man da die Klassenelternsprecher/innen – am Gymnasium erst seit fünfzehn Jahen oder so? Vielleicht schon zwanzig? Jedenfalls noch nicht zu meiner Anfangszeit. Später im Jahr gibt es den Elternsprechabend, da ist dann eine Lehrkraft allein im Raum und die Eltern tragen sich für Termine zu einem Gespräch ein.

Diese Woche war Klassenelternabend. Am Nachmittag davor scherzte eine Kollege: “Man muss den Eltern eigentlich nur erzählen, was sie hören wollen, damit fährt man besten, selbst wenn danach anders kommt.” Es war ein Scherz, betone ich, ausgehend von einer Dokumentation, laut der amerikanische Wissenschaftler herausgefunden hätten, dass man als Ratgeber den besten Ruf kriegte, wenn man genau das täte: Sagen, was man hören will. Selbst wenn das danach nicht stimmt, in der Erinnerung behielte man diesen Ratgeber als besser in Erinnerung als jemanden, der oder die schlechte Nachrichten überbringt. Wenn ich mir Boris Johnson so anschaue, passt zumindest der gut in die Theorie.

Also nein, ich glaube nicht, dass Lehrkräfte den Eltern bewusst sagen, was die hören wollen, um sich das Leben zu erleichtern. Andererseits ergibt sich das schon oft, finde ich, und das ist auch richtig so: Wir kümmern uns, wir haben das im Griff, die Klasse ist nett, die Schüler und Schülerinnen sind freundlich. Und das stimmt ja auch – an meiner Schulart, in meinem Städtchen jedenfalls.

Unstimmigkeiten gibt es zumindest in der Unterstufe gerne bei zwei Punkten: Ersten die Hausaufgaben. Ja, die Eltern müssen sich soweit möglich darum kümmern, dass ihr Kind die Hausaufgaben macht. Nicht dabei helfen, sie zu erledigen, sondern dass sie überhaupt gemacht werden. In einer Ganztagsschule ist das vielleicht anders, aber wir sind keine Ganztagsschule. Aber auch da sind sich die Eltern und Lehrkräfte eigentlich einig. Dass das nicht bei allen Schülern und Schülerinnen funktioniert: klar. Ein Hauptproblem ist wohl das Führen des Hausaufgabenhefts, das bayernweit Pflicht ist – nur über das können Eltern ja nachvollziehen, was aufgegeben wurde. Da wünscht man sich manchmal Alternativen; ein Thema für einen anderen Blogeintrag.

Und zweitens: Die Schultasche, die zu schwer sei. Ach, ich weiß nicht. Wir haben fast nur Doppelstunden, es gibt also meistens drei, manchmal vier, sehr selten fünf Fächer pro Tag. Und dennoch wird nach Lösungen gesucht, damit die Schultaschen nicht so schwer sind: wir haben in den Kernfächern einen (ganzen oder halben?) Satz Bücher im Klassenzimmer, so dass die eigenen Bücher zuhause bleiben können – allerdings lässt im Moment der Rahmenhygieneplan das Teilen von Material nicht zu.

Ich bin wirklich, wirklich skeptisch, ob diese Sorgen um das Gewicht berücksichtigt sind. Aber ich unterrichte nicht so viel Unterstufe. In meiner Erinnerung war meine Schultasche immer voll mit allem möglichen Kram, den ich gar nicht hätte mitnehmen müssen. Beklagen sich denn die Kinder über das Gewicht oder ist es eher vorauseilende Sorge? Es hält sich außerdem die Geschichte von den 10% des Körpergewichts – eine Zahl, die im Raum steht, aber keine solide Basis hat. Bis 2010 stand sie in einer Norm (DIN 58124), sie geht wohl auf eine Empfehlung für das Militär aus dem Ersten Weltkrieg zurück. Heute hält man mehr Gewicht für tragbar.

Aber gut, das ist eh nicht aktuell bei mir – es geht hier auch gar nicht um meinen konkreten Elternsprechabend Klassenelternabend, aus dem ich nichts erzähle, sondern um Erfahrungen der letzten Jahre.

Alles über: Schulbücher

Also: Hier steht mitnichten alles über Schulbücher, sondern nur über wenige Aspekte davon. Aber meine kleine Blog-Reihe habe ich nun einmal voller Hybris so genannt.

Das Schulbuch aus Sicht der Verwaltung

Schüler und Schülerinnen erhalten in Bayern (und nicht nur da) seit über fünfzig Jahren (mit einer kurzen Ausnahme) die für den Unterricht benötigten Schulbücher kostenlos. Lernmittelfreiheit heißt das.

Dazu erhält jede Schule einen jährlichen Etat, aus dem sie diese Schulbücher kauft. Die für die Schulbücher zuständige Lehrkraft sammelt und koordiniert die Wünsche der verschiedenen Fächer, schaut zu, dass alle etwas kriegen, und sorgt dafür, dass der Etat nicht überschritten wird.

(Diese Entscheidung, welche Bücher gekauft werden, ist auch eine politisch-menschliche, glaube ich. Gerade bei einem der Lehrplanwechsel alle zehn Jahre würde man manchmal gerne ein Jahr aussetzen und mit den alten Schulbüchern weitermachen – so kann man erst einmal in Ruhe sehen, was die neuen Bücher taugen. Aber das geht nur schwer, weil die Eltern, und damit die Schulleitung, halt schon erwarten, dass mit dem Neuesten gearbeitet wird.)

Dieses Geld darf aber nur für solche Schulbücher verwendet werden, die vom Kultusministerium zugelassen sind. Verwenden darf man im Unterricht nämlich so ziemlich alles, was man hat, insbesondere natürlich auch alte Lehrwerke, aber aus diesem Etat kaufen darf man nur aktuell zugelassene Lehrwerke. Und damit so ein Buch zugelassen wird, schickt der Verlag es an das Kultusministerium, das schickt es an einen Gutachter (eine erfahrene Lehrkraft, die dafür Geld erhält), der hat an dem Buch etwas auszusetzen, was der Verlag dann korrigiert und das Buch wieder einreicht, worauf es dann die Zulassung erhält.

Das Schulbuch aus meiner Sicht als Fachlehrer

Zu meiner Schulzeit und in meinen ersten Berufsjahren war es unter Deutschlehrkräften fast schon verpönt, mit dem Deutschbuch zu arbeiten. Das kann nur selektive Wahrnehmung gewesen sein, dennoch: man hat Arbeitsblätter erstellt und Texte kopiert, die man selbst ausgewählt hat. Und ich bin auch immer noch äußerst unzufrieden mit der Textauswahl in Deutschbüchern. Dennoch nutze ich das Buch mehr als früher, einfach um Kopien zu sparen. Dann gibt es halt nur die zweitbesten Texte. Und Deutsch-Lehrerbände, so mit Lösungen oder Erweiterungsvorschlägen oder was da so drin steht, die habe ich noch nie benutzt und werde das wohl auch nie tun.

Im Informatikunterricht nutze ich das Buch pflichtschuldig, aber manchmal nur sehr wenig. Ich brauche es nicht.

Im Englischunterricht bin ich mehr auf Bücher angewiesen. Und da sind Lehrerbände praktisch, bei denen etwa alle neuen Vokabeln im Text farbig markiert sind – in meinen ersten Jahren habe ich das noch mit dem Textmarker selber gemacht. Sind darüber hinaus auch noch die Lösungen von Aufgaben angegeben, nehme ich das mit, ertappe mich aber dabei, wie das zu Oberflächlichkeit führt: Dann schaue ich mir die Aufgaben nicht genau genug an und denke nicht mit.

Das Schulbuch aus der Sicht von Schüler*innnen

Als Schüler und Schülerin kriegt man von diesem Prozess fast nur das Ergebnis mit und das Schulbuch in die Hand gedrückt. Allerdings gibt es eine Ergänzung: Schon zu meiner Schulzeit es im Französischunterricht das das Buch begleitende Arbeitsheft zum Ausfüllen, das man selber bezahlen musste. Das gibt es immer noch. Inzwischen auch noch eines für Englisch. Und auch noch eines für Deutsch. Diese Arbeitshefte haben sich wirklich als praktisch erwiesen – oder sind zumindest eine beliebte Konvention geworden.

Zusatzmaterial zum Schulbuch

Der Verlag hat neben diesem Arbeitsheft noch mehr im Angebot, was man als Schüler oder Schülerin meist gar nicht mitkriegt. Da gibt es zum Beispiel, und das für jede Jahrgangsstufe: einen Schulaufgabentrainer, ein grammatisches Beiheft, ein Satz Grammatikübungen, einen Vokabeltrainer. Für Lehrkräfte gibt es außerdem noch eine Lehrkräftefassung des Buchs, eine Handreichung, Vorschläge zur Leistungsmessung, und einen Foliensatz. Und es gibt die Hörtexte und Videos, die eigentlich essentiell zum Sprachbuch gehören. Dieses Material ist alles nicht lernmittelfrei – wer als Schüler*in Hörtexte aus dem Schulbuch haben will, muss sich das Workbook kaufen, da sind die dan drin. Das finde ich komisch.

Und dieses Lehrkräftematerial: Das kauft entweder die Fachschaft aus dem eigenen, kleineren Etat, oder man kauft es sich selber. Ich halte es für Verschwendung, alles davon als Schule zu kaufen, weil das meiste selten oder nie gebraucht wird; das dürfen dann bitte die selber zahlen, die das nutzen. Anders ist es mit dem Audiomaterial zum Englischbuch, das ist wesentlicher Teil des Lehrwerks, und das hat mir die Schule gefälligst zu stellen. (Tut sie auch, keine Sorge.)

Digitales

Und dann gibt es noch digitale Unterrichtsassistenten – so eine Art digitales Schulbuch, als Software für den Rechner, als App, oder über den Browser. Das sieht für Schüler*innen und Lehrkräfte ähnlich aus, die einen haben halt mehr Zusatzmaterial darauf, je nachdem, was bezahlt wurde. Ich finde die aktuell verfügbaren Systeme, die ich kenne, enorm unpraktisch. (Aber manche Kollegen und Kolleginnen schwören darauf.) Gib mir die Audiodateien als mp3 sinnvoll benannt in einem einzigen Verzeichnis, mehr will ich nicht. Stattdessen kriege ich Oberflächen, die aussehen ganz wie ein Schulbuch, auf denen die Audiodatei per Mausklick startet – aber so, dass ich diese Datei in acht Jahren nur schwer wiederverwenden kann, wenn meine Lizenz ausgelaufen ist. Ganz klar: Der Trend geht zum Leihwerk, wie beim Kindle – Schulbücher auf Zeit.

O. Henry, The Four Million

Ich habe O. Henry als Student entdeckt, drei, vier schmale antiquarische Bändchen mit seinen Kurzgeschichten, dann bald darauf eine eng gedruckte Gesamtausgabe auf dünnem Papier. Damals müssen meine Augen noch besser gewesen sein. Auch diese Ausgabe war antiquarisch und O. Henry schon lange nicht mehr salonfähig. Aber ich fand die Geschichten, nein, eher: den Tonfall toll. The Four Million, war, so pflege ich zu erinnern, der erste Band, den ich gelesen habe; es ist auch die erste Kurzgeschichtensammlung von O. Henry (nach einem Band mit romanhaft verknüpften Einzelepisoden), und gleich der erste Satz der ersten Geschichte hatte einen Rhythmus, der etwas zum Klingen brachte bei mir:

Tobin and me, the two of us, went down to Coney one day, for there was four dollars between us, and Tobin had need of distractions.

The Four Million, das sind die vier Millionen Einwohner von New York, die – so der Gedanke – alle eine Geschichte haben. Für O. Henry ist diese Stadt „Baghdad on the Hudson“ (auch wenn diese Bezeichnung erst in einem späteren Band fällt), und seine Geschichten sind, obschon ohne direkt fantastische Elemente, in einem modern-märchenhaften Ton gehalten, der den Vergleich mit 1001 Nacht zulässt.

Ein paar der Geschichten kannte ich schon: “The Gift of the Magi” begegnet man ohnehin früher oder später, “The Cop and the Anthem” erinnere ich aus einer s/w‑Verfilmung (obwohl ich da keine passende finde beim Recherchieren), “After Twenty Years” war mal in einem Englisch-Schulbuch der 11. Klasse.

Die meisten Geschichten haben ein glückliches Ende, aber nicht alle, Themen und Motive wiederholen sich. Wir haben:

  • die getrennten Liebenden, die auf wundersame Weise Spuren des anderen oder ganz zusammen finden (Tobin‘s Palm, Springtime a la Carte, The Furnished Room)
  • einsame Frauen in prekärer finanzieller Situation in der Großstadt (The Skylight Room, An Unfinished Story, The Furnished Room)
  • Heiraten, die auf ungewöhnliche Weise zusammenkommen (Mammon and the Archer, From the Cabby‘s Seat, The Romance of a Busy Broker, vielleicht The Love-Philtre of Ikey Schoenstein)
  • Streit unter Eheleuten (Between Rounds, Memoirs of a Yellow Dog, vielleicht By Courier))
  • Zufälligkeiten (Tobin‘s Palm, The Green Door, Springtime a la Carte)
  • Liebespaare, die für einander Opfer bringen (The Gift of the Magi, The Service of Love)

Die Geschichten gefallen mir nicht mehr ganz so gut wie vor dreißig Jahren, aber immer noch gut genug. Die interessanteste Geschichte ist für mich „The Coming-Out of Maggie“, weil sie aus so einer völlig anderen Zeit stammt und mir eine fremde, nur halb vertraute Welt zeigt. Allein schon der erste Satz:

Every Saturday night the Clover Leaf Social Club gave a hop in the hall of the Give and Take Athletic Association on the East Side. In order to attend one of these dances you must be a member of the Give and Take—or, if you belong to the division that starts off with the right foot in waltzing, you must work in Rhinegold’s paper-box factory.

Okay, “hop” kenne ich als Tanzveranstaltung (“sock hop”, “At the Hop”, hier von Flash Cadillac & the Contiental Kids), gerne auch in der Turnhalle, so wie hier. Seltsame Namen für Vereine kenne ich aus New York, wo eine Polizeigewerkschaft “Police Benevolent Association of the City of New York” heißt. Aber gut, hier geht es um einen viertelkriminellen Sport- oder Boxverein, und man muss Mitglied sein, falls männlich, oder in der benachbarten Kartonfabrik arbeiten, falls weiblich. Zwar fängt international die Dame beim Walzer mit dem linken Fuß an, aber beim amerikanischen Walzer ist das wohl in der Tat der rechte Fuß.

Maggie ist das ewige Mauerblümchen, kommt jetzt aber doch endlich mal mit einem Partner zum Ball. Plötzlich steht Maggie einmal im Mittelpunkt. Der Neue wird kritisch beäugt, weil er ein feines Lächeln und lockige Haare hat und gut tanzt. Vermutlich riecht er auch noch gut:

He shook his curls; he smiled and went easily through the seven motions for acquiring grace in your own room before an open window ten minutes each day. He danced like a faun; he introduced manner and style and atmosphere; his words came trippingly upon his tongue .

„Terry O‘Sullivan“ wird er vorgestellt, erregt Misstrauen und wird zu einer kleinen Schlägerei ins Hinterzimmer geladen mit Dempsey, dem de facto Anführer des Vereins. Maggie stürzt entsetzt hinzu – um Dempsey zu retten: Als der unwillkommene Gast ein Messer zückt (und Maggie, die das geahnt hat, ihm dabei in den Arm fällt), ist der Streit sofort beendet, es kommt zu keiner Schlägerei – denn jetzt ist klar, dass er gar kein Ire ist, sondern Italiener, und damit nicht satisfaktionsfähig und eine Gestalt des Mitleids. Natürlich muss er sofort die Räumlichkeiten verlassen, durch den Hintereingang. Es ist allen Beteiligten eher peinlich:

Cold steel drawn in the rooms of the Give and Take Association! Such a thing had never happened before. Every one stood motionless for a minute. Andy Geoghan kicked the stiletto with the toe of his shoe curiously, like an antiquarian who has come upon some ancient weapon unknown to his learning.

Dempsey lädt Maggie fürs kommende Wochenende ein.

Natürlich ist die Geschichte rassistisch. Aber so selbstverständlich, nebenbei, und von Iren gegen Italiener, dass mich das irritiert. Das waren aufeinanderfolgende Einwandererphasen in die USA, besonders New York. Dass es da eine Hackordnung gab, wusste ich, ist bei mir Thema im Oberstufen-Englischunterricht.

Das Personal bei O. Henry ist oft ähnlich dem von Damon Runyon, eine Generation später. Der spielt auch viel mit Wortschatz. Aber typisch für O. Henry ist der auktoriale, aber auch distanzierte Erzähler und der elaborierte Wortschatz, fast schon mock-heroic:

The hall of the association in Orchard street was fitted out with muscle-making inventions. With the fibres thus builded up the members were wont to engage the police and rival social and athletic organisations in joyous combat.

Terry O’Sullivan was now in the hands of the Board of Rules and Social Referees. They spoke to him briefly and softly, and conducted him out through the same door at the rear.

Jetzt werde ich zwar erst einmal Pause machen mit O. Henry, aber ich freue mich schon auf die nächsten Bände – vielleicht die Geschichten aus dem Westen, an die ich mich auch gerne erinnere.

Informierendes Schreiben: Die Walhalla

Es gibt seit zehn Jahren im Abitur “informierendes Schreiben”, meist in Form einer Eröffnungsrede oder eines Vorworts zu einem Ausstellungskatalog, mit Themen wie: “Das Unheimliche in der Literatur” oder Faust. Dazu gibt es dann jeweils vier oder fünf Seiten Material, aus denen man sich einfach die interessanten Sachen heraussucht.

Es ist keine sehr beliebte Aufsatzsorte im Abitur und taucht dort auch nur alle paar Jahre auf – aber diesmal eben schon, so dass ich meinen Kurs darauf vorbereite. Das haben wir schon im letzten Schuljahr gemacht, aber zu einem Übungsaufsatz war es nicht gekommen, und ich wollte nicht gleich wieder mit Literaturgeschichte anfangen. Die habe ich letztes Jahr ganz lehrplankonform und wie immer mit dem Naturalismus abgeschlossen.

Die Aufgabe also, nicht genau in diesem Wortlaut:

  1. Recherchiere (im Computerraum, oder mit einem Tablet-Klassensatz), was die Walhalla ist, wie man reinkommt, und merke dir fünf Leute, die schon drin sind. Tipp: Wikipedia.
  2. Wähle einen Kandidaten oder eine Kandidatin für die Walhalla und sammle Informationen über ihn oder sie.
  3. Schreibe einen Aufsatz, in dem du entweder a) die Kandidat*in vorstellst und ihre Aufnahmeberechtigung begründest, oder b) eine Festrede zur erfolgten Aufnahme in die Walhalla schreibst.

Beispiele für Walhalla-Aufnahmereden habe ich so gut wie keine online gefunden, nur immer wieder Zitate daraus in verschiedenen Zeitungsbeiträgen. Eine Ausnahme ist die Festrede zur Aufnahme von Carl Gauß 2007, etwas mehr als doppelt so lang wie der entsprechende Abituraufsatz. Die kriegte der Kurs als Beispiel.

Hauptsächlich wird in dieser Textsorte informiert; das Material ist halt nicht gegeben, sondern muss selber recherchiert werden. Man muss aber auch argumentieren, denn die Entscheidung oder zumindest einzelne Aspekte bedürfen der Klärung. So etwa bei Sophie Scholl:

So meint Scholls Schwester Elisabeth Hartnagel, dass “Sophie die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde” angesichts der Ehrung, zumal sie in der Tat nie “anders als die anderen” innerhalb der Widerstandsgruppe hatte behandelt werden wollen.

Jörg Schallenberg in der taz
Figurator, Büste Sophie Scholl, CC BY-SA 4.0

Denn: Wieso dann doch Sophie Scholl (2003)? Und auch zu Heinrich Heine (2010) kann man geteilter Meinung sein:

Es ist doch eine absolute Respektlosigkeit gegenüber einem toten Dichter, der sich nicht mehr wehren kann, wenn man ihn genau dahin bringt, wo er nie sein wollte. Das kann man ja aus seinem Werk ganz deutlich entnehmen. Die Walhalla verkörperte all‘ das, gegen was er sein ganzes Leben lang gekämpft hat. Mit allem, was ihm an Witz und Satire und Ironie zur Verfügung stand.

Bernd Kortländer, zitiert im Deutschlandfunk

Könnte so etwas im Abitur drankommen? Kann ich mir nicht vorstellen. Auf vier, fünf Seiten genug Informationen für einen sinnvollen informierenden Text? Das geht vielleicht; geht bei anderen Themen ja auch. Aber die politische Entscheidung dahinter… Bertolt Brecht? Franz Josef Strauß? Ohne schlechte Presse geht das so oder so nicht ab.

Ich habe mir schon mal die Namen der Kandidaten und Kandidatinnen geben lassen; an den Aufsätzen wird noch gearbeitet. Etliche Personen sind mehrfach nominiert, allein Willy Brandt dreimal.

  • Emil von Behring
  • Carl Benz
  • Dietrich Bonhoeffer
  • Willy Brandt
  • Ludwig Erhard
  • Sigmund Freud
  • Richard Hamming
  • Fanny Hensel
  • Heinrich Hertz
  • Franz Anton Hoffmeister
  • Alexander von Humboldt
  • Erich Kästner
  • Robert Koch
  • Max Planck
  • Arnold Schönberg
  • Clara Schumann
Michael J. Zirbes (Mijozi), Walhalla Halle3, CC BY 3.0

Im Kunstunterricht könnte man die passende Büste dazu entwerfen lassen. (Aber wahrscheinlich ist meine Vorstellung von Kunstunterricht etwas überholt.)

Nächste Schritte vielleicht: Shortlist, Diskussion, Entscheidung, Schokoladenverteilung.

Schuljahresanfang 2021/2022, und neue Mebiskurse

Ich mag diese ersten Tage im Schuljahr. Es ist alles voller Hektik, ein Dutzend Dinge gibt es zu erledigen, am besten gleichzeitig: Zettel austeilen, Zettel einsammeln, Hausordnung erklären, eigenen Stundenplan lesen, Stundenplan der Klasse austeilen, Änderung des eigenen Stundenplans im Empfang nehmen, Änderung des Klassenstundenplans (meist nur eine Raumänderung) mitteilen. Passwörter vergeben, Mebisseiten einrichten, Sonderfälle notieren. Zu kleinen improvisierten Pop-up-Sitzungen gehen, Sachen alphabetisch sortieren, im Sekretariat abgeben, Raum inspizieren, Wandertag planen, Herausfinden, wer überhaupt Klassleitung-Stellvertretung ist, Klassensprecher:in wählen, Sprechstunde eintragen, Bücher abzeichnen – und dieser Kollege will etwas und jene Kollegin hat etwas.

Das macht Spaß, da muss man den Überblick behalten, alle wollen sie Termine machen und loswerden – voller Hektik eben und Trubel. Und dabei ist das alles so harmlos, nur eine Simulation von echter Arbeit. Die kommt dann ja später, Unterricht machen, Prüfungen erstellen und korrigieren. Die Schuljahresanfangshektik könnte ich freudestrahlend das ganze Jahr über machen und mir mächtig wichtig dabei vorkommen, aber das ist ja alles nur Simulation von Arbeit.

Zwischenbemerkung: Technisch beginnt das Schuljahr immer so um den 1. August herum und nicht erst Mitte September. Ich weiß.

Mebis hat ein Update gekriegt in den Sommerferien: Ein neues Theme löst ein altes Theme ab, auch wenn es in den Sommerferien noch wackelig lief. Ich weiß nicht, ob das jetzt stabiler ist, aber so sieht der Kurs aus, in dem ich alle meine üblichen Lektüren versammle:

Auch sonst hat das Update zu etwas unschönen Schwierigkeiten geführt, was das Design betrifft. Natürlich gibt es Workarounds, aber ich nehme davon abstand, mit CSS und anderen Mitteln die Lücken zu füllen, weil anderen Kollegen und Kolleginnen das nicht so zur Verfügung steht. Mebis muss mit Bordmitteln klappen.

An meiner Schule gibt es jetzt keine Klassenkurse (Blogeintrag März 2020) mehr, sondern alle Lehrkräfte verwalten ihre eigenen Kurse. Ich habe mir einen Deutsch- und einen Informatik-Kurs eingerichtet, in dem alle meine Deutsch- und Informatikklassen parallel sind, also nicht für jede Klasse einen eigenen Kurs. Ich habe in Informatik zwei 6. und zwei 9. Klassen parallel, und außerdem sollen die Schüler*innen der einzelnen Klassenstufen bei Neugier auch sehen können, was die anderen machen. Der Großteil des Kurses ist für alle sichtbar, aber jede Klasse hat auch einen eigenen Bereich, den nur diese Klasse sieht; dort steht eine Art Klassentagebuch, das eigentliche Material ist für alle sichtbar den Lehrplan-Punkten zugeordnet.

So sieht die Kachel-Grafik meines Deutschkurses aus – man sieht meist nur den mittleren Teil davon, je nach Bildschirmauflösung:

Und ein Siebtklässler fragte bereits in der ersten Stunde, ob das das Kloster aus Der Name der Rose sei (ist es), und was Caspar David Friedrich mit Deutsch zu tun habe. Einer anderen Schülerin fiel auf, dass in der Grafik immer mal wieder so ein irritierender Punkt auftaucht – es ist ein Käferlein, die Grafik nämlich eine animierte gif-Datei. Warum? Einfach so, weil ich’s kann, und weil mich das Mebisbasteln an die Web-Frühzeit im letzten Jahrtausend erinnert – jetzt werden Lehrer und Lehrerinnen zu Homepage-Bastlern, mit Besucherzähler und Gästebuch und eben animierten Grafiken. Was die Farben betrifft, sehe ich mitunter in anderen Kursen schon ähnliche Blütenpracht wie zu Zeiten des Web 1.0.

Informatik sieht so aus, da sieht man mich auftauchen, etwas leichter zu erkennen:

Die Klasse hält es jetzt für möglich, dass ich in allen Grafiken auf Mebis mein Gesicht auftauchen lassen kann, auch in anderen Kursen, weil ich doch einer der beiden Mebis-Beauftragten an der Schule bin, und wer weiß.

Die 5. Klassen kriegen diese Woche eine Einführung in Mebis, dazwischen Wandertag, nächste Woche dann vielleicht ganz reguläre Arbeit.

So, aufgeräumt

Das ist jetzt einerseits viel ordentlicher. Allerdings: Unter das Bett passt jetzt nichts mehr davon.

Ein bunter PDF-Strauß zum Schuljahresanfang

Die Sommerferien sind fast zu Ende, die ersten Nachrichten der Schulleitung – “Bitte auf die Homepage” – und die weitergeleiteten Nachrichten von allen, die meinen, mir Nachrichten schicken zu wollen, trudeln ein. Die Ausbeute:

Lehrplan 11. Klasse, Englisch

Wie erwartet eher allgemein-vage; die 11. scheint mir eine Art Park- und Wiederholungsjahr. Immerhin

verfügen [die Schülerinnen und Schüler] über zunehmend fundierte Kenntnisse zu grundlegenden geographischen, historischen, politischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und umweltrelevanten Gegebenheiten sowie zu aktuellen Entwicklungen im UK, in den USA sowie in weiteren englischsprachigen Ländern.

Aber konkret heißt das natürlich gar nichts, und dass der Englischunterricht aus irgendsoetwas besteht, ist eh klar. Es wird aber noch präzisiert:

- Kolonialisierung und koloniales Erbe (First Empire, Second Empire, Commonwealth; Umgang mit indigenous populations); postkoloniale Entwicklungen in verschiedenen Ländern der englischsprachigen Welt, v.a. Kanada, Indien, Südafrika, ggf. ein weiteres afrikanisches Land; Massenproteste des Jahres 2020 (Black Lives Matter)
- vielfältige Aspekte einer Weltstadt am Beispiel von London oder New York, z. B. Wirtschaft, Kultur, Stadtentwicklung, Verkehr, Sicherheit, soziale Gegensätze
- Industrialisierung, Globalisierung und Digitalisierung: Auswirkungen auf Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt illustriert an Beispielen aus dem UK und den USA, z. B. Midlands und Kalifornien

Irland, das verbleibende EU-Land mit Muttersprache Englisch, taucht nirgendwo auf, auch wenn es bei allen Aspekten erscheinen könnte. Vielleicht in 12 oder 13, wo ohnehin manche dieser Punkte wiederholt werden werden (meine Prognose). Oder geht es dann nur um Europa und USA?

Außerdem gibt es jetzt eine “thematische Sequenz ‘Visionen der Zukunft aus Vergangenheit und Gegenwart’ ”. Inhaltlich nichts dagegen, aber ich finde es eine traurige Entwicklung, dass jetzt schon Mottos und Slogans im Lehrplan erscheinen, die früher Pressekonferenzen oder Wahlplakaten vorbehalten waren.

Lehrplan Deutsch, 11. Klasse

Das 17. und 18. Jahrhundert. Dass das Barock, wenn es nicht ganz weggelassen wird, aus der 8. in eine höhere Jahrgangsstufe wandert: unbedingt. Dass Aufklärung und Sturm und Drang dadurch verkürzt werden, ist allerdings schade. Nun, wenigstens keine “thematische Sequenz ‘Visionen der Vernunft aus Aberglauben und Furchtlosigkeit’ ”. Sonst müsste man wohl auch über die Kreuze im Klassenzimmer reden.

Rezipiert werden nur noch “eine Ganzschrift aus der Zeit der Aufklärung bzw. des Sturm und Drang und […] eine Graphic Novel oder [ein] Film.” Seit mindestens vierzig Jahren also zum ersten Mal nicht mal mehr zwei Bücher pro Jahr. Auch diese Entwicklung gefällt mir nicht. Graphic Novels konnte man bisher auch machen, habe ich jedenfalls schon erlebt; ich halte das Genre nicht für wichtig genug, es statt einem Buch in den Lehrplan zu schreiben. Außer Manga spielen Comics doch kaum eine Rolle im Leben junger Menschen? Und ist das Format so wichtig, dass man es denen, die es nicht kennen, näher bringen muss? Filme spielen eine größere Rolle, aber auch das kann man zusätzlich zur Lektüre machen, und sie werden sehr oberflächlich analysiert werden – da hielte ich die Beschäftigung mit Computerspielen noch für sinnvoller. In den 80ern gab es Schlager im Deutschunterricht, in den 90ern Trivialliteratur (Jerry Cotton im Schulbuch und so), jetzt halt das. Nun, man kann ja auch mehr lesen als im Lehrplan steht.

Visavid und Mebis

Visavid (die zentrale bayerische Schul-Videokonferenzlösung) kriegt neue Features; die Anmeldung soll an Mebiskonten angebunden werden. Alles schon angekündigt, alles erwartet, und wenn es funktioniert, wird das auch gut sein.

Kontaktbriefe

Vom ISB, dem pädagogischen Zweig des Kultusministeriums, gibt es jedes Jahr für jedes Fach einen Kontaktbrief mit aktuellen Informationen. Da sind übrigens auch viele Empfehlungen und Wünsche drin, mal mehr, mal weniger drängend formuliert – aber nichts, an das man sich halten muss, denke ich; das steht dann in anderen Schreiben. Die Kontaktbriefe werden jedes Jahr länger. Ich stelle mir das so vor, dass alle möglichen Anliegenhaber und ‑haberinnen, die gerne gelesen werden wollen, an die Kontaktbriefabteilung schreiben, dass doch bitte dieser eine Punkt doch auch noch da aufgenommen werden könnte.

In Deutsch gibt es dieses Jahr demnach das gleiche wie jedes Jahr. (Neu nur: “Informationskompetenz schulen mit SPUTNIK.”) Wie jedes Jahr auch die Tirade: Warum es gut ist, dass die Aufgaben I bis III keinen Kontext für das Schreiben haben, kein Zielpublikum, weil nämlich epistemisch-heuristisch, und das ist auch gut so, während die Aufgaben IV und V natürlich einen Kontext und eine Situierung haben, wo kämen wir sonst auch hin. Anscheinend wollen das immer noch nicht alle einsehen.

Die Unterscheidung liegt auch daran, dass Sachtexte seit jeher analysiert werden und literarische Texte interpretiert. Früher gab es im Lehrplan explizite Aufsatzformen, die demnach Analyse oder Interpretation hießen. Diese Aufsatzformen gibt es zwar schon seit vielen Jahren nicht mehr, aber sie sind noch in den Köpfen der Lehrkräfte:

Dies [=“Synergieeffekte”, ehrlich, ich denke mir das nicht aus] ist aber nur möglich, wenn wir als Deutschlehrkräfte nicht mehr in „Aufsatzformaten“ denken, sondern von den erforderlichen Teilkompetenzen ausgehen, die je nach Zieltext eingesetzt werden müssen.

Gefällt mir. Damit man das mit den weiterhin exakt vorgegebenen Abitur-Aufsatzformaten unter einen Hut kriegt, sagen wir da jetzt “Schreibformen” statt Aufsatzformate.

Ein weiterer Unterschied zwischen Sach- und literarischem Text ist der, dass der Lehrplan beim Sachtext “Verstehensentwürfe” verlangt und beim literarischen “Deutungshypothesen”. Mit diesem Konzept habe ich Schwierigkeiten, befinde mich damit aber in der Minderheit. Einig sind wir uns wohl: ein literarischer Text hat nicht eine (richtige) Bedeutung, sondern Bedeutung ist etwas, was im Kopf der Rezipierenden entsteht. Daher das behutsame “Hypothese”. Allerdings ist für mich eine Hypothese etwas, das man a) aufstellt und dann b) auf Wahrheit überprüft. Wenn man eine Hypothese sauber widerlegt, ist das auch ein Gewinn.

Geht es bei der Interpretation jetzt darum, eine Hypothese aufzustellen, irgendeine oder eine naheliegende, und die zu überprüfen? “Dieses Gedicht warnt vor dem Nationalsozialismus”, und dann schauen wir mal, ob das stimmt? Das kann eigentlich nicht sein; ich habe jedenfalls noch nie erlebt, dass eine Hypothese in einer Schul-Interpetation widerlegt wird – und der Nationalsozialismus-Deutungsthese begegnet man leider oft.

Also geht es vielleicht eher um den Prozess, wie man überhaupt auf die Idee kommt, diese Hypothese aufzustellen? Auch in der Naturwissenschaft stellt man eine Hypothese ja nicht aus dem Blauen heraus auf. Wenn es aber um das Aufstellen der Hypothese geht, heißt das dann, dass diese nie überprüft wird? Da spielt sicher der Gedanke der Vorläufigkeit jeglicher Interpretation hinein. Dann halte ich aber das Wort “Deutungshypothesen” für falsch. Vermutlich geht es einfach um “Deutung” und man will den Eindruck vermeiden, es gebe nur eine davon. – Im Erwartungshorizont zum Abitur taucht das Wort “Deutungshypothese” dann auch gar nicht auf. Da ist von “Deutung” die Rede. Nun ja.

Gottfried Keller, Sieben Legenden

Gottfried Kellers Romane Der grüne Heinrich und Martin Salander habe ich nie gelesen, sie klingen mir immer noch zu ernst; aber seine Novellenzyklen Die Leute von Seldwyla, Züricher Novellen und Das Sinngedicht schon – und jetzt eben auch die Sieben Legenden.

Man überschätzt gerne dicke Bücher, weil man stolz darauf ist, sie gelesen zu haben (E.M. Forster), und vielleicht gilt das auch für alte Bücher. Warum auch immer, das neunzehnte Jahrhundert bereitet mir tatsächlich Vergnügen. (Bei Fontane bin ich noch skeptisch.) Aber dieses kleine Büchlein ist wirklich schön, auch wenn ich mir kaum vorstellen kann, das Heranwachsenden etwa in der Schule zu vermitteln. Aber versprochen: das war es jetzt erst mal mit altem Zeug, und irgendwann ist dann ja auch wieder Schule.

Es handelt sich bei den Geschichten darin um thematisch und motivisch miteinander verknüpfte Legenden. Augenscheinlich jedenfalls: Legenden sind typischerweise Heiligengeschichten, mit historischem oder für historisch gehaltenem Kern; sie erzählen von einem Martyrium oder wundersamen Begebenheiten. Und wenn es hier auch um Heilige und Wundertaten geht, so sind diese Legenden oft… subversiv diesseitig? (Das liegt wohl auch an Kellers Beschäftigung mit Ludwig Feuerbach. Der war zwar mein Schwerpunkt im Kolloquium anno 1987, aber viel ist nicht mehr da, und viel war da sicher auch nie da, so von heute aus betrachtet. Trotzdem, 15 Punkte.)

Zur ersten (“Eugenia”) und letzten Erzählung (“Das Tanzlegendchen”) habe ich nichts zu sagen, deshalb nur hier deren Titel.

Die Jungfrau und der Teufel

Ein Graf braucht Geld, um seine Schulden bezahlen und weiter wohltätige Werke ausüben zu können, und verkauft deshalb seine Frau an, nun ja, den Teufel – eine Kombination von Unmoralischem Angebot & Meet Joe Black, ohne die Frau überhaupt gefragt zu haben. Zur Übergabe an Walpurgis reitet der Graf mit der nichts ahnenden Bertrade los, die aber auf dem Weg in einem Kirchlein die Muttergottes um Beistand bittet und diesen auch erhält:

Da fiel sie in einen tiefen Schlaf; die Jungfrau sprang vom Altar herunter, nahm Gestalt und Kleidung der Schlafenden an, trat aus der Türe frischen Mutes und bestieg das Pferd, worauf sie an der Seite des Grafen und an Bertradens Statt den Weg fortsetzte.

Oookay. Da wurde ich zum ersten Mal misstrauisch. Das Motiv der Erdenwanderung kannte ich vom Herrgott, mit oder ohne Petrus, und von Odin und so weiter, aber nicht von Maria. Gibt es wohl schon, oder zumindest erweiterte Erscheinungen, wie ein Blick in die Enzyklopädie des Märchens zeigt. Aber was folgt, ist dann schon recht unmarienhaftes Verhalten, finde ich. Denn Maria-Bertrade steigt zu dem fremden Ritter, der “ganz manierlich” ist. Und der hat alles für ein schönes Stelldichein vorbereitet, und Maria trägt ihren Teil zu einem schönen Ambiente bei:

Unversehens hielt der Reiter an, sprang vom Pferde und half der Dame mit den Gebärden eines vollkommenen Ritters aus dem Sattel. Kaum berührte ihr Fuß die Heide, so entsproß rings um das Paar ein mannshoher Rosengarten mit einem herrlichen Brunnen und Ruhesitz, über welchem ein Sternenhimmel funkelte, so hell, daß man bei seinem Lichte hätte lesen können. Der Brunnen aber bestand aus einer großen runden Schale, in welcher einige Teufel in der Weise, wie man heutzutage lebende Bilder macht, eine verführerische weiße Marmorgruppe schöner Nymphen bildeten oder darstellten. Sie gossen schimmerndes Wasser aus ihren hohlen Händen, wo sie es hernahmen, wußte nur ihr Herr und Meister; das Wasser machte die lieblichste Musik, denn jeder Strahl gab einen andern Ton, und das Ganze schien gestimmt wie ein Saitenspiel. Es war sozusagen eine Wasserharmonika, deren Akkorde alle Süßigkeiten der ersten Mainacht durchbebten und mit den reizenden Formen der Nymphengruppe ineinanderflossen; denn das lebende Bild stand nicht still, sondern wandelte und drehte sich unvermerkt.

Nicht ohne feine Bewegung führte der seltsame Herr die Frau zu dem Ruhesitz und lud sie ein, Platz zu nehmen; dann aber ergriff er gewaltsam zärtlich ihre Hand und sagte mit einer das Mark erschütternden Stimme: »Ich bin der ewig Einsame, der aus dem Himmel fiel! Nur die Minne eines guten irdischen Weibes in der Mainacht läßt mich das Paradies vergessen und gibt mir Kraft, den ewigen Untergang zu tragen. Sei mit mir zu zweit, und ich will dich unsterblich machen und dir die Macht geben, Gutes zu tun und Böses zu hindern, soviel es dich freut!«

Der einsame melancholische edle Verfluchte; wir kennen ihn aus vielen Geschichten.

Er warf sich leidenschaftlich an die Brust des schönen Weibes, welches seine Arme lächelnd öffnete; aber in demselben Augenblicke nahm die Heilige Jungfrau ihre göttliche Gestalt an und schloß den Betrüger, der nun gefangen war, mit aller Gewalt in ihre leuchtenden Arme. Augenblicklich verschwand der Garten samt Brunnen und Nachtigall, die kunstreichen Dämonen, so das lebende Bild gemacht, entflohen als üble Geister mit ängstlichem Wimmern, ihren Herren im Stich lassend, und dieser rang mit Titanengewalt, sich aus der qualvollen Umarmung loszuwinden, ohne einen Laut zu verlieren.

Die Jungfrau hielt sich aber tapfer und entließ ihn nicht, obgleich sie alle Kraft zusammennehmen mußte; sie hatte nichts Minderes im Sinn, als den überlisteten Teufel vor den Himmel zu tragen und ihn dort in all seinem Elend zum Gelächter der Seligen an einen Türpfosten zu binden.

Allein der Böse änderte seine Kampfweise, hielt sich ein Weilchen still und nahm die Schönheit an, welche er einst als der schönste Engel besessen, so daß es der himmlischen Schönheit Marias naheging. Sie erhöhte sich soviel als möglich; aber wenn sie glänzte wie Venus, der schöne Abendstern, so leuchtete jener wie Luzifer, der helle Morgenstern, so daß auf der dunkeln Heide ein Leuchten begann, als wären die Himmel selbst herniedergestiegen.

Als die Jungfrau merkte, daß sie zuviel unternommen und ihre Kräfte schwanden, begnügte sie sich, den Feind gegen Verzicht auf die Grafenfrau zu entlassen, und alsbald fuhren die himmlische und die höllische Schönheit auseinander mit großer Gewalt. Die Jungfrau begab sich etwas ermüdet nach ihrem Kirchlein zurück; der Böse hingegen, unfähig, länger irgendeine Verwandlung zu tragen, und wie an allen Gliedern zermalmt, schleppte sich in grausig dürftiger Gestalt, wie der leibhafte geschwänzte Gram, im Sande davon.

Letztlich besteht die Kampfweise Marias darin, den ihr Verfallenen möglichst fest an sich zu pressen. Und dann leuchtet sie hell, und er hell, und sie noch heller, bis beide verausgabt sind. Nun ja.

Bertrades Mann stirbt noch in dieser Nacht, und Maria wird sich auf die Suche nach einem Nachfolger für sie machen.

Die Jungfrau als Ritter

Der junge Ritter Zendelwald wird vom Kaiser zu Bertrade geschickt, dessen Kommen zu arrangieren. Zendelwald “besah sich ehrerbietig die herrlichen Säle, Zinnen und Gärten und verliebte sich nebenbei heftig in die Besitzerin.” Aber er ist zurückhaltend, denkt zuviel und steht sich selber im Weg. Der Kaiser kommt und will Bertrade verheiraten, sie schlägt ein Turnier vor, dessen Gewinner ihr Gemahl sein wird. Zendelwald entschließt sich zwar zur Teilnahme, oder eher: seine resolute Mutter treibt ihn dorthin, aber er hat eigentlich keine Chance ohne Hilfe:

Da stieg die Jungfrau Maria wieder von ihrem Altare herunter, nahm seine Gestalt und Waffenrüstung an, bestieg sein Pferd und ritt, geschlossenen Helmes, eine kühne Brunhilde, an Zendelwalds Statt nach der Burg.

Maria als Brünhilde… zwischendrin versetzt sie noch einmal dem Teufel einen kleinen Tritt, was ihre Laune erheitert. Maria hat Laune?

Durch das kleine Abenteuer erheitert, ritt sie voll guten Mutes vollends auf die Burg Bertrades, wo sie eben ankam, als die zwei stärksten Kämpen übriggeblieben, um die Entscheidung unter sich herbeizuführen.

Und diese zwei Gegner haben es in sich. Der eine “trug einen pechschwarzen Schnurrbart, dessen Spitzen so steif gedreht waagrecht in die Luft ragten, daß zwei silberne Glöckchen, die daran hingen, sie nicht zu biegen vermochten und fortwährend klingelten, wenn er den Kopf bewegte. Dies nannte er das Geläute des Schreckens für seine Feinde, des Wohlgefallens für seine Dame!” Der andere hat “die aus seinen Naslöchern hervorstehenden Haare etwa sechs Zoll lang wachsen lassen und in zwei Zöpfchen geflochten, welche ihm über den Mund herabhingen und an den Enden mit zierlichen roten Bandschleifchen geschmückt waren.”

Maria besiegt als linkischer Zindelwald die beiden komischen Muskelprotzes und schneidet “mit ihrem Dolche die beiden Schnäuze mit den Silberglöcklein ab, welche sie an ihrem Wehrgehänge befestigte, indessen die Fanfaren sie oder vielmehr den Zendelwald als Sieger begrüßten.”

Damit hat Maria-Zindelwald das Turnier gewonnen und macht sich jetzt an das Herz von Betrade. Stellt sich heraus, Maria kann ganz gut mit Frauen:

Dann erhob sie sich und stellte einen Zendelwald dar, wie dieser gewöhnlich zu blöde war, es zu sein. Ohne indessen seiner Bescheidenheit zuviel zu vergeben, grüßte sie Bertraden mit einem Blicke, dessen Wirkung auf ein Frauenherz sie wohl kannte; kurz, sie wußte sich als Liebhaber wie als Ritter so zu benehmen, daß Bertrade ihr Wort nicht zurücknahm, sondern dem Zureden des Kaisers, der am Ende froh war, einen so tapfern und edlen Mann mächtig zu sehen, ein williges Ohr lieh.

Es gibt Blümchen, wie es sie mehr auch bei Disney nicht geben würde:

Heitere Wonne verbreitete sich über alle; in den grünen Laubgewölben in der Höhe sangen die Vögel um die Wette mit den Musikinstrumenten, ein Schmetterling setzte sich auf die goldene Krone des Kaisers, und die Weinpokale dufteten wie durch einen besonderen Segen gleich Veilchen und Reseda.

Am Ende sendet Bertrade noch ein “heißes stilles” Gebet an Maria, und die kriegt das natürlich gleich mit, weil sie neben ihr sitzt, und gibt Bertrade einen Kuss, der es in sich hat:

Aber vor allen fühlte sich Bertrade so glücklich, daß sie, während Zendelwald sie bei der Hand hielt, in ihrem Herzen ihrer göttlichen Beschützerin gedachte und derselben ein heißes stilles Dankgebet abstattete. Die Jungfrau Maria, welche ja als Zendelwald neben ihr saß, las dies Gebet in ihrem Herzen und war so erfreut über die fromme Dankbarkeit ihres Schützlings, daß sie Bertraden zärtlich umfing und einen Kuß auf ihre Lippen drückte, der begreiflicherweise das holde Weib mit himmlischer Seligkeit erfüllte; denn wenn die Himmlischen einmal Zuckerzeug backen, so gerät es zur Süße.

Die Jungfrau und die Nonne

Nur ganz kurz: Die schöne Nonne Beatrix, Küsterin im Kloster, “sah Waffen funkeln, hörte das Horn der Jäger aus den Wäldern und den hellen Ruf der Männer, und ihre Brust war voll Sehnsucht nach der Welt.” Und so verlässt sie eines Nachts das Kloster, nachdem sie Maria die Schlüssel ihres Amtes übergeben hat, wird Geliebte des ersten Ritters, dem sie begegnet, bis der sie im Glücksspiel an einen anderen Ritter verliert. Mit Hilfe der heiligen Maria erwürfelt sich Beatrix ihre Freiheit zurück, geht zurück zu ihrem Ritter Wonnebold, der sie daraufhin zu einer ehrbaren Frau und standesgemäßen Gefährtin macht. Sie gebiert ihm acht Kinder, bis sie eines Nachts wieder meint: so, es reicht, und zurück ins Kloster geht.

Dort ist ihre Abwesenheit gar nicht aufgefallen, weil während dieser Maria “ihre Stelle in der Nonne eigener Gestalt versehen” hat. Zum Schluss fertigen die Nonne zu einem Feiertag Geschenke für die Gottesmutter an; Beatrix kann zwar keine Handarbeiten, aber alle staunen, als zufälligerweise Beatrix’ Ehemann mit seinen acht strammen Söhnen vorbeikommt. Alle erfahren die Geschichte, und Maria segnet die Kinder.

Der schlimm-heilige Vitalis

Mein Favorit unter den Geschichten.

Der fromme Mönch Vitalis lädt eine schlimme Last auf sich, wie es Märtyrer zu tun pflegen. Allerdings geht er unerwartet vor: Er geht nachts in Bordelle und zu Prostitutierten und bekehrt sie durch Gebete und besorgt ihnen danach jeweils einen Platz in einem Kloster. Das macht er aber heimlich, so dass er nach außen den Ruf eines verderbten Lüstlings hat, und diesen Ruf genießt er sozusagen als sein Martyrium. Einmal gerät er an eine Frau, die er nicht überzeugen kann. Er geht wieder und wieder zu ihr, bietet ihr Geld, sie nimmt es und gibt sich überzeugt, nur um in der Nacht darauf das Spiel zu wiederholen.

Währenddessen hat die Nachbarstochter Jole ein Auge auf den feschen Priester geworfen; sie erkennt, dass sein schlechter Ruf ungerechtfertigt ist. Sie bezahlt die Prostituierte, ihre Position aufzugeben, und richtet sich selber in deren Haus ein – gibt vor, selbst diesen Beruf ausüben zu wollen, worauf sich Vitalis voller Elan die Hände reibt und sie zu bekehren versucht. Nach und nach gibt sie vor, auf den rechten Weg zu gelangen; gleichzeitig sorgt sie dafür, dass Vitalis feine Kleidung anzieht und sich wie ein ordentlicher Mann benimmt und letztlich bei ihrem Vate rum ihre hand anhält. Am Ende gibt er also ein Martyrium auf und wird ein noch besserer Ehemann, als er Märtyrer gewesen ist.

Mir gefällt an dieser Geschichte das Schwankhafte, und das Katz- und Maus-Spiel mit der umgedrehten Erotik, und Kellers feiner Humor – deshalb und zum Festhalten für mich hier einige Zitate.

Interessant finde ich, wie faszinierend Vitalis seine Arbeit und die Frauen findet, als wäre ihm doch das Laster schöner als die Tugend:

Hier aber konnte er gar nicht ins Innere gelangen, um seine fromme Tat zu beginnen; und doch reizte es ihn über alle Maßen, gerade diese rotschimmernde Satanstochter zu bändigen, weil große schöne Menschenbilder immer wieder die Sinne verleiten, ihnen einen höheren menschlichen Wert zuzuschreiben, als sie wirklich haben.

Dass Vitalis in dieser Szene “ungerührt von ihren Reizen” ist, glaube ich sogar, aber von irgend etwas ist er gerührt:

Das Lachen verbeißend, schaute sie darein, als ob sie von nichts wüßte, und der Mönch prüfte sie mit ungewissen und kummervollen Blicken und wußte nicht, wie er es anpacken sollte, sie zur Rede zu stellen. Als sie aber plötzlich in verlockende Gebärden überging und mit der Hand in seinen glänzenden dunkeln Bart fahren wollte, da brach das Gewitter seines geistlichen Gemütes mächtig los, zornig schlug er ihr auf die Hand, warf sie dann auf ihr Bett, daß es erzitterte, und indem er auf sie hinkniete und ihre Hände festhielt, fing er, ungerührt von ihren Reizen, dergestalt an, ihr in die Seele zu reden, daß ihre Verstocktheit endlich sich zu lösen schien.

Die Frau entdeckt Vitalis als Einkommensquelle:

Sie bereute und bekehrte sich zum dritten Mal, und auf gleiche Weise zum vierten und fünften Mal, da sie diese Bekehrungen einträglicher fand als alles andere und überdies der böse Geist in ihr ein höllisches Vergnügen empfand, mit wechselnden Künsten und Erfindungen den armen Mönch zu äffen.

Die vielen Besuche sind schlecht für den Ruf des Mönchs, und er genießt diese Art der Kasteiung:

und wenn dies alles ihm endlich in seinem Herzen schwer und schwerer zu tragen war, so bestrebte er sich um so eifriger, vor der Welt die schlimme Außenseite mit frivolen Worten aufrechtzuhalten. Denn diese märtyrliche Spezialität hatte er einmal erwählt.

Da naht Hilfe in Form der durchaus marienkritischen Nachbarstochter Jole:

Plötzlich entschloß sie sich, wenn die Jungfrau Maria nicht soviel Verstand habe, den Verirrten auf einen wohlanständigeren Weg zu führen, dies selbst zu übernehmen und ihr etwas ins Handwerk zu pfuschen, nicht ahnend, daß sie selbst das unbewußte Werkzeug der bereits einschreitenden Himmelskönigin war.

Dann zieht Jole zumindest in der Nacht in die Wohnung der Prostitutierten und erzählt Vitalis, ab jetzt diesem Beruf nachgehen zu wollen. Das bringt Vitalis geradezu ins Schwelgen:

Er strich sich vor Vergnügen den Bart, einmal so zur rechten Zeit auf dem Platz erschienen zu sein, und um sein Behagen noch länger zu genießen, sagte er langsam und humoristisch:

»Und dann nachher, mein Täubchen?«

»Nachher will ich in die Hölle fahren als eine allerärmste Seele, wo die schöne Frau Venus ist, oder vielleicht auch, wenn ich einen guten Prediger finde, etwa später in ein Kloster gehen und Buße tun!«

»Gut so, immer besser!« rief er, »das ist ja ein ordentlicher Kriegsplan und gar nicht übel erraten! Denn was den Prediger betrifft, so ist er schon da, er steht vor dir, du schwarzäugiges Höllenbrätchen! Und das Kloster ist dir auch schon hergerichtet wie eine Mausfalle, nur daß man ungesündigt hineinspaziert, verstanden? Ungesündigt bis auf den sauberen Vorsatz, der indessen einen erklecklichen Reueknochen für dein ganzes Leben abgeben und nützlich sein mag; denn sonst wärst du kleine Hexe auch gar zu possierlich und scherzhaft für eine rechte Büßerin! Aber nun«, fuhr er mit ernster Stimme fort, »herunter vorerst mit den Rosen vom Kopf und dann aufmerksam zugehört!«

“Höllenbrätchen” nennt er sie, später auch “die kleine Höllenkandidatin”. Jole lässt sich von ihm genüsslich-verführerisch die Leviten lesen, was ihr leicht fällt, da sie ihren Sündenplan ja nur vorgibt:

Jole dagegen machte es sich bequem; sie legte sich mit dem Oberleib auf den Teppich zurück, schlang die Arme um den Kopf und betrachtete aus halbgeschlossenen Augen unverwandt den Mönch, der vor ihr stand und predigte. Einigemal schloß sie die Augen, wie vom Schlummer beschlichen, und sobald Vitalis das gewahrte, stieß er sie mit dem Fuße an, um sie zu wecken. Aber diese mürrische Maßregel fiel dennoch jedesmal milder aus, als er beabsichtigte; denn sobald der Fuß sich der schlanken Seite des Mädchens näherte, mäßigte er von selbst seine Schwere und berührte nur sanft die zarten Rippen, und dessenungeachtet strömte dann eine gar seltsamliche Empfindung den ganzen langen Mönch hinauf, eine Empfindung, die sich bei allen den vielen schönen Sünderinnen, mit denen er bisher verkehrt, im entferntesten nie eingestellt hatte.

Schließlich behauptet sie, überzeugt worden zu sein, und gesteht ihm gleichzeitig (aber immer noch in der Rolle der Bekehrten) ihre Liebe. Vitalis ist erst verwirrt und sucht Hilfe bei der Gottesmutter Maria, aber wir sehen schon, dass es keine ganz christliche Maria ist:

Er schlüpfte daher in seiner Bedrängnis in ein Gotteshäuschen, wo vor kurzem ein schönes altes Marmorbild der Göttin Juno, mit einem goldenen Heiligenschein versehen, als Marienbild aufgestellt worden war, um diese Gottesgabe der Kunst nicht umkommen zu lassen.

Beim nächsten Besuch hat Jole das bisher sehr schlichte Appartment stilvoll-festlich hergerichtet:

[A]uf einem blühweißen Ruhbett, an dessen Seide kein unordentliches Fältchen sichtbar war, saß Jole herrlich geschmückt, in süß bekümmerter Melancholie, gleich einem spintisierenden Engel. Unter dem schönfaltigen Brustkleide wogte es so rauh wie der Sturm in einem Milchbecher, und so schön die weißen Arme erglänzten, die sie unter der Brust übereinandergelegt hatte, so sah doch all dieser Reiz so gesetzlich und erlaubt in die Welt, daß Vitalissens gewohnte Redekunst in seinem Halse steckenblieb.

Spintisierender Engel! Sturm im Milchbecher! Ich musste sehr lachen beim Lesen. – Jole gibt vor, Vitalis‘ Ablehnung ihres Antrags zu akzeptieren, will ihn nur vorher einmal in feiner Kleidung und rasiert und so weiter sehen. Er lässt sich darauf ein und wird verwöhnt:

Jole mischte dem stillen Vitalis eine Schale Wein und reichte ihm liebevoll etwas zu essen, so daß er sich wie zu Hause fühlte und ihm fast seine Kinderjahre in den Sinn kamen, wo er als Knäbchen zärtlich von seiner Mutter gespeist worden.

Am nächsten Morgen ist Jole weg und Vitalis sieht immer noch fein aus. Das ist ihm sichtlich peinlich, er druckst vor dem Ausgang herum: „Er steckte nun vorsichtig den Kopf bald durch diese, bald durch jene Öffnung auf die Straße und zog sich jedesmal zurück, wenn jemand nahte.“ Fasst dann aber doch einen Entschluss:

Endlich warf er sich auf das seidene Ruhbett, so bequem und lässig, als ob er nie auf einem harten Mönchslager geruht hätte; dann raffte er sich zusammen, ordnete das Gewand und schlich aufgeregt an die Haustüre. Dort zögerte er noch ein Weilchen; plötzlich aber riß er sie weit auf und ging mit Glanz und Würde ins Freie. Niemand erkannte ihn; alles hielt ihn für einen großen Herren aus der Ferne, welcher sich hier zu Alexandria einige gute Tage mache.

Und hält um Joles Hand an und wird ein fabelhafter Ehemann, und sein selbst gewähltes Martyrium ist zu Ende.

Dorotheas Blumenkörbchen

Das ist eine verhältnismäßig traditionelle Legendenerzählung, nur etwas variiert, zur Heiligen Dorothea. Die entdeckt das Christentum für sich (hier: aus unglücklicher Liebe, lange Geschichte):

Aber wo sie stand und ging, sprach sie jetzt nichts als in den zärtlichsten und sehnsüchtigsten Ausdrücken von einem himmlischen Bräutigam, den sie gefunden, der in unsterblicher Schönheit ihrer warte, um sie an seine leuchtende Brust zu nehmen und ihr die Rose des ewigen Lebens zu reichen usw.

Mir geht es um dieses letzte “usw.” (im Erstdruck steht “u. s. w.”). Soll man das in modernen Ausgaben abgekürzt lassen oder ausschreiben? Ich habe beide Varianten gesehen. Zumindest für mich liest sich die Version mit der Abkürzung deutlich schelmenhaft lapidarer als die ausgeschriebene. Andererseits war es im 19. Jahrhundert üblicher, auch im Erzähltext solche Abkürzungen zu verwenden. Leider weiß ich nichts über das Abkürzungsverhalten bei Gottfried Keller, weder handschriftlich noch im Druck, und in diesem Buch gibt es keinen vergleichbaren Fall.

Sechs Tage im Bayerischen Wald

Es war eher feucht, aber noch so, dass man gut wandern konnte.

Dunstiges Wandern
Nicht ganz so dunstig
Gipfelkreuz auf dem Silberberg: Nachts leuchtend von oben herab ins Tal – also nicht angestrahlt, sondern eher wie mit Neonröhren. Oder doch reflektierende Oberfläche?
Wanderer im Nebelwald.
Blaubeeren.
Der Gipfel des Großen Arber. Wenn es mal halbwegs trocken ist, gehen *alle* dorthin – zu Fuß, per Seilbahn, mit Fahrrad oder Auto. Also eher warten, bis die Seilbahn keine Saison hat? – Dass die Wege am Gipfel alle eingezäunt waren mit der Bitte, doch den Tieren eine Chance zu geben, hielt eine Gruppe nicht vom Picknick ab.

Also: Wandern ja. Ist auch alles gut ausgeschildert. Pilze gibt es enorm viel, aber ich kenne ich mich nicht aus und wir hätten ohnehin keine Kochgelegenheit gehabt. Ansonsten gab es in Bodenmais zu unserer Überraschung nur liebloses Essen. Wir haben uns halt beholfen, der Chinese ging noch halbwegs.

Interessieren sich andere Touristen überhaupt nicht fürs Essen, oder wieso greift das niemand auf? Einmal erkundete sich ein amerikanisches Paar nach vegetarischen Gerichten in einem der größten Gasthöfe am Ort. Die Bedienung ging mit ihnen die Speisekarte durch. “Meat… that’s meat… meat… fish… salad, but with meat…” Das Paar ging dann. Aber auch Schweinebraten und Schnitzel waren lieblos. (Der Unsitte, das Griebenschmalz mit irgendeiner Art von Bratensoßenextrakt zu versetzen, ist mir um München herum aber auch schon begegnet.)

Die beste Wanderung: Von Bayerisch Eisenstein den Großen Regen entlang über Ludwigsthal nach Zwiesel. Die zweitbeste: Auf der anderen Seite des Flusses von Ludwigsthal nach Bayerisch Eisenstein zurück.

Der Bahnhof von Bayerisch Eisenstein ist sehenswert. Riesengroß, ein gutes und schönes Restaurant ist darin, und die Grenze zu Tschechien verläuft mitten durch das Gebäude. Aber das alles kann man anderswo nachlesen. Bayerisch Eisenstein heißt so, weil es auf der tschechischen Seite Markt Eisenstein gibt, wie überhaupt die Grenze zwischen Bayern und Böhmen erst spät fix wurde, und die Bezeichnung Bayerischen Wald nach und nach Richtung Ostern wanderte – ursprünglich ist das alles zusammenhängend Böhmerwald.