Hörspiele in der Vertretungsstunde: und Hauff

Neulich Vertretung in einer fremden Unterstufenklasse gehabt. Schon im Referendariat hat man mir den Tipp gegeben, in solchen Vertretungsstunden Sachen auszuprobieren, die man mit eigenen Klassen nicht machen würde – und sei es nur, ein bisschen das Auftreten zu variieren, also mal streng zu spielen etwa.

Nach einer Viertelstunde wussten sich die Schüler und Schülerinnen nicht mehr selbst zu beschäftigen. Und weil ich gerade Wilhelm Hauff las, siehe weiter unten, suchte ich nach einer Hörspielfassung von “Die Geschichte von dem Gespensterschiff” und spielte sie der Klasse vor. Malen erlaubt, aber ruhig sitzen mussten sie.

Fazit: Das ging gut. Für die erste Hälfte hatte ich eine Hörspielfassung gefunden, für die zweite Hälfte dann ein Hörbuch. Ich weiß nicht, ob der Klasse der Unterschied bewusst wurde. Für die letzten zwei Minuten ließ ich das Hörbuch mit 1,25-facher Geschwindigkeit laufen, um nur ja rechtzeitig fertig zu werden; auch das ging. Immerhin unterhielten sich einige beim Herausgehen miteinander über den untoten Kapitän mit dem Nagel durch seine Stirn, und wie genau das funktioniert hat.

Leider hatte ich weder dabei noch online gefunden die Hörspielfassung meiner Kindheit, eine EUROPA-Kassette, die ich vor ein paar Jahren als mp3-Download nachgekauft habe. Die ist richtig gut, “mit dem legendären Hans Paetsch als Sprecher”, wie mein Freund Bernhard auswendig zu sagen weiß. Ich habe mich nie gegruselt dabei, aber unheimlich ist es eigentlich schon.

Diskographie der Europa-Hörspielfassung (1972)

Hörbuchfassung bei vorleser.net (mit Download-Möglichkeit, gut 24 Minuten)

Alternativ eine Fassung bei Youtube/LibriVox:

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Ab jetzt habe ich einige dieser Fassungen immer auf meinem Schul-USB-Stick dabei. Das Hörspiel mit gut 40 Minuten, die Lesung mit knapp 25. Und auch weitere Hörbuchfassungen von klassischen Novellen und Erzählungen – anhören und darüber reden: Kleist, “Das Erdbeben in Chili” (40 Minuten), Poe, “Das verräterische Herz” (16 Minuten), “Usher” (gut 50 Minuten).

Das sonore “Balsora” des Gespensterschiffs ist laut Hauffs Fußnote übrigens “Balsora, jetzt Bassora oder Basra, einst glänzende Handelsstadt am Schatt-el-Arab, ist gegenwärtig sehr herabgekommen.” Schau an, Basra, das wusste ich noch nicht.

Und auf das Gespensterschiff bin ich überhaupt nur deshalb gekommen, weil ich gerade vergnügt Das Wirtshaus im Spessart lese.

Wilhelm Hauff, Das Wirtshaus im Spessart

Als Kind hatte ich eine Jugendbuchausgabe dieser Sammlung. Sie hat keinen sehr großen Eindruck hinterlassen, aber ich sehe sie jedesmal im Regal, wenn ich bei meinen Eltern bin. Und ich kenne die schöne Verfilmung von 1958. Außerdem habe ich mich inzwischen etwas mehr mit Räuberromanen, Romantik und Biedermeier beschäftigt, mit Novellen und Novellensammlungen; Hauff begegnet einem da und dort noch als Name, obwohl er im Schulalltag überhaupt nicht mehr erscheint. Grund genug, Das Wirtshaus im Spessart herauszukramen und zu lesen – oder, wie das Buch auch heißt, Mærchenalmanach für Söhne und Töchter gebildeter Stände auf das Jahr 1828.

Die Rahmenhandlung ist die, die man aus dem Film kennt: In einem Wirtshaus tief im Schwarzwald finden einige Reisende Unterkunft, werden aber bald misstrauisch: das Wirtshaus stellt sich zwar nicht als vollständige Räuberhöhle heraus, aber doch als Ort, an dem eine Räuberbande eine reisende Adlige entführen will – mit einem edlen Räuberhauptmann. Heiteres Verwirrspiel um geschlechterübergreifende Verkleidung, ; eigentlich alles ähnlich wie im Film, nur mit weniger Liedern, und dass die im Film nicht verheiratete Lilo Pulver am Schluss mit dem Räuberhauptmann geht statt mit ihrem Verlobten.

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Die Binnenerzählungen sind:

  • Die Sage vom Hirschgulden
    Spielt im Mittelalter, “vor vielen hundert Jahren, ich glaube, das Schießpulver war noch nicht einmal erfunden” , auch wenn es später Kanonenschüsse gibt. Ritter, Erbestreitigkeiten, ein bisschen Magie; basiert auf einer älteren Sage mit interessantem historischem Kern.
  • Das kalte Herz
    Begegnet einem ganz gelegentlich in der Schule und ist wohl die bekannteste Erzählung aus diesem Band. Spielt im Schwarzwald, es geht um einen Köhler und zwei übernatürliche Wesen in handfest irdischer Manifestation. Der Köhler geht einen finsteren Pakt ein, den er zwar nicht bald, aber doch eines Tages bereut. War mir als Kind zu wenig fantastisch – und ja, nähert sich trotz allen Geistern schon dem Realismus; ich glaube, viel fehlt nicht mehr und wir wären bei Gottfried Keller oder Jeremias Gotthelf (obwohl ich von dem nur “Die schwarze Spinne” kenne). Interessant die Deutung vom Mann in der Midlife-Krise, von der ich bei Wikipedia gelesen habe.
  • Saids Schicksale
    Der junge Said muss Abenteuer mit Räubern, bösen Kaufleuten in Bagdad, und Seenot überstehen, bevor sich sein glückliches Schicksal erfüllt. Die märchenhafteste, heiterste der Geschichten.
  • Die Höhle von Steenfoll
    Die irritierendste Geschichte, wenn auch nicht sehr. Online nicht viel dazu gefunden, außer den Beitrag von Dieter Bartetzko in der Reihe “Mein Lieblingsmärchen” bei faz.net. Die eine Hälfte eines alten Männerpaars wird von Verlangen verzehrt – nach Reichtum? Jedenfalls: einen Schatz zu finden, einen ganz bestimmten, dämonischen.

Das Wirtshaus im Spessart ist leicht zu lesen und, na ja, harmlos. Kein Vergleich zum sprachlich sperrigeren und inhaltlich brutaleren Kleist, etwa von “Das Erdbeben in Chili” oder “Die Verlobung in St. Domingo”, nur zwanzig Jahre zuvor. Über das Wesen des Menschen und der Welt habe ich nicht viel dabei gelernt, ein bisschen mehr über das Wesen des Erzählens, aber vielleicht bin das nur ich.

In der Schule bietet sich an: Der Vergleich zu Schillers Räubern – die Biedermeier-Schwundstufe der Räuber; vielleicht gar ein paar Seiten Trivialroman Der schwarze Jonas; Vergleich mit dem Wandern in Eichendorffs “Taugenichts”. Dann das Motiv des Wirtshaus mit Räubern darin: Procrustes bei den Griechen; “A Terribly Strange Bed” von Wilkie Collins (der Gast übernachtet in einem Zimmer mit Himmelbett, dessen gepolsterte obere Seite langsam nach unten geschraubt werden kann, um den Schläfer zu ersticken); “Rattle of Bones/Das Skelett des Magiers” von Robert E. Howard – Howards Held Solomon Kane kommt zu Beginn der Geschichte in einem finsteren Wirtshaus im Schwarzwald (sic!) an, es gibt dort einen mörderischen Wirt und Räuber. Dazu Friedrich Hebbel, “Die Nacht im Jägerhause”, wo ähnlich, wie im “Taugenichts”, die Räuberhöhle gar keine ist. Siehe auch den Artikel “From Homer to ‘House of 1000 Corpses’: The Role of Hospitality in Rural Horror”.

Ich habe mich für diesen Blogeintrag zum ersten Mal mit Hauff beschäftigt; ich wusste nicht, dass er so jung gestorben ist, gerade mal mit fünfundzwanzig Jahren. Dabei habe ich bei Wikipedia gelesen, dass er eine Parodie und Kritik an der seinerzeitenen Bestseller-Erzählung “Mimili” von Heinrich Clauren geschrieben hat. Und was Wikipedia zu Mimili schreibt, klingt dann doch irgendwie interessant:

Mimili ist eines der am meisten in Grund und Boden kritisierten Werke der deutschen Literatur, woraus sich schließen lässt, welch ein Ärgernis die Erzählung, vor allem aber ihr buchhändlerischer Erfolg für die etablierte Literaturszene war. […] Mimili befand sich lange auf dem Index für jugendgefährdende Schriften, von dem das Werk erst im Februar 2008 gestrichen wurde.

Gelesen habe ich Das Wirtshaus im Spessart in der Version von Project Gutenberg, die allerdings leider so viele kleinere Scanfehler enthält, dass ich jetzt wohl auch noch herausfinden muss, wie man Korrekturen an Gutenberg schickt.

Granatapfel

Granaten sind nach dem Granatapfel benannt, und Granada hat ihn als heraldisches Wappen, auch wenn der Name gar nicht von der Frucht kommt. Gepressten Granatapfelsaft kenne ich aus Tel Aviv, sehr lecker.

Und den Granatapfel kennt man aus der griechischen Mythologie. Persephone, die Tochter Demeters, war in die Unterwelt gelockt worden, um Hades zu heiraten. Die Ernte blieb aus, oben, weil Demeter aus Trauer nichts mehr wachsen ließ. Man einigte sich: Einen Teil des Jahres, des dunklen, verbringt Persephone in der finsteren Welt bei Hades, einen anderen Teil ist sie im Hellen, bei Demeter. (Wenn Persephone nicht die Granatapfelkerne gegessen hätte, hätte sie ganz oben bleiben dürfen.)

Proserpine [Persephone], 1874, Dante Gabriel Rossetti

Hier noch einmal die Kamishibai-Bilder, die eine meiner 6. Klassen damals gemacht hat:

Zum ersten Mal richtig begegnet und gut im Gedächtnis geblieben ist mir der Persephone-Mythos bei James Frazer, The Golden Bough (prätentiöse Rezension meinerseits von 1988). Ich hatte nicht die vielbändige Ausgabe gelesen, sondern die einbändige Kurzfassung mit auch noch gut 700 Seiten, und ich erinnere mich sehr gerne daran: Ein umfassendes Kompendium weltweiter – vermutlich aber doch ein wenig eurozentrischer – Mythologie, das Zusammenhänge herstellt zwischen auf den ersten Blick völlig verschiedenen oder unerklärlichen Mythen. Leider stimmt wohl ein guter Teil davon einfach gar nicht; insofern ist das ein Blick in ein faszinierendes Paralleluniversum, das aber eben nicht das unsere ist.

Substantially their myth is identical with the Syrian one of Aphrodite (Astarte) and Adonis, the Phrygian one of Cybele and Attis, and the Egyptian one of Isis and Osiris. In the Greek fable, as in its Asiatic and Egyptian counterparts, a goddess mourns the loss of a loved one, who personifies the vegetation, more especially the corn, which dies in winter to revive in spring; only whereas the Oriental imagination figured the loved and lost one as a dead lover or a dead husband lamented by his leman or his wife, Greek fancy embodied the same idea in the tenderer and purer form of a dead daughter bewailed by her sorrowing mother.

[…]

Compared with the Corn-mother of Germany and the Harvest-maiden of Scotland, the Demeter and Persephone of Greece are late products of religious growth. Yet as members of the Aryan family the Greeks must at one time or another have observed harvest customs like those which are still practised by Celts, Teutons, and Slavs, and which, far beyond the limits of the Aryan world, have been practised by the Indians of Peru and many peoples of the East Indies–a sufficient proof that the ideas on which these customs rest are not confined to any one race, but naturally suggest themselves to all untutored peoples engaged in agriculture. It is probable, therefore, that Demeter and Persephone, those stately and beautiful figures of Greek mythology, grew out of the same simple beliefs and practices which still prevail among our modern peasantry, and that they were represented by rude dolls made out of the yellow sheaves on many a harvest-field long before their breathing images were wrought in bronze and marble by the master hands of Phidias and Praxiteles. A reminiscence of that olden time–a scent, so to say, of the harvest-field–lingered to the last in the title of the Maiden (Kore) by which Persephone was commonly known. Thus if the prototype of Demeter is the Corn-mother of Germany, the prototype of Persephone is the Harvest-maiden which, autumn after autumn, is still made from the last sheaf on the Braes of Balquhidder. Indeed, if we knew more about the peasant-farmers of ancient Greece, we should probably find that even in classical times they continued annually to fashion their Corn-mothers (Demeters) and Maidens (Persephones) out of the ripe corn on the harvest-fields.

Nach alledem hat man dann leckere Granatapfelkerne zum späteren Frühstück. Später, weil heute wegen Sturms Sabine die Schulen im Landkreis geschlossen bleiben – aus Sicherheitsgründen auch für Lehrer und Lehrerinnen, bis auf ein paar Leute, die in der Schule wachen, falls doch Schüler oder Schülerinnen ankommen. (Letztes Mal waren es exakt 0.) Außerdem fahren die S‑Bahnen nicht.

Wochen-Ende

Am Mittwoch letzte Veranstaltung des Semesters, Klausur hinter mich gebracht. Die liegt jetzt aber erst einmal. Aber ich gehe gleich etwas beschwingter. Danach waren wir beim Le Du, Dim Sum essen – gut, vor allem der Cocktail Maki Mule mit Meerrettich drin. Aber die besten Dim Sum jemals waren meine ersten, 2001 in Boston.

Am Donnerstag die wöchentliche Kartoffelkiste (siehe Blogeintrag) geholt, und der Überblick über die Ernteplanung für 2020 war dabei:

(Online nicht gefunden, deshalb so fotografiert, dass man nicht viel lesen kann. Am Ende sind das Geschäftsgeheimnisse.)

Es wird für das Jahr geplant, was wann angebaut wird; auf diesem Blatt sieht man, was vorausssichtlich oder vielleicht – es geht ja schließlich um Natur – wann in den Ernteanteilen sein wird. 3500 kg Mangold, im Mai, Juni, Juli und September; Kürbis September bis Januar (14000 Stück).

Heute war eine ehemalige Schülerin an der Schule, weil sie mit meinen Schülern und Schülerinnen ihr Magisterarbeit-Projekt ausprobieren möchte. Das war hier schon mal in den Kommentaren kurz erwähnt, eine Version des Spiels Keep Talking And Nobody Explodes – ein Spieler oder eine Spielerin entschärft die verschiedenen Module am Koffe, der Rest sieht die Module nicht, hat dafür die Anleitung und weiß, ob nun der rote oder blaue Draht durchzuschneiden ist (sofern der Mensch am Koffer das genau genug beschreibt). Nur dass das diesmal kein Computerspiel ist, sondern ein echter blinkender und piepsender Koffer mit auswechselbaren Modulen:

Ab März hoffentlich als Bausatz erhältlich; Bericht folgt dann sicher hier.

Und jetzt: Feierabendlasagne!

04.02.2020

Gespielt: Abends Ukulelespiel. Es gibt die monatliche große Runde, in Giesing, in einer Wirtschaft; da gehe ich meistens dann doch nicht hin – voll, laut, großartige Einrichtung, aber man hört sich selber nicht spielen. Und auch etwa einmal im Monat gibt es eine kleinere Runde, so fünfzehn Leute in wechselnder Besetzung, mit einem Tick mehr Geduld beim Üben und Lernen neuer Sachen, da bin ich dann meistens dabei. Es war sehr schön gestern – immer wieder interessant, wie sich bei manchen Liedern herausstellt, dass die wirklich fast alle kennen und fast alle gut kennen und fast alle rauf und runter gehört haben müssen in prägenden Jahren und die Lieder, vielleicht auch aus sentimentalen Gründen, ernst nehmennicht. Nicht völlig von der Hand zu weisen, das Gemeinschaftsgefühl, das beim Absingen solcher Lieder entsteht.

Frau Rau: Ist erkältet, hat aber Appetit und ist jahreszeitlich angepasst guten Mutes.

Unterrichtet: Telefonkonversation in der 9. Klasse in Englisch. Ähnlich wie das mit dem Small Talk in der 7. Klasse neulich gut ankam:

…lief auch die Telefonkonversation erschreckend gut. Erschreckend, weil ich selber so ungern telefoniere, und die Neuntklässler und ‑klässlerinnen sich bei geübten englischen Gesprächen so erschreckend professionell anhörten. Bereit fürs Praktikum.

Verabschiedet: Praktikanten. Das Semester geht zu Ende; ich habe diesmal viel gelernt. Bin in beiden Informatikklassen recht weit, so dass endlich Zeit für das Projekt in der zweiten Schuljahreshälfte bleibt. Für die 11. Klasse ist mein Tipp: Unit-Tests mit JUnit, ist bei BlueJ eingebaut; muss mal über Vor- und Nachteile bloggen.

Gelesen: Nicht viel. Ich komme das ganze Jahr bisher zu fast nichts. Aber ausgelesen das schmale Wide Sargasso Sea von Jean Rhys. Sehr lesenswert, wenn auch vielleicht nicht sehr gut. Die Idee dahinter ist einfach so genial: Es ist eine Vorgeschichte zu Jane Eyre – dem Roman von Charlotte Brontë, mit dem dunklen und faszinierenden Rochester, dessen guten Kern Jane Eyre entdeckt – aber dann stellt sich heraus, dass er bereits verheiratet ist, unglücklich, und hereingelegt obendrein, mit der Tochter einer Zuckerrohrplantage aus Jamaika, die obendrein wahnsinnig ist, also die Tochter, nicht die Plantage; und die im oberen Stock haust/gefangen gehalten wird. Am Schluss brennt sie auch – wahnsinnig, wir erinnern uns – das ganze Haus nieder und kommt in den Flammen um.

Ein Klassiker der feministischen Literaturwissenschaft ist dann auch The Madwoman in the Attic (1979); zumindest am so einprägsamen Titel kommt man nicht vorbei. Und 1966 erschien eben Wide Sargasso Sea, das die Vorgeschichte dieser Frau im oberen Stock präsentiert und aus ihrer Sicht erzählt wird. Schmal, aber keine ganz leichte Lektüre – sehr fremdartig wird die Inselwelt geschildert, die üppige Pflanzenwelt, das Verhältnis von ehemaligen Sklavenhaltern und ehemaligen Sklaven. Musste an Kleist denken, “Die Verlobung in St. Domingo” (1811).

Informatik-Escape-Room, und andere Schnitzeljagden

Escape Rooms gibt es auch für den Einsatz in der Schule; im Web findet man sie häufig auch unter dem Stichwort “Edu-Breakout”. An der Uni Potsdam entstand in zwei Semestern am Lehrstuhl für Didaktik der Informatik ein Escape Room für Informatik-Inhalte – gedacht für 1–6 Teilnehmer, ab 10. Jahrgangsstufe, Dauer 90 Minuten:

https://www.cs.uni-potsdam.de//room‑x/files/Fall181120/

Man kann auf der Seite eine ganze Menge Material dazu herunterladen, wenn auch ein wenig unübersichtlich. Das liegt auch daran, dass es neben der ursprünglichen Version 1 eine etwas gekürzte und gestraffte Version 2 gibt.

Wenn man alles zusammengesucht und zusammengebaut hat, kriegt man diesen übergroßen Schuhkarton:

(Zu meiner Theorie des Schuhkartons später mehr.)

Und vor diesen Schukarton setzen sich dann die Spieler und Spielerinnen – sie übernehmen die Rolle von jungen Informatikern und Informatikerinnen, die die Ermittlung eines inzwischen verschwundenen Kriminaltechnikers nachvollziehen, der einen Hacker-Fall gelöst und dabei viele Notizen und andere Unterlagen hinterlassen hat. Diese bilden zusammen mit den Beweismitteln aus dem Fall den Inhalt des Schuhkartons. Am Schluss stellt sich dann die Lösung des Falls heraus.

In der Didaktik-Vorlesung haben meine Studenten und Studentinnen diesen Escape Room durchgespielt. Zwei davon waren so nett, das Sichten und Ausdrucken und Zusammenbauen und überhaupt die Spielleitung zu übernehmen. Ich rede mich darauf hinaus, dass man dabei ja auch viel lernt, aber tatsächlich war ich auch froh, dass mir einfach Arbeit abgenommen wurde. Das Material habe ich besorgt (es ist ein bisschen exotisches Zeug dabei) und ich habe die Druckkosten bezahlt.

In der Vorlesung haben wir ziemlich genau die angekündigten 90 Minuten gebraucht, vielleicht nur ein paar Minuten weniger.

Und ja, eine UV-Lampe spielt eine Rolle. Das ist kein zu großer Spoiler: Die Lampe rollt einem gleich nach dem Öffnen der Schachtel entgegen und ist auch als solche zu identifizieren, sobald man sie einschaltet.

Was ist an Informatik drin

Schon ein bisschen was. Kaum etwas, das Vorkenntnisse erfordert, und wenig, das sich unmittelbar abprüfen lässt – manche Aufgaben sind vergleichbar zu Aufgaben aus dem Informatik-Biber-Wettbewerb oder bei Capture-the-Flag-Webrätseln. Bei anderen erfährt man etwas über historische Informatiker und Informatikerinnen. Mehr will ich nicht verraten.

Erkenntnisse

  1. Unbedingt vorher durchspielen.
  2. Rätsel sind immer schwerer, als man beim Erstellen oder Durchlesen meint, selbst wenn man Regel 2 berücksichtigt.
  3. Fast wichtiger als die Qualität der Rätsel, aber da bin ich mir noch nicht ganz sicher, ist der rote Faden. Einen roten Faden braucht es. Der kann vielleicht dadurch entstehen, dass einfach ein Rätsel eindeutig zum nächsten führt, und dass das auch der einzige Weg zu diesem Rätsel ist. Dieser Escape Room ist da ambitionierter und macht einen echten Schuhkarton daraus: Das Material ist ungeordnet und muss erst einmal gesichtet werden, und man weiß nicht gleich, wozu man welches Material überhaupt braucht. Der rote Faden ist hier das Geheimnis, dem der Ermittler und nach ihm die Spieler und Spielerinnen auf der Spur sind. Und dieser rote faden verlor sich mitunter: Da wurde ein Rätsel gelöst, weil man es als solches erkannte, aber man wusste nicht, was mit der Lösung zu tun war. Die überraschende Wendung (es gibt eine solche) ging dabei vielleicht sogar unter, auch wenn der Text dazu gefunden und vorgelesen wurde – es war zu wenig Zeit zum Rollenspiel, glaube ich. Deshalb: Wenn Handlung als roter Faden, dann Handlung noch einfacher und noch linearer halten, als man meint. Hier gab es parallele Wege zur Lösung; zwei Gruppen konnten unabhängig voneinander an verschiedenen Rätseln arbeiten. Einerseits gut, andererseits geht der Plot dabei verloren.

Wie lässt sich das in der Schule einsetzen

In der aktuellen Form ist das für Gruppen von maximal sechs, mit viel gutem Willen: acht Spielern und Spielerinnen gedacht. Das macht das für die Schule unpraktisch – es lässt sich vor allem außerhalb des regulären Unterrichts einsetzen. Mir fällt leider keine Möglichkeit ein, das doch in Klassengröße zu machen.

Nach dem Ausprobieren kann ich das jetzt jedenfalls auch mal in der Schule ausprobieren.

Anhang: Weitere Schnitzeljagden

Sonntag, 02.02.2020

Nein, ich werde hier nicht das Tagebuchbloggen anfangen. Das ist nur ein bisschen für mich, bis ich mich daran gewöhnt habe.

Samstag gab es Kartoffel-Pastinaken-Gnocchi nach einem Rezept aus dem Guardian. (Pastinaken aus der Kartoffelkiste.) Es gubt kein Foto, weil sie zwar ganz ordentlich geschmeckt haben, aber gar nicht gut aussahen – ich hatte mir das schon beim Lesen des Rezepts gedacht. Mit den Rezepten von Meera Sodha werde ich nicht mehr warm. Ich wusste bereits vorher: nach zehn Minuten Kochen wird eine Pastinake nicht weich, auch wenn man sie in “large pieces” zerteilt.

Sonntag dann Kombinatswirsing mit Kassler und Wurst. Kassler gibt es so gut wie nie. Man sieht die exzentrische Teilung des Fleischstücks auf dem Bild nicht gut; ich bin Zwilling und habe exakte Portionierung gelernt – gleich viel Fett, Rand und Fleisch für mich und Frau Kaltmamsell, der es sehr gut gemundet hat.

Dazwischen Korrektur in der 9. Klasse. Inhaltsangabe einer Kurzgeschichte, mit Zusatzfragen; das mag ich eigentlich ganz gern, weil das mitunter interessant ist und ich die Leistung gut beurteilen kann. Bei Erörterungen ist beides meistens nicht so.

Außerdem Vorarbeiten zur Informatikdidaktik-Klausur in meiner Vorlesung am Mittwoch. Die Studenten und Studentinnen diesmal sind mir richtig ans Herz gewachsen, und Klausuren stellen hasse ich.

Dazwischen programmiert, ich kann die Finger nicht davon lassen. Und die Schulhomepage braucht eigentlich auch dringend ein neues Design; ich habe nur mal kurz angeschaut, ob das auf dem Handy noch okay aussieht und ganz wenig gebastelt.

Schöne Idee für Kunst:

Eine Erschütterung in der Macht

Oder: “Something has changed in the Neath”, wie es bei dem Spiel Sunless Sea heißt. Frau Rau meinte vor zwei Tagen früh am Morgen lapidar, sie würde jetzt erst einmal nicht mehr bloggen. Aus heiterem Himmel. Keine Sorge, ihr geht es gut, soweit ich weiß, und uns beiden geht es auch gut miteinander, soweit ich weiß, gar kein Grund zur Sorge; aber ein bisschen verunsichert bin ich schon.

Dazu muss man wissen, dass Frau Rau seit siebzehn Jahren bloggt, und seit vielen Jahren sogar so gut wie jeden Tag. Mit Fotos und Meinungen und Erinnerungen und Empfehlungen. Damit macht sie jetzt erst einmal, uh, Pause. Laden dichtgemacht, ohne Möglichkeit von closure. Ich bin vielleicht tatsächlich ein bisschen traumatisiert.

Dadurch merke ich erst, wie sehr ihr Blog Teil meiner Identität ist und ich mich in dessen Glanz sonnte. Immerhin tauchte ich da auch ab und zu auf. Aber gut. Persönlich halte ich das Innehalten für eine gute Idee. Vielleicht in Ermangelung dramatischerer Veränderungen – keine Rentenjahre in England dank Brexit, kein Umzug in Aussicht – ist das eine Möglichkeit, radikal etwas Neues zu machen, zu schauen, wie es mit einem weitergeht. Und, ehrlich gesagt, so ein Blog kostet auch sehr viel Zeit; ich kriegte das mit. Also persönlich: go for it.

Aber mehr so insgesamt betrachtet halte ich das für einen herben Verlust. (Hoffentlich nur einen zeitweiligen, aber wer weiß.) Das war ein Stück vom guten alten Internet, der letzte Saloon am Rande der Wüste, Siduris Schenke am Ende der Welt. Übertreibe ich etwas? Vielleicht, aber ich bin ja auch nicht völlig unvoreingenommen. Und wenn schon nicht national treasure, ein bisschen Kulturdenkmal ist so ein Blog allemal.

Dine & Crime: P‑Seminar Krimi-Dinner

Gestern hatte ein Englisch-P-Seminar zum Krimi-Dinner geladen. Bei so einem Spiel übernehmen die Gäste verschiedene Rollen, wie man sie aus alten Krimis kennt. Am Schluss wird einer als Täter oder Täterin entlarvt. Dazwischen geht es im besten Fall hochdramatisch zu, und man kriegt etwas zu essen.

In der Aula waren zwei große Tische aufgebaut, aus der Mensa geholt. Angenehme Beleuchtung, Tischdecken, Platzkarten. Jeder Tisch bekam die gleiche Geschichte und die gleichen Rollen und spielte für sich; die Trennwand dazwischen sorgte dafür, dass zumindest unser Tisch fast nichts vom Nachbartisch mitbekam. Der allerdings, so hieß es danach, musste gelegentlich innehalten, weil wir so laut waren. (Außerdem war die Trennwand als Möglichkeit vorgesehen, Beweisstücke anzupinnen. Aber da nicht vorgesehen war, irgendwelche Fäden zwischen ihnen zu spinnen, nutzten wir diese Möglichkeit überhaupt nicht.)

Es war die zweite derartige Veranstaltung; bei der ersten waren nur Schüler und Schülerinnen als Gäste vorgesehen, diese hier richtete sich an Lehrer und Lehrerinnen. Die waren teilweise ein bisschen angehübscht, ich hatte mein 1950er-Jahre-Holzfäller-Outfit an. Wir waren neugierig gespannt und standen am Anfang in einer Reihe und wurden nach und nach abgeholt und mit unseren Rollen versehen zu unseren Plätzen geführt – es hatte nur ein ganz klein bisschen was von der Mannschaftsauswahl im Sportunterricht.

Die Gespräche wurden alle auf Englisch geführt. Gut die Hälfte der Gäste waren Englischlehrer und ‑lehrerinnen, der Rest kam aus anderen Fächern – ich hatte vorher gar nicht darüber nachgedacht, dass das für die ja vielleicht eine zusätzliche Hemmschwelle sein könnte. So oder so, sie machten sich alle ausgezeichnet: Respekt. Wenn alle meine Schüler und Schülerinnen so gut reden könnten, wäre ich zufrieden.

Es gab drei Akte und drei Gänge. Die Gänge waren… spartanisch; ich fühlte mich ein bisschen an eine Szene aus Hook (1991) erinnert. Aber gut, ohne Küche und für wenig Geld ist das für Schüler und Schülerinnen wohl auch schwer. Und der Scone zum Nachtisch (mit Erdbeermarmelade) war wirklich sehr lecker.

Es war, um es jetzt endlich mal zu sagen, ein gelungener und rundum vergnüglicher und sehr unterhaltsamer Abend. Wir spielten zweieinhalb Stunden.

Ich kenne bei solchen Spielen zwei Varianten. Die eine findet sich etwa in Eine Leiche zum Souper. Vier spannende Krimirätsel für 4–8 Spieler (DuMont 1989, damals noch im Studium gekauft). Dabei erhalten alle Spieler und Spielerinnen pro Akt neue Informationen über sich und über andere, die sie geschickt an die anderen vermitteln müssen. Wer der Mörder oder die Mörderin ist, erfährt auch sie erst frühestens im letzten Akt, falls überhaupt. Die andere Variante kenne ich aus dem Web, wo ich mal solche Murder Parties gesucht und gesammelt habe – da wissen Täter oder Täterin von Anfang an, was in Wirklichkeit geschehen ist. Variante zwei gefällt mir erkenntnistheoretisch mehr, aber Variante eins ist vermutlich besser spielbar.

Wir spielten Variante eins und stürzten uns alle sofort ins Rollenspiel. Ich baute Versatzstücke aus Knives Out (2019) und Sleuth (1972) ein. Eine Figur war vermutlich gar nicht misogyn gedacht, aber wurde sehr schön so gespielt – die beiden Ermittlerinnen waren Frauen. Das zankende Nachbar-Ehepaar war allerliebst gespielt.

Wir wussten zwar noch nicht, ob wir am Ende die Täter sein würden, lenkten aber vorsorglich den Verdacht auf Mitspieler und Mitspielerinnen, wann immer es irgendwie ging. Zum Beispiel erfuhren wir, dass die Tochter des Gastgebers zu ihrem bis dato unbekannten Freund in dessen schwarzes Auto gestiegen war – prompt wurde dem Nachbarn an den Kopf geworfen, er habe doch ein schwarzes Auto, worauf sich wilde Theorien entwickelten, den Abstreitungen des Nachbarn nicht geglaubt, ihm Gewalt angedroht wurde – ich fühlte mich an das Spiel Werwolf/Mafia erinnert, bei dem es je nach Rolle auch eher darum geht, andere in Verdacht zu bringen.

Ein bisschen schade war, dass unser freies Rollenspiel durch geskriptete Dialoge unterbrochen wurde, die dazu gedacht waren, den Plot voranzubringen und neue Inormationen unter die Anwesenden zu bringen. Das hätten wir auch so geschafft, denke ich. Überhaupt kenne ich das manchmal vom Tabeltop-Rollenspiel: Gib den Leuten gute Laune und Rollen, dann läuft das fast von alleine. Ein echter Gewinn ist aber die Strukturierung durch die Gänge beim Essen.

Jetzt muss ich das auch endlich mal im Englisch-Unterricht einsetzen.

Tagebuchbloggen, grobschlächtig; Kinobesuche

Grob deshalb, weil das nur ein Überblick über die Woche gibt; ich werde nicht anfangen, regelmäßig über meinen Alltag zu schreiben.

Die Weihnachtsferien waren bekanntlich schön. Inzwischen programmiere ich herum und komme dafür sehr, sehr wenig zum Lesen. Die Schule macht mir sehr Arbeit.

Wenn das Leben dir Steckrüben gibt, mach Cornish Pasties daraus. (Damit es richtig gut wird, braucht man Kronfleisch dazu, aber das kriege ich glücklicherweise immer ohne Vorbestellung am Markt bei meinem Innereienmetzger.

Im Kino gewesen, Knives Out gesehen. Hat mir ganz ausgezeichnet gefallen. Es hat Elemente von J. B. Priestleys An Inspector Calls – aber hat das nicht jeder derart klassischer Krimi? Ein Inspektor inspiziert eine Familie, und die Dinge sind nicht so, wie sie scheinen. Außerdem sieht Christopher Plummer aus wie von Steve Ditko gezeichnet, aber mir fehlt noch das geeignete Bild, um das zu zeigen – hohe Stirn, hohe Wangenknochen, breiter Mund (schmunzelnd).

Dann Joker gesehen. Wie erwartet ist das nicht mein Film: Ein bisschen zu viel Gewalt, aber das ist kein Vorwurf, und man kriegt ja mit, wann man – gelegentlich – wegschauen muss. Aber vor allem gehört er in die Kategorie Drama, und die langweilt mich fast immert. Ich mag an Filmen alles, was intellektuell stimulierend ist: überraschende Wendungen, oder überhaupt irgendwelche Überraschungen; offene Fragen, Rätsel, Unklares, das Erzeugen einer anderen Welt als der meinen, Puzzles, oder einfach nur Sprachwitz. Außerdem sentimental, das mag ich auch. Aber mitfühlen mit Figuren, so mit Empathie, das ist gar nicht das meine.

(Warum mag ich noir? Wieso halte ich Joker eben nicht für noir, neo- oder sonstwie? Vielleicht bin ich ja auch nur ein Marvel-Snob.)

Schule: Termine, Arbeit, schon okay. Aber wenig Zeit.