Sprachkrise um 1900

So lautet ein Unterkapitel im Q12-Deutschbuch, und das Thema mache ich immer sehr gern. Heute war der Einstieg in die Jahrhundertwende, alter Blogeintrag dazu, aber ein bisschen etwas Neues gibt es schon. Meine Kurzfassung: Im Naturalismus versucht man die Natur (also: die Wirklichkeit, nicht den Wald) abzubilden, ganz so wie sie ist; um die Jahrhundertwende stellt sich heraus, dass das mit der Wirklichkeit nicht so einfach ist, wie man sich das vielleicht vorgestellt hat. Mein Einstieg ist dazu dieser Text von Hermann Bahr, augenscheinlich zum Impressionismus in der Malerei, aber letztlich dann auch zur Literatur:

Denken wir uns, Leonardo hätte zufällig die Technik des Impressionismus entdeckt. Er hat ja viel versucht und gern herumprobiert. Es wäre ihm also zugestoßen wahrzunehmen, dass die Farbe, in Flecken oder Punkten aufgetragen, eine Macht, eine Wahrheit erhält, die ihr sonst fehlt, und dadurch verführt, hätte er ein solches Bild gemalt, das, in der Nähe ein unerklärliches Gewimmel, auf einige Entfernung erst seine Form annimmt. Das hätte ihn gewiss gereizt. Schon weil es schwer ist. Auch weil es recht ein Vergnügen für seine mathematische Neigung gewesen wäre. [..] Und nun mögen wir uns ihn bei der Arbeit einmal von Messer Bandello besucht denken, der gern, wenn er Zeit hatte, zu ihm kam, auf einen kleinen Plausch und um ihm zuzusehen. Dem hätte er stolz seine Erfindung gezeigt und hätte ihm erklärt, wie es ihm durch sie möglich geworden, manche Erscheinungen, besonders gewisse Reflexe des Lichtes, einzufangen, die so flüchtig sind, dass die meisten Menschen sie gar nicht gewahren, sondern erst jetzt, da er sie gemalt, allmählich auf sie achten würden. Und wir meinen den klugen Bandello fast zu sehen, wie er neugierig zuhört, die Worte des Meisters an seinem Bilde prüft, ein paarmal nickt, aber dann doch, als jener verstummt, leise und fast ein wenig spöttisch lächeln muß, indem er sagt: „Wohl erinnere ich mich, Messer Leonardo, solche Erscheinungen, wie Ihr sie nennt, und besonders der ganz eigenen Reflexe, die sich manchmal auf die Körper legen, wie Wolken über den Himmel ziehen; und es ist mir oft ein Spaß gewesen, das zierliche weiße Näschen einer hochgeborenen und wohlgestalten Dame, wenn wir durch den Garten in der Sonne gingen, plötzlich an der Spitze grasgrün gefleckt zu sehen, ganz wie Ihr es hier auf Eurem komischen Bilde gemalt habt. Aber Ihr wisst so gut wie ich, mein werter Freund, dass das Näschen deswegen doch nicht grün ist, sondern weiß bleibt und es nur unsere Sinne sind, die uns täuschen. […] Ferner erlaubt mir, Euch zu sagen, dass ich hier, dicht an das Bild herantretend, mich gar nicht auskennen kann und keineswegs weiß, was es denn eigentlich sein soll. Nun habt Ihr freilich von mir verlangt, mich fünf Schritte weit aufzustellen; dies sei die Bedingung. Aber erlaubt mir, zu bemerken, Messer Leonardo, daß das nicht die Bedingung der Natur ist. Die Natur entsteht nicht erst, wie Euer Bild, wenn ich mich in ein bestimmtes Verhältnis zu ihr gebe. Sie vergeht nicht, wenn ich es verlasse, die Natur ist immer da, ob ich bin oder nicht. Euer Bild wird erst, wenn ich es ansehe.

Hermann Bahr

Ist die Nase grün oder sieht sie grün aus? Tatsächlich keine leichte Frage, ich sage nur Weißabgleich beim Fotografieren. Die Wirklichkeit kriegen wir nur über unsere Sinne gefiltert mit, und die sind zu täuschen beziehungsweise interpretieren die Eindrücke halt auch anders. Ein schönes Beispiel, erst ein paar Jahre alt, ist the dress. Dazu gibt es eine eigene Wikipedia-Seite, es geht dabei um das Foto eines Kleides, von dem die einen sagen, das Kleid ist schwarz-blau, und die anderen weiß-gold: Die Natur entsteht vielleicht nicht, wenn ich mich in ein bestimmtes Verhältnis zu ihr gebe, aber sie hängt doch davon ab. Ich sehe das Kleid übrigens als weiß-gold unr nur so; tatsächlich ist es aber wohl schwarz und blau. Einfach dem Link folgen oder Suchmaschine benutzen, es gibt viele Versuche, zu erklären, was hinter den unterschiedlichen Sichtweisen steckt. (Im Kurs heute: Mehr Blauschwarz-Seherinnen, aber schon halbwegs gleich verteilt.)

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Danach gab es, auch schon ein Weilchen her, einen Audioclip mit einem Wort, das – zu spät wohl, um SPOILER! zu warnen – in den einen Ohren wie Yanny und in den anderen wie Laurel klingt. (Und manchmal auch nach weder dem einen noch dem anderen, wenn man nicht weiß, was man erwarten soll, heißt es gelegentlich.) Tatsächlich höre ich „Laurel“, und so sehr ich mich bemühe, nichts anderes. Im Kurs heute: Wenigstens Schüler hörte ebenfalls Laurel – durch die Bank alle anderen: Yanny, oder etwas sehr Ähnliches. Einige Schülerinnen sagten nach der Aufklärung, sie könnten durch bewusstes Vorgehen entweder das eine oder das andere hören. Ich höre wieder mal nur eines, nämlich Laurel. Gilt wohl besonders für alte Ohren, die mit den Höhen Probleme haben, ist insgesamt aber schwierig – auch hierzu gibt es viel Theorie im Web.

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Weiter geht es dann mit dem Chandos-Brief, der Aufteilung der Welt durch Worte, etwa beim Farbspektrum, dann Sapir-Whorf, dann vielleicht noch gendergerechte Sprache – das übliche Programm.

Erste Schulwoche 2019, und kleines Gemaule

Vergnügliche erste Schulwoche, aber anstrengend ist es schon: Noch plane ich für jede Stunde drei verschiedene Sachen, weil ich die Klasse ja nicht kenne und nicht weiß, was zu ihr passt. Leichter ist das, wenn man eh schon irgendwo drin ist und einfach sinnvoll weiter macht. Dazu natürlich noch etliche Stunden Konferenzen.

Nahtlos weiter ging es allerdings mit der Q12 in Deutsch; ausgerechnet das Restlein Naturalismus (ein Dramenauszug, ein Ausschnitt aus „Bahnwärter Thiel“) entpuppt sich als enorm ergiebig. Beim Drama fing es damit an, ob es in der Szene aus Die Familie Selicke einen Unterschied macht, wenn die Autoren einen Gedankenstrich oder ein Auslassungszeichen (drei Punkte) machen. Also Exkurs zu Lieblingsthema, den Satzzeichen, und Variationen von Erich Kästner vergleichen:

  1. Es gibt nichts Gutes. Außer man tut es.
  2. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.
  3. Es gibt nichts Gutes; außer man tut es.
  4. Es gibt nichts Gutes: Außer man tut es.
  5. Es gibt nichts Gutes! Außer man tut es.
  6. Es gibt nichts Gutes – außer man tut es.
  7. Es gibt nichts Gutes… außer man tut es.

Lars Reitze erzählt vom WLAN in seiner Schule in NRW, so für alle Lehrkräfte und Schüler und Schülerinnen, von einer Münchner Firma. Mit ausliehbaren Geräten, aber auch mit den eigenen Geräten – BYOD heißt das, bring your own device. Und das scheint richtig zu funktionieren.
In Bayern tut sich da nur langsam etwas. Die einen sehen Sicherheitsprobleme; der bayerische Datenschutzbeauftragte wird immer wieder mit Bedenken zitiert; aber ich kriege das alles nur aus zweiter Hand mit und nirgendwo kriege ich direkte angreifbare Aussagen zu BYOD. Mir ist fürs Arbeiten egal, ob die Schüler und Schülerinnen mit eigenen Geräten oder mit Leihgeräten der Schule arbeiten. Letztere kann man vielleicht besser filtern oder Kontrolle darüber behalten, welche Apps installiert werden, damit nicht doch jemand den unverschlüsselten http-Verkehr mitliest oder was auch immer – oder man bildet sich das sein, versuchen darf man es ja. Aber nicht-persönliche Leihgeräte halte ich für ziemlich sinnlos. „So, diese Woche arbeiten wir mal mit den Tablets“, und dann werden die ausgeteilt. Wird nicht funktionieren. – Auch aus Gründen der Vielfalt ist mir die Option BYOD lieber als schuladministrierte Geräte.

In den Sommerferien kommt immer der Kontaktbrief Deutsch aus dem ISB. Das ist eine dem Kultusministerium nachgeordnete Behörde, die die inhaltliche Arbeit macht, um den politischen Vorgaben, die aus dem Kultusministerium kommen, nachzukommen – Lehrpläne, Beispielaufgaben, Kommunikation und so weiter. Das Interessanteste aus dem Kontaktbrief für 2019:

  • Im Abitur 2019 wurde das materialgestützte Informieren „weiterhin stabil gewählt“; „erneut“ habe „eine hohe Zahl von Prüflingen dieses Format gewählt“ – immerhin 7%.
  • Im Abitur 2020 und 2021 wird es diese Aufgabenform nicht mehr geben.
  • Sehr schön die Begründung, warum die Abituraufgaben gerade deshalb kompetenzorientiert sind, weil sie – von eben dem informierenden Schreiben abgesehen – nicht kompetenzorientert aussehen. Die Interpretationen von literarischen Texten brauchen keinen Lebensweltbezug, weil das Schreiben „meist epistemisch-heuristisch“ angelegt ist; die Sachtextanalyse ebenso: „Und so ist es im besten Sinne des Wortes kompetenzorientiert“, auch für die Sachtextanalyse keinen Kontext zu konstruieren. — Zur Erinnerung: Die Englisch-Mediation zum Beispiel ist regelmäßig in einen konstruierten Kontext gepackt, der dann doch nur hinausläuft auf „Schreibe für die Schülerzeitung…“ oder „Schreibe für die Homepage der Schule…“
  • Aus Gründen ist der Ersatz einer Aufsatz-Schulaufgabe „durch einen wie auch immer konzipierten Test in Jgst. 7 nicht zielführend.“ (Fettdruck und Unterstreichung im Original.) Ich fürchte, da muss das Kultusministerium richtig deutlich werden, wenn es die Tests abschaffen will; das ISB gibt ja nur Ratschläge.
  • Neue Lektürevorschläge, „Bewährte und aktuelle Kinder- und Jugendliteratur für die Jahrgangsstufe 7“ – na ja. Wenig Klassiker, aber immerhin Die Schatzinsel (früher in 5 oder 6 gelesen) oder Krabat (dito). Dafür Whisper von 2005, mal gelesen und für nicht angemessen befunden.

Kali, Kaili und Kallisti: Shea/Wilson, Die Illuminatus!-Trilogie, Band 1

Der Plot

Die Polizisten Barney Muldoon und Saul Goodman ermitteln wegen einer Explosion in den Büros der Zeitschrift Confrontation. Der Herausgeber, Joseph Malik, ist verschwunden; der Chefreporter, George Dorn recherchiert in Mad Dog, Texas, und stößt dort auf eine konservativ-rechte Verschwörungsgruppe. Er wird befreit von einer links-libertären Verschwörungsgruppe um Hagbard Celine. Nach seiner Initiierung (unter Mitwirkung von Joe Malik) wird George als Bote mit einem Angebot zu Robert Drake geschickt, dem Oberboss aller kriminellen Syndikate in der USA: Drake arbeitet für die Illuminati, die größte und rechteste aller Geheimverschwörungen, soll sich aber der Gegenseite anschließen.

Währenddessen wird Saul Goodman entführt und einer Gehirnwäsche/Initiation unterzogen. Von… ich weiß es nicht mehr genau. Erst von den Illuminaten, dann von der Gegenseite?

Das Ziel der Illuminaten: Das Eschaton immanentisieren. (Das war etwas, das man damals so sagte, in den 1960er und Anfang der 1970er Jahre. Ehrlich! Lest Wikipedia dazu.)

In Band 2 wird das konkretisiert: Um göttergleichen Status zu erlangen (so wie Malaclypse der Ältere), muss es viel Tod um einen herum geben – daher Pest, Krieg, Hungersnot. Unter anderem deshalb sorgen die Illuminaten für Kriege in der Weltgeschichte, und jetzt planen sie für die Sowjetunion, USA und China einen globalen Konflikt um die Insel Fernando Poo. Parallel soll in Las Vegas ein Anthrax-artiger Kampfstoff freigesetzt werden.

Meine Erinnerungen, und Douglas Adams

Gelesen habe ich die Bücher 1987 oder Anfang 1988, denke ich. Ich habe zuerst den mittleren Band der Trilogie von B. geschenkt bekommen, als ich sie aus irgendeinem Grund mal in irgendeiner anderen Stadt besuchte. Aber vielleicht stimmt das auch gar nicht – Erinnerung erzeugt die Realität, mit dem Erzählen und der Zeit hält man vielleicht für wahr, was so gar nicht so geschehen ist. Das steht übrigens auch in diesem Buch, als Zusammenfassung eines Aufsatzes „’Retroactive Reality‘, printed in Wieczny Kwiat Władza, the journal of the Polish Orthopsychiatric Psociety, for Autumn 1959“. Der Quellenangabe würde ich allerdings misstrauen.

B. las so etwas normalerweise gar nicht, aber ihr wurde das Buch empfohlen als „so ähnlich wie Douglas Adams“. Nun ist Illuminatus! überhaupt nicht wie Douglas Adams. Sprachwitz ist zwar vorhanden, aber auf dem Niveau von Kalauern und Wortspielen. Dafür gibt es viel Sex und Drogen, gar nicht wie Douglas Adams. Und doch: So wie Arthur Dent seine Welt verlässt und im Morgenmantel, von Mentoren begleitet, auf dem Raumschiff Herz aus Gold auf einen dubiosen Kapitän trifft, so verlässt George Dorn seine Welt und landet auf der Leif Erikson, einem riesigen gelben Unterseeboot, begleitet von Mentoren und unter einem dubiosen Kapitän. In beiden Werken sind Delphine intelligenter als Menschen, hier reden sie sogar etwas mehr mit den Menschen. In beiden gibt es kommunizierende schräge Supercomputer. Und auch bei Illuminatus! ist die Erde einst von einer intergalaktischen Firma erbaut worden, die etwas schlampig gearbeitet hat:

The other squink, partner to the first (they own Swift Kick Inc., the shoddiest contractors in the Milky Way) says „How?“ The first squink laughs coarsely. „Every organism produced will be programmed with a Death Trip. It’ll give them a rather gloomy outlook, I admit, especially the more conscious ones, but it will sure minimize costs for us.“ Swift Kick Inc. cut the edges every other way they could think, and Earth emerged as the Horrible Example invoked in all classes on planetary design throughout the galaxy.

Und was den einen die 23, ist dem anderen die 42.

– Ihr erinnert euch an die Szenen, als bei Adams der Unwahrscheinlichkeitsdrive der Herz aus Gold eingeschaltet wird und alles ein bisschen schräg ist, bevor Wahrscheinlichkeit 1:1 erreicht ist? In diesem Stil sind weite Stellen von Illuminatus! gehalten.

Dass ich zuerst Band 2 gelesen habe und danach Band 1 und 3 hat gar nicht geschadet. Band 2 enthält am Anfang eine Zusammenfassung der bisherigen Handlung, die wohl übersichtlicher ist als der Band selber; andererseits passt es auch zu dem Buch, sich mittenrein zu stürzen und gar nicht zu kapieren, worum es geht. Beim Wehrdienst damals habe ich mich mit Klaus Schenker, einem anderen Gefreiten, darüber unterhalten, und über Lord Dunsany, und Martin Gardner, und Rollenspiele. Zefix, wieso haben die Leute alle kein Blog und nicht mal sonst eine Webpräsenz, dass man nicht schauen kann, was aus ihnen geworden ist!

Ich erinnere mich noch gut daran, welche Wörter ich konkret bei diesem Buch gelernt habe, und welche Namen ich zum ersten Mal hier gelesen habe: mynah birds, anthrax, mace/to mace (Tränengas aus der Spraydose, heute auch oft für Pfefferspray verwendet), Ezra Pound, Giordano Bruno, R. Buckminster Fuller, die nationalsozialistischen Vril- und Thule-Gesellschaften, Ayn Rand, Namen amerikanischer Pornographiedarstellerinnen, Aleister Crowley, Markow-Ketten, Kaiser Norton, Dutch Schultz.

Dutch Schultz, John Dillinger, und Kaiser Norton, um nur mal drei zu nehmen

Historisch war Joshua Norton ein Bürger in San Francisco, der sich zum Kaiser der Vereinigten Staaten ausrief, eine Währung herausgab und Verkündigungen verfasste und wohl allgemein akzeptiert und geachtet war (Wikipedia). In Illuminatus! spielt er nur eine Nebenrolle, aber ich habe ihn mir doch gemerkt; er taucht zum Beispiel auch in einem meiner liebsten Sandman-Bände auf.

John Dillinger spielt eine größere Rolle im Buch; er war ein amerikanischer Bankräuber, der bald legendären Status hatte und 1934 vom FBI erschossen wurde. 1966 wurde die John Dillinger Died For You Society gegründet (Link), Thomas Pynchon und William S. Burroughs, beides Vorbilder für die Trilogie, schrieben über ihn. Schon bald nach seinem Tod gab es wohl Gerüchte, dass das FBI in Wirklichkeit einen Doppelgänger erschossen hatte, nächste Woche sollte eine Leichnam exhumiert werden (Washington Post), um diese Frage zu klären; im Moment gibt es aber rechtliche Schwierigkeiten (Link). Zur John-Dillinger-Folklore gehört auch, dass er einen sehr großen Penis hatte, der im Smithsonian Institute in Formaldehyd eingelegt aufbewahrt wird, alternativ auch in einem Glas auf J. Edgar Hoovers Schreibtisch („Is it true what they said about John Dillinger?“). Es mag sich um eine Legende handeln. Fnord.

Dutch Schultz taucht immer wieder im Buch auf, mitunter auch unter seinem richtigen Namen Arthur Flegenheimer. Historisch ein führender Gangster, der im Auftrag seiner ehemaligen Partner erschossen wurde – bei Wikipedia sehr detailliert nachzulesen. Dort liest man auch, wie er kurz vor seinem Tod 7 Millionen Dollar (heutiges Äquivalent: 130 Millionen) in einem Safe versteckte und diesen in „an undisclosed location somewhere in upstate New York“ vergrub. Bis heute fehlt jede Spur von Safe und Geld (Dokumentarfilm von 2001 dazu).

Dutch Schultz ist wohl durch seinen langen, delirierenden Sterbemonolog bekannt geworden, der mehrfach literarisch verarbeitet wurde (für Wahnwitzige: der Text). In Illuminatus! wird er gedeutet als Sammlung verschlüsselter Hinweise auf die Illuminatenverschwörung. Auch wenn im Polizeiprotokoll „last night“ steht, hat er laut Illuminatus! von „last knight“ gesprochen. (De Molay, versteht sich.)

Diesen Figuren habe ich in den Jahren nach meiner Illuminatus-Lektüre nachgespürt und nach und nach ihre Geschichten gefunden. Ich weiß gar nicht, wie ich das gemacht habe, das war ja alles vor dem Web. Aber ich weiß noch, wie sehr ich mich gefreut habe, Emperor Norton mal in der Fernsehserie Bonanza zu sehen, und Dutch Schultz in einer Episode der alten Schwarzweißserie The Untouchables.

H.P. Lovecraft

Lovecraft, eine kleinere Nebenfigur im Roman, kannte ich schon, als ich das Buch las. Als es erschien, 1975, hatte der große Lovecraft-Boom, ausgelöst durch das Call-of-Cthulhu-Rollenspiel 1981, aber noch nicht begonnen, deshalb: Respekt.

Auslöser für die Anwesenheit im Roman ist wohl ein Aspekt zu HPL, der heute ein wenig in Vergessenheit geraten ist: Spaßeshalber ließ er in seinen Geschichten immer wieder die gleichen Namen der großen Hintergrund-Monster erscheinen, und wiederholte auch die Titel erfundener arkaner Bücher, allen voran das Necronomicon, aber auch von Junzts Unaussprechlichen Kulten. Das hatte zwar Robert E. Howard erfunden, das Spiel mitspielend, so wie De Vermis Mysteriis von Robert Bloch stammt. Alle übernahmen die Namen der anderen, mit Lovecraft als Anführer, und so entstand ein lose zusammenhängender Kosmos, bei dem die Leser von Weird Tales bald nicht mehr wussten, was wahr war und was erfunden. (Nach Lovecrafts Tod wurde dieser Kosmos von August Derleth in eine zeitweilen populäre, aber inhaltlich völlig unpassende Form kodifiziert, Kampf Gut gegen Böse und so.)

Jedenfalls gab es noch zu Lovecrafts Lebzeiten Leser, die in seinen Geschichte einen wahren Kern ausmachen wollten – es geht in diesen Geschichten ja auch um eine Wahrheit hinter der uns bekannten Wirklichkeit, die zu unserem Glück meist vor uns verborgen bleibt, und um Kultisten, die den Weltuntergang einleiten wollen. Damit war der Cthulhu-Mythos eine der ersten Verschwörungstheorien!

Literarisch wurde das mehrfach aufbearbeitet, etwa in Strange Eons von Robert Bloch (1979): Da taucht HPL ebenfalls als Figur auf, der angeblich versucht hat, durch seine Geschichten die Welt zu warnen. Auch in Illuminatus! weiß HPL um einen wahren Kern seiner Geschichten und wird gewarnt, die Geheimnisse nicht mehr zu verbreiten, und sei es auch noch so verschlüsselt. Einige seiner extradimensionalen Gestalten gibt es in Illuminatus! wirklich – sie sind zum Beispiel verantwortlich für schlechte LSD-Trips. Und die ganzen Mythos-Bücher, die gibt es sowieso, auch die Starry-Wisdom-Sekte und viele andere Orte und Personen.

Aus Lovecrafts Geschichte „The Call of Cthulhu“ übernommen haben die Autoren von Illuminatus! den Gedanken, dass sich ein weltumspannendes apokalyptisches Ereignis durch Häufungenn von Alpträumen und Anfällen, gerade unter Künstlern und Wahnsinnigen, ankündigt.

Erzählweise

Der eine Trick des Buches ist wohl die nichtlineare Erzählweise. Es gibt immer wieder Zeitsprünge vor- und rückwärts, meist in verständlichen Abschnitten, auch nur zeilenweise. Oft wird erst im Nachhinein klar, aus welcher Zeit eine Passage stammt und auf wen sich die Personen beziehen. Dass mindestens einer Figur eingeredet wird, sie sei eine andere, und einer anderen, sie sei die eine, macht es nicht leichter. Aber an sich ist das keine anspruchsvolle Lektüre. Alle Motive werden so oft wiederholt, bis man schon kapiert, wer jetzt was ist.

Es gibt keine auktoriale Erzählinstanz, jedenfalls so gut wie nicht, in meiner Erinnerung wird viel über wörtliche Rede vermittelt, aber da mag ich mich irren. Allerdings gibt es schon im ersten Absatz so eine Art Sprecherstimme, die aber problematisch ist:

I happen to know all the details about what happened, but I have no idea how to recount them in a manner that will make sense to most readers. For instance, I am not even sure who I am

Vielleicht erfahren wir am Ende des Romans, wer da spricht. Allerdings wechselt dieses Ich ohnehin sehr häufig. Ich kann mich an das folgende erzähltechnische Mittel von früherer Lektüre her überhaupt nicht erinnern, aber immer wieder wird eine Figur als Ich-erzählend mit interner Fokalisierung eingeführt, wobei mitten im Gespräch, teilweise mitten im Absatz, das Ich und die Fokalisierung auf eine andere anwesende Person übergeht, oder ganz verschwindet, und umgekehrt natürlich auch, dass man mit der 3. Person beginnt und die plötzlich in die 1. übergeht. Hier eine leicht geschnittene Szene zwischen Saul Goodman und Barney Muldoon:

The phone rang at 2:30 A.M. the morning of April 24. Numbly, dumbly, mopingly, gropingly, out of the dark, I find and identify a body, a self, a task. „Goodman,“ I say into the receiver, propped up on one arm, still coming a long way back. […]
„Your baby, Barney?“ I asked casually.
„Looks that way. Nobody killed. The call went out to you because a clothier’s dummy was burned on the eighteenth floor and the first car here thought it was a human body.“ […]
Saul’s face showed no reaction to the answer-but poker players at the Fraternal Order of Police had long ago given up trying to read that inscrutable Talmudic countenance. As Barney Muldoon, I knew how I would feel if I had the chance to drop this case on another department and hurry home to a beautiful bride like Rebecca Goodman. I smiled down at Saul …

Eine der Figuren erfährt später in einer Vision auch, dass alle Menschen eins, also derselbe Mensch sind. So Hippiezeug halt.

Mehr für mich, wegen Überblick: Die Gruppierungen

  • ELF: Erisian Liberation Front, die abgespacestesten Anti-Illuminaten-Gruppe; kein Symbol
  • SSS: Satanists, Surrealists and Sadists; haben eine Privatwährung
  • LDD: Legion of Dynamic Discord; anarcho-kapitalistische Gruppe; haben eine andere Privatwährung; Symbol: Apfel auf der Pyramide; Anführer: Hagbard Celine
  • JAM: Justified Ancients of Mummu: Vorläufergruppe der anderen, seit 1888 Splittergruppe der älteren Illuminaten; anarcho-kommunistisch; Symbol: Chao; prominente Mitglieder: Simon Moon, John Dillinger (erfolgreicher Produzent von Rockmusik, die eigentlich von den Illuminati beherrscht wird).
  • Mad Dog Cabal: Vielleicht Illuminaten, vielleicht nicht in; in Mad Dog, Texas
  • Mafia: Zuträger der Illuminaten, unter Robert Putney Drake – der als genialer Psychologe und reicher Erbe Dutch Schultz‘ Sterbemonolog analysiert und sich mit diesem Wissen in die organisierte Kriminalität drängt
  • Illuminati: Symbol: Pyramide, Pentagon; finstere Gegenspieler
  • God‘s Lightning: angeführt von der an Ayn Rand angelehnten Atlanta Hope, Unterlinge der Illuminaten
  • FBI, CIA, englischer Geheimdienst, BUGGER, KCUF, Foot Fetishist Liberation Front – tauchen nur am Rande auf.

All diese Gruppen arbeiten mit- und gegeneinander. („I don‘t like dealing with Hagbard,“ Simon said. „He‘s a right-wing nut, and so is his whole gang.“) Vorbild dafür sind sicher auch die linken bis radikalen studentischen Alternativbewegungen der späten 1960er und frühen 1970er Jahre: Aus dem SDS (Students for a Democratic Society) spaltete sich RYM ab (Revolutionary Youth Movement), woraus der Weather Underground sich abspaltete – der bereits von vielen als terroristische Vereinigung eingeordnet wurde und tatsächlich Bomben legte, allerdings nicht mit dem Ziel, Terror auszuüben. Wikipedia verweist unter der englischen Begriffsklärungsseite zu „Morituri“ auch auf: „A branch of the Weather Underground Organization“. Die Morituri, besonders radikale Weathermen, tauchen in Illuminatus! auf; da ich sonst im Web bis auf den Wikipedia-Randbemerkung so gar nichts zu ihnen gefunden habe, gehe ich mal davon aus, dass sie eine Erfindung des Romans sind und bei Wikipedia gar nichts zu suchen haben. – Meine Generation kennt das ja eher als Parodie über die Volksfront von Judäa.

Band 2 und Ausblick

Ich bin jetzt am Anfang von Band 2 und muss doch jetzt schon diesen Blogeintrag schreiben, weil meine Notizen und Lesezeichen bereits zu viel werden und wenn ich bis zum Ende warte, sehe ich gar keine Chance, sie zu bewältigen. Ich habe noch einige Erinnerungen an das, was kommen wird – Wendungen, die mich beim ersten Lesen überraschten, auch wenn ich beim reiferen Wiederlesen merke, wie sehr vieles bereits angedeutet wird. Ein Herr Chaney taucht immer wieder mal auf, aber wir erfahren nicht, was er mit The Mgt. zu tun hat. Auch die fnords werden bereits in Band 1 erwähnt, aber noch nicht erklärt. (Eine schöne Idee wäre es gewesen, ein paar Seitenzahlen durch fnords zu ersetzen, aber ich glaube, das wird nicht geschehen.) Ein großes Rockkonzert in Ingolstadt wird angekündigt, ein Woodstock Europa, auch Walpurgisnacht genannt, am Ufer des Lake Totenkopf. Just saying.

Ich habe Band 2 in der gleichen englischen Ausgabe wie Band 1, diese allerdings von 1976, Band 2 in einer späteren Auflage von 1982. Und so sind dieser Version auch einige Rechtschreibfehler verbessert: Die Leif Erikson heißt jetzt nicht mehr wie ursprünglich Lief Erickson, und „Tequilla y Mota“ wird jetzt mit einem „l“ geschrieben. Dafür wird aus „immanentize the eschaton“ plötzlich „imminentize“ – was etwas anderes bedeutet, falls es das Wort überhaupt gibt: beim einen geht es darum, den Himmel auf Erden zu verwirklichen, beim anderen darum, das (herbeigesehnte) Weltende zu beschleunigen. In Michael Chabon, The Yiddish Policemen‘s Union, – SPOILER! – geht es eher darum, das Eschaton zu imminentisieren als zu immanentisieren.

Anscheinend war in den 1980er Jahren diese nützliche kleine Phrase bereits aus dem kollektiven Wortschatz verschwunden. (Dass ich parallel dazu auch eine wohl über OCR/Scannen entstandene, fehlerhafte Pdf-Version des Romans benutze, macht die Sache nicht einfacher: da muss ich dann immer wieder nachschauen, ob „the wheel of tune, as the Mayans knew“ nicht noch eher „the wheel of time“ ist.)

Heute wird die Illuminatus!-Trilogie, sagt mir Wikipedia, meistens als einbändige Ausgabe verkauft – ich vermute, ohne die zusammenfassenden Prologe in Band 2 und 3. Allerdings enthalten diese auch Informationen, die im Rest des Buchs überhaupt nicht zu finden sind: Etwa dass Hagbard Celine selbstzerstörende mynah birds heranzieht – zu Deutsch der Hirtenstar oder die Hirtenmaina, ursprünglich asiatische Starenvögel, die die menschliche Stimme gut imitieren können; Hagbard bringt ihnen bei, „Here, kitty-kitty-kitty“ zu sagen und damit Katzen anzulocken. In zumindest manchen einbändigen Ausgabe tauchen diese mynah birds erst in Band 3 auf, und da ohne erkennbaren Zusammenhang.

Als Fernsehserie – mit dringend nötigen Anpassungen

Warum wird das eigentlich nicht mal verfilmt? Ich kann mir das sehr gut als Fernsehserie vorstellen. Es gibt starke visuelle Eindrücke und keinen geistreichen Erzähler, der gerettet werden müsste. Man könnte das als Retro-Film über die 1970er machen oder gleich ins Heute versetzen – Verschwörungen wittern die Leute wieder mindestens so viel wie damals, Nixon als Präsident ist getoppt, dazu kommt moderne Technologie und das Internet. Statt der Privatwährungen hempscript oder flaxscript oder der von Kaiser Norton gibt es cryptocurrencies.

So etwa ein Schuss Yellow Submarine (und natürlich Help), viel Design von Austin Powers, aber ohne dessen Scherze. Ein bisschen X-Files für die Verschwörungstheorie und sehr viel von dessen, uh, ich sag mal: vergessenem Vorläufer, Department S. Das war eine englische Spy-Fi-Agentenserie just aus der Zeit, von der wir sprechen, produziert von der Firma, die uns The Saint, Danger Man, The Prisoner, Thunderbirds, Captain Scarlet and the Mysterons und The Persuaders (Tony Curtis und Roger Moore) brachte. Das in Paris stationierte Department S übernahm die besonders mysteriösen Fälle für Interpol, Mitglieder waren – na, wenn wir ehrlich sind, zwei andere und Jason King, hauptberuflicher Thriller-Autor, der außerdem bei Interpol aushalf. Peter Wyngarde als Jason King bekam danach seine eigene, allerdings ziemlich uninteressante Serie; der Marvel-Schurke Mastermind aus den X-Men ist nach ihm „Jason Wyngarde“ benannt. Hier ein Bild von Sex-Symbol Jason King aus den frühen 1970ern, das nur einen kleinen Eindruck der Serie vermittelt:

Jason King (Bildersuche)

Allerdings

…müsste man vieles anpassen, bevor man das einem modernen Publikum zumutet. Zumindest das letzte Fünftel in Band 1 war etwas mühsam, zu sprunghaft, zu viel Drogenvisionen. Im Fernsehen könnte man das knapp halten. Dafür müsste Musik eine größere Rolle spielen; einen echten Soundtrack hat das Buch nicht.

Und das Frauenbild… Die Frauen sind allesamt gutaussehend, selbstbewusst, agentisch geschult und zu jeder Art von Sex bereit. Als Nebenfigur, nie als Hauptperson. Die Sexszenen… haben mich früher ziemlich gestört. Ist ja erst einmal gut, wenn ein Buch einen stört, aber ich glaube, hier nicht. Das bitte alles ändern.

Eine Leseempfehlung für das Buch kann ich nur eingeschränkt geben. Ich habe mich sehr vergnügt beim Wiederlesen – aber ich stehe auch auf Lesezeichen und Zettelchen und muss alles Inner- und Außertextliche, das ich nicht verstehe, sofort recherchieren und lande darüber in vergnüglichen rabbit holes. Und ich mag Verschwörungen und verstehe die Versuchung, eine Unmenge von Bilder an eine Wand zu pinnen und mit Bindfaden zu verknüpfen. Wem es auch so geht, für den ist das Buch vielleicht etwas; vielleicht darf man auch einfach höchstens zwanzig sein. Über Band 2 und 3 kann ich nichts sagen.

Synchronizitäten, Verwandte, Nachfolger

„Fubar“ und „snafu“, ursprünglich Army-Slang, tauchen in anderen Zusammenhängen in Illuminatus! auf, die Herkunft wird aber nicht erklärt. Das zweite Wort kannte ich bereits, das erste habe ich erst zehn Jahre nach der Lektüre richtig kennen gelernt – da hatte es eine andere Bedeutung bekommen, wurde häufig in „foo“ und „bar“ zweigeteilt, was zur Bezeichnung für das heutigen Barcamp führte.

Der Film 23 (Deutschland 1998) hieße ohne Illuminatus! anders, und George R. R. Martins Roman The Armageddon Rag (dt. Armageddon Rock) von 1983, hier Wikipedia, halte ich auch für massiv davon beeinflusst. Das Kultspiel Illuminati von Steve Jackson Games (1982) habe ich sehr lange nicht mehr gespielt, ich glaube, ich mochte es spieltechnisch nicht besonders – aber die nach und nach ausgelegten Karten ergeben immer ein faszinierendes Bild. Jeder Spieler, jede Spielerin hat eine zentrale Karte als zentrale Geheimorganisation, dran angelegt werden passende andere Organisationen, die durch sie kontrolliert werden und die wiederum heimlich andere Organisationen kontrollieren. Im Bild sieht man rechts unten die Pfadfinder, die – heimlich, in Wirklichkeit – kontrolliert werden von der Internationalen Kommunistischen Verschwörung, die übrigens auch hinter dem Profifußball steckt. Wir haben es schon immer geahnt.

Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported, Autor: Peng – daher steht dieser Blogeintrag unter der gleichen Lizenz!

Mir fällt da auch das erst neulich gelesene Our Gang ein (Philip Roth 1971, Blogeintrag), in dem das Nixon-Äquivalent Tricky Dick und seine Bande in einem Kapitel diskutieren, welche Organisation sie als hinter den demonstrierenden Pfadfindern stehend ausmachen sollen.

Englischsprachiger Podcast zu Zardulu, die von sich behauptet, hinter pizza rat zu stecken und weitere Aktionen mit einer dressierten Rattenarmee und anderen Mitteln ankündigt, um das Establishment zu veunsichern oder zu erheitern. Für die, die sich noch an pizza rat erinnern.

Just während meiner Lektüre und während des Schreibens dieses Blogeintrags stoße ich nicht nur auf die Exhumierung von John Dillinger, siehe oben, sondern auch auf einen ausführlichen Beitrag im Guardian zu geheimen Experimenten mit biologischen und chemischen Kampfstoffen und LSD, an dem die CIA beteiligt ist, komplett mit einem ungeklärten Fenstersturz einer Schlüsselperson, 1950er bis 1970er Jahre und Tentakel auch noch in die Gegenwart ausstreckend: From mind control to murder? How a deadly fall revealed the CIA’s darkest secrets. Es ist alles wahr.

Aus dem SZ-Magazin von letzter Woche (6. September 2019) reichte mir Frau Rau einen interessanten Artikel von Alex Rühle, Titel „Der Geheimdienst“. Es geht darin um eine Kulturguerilla, die im Untergrund von Paris in den Katakomben Konzerte veranstaltet und heimlich Reparaturmaßnahmen an öffentlichen Einrichtungen durchführt. Die Gruppe heißt „Untergunther“, ein Name, der wie das Konzept gut zu Illuminatus! passt, sie ist „nur eine Zelle in einem riesigen Netzwerk namens UX – kurz für Urban eXperiment.“ Andere Gruppen heißen „La Mexicaine de Perforation“ oder „Mouse House“. Damit Untergunther nicht von Neugierigen in den Katakomben belästigt wurden, spielten sie „oft eine CD mit beängstigendem Hundegebell“ ab. – Die Nachbarn des verschwundenen Joe Malik hatten sich über dessen Hunde beschwert, „ten or twelve from the noise they made“, in der Wohnung fanden die ermittelnden Detektive aber keinerlei Spuren davon. Nur wer das Buch sehr genau liest, erfährt irgendwann, dass Joe Maliks Lieblingsplatte aus dem Museum of National History „The Language and Music of the Wolves“ heißt und kann schließen – es gab nie Hunde, nur Aufnahmen. Ich sag ja nur.

Verwandte Blogeinträge

Zuletzt: Dank an Hermann Ritter für den Titel.

Nachtrag 1: Spam.

Grüße, aus dem illuminati World Elite Empire. Bring die Armen, die Bedürftigen und die Talentierten ins Rampenlicht von Ruhm, Reichtum, Mächten und Sicherheit, werde in deinem Geschäft anerkannt, in politischen Rennen, steig an die Spitze in allem, was du tust, sei geistig und körperlich geschützt! All dies wirst du im Handumdrehen erreichen, wenn du in das große Illuminati-Imperium eingeweiht wirst. Sobald Sie in das Illuminati-Imperium eingeweiht sind, erhalten Sie zahlreiche Vorteile und Belohnungen.
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Die Illuminati.

Kochkäse

In Luxemburg habe ich vor zwei Wochen Kochkäse gegessen, „Kachkéis“, ein landestypisches Gericht. Ich kenne das aus Hessen und habe das schon einige Mal gemacht und hatte wieder Lust darauf, hier das Rezept:

250 g Sauermilchkäse (Harzer)in kleine Würfel schneiden, mit
¼ l Milch und
50 g Butter in einem Topf bei geringer Hitze schmelzen. Vom Herd ziehen,
250 g Sahneund
250 g Magerquarkeinrühren.
1 TL Salzund
1 TL Kümmelund
1 TL Natrondazugeben. Unter ständigem Rühren auf kleinster Stufe noch einmal erhitzen, evtl. auch mit Rührgerät. Abkühlen lassen, dabei immer umrühren, damit keine Haut entsteht.
Ganz am Anfang, nur Harzer, Butter, Milch
Ziemlich am Ende, mit allem

Ich habe den Kochkäse über Wasserdampf gemacht, weil hier im Haus eine schöne Schüssel für so etwas ist, aber das geht sicher auch im Wasserbad oder vielleicht sogar auf der Herdplatte, wenn man aufpasst – bei niedriger Temperatur. Will sagen: Ich habe den Kochkäse nur noch über Dampf erhitzt, richtig geköchelt hat der nicht, das macht nichts. Dann in Gläser oder Schalen füllen, gerne auch heiß, wenn einen die Haut nicht stört. Die Kümmelkörner sammeln sich allerdings größtenteils unten.

Auf frischem Brot von Frau Rau. Dazu gerne noch Senf darunter, so macht man das in Luxemburg.

Das Rezept habe ich aus Sebastian Dickhauts schönem Kochbuch Ich koche… (Gräfe und Unzer 2007); empfehlenswert, nicht nur weil man mich auf einer Seite im Profil mit einem Löffel im Mund sieht und Frau Rau daneben. Es gibt aber viele andere, ähnliche Rezepte im Web – immer geht es dabei darum, Sauermilchkäse mit einer Kombination von Milch, Butter, Sahne und Quark zu mischen.

Ursprünglich macht man den Kochkäse wohl allein aus altem, gereiften Magerquark, zu dem dann etwas Butter und Milch und vielleicht Ei kommt. Irgendwann probiere ich das auch mal aus, hier ein Rezept.

Ich will Ihre Kinder ändern!

Alle zehn Jahre darf man sich doch im Blog wiederholen, oder? Anlässlich eines Gesprächs auf Twitter vor ein paar Tagen ist wohl Zeit für eine Ergänzung meines Blogeintrags von 2008, „Bleib so wie du bist“.

Ja, ich will Ihre Kinder ändern! Oder jedenfalls sie begleiten, wenn sie sich ohnehin ändern, und die Änderung lenken, soweit das in meiner Macht steht, in Babyschritten. Das muss ich sogar, das ist mein Auftrag und meine Dienstpflicht und steht so in der (bayerischen) Verfassung.

(1) Die Schulen sollen nicht nur Wissen und Können vermitteln, sondern auch Herz und Charakter bilden.

(2) Oberste Bildungsziele sind Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor religiöser Überzeugung und vor der Würde des Menschen, Selbstbeherrschung, Verantwortungsgefühl und Verantwortungsfreudigkeit, Hilfsbereitschaft und Aufgeschlossenheit für alles Wahre, Gute und Schöne und Verantwortungs­bewusst­sein für Natur und Umwelt.

(3) Die Schüler sind im Geiste der Demokratie, in der Liebe zur bayerischen Heimat und zum deutschen Volk und im Sinne der Völkerversöhnung zu erziehen.

(4) Die Mädchen und Buben sind außerdem in der Säuglingspflege, Kindererziehung und Hauswirtschaft besonders zu unterweisen.

Art. 131 der Verfassung des Freistaats Bayern

Meine Gesprächspartnerin fühlte sich durch meine Aussage, dass Schulen auch Erziehungsziele habe, getriggert (ihre Worte), aber ähnlich steht das sicher in anderen Bundesländern auch in den Verfassungen und Lehrplänen. Manche Eltern wehren sich vielleicht gegen den Gedanken, dass die Schule irgendetwas mitzuerziehen hätte. Aber wie es heißt: It takes a village… bei der Erziehung eines Kindes spielen viele Faktoren mit. Medien, Peergroup, Schule – die Hauptrolle haben sicher die Eltern, aber eben nicht nur die.

Laut dieser Allensbach-Umfrage von 2009 (pdf) ist zwar besonders wichtig, dass Schule „Gute Beherrschung von Rechtschreibung und Grammatik“ vermittelt (88%), aber immerhin soll sie auch „Hilfsbereitschaft, Rücksicht auf andere“ vermitteln (66%) sowie Pünktlichkeit (62%), „Höflichkeit und gute Manieren“ (52%). Das ist doch Erziehung, oder? Und wenn jemand vorher unhöflich war und danach höflich, dann ist das Veränderung – wie umgekehrt natürlich auch.

Besonders spannend finde ich die 2. Jako-O-Bildungsstudie von 2012 „Eltern beurteilen Schule in Deutschland!“, über deren Qualität ich nichts sagen kann und über die ich 2012 schon mal geschrieben habe. Damals war noch die Frage „Zuständigkeit für die Verwirklichung von Bildungszielen“ im Programm – in den Folgestudien 2014 und 2017 war sie vielleicht nicht mehr opportun, jedenfalls fehlt sie, deshalb hier das Ergebnis von 2012:

Gut die Hälfte meint, dass für Pünktlichkeit und Manieren hauptsächlich die Eltern zuständig sind; der Rest sieht das als Aufgabe von Schule und Eltern gleichermaßen an. Und das ist richtig so; Erziehung ist eine Aufgabe von mindestens Eltern und Schule – in guter Zusammenarbeit. Dass allein die Schule für etwas zuständig sein soll, spielt in der Umfrage allenfalls bei „Fachwissen“ eine Rolle, und auch da sehen 39% das als Aufgabe von Eltern und Schule. (Wenn das Elternhaus so eine große Rolle spielt, ist das mit der Bildungsgerechtigkeit natürlich schwierig, aber das ist ein anderes Thema.)

Meine Gesprächspartnerin nahm keinesfalls in Anspruch, in irgendeiner Form repräsentativ zu sein mit ihrer Irritation bezüglich des Erziehungsauftrags der Schule, führte diese aber auf ihre DDR-Sozialisierung zurück. Insofern interessiert mich das schon, ob es da Unterschiede bei den Bundesländern gibt, und ob sich die Ansichten in den letzten sieben Jahren geändert hat.

Was das alles mit Ändern zu tun hat: Erziehen heißt ändern. Lernen heißt per Definition ändern: „Lernen besteht also im Erwerb von Dispositionen, d.h. von Verhaltens- und Handlungsmöglichkeiten.“ Lernen ist „Bildung von Erfahrungen, die in der Zukunft neue Aktivitäten beeinflussen. Die ist das wesentlichste Merkmal des Lernens.“ (Edelmann, Lernpsychologie, noch vom Studium.) Lernen heißt nicht, dass man sich danach anders verhält, aber aber das man sich danach anders verhalten kann. Man kann auch nicht nicht lernen, ebenso wenig, wie man sich nicht verändern kann – man kann nur das Falsche lernen, aus Sicht der Gesellschaft und Medizin. Die Frage, was richtiges und falsches und gesundes und krankes Verhalten ist, ist natürlich wiederum kompliziert. Und die Frage, wie man die menschliche Veränderung, das menschliche Lernen begleitet oder lenkt, wie man jungen Menschen beim Lernen, also beim Verändern, hilft und ob das gelingt: ein anderes Thema.

Man mag vielleicht einwenden, das sei ein sehr wörtlich Verständnis von Änderung, und das sei ja gar nicht gemeint. Aber ich glaube, dass es eine Veränderung bewirken kann, wenn man ein Konzentrationslager besucht oder wenn man im Biologieunterricht am sächsischen Gymnasium „Merkmale von europiden, negriden und mongoliden Menschen“ durchnimmt (Lehrplan Sachsen noch im Jahr 2017). Gleichzeitig stimmt natürlich, dass man bei aller Veränderung selbst das Gefühl von Kontinuität hat; und man würde nie sagen „Mensch, du hast dich aber verändert“, nur wenn jemand das Klavierspielern erlernt hat. Ändern heißt nicht, dass sich alles ändert.

Ja, und dann ist da noch die Realität. Wie sehr sieht sich Schule, wie sehr sehen sich Lehrer und Lehrerinnen als herzens- und charakterbildend, wie sehr im Auftrag der Wissensvermittlung? Wie viel Erziehung gelingt an der Schule unter den gegebenen Bedingungen, wie viel ist nötig? Ich weiß es nicht, aber manche Phrasen in den Lehrplänen scheinen mir schon recht hohl zu sein.

Schöne Sachen machen einfach gemacht

Im Blog von Pascal Schiebenes habe ich einen Hinweis auf den Webdienst lumen5 gefunden. Ich war gleich bereit, mich darüber aufzuregen: Pascal zeigt, wie man mit dem Dienst einfach Text mit Bild- oder Videomaterial kombinieren kann, um einen Film, eine Art animierter Präsentation, zu erstellen. Pascals Beispiel ist das Gedicht „Inventur“ von Günter Eich:

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Ich war skeptisch, weil ich an ein anderes Werkzeug dachte, mit der man aus einem Wikipediabeitrag automatisch eine Präsentation erstellen kann. Minimale eigene Leistung, aber dafür ein enorm schick aussehendes Ergebnis.

Damit habe ich Pascal aber Unrecht getan und zu viel von lumen5 erwartet. Ja, man lädt einen Text hoch; ja, der wird automatisch in Absätze geteilt und deren Text auf Folien verteilt; und ja, die Webseite erstellt automatisch Musik dazu und sucht Bilder oder Videos aus. Allerdings steckt da, anders als ich eben gedacht hätte, noch keine nennenswerte KI dahinter. Dabei wäre es doch gar nicht so schwer, thematisch passende Bilder auszusuchen? Jedenfalls habe ich das also mal ausprobiert mit dem Gedicht „Das Karussell“ von Rainer Maria Rilke, manuell erstellt, aber in kurzer Zeit und ohne groß auf Schriftart und so zu achten:

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Erkenntnisse:

  • Wenn es richtig gut aussehen soll, muss man Schriftgröße und -position auf jeder Folie manuell anpassen. Ich habe mir die Mühe nur wenig gemacht.
  • Pro Vers eine Folie wäre zu viel, also muss man entscheiden, welche Verse man auf einer Folie gruppieren möchte: Das ist schon mal eine gewisse, auch interpretatorische Leistung.
  • Bei der Auswahl des Bildmaterials hilft die Automatik gar nichts. Ich war überrascht, wie viel Mühe ich mir bei der Auswahl des Bildmaterials gemacht habe, und hoffe, dass das auch für Schüler und Schülerinnen gilt, wenn ich das als Aufgabe stellen würde. Ich kann bei den meisten Bildern erklären, was ich mir dabei gedacht habe.
  • Da ist nichts, was man nicht auch mit jeder einfachen Video- oder gar nur Präsentationssoftware erstellen könnte, aber der Zugriff auf einen relativ großen Fundus an kostenlos (aber auch: kostenpflichtigen) verwendbaren Bilder und Videoschnipseln macht das Arbeiten schon sehr viel leichter.

Klar, Schüler und Schülerinnen müssten sich einen Account zulegen, und das kann und will ich nicht verlangen. Also doch mit Videoschnittsoftware arbeiten?

Mein ursprüngliches Problem war wohl: Es gibt viel Software, mit der man ohne viel Leistung toll aussehende Produkte erstellen kann. Eigentlich müssten das noch viel mehr solche Produkte werden, eben wenn die KI noch thematisch passende Bilder aussieht. Übersetzungen gehen schon automatisch. Prezi sieht schnell hübsch aus. Der Einsatz von Werkzeugen ist völlig in Ordnung, solange man nicht denkt, man hätte etwas geleistet, bloß weil das Ergebnis gut aussieht. Das ist nur die Illusion von Leistung. Eigentlich möchte ich ja schon, dass meine Schüler und Schülerinnen mit digitalen Werkzeugen umgehen können. Aber die wichtige Leistung liegt nicht darin. Eine Präsentation mit Pappschildern und Buntstifttext darauf kann besser sein.

(Nachtrag: Jetzt kann ich meinen Pi-hole wieder einschalten – lumen5 war in der Sperrliste drin, und ich habe noch nicht genug Grund, es da wieder rauszuholen.)

Philip Roth, Our Gang

Die zwei anderen Romane, die ich von Philip Roth gelesen habe, haben mich wenig interessiert. Um so besser fand ich stets dieses, im Nachhinein: völlig untypische Buch aus dem Jahr 1971. Gelesen habe ich es um 1991 herum, und jetzt ein zweites Mal.

Das ganze läuft unter Roman, ist aber eher eine Sammlung von nur lose verknüpften Einzelszenen aus dem Leben von Trick E. Dixon, dem Präsidenten der Vereinigten Staaten. Die Titel der einzelnen Geschichten – „Tricky Comforts A Troubled Citizen“, „Tricky Holds A Press Conference“ – weisen bereits auf den episodenhaften Charakter hin, auf einen legendenhaften Geschichtenzyklus um eine mythische Figur.

Die erste, kürzeste Geschichte gibt dabei den Ton vor: Ausgangspunkte sind erstens eine Rede Richard Nixons vom April 1971, in der er wortreich für die Rechte der Ungeborenen eintrat, und zweitens das Urteil zum My-Lai-Massaker, bei dem amerikanische Soldaten in Vietnam mehrere hundert Zivilisten und Zivilistinnen töteten. Im März 1971 war ein einziger Angeklagter für schuldig befunden und zu lebenslänglich verurteilt worden; zwei Tage nach dem Urteil holte Nixon den Verurteilten aus dem Gefängnis und setzte ihn unter Hausarrest. (Später wurde das Urteil auf 20 Jahre Haft reduziert, nach dreieinhalb Jahren davon wurde die Haft ganz ausgesetzt.) In „Tricky Comforts A Troubled Citizen“ fragt nun ein besorgter Bürger, ob es nicht möglich gewesen sei, dass sich unter den 22 toten Zivilisten auch eine schwangere Frau befunden habe; dass Leutenant Calley damit eine Abtreibung vorgenommen habe; und dass die Rechte des Ungeborenen damit nicht geschützt worden seien. Wortreich erklärt Tricky, dass das ja eine hypothetische Frage sei, dass es davon abhängt, ob man der hypothetischen Frau das habe ansehen können, dass die Frau kein Englisch gekonnt hätte und man von Leutenant Calley nicht hätte erwarten können, auf die umständehalber wirre Zeichensprache der Frau einzugehen, falls sie ihm das hätte kommunizieren wollen; dass ähnlich unzumutbar gewesen sein, zwischen einer hypothetische schwangeren und einer einfach nur dicken Vietnamesin zu unterscheiden; dass die Frauen dort sich ja weigerten, amerikanische Umstandsmode zu tragen; dass die Verantwortung für eine „Abtreibung auf Verlangen“ eindeutig bei der Frau gelegen hätte; dass eine so schwierige Operation unter Kampfbedingungen ja geradezu auszeichnenswert wäre – kurzum, am Ende kommt nichts heraus dabei.

Ich glaube, ich habe den Zynismus der Geschichte nur unzureichend wiedergegeben. Man lacht nicht gern beim Lesen.

Alle Geschichten sind in Form von Szenen geschrieben, Dialogen mit wiederkehrenden Regieanweisungen, teilweise auch langen Monologen. Tricky verteidigt sich gegen Vorwürfe, nur an den Stimmen der Ungeborenen interessiert zu sein; sucht verantwortlich zu Machende für die Empörung unter den Pfadfindern, die Tricky beschuldigen, Unzucht zu fördern, um mehr Ungeborene zu haben. Man einigt sich auf Schuldige, was dazu führt, dass die USA Dänemark angreifen und Helsinor befreien („das ist keine Invasion“), en passant wird eine Atombombe auf Dänemark geworfen, und beim Einsatz des Militärs gegen demonstrierende Pfadfinder wird die Anzahl an getöteten Pfadfindern als genau die richtige Zahl gelobt – weniger würde man nicht ernst nehmen, mehr wären unnötig. Die tödlichen Waffen, die die Pfadfinder mit sich führen, werden dem erschrockenen Publikum präsentiert, die perfiden Einsatzmöglichkeiten der vier Klingen in schillerndsten Farben zur Abschreckung geschildert:

Let’s begin here, with the smallest of the four blades. In the language of those who employ such weapons, it is knowns as the “bottle opener.” I’ll tell you how it got that name in a moment.

Die Gefährlichkeit der größten Klinge wird dadurch demonstriert, dass Tricky damit brutal ein Blatt Papier durchschneidet, auf dem die Präambel der Verfassung, die Bill of Rights, und die zehn Gebote abgedruckt sind.

Aber mit einer, uh, enclosed camping site, in der die Pfadfinder zusammengetrieben werden und Gelegenheit bekommen, ihre für die Wildnis gelernten Fähigkeiten einzusetzen, gelingt es Tricky, der Aufständischen Herr zu werden.

Am Ende wird Tricky umgebracht (oder vielleicht ist nur etwas schief gegangen bei der Operation, ihm die Schweißdrüsen über seinen Lippen zu entfernen). Die Polizeit hat schon Täter, wartet aber noch auf die offizielle Bestätigung, dass tatsächlich ein Verbrechen stattgefunden hat. In ganz USA reagieren die Bürger gleichmütig oder gar fröhlich – interpretiert von der Tricky-nahen Presse als Zeichen ihrer fassungslosen Trauer. Und noch in der Hölle macht Tricky weiter Politik.

Ein bitteres Buch, und man vergleicht es natürlich mit der Gegenwart. An Trump erinnert das „Justice in the Streets Program“, das die Gerichte entlasten soll, bis man diese eines Tages nur noch als Touristenattraktion braucht. Warum die vielen Umstände, wenn man gleich auf der Straße urteilen und bestrafen kann? Gelegentlich noch etwas Großspurigkeit: „this mighty giant of a nation of which I am, by extension, the mighty giant of a President“. – Ein Hauptthema ist, wie Tricky und seine Bande Worte im Munde herumdrehen, sich herausreden, lügen; vorangestellt sind Zitate aus Gulliver’s Travels und von George Orwell: Ziel der politischen Sprache sei es, Lüge wie Wahrheit und Mord wie etwas Respektables aussehen zu lassen. Ach, so viel Mühe gibt sich Trump nicht mal mehr.

Außerdem habe ich etwas gelernt über die jüngere amerikanische Geschichte, weil ich per Wikipedia mein Wissen um Spiro Agnew, die Black Panthers und den Baseballspieler Curt Flood aufgefrischt habe.

Link: LA Review of Books, „When Nixon asked Haldeman about Philip Roth“

Die geheimnisvollste Insel

Literarische Inseln gibt es viele:

  1. Der Gesellschaftsentwurf oder -spiegel: Utopia, Atlantis, Liliput.
  2. Die Pirateninsel: Die Schatzinsel, Monkey Island, Der Graf von Monte Cristo
  3. Die Toteninsel: Reprobates/Next Life (Computerspiel 2007), Wings of Fame (Film 1990) – nach dem Tod findet man sich auf einer Insel wieder, zusammen mit anderen Gestorbenen; vielleicht gehört sogar die griechische Unterwelt mit ihren fünf Flüssen und den verschiedenen Bereichen hierher
  4. Die Robinsonade: Robinson Crusoe, Castaway, die Schwundstufe der Don-Martin-Inselcartoons in Mad Magazine
  5. Die geheimnisvolle Insel: Fremde kommen auf eine Insel, oft schiffbrüchig, und finden heraus, dass die Insel Geheimnisse birgt: Die geheimnisvolle Insel (Verne), Die Insel des Dr. Moreau (Wells), Graf Zaroffs Insel aus The Most Dangerous Game und dessen Kurzgeschichtenvorlage, Lost, Shakespeares The Tempest – hier ausnahmsweise einmal aus der Perspektive des Drahtziehers hinter den Inselgeheimnissen.

Die geheimnisvollste Insel ist für mich Fantasy Island. Fantasy Island war eine amerikanische Fernsehserie, die von 1977 bis 1984 ausgestrahlt wurde und sehr erfolgreich war. Seit meiner Jugend ist mir die Serie ein Begriff – von der deutschen Erstausstrahlung ab 1989 habe ich allerdings nichts mitgekriegt. Vielmehr muss ich die Serie bei Besuchen in den USA kennengelernt haben, oder aus dem MAD-Magazin. Ich glaube nicht, dass ich bis vor kurzem je eine ganze oder auch nur halbe Episode gesehen hatte – zu wenig hätten sie mich interessiert, zu wenig sah meine deutsch-amerikanische Verwandtschaft fern. Aber das Konzept war mir sofort sonnenklar, glaube ich, und die Bilder der Serie sind derart ikonisch, dass man sie vielleicht nur einige Male zu sehen braucht, bevor sie sich einprägen:

Ein distinguierter Ricardo Montalbán (schwamm früher mit Esther Williams und sang mit ihr „Baby , it’s cold outside“, war danach und davor der Khan im Zorn des Khan) als Mr. Roarke mit einem kleinwüchsigen Franzosen, Tattoo genannt (Hervé Villechaize), beide in weißen Leinenanzügen in tropischer Umgebung vor Korbgeflechtstuhl.

Der Plot jeder Episoden: Ricardo Montalbán ist Herr über die Urlaubsinsel Fantasy Island, die Gäste besuchen, um dort ihre Fantasien auszuleben. Einmal reich sein? Auf einer Seance den Geist des toten Bruders beschwören? Vielleicht sogar einmal Superman sein? Mr. Roarke macht es zwei Gästen pro Folge möglich. Jede davon beginnt damit, dass Tattoo das Flugzeug entdeckt („Ze plane! Ze plane!“), von Mr. Roarke ein wenig verspottet wird, bevor der in die Hände klatscht und die willkommnenden Südseemädchen mit „Smiles, everyone, smiles!“ auffordert, die Gäste zu empfangen. Davor kommt eine Titelmelodie, die mich an „Bali Hai“ aus South Pacific erinnert, eine ähnlich mystifizierte Insel.

Typische Folge

Eine typische Folge: (1) Eine kleine Angestellte möchte einmal Firmenchefin sein. Roarke macht sie zur Chefin einer ihm bekannten Firma, weil deren Chef verschollen ist und ihm eine Vollmacht hinterlassen hat. Sie deckt einen Betrug auf, und am Ende taucht der ursprüngliche Chef wieder auf – es war ein Trick. (2) Ein Mann sucht nach Informationen über seinen Vater, vermutlich tot, als Dieb verrufen, aber der Sohn glaubt nicht daran. In einer Gefangenenkolonie wie aus den 1930er Jahren findet er jemanden, der das Schicksal seines Vaters kennt. Am Ende Flucht, Hunde, Treibsand, Erkenntnis.

Fantasy Island wird im Mad Magazine 203 (Dezember 1978) so parodiert: (1) Die schöne Farrah Fawcett Majors will einmal Aschenputtel sein und arbeitet verkleidet als Kellnerin, Dick van Dyke verliebt sich in sie und sie werden ein Paar. (2) Shaun Cassidy möchte Revolverheld werden und spielt Der Mann, der Liberty Valence erschoss nach. Das klingt wie eine echte Episode, aber die hat es so nie gegeben. Aber tatsächlich gibt es meist bekannte Schauspieler als Gaststars, wenn auch eher die der 1960er oder 1950er Jahre – Milton Berle, Bill Bixby, Linda Blair, Sonny Bono, Horst Buchholz, Joseph Cotten, Hans Conreid. Namen, die mir alle etwas sagen.

For whatever we lose (like a you or a me)
it’s always ourselves we find in the sea

(e.e.cummings)

Dieses Konzept der Gaststars ist etwas, das ich sonst nur von Columbo kenne. Könnte es das auch fürs deutsche Fernsehen geben? Gibt es das heute noch? (Eben läuft zufällig eine Folge Grey’s Anatomy mit Tyne Daly in einer Gastrolle – das Gesicht kennt man aus Cagney & Lacey, hier singt sie in Bernsteins On the Town.) Das wäre so, als hätte der Blaue Bock eine Spielfilmhandlung gehabt und alle Gäste spielten Rollen. Geht organisatorisch wohl gar nicht mehr.

Der letze Nachfolger dieser Art Serie war vielleicht Quantum Leap/Zurück in die Vergangenheit (1989-1993, Scott Bakula und Dean Stockwell): Individuelle Episoden statt großer Handlungsbögen, nie ganz geklärte phantastische Elemente, moralisch angemessenes Schicksal aller Beteiligten. Aber Quantum Leap war weniger schräg, weil ausgewiesener phantastisch; dafür mit wesentlich intelligenteren, kritischeren und inklusiveren Plots.

Mr. Roarke und seine Vorläufer

Mr. Roarke kann Wünsche erfüllen. Manche sind im Rahmen dessen, was einem exzentrischen Multimillionär möglich ist. (Die Gäste zahlen wohl auch für diese Dienstleistung, abhänging von ihren Verhältnissen.) Andere Wünsche erfordern Zeitreisen oder andere Unmöglichkeiten, auch kein Problem. Die Gäste akzeptieren das, ohne nachzufragen. Wiederkehrende Rollen gibt es wenige – aber dazu gehören eine Meerjungfrau, die in der Nähe der Insel lebt, und der Teufel höchstpersönlich. Mr. Roarke betont, dass er auf den Nachbarinseln keine Autorität habe; angedeutet wird, dass er unsterblich ist. Mit so etwas kriegt man mich.

Tatsächlich spielt er für die Geschichten keine Rolle; nicht mal die Insel spielt eine Rolle. Fantasy Island ist strukturell einfach eine Anthologie-Serie mit zwei völlig unabhängigen abenteuerlichen, übernatürlichen, romantischen, exotischen, gefährlichen Geschichte pro Episode. Vom Realismusanspruch der Plots her sind sie auf dem Niveau meiner geschätzten Hörspielserien der 1940er und frühen 1950er Jahre: Escape oder Suspense. Die Geschichten können überall auf der Welt spielen; notfalls versetzt Mr. Roarke Zeit und Raum. Roarke ist nur die Klammer, die die Episoden verbindet, so wie The Mysterious Traveler in der gleichnamigen Radioserie. Der hatte allerdings mit den von ihm erzählten Geschichten wirklich gar nichts zu tun. Noch ähnlicher ist er demnach dem Whistler in der wiederum gleichnamigen Radioserie. (Hier habe ich viel zu ihm geschrieben.)

Nur sehr gelegentlich interagiert die Erzählerfigur the Whistler mit der Welt seiner Erzählungen, aber es kommt schon mal vor, dass die Figuten abgelenkt werden von seinen Schritten in der Nacht oder der Melodie, die er pfeift. Oft spricht der Whistler zu seinen Figuren, quasi als Du-Erzähler: “Yes, Roy, you have it all figured out, haven’t you.” Allerdings hört Roy und hören die anderen Figuren ihn nicht. Anders ist das bei Mr. Roarke, mit ihm interagieren seine Gäste – aber nie so, dass das eine Wirkung hätte. Roarke gibt kryptische Hinweise und Ratschläge, aber die werden erst einmal nicht angenommen – für den Ablauf der Handlung spielt er keine Rolle. Er könnte genauso gut nicht gehört werden und für den personifizierten Zufall oder die Ironie des Schicksals stehen. (Manchmal macht er den deus ex machina, aber das könnten auch diese Instanzen übernehmen.)

Though we thought it was a modern, radical idea at the time, Fantasy Island now more clearly resembles the throwback to the Vaudeville Era that it really is.

https://www.dvdtalk.com/reviews/54623/fantasy-island-season-two/

Nein, nicht Vaudeville, sondern Radio und wohl auch Fernsehen der frühen 1950er Jahre. Obwohl es eine Episode gibt, in der ein alter Varieté-Künstler (Phil Silvers) noch einmal die Vaudeville-Nummer mit dem alten Partner (Phil Harris, großer Fan hier) vorführen will. Ich kenne die Episode nicht, aber sie klingt ein bisschen nach The Sunshine Boys mit George Burns und Walter Matthau (1975). Überhaupt hat sich Fantasy Island wohl immer wieder mal der Plots von älteren Kinofilmen bedient.

Eine Episode, Season 3 Episode 11: The Victim/The Mermaid (1979)

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The Mermaid

Ein Meeresbiologe will eine große Entdeckung machen. Seine Frau begleitet ihn; die Ehe steckt in einer Krise. Er entdeckt die Meerjungfrau Nyah – sehr übertrieben geschminkt, aber bei diesen Sachen kurz vor oder nach 1980 weiß ich nie, ob das komisch geschminkt sein soll oder nicht. “I must tell my colleagues of your existence.” “No, please, no other mortal must know of my existence.” Er verliebt sich in sie; sie will ihn zu sich ins Meer holen, wohl eher nicht mit guten Absichten. Nyah ist eine böse oder zumindest amoralische Meerjungfrau. Sie zieht ihn zu immer längeren Tauchausflügen ins Wasser – nach einem liegen sie beide ermattet am Strand. “That was an incredible experience. Unbelievable. I will never forget it.” Fehlt nur noch die Zigarette.

Währenddessen macht sich die Frau des Biologen Sorgen um die Beziehung. Mr. Roarke zu ihr: “Come now, Mrs deHaven, mermaids aren’t real. How could you have seen your husband with something that doesn’t exist?” Das hätte genauso gut der Whistler ungehört vor sich hin sprechen können. Die Aufgabe: Sie muss um ihn kämpfen und ihn zurückgewinnen, und das gelingt ihr auch. “I promise I will be more understanding.” – Laut imdb ein Remake von Mr. Peabody and the Mermaid (1948).

Interessant noch das kurze Geplänkel zwischen Roarke und Nyah, das Vorgeschichte und mythischen Status andeutet: “You summoned me?” / “We have battled before.” (Nyah wird in einer späteren Folge wiederkehren und selber eine Wunschvorstellung ausleben wollen.)

The Victim

Eine Frau möchte ein Date mit einem Mann, den sie vor vier Jahren kurz kennengelernt hat. Mr Roarke ermöglicht das, warnt sie aber vor ihm und insbesondere davor, die Insel zu verlassen. Es kommt zu einem romantischen Abendesse, komplett mit „Feelings“ als Hintergrundmusik. Aber der Mann mischt ihr eine Droge ins Getränk und sie wacht in einem Harem auf der Nachbarinsel auf. Dort Yvonne de Carlo als Bordellchefin und viele weiße, hochglänzende, Champagner trinkende junge Frauen als Gefangene. “We perform… services, for the men he brings here,” die Frauen bezeichnen sich als “slave hookers”. Bisschen Auspeitschen, wenn man nicht pariert, nicht zu viel; aber selbst für einen 10-Uhr-Fernsehslot 1979 überraschend.

Den Frauen gelingt aus eigener Kraft die Flucht; sie werden von den Übeltätern verfolgt, aber Mr. Roarke steht ihnen bei. Allerdings heißt es: “Wait a minute, Roarke, you have no authority on this island.” Als wären das Urgewalten, jeder als Herrscher über seine eigene Insel. Woher hat Roarke die Entscheidungsgewalt auf seiner Insel? Tatsächlich hat Roarke die Polizei der Nachbarinsel mitgebracht, die sich um alles kümmert. Danach noch homerisches Gelächter der befreiten Sexsklavinnen bei der Aussicht auf Erholung auf Fantasy Island.

Certain aspects of the formula haven’t aged as well.

https://www.dvdtalk.com/reviews/54623/fantasy-island-season-two/

Fortsetzungen

1998er gab es ein Remake mit Malcolm McDowell, nur eine Staffel.

2015 wurden Pläne für ein Remake angekündigt, aus dem aber wohl nichts wurde: Mit einer Frau statt Mr Roarke (okay), aber ohne Insel, sondern in der Großstadt. Strukturell ändert sich nichts, aber der Charme wäre weg: Damit wären wir endgültig bei der Godgames- Firma gewesen aus Chestertons Club of Queer Trades (Blogeintrag) gewesen. Dort wird eine Firma vorgestellt, bei der man Abenteuer bestellen kann.

Ende Februar 2020 soll eine Kinofassung kommen: “A horror adaptation of the popular ’70s TV show about a magical island resort.” Bin schon sehr gespannt, kann aber nur schlecht werden. Es bräuchte Gastauftritte aus der vorherigen Generation und coole Erzählerfiguren. (Michael Peña als Mr. Roarke, der Rest sagt mir nichts.)

Pi-hole in den Ferien, und weiteres

Angeregt durch diesen Blogeintrag und weil ich ohnehin einen gerade ungenutzten Raspberry Pi herumliegen habe, habe ich jetzt endlich auch einmal Pi-hole ausprobiert. Das ist eine Möglichkeit, störende Werbung auszublenden.

(Monitor und Maus/Tastatur sind nur beim Installieren dran, danach brauche ich die ja nicht mehr.)

Also: Wenn ich im Browser einen Adblocker habe, filtert der mir Werbung heraus, mehr oder weniger. Im Handy geht das allerdings schwieriger, und gegen die Werbeanzeigen innerhalb von Apps (wenn man Apps verwendet, die Werbung anzeigen) kann man so gar nichts machen.

Pi-hole geht die Sache anders an. Dazu muss man wissen, was der DNS (Doman Name Service) ist. Das ist ein Dienst, der dafür sorgt, dass ich in die Adresszeile „https://facebook.com“ eingeben kann und dann tatsächlich auch bei der Adresse „157.240.8.35“ lande, was die tatsächliche Adresse von Facebook ist. Dazu ist bei meinem Router die Adresse eines DNS angegeben, natürlich in Form einer IP-Adresse, weil ich die sonst ja nicht finden würde. Wenn ich „facebook.com“ abschicke, geht das erst an den DNS, der packt die richtige Nummer dazu, so dass die Anfrage auch wirklich an 157.240.8.35 geht.

(Welcher DNS in meinem Router eingestellt ist, hängt wohl von meinem Internetprovider ab und was mir der gesagt hat. Ich kann auch einstellen, dass ich automatisch den DNS verwende, denn der Provider vorschlägt. Dann sehe ich die tatsächliche DNS-Adresse vielleicht nicht.)

Das ist eine sehr wichtige Aufgabe. Wenn der DNS manipuliert ist oder betrügt, kann ich brav oben „facebook.com“ oben eingeben und lande dann doch bei einer anderen Adresse – die möglicherweise genau so aussieht und meine Passwortdaten haben möchte.

Mein Raspberry Pi mit dem darauf laufenden Pi-hole-Programm ist erst einmal nur ein weiterer Rechner in meinem Heimnetz. Allerdings habe ich bei meinem Router die IP-Adresse dieses kleinen Pi als DNS angegeben. (Und bei der Installation von Pi-hole auf dem Raspberry Pi habe ich dort einen anderen DNS, sicheren, zuverlässigen angegeben.) Jede Anfrage aus meinem Heimnetz geht an den Router, und jede Routeranfrage läuft über den Pi, und der Pi blockiert mithilfe einer Liste alle Anfragen, die an eine Werbe-Adresse geschickt werden. Werbung kommt nämlich meist von einer dafür spezialisierten und bekannten Adresse.

Das funktioniert auch tatsächlich recht gut. Es war aber gar nicht so leicht, das zu überprüfen: Mein Adblocker filtert tatsächlich schon viel an Werbung heraus, so dass ich mit meinem Standardbrowser gar keinen Unterschied merke. Bei meinem Handy allerdings, der so etwas gar nicht hatte, fehlt jetzt tatsächlich weitgehend die Werbung. (Auch das habe ich nicht gleich festgestellt, weil ich es so gewohnt bin, sie auszublenden.)

Ich merke keinen Unterschied bei der Geschwindigkeit. Allerdings musst ich manuell die vgwort.de auf die Whitelist setzen: Die Seite stand auf der Standard-Sperrliste und war somit im Browser nicht mehr erreichbar. Ansonsten bin ich noch auf keine Seite gestoßen, die nicht ansprechbar gewesen wäre.

Technisch: Ich habe mir eine neue SD-Karte gekauft, mit NOOBS das Raspbian-Betriebssystem aufgespielt, und die Pi-hole-Software installiert und konfiguriert. Dann den Router umgestellt, dauert alles nicht lange. Das schlimmste, was passieren kann: Der Pi fällt aus, dann muss ich auf dem Router wieder eine herkömmliche IP-Adresse eintragen.

Fazit: Lobenswerte Idee, aber ich merke den Unterschied nicht so recht, weil ich auf dem Handy im Heimnetz nicht viel im Web bin und kaum Apps nutze mit Werbung drin.

Ansonsten: Beim Orthopäden gewesen, bei Physiotherapie gewesen. (Halswirbelsäule/Schulter, wie jedes Jahr um diese Zeit), Zahnarzttermin ausgemacht; Frühstücken gewesen, wandern gewesen; Blumen gegossen bei Nachbarn (und mit Frau Rau eine verirrte Amsel aus deren Wohnzimmer befreit), gekocht, gelesen, Filme aufgeschaut, programmiert. Podcast aufgenommen, Kleidung aussortiert (aber noch nicht weggebracht), neuen Yukata gekauft. Ferien halt.

Weisheiten aus der Bildungsszene

Teaching creative computer science: Simon Peyton Jones at TEDxExeter (Youtube):

  1. Die Aufgabe von Bildung hat nur indirekt mit Jobs zu tun. Aber gut, vielleicht ist Education auch nicht Bildung.
  2. Die Probleme der Menschheit sind seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten bekannt: Klimakatastrophe, Armut, Ungerechtigkeit.
  3. Richard Riley, amerikanischer Bildungsminister: Na und?
  4. Er hat es ja auch gar nicht so gesagt. Das Zitat wird meist in anderer, ähnlicher Form verbreitet, die aber wohl auch nicht korrekt ist. (Wer die Spuren verfolgen möchte, kann hier anfangen.)

Und dann war noch der Pädagoge auf Twitter, der mir das hier schickte, als wäre es originell:

Tatsächlich mag ich diesen Cartoon. Er erinnert mich daran, dass die Schule nicht fair ist, dass die Noten nicht fair sind, und das sollten Lehrer und Lehrerinnen nicht vergessen. Nur: Was soll man machen? Auf Noten verzichten oder Leistungsforschritt oder Anstrengungsbereitschaft benoten statt Leistung? Kann man machen, am Anfang. Aber irgendwann werden Leute wissen wollen: Na, wie gut kann sie denn jetzt Bäume erklettern? Irgendwann wird es Noten geben. – Oder soll man Klettern war nicht üben, weil das nicht alle gleich gut können?

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