Entwicklungsaufgaben

Mir fällt schon seit Jahren immer wieder ein Moment aus meiner Referendarszeit ein, diesmal bin ich ihm nachgegangen. Im Skript Pädagogische Psychologie (Akademiebericht Nr. 177, Dillingen 1991), das wir im Referendariat verwendeten und das ich noch habe, fand ich die Stelle.

Es geht dabei um das Konzept der Entwicklungsaufgaben, 1948 von Robert J. Havighurst aufgestellt: Demnach gibt es im Zug der persönlichen Entwicklung und Reifung des Menschen regelmäßige Aufgaben, die bewältigt werden müssen.

Wenn diese Aufgaben erfolgreich gelöst werden, führt das zu einer stabilen Persönlichkeit, Glück und mehr Erfolg bei späteren Aufgaben, ansonsten zu Unglücklichsein und gesellschaftlicher Missbilligung. Diese Aufgaben sind natürlich zu weiten Teilen kulturell bedingt, manche hängen aber auch mit der körperlichen Entwicklung zusammen, und auch “individuelle Wünsche und Werte” (Havighurst) spielen eine Rolle.

Es folgt ein erster, sicher vorläufiger und anzupassender Katalog an Entwicklungsaufgaben ( aus: W. Edelmann, Entwicklungspsychologie. München 1980, S. 21 – 23, zitiert nach dem Akademiebericht). Dass der Katalog “stark an den Normen der amerikanischen weißen Mittelschicht [seiner Zeit] orientiert ist”, ist offensichtlich und war Havighurst bewusst.

Entwicklungsaufgaben nach Havighurst

Frühe Kindheit (Geburt bis 6 Jahre)

  • Lernen von Geschlechtsunterschieden und Scham
  • Schaffung emotionaler Bindungen an Eltern, Geschwister u.a.
  • Unterscheidung zwischen “richtig” und “falsch” und Entwicklung eines Bewußtseins
  • […]

Mittlere Kindheit (6 bis 12 Jahre)

  • Erlernen einer gesunden Selbsteinschätzung
  • Lernen, sich mit gleichaltrigen Spielgenossen zu vertragen
  • Erlernen von Lesen, Schreiben und Rechnen
  • Entwicklung vn Bewußtsein, Moral und einer Reihe von Werten
  • Erlernen einer persönlichen Unabhängigkeit
  • Entwicklung einer Einstellung gegenüber sozialen Gruppen und Institutionen
  • […]

Jugendalter (12 bis 18 Jahre)

  • Bildung neuerer und reiferer Verhältnisse mit Gleichaltrigen beiderlei Geschlechts
  • Erlernen einer männlichen oder weiblichen sozialen Rolle
  • Adäquater Gebrauch des eigenen Körpers
  • Erreichen emotionaler Unabhängigkeit von Eltern, anderen Erwachsenen
  • Gewißheit, ökonomische Unabhängigkeit zu erreichen
  • Auswahl und Vorbereitung auf einen Beruf
  • Vorbereitung auf Ehe und Familienleben
  • Entwicklung intellektuellerFähigkeiten und Entwicklung von Konzepten, die für das Leben notwendig sind
  • Entwicklung sozialen Verantwortungsbewußtseins
  • Aneignung eines ethischen Wertsystems, welches das eigene Verhalten lenkt

Frühes Erwachsenenalter (18 bis 35 Jahre)

  • Wahl eines Partners
  • Lernen, mit dem Partner zu leben
  • Gründung einer Familie
  • Aufziehen von Kindern
  • Gestaltung eines Heims
  • Beginn im Beruf
  • Gesellschaftliche Verantwortung
  • Anschluß an eine passende soziale Gruppe

Mittleres Alter (35 bis 60 Jahre)

  • Gesellschaftliche und soziale Verantwortung
  • Erreichen eines bestimmten Lebensstandards
  • Vorbereitung der eigenen Kinder auf ein verantwortungsbewußtes und zufriedenstellendes Erwachsenenalter
  • Vernünftige Freizeitgestaltung
  • Pflege der Beziehungen zum Partner
  • Anpassung an die physiologischen Veränderungen des mittleren Alters
  • Anpassung an alte Eltern

Hohes Alter (60 und mehr Jahre)

  • Anpassung an das Nachlassen der Kräfte und der Gesundheit
  • Anpassung an den Ruhestand und ein vermindertes Einkommen
  • Anpassung beim Tod des Partners
  • Anpassung an die eigene Altersgruppe
  • Fortführung sozialer und gesellschaftlicher Verpflichtungen
  • Anpassung an die entsprechenden Wohn- und Lebensbedingungen

Entwicklungsaufgaben und ich

Mir kam der Katalog aus zwei Gründen immer wieder in den Sinn. Erstens: Die Erkenntnis im Referendariat, dass Zeit meines Lebens solche und andere Aufgaben auf mich persönlich zukommen würden, traf mich. Demnach bin ich auch an den späteren Entwicklungsaufgaben mehr interessiert als an den früheren, und mich ängstigen ein wenig diejenigen, die noch auf mich zukommen. Tod im Freundeskreis, Tod in der Familie, Aussicht auf den eigenen Tod.

Entwicklungsaufgaben und Schule

Zweitens, ein jüngerer Gedanke: Inwiefern ist es die Aufgabe der Schule, des Unterrichts in den Fächern, den Schülern und Schülerinnen bei diesen Entwicklungsaufgaben zu helfen – und zwar insbesondere bei den Aufgaben, die nicht erst im Jugendalter auf sie zukommen, sondern später, im frühen und mittleren Erwachsenen- und im hohen Alter? Will heißen: Lernt man die Beschäftigung mit Literatur, damit die “Anpassung an das Nachlassen der Kräfte und der Gesundheit” gemeistert werden kann? Hilft Kafka, an der modernen Welt nicht zu verzweifeln? Oder ist der Gedanke vermessen, Schule könnte dazu nennenswert etwas beitragen? Immerhin habe ich in den letzten 24 Jahren kein einziges Mal den Begriff “Entwicklungsaufgabe” im Zusammenhang mit Schule gehört. Hat man das Konzept am Ende heutzutage gar nicht mehr?

Revidierte Entwicklungsaufgaben des Jugendalters nach Dreher – und deren relative Wichtigkeit

Im Jahr 1985, so mein Skript, stellten Dreher/Dreher nach einer Untersuchung an Münchner 10. Klassen fest, dass der Katalog “zwar revisions- und anpassungsbedürftig, insgesamt aber zutreffend ist.” Sie legten einen revidierten Katalogfür das Jugendalter vor (das Skript zitiert Oerter/Montada, Entwicklungspsychologie, München 1987. S. 276):

  1. Akzeptieren der eigenen körperlichen Erscheinung und effektive Nutzung des Körpers
  2. Erwerb der männlichen bzw. weiblichen Rolle
  3. Erwerb neuer und reiferer Beziehungen zu Altersgenossen beiderlei Geschlechts
  4. Gewinnung emotionaler Unabhängigkeit von den Eltern und anderen Erwachsenen
  5. Vorbereitung auf die berufliche Karriere
  6. Vorbereitung auf Heirat und Familienleben
  7. Aufbau eines Wertsystems und eines ethischen Bewußtseins als Richtschnur für eigenes Verhalten
  8. Über sich selbst im Bilde sein
  9. Aufnahme intimer Beziehungen zum Partner
  10. Entwicklung einer Zukunftsperspektive

Dabei stellten sie fest, dass die Punkte 5, 8, 3 (Beruf, Selbst, Peergroup) für alle wichtig waren. Daneben waren noch 7 und 1 (Wertesystem, Körper) besonders wichtig für die Schülerinnen, 9 und 2 (Sex, Geschlechterrolle) dagegen besonders wenig wichtig im Vergleich zu den Schülern. Lediglich im Mittelfeld ist bei beiden Geschlechtern 4 (Ablösung vom Elternhaus).

Die Eltern wiederum sehen folgende Aufgaben als wichtiger an als die Schülerinnen und Schüler: 7, 1, 10, 4.

Oft wird oder wurde der Abschluss von Entwicklungsaufgaben von einem Ritual begleitet. Ist der Schulabschluss eine Entwicklungsaufgabe? Ist die Abifeier das begleitende Ritual, oder ist im Gegenteil für manche Schüler und Schülerinnen die Abifeier die eigentliche Aufgabe und das Abitur an sich aus deren Sicht eher Routine?

Skript der Bundeszentrale für politische Bildung

Ich beziehe mein Klecklsein Wissen über dieses Thema nicht nur aus dreißig Jahre alten Skripten und Wikipedia, auch die bpb stellt das Konzept in einem Papier vor: https://www.bpb.de/lernen/grafstat/krise-und-sozialisation/224837/info-02–01-entwicklungsaufgaben (ganz unten auch als Pdf-Datei zum Herunterladen.) Da stehen ziemlich harte Worte:

“Für die Lösung der zentralen Entwicklungsaufgaben gibt es sensitive Zeitfenster. Wenn diese verpasst werden, ist es zwar nicht unmöglich, aber doch schwierig, die Lösung der Aufgabe (z.B. Schulabschluss) später nachzuholen. Wer mit 40 Jahren keinen Schulabschluss, keinen Beruf, keinen Partner, keine Freunde gefunden hat und immer noch zu Hause wohnt, hat große Schwierigkeiten, erwachsen, d.h. in unserer Gesellschaft selbstständig zu werden. Er kann ein kluger, belesener, künstlerisch begabter, unterhaltsamer und sympathischer Mensch mit gepflegten Umfangsformen sein, aber er ist ein Exot und entspricht nicht den Standardvorstellungen von Erwachsensein in unserer Gesellschaft.”

Das einzige aus dieser Liste, was in unserer Gesellschaft ein Problem ist, ist der fehlende Beruf. Das macht diesen Menschen auf Tinder verdächtig, denke ich, jedenfalls solange er männlich ist. Unbeantwortet ist die Frage, wie es überhaupt sein kann, dass man unterhaltsam, klug und so weiter ist, und dennoch zu Hause wohnt, keinen Beruf und keine Freunde hat. Mir fallen da nur reiche Erben ein, und die sind ja gesellschaftlich so was von akzeptiert. Mit genug Geld ist all das oben kein Problem, und ohne Geld wäre etwas mehr Diversität vielleicht auch gar nicht schlecht. Und wenn jemand klug, belesen, künstlerisch begabt, unterhaltsam und sympathisch mit gepflegten Umfangsformen ist, dann sollte er auch mit 40 Jahren Freunde finden können.

Zum ursprünglichen Katalog

Vieles gilt noch. Manches hat sich überholt. Anderes legt ein sehr normgerechtes, konfliktfreies Leben nahe, aber es gibt sicher auch andere Arten, das eigene Leben zu meistern und zu gestalten. Und ob es überhaupt eine Pflicht dazu gibt, ein stabiles und glückliches Leben zu führen… aber dass die Gesellschaft das fördern möchte, ist sicher klar.

Gesehen, Gelesen, Gewesen

Gesehen

Edgar Wallace: Das Geheimnis der gelben Narzissen (1961)

Ohne Eddi Arent. Und auch sonst ein Film, der mir nicht ganz zu den üblichen Wallace-Filmen zu passen scheint. Er wurde in England gedreht, in London, es gibt also viele Außenaufnahmen aus der Großstadt – nicht unbedingt völlig noir, aber doch ein bisschen ernsthafter als sonst. Joachim Fuchsberger spielt zwar wohl nominell die Hauptrolle, aber die tatsächliche Hauptfigur ist ein sehr jung aussehender Christopher Lee, der um Jahre jünger aussieht als in seinem Dracula von 1958. Lee spielt den Chinesen Ling Chu und spricht deutsch (mit leichtem Akzent). – Gleichzeitig mit diesem Film wurde eine englische Fassung gedreht, ohne Fuchsberger und Kinski, aber mit Lee und vielen der Nebenrollen-Darstellern.

Edgar Wallace: Die Tür mit den sieben Schlössern (1962)

Mit Heinz Drache, und eigentlich kein guter Film. Ich fand nur erstaunlich, wie viele Elemente der weird menace pulp fiction in dem Film enthalten sind: Ein nächtliches Grab; eine geheime Gruft unter dem Gruselschloss, mit einem wahnsinnigen Wissenschaftler, der Experimente an Menschen durchführt; Schusswaffe in der Armprothese; ein Labor, ein eingesperrter Affe im Labor; ein grotesker Gehilfe, gespielt von Ady Berber, der mich ungemein an Tor Johnson, etwa in Plan 9 From Outer Space, erinnerte (beide waren ursprünglich Ringer, bevor sie in Filmen auftraten):

Ady Berber in Die Tür mit den sieben Schlössern (1962)
Tor Johnson in Plan 9 From Outer Space (1959)

Mein Freund Bernhard wies mich darauf hin, dass der deutsche Horror-Heftroman die Edgar-Wallace-Filmreihe zu seinen Ahnen zählt. Die Filme wurden später farbig und enthielten immer mehr Gruselelemente und brutalere Darstellungen, Nähe zum italienischen Giallo, der wiederum selber durch die Wallace-Filme beeinflusst ist. Die Titel klingen bereits wie Heftromane: Der Teufel kam aus Akasava, Im Banne des Unheimlichen, Der Gorilla von Soho, Der Mönch mit der Peitsche – die gehen alle als John-Sinclair-Hefte durch.

Ist das so, gibt es diesen Zusammenhang? Spielen da nicht auch die englischen Fernsehserien der späten 1960er Jahre hinein? Mir fallen da allerdings nur Krimis mit Science-Fiction-Einschlägen ein, nichts mit Horror. Andererseits gehen die Abenteuer und Gimmicks von Mit Schirme, Charme und Melone, James Bond und Butler Parker auch als direkte Nachfolger von Doc Savage et. al. durch.

Der erste Horror-Heftroman war der Silber Krimi Nr. 747 von Dan Shocker. Der war so erfolgreich, dass in der Silber-Krimi-Reihe dann alle vier Wochen ein Gruselkrimi mit dem Helden Larry Brent erschien (arbeitet als Geheimagent mit paranormalen Fällen). Ab 1972 die eigene Heftreihe, 1973 dann Macabros, Dämonenkiller und der Gespenster-Krimi, unter anderem mit den Serienhelden John Sinclair und Tony Ballard, die später ihre eigenen Serien bekamen, 1974 Professor Zamorra. (Mehr zur Geschichte des Horror-Heftromans hier.)

Gelesen

Isak Dinesen, Last Tales.

Ich freue mich sehr darauf, dereinst Dinesens Seven Gothic Tales wiederzulesen. Aber dieser letzte Band mit restlichen Geschichten lässt mich eher kalt. Immerhin war es schön, noch einmal ein letztes Abenteuer der wandernden Opernsängerin lesen zu können. Ihrer Sangesstimme beraubt, zieht sie unerkannt von Dorf zu Dorf, verkleidet sich dabei immer als eine andere Gestalt, erlebt Abenteuer, und zieht am Ende wieder von dannen, verfolgt von einer Gestalt aus ihrer Vergangenheit. So eine Art Phantom der Oper kombiniert mit Auf der Flucht oder dem Unglaublichen Hulk oder Kung Fu.

Aber sie schreibt schon auch schöne Bilder, hier aus “The Cardinal’s First Tale”:

In the course of time the old Prince completed his role on the stage of life, draped his grandeur and loneliness round him in heavy folds of black marble, and lay down to rest in the mausoleum, at Dionysio’s side.

Kleine Fußnote, hier zum Festhalten: Mir ist ein Unterschied zwischen meiner englischen Ausgabe (Putnam 1957) und der amerikanischen (Random House 1957) aufgefallen, die ich als epub parallel lese. In der amerikanischen Ausgabe fehlt die zweite Hälfte des folgenden Satzes:

[Pizzuti, the philosopher, a small man, as shrunken and dark of hue, as if he had been hung up in a chimney to be smoked,] and to whom the people on account of his restless and silent movements had given the nickname of ‘Pipistrello’ – the bat.

Isak Dinesen, “Night Walk”. Last Tales. London: Putnam 1957, p. 60.

Gewesen

Beim Arzt. Bei zwei Ärzten. Alles okay. Beide: “Sie sehen aber jünger aus.” Mit oder ohne Maske, das kriege ich jedesmal. Dritter Arzt vielleicht im August, mal sehen, ob ich den hat trick hinkriege.

Aber auch gelernt, bei der Frage nach meiner Ernährung vorsichtig zu sein. Dass ich mehr Alkohol trinke, als gesund ist, ist mir klar, denn jedes bisschen Alkohol ist nicht gesund, und ich mag Cocktails und Wein. Aber man darf nie sagen: “Ja, wahrscheinlich trinke ich zu viel Alkohol.” Ich habe förmlich gesehen, wie die Ohren gespitzt wurden und der Tonfall bemüht war, ein besorgtes Timbre nicht zu deutlich werden zu lassen: ja, man habe sicher viel Stress im Beruf, gerade so als Lehrer, und manche würden Alkohol ja schon als Einschlafhilfe benutzen, und wie’s mit der Beziehung aussieht… Puh, ich denke, ich konnte meine Ärztin noch davon überzeugen, dass ich nur gerne esse und trinke und dass es mir ansonsten wirklich gut geht und kein Grund zur Sorge besteht.

Gefühl und Vernunft und der tägliche Charaktertest

Wenn ich in der Schule unterwegs bin und ich brav Maske in den Gängen trage und Abstand zu Kollegen und Kolleginnen halte, sagt mir mein Gefühl, dass keiner von uns mit SARS-CoV‑2 infiziert ist. Auch in meinen Klassen habe ich das Gefühl, ich glaube, an meiner ganze Schule ist niemand (mehr) infiziert.

In der S‑Bahn zur Schule sagt mir mein Gefühl, dass ich wahrscheinlich nicht infiziert bin. Der Mann gegenüber mit der heraushängenden Nase wahrscheinlich auch nicht, wenn auch nicht ganz so wahrscheinlich wie ich – erstens, weil ich ich bin, und zweitens, weil er ein Depp ist.

Auf der Geburtstagsfeier mit Freunden, im Freien, ist wahescheinlich auch niemand infiziert, sagt mir mein Gefühl.

Man sollte allerdings seinen Gefühlen misstrauen, gerade bei Wahrscheinlichkeiten, und gerade bei Dingen, die man sich wünscht. Das ist eine ganz wichtige Lektion. In diesem Fall hat das Gefühl aber völlig recht. Wahrscheinlich ist niemand an meiner ganzen Schule infiziert, und in der S‑Bahn auch nicht. Wenn man die eigene Maske vergessen hat, steckt man wahrscheinlich niemand an, wenn die anderen ihre Hände nicht gewaschen hat, kriegt man trotzdem wahrscheinlich keine Infektion.

Und wenn man Covid-19 kriegt, hat man das Gefühl, dass einem schon nichts passieren wird. Ich habe jedenfalls dieses Gefühl, und viele andere auch. Auch hier täuscht mich das Gefühl nicht – es wird wahrscheinlich so sein.

Muss ich mir also Sorgen machen, wenn ich eine Kollegin umarme? Nein, nicht wirklich .

Warum soll ich also trotzdem Abstand halten, Hände waschen, Maske tragen, Ansammlungen meiden? Weil es vernünftig ist. Alle, die das hier lesen, wissen das ohnehin schon. Das Risiko, das ich jemand anstecke, ist ganz, ganz, ganz klein, aber die Probleme, die ich damit erzeuge, sind sehr, sehr, sehr groß. Das muss man miteinander verrechnen, und stellt sich heraus: es lohnt sich, das ganz, ganz, ganz kleine Risiko zu vermeiden. Wenn viele Menschen das sehr oft machen, ist das sehr gut. Wenn genügend Menschen das genügend oft machen, ist das ausreichend. Wenn ich das mal vergesse, ist das nicht dramatisch – aber je öfter und je mehr Menschen das vergessen, desto schlechter.

Wir sind wieder beim Gefangenendilemma: Wenn ich als einziger mich an keine Regeln halte, ist das völlig in Ordnung, solange genügend andere das machen. Insofern ist jeder Tag ein neuer Intelligenz- oder Charaktertest. Ich bestehe ihn nicht immer, aber ziemlich oft. Man kriegt ja immer eine neue Chance am nächsten Tag. (And yes, I will judge you.)

Kartoffelkombinatsessen, eine Woche lang

Frau Rau und ich kriegen ja jede Woche eine Kiste mit den Anteilen aus dem Kartoffelkombinat, der Gärtnereigenossenschaft, an der wir beteiligt sind (Blogeintrag dazu). Im Sommer und Herbst ist viel drin, im Winter und Frühling weniger, aber alles machbar. Ich schreibe hier mal mit, was ich mit der Kiste in der letzten Woche gemacht habe.

Donnerstag: Ein kleiner Eichblatt- und ein kleiner anderer Salatkopf, beide aus Ernteanteil. Den Salat macht Frau Rau, weil die sehr gut Salatdressings machen kann. Dazu Honigmelone, die noch im Haus war, und eigens gekaufter Parmaschinken. Foto vergessen.

Freitag: Tater tots nach Ottolenghi aus Ernteanteilkartoffeln, dazu ein Stück Fleisch vom Metzger. Nachtisch Erdbeeren.

(Tater tots: Das ist so eine US-amerikanische Tiefkühl- und Dinersache. Geriebene Kartoffeln, vielleicht etwas angekocht, mit ganz wenig Stärke zu Zylindern geformt und dann frittiert – bei der Ottolenghi-Abwandlung, an die ich mich gehalten habe, stattdessen im Ofen gebacken und davor mit Kreuzkümmel und Limettenschale gewürzt. Ganz Mutige googeln “Minnesota Hot Dish”.)

Samstag: Kartoffeln (Ernteanteil) und breite Bohnen mit Knoblauch (der auch aus Ernteanteil, aber einem früheren). Nachtisch Ananas.

Sonntag: Pasta mit Karottengrün-Pesto (Parmesan, Pinienkerne, Knoblauch; Olivenöl von der Nachbarin; Karottengrün aus Ernteanteilkarotten).

Montag: Den Rettich aus dem Ernteanteil in den Biergarten mitgenommen und dort gegessen, mit Breze und Bier.

Dienstag: Bolognese aus Salsiccia, italienischer scharfer Schweinebratwurst, Zwiebel, Karotten und Selleriestangen (die letzten beiden aus Ernteanteil), einer Tomatendose. Das Ziel war schon auch, das Gemüse aufzubrauchen. Karotten, Kartoffeln und Sellerie wiederholen sich zwar nie von Woche zu Woche und könnten auch noch liegen bleiben, aber ich bin immer froh, wenn ich die alte Kiste leer habe, bevor die neue kommt.

Im Uhrzeigersinn: Karotte, Sellerie, Salsiccia, Karotten, Zwiebeln; später Schuss Vermouth und 1 Tomatendose.

Es ist keineswegs so furchtbar viel, wie das hier vielleicht klingt; bei vielen der Gerichte oben ist ja nur ein Teil aus dem Ernteanteil, aber es erfordert schon Planung, das alles gut zu verarbeiten.

Auf dem Teller sah die Bolognese dann so aus und war sehr lecker:

In der Kiste waren auch noch Gurke und grüne Paprika, die hat Frau Rau zwischendurch zum Mittagessen gegessen. Blieb nur noch Petersilie: Da kochte ich Bulgur, hackte eine Tomate hinein und einen Rest selbst angelegte Salzzitrone, und eben den Petersil. Das gibt ein kleines Mittagessen morgen für Frau Rau und mich, wenn auch getrennt von einander.

Mittwoch: Leckere Nudelreste den Tag über, und abends… freie Wahl. Sushi vielleicht? Am Donnerstag kommt dann die neue Kiste. Salat!

Jane Austen, Emma: Die Schwangerschaft der Mrs. Weston

Kurz vor Beginn der Handlung hat die Erzieherin/Vertraute von Emma Woodhouse den Woodhouse-Haushalt verlassen, um zu heiraten; Emma lebt nun allein mit ihrem Vater, die Mutter starb vor vielen Jahren. Emma ist zwanzig Jahre alt, selbstbewusst, selbstständig, dezidiert nicht an Heirat interessiert – jedenfalls nicht an einer eigenen: Ansonsten bildet sie sich nämlich ein, eine gutes Auge dafür zu haben, wer zu wem passt und wer an wem interessiert ist, und versucht aktiv Pärchen zu verkuppeln, was alles nicht gut geht.

“Not for the world,” said Emma, smiling graciously, “would I advise you either way.”

Dabei manipuliert sie die arme Harriet ständig, die sie unter ihre Fittiche genommen hat. Selber täuscht sie sich selber, hier eine ironische Stelle, in der Emma ihrem Gegenüber genau das vorwirft, was sie selbst falsch macht:

“I thank you; but I assure you you are quite mistaken. Mr. Elton and I are very good friends, and nothing more;” and she walked on, amusing herself in the consideration of the blunders which often arise from a partial knowledge of circumstances, of the mistakes which people of high pretensions to judgment are for ever falling into; and not very well pleased with her brother for imagining her blind and ignorant, and in want of counsel.

Am Ende kommt es zu einer Liebeserklärung, nach der die zwei Beteiligten sich schon deutlich das Herz öffnen, die aber so behutsam und formelhaft und mit Worten anberaumt wird, wie Frau Rau sie immer als typisch für den Roman des frühen 19. Jahrhunderts und der Jahrzehnte zuvor zitiert:

She spoke then, on being so entreated.—What did she say?—Just what she ought, of course. A lady always does.—She said enough to shew there need not be despair—and to invite him to say more himself.

There need not be despair. Not absolutely despise you. Ein vergnüglicher Roman, mit einer fehlerhaften Heldin, intelligent geschildert. Fast durchgehen ist Emma die Fokusperson, fast alles ist aus ihrer Sicht erzählt, wenn auch in der 3. Person, mit ganz viel erlebter Rede. Aber darum geht es hier nicht.

Im Lauf des Romans wird Mrs. Weston, Emmas ehemalige Erzieherin/Vertraute, schwanger und bekommt ein Kind. Wir erfahren das – soweit ich das mitgekriegt habe – zum ersten Mal in Kapitel 42 (Kapitel VI von Band 3):

In the daily interchange of news, they must be again restricted to [other topics], such as the last accounts of Mrs. Churchill, whose health seemed every day to supply a different report, and the situation of Mrs. Weston, whose happiness it was to be hoped might eventually be as much increased by the arrival of a child, as that of all her neighbours was by the approach of it.

“The situation of Mrs. Weston” wird vorher nicht angesprochen, plötzlich wissen halt alle davon und Emma und die Leserin auch. Als Neuigkeit tritt diese Information nie in Erscheinung. Lediglich ein paar Kapitel vorher gibt es bereits eine zumindest im Nachhinein relevante Passage, in der eine Miss Bates, die stets viel, viel, viel redet, inmitten eines langen, kaleidoskopartigen, sprunghaften Monologs zu Mrs. Weston sagt:

“Very well, I thank you, ma’am. I hope you are quite well. Very happy to hear it. So afraid you might have a headache!—seeing you pass by so often, and knowing how much trouble you must have. Delighted to hear it indeed. Ah! dear Mrs. Elton, so obliged to you for the carriage!—excellent time.”

Aus diesem zweimaligen happy/delighted to hear it schließt die kundige Leserin wohl bereits auf die Schwangerschaft? Im gleichen Kapitel wird Mrs. Weston auch zum Tanz aufgefordert, lehnt aber ab. Weiß der Aufforderer da auch von der Schwangerschaft – im Dorfklatsch müsste das doch herumgehen? Und wäre die Aufforderung zum Tanz dann nicht unangebracht gewesen? Sie ist aus anderen Gründen ohnehin bereits schlechtes Benehmen, wird aber von Emma nicht auf die Schwangerschaft bezogen. Überhaupt ist das Schwangersein ihrer Freundin kein Thema und wird mit keiner weiteren Silbe erwähnt, bis dann das Kapitel 53 (Kapitel XVII von Band 3) dann unvermittelt mit der erfolgten Geburt beginnt:

Mrs. Weston’s friends were all made happy by her safety; and if the satisfaction of her well-doing could be increased to Emma, it was by knowing her to be the mother of a little girl. 

Wann und wie Emma davon erfahren hat, wissen wir nicht. Das irritierte mich beim Lesen, und Irritation ist erst einmal eine legitime, vielleicht begrüßenswerte Reaktion. War Schwangerschaft so ein Tabuthema? Das war mir weder bei deutscher noch englischer Literatur dieser Zeit aufgefallen, aber spontan fällt mir außer Kleists Marquise, sieben Jahre vor Emma, kein Beispiel ein. War das für Jane Austen ein Tabu?

Oder ist es Emma, die nicht davon erzählen will? Beim Recherchieren habe ich außer diesem einen Blogeintrag wenig gefunden, aber der hat es in sich: “Jane Austen’s Shadow Stories” gibt das Thema vor. Der Autor, Arnie Perlstein, postuliert für Austens Romane geheime Geschichten, die von der für uns erzählten Handlung verdeckt werden. Für Emma heißt das, dass die Mutter des Kindes in Wirklichkeit Jane Fairfax ist und nicht Mrs. Weston. Ich habe den Hintergrund des Blogeintrags nicht groß verfolgt, aber die Theorien scheinen vom Jane-Austen-Establishment nicht besonders enthusiastisch aufgenommen worden zu sein. Der Begriff “fan fiction” fiel anscheinend. Mich erinnern sie an diese Sache mit den Krimis und den verdeckten und offenen Geschichten in der Literatur (ausführlicher Blogeintrag dazu).

Und ja, es ist einerseits müßig, darüber nachzudenken, wann Emma von der Schwangerschaft erfuhr und warum wir nichts davon erzählt bekommen – ein Text ist ein Text und die Figuren darin haben kein Leben außerhalb des Textes. Andererseits… ungelöst und spannend ist doch auch gerade beim Maltese Falcon von Dashiell Hammett, ab wann genau Sam Spade wusste, wer seinen Partner umgebracht hat. (Hier ein interessanter Blogeintrag dazu.) Das lässt sein Verhalten im Großteil des Buchs über in unterschiedlichem Licht erscheinen – ich habe für mich noch keine abschließende Antwort darauf gefunden. Ob Hammett das selber wusste, weiß ich nicht.

Über Digitalkram: An manche Kolleg:innen

Warum soll ich diesen ganzen Digitalkram lernen? Was bringt mir das?

Nichts, möglicherweise. Sich mit Computern und ihren Möglichkeiten auszukennen, bringt so viel, wie eine neue Fremdsprache zu lernen oder ein neues Musikinstrument. Das ist vielleicht ganz schön. Aber du liest schon englische Literatur und du spielst schon klassische Gitarre, und dein Garten verschafft dir Entspannung und Befriedigung – wozu noch etwas Neues lernen? Wozu musst du Podcasts hören oder gar erstellen können?

Tatsächlich gibt es keinen Grund dafür. Die Frage darf aber nicht sein: Was bringt mir das?, sondern muss lauten: Was bringt das meinen Schülern und Schülerinnen? Die haben noch nicht für ihr Leben entschieden, welche und wie viele Fremdsprachen sie lernen wollen, welche und wie viele Instrumente sie spielen wollen, ob ein Garten das richtige für sie ist – und ob sie Podcasts hören oder gar erstellen wollen, ihre Nachrichten aus Onlinequellen beziehen werden, gerne ein Netzwerk aufbauen möchten, sich in einer digitalen Bibliothek zurechtfinden mögen. Die digitale Welt steht ihnen offen, man muss sie ihnen zeigen und ihnen den Zugang dazu ermöglichen. Ob und wie sie den dann später nutzen, das steht ihnen frei. So wie manche nach der Schule kein bisschen Französisch mehr nutzen.

Lernen die Schüler:innen das nicht von allein?

Ja und nein. Manche lernen manchen Digitalkram von allein so sehr wie vieles andere in der Schule, wofür sich Fächer zuständig fühlen. Das Fass aufzumachen hieße über Schule nachzudenken.

Ist es die Aufgabe der Schule, ihnen diese Möglichkeiten zu zeigen?

Ja. Muss ich das wirklich begründen? Die Schule macht ja jetzt schon Angebote für ein späteres erfülltes Leben: Sport, Musik, Kunst, Sprachen, Reisen, aktive Gestaltung der Gesellschaft.

Ist es die Aufgabe allein der Schule?

Nein. Anderes Thema.

Ist es die Aufgabe von mir als Deutschlehrer?

Das muss die Schule klären. Jemand muss das machen, ob das alle Fächer sind oder eines, ist im Prinzip nicht so wichtig. Nur: Praktisch wird das etwas sein, was viele Fächer machen müssen. Und dann darf sich der Deutschlehrer nicht drücken, nicht die Sozialkundelehrerin und nicht die Sport‑, Physik- und Mathematiklehrkraft. Ein paar Fächer und Kolleg:innen können sich drücken, aber halt nicht alle.

Aber das hat mit meinem Fach nichts zu tun.

Erstens: wahrscheinlich doch. Zweitens: egal.

Aber ich will das nicht.

Siehe oben.

Das habe ich mir in meinem Studium aber anders vorgestellt.

Kann schon sein.

Kann das nicht das Fach Informatik machen?

Erstens: Klar, aber nur, wenn Deutsch, Sozialkunde, Sport, Mathematik und Physik jeweils eine Stunde abgeben. Zweitens: Informatik bietet sich vielleicht an, weil die darin eingesetzten Lehrkräfte sich mit Computern auskennen; mit den Inhalten des Fachs und der Fachwissenschaft Informatik hat das eigentlich nichts zu tun. (Die Einschränkung rührt daher, dass sich Informatik wie viele andere Fächer gerne damit brüstet, dass ja eigentlich alles in ihr Fachgebiet gehört: Alles mit Information gehört zu Informatik, alles mit Kommunikation zu Deutsch, alles mit Menschen zu Sozialkunde, und Geschichte und Biologie ist ohnehin alles.)

(Tschuldigung, musste kurz raus. Im Lehrerzimmer meiner Schule bin ich ja diplomatischer.)

Twitterfundsachen zu Schulthemen, hauptsächlich

Nicht viel Neues aus der Schule, deshalb ein paar Fundsachen von Twitter:

Das wusste ich nicht. Ich habe mal halbherzig mit einem Plugin gespielt, um die Schulhomepage etwas barrierefreier zu machen, es dann wieder aufgegeben. Vielleicht kommt etwas Offizielles, ohnehin braucht die Seite mal eine Runderneuerung. Ohne Pandemie hätte ich mir das für die Sommerferienvorgenommen, oder es jedenfalls vorgehabt, jetzt brauche ich Erholung und das muss noch ein Jahr warten.


Auf Instagram bei einem Account meiner Schule gefunden: Zumindest bei der H5P-Aktivität “Quiz” steht die Lösung im Quellcode. Ich soll es zwar nicht weitersagen, aber es hat ja wohl ohnehin keine Lehrkraft etwas dagegen, wenn die Schüler und Schülerinnen das nutzen wollen:


Auf Twitter folgt mir seit ein paar Tagen 1 Mensch, der nur mir folgt, von niemandem gefolgt wird und noch überhaupt nichts getwittert hat. Und ich habe Fragen.


Nicht bei Twitter, aber es könnte ja bei Twitter sein: Ein kurzer Video, wie man zum Schuljahresende das Material aus den Klassenkursen sichert.

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Selber ist mir ja jede Form von textlicher Erklärung ungemein lieber als Videos, aber manche mögen halt die Filme lieber, oder behaupten das zumindest. Außerdem nutze ich die Gelegenheit zum Experimentieren mit Film – das ist wie bei Mind Maps oder zeichnerischen Unterrichtsskizzen, die finde ich ästhetisch ungemein ansprechend, aber für mich völlig unbrauchbar zum Lernen.


Gar nicht auf Twitter, und auch noch nicht auf der Schulhomepage, sondern nur in der Aula, “weil das da mehr Menschen sehen”: Unsere SMV hat eine Umfrage zur Pandemiezeit zu Hause gemacht. Über ein Drittel der Schüler und Schülerinnen haben sich beteiligt, als Online-Umfrage via Mebis haben sich vermutlich eher die beteiligt, die weniger Probleme mit Mebis und Online haben. Interessant: Der Unterricht zu Hause schneidet insgesamt etwas schlechter ab als der Präsenzunterricht, aber es gibt auch viele, die ihn viel oder etwas besser finden. Bei Mittel- und Oberstufe gibt es eine bimodale Verteilung: Wenige Schüler:innen sagten “gleich gut”, mehr sagten “viel/etwas besser” und (noch) mehr “viel/etwas schlechter”.

Updates am Computer: Warum eigentlich immer und immer wieder? Und: Will ich einen Dienstrechner?

(Eher grundsätzlich als konkret.)

Maschinen, die etwas berechnen können

Aus Neugier oder um sich mühsame Arbeit zu erleichtern, erfanden Leute immer wieder Maschinen, die etwas berechnen konnten. Eine einfache Registrierkasse zum Beispiel:

Oder, schon viel komplizierter, aber acht Jahrzehnte zuvor, die Differenzmaschine von Charles Babbage, die mit, uh polynomialen Funktionen rechnen kann. Aber die Maschine war umständlich und konnte sicher nicht alles berechnen, was sich berechnen lässt.

Eine andere solche Maschine ist der Taschenrechner meiner Jugend. Der kann auch Sachen berechnen, aber ebenfalls nicht alles, was sich berechnen lässt. Und letzten Endes kann man damit natürlich ganz viel berechnen, wenn man zusätzlich viel Bleistift und Papier hätte und mitdächte – aber es geht ja hier um Maschinen. So ganz von selber und ganz alleine kann mir der Taschenrechner nur das mit den Grundrechenarten abnehmen.

Maschinen, die alles berechnen können (das berechenbar ist)

Und dann gibt es Maschinen, die tatsächlich alles berechnen können, was sich überhaupt berechnen lässt. Eine solche Maschine ist das Spielzeug Turing Tumble, bei dem man sich Rechenmaschinen zusammenstecken kann:

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Mit diesem Gerät kann man – wahrscheinlich – alles berechnen, was sich berechnen lässt. Prinzipiell jedenfalls, mit enorm viel Murmeln, enorm viel Zeit und enorm großer Steckfläche, auch wenn die schon mal von der Physik her gar nicht möglich ist, aber das sehe ich jetzt mal nur als technisches und nicht grundsätzliches Problem. Aber ich könnte mir das Ding so zusammenstecken, dass es mir Zahlen addiert oder multipliziert oder pi bis auf die zehnte Nachkommastelle ausrechnet, oder die ersten hundert Primzahlen ausgibt. Also, rein theoretisch. Als wäre das ein Taschenrechner mit beliebig vielen Knöpfen, für jede Art von Berechnung ein eigener Knopf.

Allerdings muss ich für jede Aufgabe das Spielfeld neu anlegen, alle Bauteile neu stecken. Das ist nicht sehr praktisch. Man braucht sozusagen für jede neue Maschine eine neue Konfiguration, oder anders gesagt: für jede neue Berechnung eine neue Maschine. Wenn es nur so etwas wie eine Universalmaschine gäbe… also eine Maschine, die alles berechnen kann, was sich berechnen lässt, ohne dass ich groß an ihr herumstecken muss, ohne dass ich Kabel neu verlegen muss… statt hundert verschiedener Rechenmaschinen für hundert verschiedene Arten von Aufgaben hätte ich nur eine Maschine, die diese hundert Rechenmaschinen in sich vereinigt, oder simuliert, oder wie auch immer.

Das heißt also: Also ein programmierbarer elektromechanischer oder elektrischer Computer: die Universalmaschine. Denn ein Computer ist eine Rechenmaschine, die sich verwandeln kann, die zu allen anderen vorstellbaren Rechenmaschinen werden kann.

Maschinen, die alles berechnen können, ohne dass sich an der, uh, Verkabelung etwas ändern muss

Zwei technische Einschränkungen: Man kann mit einem gegebenen natürlich Computer nicht wirklich alles Berechenbare berechnen: Computer können langsam und schnell sein (ein mechanischer ist sehr langsam, und selbst ein schneller moderner Computer ist immer noch zu langsam für viele Aufgaben), und Computer können größer oder kleiner sein (wenn der Computer zum Rechnen mehr Zahlen braucht als er Platz hat, dann geht das halt nicht). Aber im Prinzip kann so ein Universalrechner alles Berechenbare berechnen, kann so eine Universalmaschine alle möglichen anderen Rechenmaschinen nachbauen.

Zum Teil kann man sogar selbst als unbedarfter Nutzer selber bestimmen, welche anderen Maschinen die Universalmaschine nachahmen soll: Die Libre-Office-Writer-Maschine, die Excel-Maschine, die Doom-Maschine. Das liegt daran, dass ein Betriebssystem gibt (zum Beispiel Windows). Damit muss ich nicht jedesmal die gesamte Maschine neue aufbauen beim Starten des Rechners, sondern bestimmte Aspekte sind vorgegeben, nämlich das Betriebssystem. An sich ist der Computer im ausgeschalteten Zustand trotzdem ein unbeschriebenes Blatt, das einem alle möglichen Arten von Maschinen präsentieren kann, keinesfalls nur die Windows-Maschine.

Das heißt aber auch, dass man mit jeder kleine Änderung am Computer, mit jedem neuen Programm, eine neue Maschine vor sich hat. Man nimmt eine kleine Änderung vor, installiert ein neues Programm, verändert ein bestehenes Programm ein bisschen, und schon hat man eine neue Maschine. Die nicht funktioniert, wenn man Pech hat, und dann ärgert man sich.

Aber braucht man denn wirklich alle paar Tage eine neue Maschine? Könnte man nicht einen Computer haben, der funktioniert, der so bleibt wie er ist – verweile doch, du bist so schön? Klar, kann man! Ich habe einen Freund mit Rechnern, die seit den 1980er Jahren unangetastet geblieben sind. Die laufen noch so perfekt wie damals. Die Geräte können genau das gleiche wie früher, und das zuverlässig.
Aber sie können halt auch nicht mehr als früher. Können kein mpeg und kein jpeg, kein docx und vielleicht nicht einmal doc, können kein Internet.

Aber es gibt halt doch immer wieder Neues, und so möchte man immer wieder neue Maschinen. Theoretisch könnte man natürlich selber seine Maschine programmieren, aber das kann kein einzelner Mensch mehr. Praktisch kriegt man fertige neue Software, die man installiert. So oder so kriegt man dadurch eine neue Maschine – entweder eine ein bisschen neue Maschine (wenn das Betriebssystem das alte bleibt), oder ein bisschen mehr neue Maschine (wenn sich das Betriebssystem ändert) oder eine wirklich ganz neue Maschine (wenn man ein ganz neues Betriebssystem bekommt).

(Manchmal funktioniert dann etwas nicht. Immer daran denken: Jedes Update, jede Änderung, macht eine neue Maschine aus der alten.)

Also wird man regelmäßig neue Software installieren und neue Betriebssysteme. Auch deshalb, weil die alten Maschinen dann halt doch nicht so gut sind, wie man gedacht hat: weil sie fehlerhaft sind oder unsicher. Und weil man nicht seine eigenen Maschinen bauen will (physisch umstecken muss man, wie gesagt, ohnehin nichts, aber neu programmieren), muss man auf die vorgefertigten virtuellen Maschinen zurückgreifen, die einem die Anbieter anbieten: Windows, Android, IOS, MacOS, Unix, Linux in verschiedenen Varianten. Windows kann man ein bisschen anpassen, Linux noch mehr, zur Not müsste man sich selber ein OS programmieren oder in Maschinensprache schreiben… was für einzelne nicht mehr realistisch möglich ist.

Anbieter haben natürlich Hintergedanken – sie wollen es den Nutzer:innen einfach machen, aber sie denken auch an Marketing (Kacheln bei Windows) und Abgrenzung und Kontrollmöglichkeiten. Man kauft zwar eine Universalmaschine, wenn man einen Computer kauft, aber nicht alle möglichen Maschinen mit, die durch die Universalmaschine nachgebildet werden können. Also kriegt man nicht alle Maschinen, die man gerne hätte und haben könnte. (Tatsächlich versuchen sowohl Microsoft als auch Apple immer wieder, ihre Geräte so zu gestalten, dass man eben nicht alle möglichen Maschinen damit bauen kann, also nicht etwa zusätzliche oder andere Betriebssysteme darauf laufen lassen kann. Anderes Thema.)

Fußnote: Warum läuft die Corona-Warn-App bei mir nicht?

Grundsätzlich könnte sie. Aber die App setzt auf ein Betriebssystem auf, man möchte ja, dass die Benutzer ihre bisherige Universalmaschine um eine weitere Maschine ergänzen können und nicht völlig ersetzen müssen. Warum gibt es dann die App nicht für alle möglichen Betriebssysteme und ‑versionen? Zu viel Aufwand.

Warum kann ich auf meinem Smartphone kein aktuelles Betriebssystem installieren? Weil die Entwicklungsabteilung irgenwann mal sagt, das lohnt sich nicht mehr, und weil man in der Regel und gerade bei iPhones nicht die Herrschaft über die Universalmschine hat, um so etwas selber entscheiden zu können. Ob das jeweils klug und nötig ist, das kann ich nicht beurteilen.

Fußnote: Maschinen für Lehrer und Lehrerinnen an Schulen

In Folge der Schulschließungen haben viele Lehrer und Lehrerinnen von zu Hause mit eigenen Geräten gearbeitet, mehr oder weniger freiwillig. Datenschutzrechtlich ist das bedenklich: Grundsätzlich möchte man ja auch nicht, dass der Finanzbeamte personenbezogene Daten zu Hause auf dem eigenen Rechner speichert und bearbeitet, und die Polizeibeamtin soll das eigentlich auch nicht. Aber Lehrer und Lehrerinnen dürfen das aufgrund von Ausnahmeregelungen, weil und solange das nicht anders geht.

Ich weiß nicht, ob ich das geändert haben möchte. Ich arbeite am besten, wenn ich so weit wie eben möglich Herr über meine Universalmaschine bin. Klar, ich schränke mich ohnehin auf ein Betriebssystem ein. Oder zwei. Und klar, ich kann mit beliebig vielen Einschränkungen leben und Unterrricht machen – aber jede Einschränkung führt zu weniger Spielraum und weniger effizientem Unterricht.

Ein Dienstrechner hieße wohl:

  1. Ich darf nicht privat darauf arbeiten, und ich darf nur diesen für dienstliche Zwecke, insbesondere zur Verarbeitung personenbezogener Daten benutzen. (Und die Verlage könnten sich wieder leichter wünschen, einen Verlagstrojaner darauf zu installieren, der danach illegalen Kopien sucht.) Ich bräuchte also zwei Geräte und würde sehr oft Daten vom Privat- auf den Dienstrechner bewegen müssen: Meine Urlaubsbilder aus dem Ausland, meine Audio- und Hörspiel- und Textsammlung, das sind alles Dinge, die ich privat und dienstlich nutze.
  2. Dürfte ich meine Dienst-Emails dann auf dem Privathandy oder dem Privatrechner abrufen? Vermutlich nicht. Im Moment kriege ich alle Mails auf allen Geräten, jeweils mit einem ordentlichen Programm. Sobald etwas webbasiertes wie OWA dazu käme (das die bayerischen Schulleitungen für dienstliche Kommunikation mit den vorgesetzten Behörden nutzen), wäre das schon wieder äußerst unpraktisch. Aber zur Not ist das natürlich machbar, ich müsste halt, ächz, jeden Tag einmal kurz den Dienstrechner hochfahren und würde sonst alles mit dem eigenen machen. (Dann würde mir aber ein virtueller Rechner reichen. Oder einfach ein verschlüsselter Container. Zur Not ein verschlüsselter Dienststick.)
  3. Ich bräuchte einen richtigen, leistungsfähigen Rechner, nicht nur ein iPad oder so etwas. Eclipse muss laufen, Android Studio, und ich muss beliebig neue Software installieren können – in Informatik kommt laufend etwas Neues zum Ausprobieren, etwa in der KI, die nach und nach in die Schulen kommen wird. Und so etwas wie mein Inform-7-Projekt geht auch nur, wenn ich die Software installieren kann. Für viele Kolleg:innen tut es sicher auch ein kleineres Modell. Man müsste also differenzieren.
  4. Klar: Wenn die Schüler:innen mit iPads arbeiten, brauchen die Lehrer:innen auch welche. Für manche reicht eine Dockingstation zu Hause, andere brauchen zusätzliche Geräte.

Es gibt nur wenige Vorteile, die ein Dienstrechner hat:

  • Anerkennung durch den Dienstherrn.
  • Sicherheitsrelevante Software wäre vorinstalliert. (Für mich kein Vorteil… vermutlich regelmäßiger Passwortwechsel und Virenschutzprogramm, hm? Nutze ich beides nicht.)
  • Mehr Rechtssicherheit? Vermutlich bin ich besser geschützt, wenn mir der Dienstrechner verloren geht?
  • Leichtere Trennung von Beruf und Privatleben. Nun ist die für jemand, der privat und beruflich liest und programmiert und Filme anschaut, ohnehin illusorisch.

Zweite halbe Schulwoche (und eine gewisse Erschöpfung)

Letzte Woche war Gruppe A dran, diese Woche ist es Gruppe B, und bei mir ist die Luft raus. Nach den Pfingstferien hatt Gruppe A insgesamt 3 Schulwochen bis zum Schuljahresende, Gruppe B 2 1/2 Wochen. Und es ist wichtig, bayernweit, vermutlich, dass die Schüler und Schülerinnen von zu Hause wegkommen, noch einmal die Mitschüler:innen sehen und die Schule. Was ich so mitkriege, geht es übrigens allen recht gut. Rein vom Lernen her wäre es aber für meine Klassen an meiner Schulart effizienter gewesen, das alles von zu Hause aus zu machen.

Ich habe meine Sachen Mitte März bis Anfang Juni so gut wie möglich gemacht, mit viel Einsatz, und halbwegs effizient. Zugegeben: Beim Deutschkurs in der 12. Klasse war eh schon alles erledigt; die zweite Lektüre ist ziemlich ausgefallen, aber Gelegenheit zum Erwerb aller Inhalte und Kompetenzen war da. Auch in Informatik 11 war ich bald nach der Schulschließung mit dem Stoff durch, der Rest war Programmierprojekt in Gruppenarbeit – das läuft ohnehin sehr frei, und jetzt halt mit weniger direktem Input von mir und weniger Daumen drauf. Manche haben mehr davon, andere weniger. Informatik 9 lief sehr gut, da fehlt nur noch ein wenig wichtiges Kapitelchen, das ich nächste Woche mache. Auch in Englisch 7 werde ich mit dem Buch, der Grammatik und den Vokabeln fertig, ohne dass die Schüler:innen jetzt plötzlich viel mehr auf einmal mussten. Dass das Buch sehr schlecht aufgebaut ist, unter anderem wegen einer Grammatikballung am Anfang und wenig nennenswerter Grammatik im zweiten Halbjahr, zahlt sich jetzt aus. (Außerdem arbeite ich immer sehr schnell, so dass ich häufig am Schuljahresende freie Zeit habe, die ich dann nutzen kann.) Klar fehlt die Übung bei allem. Nur Englisch 9 und Deutsch 9, da sind mehr Lücken, und vor allem in Englisch 9 fehlt die Übung. Aber ein Übungsaufsatz in Deutsch zum neuen Thema ist noch drin.

Noten und Prüfungen fehlen weder mir noch den Schülern und Schülerinnen. (Aber die Zeugnisnote, die ist vielen schon wichtig.)

Für Zuckerl oder individuelle Betreuung fehlt mir die Energie und tatsächlich auch die Gelegenheit. Der Unterricht ist komisch: so viel Abstand, so wenig Interaktion. Ich stehe vorne und die Klasse bleibt hinten und ich gehe nicht durch die Klasse und niemand kommt vor. Auch die Kultuminister gewünschte Verzahnung der drei Präsenzwochen und drei Zuhausewochen… ist mehr ein Lippenbekenntnis, auch wenn ich Arbeitsmöglichkeiten schaffe. Ich schaue, dass in diesen zweieinhalb oder drei Schulwochen bis zur Zeugnisvergabe das Nötigste mache. Richtig spannende Sachen gibt es von mir erst wieder im kommenden Schuljahr.

Apropos Zeugnis: Da gehen jetzt schon die ganzen Formalia los, ein sicheres Zeichen des Schuljahresendes. (Die nächsten Wochen allerdings noch: freiwillige oder verpflichtende Abitur-Ergänzungsprüfungen.) Mitarbeit und Verhalten, Notenberechnung. Grundsätzlich zählen am Gymnasium nur die Noten, die bis zum 13. März gemacht wurden, und die, die vereinzelt nach den Pfingstferien gemacht worden sind – aber nur vereinzelt, und ohne die Möglichkeit, sich zu verschlechtern. Dennoch wird es Schüler und Schülerinnen geben, die das Klassenziel nicht erreicht haben – die Möglichkeit, auf Probe in die nächsthöhere Jahrgangsstufe vorzurücken, ist aber praktisch erweitert, so dass erst einmal grundsätzlich von einem solchen Vorrücken ausgegangen werden kann. Was jeweils das beste für die Kinder und Jugendlichen ist, ist eine andere Frage. Und wie man ins neue Schuljahr einsteigt, sowieso.

Josephine Tey, The Daughter of Time

Jemand auf Twitter hat mir dieses Buch empfohlen, oder war es in einem Blog? Ich weiß es leider nicht mehr. The Daughter of Time von Josephine Tey ist ein Krimi von 1951, laut Wikipedia wurde es 1990 von britischen Krimiautoren und ‑autorinnen auf Platz 1 einer Liste der Top 100 Crime Novels of All Time gewählt, und 1995 auf Platz 4 der Top 100 Mystery Novels of All Time der amerikanischen Gegenstücke.

Und das ist ein bisschen komisch. Denn der ermittelnde Polizist, Inspector Alan Grant von Scotland Yard, ist zwar tatsächlich die Hauptfigur in fünf Kriminalromanen von Josephine Tey; dies ist einer davon – wenn es denn überhaupt ein Krimi ist. Grant liegt das ganze Buch über im Krankenhaus. Zuerst langweilt er sich, bis er auf einen Fall stößt; die Fußarbeit übernimmt für ihn durchweg der junge US-Amerikaner Brent Carradine, so wie bei Nero Wolfe und Archie Goodwin.

Der Fall, um den es geht, ist der von Richard III – ist er der Schurke, als den ihn Shakespeare und die populäre englische Geschichtssschreibung kennen, oder ist er in Wirklichkeit vielleicht sogar unschuldig am Verschwinden seiner zwei Neffen aus dem Tower von London? Und alle Recherchearbeit besteht darin, dass Grant den jungen Carradine in die Bibliotheken schickt, um Fragen zu Richard und Eduard und Heinrich und so weiter zu klären. Und so ist das ganze… nicht so krimihaft, wie man das erwartet, sondern ein nur halbherzig verkleideter ausführlicher Essay über Geschichte und Geschichtsschreibung und englische Könige.

Carradine fasst im Lauf des Roman den Entschluss, ein Buch über Richard III zu schreiben, und beschließt am Ende der Geschichte, das in Form einer längeren Erzählung zu machen: Wie er und Grant nach und nach den Spuren und Hinweisen nachgehen. The Daughter of Time könnte also dieses Buch sein.

Auslöser für Grants Beschäftigung mit Richard ist ein Porträt. Richards übler Ruf scheint Grant – der sich ja beruflich viel mit Gesichtern befasst – so gar nicht zu dem Gesicht zu passen, und er zeigt das Porträt allen anderen Figuren und will wissen, wie diese den dargestellten Mann einschätzen. Dieser Vorgehensweise wurde doch bestimmt schon 1951 mit Skepsis begegnet, hoffe ich.

Und das sind die Fakten des Falles, die Jahreszahlen nach und nach ermittelt wie die Uhrzeiten im Kriminalfall: Wer war um wieviel Uhr im Gewächshaus hinter dem Schuppen?

  • Edward IV wird 1461 König, damit hat das Haus York die Rosenkriege gegen das Haus Lancaster vorerst gewonnen – von einer kurzen Phase mit Henry VI (Lancaster) als König im den Jahren 1470/71 abgesehen.
  • Edward IV stirbt 1483, er hinterlässt die Sohne Edward und Richard und die Tochter Elizabeth. Der Thronerbe wird zu Edward V, wird aber nie gekrönt; dem Testament seines Vaters folgend wird Richard von Gloucester, der Bruder Edwards IV, zum Regent und Quasi-Vormund Edwards V.
  • Dieser Richard lässt sich aber im Juni 1483 zu Richard III krönen.
  • Richard lässt 1484 das Parlament die Erklärung Titulus Regius abgeben, laut der Edward IV bereits früher mit jemand anderem verheiratet war, so dass seine Kinder illegitim sind. Unter anderem damit wird der eigene Thronanspruch gerechtfertigt.
  • Kronzeuge dieser Anklage ist der Bischof Robert Stillington.
  • Zu irgendeinem Zeitpunkt verschwinden die beiden Söhne Edwards, also Edward V und Richard, aus dem Tower.
  • Zu irgendeinem Zeitpunkt kommt das Gerücht auf, Richard habe sie töten lassen. Möglicherweise liegt dieser Zeitpunkt aber erst eine ganze Weile nach Richards Tod – also nicht zu seinen Lebzeiten, und auch nicht zur Thronbesteigung seines Nachfolgers.
  • Henry Tudor, mütterlicherseits ein Lancaster und nach Frankreich geflohen, besiegt 1485 Richard III in der Schlacht von Bosworth und lässt sich im August des Jahres zu Henry VII krönen – damit lösen die Tudors die Plantagenet-Dynastie ab.
  • Henry VII lässt Titulus Regius im November 1485 für ungültig erklären (wodurch der Anspruch Richards zurückgewiesen wird und die Kinder Edwards wieder legitimiert werden, insbesondere auch die Tochter Elizabeth, Henrys Verlobte seit 1483). Er lässt alle schriftlichen Exemplare vernichten. Nur eine einzige Abschrift überlebt zufällig und wird hundert Jahre später gefunden.
  • Henry VII heiratet 1486 Elizabeth, die Tochter Edwards IV.
  • 1502 wird der Adlige James Tyrell, der unter Edward IV, Richard III und Henry VII Ämter bekleidet hat, hingerichtet. Nach seinem Tod wird verbreitet, dass er gestanden habe, knapp zwanzig Jahre zuvor die Prinzen im Tower, Edwards Söhne, im Auftrag von Richard getötet hat.
  • Nach dem Tod von Thomas More 1535 wird seine unvollendete History of King Richard III (1512–1519) veröffentlicht, die das Bild Richards maßgeblich prägt. More war selber kein Zeitzeuge.
  • Ausblick: Später wird Elizabeth I die letzte Tudor-Königin, abgelöst von James (Jacob) aus dem Hause Stuart, Sohn von Maria Stuart, der zuvor nur König von Schottland war. Danach kommt Charles I und der Bürgerkrieg und das Commonwealth unter Cromwell, einen König gibt es erst wieder mit Charles II, dessen Bruder James II dann in der glorious revolution abgesetzt wird.

Spoiler ab hier, aber ehrlich, nichts was nicht schon seit hunderten von Jahren bekannt wäre

Was mit den Kindern geschehen ist, bleibt unklar. Wenn sie überlebt hätten, hätten sie Anspruch auf den Thron. Im Juni 1486 erhält James Tyrell eine Generalbegnadigung von Henry, nichts Unübliches; im Juli des gleichen Jahres aber eine zweite solche Generalbegnadigung, was sehr unüblich ist. (Sagt der Roman.) Im Herbst 1486 kommt die Mutter der Kinder, also Henrys Schwiegermutter, Elizabeth Woodville, nach London, nachdem ihr ein Enkel geboren wird. Im Februar 1487 zieht sie sich für den Rest ihres Lebens in ein Kloster zurück – entweder freiwillig oder von Henry dazu gezwungen; die Geschichtsschreibung (lies: Wikipedia) weiß es nicht sicher.

Die Lösung, die The Daugher of Time präsentiert: Henry VII ist für das Schicksal der beiden Prinzen verantwortlich. Vermutlich hat er sie umbringen lassen, vielleicht durch Tyrell, vielleicht im Juni 1486.

Interessant sind die Ausführungen zu dem, was in das populäre Geschichtswissen eingeht und was wirklich passiert ist. Tonypandying wird zu einem Schlagwort zwischen den beiden Detektiven, benannt nach der Stadt Tonypandy in Wales und dem Tonypandy riot von 1910, einem aus einer Reihe von Konflikten zwischen streikenden Minenarbeitern und der Polizei, sogar dem Militär, in den Jahren 1910 und 1911. Im örtlichen Geschichtsbewusstein blutig neidergeschlafen, war zumindest dieser eine Konflikt eher eine kleine Angelegenheit, obwohl es einen Toten gab. Aber ganz so harmlos wie im Buch dargestellt war es laut Wikipedia auch wieder nicht – auch The Daughter of Time bleibt zeitgebunden.

Geschichtsschreibung wird als empirische Wissenschaft geschildert: Grant hat eine Hypothese, aufgrund derer er voraussagt, dass es in Frankreich Gerüchte zu einem bestimmten Zeitpunkt geben muss; er schickt Carradine los, und der findet dann auch Besätigung dafür (S. 166ff). Auch später lässt er nach Carradine nach einem “break in the pattern”(S. 192ff) suchen, von dem er vermutet, dass er existiert, und Carradine wird fündig.

Fußnote: In diesem Zusammenhang, dem zwischen Geschichtsschreibung und Krimi und zu füllenden Lücken, darf ich noch einmal auf mein Magnum Opus verweisen, Zwischen den Zeilen schreiben.