Schuljahresende 2020/21

Manche sagen, das sei ein schlimmes Schuljahr gewesen. So schlimm fand ich es gar nicht. Es war anstrengend, ja. Und arbeitsam – aber mit anderer, abwechslungsreicher, neuartiger Arbeit. Ich begrüße das. (Und dafür weniger Korrekturen, das auch.) Mit dem, was die Schülerinnen und Schüler gelernt haben, bin ich auch zufrieden. Nicht alles lief ideal, ich bin mit mir in vielen Aspekten nicht zufrieden, aber passt schon, damit komme ich klar – die Umstände.

Die Schüler und Schülerinnen wirken zufrieden. Selbst nach der langen Distanzphase keinerlei Fremdeln unterinander oder mit den Lehrkräften. Stoff auch okay. In den letzten Tagen alle etwas durch – so lange war das Schuljahr nie: keine Faschingsferien, keine Kursfahrten, Projekttage, Exkursionen. Etabliert hat sich eine Spazierengehrunde im Klassenverband hinter unserem Schulgelände, an Felden vorbei – zwanzig Minuten nur, aber möglicherweise nicht immer nur einmal am Tag.

Herr Mess schreibt von den eingetroffenen Dienstgeräten. Unser Landkreis ist nicht gar so schnell. Wir haben zwar schon etliche Geräte für Lehrkräfte, prototypisch, aber die stammen aus einem anderen Etat. Dennoch, die Geräte sind angekündigt für spätestens Oktober. Oft wird das Gerät nur für Videokonferenzen und zur Fernsteuerung von Mebis und anderen Webseiten im Unterricht genutzt werden (allen voran der furchtbare, furchtbare digitale Unterrichtsassistent von Klett), aber es ist ein Anfang.

Mebis: Im neuen Jahr wird es keine Klassenkurse mehr geben, jede Lehrkraft soll aber eigene Kurse vorbereiten, so dass für alle Schüler und Schülerinnen und jedes Fach die Struktur für Distanzunterricht gegeben ist. Für den Fall.

Das Unterrichtsjahr wird mit Maskenpflicht auch am Sitzplatz beginnen, so der aktuelle Stand, und weiterhin Schnelltests zweimal die Woche. Außerdem trudeln wieder KMS ein – am Anfang habe ich die Schreiben des Kultusministeriums der letzten anderthalb Jahre noch gesammelt; inzwische habe ich sogar das gründliche Lesen aufgegeben. Zu viele, und zu viele Phrasen. Viel Kleinklein, keinerlei größere Würfe, die mehr als eine Teilnahmeurkunde wert sind. Immerhin, der Unterrichtsminister (Freie Wähler) freut sich, dass so viele Lehrkräfte geimpft sind – während sein Parteivrsitzender herumschwurbelt.

Pläne für die Ferien: Aufräumen, ein bisschen Urlauben (in Deutschland). Mehr Aufräumen. Kurse vorbereiten. Immerhin: Die Vorlesung an der Uni habe ich aufgegeben, ein bisschen weniger Arbeit – und ich freue mich darauf, im nächsten Schuljahr einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin für die Betreuung der Homepage vorzubereiten. Wenn mich niemand stoppt, fange ich ganz vorne an bei: “Und das ist ein FTP-Programm.” Frau Rau meinte ja, so etwas sollten Lehrkräfte nicht wissen müssen.

Sherlock Holmes in der Mittelstufe

I had called upon my friend Sherlock Holmes upon the second morning after Christmas, with the intention of wishing him the compliments of the season. He was lounging upon the sofa in a purple dressing-gown, a pipe-rack within his reach upon the right, and a pile of crumpled morning papers, evidently newly studied, near at hand. Beside the couch was a wooden chair, and on the angle of the back hung a very seedy and disreputable hard-felt hat, much the worse for wear, and cracked in several places. A lens and a forceps lying upon the seat of the chair suggested that the hat had been suspended in this manner for the purpose of examination.

So beginnt “The Adventure of the Blue Carbuncle”, aus dem das Englischbuch meiner 8. Klasse “The Adventure of the Blue Diamond” macht; auch sonst ist die Geschichte der Jahrgangsstufe entsprechend verkürzt und vereinfacht. Auch im Original ist der Anfang dieser Geschichte recht kurz, viel weniger gemütlich, als ich die Anfänge in Erinnerung habe. Und ein kurzer Test hat gezeigt: Ja, die Holmes-Geschichten steigen fast alle in medias res ein, mit ein, zwei Zeilen Beschreibung oder gleich wörtlicher Rede. In meinem Kopf fangen die Geschichten nämlich so an:

It was in the latter days of September, and the equinoctial gales had set in with exceptional violence. All day the wind had screamed and the rain had beaten against the windows, so that even here in the heart of great, hand-made London we were forced to raise our minds for the instant from the routine of life and to recognize the presence of those great elemental forces which shriek at mankind through the bars of his civilization, like untamed beasts in a cage. As evening drew in, the storm grew higher and louder, and the wind cried and sobbed like a child in the chimney.

Aber da ist “The Five Orange Pips” tatsächlich eine Ausnahme – und es ist der dritte Absatz, nicht der unmittelbare Beginn.

Anyway: Den etwas kargen Anfang der Erzählung im Schulbuch sollten die Schülerinnen und Schüler der 8. Klasse erweitern – da noch ein Sätzchen, da noch eine Beschreibung, Mrs Hudson begrüßen, ein bisschen mehr Licht und Geruch und Wohnung beschreiben (türkischer Pantoffel und so weiter). So ein bisschen wie die Oulipo-Technik des larding, wo man nach und nach immer wieder zusätzliche Sätze zwischen gegebene Sätze packt.

Und das ging sehr gut – vielleicht auch nur, weil die Ergebnisse vorgelesen wurden und ich die Rechtschreibung nicht sah? Die kurzen Texte waren jedenfalls sehr stimmungsvoll, würde ich glatt lesen. Außerdem übt man so die Aussprache von “Holmes” ohne das “l”, und überträgt das bitte gleich auf “Lincoln”, wo auch ohne “l”.

Ansonsten habe ich den täglichen Morgenwecker ausgestellt und das automatische abendliche Ausschalten des NAS-Systems um zwei Stunden nach hinten verlegt: Ferien.

Michael Maar, Die Schlange im Wolfspelz: Das Geheimnis großer Literatur

Ein Buch, das man Deutschlehrkräften schenkt, habe ich mir sagen lassen. Meine Mutter hatte ein bisschen hineingelesen und es dann an mich weitergegeben (ebenso wie bei und zusammen mit Matthias Heine, Krass. 500 Jahre deutsche Jugendsprache, das sich zumindest wegen der Ausführung zur Studentenszene in Deutschland zum Anfang des 19. Jahrhunderts gelohnt hat, über die ich zu wenig wusste).

Der Hauptteil des Buches besteht darin, dass Michael Maar Autoren und Autorinnen der deutschprachigen erzählenden Literatur mit ausgewählten Werken und Passagen vorstellt und jeweils als Beispiel für gelungenen Stil präsentiert. Stil ist für ihn etwas, das vom Plot losgelöst ist und das tendenziell – und eher sogar: möglichst – unverwechselbar ist. Guter Stil ist: kaum zu beschreiben, kaum zu erklären. Man fühlt es halt, oder, aber das bleibt unausgesprochen, man fühlt es eben nicht. Das gibt es überhaupt immer wieder bei Maar, dieses: “man kann es schlecht begründen, aber man merkt es sofort.” Einmal sogar ein: “Das ist so gut, das lässt sich gar nicht zitieren”, das mich an Werthers Überzeugung erinnert, gerade als Maler am größsten zu sein, wenn er nicht malt, sondern nur empfindet. Vermutlich hat Maar sogar recht damit, dass es sich nicht erklären lässt. Aber in meinem Starrsinn, und weil ich weder Dichter noch Feuilletonist bin, halte ich es für schlecht, es nicht einmal zu versuchen. (Vielleicht liegt es auch daran, dass man beim Erklären genau hinschauen muss? Mindestens zweimal unterlaufen Maar grobe Fehler, wenn er einmal einen Vers von Kleist, einmal einen von Unica Zürn als fehlerhaft moniert, der das mitnichten ist.)

Dennoch: Ich habe das alles sehr gerne gelesen. Gotthelf, “Die schwarze Spinne” und Perutz, Nachts unter der steinernen Brücke gleich zum Wiederlesen herausgekramt, Der schwedische Reiter (auch Perutz) und Stopfkuchen von Wilhelm Raabe zum Neulesen; die Novelle “Der Baron Bagge” von Alexander Lernet-Holenia, den ich bisher nur aus Torberg-Anekdoten kannte, habe ich gleich mal währenddessen gelesen. Da war insgesamt viel Wiedererkennens und Entdeckens dabei. Und lesen muss ich das ja, sonst ist die Lektüre eines solchen Literaturüberblicks ja nur eine Stufe über dem zufriedenen Auf- und Abblicken entlang fremder oder gar eigener Bücherregale.

Diesem Hauptteil vorangestellt sind zwei längere Abschnitte zu, hm, Grundwissen bei der werkimmanenten Textinterpretation? Stilmittel und Stildefinition und Satzbau und Wortarten solche Sachen; die Details habe ich vergessen. Im Anschluss an den Hauptteil kommt ein Exkurs zu Lyrik und ein Exkurs zur Darstellung von erotischen Szenen in der erzählenden Literatur. Das wirkt ein bisschen willkürlich. Ist schon interessant, aber warum ausgerechnet das und nicht das Wetter in der Literatur, oder Möbel? Vermutlich ist es nur mein Ordnungssinn, der mir ein ordentlicher aufgeräumtes Buch vorhält, oder ein durcheinanderes.

Wenigstens hatte ich dieses Buch auf dem 80. Geburtstag in der Familie dabei und konnte ein wenig entgegenhalten, als die Nichte – Ende der sechsten Klasse, sprachlich tatsächlich sehr begabt – einen kleinen gelben Reclam-Faust zückte und konzentriert darin las. Darauf gebracht hatte sie das Jugend-Sachbuch Theater! von Katharina Mahrenholtz und Dawn Parisi (Amazon).

Alles über: den Notenschluss

Weil eine Klasse heute fragte, hier ein Überblick.

Am bayerischen Gymnasium gibt es ein Jahreszeugnis, und mehr oder weniger kurz davor einen Notenschluss. Der Notenschluss ist ein Termin, um den ich mir als Schüler nie einen Gedanken gemacht habe, glaube ich; aber heute ist er Schülern und Schülerinnen sehr bewusst. Dabei wissen sie ihn meistens nicht, denn dieser Termin soll ihnen nicht mitgeteilt werden – aus historischen Gründen, glaube ich mal, ein guter Grund dafür fällt mir sonst nicht ein.

Es gibt keinen zentral vorgegeben Notenschluss, das heißt, jede Schule legt ihren eigenen Notenschluss fest. Das ist der Termin, zu dem alle Lehrkräfte ihre sämtlichen Einzelnoten eingetragen haben – früher auf Papier, heute an einem Rechner – und zu dem sie sich entschieden haben, welche Note in ihrem Fach im Zeugnis stehen soll. Manchmal gibt es zudem hausinterne Ausnahmen und Sonderregeln, auch wieder aus historischen Gründen und nicht wirklich legitimiert, aber das sind dann eher so randständige Fächer, bei denen die Notenbildung fürs Kollegium ohnehin nur mäßig transparent ist.

Dieser Termin ist aber manchmal nur ein frommer Wunsch. So wie Schüler und Schülerinnen ihre Aufgaben nicht rechtzeitig erledigen, kommt es immer wieder vor, dass Lehrkräfte diesen Termin nicht einhalten. Dann muss man denen hinterherlaufen und sich verschiedene Erklärungen anhören. So oder so beginnt die Klassleitung aber zu diesem Zeitpunkt, das vorläufige Zeugnis zu erstellen. Vorläufig heißt: die Noten können sich immer noch ändern: es können weitere Einzelnoten hinzukommen, und auch sonst kann sich die endgültige Note ändern. Denn: Die Zeugnisnote wird erst durch eine Sitzung der Klassenkonferenz festgelegt.

Das sind Sitzungen, etwa eine Woche nach Notenschluss, auf Basis der vorläufigen Zeugnisse. Stimmberechtigt sind alle Lehrkräfte, die in der Klasse eingesetzt sind, also Deutsch, Englisch, Mathematik, aber auch katholische und evangelische Religion, Ethik, Sport männlich und weiblich, sprich: die stimmen auch ab über Schüler:innen, die sie gar nicht kennen. Meist sind so zwölf bis achtzehn Lehrkräfte in einer Klasse, je höher und gemischter die Klasse, desto mehr. Davon muss mehr als die Hälfte anwesend sein (oder reicht die glatte Hälfte? ich müsste nachschauen), damit die Konferenz Entscheidungsfreiheit ist. Da immer mehrere solcher Sitzungen gleichzeitig stattfinden, kann es geschehen, dass in einer Klassenkonferenz nicht genügend Lehrkräfte sind. Dann geht man in die anderen Räume und ruft: „Ist hier noch jemand für die 9b? Wir brauchen noch zwei Leute.“ Und dann geht halt jemand aus der 8b-Konferenz, der auch in der 9b eingesetzt ist, zu der hinüber. (Oft kann man wählen, zu welcher Konferenz man geht. Dann nimmt man die, wo es wichtiger ist.)

Worüber die Konferenz abstimmt: Vor allem über die Zeugnisnoten. Meistens wird der ursprüngliche Notenvorschlag übernommen, aber bei Noten in einem Grenzbereich kann man sich immer so oder so entscheiden, und das sollte nachvollziehbar sein für die Kollegen und Kolleginnen. (Deshalb auch die Einzelnoten.) Ich habe da schon sehr barocke Regelungen erlebt, was auf Wunsch der Schulleitung wie warum begründet werden muss, aber das sind Details, die ich hier nicht schreiben kann. Besonders wichtig ist das natürlich immer dann, wenn es um die Noten 5 oder 6 und Nichtbestehen geht.

Theoretisch kann aber auch nach der Klassenkonferenz eine Note noch geändert werden, einfach indem die Konferenz noch einmal für zehn Minuten konferiert, etwa in einer Pause. Das habe ich auch schon erlebt, bei neuen Erkenntnissen, Attesten, sicher nur bei wichtigen Sachen.

Über das endgültige Bestehen und Nichtbestehen des Schuljahrs, aber nicht über die Noten, entscheidet dann die Gesamtkonferenz. Was genau das heißt, weiß ich nicht – heißt das, die Gesamtkonferenz entscheidet doch über Noten, aber halt nur, wenn diese das Vorrücken verhindern? So macht es die Praxis; die Schulordnung drückt sich mitunter etwas unklar aus.

Nachrichten aus der Schreibpause, Bücher scannen

Ich merke, das ich lange nicht mehr gebloggt habe: Im Moment viel los. Letztes Wochenende habe ich Eltern und Schwiegereltern getroffen, was sehr schön war und immer noch sehr viel seltener geschieht als vor der Pandemie; am Tag davor eine Art Gartenparty. Alle geimpft, dennoch ein bisschen mulmig. Denn: Es gilt immer noch, dass jedes bisschen Treffen die Pandemie weiter trägt. Allerdings kann man deswegen nicht auf jedes bisschen Treffen verzichten, also muss man irgendwo für sich eine Grenze ziehen, was nötig ist und was nicht. Meine Eltern: nötig, nächtliche Partyszene am Gärtnerplatz: nicht nötig – aber damit mache ich es mir natürlich leicht.

Schule: Verabschiedung der Abiturienten, Notenschluss, Das Kultusministerium möchte, dass zumindest in Deutsch, Englisch, Mathematik von allen Schülern und Schülerinnen der aktuelle Lernstand ermittel wird, jetzt noch im Juli (die Ankündigung kam Ende Mai) oder im September. Also machen wir das auch noch. Die Deutsch- und Englischlehrkräfte murren, weil jegliche Art von Zusatzbelastung der letzten fünfzehn Jahre sie immer besonders trifft; das Fach Mathematik nimmt man der Höflichkeit halber mit dazu.

Ansonsten scanne ich alte und uralte Schulbücher und Arbeitshefte (bisher nur Englisch). Ich werde doch nicht mehr viel damit arbeiten, also raus aus dem Regal, möchte sie aber doch behalten als Zeitdokument und Vergleichsmaterial und um vielleicht doch die eine oder andere Übung daraus zu verwenden. Das mit dem Verwenden darf ich wahrscheinlich nicht, da müsste ich das Kleingedruckte lesen – für Schulbücher, die älter sind als ein bestimmtes Erscheinungsjahr, gelten die aktuellen, mäßig liberalen Regeln für den Umgang mit Schulbüchern nicht. Die eingescannten Bücher weitergeben darf ich so oder so nicht, obwohl genau das mein Ziel wäre: mich vom jeweils aktuellen Schulbuch lösen, und den Schülern und Schülerinnen alternative Bücher an die Hand geben für ihre digitalen Endgeräte.

(Exkurs: Auch das mit den digitalen Endgeräten geht langsam voran. Zumindest diskutieren wir an der Schule ernsthaft, was wir wollen und wie wir vorgehen. Die Distanzunterricht-Erfahrungen wollen wir nicht aufgeben, und wer weiß, wann wir sie ohnehin wieder brauchen.)

Das mit dem Scannen geht flott von der Hand, wenn man erst einmal gelernt hat, die gröbsten Fehler nicht zu wiederholen. Also: Die Umschläge abtrennen (vorsichtig abreißen) und jeweils einen kleine Lage Seiten heraustrennen (vorsichtig ablösen). Die Seiten sind meist geklebt (“Lumbeck-Klebebindung” – weiß ich aus und seit den Williams-Marvel-Superbänden der 1970er Jahre), und der einzelne Seitenstapel darf nicht zu groß sein, weil er sonst nicht in die Schneidemaschine passt. Wer Zugang zu einer professionellen hydraulischen Maschine in einer Druckerei hat, der kann locker das ganze auf einmal abschneiden, aber ich mache das mit der kleinen Haushalts-Schneidemaschine im Lehrerzimmer, und da passen immer nur zwanzig Blätter auf einmal hinein. Bei denen trennt man dann den Rand an der Klebeseite sauber ab, und man spart sich viel Ärger, wenn man das zuverlässig macht.

Denn im nächsten Schritt kommen die Blätter (bis auf die Umschläge aus mehr oder weniger dickem Karton) in den Stapeleinzug des Kopiergeräts. Gerne alle auf einmal, aber zum Ausprobieren erst mal nur ein halber Zentimeter hoch. Auflösung einstellen (300 dpi), Farbe oder Graustufen, und beidseitiges Scannen auswählen: dann zieht das Gerät nach und nach die Seiten ein, scannt und dreht sie, und speichert das Ergebnis in einer PDF-Datei auf dem Stick. Je nachdem, wie sauber die Vorarbeit war, bleibt seltener oder häufiger ein Blatt im Papierdreh-Element stecken. Die bearbeiteten Blätter schmeißt man noch nicht weg, weil man sich die pdf-Datei erst am Rechner anschaut, ob wirklich alles mitgenommen wurde – gerade bei Einzug-Fehlern fehlen sonst ein paar Seiten.

Und zu Hause lässt man noch ein OCR-Programm über die PDF-Datei laufen, so dass das Dokument durchsuchbar wird. Danach liegt nämlich eine Textebene unsichtbar hinter den Grafiken.

Klaus Modick: Fahrtwind (auch wenn man nicht viel darüber erfährt)

1. Geplänkel

Frau Rau reichte mir vor ein paar Monaten eine Buchbesprechung aus der Süddeutschen Zeitung weiter, und zwar aus zwei Gründen: erstens geht es um eine Art moderner Nacherzählung des Taugenichts von Joseph von Eichendorff, und zweitens ist das von Klaus Modick.

Klaus Modick ist ein deutscher Schriftsteller, von dem ich in einer prägenden Phase viel gelesen habe und dessen erfolgreiche Laufbahn ich seitdem aus den Augenwinkeln verfolgt habe. Man stößt wirklich immer wieder mal auf seinen Namen. In Oldenburg stand ich mal vor seinem Haus, wirklich ganz zufällig, weil wir jemanden dort besuchten und ich beim Spazierenlaufen auf das Haus hingewiesen wurde. Und vor einem Dutzend Jahren schrieb ich einen Blogartikel zu einem ganz anderen Thema, zitierte aus einem frühen Buch Modicks und fügte parenthetisch drei kritische Zeilen an. Worauf Klaus Modick mir eine freundliche E‑Mail schrieb und mir ein aktuelles Buch schicken ließ, das mir vielleicht besser gefallen würde als das kritisierte. – Außerdem will ich seit Jahren mal ein Gedicht von ihm, “Kurze Hymne auf Donald”, im Unterricht einsetzen, bin aber noch nicht dazu gekommen. (“Herrlich ist, Schöpfer Carl Barks, Deiner Erfindung Pracht:/
Bürzelbewehrt breitlappig fußender Enterich.”)

So viel zu Klaus Modick und mir, und später noch mehr zu diesem Thema.

2. Das Buch

In der Rezension oben steht eigentlich schon fast alles. Eichendorffs Müllerssohn bleibt nicht namenlos und ist auch kein Müllerssohn, sondern Sproß eines Installations-Handwerksbetriebs – und heißt immerhin Müller. Statt die Firma zu übernehmen oder wenigstens eine ordentliche Ausbildung zu machen oder auch nur zu studieren zieht es ihn nach Italien, wo er manche Abenteuer erlebt, nachdem er in einem Schlosshotel bei Wien Station macht und Held und Nebenson diverser Liebesgeschichten wird. “Aus dem Leben eines Taugenichts” von Eichendorff gibt es in seiner Welt, aber der Ich-Erzähler erkennt keine Parallelen zwischen dessen und seiner eigenen Geschichte, nur einmal in einer magischen Nacht hat er “für einen Augenblick das Gefühl, ein anderer aus einer anderen, längst vergangenen Zeit zu sein.”

Vor dem Hintergrund des “Taugenichts” ist das Buch ein Vergnügen: Die beiden Schlösser sind gut umgesetzt, das Schlosshotel, aber auch das Waldschloss und dessern Belegschaft. Vielleicht nicht gar so viele Schauermotive wie bei Eichendorff, aber die schätze möglicherweise nur ich so besonders, weil englische Schauerromantik und Räubergeschichten. Die Künstlerszene in Rom, auch schön. Der Plot… ehrlich gesagt, etwas leichter verständlich als bei Eichendorff, und das ist gut so. Bei dem musste ich mir beim zweiten und wohl auch dritten Lesedurchgang Skizzen machen, um den Überblick zu behalten, wer jetzt genau welche Gräfin und welcher Graf ist.

Wie ist Fahrtwind so, wenn man den “Taugenichts” nicht kennt? Ich kann es mir nicht vorstellen. Leichte Sommerlektüre? Befremdliche Sommerlektüre? Unauffällige Sommerlektüre? Es hat jedenfalls nichts mit deutschen Filmkomödien der 1950er und 1960er Jahre zun, ein Weg, den man sich ja auch hätte vorstellen können.

Der Roman spielt in den späten 1970er Jahren oder knapp danach. Dennoch ist von Tiramisu die Rede, von Cappuccino, Ossobucco, Risotto milanese, einem perfekten caffè latte; der Ich-Erzähler – äußerst kundig zumindest auf diesem Gebiet, anders als bei Eichendorff – lobt kritisch Spaghetti und Wein. Das war ja kurz vor meiner Zeit, deshalb weiß ich das nicht aus eigener Erfahrung: War man zu der Zeit in Deutschland schon so weit? Italienurlaub ja, aber schon Cappuccino, mit Milchschaum gar statt Sahnehäubchen? (Auch die Ukulele, die Billy/Guido spielt, weiß ich zeitlich nicht einzuordnen.)

3. Neuerzählungen

Ich hätte bitte gerne mehr Neuerzählungen. Neuverfilmungen gibt es ja viele, und Film-Aktualisierungen von Shakespeare und Jane Austen zuhauf. Aber an deutscher Literatur, bei der ich mich allerdings wirklich nicht auskenne, fällt mir nur der Modick ein und eine DSA-Fantasyversion von Dürrenmatts Der Richter und sein Henker:

Bernhard Hennen: Die Nacht der Schlange
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Ich bin sehr an Hinweisen auf ähnliche Bücher interessiert und würde gerne mehr davon lesen. Warum?

4. Bücher wiederlesen

Die oben erwähnte Buchbesprechung finde ich ganz gelungen. Mich wunderte nur ein bisschen, dass kein Vergleich gezogen wurde zwischem dem Müllersohn, den es ins Blaue zieht – das Blau des Himmels, ins Blaue hinein, das endlose Blaue, blaue Ferne – knapp dreißigmal habe ich das Blau gezählt in dem schmalen Roman (was macht den Modick zum Roman und den Eichendorff zur Novelle?) – dass kein Vergleich gezogen wurde zwischen dem Müllersohn und Modicks erstem Roman, der Ins Blaue heißt, wohl sehr erfolgeich war und in Südfrankreich spielt, also irgendwie jedenfalls. (Es ist kompliziert.)

Exkurs: Es gibt ja das traurige Blau, das mit dem Blues, auch in vielen Liedern. Aber auch das Blau der Ferne haben nicht nur die Romantiker besungen, deshalb hier zwischendurch drei Favoriten:

Jedenfalls würde ich Ins Blaue noch einmal lesen müssen. Würde es mir noch gefallen? Modicks launige Bücher sind mir manchmal zu launig, aber vielleicht auch nur inzwischen; seine ernsteren Bücher sind mir etwas zu seriös, aber vielleicht auch nur damals, als ich wollte, dass er bitteschön immer das gleiche schreibt, aber so, dass man es nicht merkt.

Aber vor Ins Blaue habe ich erst einmal Tucholsky wiedergelesen, Schloß Gripsholm. Denn ein Zitat daraus ist Ins Blaue vorangestellt; die Rezension der Süddeutschen auf dem Klappentext meiner Ausgabe erkennt bei Modick gleichfalls “manches von dem Witz und dem Charme und der Leichtigkeit Tucholskys.” Modick verwendet auch Motive und Zitate aus Tucholskys Roman in seinem.

Vor dem Tucholsky habe ich Eichendorffs “Taugenichts” selber noch einmal gelesen. Das tut man als Deutschlehrer ja ohnehin vielleicht etwas öfter als sonst, und ich mag Eichendorff ja auch sonst. (Eichendorff-Krimi?)

Einen weiteren frühen Roman Modicks, Das Grau der Karolinen, möchte ich ebenfalls lesen, der könnte sich gut gehalten haben.

Bei Wikipedia lese ich, dass Modick eine Art Fortsetzung zu Ins Blaue geschrieben hat, 2002, September Song. Also, neugierig bin ich ja schon, also kommt der auch auf die Liste.

(Dass Modick William Goldmans The Silent Gondoliers übersetzt hat, sehe ich bei Wikipedia, schau an. Aber den habe ich schon auf Englisch im Regal.)

In Fahrtwind wird The Doors of Perception erwähnt, aber das kenne ich schon, und ein Roman The Blood Oranges, nie gehört, “in dem es darum ging, wie eine der Engländerinnen, charmant errötend, verriet, dass ein snobistischer Ästhet versucht, in einer Villa an der Adria eine Idylle vollkommener sexueller Freiheit zu schaffen.” Also kurz recherchiert, John Hawkes, schau an, und anscheinend Teil einer Trilogie, zu der auch Travesty (1976) gehört. Oh nein! Würde ich die auch noch lesen müssen? Wohl nicht, stellt sich heraus; auch wenn ich Travesty gelesen habe, gehören die drei Bände wohl nur lose zusammen. Und Travestie (älterer deutscher Titel, der neue ist Belohnung für schnelles Fahren bei Nacht) hat mir nur so mittel gefallen, und eigentlich habe ich das Buch nicht mal richtig gelesen, aber es war ein unvergessliches Leseerlebnis: Das Buch, der Monolog eines Mannes, der seine Tochter und deren Geliebten (seinen Freund und wohl auch Geliebten seiner Frau) im Auto sitzen hat und mit hoher Geschwindigkeit durch die Nacht fährt, mit der Ankündigung, am Ende alle miteinander durch einen Unfall an einer bestimmten Stelle zu töten – das Buch wurde mir während einer Autofahrt vom Beifahrersitz vorgelesen, als ich am Steuer saß.

5. Bücher und Erinnerungen

Umberto Eco schrieb mal, ein Roman sei eine Maschine zur Erzeugung von Interpretationen. Und das stimmt auch. Aber ein Roman ist auch eine Maschine zur Erzeugung von Erinnerungen. Ich weiß noch, wo und wie ich war, als ich viele Bücher gelesen habe, oder wenn ich es nicht mehr weiß, fällt es mir beim Wiederlesen wieder ein, oder wenigstens wundere ich mich über den Kerl, der ich mal war.

In dieser Hinsicht sind Romane, die man liest, wie Orte, die man besucht, wie Reisen, die man unternimmt, und von denen man mal mehr, mal weniger Erinnerungen behält. Und Schullektüren sind wie Reisen als Kind mit den Eltern: Da wird man in Kathedralen gezerrt, die einen vielleicht noch gar nicht interessieren und mit denen man nichts anfangen kann – aber manche Absätze oder Brücken oder Eindrücke bleiben hängen, oder wenigstens das Essen dabei. Oder gilt das alles nur für die Kindheit und Jugend?

Englische Gedichte vorlesen

Auf Anregung eines Teilnehmers müssen die Schüler und Schülerinnen in meinem Kurs englische Konversation jetzt Gedichte vorlesen – lange Gedichte, und danach wenig darüber reden; oder kurze Gedichte und dafür mehr darüber reden; auch Auszüge möglich. Ich stellte eine Liste mit Gedichtsammlungen zur Verfügung, mit dem Schwerpunkt auf Gedichten, die sich zum Vortrag besonders eignen, machte anhand eines von mir ausgewählten Gedichts vor, wie ich mir das vorstellte, und seitdem verbringen wir die letzten Wochen des Schuljahres so – 20 Minuten Coronatesten, in zwei Gruppen, unter heftigem [Niesen], dann die Gedichte, zwischendrin Pause.

Ich bin sehr daran interessiert, welche Gedichte die Schüler und Schülerinnen auswählen und was sie dazu zu sagen haben. Bisher waren das lauter interessante Sachen. Aber: Das mit dem Vortrag muss man noch mehr üben. Die Aussprache der Wörter ist schon gut, aber dass man auch unterhaltsam vorlesen kann, oder in mehr als einem Tonfall, das ist nicht selbstverständlich. (Ich wusste das, und wir hatten ja vorher dramatisches Lesen anhand eines Dramas geübt, so mit Pausen und Timing und die Zuhörenden im Auge behalten. Dennoch. Gilt für Deutsch genauso wie für Englisch, übrigens.)

Die Gedichte bisher:

Alfred Noyes: “The Highwayman”

Gut hundert Verse, keinen ausgelassen. Eine dramatische Ballade um einen Straßenräuber, böse Soldaten und eine sich opfernde Wirtshaustochter. Und noch heute erzählt man sich, so die letzten Strophe, dass in einer klaren Winternacht der Räuber zu sehen ist und die Schöne, zu der er reitet…

The wind was a torrent of darkness among the gusty trees,
The moon was a ghostly galleon tossed upon cloudy seas,
The road was a ribbon of moonlight over the purple moor,
And the highwayman came riding—
Riding—riding—
The highwayman came riding, up to the old inn-door.

Die Aussprache von “breeches” thematisiert.

cavetown: Boy will be bugs

Ein Auszug aus einem Lied eines englischen Musikers mit Youtubekanal; Inhalt: Teenager mit Problemen. Vorgelesen im Tonfall eines Teenagers mit Problemen. Also, einerseits treffend, andererseits vielleicht weniger schwierig in der Gestaltung als andere Werke.

Edgar Guest: Equipment

Ein berühmtes inspirational poem. Tenor: All die Reichen und Berühmten haben ihr Leben auch nur mit der gleichen Ausrüstung begonnen wie du, “my lad”, und es ist deine Aufgabe, das beste daraus zu machen! Rührend, und auf den ersten Blick motivierend, und sehr amerikanisch, und natürlich so was von falsch:

So figure it out for yourself, my lad,
You were born with all that the great have had,
With your equipment they all began.
Get hold of yourself, and say: “I can.”

Shel Silverstein: Sick

“I cannot go to school today,“
Said little Peggy Ann McKay.

Und der Rest ist eine lange wörtliche Rede, was alles mit der kleinen Peggy nicht stimmt, die aber einfach nur keine Lust hat, in die Schule zu gehen, und erst in den letzten Versen merkt, dass ja gar kein Schultag ist – worauf sie ganz schnell gesundet. Mein Favorit ist der eingestürzte Bauchnabel. Ein Schüler meinte, der Autor müsse ja wohl ein besorgter und rührender Vater gewesen sein, und ich musste mir leider aus Zeitgründen einen Exkurs zu “A Boy Named Sue” verkneifen – das kennt man von Johnny Cash und in vielen anderen Versionen, geschrieben wurde es von Shel Silverstein.

Roald Dahl: The Pig

Auch gut geeignet zum Vortrag: Paarreim, ohne Enjambent, also mit das schlichteste, was überhaupt geht, wie es sich für ein Schwein gehört. Und um ein Schwein geht es, das über den Sinn des Lebens reflektiert und herausfindet, dass es geschlachtet und verwurstet werden soll. Glücklicherweise bietet sich vorher Gelegenheit, den Bauern selber aufzufressen. (Als Fußnote darauf hinweisen, dass Schweine Allesfresser sind und es historische Vorbilder gibt.)

William Blake: The Chimney Sweeper

Und zwar das Gedicht von 1789 (aus: Songs of Innocence) und das von 1794 (aus: Songs of Experience). Die Schüler:in hat viel Hintergrund dazu erklärt.

Christina Rossetti: Remember

Ein Sonett. Viele Antithesen, weil ja auch Sonett halt.

TDDL 2021

Leider zu spät daran gedacht, sonst hätte ich das vor ein paar Tagen hier geschrieben: Gestern, heute und morgen sind die jährlich stattfindenden Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt, in deren Rahmen der Ingeborg-Bachmann-Preis (Wikipedia) verliehen wird.

Jeder Kandidat, jede Kandidatin wird dabei in einer Stunde präsentiert: Nach einführenden Worten wird ein Vorstellungsvideo gezeigt, daraufhin lesen Autor oder Autorin fünfundzwanzig Minuten aus ihrem Werk (dieses Jahr auch das per aufgezeichnetem Video), worauf sich die Jury darüber live darüber unterhält. Passt wunderbar in einer Schul-Doppelstunde. Alle Jury-Mitglieder hatten Gelegenheit, vorher den Text zu lesen; der Autor oder die Autorin sind während der Diskussion dazugeschaltet, diskutieren aber nicht mit, sondern müssen nur zuhören. Das Publikum, im Saal oder im Wörthersee, also: irgendwo draußen um das Studio herum, wohin die Aufnahme übertragen wird, hört die Texte zum ersten Mal. Das Publikum ist wichtig, es gibt regelrechte Schlachtenbummler, und in zwei Jahren hätte ich endlich mal Zeit, auch dazu zu gehören.

Es kann für eine Klasse schon interessant sein, da zuzuhören. Heute hatte ich eine passende 10. Klasse in Deutsch: eine Viertelstunde Organisatorisches und einleitende Worte, dann begann um zehn Uhr der Live-Stream – denn inzwischen wird das nicht nur im Fernsehen übertragen, sondern auch im Internet: Hier gibt es die Portraits, Lesungen und die Diskussionen auch zum Nachhören. (Aber live ist für die Schule schon spannender.)

Wir hatten Glück: Die Geschichte und Lesung von Leander Steinmann, “Ein Fest am See” (hier der Text), war für die Schule und diese Jahrgangsstufe sehr geeignet: Nicht experimentell, nicht verwirrend, weitgehend linear, leicht verständlich, ein paar lustige Stellen. Keine Sexszenen. Der Autor stellte sich vor (das Wort “entdeckte” fiel oft) und las sehr gut. Währenddessen schrieb ich meine Meinung versteckt an die Tafel, weil ich als Deutschlehrer gerne eine Meinung habe und die unbedingt teilen muss. Und das nach der Diskussion zu machen, ist wenig sportlich.

Die Diskussion war dann interessant, fast durchgehend auf einem Niveau, dem eine 10. Klasse gut folgen kann. Das Gespräch war von Inhalt und Stil nicht gar so weit entfernt von dem, wie wir uns in der Schule über Literatur unterhalten. Und die Juroren und Jurorinnen hatten unterschiedliche Schwerpunkte und unterschiedliche Meinungen! Das ist immer lehrreich zu hören; wenn ich als Lehrkraft sage, dass man das so oder so sehen kann, und dass ich das vielleicht anders sehe als eine Schülerin oder ein Schüler, dass das dennoch nicht heißt, dass ich Recht habe und die anderen nicht – dann weiß ich nie, ob die mir das auch wirklich glauben. (Wenn etwas gar nicht stimmt, dann sage ich das natürlich auch.)

Ich sah vieles anders als die meisten Jury-Mitglieder, aber meine Klasse war größtenteils bei mir: Der Erzähler war ein Depp, vereinfacht gesagt, und die Geschichte machte nicht klar genug, dass deshalb seine Meinung über andere Menschen arg gefärbt war.

Schön wäre noch gewesen, den Twitter-Hashtag #tddl nebenbei laufen zu lassen. Auf Twitter werden die Textvorstellungen nämlich rege und in Echtzeit diskutiert, aber dazu hätte ich vielleicht mehr Beamerfläche gebraucht und wahrscheinlich die Klasse mit zu viel Input überfordert.

Ted Chiang, Stories of your Life and Others (revisited)

Im April 2019, also spät, habe ich Stories of your Life and Others von Ted Chiang gelesen. Die Geschichten darin und die ganze Sammlung haben mir sehr gut gefallen, warum habe ich damals nicht darüber gebloggt?

Anlässlich eines Podcasts mit Ted Chiang (von dem vorletztes Jahr dann auch endlich eine zweite Kurzgeschichtensammlung erschien) versuche ich mal zu schauen, an was ich mich noch erinnern kann:

  • “Tower of Babylon“
    Sagenhaft. Chiangs erste Veröffentlichung; verdient Preise gekriegt. Es ist Science Fiction im besten Sinn, mit dem Twist, dass es halt in der fernen Vergangenheit spielt: Was wäre, wenn der Turmbau zu Babel technisch möglich wäre, also wenn man halbwegs beliebig Ziegel auf Ziegel türmen könnte? Welche Legenden ranken sich darum, wer sind die Arbeiter, wie arbeiten sie; wie lange dauert der Aufstieg, woher kommt die Verpflegung, welche Infrastruktur ist nötig? Das ist allein schon beste Ingenieur-Science-Fiction, knapp und originell erzählt, und dann kommt halt noch das dazu, was passiert, wenn man den Himmel erreicht.
  • “Understand“
    Relativ konventionelle SF, ein bisschen “Baby is Three”, ein bisschen Scanners? Viel ist nicht hängen geblieben
  • “Division by Zero“
    Wie geht man damit um, wenn die Basis der Mathematik nicht mehr gilt? Keine meiner Favoriten, aber wie eine total ungewöhnliche Geschichte.
  • “Story of Your Life“
    Weiterhin ungewöhnlich. Verfilmt als Arrival, und daher kannte ich die Geschichte schon. Klassische Science-Fiction-Motive, aber mit neuen Aspekten. Und, anders als so viel andere gute SF, alles sehr gut erzählt.
  • “Seventy-Two Letters“
    Wieder ein Favorit. Science Fiction, nur wieder in der Vergangenheit, in einer Steampunk-Welt, mit Golems und Kabbalah und einer gänzlich anders funktionierenden Genetik. Und doch: beste SF.
  • “The Evolution of Human Science“
    Mehr ein Gedankenspiel als eine Geschichte. Wie geht man damit um, wenn ein Teil der Menschheit superintelligent wird? Untersucht wird, wenn ich mich richtig erinnere, nur der Aspekt der Entwicklung der Wissenschaft, insofern ein wenig “Divisin by Zero” zu vergleichen.
  • “Hell is the Absence of God“
    Oh ja. Tolle Geschichte. Wieder beste SF: Was wäre wenn, und dann durchgezogen. Was wäre wenn… es Erzengel gebe, und Gott, aber mehr so alttestamentarisch-weird. Schräg und folgerichtig zugleich.
  • “Liking What You See: A Documentary“
    Eine der konventionellsten Geschichten, wenn auch in einer Reihe von Interviews erzählt, aber auch die hat mir sehr gut gefallen. Es geht um eine Gesellschaft, in der man wählen kann, in der viele wählen, das Empfinden für die Schönheit von einzelnen Menschen abzuschalten. Eine Art Young Adult Fiction, oder habe ich das falsch im Kopf?

Der Podcast, der mich wieder daran erinnert hat:
NYTimes, March 30 (2021) episode of “The Ezra Klein Show.” Transcript: Ezra Klein Interviews Ted Chiang (gibt’s auch bei Youtube, den Podcast)

Was ich daraus an klugen Gedanken mitgenommen habe:

Chiang mag an Superhelden nicht, dass es dabei immer um Helden oder Heldinnen geht, die anders sind als wir, die spezielle Fähigkeiten haben – klüger, stärker, und so weiter; und das könne auch gar nicht anders sein. Da stimme ich ihm zu. Batman mag nominell keine Superkräfte haben, aber de facto natürlich schon. Es gab zaghafte Versuche, etwa einen fünfzehnjährigen Schulbuben zum Superhelden zu machen statt der üblichen Muskelpakete – Spider-Man, um genau zu sein, aber der war bald auch älter und muskulöser, und schon immer supergescheit. Dann gab es Captain Universe – “the hero who could be YOU!” Der war mehr eine Energiewolke, die sich mal über den einen, mal über den anderen Menschen senkte und den oder die zu Captain Universe machte, immer mit den gleichen kräften und dem gleichen Kostüm, aber halt einem deutlich sichtbar anderen Menschen darunter. Auch Tante May war mal Captain Universe, glaube ich.

Chiang beklagt, dass Superhelden und ‑heldinnen fast immer gegen Superschurken kämpfen und nie gegen das Übel, das durch das gesellschaftliche System verursacht wird. Er gibt zu, dass das anders sein könnte, aber selten ist – weil das alles Serienfiguren sind, und deshalb die Welt immer gleich bleiben muss. Klar: Wenn die Superhelden den Kapitalismus abschaffen oder auch nur die Umweltverschmutzung, dann ist die Welt danach anders als zuvor und nicht mehr unsere Welt. (So etwas kann eine Serie wie Perry Rhodan machen, die schon bald aufgehört hat, in unserer Welt zu spielen, und zumindest ein bisschen die Übel unserer Welt angeht – allerdings auf andere Art dennoch unveränderlich ist, weil der Leser und die Leserin ja doch nur die Illusion von Veränderung wollen, aber keine tatsächliche.) – Das fand ich alles sehr klug von Ted Chiang. Es gab mal eine kurze Reihe von Heften, in denen die Squadron Supreme, eine Gruppe von Superhelden und Superheldinnen mit kurioser Entstehungsgeschichte, die Regierung ihrer Welt – die nicht die unsere ist, sondern eine Parallelerde – übernehmen, nur kurz und nur zu ihrem besten. Geht natürlich nicht gut als.

Außerdem wird Chiang zu Clarke’s law gefragt: “Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.” Das gefällt ihm nicht – weil für ihn Magie etwas ist, das nur speziell Befähigte einsetzen können, Geheimwissen, oder wie bei den Superhelden; während Technik früher oder später für alle da ist: kaum ist ein Handy erfunden, hat auch schon jeder eines. Vielleicht habe ich Chiang nicht ganz verstanden, jedenfalls sehe ich das nicht so eng wie er. Den Hintergrund zu diesem, dem dritten der Clarkeschen Gesetze, kenne ich nicht; aber für mich war das immer ein Hinweis auf typische Geschichten der 1950er Jahre, noch vor Clarkes Rendezvous with Rama: ein außerirdisches Artefakt, oder eine Artefakt aus der Zukunft, landet bei Menschen von heute; die glauben erst, wunder was damit anfangen zu können, aber es geht doch alles in die Hose. Und dann ist klar, dass es nur ein solches Artefakt gibt, und nur einen, der es nutzen kann und damit wieder so eine Art Superheld oder Magier wird. Und deswegen ist das wie Magie auch eben nicht für alle und jeden.

Wenn ich wieder Zeit zu lesen habe – im Moment sind mündliche Abiturprüfungen, die letzte, diese und wohl auch noch die nächste Woche – freue ich mich auf den zweiten Geschichtenband von Ted Chiang.

Der IT-Imperativ

Hessen stellt für das Abitur in Informatik in Java Namenskonventionen auf: Java-Styleguides der Abiturkommission, orientiert an anderen Konventionsgebern. Vieles davon ist sinnvoll. Aber an folgende, auch in Bayern verbreitete Regelung halte ich mich schon einmal nicht:

Attributnamen beginnen im Englischen immer mit einem Kleinbuchstaben und im Deutschen mit einem Großbuchstaben, da sonst gegen die Lesegewohnheiten verstoßen wird. Ich ergänze: da sonst auch gegen die Rechtschreibung verstoßen wird. Im Deutschen beginnen Substantive wie Alter, Gehalt und Verbrauch mit einem Großbuchstaben. Im Informatikunterricht diese mit Kleinbuchstaben beginnen zu lassen, ist im Sinne des sprachsensiblen Fachunterrichts vollkommen kontraproduktiv.

via Twitter: https://twitter.com/a_siebel/status/1401618841533358084

Meine Attributsbezeichner haben auch im Deutschen einen Kleinbuchstaben vorn, in Java und in Python. Warum: müßig. Ich habe auch nichts dagegen, wenn andere das anders machen, aber dann bitte mit legitimen Begründungen. Das mit der Rechtschreibung und dem sprachsensiblen Fachunterricht halte ich für Humbug. Dass diese Nichtsprachler immer meinen, für ihren völlig legitimen Geschmack fachwissenschaftliche Argumente heranziehen zu müssen. Die Richtlinien gehen dann ja auch so weiter:

Operationsnamen beginnen in der Regel mit einem Verb, gefolgt von einem Substantiv, z. B. zeigeFigur, leseAdresse und heißen getAttributname bzw. setAttributname, wenn nur ein Attributwert eines Objektes gelesen bzw. gespeichert wird. Wenn eine Operation mehr macht als nur Attributwerte zu lesen oder zu speichern, wird get bzw. set durch z. B. gib und setze ersetzt.

Abgesehen von dem get-gib-Mischmasch sagt der sprachsensibel Unterrichtende in mir: Der Imperativ Singular von “lesen” ist “lies”. Es müsste heißen, wenn man hier Richtigkeit einfordert, liesAdresse. Klar ist hier nur von Verben die Rede, ohne eine bestimmte Form des Verbs zu nennen – aber in allen Beispielen und in der Konvention geht es immer um den Imperativ Singular – gelegentliche Hilfsverben allerdings in der 3. Person. Die Form “lese” ist, hm, vielleicht Konjunktiv I? Im Spanischen wird zumindest bei der verneinten Befehlsform das Konjunktiv-Äquivalent verwendet, das wäre also schon denkbar. Aber wahrscheinlich ist es einfach so, dass sich der ursprüngliche Konjunktiv des starken Verbs “lesen” der Form eines schwachen Verbs annähert. So wie: Hören/hör(e), springen/spring(e), setzen/setz(e), zeigen/zeig(e) – und dann eben auch lesen/lese. Aber nie “lese”, komisch. Etwas stabiler sind ähnlich starken Verben geben und nehmen – obwohl da der Konjunktiv des Kochbuchs auch schon imperativische Bedeutung hat: “man nehme”, und “gebe Antwort” habe ich sicher auch schonb öfter gelesen, nämlich: in der IT.

Ich gebe nämlich der IT die Schuld. Da lese ich nämlich, wie im Beispiel oben, fast nur von “lese” – lese die Anleitung, lese auf Seite 4 nach, auch auf schlecht übersetzten GUI-Buttons steht dann mitunter mal “lese”. Fehlt nur noch eine Kampagne: “Lese öfter mal ein Buch!”

Tatsächlich habe ich mit dem Sprachwandel an sich kaum ein Problem. Und gerade starke Verben nehmen immer mehr schwache Konjugationsmuster an, es gibt sehr viele Mischformen. Und so ist heutzutage, vielleicht, der Imperativ von “lesen” tatsächlich auch schon “lese” – ich traue mich nicht, nachzuschlagen.

Vielleicht kann die IT auch gar nicht so viel dafür und das ist bei, sagen wir, den Fischern ähnlich verbreitet. Ich lese halt mehr IT-Texte statt Angelsport-Material. Und vermutlich bin ich halt nur als Deutschlehrer so pingelig. Andererseits: Siehe oben.