Seifen

Seit einiger Zeit haben wir in diesem Haushalt kein Duschgel mehr, sondern waschen uns mit Seife. Die Älteren erinnern sich: So war das früher! Da kam Zahnpasta in Tuben, deren Inhalt man taktisch geschickt ausquetschen musste, um an die zweite Hälfte des Inhalts zu gelangen. (Ein Motiv in launiger Partnerbeziehungscomedy waren Unvereinbarkeiten hinsichtlich des Quetschweise.) Und man wusch sich beim Duschen mit Seife. Erst nach meiner Kindheit tauchten Plastikflaschen mit Duschgel auf. So konnte Otto 1979 noch folgenden Sketch im Fernsehen bringen:

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Ein kurzer Test bei meiner 7. Klasse: Die findet das immer noch witzig, und niemand war verwirrt, warum der komische Mann hier Seife zur Reinigung verwendet statt Duschgel.

Shampoo kam jedoch auch in meiner Kindheit schon in Plastikflaschen. Oder? Ich kann mich jedenfalls nicht an Seife erinnern, aber das muss nichts heißen.

Zu Weihnachten schenkte uns die umweltbewusste Nichte Shampoo in Seifenform. Sieht aus wie Seife, tut man kurz an die Haare, schäumt und fühlt sich an wie Shampoo. Ohne Plastikflasche. Ich weiß noch nicht, wo die Nichte die Shampooseife herhatte, die abgebildete oben ist mit 10 Euro noch deutlich im Muss-man-sich-leisten-können-Bereich. (Hält aber auch lange.)

Datenschutz an der Schule

Sehr neugierig hat meine 7. Klasse ins schräg gegenüberliegende Klassenzimmer der Parallelklasse geschaut, wo der Mathematiklehrer die Notenverteilung der letzten Prüfung an die Tafel geschrieben hatte – die gleiche Prüfung, mit den gleichen Aufgaben, die auch meine Klasse abgelegt hatte. Weil man schon recht gerne die Noten mit der Parallelklasse vergleicht. Es haben nur die Operngläser gefehlt.

Isak Dinesen, Seven Gothic Tales

Diese Sammlung von sieben Geschichten war 1934 die erste Buchveröffentlichung von Isak Dinesen (Karen Blixen, in Deutschland auch Tania Blixen). Die Erstausgabe begann mit einem Vorwort von Dorothy Canfield und diesen Worten:

The person who has set his teeth into a kind of fruit new to him, is
usually as eager as he is unable to tell you how it tastes.

Ich möchte mich dem anschließen und fragen: „War es ein Bär oder ein Russe oder was?“ Das ist eine Fragen, die Charles G. Finney seinem kurzen Roman The Circus of Dr Lao im Anhang „Offene Fragen, offene Widersprüche und Unklarheiten“ anfügt. Die Frage, was ich da eigentlich gelesen habe, wird mich noch einige Zeit beschäftigen. Eines wurde mir schon im Lauf der ersten Geschichte klar und später immer deutlicher: Diesem Erzähltonfall, diesen erschaffenen Welten (und Geschichten erschaffen stets wackere neue Welten) war ich noch nicht begegnet.

Dabei kam mir der Ton gleichzeitig von Anfang an wundersam vertraut vor. Die erste Geschichte beginnt nicht nur im gemächlichen Novellentonfall des frühen 19. Jahrhunderts, sie bietet auch tatsächlich die ältere typische Form der Novellensammlung mit einer gefährlichen Situation als Rahmenhandlung und Binnenerzählungen der Figuren darin. Ich musste gleich an Goethes Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter denken. Auch wenn die Binnenerzählungen bei Dinesen naturgemäß kurz sind: Diesen Erzähltonfall kenne ich nur aus den Novellen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. — Poe wird gelegentlich zum Vergleich mit Dinesen angeführt, pah, schreibt ganz anders. Guy de Maupassant, ebenso. Prosper Merimée, Théophile Gautier: vielleicht, an die kann ich mich nur dunkel erinnern. Geistergeschichten von M.R. James oder Arthur Machen, Wells oder Kipling: Nein, mindestens der letztere erzeugt auch ganz eigene Welten, aber sie schreiben alle moderner, zeitgemäßer. (Le Fanu vielleicht?) Dinesens Geschichten wirken auf mich wie aus der Zeit gefallen, erinnern mich an Motive und Duktus bei Eichendorff und E.T.A. Hoffmann, also die deutsche Romantik hundert Jahre zuvor.

Das allerdings jeweils mit einem Schuss Borges darin. Aber gut, die deutsche Romantik kann auch ziemlich schräg sein: Hoffmann hat „Heimatochare“, eine Briefnovelle über zwei befreundete Naturkundler auf Hawaii, die sich wegen einer Inselschönheit in die Haare kriegen und einander wegen ihr töten. Erst spät stellt sich heraus, dass es um eine Laus geht, die zu einer unentdeckten Art gehört. Chamisso hat den Mann ohne Schatten, Ludwick Tieck das Paar, das die Treppe zu ihrer Dachwohnung verheizt (so wie Phileas Fogg den Zug), von Achim von Arnim werden in einer Geschichte „eine alte Hexe, ein Toter, der sich lebendig stellen musste, eine Schöne aus Tonerde und ein junger Mann, aus einer Wurzel geschnitten“ in einer Kutsche versammelt, und von Karl Immermanns Münchhausen fange ich erst gar nicht an.

Blixen/Dinesen war Dänin. Ich weiß nichts über dänische Literatur, ich weiß nicht, welche Wurzeln Blixens Geschichten dort haben. Die auf Englisch geschriebenen Geschichten heißen „gothic tales“; sie enthalten meist übernatürliche Elemente, sind aber nie Geistergeschichten im klassischen Sinn. Schräg sind sie. Die sieben Geschichten hängen nicht zusammen. Aber sie verwirren, und so suchte ich auch zwischen den Geschichten nach Sinn und Zusammenhängen. In der einen taucht eine irritierende Spiegelszene auf, in der anderen gibt es eine ganz ähnliche Szene. Derselbe Spiegel am Ende? Überhaupt, Spiegel tauchen immer wieder auf. Und Don Giovanni, und Elsinore. Totenschädel spielen immer wieder eine kleine Rolle. Die eine Geschichte erwähnt Sklaverei, die nächste beginnt mit einem Sklaven; in der einen hört man von einem, der vor der Hochzeit flieht, in der nächsten gibt es das in anderer Form wieder; in einer wird von einem Affen erzählt, die nächste heißt gleich so. Die Hauptperson in einer Geschichte ist eine Nebenfigur in der folgenden.

Und immer wieder tauchen kleinere oder größere Heresien auf, hier gesammelt, weil ich sie interessant fand:

  • Vor dem Sündenfall war die Erde flach, und der Teufel war es, der die dritte Dimension hinzugefügt hat. Der Apfel war ja auch rund. („The Deluge at Norderney“)
  • Nicht die Menschheit ist gefallen, sondern Gott: Die heutige Generation im Himmel ist nicht mehr das, was sie mal war; der Gott, der die Sterne, das Meer und die Wüste erschaffen hat, Homer und die Giraffe, der kann nicht derselbe sein, der heute „the King of Belgium, the Poetical School of Schwaben, and the moral ideas of our day“ unterstützt. („The Deluge at Norderney“)
  • Wir lieben das, was Nein zu uns sagt. Die Erde sagt Ja und das Meer sagt Nein, und deshalb lieben wir das Meer, und Gott Nein zu uns sagen zu hören, das ist gut. („The Supper at Elsinore“)
  • Nachdem man sich nicht vorstellen kann, dass Gott eine Ewigkeit mit dem Kaiser von Österreich und der Schwiegermutter des (aktuellen) Erzählers verbringen will, sind Himmel und Hölle für fiktive Gestalten wie Don Giovanni oder Odysseus oder Don Quixote erschaffen worden – Ziel von Gottes Schöpfung sind die fiktiven Figuren der Literatur; die Menschen sind nur das Mittel zum Zweck. („The Roads Round Pisa“)
  • Wer Gott liebt, muss Spaß verstehen. („The Dreamers“)
  • Hat der heilige Petrus die Geschichte mit dem dreifachen Hahnenschrei herumerzählt, oder woher weiß man davon? („The Poet“)
  • Religionen sind wie ein Schild „Hier Wäscherei“, das man im Fenster eines Ladens sieht, aber der Laden ist ein Trödelladen und verkauft Schilder und wäscht keine Wäsche. Aber das Schild ist Beweis dafür, dass zumindest irgendwer irgendwann an den Sinn des Wäschewaschens geglaubt hat und die Existenz einer Wäschemangel. („The Poet“)

Zu den einzelnen Geschichten:

The Deluge at Norderney: An der Nordsee gibt es in den 1830er Jahren eine überraschende Sturmflut, vier Flüchtende verbringen eine Nacht im oberen Stock eines einsturzgefährdeten Bauernhauses: Ein alter Kardinal, ein junger Mann, eine feine alte Dame auf Urlaub, ihre Ziehtochter Calypso von Platen (auf der Flucht vor ihres Onkels August Gedichten; kein Scherz). Während unklar ist, ob sie gerettet werden, erzählen sie sich ihre Geschichten. Tatsächlich nimmt die Handlung dann auch einen unerwarteten Verlauf, der Boden des Lesers ist so unsicher wie die Situation der Figuren. Und: Ich musste viel nachschlagen und ein bisschen Französisch herauskramen; ein englisches Publikum hätte mit Norderney, August von Platen, der französischen Revolution vielleicht noch mehr Schwierigkeiten. (Mit: Totenschädel, Spiegel, Marionetten.)

The Old Chevalier: Die konventionellste Geschichte. Aber immer noch mit reichlich Leerstellen. (Mit: Totenschädel, Spiegel, Don Giovanni, Affe. Keine MArionetten, aber Puppen.)

The Monkey: Boris, ein junger Offizier, flieht vor einem Homosexuellen-Skandal zu seiner Tante, Äbtissin eines Klosters, die für ihn schnell eine Braut aussuchen soll. Die heißt Athena, wohnt mit ihrem Vater in Draculas Schloss, und will nicht heiraten. Und es gibt einen Affen. Erinnerte mich an Eichendorff, „Die Entführung“, nur sinistrer, und wenn Athena Boris ins Gesicht schlägt, schlägt sie ein paar Zähne aus. (Mit: Affe, Totenschädel, Spiegel, Don Giovanni, Marionetten.)

The Roads Round Pisa: Graf Augustus, ein junger melancholischer dänischer Adliger, hilft einer alte Dame, die mit ihrer Kutsche verunglückt ist („The Old Lady’s Story“). In ihrem Auftrag reist er Richtung Pisa und übernachtet in einer Osteria, andere Gäste sind eine junge Frau, als Mann verkleidet („The Young Lady’s Sorrows“) und ein örtlicher Prinz („The Story of the Bravo“), dessen ein wenig kryptische Geschichte ein Duell mit einem jungen Mann provoziert, ohne dass recht klar wird, was da eigentlich genau vor sich geht. Auch die Marionettentheater-Aufführung hilft nicht viel, bevor es am Morgen zum Duell und so etwas wie einer Aufklärung kommt. Natürlich hängen sämtliche Binnengeschichten zusammen, und wer die Puzzlesteine richtig zusammenbaut, erfährt, was da eigentlich alles vor sich gegangen ist. Nun bin ich ein wirklich gründlicher Leser, aber auch ich habe erst zwei Tage nach der Lektüre und mit Hilfe eines Kommentars im Web das allerletzte Fragezechne schließen können, dann aber mit einem „Ahh… natürlich!“ Man muss übrigens nicht hinter alles kommen wollen; das Rätsel in „The Old Chevalier“ hat vermutlich keine greifbare Lösung, und auch das ist in Ordnung. Dinge geschehen, manchmal kann man sie sich erklären, manchmal nicht. (Mit: Elsinore/Dänemark, Spiegel, Don Giovanni, Goethe, Graf Augustus, Marionetten.)

The Supper at Elsinore: Zwei alte Damen treffen sich mit dem Geist ihres geliebten, toten Bruders, der einst kurz vor seiner bevorstehenden Hochzeit verschwunden war. Er erzählt – wieder Binnenerzählungen, aber nur knappe – von seinen Erlebnissen. (Mit: Spiegel, Totenschädel, Elsinore/Dänemark, Sklaverei, Flucht vor der Hochzeit, Schiff, Marionetten.)

The Dreamers: 1863 ist eine Dau im indischen Ozean auf dem Weg nach Sansibar, an Bord befinden sich drei Männer: Aus dem zweijährigen Exil zurück ist Said Ben Ahamed, „der Sohn von Tippo Tips Schwester, und selbst ein Favorit dieses großen Mannes.“ Er fährt nach Hause, um Rache zu üben. Viele mächtige Männer in Sansibar würde eiligst ihren Besitz packen und fliehen, wenn sie von seiner Ankunft wüssten. Klingt spannend? Pech gehabt: Mehr erfahren wir nicht über ihn, die Rache, Tippo Tip, seine Schwester. „Von seiner Rache, als sie denn kam, haben andere Erzählungen berichtet.“ Ich kenne keine, aber Wikipedia bietet einen Ansatz.

Dann ist da der Geschichtenerzähler Mira Jama, der erklärt, warum er keine Geschichten mehr erzählt: Er hat zu viel erlebt, so viel Böses ist ihm zugestoßen, so viele Geister hat er gesehen, dass er die Dinge zu gut kennt und keine Furcht mehr hat, und damit kann er nicht mehr erzählen. Nur im Traum, da kennt er noch Furcht und freut sich an ihr.

“Well, yes, alas,” said Lincoln, turning around on his side, “what is life, Mira, when you come to think upon it, but a most excellent, accurately set, infinitely complicated machine for turning fat playful puppies into old mangy blind dogs, and proud war horses into skinny nags, and succulent young boys, to whom the world holds great delights and terrors, into old weak men, with running eyes, who drink ground rhino-horn?”
“Oh, Lincoln Forsner,” said the noseless story-teller, “what is man, when you come to think upon him, but a minutely set, ingenious machine for turning, with infinite artfulness, the red wine of Shiraz into urine?”

Und es gibt Lincoln, ein junger Europärer, der eigentlich eine junge Witwe heiraten soll, aber ausbüchst. Sein Vater schreibt ihm einen wunderbar passiv-aggressiven Brief: Er (der Vater) verzeiht ihm, weil er bei der Beschäftigung mit den Familienarchiven herausgefunden hat, dass es die Familie nur deshalb zu Reichtum und Ansehen gebracht hat, weil es in jeder Generation ein schwarzes Schaf gibt, sozusagen ein Opferlamm. All die Makel und Fehler, die sonst auf die ganze Familie verteilt würden, liegen bei diesem einen Auserwählten, und so gibt der Vater diesem Sohn seinen Segen – er soll so ungehorsam, schwach und sündhaft sein, wie er will, um der Familie das nötige abschreckende Beispiel zu sein. (Worauf der Vater selber die zurückgelassene Braut heiratet.)

In Rom trifft Lincoln Olalla, eine Kurtisane, große Liebesgeschichte, bis ein alter Jude auftaucht, von dem sie behauptet, sie habe ihm ihren Schatten verkauft. Dann ist sie plötzlich verschwunden. Auf der Suche nach Olalla trifft er einen alten und nicht sehr geschätzten Bekannten, Pilot:

If he ever found in himself any original taste at all, he made the most of it. Thus he would go on talking of his preference for one wine over another, as if he meant to impress such a precious finding deeply upon you. A philosopher, about whom I was taught in school and whom you would have liked, Mira, has said: “I think; consequently I am.” In this way did my friend Pilot repeat to himself and to the world: “I prefer Moselle to Rhenish wine; consequently I exist.”

Pilot erzählt seine eigene Geschichte, nämlich wie er in Luzern in eine Putzermacherin verliebt war und durch sie in Revolutionswirren geriet und den Bischof von St. Gallen erschoss. Die Geliebte verschwindet spurlos, ein alter Jude erscheint. (Lincoln horcht auf; seine eigene Geschichte kennen seine Gegenüber noch nicht.) — Der Begleiter dieses Bekannten, Baron Guildenstern, erzählt nun wiederum seine Geschichte: Unter alten geflüchteten Aristokraten weilend warb er einst eine nicht ganz so alte Dame, zurückgezogen und brav, aber wohl mit Vergangenheit. Auch hier taucht ein alter Jude als Vertrauter auf. Der Baron, ein gefühlskalter serieller Verführer, nimmt an einem Wettbewerb teil: An einem Tag drei Meilen reiten, drei Flaschen des örtlichen Weins trinken und mit drei Frauen schlafen. (Reihenfolge egal.) Er schafft es auch ins Zimmer der zu Verführenden. Die dreht die Situation um:

‘Listen for one moment,’ she said. ‘Here we are all alone. There is no one in the house but we and my maid who brought you here, that pretty girl. Are you not afraid?

Sie spielt auf Don Giovanni an, wo die rächende Figur des Commandante den Verführer holt, deutet ein ähnliches Schicksal für den Baron an. Dann bezeichnet sie sich als „shining bubble“, dessen Zeit zu gehen gekommen ist: „The people, and her creator even, were becoming too fond of her. You give her her great tragic end. No other man in the world, I think, could have done that so well.“ Sie kündigt sozusagen die Schritte der Statue an, der Baron-Erzähler beschreibt beim Erzählen noch einmal diese Frau, insbesondere die Narbe an ihrem Hals – die Pilot als Narbe seiner revolutionären Putzmacherin erkennt, worauf wir aus der Geschichte geworfen werden. Auch Lincoln erkennt anhand der Narbe (sie ist in seiner Erzählung erwähnt) seine Olalla. Während sich alle mit offenen Mund anstarren, kommen Gäste in die Gastwirtschaft: Eine Frau – vielleicht die Frau? – und unabhängig von ihr ein alter Jude. Die Frau, angeblich eine angesehene Ratsherrengattin, verschwindet gleich wieder; die drei in einer Kutsche hinterher. Schneesturm. Es folgt nach einigen dramatischen Szenen die Geschichte des alten Juden.

Was später aus seinem Freund wurde, hat Lincoln einmal von einem deutschen Geistlichen am Kap der Guten Hoffnung erzählt bekommen. Oder er, Lincoln, habe sich das ausgedacht; er weiß es nicht mehr genau. War es ein Bär oder ein Russe oder was? (Mit: Don Giovanni, Sklaverei, Flucht vor der Hochzeit, Schiff.)

The Poet: Eine unglückliche Liebesgeschichte. Mathiesen, ein alter Däne, der gerne Dichter wäre, aber doch nur Mäzen ist, benutzt seine Verlobte (die wieder ihre ganz eigene Geschichte hat und in einer zauberhaften Szene nachts heimlich Ballett tanzt) und einen jungen Dichter, den er zu Großem berufen sieht, als Marionetten. Pflückte Mathiesen das gelbe Stiefmütterchen absichtlich? War der Vater der Braut Handelskapitän oder Theaterleiter? Ein Bär oder ein Russe? (Mit: Goethe, Spiegel, Graf Augustus, Elsinore/Dänemark. Keine Marionetten, aber Puppen. Haschisch – nicht wichtig, ist mir nur aufgefallen, weil mich die vorhergehende Geschichte an Lord Dunsany erinnert hatte. Kein Don Giovanni, aber ein schwarzer Opernmantel.)


Zum Wiederlesen: Alle. „The Monkey“, weil ich noch ein bisschen mehr verstehen möchte, „The Roads Round Pisa“ und „The Dreamers“, weil ich verschachtelte Geschichten mag und noch ein bisschen mehr nachvollziehen möchte, und „The Poet“. Auf Deutsch übersetzt, aber nur antiquarisch erhältlich.

Fridays for Future

Auch an meiner Schule waren letzten Freitag einige Schüler und Schülerinnen in München streiken und nicht im Unterricht. Der Hintergrund: Unter dem Motto „Fridays for Future“ streiken an vielen Orten auf der Welt Schüler und Schülerinnen, um für den Klimaschutz zu demonstrieren – um die Entscheider daran zu erinnern, gefälligst und bald etwas zu tun.

Ihr Vorbild ist die schwedische Schülerin Greta Thunberg, die seit Monaten jeden Freitag die Schule bestreikt und vor kurzem im Weltwirtschaftsforum in Davos eine Rede hielt. Für diese Rede wird sie von manchen gelobt, von anderen kritisiert, aber das überrascht sicher niemanden. Video hier:

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Morgen thematisiere ich das mit der 7. Klasse. Da üben wir gerade das Argumentieren (als Vorbereitung auf eine größere Übung), und die Klasse wünscht sich andere Themen – bisher ging es um Schule und unmittelbare Lebenswelt der Kinder. Sie wollen sicher aber viel lieber beschäftigen mit Themen aus den Bereichen, ich zitiere: Umwelt, Syrien, Europa, Sport, Politik (womit sie wohl: gesellschaftliche Themen meinen). Laut Kultusministerium soll ich das zwar nicht, weshalb das auch sicher keine Prüfungsthemen werden – der aktuelle Trend geht zu Prüfungen mit Begleitmaterial (damit man wenigstens etwas über das Thema weiß) und hin zu Themen, die sich konkret auf das Fach Deutsch beziehen: Kultur, Literatur, Bildung, aber eben nicht mehr: Gentechnik oder Kernkraft, wie ich sie noch aus meiner Schulzeit kenne.

Das ist einerseits sinnvoll: Man soll schreiben von dem, was man versteht. Andererseits ist das schlecht, weil dann gar kein Fach mehr da ist zur schriftlichen intellektuellen Auseinandersetzung mit gesellschaftlich relevanten Themen. Das sollen in Zukunft wohl die anderen Fächer machen, im Fach Physik sollen die Schüler und Schülerinnen in Zukunft laut dem neuen Lehrplan im Web Kommentare zur Kernkraft sammeln und bewerten. Mmh. Ein interessanter Ansatz, ich verstehe den Gedanken dahinter, vermute aber, dass das erst mal nur 1 Seite im neuen Physikbuch sein wird, die man vielleicht sogar überspringt.

— Jedenfalls: Was tun mit den Schülern und schülerinnen, die die Schule bestreikt haben, um Demonstrieren zu gehen? Das Kultusministerium hält sich wohl bedeckt und lässt das die Schule in eigener Regie handhaben. Ich habe keine Ahnung, wie viele bei uns betroffen sind, vermutlich nicht viele; und keine Ahnung, ob und wie das geahndet wird. Dürfte ich ja auch gar nicht schreiben. Aber Theorien, was man tun sollte, die habe ich aufgeschnappt, darunter vor allem die:

  1. Ignorieren.
  2. Verweis geben (=Akteneintrag, Ordnungsmaßnahme, nicht zu Verwechseln mit einem Schulverweis).
  3. Nachsitzen lassen, aber mit irgendeiner sinnvollen gesellschaftlichen Aufgabe.

Lustig, also ernst, wird’s ja nur, wenn das häufiger auftritt, also etwa jeden Freitag, oder wenn mal eine Prüfung ansteht.

Ich finde, die Schüler und Schülerinnen haben ein Recht auf einen Verweis. Die Wirkung der Demo entsteht ja nicht dadurch, denke ich, dass ein paar tausend Schüler sich in München versammeln, sondern dadurch, dass sie das System zwingen, zu reagieren. Beim Ignorieren geschieht das nicht, und auch der Verweise ist nur eine kleine Reaktion. Am albernsten finde ich das Nachsitzen lassen. Das müssten dann doch eher die, die nicht zur Demo gegangen sind?

Ohne dass ich mit betroffenen Schülöern und Schülerinnen gesprochen hätte: Die sind sicher entsetzt, wenn das Streiken irgendwelche schulischen Konsequenzen hat. Weil das doch für eine gute Sache war.

(Siehe auch: Kinderkreuzzug?)

Wochenende

Heimkehr von einer fröhlichen Feier.

Spät und schön gefeiert. Dementsprechend müde gewesen am nächsten Tag. Trotzdem brav gelaufen, Zombies gejagt, Podcast veröffentlicht.

Für das Mediencurriculum Lehrpläne gelesen, auch der anderen Fächer. Ja, aus Misstrauen und Erfahrung. In Sport 10 steht jetzt drin: „gegenseitiges Feedback zur Schiedsrichtertätigkeit auch unter Zuhilfenahme digitaler Analysemethoden“. (Daneben: Autogenes Training und Gesellschaftstanz.) Bin sehr gespannt, wie sich das in der Realität niederschlagen wird, zumal das Aufzeichnen von Schülern und Schülerinnen datenschutzrechtlich schwierig ist.

Durch die Presse ging vor ein paar Tagen, dass in Sachsen Lehrmaterial an Schulen verwendet wird, das von „europiden, negriden und mongoliden Menschenrassen“ spricht. Große Aufregung. Tatsächlich steht das so ähnlich im aktuellen Lehrplan von Sachsen, Biologie, Gymnasium, S. 32 (letzte Überarbeitung: 2017): „Merkmale von europiden, negriden und mongoliden Menschen“ – soweit ich weiß, sind diese Begriffe wissenschaftlich schon lange überholt. Direkt danach steht zwar: „Antirassismus als Gebot des Humanismus“, aber das macht es nicht viel besser – nachdem man kurz vorher nahelegt, dass es so etwas wie Rassenmerkmale gibt, soll man sie jetzt dann wohl nur aus humanistischen Gründen leugnen. Dabei fehlt nach aktuellem Konsens ja schon die wissenschaftliche Grundlage dafür.

Apropos aktueller Konsens: Ich bin, bei aller Liebe zum kantischen Selberdenken, ein großer Freund des Mainstreams. Abseits des Mainstreams gibt es Leute mit Geheimwissen, dass vom Mainstream (Big Pharma, Main Stream Media, Staat und Industrie) unterdrückt wird: Impfgegner, Homöopathen, Schröpftherapeuten, Brain-Gym-Jünger, Reichsbürger, Birther, Truther, Flacherdler, Holocaustleugner – sie alle eint die Verschwörungstheorie, alle fordern Sie, dem Establishment zu misstrauen.

Sonstiger Status: Lese gerade spannendes Buch, komme aber vor überbordendem Notizenmachen nicht weiter.

Schneefrei! (2019 Edition)

Am Freitag, den 11. Januar 2019 fiel an den Gymnasien im Landkreis der Unterricht aus. Die Entscheidugn des Landratsamts wurde am Donnerstagmittag bekannt gegeben; Jubel in den Klassenzimmer. Und so musste am Freitag nur eine kleine Rumpfbesatzung an Lehrern und Lehrerinnen in der Schule bleiben – um Schüler oder Schülerinnen, die dennoch in die Schule gekommen wären, Herberge bieten zu können. Tatsächlich waren aber alle zu Hause geblieben, jedenfalls nicht in der Schule.

Ich will das hier nur aus Chronistenpflicht festhalten. Denn dass es das letzte Mal im März 2006 und Januar 2007 schneefrei gegeben hat, das weiß ich nur deshalb, weil ich das hier im Blog aufgeschrieben habe.

Ist das in Ordnung, dass mündliche Noten so viel besser sind als schriftliche?

In Bayern gibt es wie in allen Ländern verschiedene Möglichkeiten, Noten zu machen, aber vor allem gibt es mündliche Noten und schriftliche Noten. Schriftliche Noten sind meistens größere oder kleinere, angesagte oder überraschende Prüfungen, die sich auf einen kleineren oder größeren Zeitraum beziehen können. Mündliche Noten fallen dabei deutlich besser aus als schriftliche. (Weiß schon, Ausnahmen, ist aber dennoch so, da sind wir uns wohl einig.)

Die schriftlichen Noten zählen dabei mehr als die mündlichen. (Auch das kann man differenzieren; es gibt kleine und große Leistungserhebungen, und große zählen mehr, und meist sind die mündlichen klein und die schriftlichen groß – aber, kurz gesagt, schriftliche zählen in den wissenschaftlichen Fächern mehr.)

Als die ersten Schüler und Schülerinnen des plötzlich eingeführten achtjährigen Gymnasiums am Ende der 9. Klasse waren, wurden die Regelungen für die neue Oberstufe beschlossen, also für die 11. und 12. Klasse. Und die hießen unter anderem de facto: Die mündlichen Noten in der Oberstufe werden stärker gewichtet als bisher, stärker als in Unter- und Mittelstufe.

Beschlossen wird so etwas von der Exekutive, also dem Kultusministerium. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ernsthafte Didaktiker dafür ihren Namen hergegeben haben oder dass ein echter didaktischer Grund dafür bestand, die mündlichen Noten aufzuwerten, es sei denn mit dem Ziel, Noten irgendwann einmal ganz abzuschaffen. (Ein hehres Ziel, aber ich lebe in der Praxis.) Der tatsächliche Grund dürfte der gewesen sein, eine drastische Notenverschlechterung im G8 zu vermeiden, das ja politisch ein Erfolg werden musste.

Und so kam es auch. Weiterhin sind mündliche Noten besser als schriftliche, und das das trägt wesentlich dazu bei, dass die Abiturnoten nicht schlechter, sondern besser geworden sind. Das führt regelmäßig zu Problemen, wenn sich Schüler und Schülerinnen mit der mündlichen Note bis zum Abitur in Deutsch und Mathematik retten und dann in der rein schriftlichen Prüfung die gleichen schlechten Noten kriegen wie bisher – und dann erst einmal die Abiturprüfung nicht bestehen und sich vielleicht noch über eine nachträgliche Ergänzungsprüfung retten können.

Ausgangspunkt dieses Blogeintrags: Der Deutsche Philologenverband fordert aussagekräftigere, also wohl: schlechtere Noten am Gymnasium, Spiegel hier. Früher war 2,3 im Abitur eine gute Note, heute ist sie Durchschnitt. Die Noten von 2007 und 2017 zu vergleichen, macht allerdings insofern wenig Sinn, als Noten de facto nur etwas über relative Leistung aussagen: Jemand mit 1,3 im Abitur ist besser als jemand mit 2,3 (auch wenn die Forschung immer wieder Tendenzen auszumachen scheint, dass bei gleicher Leistung doch Geschlecht, Familienhaus, Name zu unterschiedlicher Benotung führen). Ob jemand mit 1,3 wirklich sehr gut ist, das lässt sich daraus nicht ableiten. Ob die Schüler und Schülerinnen bei gleicher Note heute mehr können oder anderes oder nicht, und ob das gut ist oder nicht – das sind andere, schwierigere Fragen, um die es mir hier gar nicht geht.

Mich treibt vielmehr die Frage um, warum mündliche Noten besser sind als schriftliche. Die tatsächliche Antwort dürfte sein: Erstens Mitgefühl, weil man leichter eine 5 aufs Blatt schreibt statt sie ins Gesicht zu sagen; zweitens Unsicherheit, weil mündliche Noten allgemein viel angreifbarer sind als schriftliche und man sich keinen Ärger holen will; drittens das Gefühl, dass ja genau das von oben und weiter oben gewünscht wird – deshalb ist ja auch die Neuregelung für die G8-Oberstufe eingeführt worden.

Aber vielleicht sehe ich das zu zynisch. Vielleicht gibt es legitime Begründungen dafür, warum es richtig ist, dass mündliche Noten besser sind als schriftliche.

Ein möglicher Grund, oben schon angedeutet: Noten an sich sind schlecht, und je weniger oder je bessere Noten man gibt, desto besser. Das ist grob verkürzt dargestellt, und sorgfältiger argumentiert ist das nicht so schlecht, wie es klingt. Ich vermute mal, aber das mag ein Vorurteil sein, bei der Didaktik an den Universitäten oder Pädagogischen Hochschulen sieht man das oft so. Diese Sicht kann ich mir als Lehrer aber nicht leisten, will auch heißen: bin zu stolz dafür. Ich werde fürs Notengeben bezahlt, auch wenn und gerade weil ich das ungern mache; davor mag ich mich nicht zu sehr drücken.

Ein Grund, könnte der sein, dass mündlichen Noten andere Kompetenzen zugrunde liegen als schriftliche. Und dass bei mündlichen Noten halt immer eher das geprüft wird, was die Schüler und Schülerinnen besser können. Allerdings leuchtet mir das ebenso wenig ein wie der Vorschlag, den ich auf Twitter bekam: Bei schriftlichen Noten arbeiteten die Schüler weniger angeleitet, selbstständiger, daher die schlechteren Noten. Allerdings verstehe ich nicht, was das eine mit dem anderen zu tun hat. Die Schulordnung kennt keine unterschiedlichen Kriterien für mündliche und schriftliche Noten, ein sehr gut ist immer eine Leistung, die den Anforderungen in besonderem Maße entspricht. Wie sieht die didaktische Rechtfertigung dafür aus, dass die Anforderungen bei mündlichen Noten niedriger sind?

Ich sage nicht, dass mündliche Noten zu gut sind. Vielleicht sind schriftliche auch zu schlecht. Muss es überhaupt 5er und 6er geben? Note 1-4 heißt ja: im Prinzip schon brauchbar, und Note 5-6 heißt: nein, das geht so nicht. Man übt in der Schule keinesfalls, bis alle den Stoff können, sondern halt eine Weile, bis dann endlich die Zeit für die Prüfung da ist. (Jan-Martin Klinge hat neulich überlegt, wie man etwas an diesem Prinzip ändern könnte.) Ist man bei mündlichen Noten da besser und prüft zu einem Zeitpunkt, zu dem die Schüler und Schülerinnen den Stoff gründlich verstanden haben?

(Das glaube ich nicht, nein. Aber es ist ein netter Gedanke.)

Weiß jemand, ob die universitäte Schuldidaktik sich irgendwie zu der Diskrepanz zwischen mündlichen und schriftlichen Noten positioniert? Findet sie die gut, ist sie ihr egal? Beklagenswert oder noch ein Segen?

Nachtrag: Ich verteidige ja gerne mal die Wissenschaft, wenn wieder etwas Offensichtliches festgestellt wurde. Denn auch das Offensichtliche muss erst einmal sauber nachgewiesen werden; am Ende hat’s dann ja vielleicht doch gar nicht gestimmt. In Abwesenheit solcher Untersuchungen zu mündlichen und schriftlichen Noten muss allerdings auch die universitäre Didaktik, wenn sie nicht ihrem schlechten Ruf unter den Praktikern entsprechen will, den Erfahrungen der Experten vertrauen, den Lehrkräften und Schülern und Schülerinnen.

Robert Graves, Homer’s Daughter (1955)

Wir befinden uns etwa 150 Jahre nach dem Leben Homers, des Autors der Ilias. Fahrende Sänger ziehen herum, die sogenannten Sons of Homer, und singen aus dem Werk ihres Vorfahren, wobei ein offenes Geheimnis ist, dass sie auch eigene Werke als die Homers ausgeben. Von dem haben sie, so heißt es, auch die family affliction geerbt (S. 31): Blindheit, die aber erst im Alter einsetzt. Alpheides, König eines winzigen Könrigreiches auf Sizilien, macht sich etwas lustig über Helena, von der der Sohn Homers Demodocus erzählt: Es sei unglaubwürdig, so Alpheides, dass es bloß wegen einer Frau zu einem solchen großen Krieg gekommen sei, einer Frau obendrein, die ihrem Mann in den neun Jahren der Ehe keinen Sohn geboren habe, wobei Paris ja nicht einmal versucht habe, einen Thron zu rauben. Nein, viel eher habe der Bund der Griechenkönige und der spätere Angriff auf Troja wirtschaftliche Hintergründe: Nicht um Helena sei es gegangen, sondern um die Meerenge „honoured with her name“ (S. 27, hier irren Alpheides oder Graves oder beide), den Hellespont und Zugang zum Schwarzen Meer.

Sänger und Zuhörer sind nicht gerade begeistert, Alpheides Tochter Nausicaa rollt die Augen: Geschichtsschreibung und Fiktion seien halt zweierlei, das wisse man. Macht sich Graves als Alpheides hier über sich selbst lustig? Robert Graves, der von Claudius, war ein Kenner antiker Mythologie. Seine Griechische Mythologie. Quellen und Deutung ist ganz hervorragend, jedenfalls was den Quellen-Teil betrifft: Äußerst detailliert und mit exakten Belegen für kleine Forscher wie mich stellt er die vielen verschiedenen Fassungen griechischer Sagen zusammen, von denen man sonst oft nur die gängigste kennt. Bei der davon getrennten anschließenden Deutung schießt er aber meist über das Ziel hinaus: Graves glaubte wie J. G. Frazer an eine große vorantike Kultur des Matriarchats – eine zu Anfang des 20. Jahrhunderts wohl populäre, aber inzwischen überholte Theorie – und deutet großzügig spekulierend alle Mythen darauf um. (Die Nacherzählung und Diskussion um den Anlass für den trojanischen Krieg in Homer’s Daugher folgt übrigens oft bis in den Satzbau dem entsprechenden Eintrag in Griechische Mythologie.)

Tatsächlich geht es in diesem Roman aber gar nicht um König Alpheides, sondern dessen Tochter Nausicaa. Ausgehend von dramatischen Geschehnissen um den kleinen Königshof in Sizilien schreibt sie nämlich ein episches Werk, das sie dann als heimliche Tochter Homers ebenfalls dem Dichtervater zuschreibt: Die Odyssee. In einem Vorwort erklärt Nausicaa, dass sie im folgenden Text erzählen wird, wie es zur Entstehung dieser Odyssee kam. – Die Idee, dass die Odyssee aus Sizilien stammt und dass sich die Autorin Nausicaa in ihr fiktional verewigte, stammt wohl von Samuel Butler, der zwei Bücher darüber verfasste. Graves erklärt in seinem Roman nun, wie die sizilianische Prinzessin es geschafft hat, ihr Werk der Welt als ein Epos Homers zu verkaufen.

Nausicaas Bruder ist verschollen; ihr Vater macht sich auf die Suche und lässt Frau, Tochter, Schwiegertochter und jüngere Söhne allein zurück; die Amtsgeschäfte soll sein Bruder Mentor führen. Aber die anderen Adligen des kleinen Reichs proben den Aufstand und belagern als Freier den Palast Nausicaas und ihrer Familie. Zu Hilfe kommt Nausicaa ein gestrandeter Fremder, der aus dem Meer auftaucht, als Nausicaa mit ihren Dienerinnen beim Ballspiel ist…

Es gibt in der Welt dieser Nausicaa „Odysseus‘ Rückehr“ als letzten Gesang eines homerischen Troja-Geschichtenkreises (S. 83ff), darin ist die rachsüchtige Aphrodite, schaumgeborene Meergöttin, die Verursacherin von Odysseus‘ leidvoller Heimkehr. Der macht eine sehr ähnliche Odyssee durch wie in, uh, der Odyssee; er besucht die gleichen Orte und hat ähnliche Probleme – allerdings fehlen dabei die übernatüprlichen Elemente. Er ist ohne Calypso schiffbrüchig auf einer Insel; Circes Priesterin hält ihn gefangen (und ist keine Zauberin); seine Mannschaft schlachtet die Rinder der Thraker, nicht des Helios. Zu Hause hat Penelope ihn mit den fünfzig Freiern betrogen und Telemachos in die Sklaverei verkauft. Odysseus tötet die Freier mit dem Bogen, allerdings bemängelt die Zuhörerin Nausicaa die fehlenden Details: Wie soll der das genau geschafft haben, wieso flohen die Freier nicht? Wir wissen als Leser und Leserinnen, dass Nausicaa das in ihrer eigenen Fassung der Odyssee – also unserer – sehr detailliert erzählen wird, in einer meiner liebsten und blutigsten Stellen des Epos. (Die meinen Vater übrigens dazu animiert hat, sagt er, das Bogenschießen als Sport zu ergreifen; was zu vielen anderen Dingen geführt hat, letztlich auch zu meinen jährlichen Bogensport-Exkursionen mit der Schule.) Auch auf Sizilien in Nausicaas Palast gibt es einen historischen Bogen, und das bringt sie auf eine Idee, wie sie der Freier Herr werden könnte… Die Idee nennt sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht, aber als Leser kann ich mir in der Mitte des Buches nicht vorstellen, dass dieses familienfreundliche Epos im sizilianischen Miniaturformat gar so blutig sein wird wie im Original.

Das ist überhaupt eines der großen Vergnügen beim Lesen des Buches: Man weiß ungefähr, was kommen wird, und das macht es spannend; man weiß aber auch, dass es Abweichungen von der uns bekannten Geschichte geben wird – aber nicht welche, und auch dies macht es spannend. Und zuletzt ist die Geschichte einer home invasion und verschwundener Beschützer an sich schon spannend.

Meist ist der Roman aus Nausicaas Perspektive erzählt, aber – ein Schönheitsfehler – nicht immer. Nausicaa erklärt auch nicht, wo ihr Wissen um die Geschehnisse in der Ratsversammlung herkommt, also dass sie das etwa später erst erfahren hat. Ansonsten ist sie ein zuverlässige Erzählerin, auch wenn sie nicht davor zurückschreckt, ihre Umwelt zu manipulieren. So gibt sie ihrem Bruder Rat, lapidar vorausschickend: „Athene warnt mich ja oft, und gestern kam sie verkleidet als Schäferstochter zu mir“ (S. 48), ohne dass irgendetwas in der Art geschehen ist. Bei Goodreads habe ich nach der Lektüre die Leserkommentare überflogen, einer nennt sie eine „irritatingly snobbish know-it-all“. Das ist sehr negativ betrachtet. Sie ist klug, und als Bronzezeitprinzessin muss sie standesbewusst sein, und das hat mich überhaupt nicht irritiert. – Andere bezeichneten den Stil als schwer zugänglich, da an antiker Epik orientiert. Die Themen sind Götter und Helden und Alltag, ja, aber die Sprache fand ich im Gegenteil modern und kein bisschen antiquierend.

Die Ideen für Nausicaas, also unsere, Odyssee kommen nicht von ihr, sondern sie verarbeitet die Geschehnisse um die Belagerung durch ihre Freier. Eingebaut werden Märchen der Geschichtenerzählerin beim Weben, der fremde Schiffbrüchige am Strand. Ihr Onkel Mentor erzählt ihr auf ihren Wunsch noch einmal die Märchen ihrer Kindheit um den Abenteuer Ulysses (S. 113ff) – mit zaubermächtiger Circe, mit Calypso, mit anderen übernatürlichen Elementen. (Graves bezieht sich da auf eine Tradition, nach der „Odysseus“ und „Ulysses“ ursprünglich zwei verschiedene Gestalten waren. Die beiden Namensvarianten gibt es schon in der griechischen Antike; es ist unklar, welche Form älter ist.) Nausicaa erinnert sich wehmütig daran, wie sie sich in ihrer Kindheit naiv die Orte der Ulysses-Erzählung als Orte in ihrer Heimat Sizilien vorstellte. Wir Leser und Leserinnen wissen: Es wird umgekehrt sein, sie wird Sizilien in die große Welt versetzen. (Und vielleicht, so Graves, war das ja auch wirklich so.)

Überhaupt ist es lustig, wie das Buch die Ebenen durcheinander bringt: Die Erzählung in Homer’s Daugher behauptet, das Original zu sein mit der Odyssee als Nachdichtung davon, während wir Leser und Leserinnen das üblicherweise andersherum sehen. Allerdings stellt Graves mit dem Roman tatsächliche Thesen zur Entstehung der Odyssee zur Diskussion. In Griechische Mythologie hält Graves die Ansicht Samuels Butlers (der sich wiederum an Apollodoros anschließt) für wahrscheinlich, es gehe in der Odyssee um eine Reise um Sizilien und sie sei von einer sizilianischen Edelfrau verfasst. Dann wäre ja doch der Roman die wahrere Geschichte.

Am Ende rettet Nausicaa einem der Söhne Homers das Leben, und der verpflichtet sich dafür, Nausicaas Epos unter dem Namen Homers unter die Leute zu bringen. Nausicaa zählt zum Abschluss noch ein paar Fehler auf, die ihr untergekommen sind und erklärt damit einige der Ungereimtheiten bei Homers Epos beziehungsweise begründet sie mit poetischen Entscheidungen. (Siehe zu diesem Prinzip meinen monumentalen zweiteiligen Blogeintrag „Zwischen den Zeilen Schreiben“.) Auf Wunsch und nach Beratung des Homer-Sohns fügt sie auch ein paar mehr Männer ein.

Möglicherweise ist der Roman nie auf Deutsch erschienen, ich habe jedenfalls keinerlei Hinweis auf eine Übersetzung gefunden. (In verschiedene romanische Sprachen, das ja.) Nachtrag: Doch, heißt Nausikaa und ihre Freier.

— Nicht mehr organisch untergebracht: Kannte Graves Eugen Herrigels Zen in der Kunst des Bogenschießens (1948)? Auf S. 167 lässt er jedenfalls einen Meisterschützen erklären, dass normale Schützen mit dem Verstand arbeiten, die Stärke von Bogen und Wind und Bewegung einberechnen, während der Adept nach Gefühl (durch die Inspiration Apollos) sein Ziel trifft, ohne zu denken.

Insgesamt: Ein sehr schönes Buch.

Sue Townsend, Adrian Mole: The Prostrate Years (2009)

Ach, ach. Adrian Mole war mir schon in meiner späten Jugend ein Begriff, weil ich regelmäßig von A-Z die Penguin-Kataloge las, die ich gelegentlich in Buchhandlungen bekam, und die für Buchhändler gedacht waren, nicht für Endkunden.

Aber gelesen habe ich The Secret Diary of Adrian Mole, Aged 13 3/4 und The Growing Pains of Adrian Mole dann erst zu Anfang des Studiums. (Der Kurs Übersetzung 1 begann mit den ersten Seiten des ersten Buchs.) Die Bücher waren toll. Später las ich dann die mittleren zwei Bände der Reihe, an die ich wenig Erinnerung habe und die mich nicht sehr beeindruckten, und erst vor einem Jahr las ich auf Empfehlung meines Freundes Bernhard die nächsten Bände, die sehr gut waren.

Und heute las ich den letzten Band. Ach, ach. Townsend starb 2014, es gibt keinen weiteren Mole mehr. The Prostrate Years ist ein würdiger und frustrierender letzter Band. Wie so oft geht es Adrian am Anfang noch ganz gut und im Verlauf des Buches immer schlechter. Diesmal zieht es ihn besonders herunter – seine Frau verlässt ihn, sein Bruder ist pleite, Krebs, kein Job, und das bisschen Geld so falsch investiert, wie man es nur aus dem Rückblick erzählen kann, die Familie hat Probleme, und auch der Lichtblick am Ende ist nicht gar so hell wie in den letzten Bänden. Er weint viel in diesem Buch.

Natürlich ist das ein lustiges Buch. Aber wenn man als 23-3/4-Jähriger über die Eskapaden eines zehn Jahre Jüngeren lacht, fällt das leichter, als mit 51 über die Sorgen eines Mannes im mittleren Alter zu schmunzeln. Adrian ist Hypochonder und Pedant, sozial ungeschickt, naiv, ein Möchtegernschriftsteller, der seine Grenzen nicht kennt, eine treue Seele, macht sich Sorgen um alles und jedes und gibt sein letztes Hemd für Freunde, Fremde und Familie. Die perfekte Identifikationsfigur. Man wünscht sich so, es möge alles gut gehen, aber Adrian bleibt weitgehend glücklos.

Aber einen Lichtblick gibt es: Pandora, seine große Jugendliebe, unerreichbar schön und selbstständig, tritt wieder in sein Leben. Und es wird heftig symbolisch: Adrian findet den Schlüssel zu einem Koffer wieder, den er von Bert Baxter in einem früheren Band erhalten haben muss. Inzwischen steht der Koffer bei Pandora, auch sie findet diesen zufällig auf dem Speicher, hat aber keinen Schlüssel dazu. „Then we must get together soon and you can put your key in my box,“ sagt Pandora zu Adrian, als sie davon erzählt — eine deutliche sexuelle Anspielung. Am Ende des Buches tritt der noch immer kranke Adrian auf die Straße, Pandora entgegen, die ihm entgegenfährt. Ende.

Und der nächste, nicht vollendete, vielleicht kaum richtig begonnene Band, an dem Townsend zur Zeit ihres Todes 2014 arbeitete, trug den Arbeitstitel Pandora’s Box. Aaaaargh! Was ist in dem Koffer? Wann haben Adrian und Pandora ihn gekriegt? Werden die beiden je ein richtiges Paar? Das ist die Karotte, die Townsend jahrelang vor den Lesern baumeln ließ, und es wäre doch so schön.