Michael Roes, Leeres Viertel Rub’ Al-Khali

Die Geschichte spielt im Süden von Arabien, im Jemen. Es sind zwei Geschichten: Im späten 18. Jahrhundert bricht eine Forschergruppe aus Weimar dorthin auf. Dokumentiert wird deren Reise durch das Tagebuch Alois Ferdinand Schnittkes – ein Tagebuch, das nicht ganz vollständig erhalten ist. Die Forscher erleben orientalische Abenteuer – Verbrecherbanden, Hinrichtungen, Sklavenschiffe, Flucht in Frauengewändern – auf ihrem Weg zu einem Ziel, das lange nicht offenbar wird.
Ende des 20. Jahrhunderts bricht ein junger deutscher Volkerkundler in die gleiche Gegend auf. Sein Ziel sind ethnographische Studien, er sammelt und untersucht Spiele der arabischen Welt. Auch er führt Tagebuch, und er kennt Schnittkes Tagebuch – ist sich allerdings nicht sicher, ob es sich um ein echtes Tagebuch handelt oder doch um Fiktion.

Beider Geschichten werden parallel erzählt, und es gibt Parallelen zwischen ihren Geschichten. Dabei gefällt mir die Schnittke-Handlung wesentlich mehr. Schon mal wegen der exotischeren Vergangenheit, aber auch, weil mich der analysierende, zweifelnde, wenig spielerische moderne Reisende wenig interessiert.
Das Buch ist über 800 Seiten dick, dazu kommen ein Anhang und Verzeichnis der erwähnten Spiele. Der zweite Teil des Buches, nach jeweils dramatischen Ereignissen im Leben der beiden Helden, ist kürzer und interessanter.

Ich erwähne das Buch eigentlich nur aus einem Grund: Wessen Tagebuch man gerade liest, geht nicht nur aus dem Inhalt hervor, sondern auf den ersten Blick schon aus der Orthographie. Das moderne Tagebuch benutzt gemäßigte Kleinschreibung: Nur Eigennamen und Satzanfänge sind groß geschrieben, alles andere, auch jedes Substantiv, beginnt mit einem Kleinbuchstaben. Außerdem steht statt “ß” jeweils “sz”. Ein typischer Satz sieht also so aus: “Ich antworte offen, dasz ich eher an den traditionellen spielen auf der strasze als an sportlichen übungen interessiert sei.”
Schnittke dagegen benutzt die vertraute Groß- und Kleinschreibung, schreibt aber häufig “ey” statt “ei”, “th” statt “t”; generell sind Fremdwörter aus dem Lateinischen oder Französischen weniger dem Deutschen angepasst als bei heutiger Rechtschreibung: “Die drey oder vier Schiffe, die zum Absegeln bereit, sind indessen von türkischen Officiren in Beschlag genommen.”
Auf S. 583 kommt dann unvorbereitet folgender Absatz; beide Helden befinden sich in einer ähnlichen Situation:

Ich nehme nicht wirklich an ihrem leben teil. Ich gehöre nicht dazu. Ich probiere verschiedene rollen aus, erwartete, gewählte. Doch zugehörigkeit ist keine rolle, sondern ein dasein an sich. Wie soll ich die Hölle der Einsamkeit nun benennen, nachdem ich mich im Purgatorium der Zweysamkeit bereits in Ersterer wähnte?

Wenn man das ganze Buch über die strikte Trennung der Ortographien gewöhnt ist, reißt es einen dermaßen beim Lesen dieser Stelle. Plötzlich macht die ungewohnte Rechtschreibung auch Sinn; bislang hatte sie mich immer als eine Affectation gestört. Wie wäre es, wenn plötzlich eine Mischform beider Schreibungen erschiene? Wer spricht dann? – Im Fiebertraum folgt der neue Reisende den Spuren des alten, die Wege vermischen sich. (Vielleicht aufgrund übernatürlicher Mächte, eher aber, weil er ja dessen Reisebericht kennt.)
Leider bleibt das die einzige Stelle, an der beide Formen so unmittelbar aufeinanderprallen. Die einzige Stelle, an der sich Formen innerhalb eines Kapitels treffen. Innerhalb eines Satzes – gar nicht zu denken. Schade, hätte mich gefreut. Vielleicht war’s nur ein Layoutfehler und es fehlt an dieser Stelle ein Seitenumbruch.

(Kleinigkeiten, die mich stören: S. 729 ein Tippfehler “WÄCHTFR” statt “WÄCHTER”, der mich sehr an meine eigenen Scan-Fehler erinnert; S. 742 “<einzigartiger/” statt “<einzigartiger>”. Merkwürdig. Außerdem S. 743, wenn auch als Spiel im Spiel, ein falscher Imperativ: “nehme sie” statt “nimm sie”.)

Poesiealben in der Oberstufe

Poesiealben gibt es in der Oberstufe zwar nicht mehr, aber so etwas Ähnliches: Man kriegt (als Deutsch- oder Englischlehrer) Bücher ans Herz und in die Hand gelegt, die man unbedingt mal lesen soll. Das freut mich jedes Mal, weil ich gerne lese, und mich interessiert, was die Schüler mögen. –Aber es ist so eine Sache mit Büchern. Oft liegen die eigenen zu Hause herum und wollen gelesen werden, und manchmal muss man auch eigene Bücher ruhen lassen, bis der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist. Zur Zeit habe ich drei von Schülern geliehene Bücher auf dem Schreibtisch, plus zwei Videokassetten mit Filmen. Ich weiß noch, wie gram wir damals unserem Englischlehrer waren, weil dem The World According to Garp nicht gefallen hat. Vielleicht hat er es nicht mal gelesen.
Falls das Schüler lesen: Bitte weiter machen!