Tanzkurs Zwo

Erfreuliches aus der Schule: Diesen Montag waren 42 Achtklässler in ihrer ersten Tanzstunde, und heute haben sie mir gesagt, dass es ihnen gefallen hat. Drei Tänze hätten sie schon gelernt, Blues, Disco-Fox und langsamen Walzer, und auch das mit dem Partnerwechseln (immerhin stammen die Schüler aus drei verschiedenen Klassen) hat geklappt.

Ene mene miste…

Ich fange ja gerade an, mit meinen Schülern Video- und Audio-Umfragen zu erstellen. Irgendwann will ich mal auf Schulradio hinaus, oder jedenfalls halbwegs ernsthafte Radiobeiträge. Ganz so weit bin ich noch nicht, aber jetzt hat wenigstens mal eine Schülerin ihr selbst gesammeltes Audiomaterial auch selbst geschnitten – im Stehen, am Schul-Laptop, im Medienkammerl zwischen Videokassetten und Fernsehern und neugierigen Lehrern. Das macht einige der Schnittfehler verständlicher.

(Eine Umfrage einer Achtklässlerin zu Auszählreimen)

Kuchen in der Schule

Das war schön: Eine nicht ganz unproblematische Schülerin (9. Klasse), die aber eigentlich doch in Ordnung ist und nur gerade unter Teenagerhormonen leidet, brachte zu ihrem Geburtstag Kuchen in die Klasse mit. Mir war auch ein Stück versprochen worden, doch als ich es mir damit während der Referate in dieser Stunde gemütlich machen wollte, war der ganze Kuchen schon an die Mitschüler verteilt.

Am nächsten Tag hat sie mir dafür einen eigenen Muffin mitgebracht, ganz für mich allein. Nicht ohne Augenzwinkern.

Courtney Crumrin and the Night Things

Courtney Crumrin ist zwölf Jahre alt und zieht mit ihren Eltern in die Vorstadt, um beim Großonkel (oder Urgroßonkel?) Aloysius zu leben.
Courtney hält nicht viel von ihren Eltern, die tatsächlich ein wenig oberflächlich sind und eigentlich nur gesellschaftlich vorankommen wollen in der neuen Nachbarschaft.
Courtney ist unfreundlich und mürrisch; sie hat keine gleichaltrigen Freunde: Am meisten Kontakt hat sie noch mit Butterworm – einem Kobold aus dem Wäldchen gegenüber, der gerne Tiere und Kinder aus der Nachbarschaft frisst.

Courtney Crumrin and the Night Things ist der erste von bisher drei Bänden, in denen die ursprünglich einzeln als Mini-Serie erschienenen Abenteuer Courtneys gesammelt sind. Mir hat er sehr gut gefallen, den zwei Schülerinnen (9. Klasse), denen ich den Band geliehen habe, auch.

Es stellt sich heraus, dass Courtney eine Hexe ist, und mit ihrer Eltern von Aloysius eingeladen worden ist, um bei ihm zu lernen. Anders als Harry Potter ist Courtney aber keine stille Dulderin: Ihre Fähigkeiten benutzt sie, um Mitschüler zu zwingen, ihre Hausaufgabe zu machen; bei ihren Nachbarn hütet sie das Baby, das längst von den Elfen gegen ein kleines Monster ausgetauscht ist (die Eltern bemerken keinen Unterschied); wer ihr Böses tut, kriegt ernsthafte Schwierigkeiten oder verschwindet.

Im zweiten Band wird sie der hexerischen Gemeinde vorgestellt; eine sehr glaubhaft geschilderte Gruppe von Leuten. Auch für sie hat Courtney größtenteils nur Verachtung über. Ihre Abenteuer gibt es auf Englisch bei Amazon; es gibt auch deutsche Übersetzungen, zum Beispiel bei diesem Comicladen (wo man auch einige Seiten online anschauen kann).

Der Auslöser für dieses Posting war aber das T‑Shirt, das man nebst anderen Sachen auf http://www.thenightthings.com/ sehen und kaufen kann, mit einem Bild von Courtney und der trefflichen Aufschrift “Something Grumpy This Way Comes”.

Vorsatz fürs neue Jahr

Vorsatz: Jede Schulstunde zehn… sieben.… Minuten einbauen, in denen ich Zeit zum Zeitung lesen habe. Das klingt machbar, man müsste sich nur daran gewöhnen. Morgen fange ich an.

Nachtrag: Das will ich nicht, um wirklich Zeitung zu lesen. Sondern um sechs Stunden am Tag durchhalten zu können – und um die Schüler mehr ohne mich arbeiten zu lassen. Das tut glaube ich allen Beteiligten gut.

So schlimm sind wir doch auch nicht

Aber ganz nebenbei, solche Schlagzeilen benutze ich in der 8. Klasse, wenn ich Adverbialsätze wiederhole oder ergänze. Eben weil in diesen Schlagzeilen zwei Sätze unverbunden nebeneinander stehen, so dass deren Zusammenhang erschlossen werden muss – sicher aus Platzgründen, aber auch, um Zusammenhänge zu suggerieren, die so gar nicht vorliegen:

Polizei benutzt Schusswaffe – Kinder in Gefahr.

Obwohl die Kinder in Gefahr sind? Weil? Während? So dass Kinder in Gefahr sind?

Mutter feierte bis 4 Uhr früh. Ihre Kinder erstickten.

Angedeutet wird ein kausaler Zusammenhang, möglicherweise liegt aber auch nur ein temporaler vor.

Andererseits habe ich mich auch selbst ertappt, wenn ich bei Schulaufgabenkommentaren ungenau formuliere, aus welchen Gründen auch immer:

Formal ist der Kopf deines Briefes nicht korrekt; die Betreffzeile fehlt.

Ist der Kopf nicht korrekt, da die Betreffzeile fehlt, oder fehlt außerdem die Betreffzeile?

Da hört der Spaß auf!

Eigentlich war es nur als Zuckerl gedacht, im Zusammenhang mit dem Thema Herausgeberfiktion im Deutsch-LK. (Diese Bücher, die alle mit einer Variante dessen beginnen, was Umberto Eco so wunderbar zusammengefasst hat im Vorspruch zum Namen der Rose: “Natürlich, eine alte Handschrift.”)
In Zukunft muss ich daraus aber wohl eine längere Sequenz machen, so viel Erschütterung schien mir das Thema der heutigen Stunde hervorgerufen zu haben.

Es geht um die Steinlaus und den Pschyrembel. Der Pschyrembel ist das klinische Wörterbuch, inzwischen in der 260. Auflage. Es steht bei Ärzten und interessierten Laien im Regal, und bei Hypochondern: Voller Fachausdrücke ist es und voller Fotos von ekligen Krankheiten und Viren und Würmern und eitrigen Pickeln. Und mit der Steinlaus, eingeordnet zwischen Steiner-Voerner-Syndrom und Stein-Leventhal-Syndrom (255. Auflage). Wer kennt sie nicht, die zur Familie der Lapivoren gehörenden winzigen Nagetiere, erst seit 1983 beobachtet, mit der gemeinen Steinlaus, aber auch den humanpathogenen Vertretern: Nieren‑, Blasen‑, Gallensteinlaus (jeweils Petrophaga nephrotica, vesicae, cholerica)? Vgl. Chemolitholyse, Lithotripsie.
Und dazu die Zeichnung einer Gemeinen Steinlaus (Petrophaga lorioti). Mit Knollennase.

Es gibt keine Steinlaus, oder keine andere als im Loriot-Sketch von der Steinlaus. Den Eintrag im Pschyrembel gibt es aber wirklich. (In der 256. Auflage nicht mehr; in späteren dann schon wieder, soweit ich weiß.)

Im Süddeutschen Magazin vom 9.10.1998 wurden eine ganze Reihe solcher unrichtigen Lexikoneinträge vorgestellt. Darunter seriöse Werke wie Der neue Pauly. Enzyklopädie der Antike, DTV-Lexikon in 20 Bänden, Lexikon des deutschen Widerstands, Meyers enzyklopädisches Lexikon in 25 Bänden, Riemann Musiklexikon.
Die ersten Seiten aus dem SZ Magazin hatte ich meinen Schülern kopiert. Und die Schüler waren weniger fassungslos als entrüstet. Das Wort passt, glaube ich, sehr gut: entrüstet! Warum machen die Leute so etwas?! Wem soll man denn dann noch glauben?!! Aber dann kann man dem ganzen Lexikon doch nicht mehr vertrauen?!!!

Das ganze Jahr über erzähle ich ihnen, dass sie mir nicht unbedingt trauen sollen (und sie tun es doch, obwohl ich ihnen schon genug Enten vorgesetzt habe); dass sie dem Duden nicht unbedingt trauen sollen, dass sie dem WWW nicht unbedingt trauen sollen. Wenn ich ihnen gleich am Anfang den Pschyrembel vorgesetzt hätte, ich hätte mir das schenken können.
Ich finde das ja eher eine Ermutigung zum Selberdenken, und kann als Hauptgrund nur angeben: Scherz und Humor. Aber meine Schüler finden das gar nicht lustig.

Einen weiteren Favoriten werde ich den Schülern auch noch präsentieren: Einen Leserbrief aus dem Spektrum der Wissenschaften vom September 1989, sich beziehend auf die April-Ausgabe des gleichen Jahres. (Ich hatte das Spektrum damals noch abonniert; ich hoffe, das beeindruckt wenigstens jemanden.) Der Brief beginnt:

Wie mir soeben durch einen Bericht im Radio bekannt geworden ist, handelt es sich bei dem Artikel “Deuteranomalie – Folgeschaden eines reizarmen Kindermilieus” von Jachin Hawlicek und Michael Schulz um einen Aprilscherz, den die Frauenzeitschrift “Brigitte” nun ernsthaft referiert hat. Meinen herzlichen Glückwunsch – es ist Ihnen auch gelungen, meinen Ruf und den Ruf Ihres Magazins als seriöser Wissenschaftszeitschrift gründlich und weitreichend zu zerstören. […] Als Medizin-Student absolvierte ich zum Zeitpunkt des Erscheinens gerade mein Augenspiegelpraktikum […] Also fertigte ich von dem Artikel einige Kopien an, um auf diesem Wege […] Sie können sich sicher vorstellen, welches Grinsen nun durch die Menge geht […]
Es ist schade, daß ich nun in Zukunft bei jedem Artikel fragen muß, ob er nun sauber recherchiert und wahr ist oder ob Sie wieder einen kleinen Test mit Ihren Lesern veranstalten.

Also, ich habe eigentlich überhaupt nichts gegen Wissenschaftler, die erstmal nicht alles glauben, was sie lesen. Das gilt vielleicht noch mehr für Ärzte.

Zum Schluss noch (via IT&W) das Blog des Bundestagsabgeordneten Mierscheid.
Seine Frau Helene hat auch eine eigene Homepage.

Misstrauisch geworden? Kann gar nicht sein. Siehe hier: http://www.bundestag.de/mdb15/bio/M/miersja0.html. Und auf den offiziellen Bundestagsseiten wird ja wohl nichts stehen, was nicht stimmt.

Will Eisner gestorben

Will Eisner ist, 87-jährig, gestorben. Hier ein guter Nachruf in der New York Times. (Man muss allerdings bei der NYT-Seite angemeldet sein, um NYT-Beiträge lesen zu können.) Hier ein Nachruf eines langjährigen Eisner-Verlegers. Newsarama (ein Comic-Forum) berichtet ebenfalls.

Will Eisner ist sicher nicht allen bekannt. Er war die größte lebende amerikanische Comic-Größe. Am bekanntesten ist sein Zeitungscomic “The Spirit”. Als in den späten 30er Jahren die ersten Comic-Hefte als eigene Hefte erschienen, war deren Qualität sehr schwach, auch wenn die Hefte enorm erfolgreich waren. Anders die Comic-Strips in den Zeitungen: Die hatten eine lange Tradition und und viel Erfahrung hinter sich. “The Spirit” war ein Zwischending: Eine achtseitige Geschichte als Beilage in einer Sonntagszeitung. Das erste Heft erschien 1940, gezeichnet und geschrieben von Will Eisner. “The Spirit” erschien die nächsten Jahre über, während der Kriegszeit ohne Eisners Mitarbeit. Während bereits die ersten Geschichten sehr, sehr gut waren, sind die Geschichten, die Eisner dann nach 1946 schrieb, beispiellos. Auf acht Seiten werden jeweils lustige, dramatische, ironische, sentimentale Geschichten erzählt; knapp und sicher mit fantastischen Ideen, wie die Graphik die Geschichte unterstützen kann. Die erste Seite war oft eine Art Titelbild, das bereits in die Handlung einführte (“splash page”). Hier zum Beispiel:

fox_at_bay.gif

Hier ein frühes Beispiel von 1941, das zeigt, wie die räumliche Anordnung der einzelnen Panels genutzt wird, um temporale und kausale Zusammenhänge herzustellen:

Der Spirit ist Eisners bekannteste Gestalt: Denny Colt, Kriminologe und Privatdetektiv, verfolgt die Kobra, wird vergiftet und für tot gehalten. Als maskierter Verbrecherjäger unterstützt er daraufhin Commisioner Dolan (und dessen Tochter Ellen). Dabei sind die Geschichten keinesfalls Superhelden-Geschichten; sie haben oft Elemente des film noir, gehen aber auch ins Absurde.

Eisner war bis zu seinem Tod aktiv und innovativ. Er untersuchte die Theorie des Comics; die Rolle, die die Form der Rahmen, die Anordnung der Rahmen auf der Seite spielen, und viele weitere Elemente der Comic-Grammatik.

Lektürevorschläge:

Comics & Sequential Art und
Graphic Sporytelling & Visual Narrative
Das sind zwei theoretische Bücher von Eisner zu Comics. Sehr sehr gut. Sie dienen als Einführung in sein Wrk, aber noch mehr als Hilfe und Anregung für jeden, der an der Sprache von Comics interssiert ist. Jeweils um 19 Euro.

Understanding Comics
Das Standardwerk zu Comics von Scott McCloud. Auch 19 Euro. Ein Muss. Kriegt noch mal einen eigenen Eintrag.

Bullshitbingo

Das Spiel kenne ich noch aus der Uni-Zeit, aber ein Beitrag in den Lehrerforen (auf den ich leider nicht direkt verlinken kann) hat das Thema wieder aufkommen lassen: Jeder Spieler kriegt, etwa während einer Lehrerkonferenz, ein 4x4 Feld mit Begriffen, die mehr oder weniger wahrscheinlich fallen werden. Natürlich sucht man sich die abgedroschensten heraus. Fällt ein Begriff tatsächlich, streicht man ihn durch. Gewonnen hat, wer als Erster vier durchgestrichene Begriffe in einer Reihe (orthogonal oder diagonal) hat. Und dann lauthals “Bullshit” ruft, aber der Teil ist möglichwerweise optional.

Eine Javascript-Version dafür hat die Lehrerrundmail.

- Im Klassenzimmer hasse ich die Worte: “Ich war doch noch beim Läuten drinnen”. Die Schüler können dafür nicht mehr hören: “Ich wollte nur schauen, ob ihr aufpasst” und: “Das erkläre ich euch später mal.”