Heute Vorlesung

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Heute haben wir mit ersten Vorlesungen begonnen, von denen ich weiß, dass andere Schulen damit schon länger experimentieren: probehalber, für die Q12, im Rahmen einer jahrgangsinternen Ringvorlesung. Wir haben erst mal die scheidende Referendarin vorgeschickt, weil wir Schisser sind ihr Gelegenheit zu einer Abschiedsveranstaltung geben wollten. Sie hat das auch sehr gut gemacht. Thema: Kafka.

(Eigentlich sollten die Q12-Schüler vom letzten Jahr die Vortragende kennen, aber mindestens einer war dabei, der im Anschluss daran, in den einzelnen Kursen, fragte: “Aber die, die war schon eine von der Uni, oder?” Ich führe das auch auf den Hosenanzug zurück: zumindest die beiden Fachbetreuer des Faches Deutsch an dieser Schule sind eher pullovrig und weniger universitär-repräsentativ. Darf ich doch so sagen, oder? Aber natürlich lag es noch mehr an dem gut gemachten Vortrag und der präzisen Ausdrucksweise.)

Den Schülern hat das wohl gefallen. Ich habe mir nach der Vorlesung – knapp 45 Minuten – im zweiten Teil der Doppelstunde die Mitschriften zeigen lassen und deren Übersichtlichkeit gelobt. Hat also auch gepasst. Informationsdichte, Vortragsweise, Schwierigkeitsgrad fanden die Schüler auch gut.

Blaue Beutel

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Ich weiß nicht, wer damit angefangen hat, vor fünf, sechs Jahren. Jedenfalls haben wir seitdem stets ein halbes Dutzend Kühlbeutel im Eisfach im Lehrerzimmer. Die werden schon sehr gut angenommen, werden rege ausgegeben und wieder zurückgebracht. Ich weiß nicht, ob die Schüler sich heute mehr verletzen als früher, wir kamen jedenfalls ohne aus – aber ein lindernder Trost sind die Beutelchen allemal. Ich schwanke noch zwischen sinnvoller Einrichtung und überflüssigem Betütteln, aber das Bedürfnis nach den Kühlpacks ist auf jeden Fall da.

Motivationscoach an der Schule

So ähnlich muss es früher gewesen sein, vor hundert Jahren in den USA, als ein Wanderprediger in die dörfliche Gemeinschaft kam, ein Zelt wurde aufgebaut, das Harmonium herausgeholt, und dann begann die Show: Gestern war ein Motivationscoach an unserer Schule. Zugegeben, ich war nicht die Zielgruppe. Die Witze kannte ich schon und inhaltlich kam nichts, das ich nicht schon mehrfach gedacht, gelesen und diskutiert habe. Die schwungvolle Vortragsweise war für einen Skeptiker wie mich auch eher abschreckend.

Und die anderen Lehrer? Gemischte Reaktionen. Ein Teil findet die Wahrheiten eines Motivationstrainers gar nicht so schlecht. Aber der Teil hält auch das gestern beschriebene Gutfühl-Selbstfindungsbuch für gar nicht so schlecht.
Ein größerer Teil ist schon mal prinzipiell dagegen: da kommt ein Fremder von draußen an die Schule und meint, den Schülern etwas beibringen zu können, was ihnen fürs Leben etwas bringt. Andere meinen darin die Implikation zu erkennen, dass wir Lehrer das nicht oder nicht genügend tun, und dass die Einladenden diesen Mangel sehen und beheben wollen. Das ist tatsächlich nicht völlig unproblematisch, aber ich kann damit leben. Es ist prinzipiell positiv, wenn Leute von außen an die Schule kommen, und wenn an so einer Sache die ganze Schule beteiligt ist – das gibt es bei französischen und europäischen und bewegten und sonstigen zentral ausgerufenen Tagen nicht. Aber natürlich ist nicht jeder Besuch von draußen eine gute Idee, es kommt auf den Einzelfall an.
Und dann gibt es natürlich ein paar Lehrer, die etwas dagegen haben, dass der Coach so viel Geld mit einem Auftritt verdient. Damit habe ich nicht die geringsten Probleme, das ist Marktwirtschaft, wer das machen will und Erfolg hat: soll er haben.

Der Großteil der Lehrer argumentiert bei der Einschätzung allerdings sinnvollerweise nur mit dem Inhalt des Programms. Einige Sachen hielt ich inhaltlich für grundfalsch, die meisten für richtig, gefreut habe ich über die Kritik am Spruch: “Behandle andere so, wie du selbst behandelt werden möchtest,” den ich schon vor langer Zeit als falsch erkannt habe. Nur: das sind alles Sachen, über die man reden muss, um sie zu verinnerlichen. Lauter Erörterungsthemen. Anhören im Vortrag bringt nichts. Aber vielleicht reden die Schüler wirklich irgendwann darüber.

Eine Sache fand ich sogar tatsächlich effektiv: die Metapher vom Eimer voller Selbstvertrauen, den wir alle in uns tragen, und in das wir uns gegenseitig öfter mal Inhalt löffeln sollten. Effektiv nur deshalb, aber das reicht ja schon, weil das eine gemeinsame Metapher ist, die jetzt jeder Schüler und Lehrer gehört hat und die eine Grundlage für gemeinsame Gespräche und Anspielungen bietet.

Ich mag nicht, dass mit solchen Veranstaltungen der Glaube an einfache Lösungen und simple Botschaften unterstützt wird. Zitat: “Das Leben ist so einfach, und wir machen es so kompliziert.” Ja und nein. Aber eher: nein. Was auch immer man unter “dem Leben” versteht, es gibt jedenfalls eine ganze Menge Sachen, die sind verdammt kompliziert.

Aber, höre ich von Kollegen im Lehrerzimmer: Hauptsache, den Leuten gefällt es. Hm, ja. Irgendwie schon, es ist vielleicht tatsächlich die Hauptsache, die achtzig Jahre, die wir hier haben, erfreulich und erfreut hinter uns zu bringen. Wenn Leute Bücher lesen, denke ich mir auch: Hauptsache, es gefällt den Leuten. Oder ich sollte es denken. Allerdings soll ich ja auch geschmacksbildend wirken, soll manche Bücher für besser halten als andere. Wenn die Leute Wasseradern spüren und an Homöopathie glauben: Hauptsache, den Leuten gefällt es. Warum Zweifel säen, wo das Leben doch so einfach ist. Oder um mit Daja aus Nathan, der Weise zu sprechen:

Daja (zu Nathan) Wollt Ihr denn
Ihr ohnedem schon überspanntes Hirn
Durch solcherlei Subtilitäten ganz
Zersprengen?

Was schadet’s—Nathan, wenn ich sprechen darf—
Bei alledem, von einem Engel lieber
Als einem Menschen sich gerettet denken?
Fühlt man der ersten unbegreiflichen
Ursache seiner Rettung nicht sich so
Viel näher?

Aber ich bin jetzt sehr, sehr müde und erschöpft von der Woche. Bin eigentlich noch nicht fertig mit diesem Blogbeitrag, gehe jetzt aber trotzdem ins Wochenende.

Von Kopf und Herz, oder: Warum lesen wir Nathan in der Schule?

Vor einigen Jahren trieb man in der 11. Klasse im neunjährigen Gymnasium Aufklärung und las dazu häufig Nathan der Weise von Lessing. Ein Stück, das ich mag – weniger wegen der Ringparabel, die ich für überschätzt und nicht besonders anschaulich halte und die mir in ihrer Religionskritik nicht weit genug geht. Aber der Zwiespalt des Tempelherrn und die Figuren Patriarch und Klosterbruder haben es mir angetan, und allen voran die Eröffnung mit Recha, die von einem Engel gerettet worden zu sein wünscht; mit Daja, die ihr den harmlosen Wahn lassen will; und mit Nathan, der überzeugend argumentiert, warum das Engel-Konzept nicht nur überflüssig, sondern sogar schädlich ist.

Im Unterricht fragte damals ein Schüler – einer, der später viel Geld verdienen möchte und dazu halt einen Abiturbescheinigung braucht – warum man in der Schule als Lektüre immer nur so Sachen wie Nathan liest und nie etwas, das einem fürs Leben wirklich etwas bringt. (Eine legitime Frage, die ich gerne beantworte, sofern sie aus echtem Interesse gestellt wird.) Der Schüler hatte sogar ein Buch, das einem fürs Leben wirklich etwas bringt, und lieh es mir.

Das Buch war Vom Kopf ins Herz von Franx X. Buehler und die Lektüre war ein Erlebnis, das ich bis heute noch nicht ausreichend und zu meiner Zufriedenheit verarbeitet habe.

Das Buch sah aus wie eines aus dem Weltbild-Verlag. War es aber nicht, sondern in einem, uh, spezialisierten Verlag erschienen. Keine Sorge, inzwischen gibt es das Buch tatsächlich bei Weltbild. (Ein Buch, wo man schon froh sein muss, dass es nicht auf dem Gabentisch für Lehrer landet.)

Das Buch ist eine dieser üblichen Sammlungen von Erkenntnissen, Lebensweisheiten und Geheimnissen für den inneren und äußeren Erfolg. Echte Fans des Genres machen sicher einen Unterschied zwischen den verschiedenen Erfolgsheimnissen, ob Dale Carnegie oder Jürgen Höller, ob vier Säulen oder drei, positives Denken oder Wünsche ans Universum – für mich ist das alles gleichermaßen unbrauchbar und ungenießbar. Ich spiele ja nicht mal bei Getting Things Done mit.

Was ist drin in dem Buch, das einem fürs Leben wirklich etwas bringt? Zitate von erfolgreichen Menschen zum Beispiel. Erfolgreich, das sind gerne mal Figuren aus dem Sport. Ein Nationalmannschafts-Trainer wird als Autorität für Konsequenz bemüht. (Fußnote: Ende Dezember wurde die Eisschnellläuferin Jenny Wolf uns allen in einem Interview in der SZ als Vorbild hingestellt – erfolgreich im Sport und nebenbei Germanistik studieren. Was natürlich nur geht mit der Disziplin, die man vom Leistungssport lernt. Ein Leserbrief ein paar Tage später merkte die germanistischen Fehler im Interview an – unter anderem sei Fontane nun mal kein Autor der Romantik. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass da der Interviewer geschlampt hat.)

Überhaupt, Autoritäten. “Schon Friedrich Schiller sagte.” Und Henry David Thoreau wird zitiert: “you are what you think, all day long”, ein Zitat, das – in besserem Englisch als hier – laut Google-Recherche in der Motivationsszene schon seit Generationen bemüht wird, mal diesem, mal jenem zugeschrieben. Geht wohl auf Wayne Dyer zurück, der das ganze von Ralph Waldo Emerson hat. Kein Thoreau weit und breit. Auch Marc Aurel hat Ähnliches gedacht. Aber wen auch immer man als Autoritäten für Zitate anfügt: es ist egal. Wenn man wirklich wissen will, was diese Leute damit jeweils gemeint haben, muss man ihre ganzen Bücher lesen. Ein Zitat ist ein Hinweis auf ein solches Buch und sagt nur dem viel, der Werk und Autor bereits kennt.

(Meine persönlicher Lieblingsversion ist übrigens: “We are what we pretend to be, so we must be careful about what we pretend to be.” Aber wer das verstehen will, kommt nicht umhin, Mother Night von Kurt Vonnegut zu lesen.)

Auch schön: “only what you measure get’s [sic] improved” – wie wichtig es ist, regelmäßig zu messen. Laut Quelle stammt das Zitat, ganz ironiefrei, vom “CEO einer Messgerätevermietungs-Gesellschaft”.
Aber die meisten Zitate stammen doch von unserem alten Freund “unbekannt” oder vom Autor dieses kleinen Büchleins selber.

Ein wiederkehrendes Thema dieser Bücher – ich fasse jetzt mal zusammen – ist der Umgang mit Misserfolgen. Die gibt es als solche nicht. Positiv denken. Zweifel hemmen nur, “ja, aber” sind Verliererworte. Ich bin selber ein großer Aber-Sager und halte es mit Brecht:

Gelobt sei der Zweifel! Ich rate Euch, begrüßt mir
Heiter und mit Achtung den
Der Euer Wort wie einen schlechten Pfennig prüft!

Das Hauptthema solcher Ratgeber scheint mir aber zu sein: Man muss nur wollen. Du kannst alles, wenn du nur willst. Und das ist natürlich falsch. Darf ich das den Legasthenikern in meinen Klassen auch sagen? Und Basketball-Nationalspieler werden, kann das auch jeder, wenn er nur will? Dass diese Schule der Selbsthilfebücher ihre Wurzeln in den USA hat, wundert mich nicht, das ist schließlich nur eine Umformung des amerikanischen Traums: du kannst alles werden, was du willst. Ein schöner Gedanke mit einer furchtbaren Umkehrung: wer kein Nationalspieler ist, wer erfolglos, arm oder krank ist, der hat halt einfach nicht genug gewollt. (Und die wichtige Frage, was man eigentlich wollen soll, bleibt dabei ohnehin unbeantwortet.)

Sicher gibt es in Vom Kopf ins Herz auch sinnvolle Texte, die ich unterschreiben kann. Nur: ohne Kontext, einfach so in Yoda-artigen Häppchen, bringt das nichts. Lesen öder Hören, einmal dazu nicken, das ändert einem das Leben nicht. Es gibt bestimmt Momente, in denen ein einziger Satz, weise oder nicht, einem eine Erleuchtung bringt, auch ohne mehrjährige Meditation zuvor. Aber solche Epiphanien sind Ausnahmen und können auch nicht dadurch vermittelt werden, dass man anderen diesen kostbaren Satz weitergibt.

Bleiben zwei Fragen: warum glaubte der Schüler, das Buch würde ihm mehr fürs Leben bringen als Nathan? Und: warum halte ich das für eine so wichtige Frage, dass sie mich noch nicht losgelassen hat?

Erst einmal ist das ja begrüßenswert, wenn Leute etwas lernen wollen, das einem fürs Leben etwas bringt. Das zeigt von einem gewissen Bildungswunsch, jedenfalls ist das nicht bildungsfern. Möglicherweise ist das Konzept von Bildung und die Auswahl dessen, was man lernen will, aber sehr eng: Bildung ist, was einem Erfolg im Beruf bringt. Es sollte aber sein: was einem ein glückliches Leben beschert. Aber da sind wir schon in Woody-Allen-Land. Am Ende von Annie Hall sieht Allen ein glückliches Pärchen auf der Straßte und fragt es nach dem Rezept für ihr Glück. Die Antwort: “Uh, I’m very shallow and empty and I have no ideas and nothing interesting to say.”

Aber ich glaube, man lernt nicht viel aus weise klingenden Zitaten ohne Hintergrundwissen. Es ist ein verbreiteter, aber naiver Glaube, man müsse den Leuten etwas bloß mal sagen und dann funktioniere das schon. Die blöden Lehrer lesen immer nur Nathan und so komplizierte Sachen, statt den Schüler einfach mal deutlich zu sagen: “Ihr müsst euch anstrengen, sonst wird das nichts.” Ich kann mich an die Abiturrede eines Elternbeirats erinnern, die auf mich den Eindruck machte, als sollten darin die Versäumnisse der Schule dadurch wett gemacht werden, den Schülern eben genau diese Botschaft mitzugeben, die die Schule zu verbreiten zugunsten von weniger griffigen Dingen versäumt hat: “Ihr müsst euch anstrengend, sonst wird das nichts.” Den Satz unterschreibe ich ja, cum grano salis. Aber dadurch, dass man das den Schülern einfach nur sagt, ändert sich noch lange nichts.


Als Fundstück zum Schluss: Things you really have to learn von Stephen Downes, gefunden bei Jochen Robes. Hier die Kurzfassung:

1. How to predict consequences
2. How to read
3. How to distinguish truth from fiction
4. How to empathize
5. How to be creative
6. How to communicate clearly
7. How to learn
8. How to stay healthy
9. How to value yourself
10. How to live meaningfully

And to educators, I ask, if you are not teaching these things in your classes, why are you not?

Daran könnte man seinen Unterricht und Selbsthilfebücher und Motivationstrainer messen.


Bleibt noch, zu untersuchen, ob Nathan einem mehr bringt als Selbsthilfebücher. Das passt aber nicht mehr in diesen Eintrag.

Literarisches Quartett in der Schule

Heute gab es eine etwas durcheinandere Stunde wegen Doppelbuchung des Computerraums. Wir haben zwar eine Liste, in die man sich eintragen kann, aber manchmal werden kurzfristig Stunden getauscht, ohne auf diese Liste Rücksicht zu nehmen – was technisch auch schwierig wäre; ich habe selber noch keine Lösung für dieses Problem. Da wir in dieser Klasse bald so eine Art literarisches Quartett machen, in ganz kleinem Rahmen allerdings, schlug ein Schüler vor, doch mal ein paar Szenen daraus anzuschauen. Klar. Beamer ging zwar nicht, aber der Monitor war groß genug und schließlich kommt es vor allem auf den Ton an.

Also habe ich erst kurz etwas über das Format der Fernsehsendung erzählt und an das Büchernörgele in Michael Endes Wunschpunsch erinnert und dann relativ willkürlich ein bisschen Diskussionskultur à la Literarisches Quartett gezeigt. Sollte man vorsichtig sein, es ging natürlich gleich um Erotik im Roman. War aber noch zu vertreten. Schnell stießen wir auf Schülervideos im Quartettformat
(hier, hier und hier zum Beispiel, Bild- und Ton meist sehr schwach) und vor allem auf dieses Schmuckstück:

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Den Schülern hat das gut gefallen.

Wolfgang Herrndorf, Tschick

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Nachdem ich das Buch im Dezember kurz erwähnt hatte, habe ich inzwischen mit meiner 9. Klasse verhandelt, so dass es jetzt unsere Klassenlektüre ist. Dagegen spricht der Preis, das Buch gibt es bisher nur gebunden. Aber ich halte es für eine sehr geeignete Lektüre. Zuerst einmal deshalb, weil das Lesen Spaß macht. In der 8. Klasse lesen Schüler häufig das “Fräulein von Scuderi”, das ich selber sehr mäßig interessant finde. In der 9. Klasse liest man einen dünnen Dürrenmatt-Roman oder eine Novelle von Gottfried Keller, “Kleider machen Leute” etwa. Keller finde ich heute sehr lustig, als Schüler hat er mich gelangweilt, und wenn ich auch glaube, dass eine Keller-Lektüre sinnvoll sein kann – ein richtiges Lesevergnügen bietet sie kaum einem Schüler.

Anders Tschick, der macht wenigstens manchen Spaß. Aber Spaß reicht ja nicht, das Buch soll auch noch gut sein. “Geschmacksbildung” gehört zu unserem Bildungsauftrag. Und drittens muss man Etwas Machen mit der Schullektüre. Das muss nicht das gefürchtete Zu-Tode-Analysieren sein, aber irgendetwas schon. Und damit habe ich häufig Probleme, weil mir zu wenig einfällt. Aufbau einer Novelle, tektonisches Drama, das geht noch. Am leichtesten fallen mir Vergleiche mit anderen Werken, aber genau das geht in der Schule nicht ohne Weiteres, da die Schüler keine solchen anderen Werke kennen.

Bei Tschick hatte ich das Glück, das Anfang dieser Woche ein Interview von Kathrin Passig mit Wolfgang Herrndorf bei FAZ Online erschienen ist, das mir viel Arbeit abgenommen hat.

Erst mal habe ich etwas zu Kathrin Passig erzählt und dabei gleich das Lexikon des Unwissens an einen Schüler ausgeliehen. Dann ging es um die Wörter im Interview, die die Schüler nicht oder nicht alle kennen: Rezensent, Rezension, Päderast (komplett mit Exkurs in die griechische Antike), Protagonist, Genre.

Herrndorf/Passig erwähnen Motive aus Huckleberry Finn, Der Fänger im Roggen und Herr der Fliegen – was Neuntklässlern noch wenig sagt. Also spricht man auch kurz darüber, und – Unterrichtsidee 1 – erfreulicherweise haben sich für die ersten drei Romane Freiwillige gefunden, die sie lesen werden und in einer Art literarischem Quartett vorstellen werden. (Jeweils vier Leute und ein Buch, Gesprächsrunde vor der Klasse.)

Was ist noch alles drin im Interview? Die Beobachtung, dass die Jugendsprache im Roman kaum durch Vokabular, sondern durch Satzbau dargestellt wird. Meine Schüler meldeten gleich Zweifel an dieser Aussage an. Es stimmt jedenfalls, dass sich Tschick bei hipper Jugendsprache zurückhält – schon mal, weil die so schnell veraltet. Jedenfalls wunderbar, Jugendsprache macht man eh in der 9. Klasse, haben wir gleich etwas, das wir uns anschauen können. Unterrichtsidee 2. Und sei es nur, folgende alphabetische Liste von Wörtern in die chronologisch richtige Reihenfolge zu bringen:

abgefahren, dufte, irre, klasse, prima, Spitze, toll, Wahnsinn

Die Wörter stammen aus den Präambeln zu den Kapiteln in Thommie Bayer, Das Herz ist eine miese Gegend. Zu ergänzen noch: super, knorke und geil.

Sehr nett ist auch die folgende Interviewfrage: “Versetzen wir uns ins Jahr 2030. Ihr Buch ist seit zehn Jahren Schullektüre. Neuntklässler stöhnen, wenn sie den Namen Wolfgang Herrndorf hören. Welche Fragen zum Buch müssen in Aufsätzen beantwortet werden?” (Sehr nett deshalb, weil Passig uns natürlich mit der 9. Klasse genau trifft. Aber den Schülern fiel gleich auf, dass da doch eigentlich 2020 stehen müsste. Ich habe ihnen erklärt, dass es wohl noch zehn Jahre dauert, bis sich das Buch als Lektüre durchsetzt, schon mal, weil man noch auf die Taschenbuchausgabe wartet.) Die Antwort übrigens: “Ich fürchte, man wird sich im Deutschunterricht am Symbolträchtigen aufhängen, an der Schlussszene…” Da hat man gleich Unterrichtsidee 3.

Was ist noch alles drin? Kommentare zum Literaturbetrieb, dazu, wie Erfolgsromane entstehen. Interessiert die Schüler auch. Aber als Unterrichtsidee 4 macht man natürlich die Heldenreise. Und das kommt so:

Herrndorf beantwortet eine Frage Passigs nach einem Element des Romans damit, dass das so schön zum Konzept der Heldenreise passte. Das Konzept hat der Mythenforscher Joseph Campbell (The Hero with a Thousand Faces) erfunden oder popularisiert, weiß nicht genau was. Strukturalismus, für Mythen und Sagenkreise ein bisschen das, was Vladimir Propp für die Morphologie des Märchens gemacht hat. Tut mir leid, das name-dropping muss sein, weil der Kollege S. meinen Campbell heute mit binären Oppositionen bei Lévi-Strauss übertrumpft hat. Solche Kollegen haben wir. Habe ihn gleich zu einem W‑Seminar aufgefordert.
Ähem. Zurück zur Heldenreise.

Nach Campbell und Wikipedia laufen Geschichten um mythische (Kultur-)Helden nach folgendem Muster ab:

  1. Ruf: Erfahrung eines Mangels oder plötzliches Erscheinen einer Aufgabe.
  2. Weigerung: Der Held zögert, dem Ruf zu folgen, beispielsweise, weil es gilt, Sicherheiten aufzugeben.
  3. Aufbruch: Er überwindet sein Zögern und macht sich auf die Reise.
  4. Auftreten von Problemen, die als Prüfungen interpretiert werden können.
  5. Übernatürliche Hilfe: Der Held trifft unerwartet auf einen oder mehrere Mentoren.
  6. Die erste Schwelle: Schwere Prüfungen, Kampf mit dem Drachen etc., der sich als Kampf gegen die eigenen inneren Widerstände und Illusionen erweisen kann.
  7. Fortschreitende Probleme und Prüfungen, übernatürliche Hilfe.
  8. Initiation und Transformation des Helden: Empfang oder Raub eines Elixiers oder Schatzes, der die Welt des Alltags, aus der der Held aufgebrochen ist, retten könnte. Dieser Schatz kann in einer inneren Erfahrung bestehen, die durch einen äußerlichen Gegenstand symbolisiert wird.
  9. Verweigerung der Rückkehr: Der Held zögert in die Welt des Alltags zurückzukehren.
  10. Verlassen der Unterwelt: Der Held wird durch innere Beweggründe oder äußeren Zwang zur Rückkehr bewegt, die sich in einem magischen Flug oder durch Flucht vor negativen Kräften vollzieht.
  11. Rückkehr: Der Held überschreitet die Schwelle zur Alltagswelt, aus der er ursprünglich aufgebrochen war. Er trifft auf Unglauben oder Unverständnis, und muss das auf der Heldenreise Gefundene oder Errungene in das Alltagsleben integrieren. (Im Märchen: Das Gold, das plötzlich zur Asche wird.)
  12. Herr der zwei Welten: Der Heros vereint Alltagsleben mit seinem neugefundenen Wissen, und lässt somit die Gesellschaft an seiner Entdeckung teilhaben.

Die zwei Helden, die ich am besten kenne, sind Gilgamesch und Odysseus, und ja, da kann man schon Parallelen finden. Aber bei Tschick? Ist eine schöne Aufgabe für Schüler, auch schon in der 9. Klasse, denke ich. Wer’s lieber eine Nummer kleiner hat, kann sich ja auf das Genre des Road Movie beschränken.

Interessant ist auch, und das wusste ich nicht, dass es eine Fassung der Heldenreise-Stationen gibt, die Drehbuchautoren als Vorlage dienen soll. (Auch Wikipedia.) Einige Schüler untersuchen gerade, ob sie dafür Beispiele finden. Star Wars wird in Wikipedia selber genannt.

Mal sehen, was die Tschick-Lektüre noch alles bringt.

Heute an der Uni

Es geht gerade alles etwas durcheinander. Geistige und dienstliche Abwesenheit, Termine an der Schule und außerhalb. Wird aber wieder.

Denn schön: heute war ich an der LMU München. Wenn nichts mehr dazwischen kommt, bin ich nämlich ab dem kommenden Schuljahr zu 1/3 meiner Arbeitszeit dorthin teilabgeordnet. Darauf hatte ich mich vor Weihnachten beworben, so richtig mit Lebenslauf und Anschreiben, wie man das als Lehrer nicht kennt. (Wir erinnern uns: es war Zeit, etwas anderes zu machen.) Bereich: Informatik, “zur Stärkung des Praxisbezugs der Informatiklehrerausbildung”. Über meinen genauen Aufgaben schreibe ich, wenn es soweit ist – und wenn ich ein Gespür dafür entwickelt habe, was ich wann im Blog erzählen kann.

Heute war ich schon bei einem ersten Treffen. Auch wenn ich nämlich in diesem Halbjahr nicht weg von der Schule kann, werde ich trotzdem schon mithelfen, soweit ich kann. Bin schon sehr aufgeregt. Kann ich das alles? (Fachlich schon. Jetzt noch nicht, aber das kommt sicher.) Bin ich teamfähig? (In der Schule geht es ja auch ohne. Teamfähig heißt auch: traue ich mich, Vorschläge zu machen, oder bin ich zu zögerlich-zweifelnd?)

– Karrieremäßig bringt das alles übrigens kaum etwas. (Aber es macht bestimmt viel Spaß.) Ich denke, meine zweite Fachbetreuung wird in Zukunft auch nicht mehr viel wert sein. Irgendeinen Leistungsanreiz muss es geben, sonst glaube ich nicht, dass das System funktioniert. Ich tippe auf leistungs-/beurteilungsbezogene Boni, verteilt von der Schulleitung und der mittleren Führungsebene – dafür weniger A15-Stellen und damit weniger Pensionsansprüche in Zukunft. Nu. Man wird sehen. [Nachtrag: Nichts dergleichen, keinerlei Änderungen in irgendeine Form.]

Deutschaufsatz am Nachmittag (“Schulaufgabe”)

“Ich dachte ja erst mal, dass es ätzend wird, aber im Grunde war es dann entspannt. Also, bei einer Deutschschulaufgabe.”

“Ich fand, das einzigste Problem war, dass man das Fenster nicht aufmachen konnte wegen der ganzen Nachmittagsbetreuung.”

“Wegen der Pause davor war es wie in der 1. oder 3. Stunde, aber ab der 4. Stunde wird es anstrengend, da ist nachmittag fast besser.”

“Nur wenn Deutsch, und nur wenn es nicht anders geht. So gut fand ich das nicht.”

Sherlock Holmes als Freund der Kunstblumenerzeugung

Zu Lebzeiten von Arthur Conan Doyle wurde Sherlock Holmes schon für eine reale Person gehalten. Bald nach Doyles Tod fing dann noch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Kanon an – wissenschaftlich jedenfalls im weitesten Sinn. Einige Regeln gehören dazu:

  • Der Meister (Sherlock Holmes) hat natürlich wirklich gelebt.
  • Der Doktor (Watson) ist der Autor fast aller Holmes-Geschichten. Zwei – nicht sehr gute – stammen aus der Hand des Meisters selbst.
  • Der Agent (Arthur Conan Doyle) übernahm den Kontakt zu Zeitschriften und Verlagen. Er war selbst ebenfalls Autor, hat mit den Holmes-Geschichten aber nichts zu tun.

Wenn man das beachtet, kann man Aufsätze schreiben und veröffentlichen, zum Beispiel im renommierten Baker Street Journal der Baker Street Irregulars. Sherlock Holmes by Gas-Light enthält eine Auswahl von Aufsätzen aus den ersten vier Jahrzehnten des BSJ. Häufig geht es darum, unklare Stellen oder Widersprüche zu erklären. (Profane Leser würden “Fehler” dazu sagen.) Zwei klassische solcher Fragen sind: wo hatte Watson seine Kriegswunde – in der Schulter oder im Bein? Und: wie oft war Watson verheiratet? Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die – oft nur scheinbaren – Widersprüche in den Sacred Writings zu klären. Am unelegantesten ist es, sie auf das schlechte Gedächtnis oder die unleserliche Handschrift Watsons (er war immerhin Arzt) zu schieben. Eleganter sind ausgefeiltere Theorien: je abstruser, desto interessanter – wenn sie an den Writings belegt werden können. Aber dazu schreibe ich mal einen eigenen Beitrag. Nur kurz als Beispiel, wie so etwas aussieht: “As I Was Going to St. Ives (Or, The Merry Wives of Watson): A Recapitulation of Research on the Marriage(s) of Dr. Watson Presented to The Cremona Fiddlers on September 7, 1997,”

Andere Ansätze befassen sich damit, mehr über die Figuren herauszufinden. So gibt es in Sherlock Holmes by Gas-Lamp Aufsätze zu:

  • Sherlock Holmes’ Religiösität,
  • Sherlock Holmes als Tabakkonsument,
  • als Autor,
  • als Koch und Feinschmecker,
  • als Athlet;
  • der Bibliothek des Sherlock Holmes,
  • der rechtlichen Einordnung seines Vorgehens,
  • seinem Verhältnis zu Frauen,
  • seiner Wohnungseinrichtung.

Mir ist selbst ja schon mal die Idee für einen Aufsatz gekommen: “War Sherlock Holmes Zen-Buddhist?” Das ganze hätte ich natürlich noch ausführen müssen, wäre aber nicht schwer zu machen gewesen. Aber natürlich bin ich nicht der einzige, der auf diese naheliegende Idee gekommen ist (“Zen in the Art of Sherlock Holmes”).

– Kein Vergleich ist das allerdings zu Goethen. Robert Gernhardt gibt in “Goethe und die Folgen” einen ausführlichen Einblick in die Welt der Aufsätze über Goethe. Einige Höhepunkte:

  • “Goethe und die Schwämme”,
  • “Goethe und der Impfzwang”,
  • “Goethe als Benutzer von italienischen Reisebüchern”,
  • “Konnte Goethe schwimmen?”
  • und natürlich “Goethe als Freund der Kunstblumenerzeugung” (B. Schier, in: Hessische Blätter für Volkskunde 42 (1951), S. 63–70).

Man sieht es vielleicht am Goethe: die Holmes-Forschung ist unter anderem eine Parodie auf Literaturwissenschaft. Und dabei vorzügliche Intrepretation. Ich wünschte mir, ich könnte das mal für die Schule nutzen. “Finden Sie mindestens sechs logische Fehler in der Geschichte und erklären Sie sie weg. Ihre Erklärung muss möglichst genau am Text belegt werden.” Klar ist bei diesem Spiel, dass die Autorenintention überhaupt nichts zählt. Aber ich fürchte, die Parodie auf wissenschaftliches Arbeiten kann man erst genießen, wenn man ein Gespür für die Vorlage hat.