Über das Notengeben & querulante Lehrer

Ein beliebtes Aufsatzthema in der frühen Mittelstufe ist die Frage, ob man Noten in der Schule abschaffen soll. Die Schüler sind massiv dagegen, Eltern sicher ebenso; nur die Lehrer träumen gelegentlich davon, wie schön eine Schule ohne Noten wäre. Für Lehrer sind Noten das, was ihnen in der Schule am schwersten fällt, was der anstrengendste Teil des Unterrichts ist. Wenn ihr etwas gegen Noten habt: Mich habt ihr auf eurer Seite. (Allerdings ist das lästige Notengeben, das ständige Treffen von Entscheidungen, auch ein Grund dafür, warum wir relativ gut bezahlt werden.)

Noten haben, hat man mir beigebracht, mehrere Aufgaben: Rückmeldung an Schüler (und Eltern) darüber, wie gut der aktuelle Stoff beherrscht wird; Rückmeldung an den Lehrer, welche Ergebnisse der Unterricht in dieser Klasse hat. Sie haben aber auch Nebenwirkungen, werden als Belohnung oder Bestrafung gesehen, und von unerfahrenen oder schlechten Lehrern als Mittel zur Disziplinierung eingesetzt.

Rückmeldung ist wichtig. Sonst erfreut man sich als Lehrer schnell am Irrglauben, die Schüler könnten nach dem Unterricht mehr als vorher. Und manche Schüler glauben selber genauso schnell, sie könnten etwas, bloß weil sie eine Erklärung verstanden zu haben meinen. Rückmeldung kann aber auch ohne klassische Noten geschehen. Notenfreie Schule: Gerne, solange das ohne Esoterikgeschwurbel auskommt. Die Frage, wie man mit Schülern umgeht, die den vorgesehenen Stoff nicht ausreichend beherrschen, ist zur Zeit auch mit Noten nicht sehr gut geklärt.

Hier ein Interview mit einem Bildungsforscher dazu. Mit manchem hat er recht, anderes ist wohl verkürzt wiedergegeben. “Denn klassische Noten messen die Kinder nicht an Lernzielen, sondern am Klassendurchschnitt.” Das ist zumindest theoretisch falsch. Gemessen wird nicht an der Klasse, sondern an dem, was in dieser Jahrgangsstufe allgemein erreichbar ist. In der Praxis kriegt man allerdings tatsächlich am wenigstens Rückfragen von der Schulleitung oder dem Kultusministerium, wenn man Notenschnitte zwischen 3,00 und 3,60 produziert. Weltfremd ist die Behauptung: “Aber ein guter Lehrer braucht keine Noten, weil er die Kinder für den Stoff begeistern kann” – wenn sie so pauschal gemeint ist, wie sie dasteht. Tendenziell stimmt das nämlich schon, aber zur Freiheit des Individuums gehört auch, dass sich manche Kinder nicht für den Stoff begeistern lassen, da kann der Lehrer so gut sein, wie er will. Mit Noten wird die Begeisterung allerdings auch nicht größer.


Michael Felten fordert in der Zeit online Lehrer dazu auf, mehr Querulant zu sein und weniger kultusministeriell vorgeschriebene Innovation abzunicken. In Bayern haben wir es da noch vergleichsweise gut. Durch den fehlenden Wechsel in der Regierungspartei kommen auch die Innovationen, mit denen sich jeweils die neue Regierung von der alten absetzen will, weniger häufig. Ganz gefeit davor sind wir auch nicht, wie man am über Nacht verordneten G8 sieht. Und ansonsten bleiben Abnicken wie Innovation ja auch gerne mal folgenlos, ich sage nur externe Evaluation.

(Gedankengang aufgrund von Englandurlaub nicht zu Ende geführt.)

Mittagessen in Brighton

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Das kleine Bällchen auf dem Teller ist übrigens ein englisches Breadcrumb-Zwiebel-Salbei-Falafel, oder könnte zumindest als solches vermarktet werden. (“Stuffing.”)

Benjamin Appel, The People Talk

Die 1930er Jahre der USA interessieren mich besonders. Angefangen hatte das mit den Filmen von Fred Astaire & Ginger Rogers, mit den Abenteuern des Pulp-Helden Doc Savage, dann kam das dazu, was heute OTR (Old Time Radio) heißt. Über ein paar Umwege bin ich dann hier gelandet:

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In dem Bestseller von 1940 beschreibt Appel eine Reise durch die USA, vom Nordosten quer durch bis an die Westküste, dann durch den Westen und den Süden wieder zurück. Dabei geht es nicht um Reisebeschreibung, die wird nur am Ende mancher Kapitel in ein paar lyrischen Zeilen abgehandelt. Auch Appel selber hält sich im Hintergrund, es geht nicht um ihn, auch wenn er präsent ist – er spricht mit Leuten, lässt sich Dinge zeigen und erklären: Eine industrielle Schlachterei in Chicago, die Mäh- und Dreschmethoden von Bauern; er verbringt ein paar Tage in einem Holzfällerlager, fährt mit Fischern auf Fang, schaut bei einer Demonstration für Rentengesetzgebung und einem Dreh in Hollywood zu, His Girl Friday übrigens. (Die vielen Fachausdrücke beim Fischen, Schlachten, Holzfällen gingen deutlich über die Grenzen meines Wortschatzes hinaus.)

Immer wieder geht es um das Verhältnis von Arbeitern zu Fabrikbesitzern, vom sharecropper zum Grundbesitzer, von Kleinbauern zu Lebensmittelindustrie, und um Organisation. Die Menschen sind arm, erst mit dem kommenden Krieg werden sich die USA aus der Depression befreien. Die Arbeitsbedingungen sind brutal; das kann man sich heute nur noch vorstellen, wenn man nach China schaut. Das Verhältnis zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern ist gespannt, es kommt immer noch zu Überfällen, Schlägereien; Ford betreibt ein ausgefeiltes Spitzelsystem. Die letzte Station der Rundreise ist Washington, DC, die Mitschrift einer Sitzung im Repräsentantenhaus. Es geht unter anderem um die Fortführung des im vorigen Jahr gegründeten Komittees gegen unamerikanischen Aktivitäten. Mr. Robison aus Kentucky hat bereits für die Gründung gestimmt, Mr. Alexander aus Minnesota glaubt, dass nur Faschisten und Kommunisten etwas gegen so ein Komittee haben könnten, auch Mr. Dempsey aus New Mexico spricht sich dafür aus. Nur Vito Marcantonio, Mitglied der Labor Party und für diese 1939 bis 1956 im Repräsentantenhaus, spricht dagegen. (Ja, Kinder, so etwas gab es mal in den USA. Hier kann man seinen Redebeitrag nachlesen, unter dem 23. Januar 1940.) Wir wissen ja, wie es weiterging mit diesem Komittee.

Die Art des journalistischen Reisesachbuchs war damals wohl popuär, entnehme ich dem Internet. Mir gefällt daran, dass der reisende Journalist sich zwar zurückhält, aber nicht verleugnet. Auf einem Teil der Strecke ist auch seine Frau dabei. Das Buch erinnert daran, dass die USA einmal anders waren, als man sie sich heute vorstellt. Über den Alltag in Deutschland in den 1930er Jahren weiß ich übrigens viel weniger, weil ich da keine Bücher gelesen habe und die Erinnerungen und Erzählungen meiner Eltern erst in den frühen 1940er Jahren beginnen.

(Dieser Benjamin Appel ist tatsächlich derselbe, der in Wikipedia und selbst in den Notizen zum Guide to the Benjamin Appel Papers nur als Autor von Pulp-Kriminalgeschichten – Generation Dashiell Hammett – in Erscheinung tritt. Am meisten Biographisches steht in diesem NYT-Artikel von 2006.)

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Auf das Buch gekommen bin ich über das Begleitheft zu der CD-Box “Songs of the Depression”. Kann ich nur empfehlen, hinter dem Link kann man in die 88 Musikstücke reinhören; die Titel allein erzählen eine eigene Geschichte.

Gekauft hatte ich mir die Box, weil ich einige der Lieder schon kannte, allen voran “Ten Cents A Dance” und “Brother, Can You Spare A Dime?” – möglicherweise die Hymne der Depressionszeit. Auf dieses Lied gekommen war ich über Phil Harris. Der singt Balu in Disneys Dschungelbuch, war Bandleader bei Jack Benny und danach in den frühen 1950ern Star seiner eigenen Radioshow, zusammen mit Alice Faye, seiner Frau, selber noch eine größere Berühmtheit. “The Phil Harris & Alice Faye Show” ist einer meiner Old Time Radio Favoriten. Phil & Alice spielen sich selber, Elliott Lewis den trinkfreudigen Freund und Musiker, dazu zwei Kinder, Nachbarsjunge, Schwager, schräge Handlung, und zwei Musiknummern pro Episode, etwa Phil & Alice im Duett mit “Baby, It’s Cold Outside.” (Hier kann man alle erhaltenen Folgen anhören oder herunterladen.)

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Und auf einer Phil-Harris-CD war ich auch auf “Brother, Can You Spare A Dime?” gestoßen. Wenn man das Lied kennt, stößt man immer wieder darauf, in Bugsy Malone, einer Episode von Neil Gaimans Sandman, oder gespielt in einer Fußgängerzone, und nicht zuletzt auch in Hard Times. An Oral History of the Great Depression von Studs Terkel, 1970 erschienen, und sicher bekannter als Appels Buch. Kein Reisebericht, keine Journalistenfigur mehr, sondern nur kurze Berichte, in der Ich-Form geschrieben, von Leuten, die Terkel interviewt und um ihre Geschichte gebeten hat. Unter anderem auch Yip Harburg, der Texter von “Brother, Can You Spare A Dime?” (und The Wizard of Oz und vielen anderen Nummern), in den 1950er Jahren auf der Schwarzen Liste. Den Text des Interviews von Yip Harburg gibt es hier, allerdings als Real Audio, für die unter uns, die das noch kennen.

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“Mehr Freiheit und Verantwortung vor Ort – Die Eigenverantwortliche Schule in Bayern”

Pressemitteilung des Kultusministeriums.

Wenn das Kultusministerium mehr Freiheit und Verantwortung vor Ort möchte, hätte es das schon lange haben können: Keine Schreiben, in denen mir mitgeteilt wird, wie viele Übungsaufsätze ich zu schreiben lassen habe, oder wieviele Prüfungen. Keine Schreiben darüber, ob ich Diktate schreiben darf oder nicht. Keine Schreiben dazu, wie kontextbezogen Vokabelabfragen im Fremdsprachunterricht sein müssen. Keine Anweisungen, ob ein Test im Umfang eines Jahrgangsstufentests vom Anspruch im Bereich einer Schulaufgabe einzuordnen ist.

Deswegen macht Kultusminister Spaenle ja auch klar: “Die Eigenverantwortliche Schule ist keine autonome Schule.” Die wichtigen Entscheidungen werden zentral getroffen.

Tatsächlich geht es vielleicht nur darum, Geld zu sparen. Es gibt zu viele A15-Stellen, genauer: zu viele Lehrer, die auf potentiellen jA15-Stellen sitzen und auf eine Beförderung warten. Was genau eine beförderungsrelevante Stelle ist, ist in einem Katalog festgelegt. Wenn man weniger Kandidaten auf solche Stellen haben möchte, muss man die effektive Anzahl dieser Stellen reduzieren, eben durch die Einführung einer mittleren Führungsebene. Denn das sind dann die neuen A15-Stellen, oder glaubt jemand, dass die zusätzlich zu den alten A15-Stellen kommen? Mit der Eigenverantwortlichen Schule entscheidet die Schule dann selber, welche solcher Positionen es geben soll, und zwar, ahem, “im Rahmen der vorhandenen Stellen und Mittel.” Will heißen: Wo es jetzt 10 solcher Stellen gibt, wird es in Zukunft nur noch 6 geben.

Ich verstehe das zum Teil sogar. Die aktuelle Verteilung, welche Stelle beförderungsrelevant ist und welche nicht, ist eher historisch gewachsen und keinesfalls ideal. (Und werden in Zukunft dann auch proportional weniger Studiendirektoren direkt aus dem Kultusministerium kommen, oder sind das dann genau die Leute, die in Zukunft die mittlere Führungsebene bilden werden?)

Vielleicht bin ich nur zu pessimistisch und es geht es gar nicht um eine Reduzierung der Stellen, sondern tatsächlich nur um eine Änderung der Aufgabenbereiche. Das wäre sogar lobenswert. Vielleicht sollen Schulen wirklich “künftig in eigener Verantwortung Schulentwicklungsprogramme erstellen und darin selbst Entwicklungsziele festlegen” und “ein Konzept zur Erziehungspartnerschaft vor Ort entwickeln,” das “von den Regelungen in den Schulordnungen abweichen” kann.

Andererseits heißt es: “Bayernweit werde auch künftig an den Schulen derselben Schulart derselbe Lehrplan gelten. Eine qualitativ hochwertige Lehrerausbildung und die Lehrerversorgung wird im Flächenstaat Bayern weiterhin gesichert.” (Die Zuteilung der Lehrer läuft also weiter zentral über das Kultusministerium.) “Als Instrumente der Qualitätssicherung werden auch künftig der Lehrplan, die Zielvereinbarungen, interne und externe Evaluationen sowie Vergleichsarbeiten und zentrale Abschlussprüfungen dienen.”

Das schöne an solchen Blogeinträgen ist, dass ich die in fünf Jahren herauskramen und schauen kann, was daraus geworden ist.

Serious Text Games

“The Republia Times” ist ein schönes Spiel, das sich vielleicht auch für das rasche Leseverstehen (skimming) im Englischunterricht eignet. Flashbasiert, im Browser zu spielen; man kann die Flashdatei aber auch einfach lokal speichern. (Via Aaron A. Reed.)

Das Spiel ist einfach, aber reizvoll: Man spielt den eben ernannten Redakteur der Republia Times, einer Zeitung im diktatorisch regierten Republia. Die Presse dort ist alles andere als frei; die Familie des Redakteurs befindet sich in Geiselhaft der Regierung. Man muss zehn Tage als Redakteur überstehen: In den ersten Tagen muss man die Loyalität der Leserschaft auf einen gegebenen Wert erhöhen, indem man regimefreundliche Propagandaartikel platziert. Danach muss man die Anzahl der Leser erhöhen, indem man Artikel veröffentlicht, die den Lesern gefallen. (Der Loyalitätswert darf dabei aber nicht unter eine bestimmte Grenze sinken.) Und danach wiederum hat man etwas freiere Hand… bis sich der Untergrund meldet und sowohl eine hohe Auflage als auch eine niederige Loyalität der Leserschaft zu einem bestimmten Termin fordert.

So sieht der Bildschirm aus:

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Von links unten kommen auf einem Ticker nach und nach die Nachrichten des Tages herein, mal früher mal später. Aus diesen Nachrichten kann man seine Zeitung füllen: Man macht aus dieser Nachricht eine kleine Notiz, einen gewöhnlichen Artikel oder einen großen Dreispalter. Man kann auch nichts auswählen, dann bleibt die Zeitung halt leer, und das kostet natürlich Leser. Um die Zeitung zu füllen hat man nur einen Arbeitstag Zeit; am Rand läuft eine Uhr unerbittlich mit, die einen in den späteren Phasen des Spiels unter Druck setzt. Ganz wird die Zeitung ohnehin nie voll, die Größen der Artikel und der Seite sind so gewählt, das immer mindestens ein kleines frustrierendes Kästchen frei bleibt.

Der Knackpunkt beim Spiel ist die Auswahl der Nachrichten und die Entscheidung, wie groß man sie in die Zeitung setzt:

  • Es gibt Artikel, die für höhere Leserzahlen sorgen: Sport, Militär, Unterhaltung, Wetter. Bei diesen Themen kommt es nicht auf die Größe der Artikel an, sondern nur darauf, dass es sie gibt. Die bringen Leser. Zu viel politische Propaganda und zu wenig Unterhaltung lässt die Leserzahl sinken.
  • Es gibt Artikel, die die Loyalität der Leserschaft beeinflussen, positiv oder negativ: Negative Informationen über die Regierung, Erfolge des feindlichen Nachbarstaats. Hier haben größere Artikel mehr Einfluss auf die Loyalität der Leserschaft als kleinere. Das Wetter ist immer neutral, andere Nachrichten können positiv oder negativ sein.
  • Gibt es zu viel freien Platz, dann sinken Leserzahlen. Drei große Geschichten reichen, um die Zeitung zu füllen

Nach dem zehnten Tag ist das Schicksal von Republia entschieden und es kommt zu einem Ende, sozusagen.

Für den Englischunterricht nutzbar ist das Spiel, weil man die – allerdings sehr kurzen – Nachrichten schnell überfliegen und beurteilen muss: Sind sie interessant ist oder nicht und, unabhängig davon, politisch neutral, positiv oder negativ?

Außerdem lernt man:

  • Eine Zeitung füllt sich nicht von selbst, es gibt immer jemanden, der auswählt, was hineinkommt.
  • Selbst wenn eine Nachricht gebracht werden muss, kann man sie groß herausbringen oder klein halten.
  • An manchen Tagen kommen einfach keine brauchbaren Nachrichten. Aber auch dann muss die Zeitung voll werden.
  • Es gibt mehr Nachrichten, als in einer Zeitung Platz haben. Manches erfährt der Leser also nicht.

Ein anderes flashbasiertes Spiel, das ich schon mal mit Sechtsklässlern gespielt habe, ist “The Big Scan”. Ich habe das vor Jahren schon mal erwähnt, deshalb nur kurz: Das Spiel ist – anders als Republia Times – für Lerner gedacht. Man spielt einen Privatdetektiv, der einen (nicht ganz unblutigen) Fall lösen muss. Dabei übt man, Texte gezielt nach bestimmten Informationen durchzugehen.


Kaum für die Schule geeignet sind die folgenden Spiele, aber ich will sie erwähnen, weil sie für mich reizvoll waren (alles reine Textspiele):

Whom the Telling Changed von Aaron A. Reed. (Auf der verlinkten Seite ist auch eine Möglichkeit, das Spiel im Brwoser zu spielen.) Die Mitglieder einer Stammesgruppe sitzen in vor- oder frühgeschichtlicher Zeit um ein Lagerfeuer und hören sich die rituell erzählte, altbekannte Geschichte an, die der Erzähler vorträgt. Sehr aktiv in herkömmlicher Weise ist man als Spieler nicht: in jeder Erzählpause kann man dan Erzähler bitten, bestimmte Aspekte der Geschichte zu erklären oder zu betonen. Allerdings macht das der Gegenspieler genauso, ein anderer Angehöriger der Gruppe mit anderen politischen Zielen. Beide lenken die Stimmung der Gruppe durch ihre Zwischenfragen, denn die Situation ist hoch politisch: Soll man gegen einen Nachbargruppe in den Krieg ziehen oder nicht? Stellt sie eine Gefahr dar oder nicht?
Die Geschichte, die erzählt wird, ist außerdem eine Episode aus dem Gilgamesch-Epos. Wer sich die mal am virtuellen Lagerfeuer erzählen lassen möchte, kann sich “Whom The Telling Changed” anschauen.

Auf einem Originaltext eines anderen Autors basiert auch The Tempest von Graham Nelson und, uh, William Shakespeare. (Online spielbar via der verlinkten Seite.) Man spielt den Luftgeist Ariel; die Handlung ist die von Shakespeares Sturm. Die Texte sind weitgehend Originalsprache, und zwar – laut eigenen Angaben – der fast vollständige Text der Folioausgabe von 1623. Also Blankvers. Das macht das Lesen macnhmal etwas schwer, und ganz leicht ist das Spiel auch nicht, das macht es weniger reizvoll für Leute, die weder mit frühem Neuenglisch noch mit Interactive Fiction vertraut sind. Aber reizvoll schon, das könnte ich mir auch gut mit einem allerdings gekürzten Sommernachtstraum vorstellen.

Unter der Seite Literary Worlds der Western Michigan University gibt es einen Link zu virtuellen literarischen Welten, die im Rahmen eines Projekts der Uni dort angelegt wurden. Das sind letztlich MUDs, multi-user dungeons, Textadventures für mehrere Spieler. Leider funktionieren einige der Links nicht mehr, auch wenn dann doch alle Welten – und es sind viele – von innerhalb eines jeden Spiels aus betreten werden können. Design und Interface sind nicht sehr ansprechend oder benutzerfreundlich. Ich habe mal The Tempest ausprobiert: Links textbasiert, rechts mit Bildern; navigieren kann man nur rechts, weil der Text bei Richtungsvariablen keinen sauberen Angaben ausgibt; agieren kann man nur links mit Texteingabe. Und alles recht umständlich. Eine schöne Idee, aber nicht mehr zeitgemäß. Auch die Kombination Text-Bild halte ich eher für irritierend als für nützlich – entweder ein reines Textspiel, oder Point-and-Click.

Fußnote: Ich habe schon mal ein eigenes Inform-7-Textadventure auf einen Server hochgeladen, der das Spiel multi-user-fähig macht. Funktioniert auch. Nächster Schritt: Mit Schülern eine Welt anlegen und sich dann dort treffen, textbasiert.

Die Wacholderdrosseln sind da

Letztes Jahr habe ich sie wohl verpasst, vor zwei Jahren fielen sie mir zum ersten Mal auf: die Wacholderdrosseln, die – laut Wikipedia ab Mitte Februar – auf dem Rückweg aus der Winterfrische bei mir vor dem Fenster halt machen. Sonst sehe ich nämlich nie Wacholderdrosseln, und dieses Jahr sind sie besonders früh da:

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Eine hiesige Amsel schaute sich die fremde Verwandtschaft an:

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Am Balkon futterten die Meisen:

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Und im Baum kletterte ein Specht herum.

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Am Schluss tauchte auch noch ein Gartenbaumläufer aus. Das sind kleine Vögel, die wie Mäuse den Baumstamm auf und ab herunter huschen:

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Wer Probleme mit dem Ausüben von Macht hat, sollte kein Lehrer werden

Im P‑Seminar der Oberstufe in Bayern arbeiten die Schüler nicht nur an einem Projekt, sie erhalten auch Informationen über die Berufswelt. Unter anderem gibt es dazu die BuS-Selbsterkundungshefte. (Bus: Berufs- und Studienwahl.) Wie nützlich die sind, kann ich noch nicht sagen – vermutlich schon einigermaßen, obwohl die Behauptung am Ende von Heft A schon gewagt optimistisch formuliert ist: “Wahrscheinlich drängen sich auf der Grundlage all der gesammelten Daten über Ihre Einstellungen, Werte, Fähigkeiten, Schwächen usw. bestimmte konkrete Berufe auf.” Von Aufdrängen sprechen die meisten meiner Schüler nicht.

Diese Hefte sind dazu da, dass Schüler sich Gedanken machen, welche Berufe sie interessieren, und dass sie überprüfen können, ob ihre Ziele und Wünsche auch dazu passen. Notiert habe ich mir dazu zwei Fundstellen aus Heft A:

Wer Beruf und Familie gut miteinander vereinbaren und außerdem viel Freizeit haben will, sollte nicht unbedingt einen Managementposten anstreben.

Das ist, fürchte ich, realistisch, und die Empfehlung ist sinnvoll. Mich stört nur die Kombination der beiden Bedingungen (Beruf/Familie und Freizeit). Gemeint ist vermutlich, dass bereits jeweils eine der Bedingungen ein Ausschlusskriterium für den Managementposten ist. Dann soll man das auch so schreiben.

Dann gibt es noch dieses Fundstück:

Unterschätzen Sie nicht die Wichtigkeit von Werten für die Berufswahl! Wer z.B. Macht verabscheut, aber einen Beruf wählt, der zwangsläufig mit Macht verbunden ist (z.B. der des Lehrers), wird sich in diesem Beruf immer wieder selbst im Wege stehen und mit seinem Beruf weder glücklich sein noch Erfolg haben.

Allgemein stimmt diese Aussagen, und das Beispiel im Besonderen auch: Lehrer üben Macht aus, darüber sollten sie sich klar sein. Formal geschieht das vor allem dadurch, dass sie Noten machen, über Vorrücken entscheiden und Abschlüsse verleihen. (Diese Sachen sind für mich die anstrengendstem am Lehrersein, die ich einerseits gerne abgeben würde, die andererseits Ursache für unsere Besoldung sind.)
Außerdem üben wir im lehrerzentrierten Unterricht Macht dadurch aus, dass wir bestimmen, was passiert. Und das tun wir, mindestens so lange, wie es Lehrpläne gibt, also solange Schüler zu bestimmten Zeitpunkten etwas lernen sollen, ob sie wollen oder nicht.

Geht es auch anders? Beschreibt das zweite Zitat ebenso wie das erste einen Ist-Zustand, der sich irgendwann einmal ändern sollte? In Einzelfällen sowieso. Aber ein ganzes Schulsystem umzubauen, dass es ohne Machtverhältnisse funktioniert, also ohne dass eine oder alle Parteien auf unterschiedliche Weise Druck ausüben können – das kann ich mir nicht vorstellen. “Denn ist nicht alles, was man Kindern tut, Gewalt?”, fragt der schmierige Patriarch im Nathan, um allerdings gleich hinzuzufügen: “Zu sagen: — ausgenommen, was die Kirch’ an Kindern tut.” Man möchte manchmal aktualisieren: “Ausgenommen, was ein Lernbegleiter an Kindern tut.”

Selbst Rousseau will Macht ausüben bei der Erziehung. Der Schüler soll es nur nicht merken:

Folgt mit Eurem Zögling den umgekehrten Weg. Lasst ihn immer im Glauben, er sei der Meister, seid es in Wirklichkeit aber selbst. Es gibt keine vollkommenere Unterwerfung als die, der man den Schein der Freiheit zugesteht. So bezwingt man sogar seinen Willen.

Zitat aus Emile, aus Wikipedia übernommen, weil ich Emile ja nie gelesen habe und darauf hoffe, dass das auch wirklich so da drin steht.


Fundstück: Das GBlog hat Gedanken zu einer Kritik der Kompetenzorientierung zusammengestellt. Geht es am Ende darum, dass Schüler genau die Kompetenzen erwerben sollen, die es ihnen erlauben, in einer unwirtlichen Berufwelt zu funktionieren, ohne diese zu hinterfragen? Ist mir etwas zu theoretisch, der Artikel, aber ich bin auch mehr so middlebrow statt highbrow.

Leseecke in der Schule

Schon zum Ende des letzten Schuljahrs hat Kollege Z. in einem ungenutzten toten Winkel – feuerpolizeilich unbedenklich – eine Leseecke eingerichtet, den Diogenes-Club.

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Stühle und Regale von IKEA. An der Wand hängt ein Poster mit den Spielregeln:

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In den Diogenes-Club können Schüler sich setzen, um zu lesen. Nicht: um Hausaufgaben zu machen oder zu ratschen. Aber sie dürfen lesen, in den Pause, in Freistunden, egal was. Dazu stehen auch Bücher bereit, von der Schule gekauft, von Lehrern gestiftet, auf Flohmärkten zusammengetragen. Ich habe Aufkleber dazu gemacht, aber die sind zu teuer, als dass man in jedes Buch einen kleben könnte; fast eben so gut ist der Stempel, den wir uns danach haben machen lassen. Ansonsten wird nicht kontrolliert, was mit den Büchern geschieht; es gibt kein Ausleihverfahren.

Erkenntnisse bisher:

  • Eigentlich sollten die Stühle möglichst unkommunikativ stehen. Klappt aber nicht, Kabelbinder hin oder her. Muss man akzeptieren, denke ich.
  • Die Schüler neigen erst einmal dazu, die Leseecke für alles mögliche zu verwenden. Da muss man schon mal einschreiten, wenn man eine Leseecke als solche etablieren will. Sagen wir: daran wird noch gearbeitet. Die Ecke wird inzwischen allerdings tatsächlich auch zum Lesen benutzt.
  • Geklaut werden Bücher nicht. Und wenn, wäre auch nicht das schlimmste. Aber Bücher sind vielleicht nicht mehr attraktiv genug, als dass man sie stehlen wollen würde.
  • Das Konzept, fremde Bücher in ein Regal zu stellen, ist Schülern erst einmal gar nicht vertraut.

Das ist jedenfalls ein schöner Anfang.

Kleine Tierschau Januar 2013

Ausbeute dieses Wochenendes beim Blick aus dem Fenster: Vögel mit Schnee im Schnabel.

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Daneben ein Eichhörnchen.

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Kein Foto gibt es leider vom Buntspecht am Meisenknödel. Apropos Meisen: einige stellen sich beidbeinig auf das Futter und drehen sich munter mit ihm herum.

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Andere halten sich mit meinem Bein am Kabel fest und ziehen mit dem anderen das Futter heran.

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Und abends gab es Milchlamm nach spanischem Rezept. Weil ich das mal in Sepulveda so gegessen habe, cordero asado, ausgesprochen lecker. Nur Salz und ein bisschen Schmalz.