Fanzines

In einem großen Karton unter meinem Bett leben noch so etwa hundert Fanzines, die in meinen mittleren Teenagerjahren eine große Rolle spielten. Ich habe viele gelesen, ein paar herausgegeben, und an etlichen mitgearbeitet, zumindest an diesen hier:

fanzines

Fanzines: So heißen von Fans herausgegebene Magazine. Ich habe noch die letzten davon im Umdruckverfahren mitgekriegt, aber üblicherweise waren sie zu meiner Zeit schon kopiert. Die ganz feinen wurden im Offsetverfahren gedruckt, mit Auflagen bis zu sensationellen 100 Stück.

Unser erstes Fanzine hieß Parsec und begann mit einer bescheidenen Auflage von um die 20 Stück, wenn ich mich richtig erinnere. Kurzgeschichten, Zeichnungen, Berichte, Kritiken. Und eine Witzeseite. Parsec 4, als wir mit einstiegen, erschien um den Juni 1981 herum. Da war ich noch in der 7. Klasse, Ende 13 Jahre alt. Ich zeichnete und schrieb ein Comic innen, machte ab und zu ein Titelbild, eine Risszeichnung, und vor allem das Backcover, “Ausblicke”. Unten sieht man einen Teil meiner Arbeiten für Parsec, die weniger peinlichen. (An einige davon kann ich mich nicht erinnern, und meinen Stil erkenne ich auch nur in einigen Elementen davon wieder. Irgendeien Form von Teamwork? Die Comic-Serie erspare ich uns.)

Nach Parsec kamen Time, Einhorn, From Sunrise to Sunset, Voice of Fantasy, Orakel, diverse Oneshots. Heimlich kopiert auf dem Schulkopierer oder, nach detailliertesten Erklärungen, von Eltern auf Bürogeräten, die Vorlagen so zusammengeklebt, dass auch für die Erwachsenen die Kopierreihenfolge klar war – es ist nicht verwunderlich, dass es mir noch nie Schwierigkeiten bereitet hat, Schulaufgaben korrekt angeordnet beidseitig A3 zu kopieren. Ist ein Klacks gegenüber 20 Seiten Magazin.

Wenn man aktuellen Entwicklungstheorien glauben mag, darf man Teenagern in diesen Jahren gar nichts zutrauen. Pubertät, Auflehnen gegen Erwachsene, Umverdrahtung des Gehirns – das mag ja schon alles sein, aber wir waren damals alle zu beschäftigt dafür. Postalische Korrespondenz mit Gleichgesinnten, das Lesen und Herausgeben und Versenden von Magazinen, Besuche von Cons, und die Beschäftigung mit aktueller Science-Fiction-Literatur. Oder zumindest mit Perry Rhodan.

LyX – LaTeX für Anfänger

In Physik, Mathematik oder Informatik trifft man immer wieder mal auf besonders schön gesetzte Hausarbeiten, Zulassungsarbeiten oder auch Fachartikel. In diesen Bereichen spielt Typographie eine besondere Rolle, da die verwendeten mathematischen Formeln besondere Ansprüche an den Satz stellen.
Meist sind diese Dokumente in der Sprache LaTeX geschrieben. LaTeX basiert auf der eigentlichen Typographie-Sprache TeX. Und mit TeX beziehungsweise LaTeX kann man so ziemlich alles gestalten. Artikel, Bücher, Präsentationen, mathematische Formeln, Inhaltsverzeichnisse, Feynman-Diagramme, Stellungen einer Schachpartie – für so ziemlich alles gibt es vorbereitete Pakete.

Ich war immer neidisch auf diese schönen Seiten. Da LaTeX aber eine Menge Einarbeitungszeit erfordert, habe ich nie die Zeit und Energie investiert, mich damit zu beschäftigen. Aber immerhin habe ich in den letzten Tagen ein bisschen mit LyX gearbeitet.

lyx

Im Vergleich zu LaTeX-Entwicklungsumgebungen sieht LyX eher aus wie ein herkömmliches Textverarbeitungsprogramm. Seine WYSIWYG-Darstellungsweise (What You See Is What You Get) ist aber vergleichsweise rudimentär; man sieht nur ungefähr, wie das fertig gestaltete Dokument dann aussehen wird. Das ist ein Feature von LyX und nennt sich WYSIWYM (What You See Is What You Mean): Man kommt gar nicht auf die Idee, das so zu formatieren, wie es am Schluss aussehen soll, sondern durch logische Markierung als Überschrift oder Haupttext oder Liste. Um das genaue Aussehen kümmert sich LyX dann selber.

Die gute Nachricht: LyX macht es leicht, Dokumente zu erstellen und als pdf zu exportieren, und die Dokumente sehen danach genau so gut aus, wie man das von LaTeX gewöhnt ist. Im Prinzip funktioniert das wie beim Arbeiten mit MS Word oder Libre/Open Office: Man tippt seinen Text und weist bestimmten Absätzen Formatvorlagen zu. Und das war’s, nur dass das Ergebnis deutlich besser aussieht. (Außerdem lassen sich leicht mathematische Formeln setzen, aber damit habe ich weniger zu tun. Für Libre Office gibt es übrigens das Plugin texmaths, um Formeln in LaTeX-Syntax zu schreiben.)

Die schlechte Nachricht: Das Arbeiten bleibt so lange einfach, wie man mit den vorgegebenen Formatvorlagen zufrieden ist. Will man neue erstellen, muss man LaTeX können; will man vorhandene erweitern, erst recht. Einen Artikel mit Titel, Zwischenüberschriften, Inhaltsverzeichnis, Bibliographie zu schreiben, das geht leicht. Aber schon Zeilennummern erfordern Aufwand, und es hat lange gedauert, bis ich eine Vorlage gefunden habe, die Zeilennummern für Gedichte so ermöglicht, wie ich sie mir vorstelle.

Wer’s anschauen möchte: Hier ist eine kleine Einführung in Processing, mit LyX geschrieben. (Blogeintrag zu Processing.)

Ich hoffe, dass wir LyX bei uns im Computerraum installieren können. Schüler könnten damit schöne Handouts für Referate erstellen: Man kann in LyX gar nicht zweimal oder noch öfter hintereinander die Leertaste drücken (um eine Überschrift zu zentrieren), und man kann gar keine Leerzeilen schreiben, um Abstände zwischen Absätzen zu erzeugen. Das läuft alles nur über Formatvorlagen. Davon gibt es nur wenige, und demnach sehen alle Blätter gleich aus – aber halt erst einmal gut.

Richtig nützlich ist LaTeX neben der Bearbeitung von Formeln vor allem bei großen Dokumenten. Die schreibt man als Lehrer aber selten; meistens ist es sogar von zentraler Bedeutung, dass der Text auf genau eine Seite passt, weil ja doch ausgedruckt und kopiert wird. Auch dafür eignet sich LyX nur begrenzt. Außerhalb der Schule ist das nicht so wichtig.

Germanische Stabreimdichtung in der 8. Klasse, mit Tolkien

Ich mag ja bekanntliche germanische Mythologie und Literatur ein bisschen (Blogeintrag). Und seit ich – via Stephen Fry – anlässlich einer Lehrerkonferenz festgestellt habe, wie leicht einem germanische Stabreim-Langzeilen von der Hand gehen (Blogeintrag), wollte ich das auch mal mit Schülern probieren. Und das habe ich jetzt in der 8. Klasse gemacht.

Ausgangspunkt war Fangorns Lied aus dem Herrn der Ringe – Buch 3, Kapitel 4. Das ist ein Lied, das alle Ents kennen und in dem alle Lebewesen aufgezählt werden, allen voran die vier freien Völker, Menschen, Elben, Zwerge und Ents:

Learn now the Lore of Living Creatures!
First name the four, the free peoples:
Eldest of all, the elf-children;
Dwarf the delver, dark are his houses;
Ent the earthborn, old as mountains;
Man the mortal, master of horses

Baumbart ist von den Hobbits überrascht, da diese den Ents unbekannt sind und in der ganzen langen Litanei nicht auftauchen. Hm, hm, hm.

Fangorns Lied entspricht, wie andere Lyrik aus dem Herrn der Ringe auch, den Regeln der germanischen Stabreimdichtung: Zwei Halbverse mit jeweils zwei besonders betonten Silben, nennen wir sie A, B, C, D. Die Anzahl der Senkungen ist frei, es ist also kein regelmäßiges alternierendes Metrum erforderlich. C muss mit A oder B, oder A und B, alliterieren, der vierte Stab – also D – alliteriert nicht. (Dabei alliterieren alle Vokale untereinander, wodurch auch Vers 5 völlig regelkonform wird.) Laut Stephen Fry nennt der Beowulf-Übersetzer Michael Alexander diese Regel Bang, Bang, Bang – Crash!

In England hat sich die germanische Stabreimdichtung etwas länger gehalten als in der deutschsprachigen Dichtung. Beowulf beginnt (Hugo Gering, bearbeitet von Benjamin Slade):

Hört! Denkwürd’ger Taten von Dänenhelden
Ward uns viel fürwahr aus der Vorzeit berichtet,
Wie Könige kühn ihre Kraft erprobten.

Der althochdeutsche zweite Merseburger Zauberspruche geht auch noch nach diesem Bauprinzip vor:

Phôl ende Wuodan fuorun zi holza.
dû wart demo balderes folon sîn fuoz birenkit.
thû biguol en Sinthgunt, Sunna era swister

Zurück zu Tolkien. Es gibt die ältere Übersetzung von Margaret Carroux, wobei die Gedichte (alle? manche?) von Ebba-Margareta von Freymann übersetzt wurden:

Lerne die Namen der lebenden Wesen!
Erst nenne die vier, die freien Völker:
Die ältesten aller, die Elbenkinder

Dann gibt es eine neuere Übersetzung von Wolfgang Krege:

Lerne die Namen der lebenden Wesen!
Die vier Völker, die freien, zuerst:
Ältest von allen, die Elbenkinder;

Die Schüler bekamen auf einem Arbeitsblatt den englischen Text und die zwei deutschen Übersetzungen, jeweils die ersten zwölf Verse. Das englische Original habe ich selber episch vorgetragen, die anderen Fassungen mussten Schüler lesen, möglichst auch so episch. Ein bisschen Vergleich der Texte, herausarbeiten der Regeln, und dann die Aufgabe: Selber parallele Verse schreiben, für Lachs, Tiger, Katze oder Fisch zum Beispiel, oder eben auch die noch fehlenden Hobbits. Pro Vers zwei Tiere, oder auch nur eines, wie in der Vorlage. Acht Verse pro Schüler.

(Ich würde ja gerne das Arbeitsblatt hier einbinden, aber die Texte sind natürlich alle nicht urheberrechtsfrei.)

In der Stunde darauf haben wir dann die Schülerverse gesammelt. Ich hätte sie selber abtippen können, aber das mache ich schon lange nicht mehr. Ich hätte sie mir per Mail schicken lassen oder im Computerraum abtippen und als separate Dokumente speichern können – in beiden Fällen hätte ich die einzelnen Zeilen dann händisch zusammenbauen müssen. Ein Wiki geht auch nicht, weil die Schüler ja gleichzeitig an ein- und demselben Dokument arbeiten sollen, und das geht bei Wikis nur sehr begrenzt.

Also Etherpad. Etherpad ist eine Software, die auf einer Webseite läuft, so dass alle Besucher dieser Adresse dort ohne jegliche Anmeldung an einem gemeinsamen Dokument arbeiten können. (Die genaue Adresse des aktuellen Dokuments ist deshalb auch meist kryptisch, so dass sie sich nicht erraten lässt. Sonst könnte ja jeder mitschreiben. So muss einem der Ersteller des Dokuments – wofür man in der Regel auch keine Anmeldung braucht – nur die semi-geheime Andresse verraten.) Bei Google Drive geht das ja auch, nur brauchen die Teilnehmer dazu Google-Konten.
Das erste offene Etherpad, das ich ausprobiert habe, hielt dem Schüleransturm nicht ganz stand, bin ich also auf das Pad der Piratenpartei ausgewichen, in der Hoffnung, dass die Schüler dass eh nicht so mitkriegen und als Wahlwerbung verstehen. Das klappte auch. So schnell hatte ich nicht geschaut, da hatten die Schüler auch schon die Chatfunktion entdeckt und die Möglichkeit, die Farbe zu ändern. Trotzdem, ich hatte am Schluss die Texte in einer Datei. Hier eine Auswahl:

Hobbit der Halbe, haarig und frech
Schmetterling schlägt schnell mit den Flügeln
Rehe die Rennenden, rauf und weit
Der lauschende Tiger lautlos schleicht
Nachtigall singend, sitzt in Bäumen
Würmer, die graben, wild in der Erde
Der beobachtende Löwe bewacht sein Reich
Die Biene schwirrt summend zu Blumen

Hobbits die kleinen, Herrscher des Schleichens.
Fische im Wasser, Führer der Tiere.
Haie die Jäger, Hunger der Meere.
Lachse im Wasser, lachende Delphine.
Katze und Kater, kuscheln die Menschen.
Falke im Himmel, Führer der Heere.
Waschbär ist sauber, Wäscher der Tiere.
Flughörnchen fliegen, Freunde der Ents.
Rauschende Wale, Riesen der Meere.

Hobbits die kleinen Herren der Diebe
Delfine die Retter drollig am Lachen
Tiger gestreift tolles Muster
Katzen so weich, Krallen so spitz
Fische die schwimmen schnell unterwegs
Vögel in der Luft flink und schnell
Jaguar so schön, doch Jäger und gefährlich
Wiesel leben in Gruben, grau durch den Schmutz

Katzen sehr klein, kratzen am Baum
Feuerfisch ist rot, feuert sein Gift
Vögel so frei, fliegen im Wind
Krebse haben Scheren, krabbeln am Strand
Affen sind sportlich, albern den ganzen Tag herum
Frösche sehr glitschig, fangen Insekten
Bären sind stark, manchmal braun oder schwarz
Schmetterlinge so bunt, schwingen sich in die Lüfte

Waschbär der kleine, wäscht seine Beute
Gepard der Jäger, geht sehr schnell
Fuchs ist listig, Fisch lebt im Wasser
Katze ist flauschig, kuschelt mit dir
Delfin ist schlau, da wo er haust
Löwe ist König, lange schon
Wölfe heulen, wie gruselig
Seehund im Wasser, schön anzusehen

Halblinge, die hungrigen, haarig und frech.
Blaumeisen, die Bunten, immer blau und lustig.
Quallen, die schleimigen, quirlig und bunt.
Schlangen, die kalten, schlängelnd und stark.
Marienkäfer klein, im Mai kommen sie.
Mäuse so süß, mutig und schnell.
Katzen sind flink, sie kriechen herum.
Hamster schnell, haarig und verfressen

Hobbit der kleinste, Katze grazilst
Baumriesen die größten, gut und ältest
Würmer die ekligen, wühlen in Erde
Hühner die picken, hurtig und schnell
Kühe die milchigen, muhtig und doch still
Wale so groß, wandern durchs Meer
Vögel so klein, fliegen durch die Lüfte
Fische so schuppig, schwimmen durchs Meer

Wal so groß, Gepard so schnell
Katzen so süß, Schafe so wollig
Elefanten so groß, Gänse am schnattern
Giraffenhals so lang, Leguan ganz grün
Fledermäuse die Flieger, Fische die Schwimmer
Delfine die schlauen, Schlangen so wendig
Wandelbares Chamäleon, Kamel in der Wüste
Dromedar mit Höcker, Hasen die kleinen
Langsame Schnecken, Igel so stachlig
Elektrische Aale, Affen die klettern
Hobbits so klein wie Kaninchen so klug

Lachse, die leckeren, am liebsten beim Essen.
Tiger, die treuesten, die Teamchefs in Rudeln.
Katzen, die klügsten, Krallen wie Schwertklingen.
Fische, so frisch, die Feuerlagerbeute.
Delphine, die schnellsten, deutlicher als Bären.
Und Hobbits, die Huckepack gestapelt.
Die Hobbits haben Hände, wie aus Handwerkskunst.
Die Hobbits können kauen, wie eine Hauskatze.

Lachse, die leckeren, laufen bergauf
Bären, die braunen, brüllen im Wald
Tiger, die tollen, tanzen im Dschungel
Fische, die fliegen, fangen ihr Essen
Katzen, die kratzen, kullern herum
Affen angeln nicht nach Äpfeln
Die Ernte der Bauern essen die Esel
Hoppelnd hüpfen die Hasen herum

Zebras die zahmen, Zootiere auf ewig
Hobbits so haarig, Halblinge wie Zwerge
Fische so schleimig, fluchig und schnell
Die Menschen so unwissend, machtvoll doch sehr
Die Elephanten so groß, elastisch so gar nicht
Mäuse sehr flink, mustern ganz schnell
Schlangen gefährlich, schlängen umher
Haie so gefährlich, wie heißes Lava

Lachse, die leckeren, laufen bergauf
Bären, die braunen, brüllen im Wald
Katzen so kleine kratzen das Kind
Schlangen die schlängeln, schnatternd umher
Hunde so hübsche, heulen im Garten
Mäuschen so mickrig, maulen um Käse
Fische die flinken, fangen ihr Essen
Elefanten so einsam, eilen im Dschungel
Hasen die hoppeln heiter umher
Affen albern auf den Bäumen

Es ist vielleicht ganz gut, mit etwas Archaischerem wie einer Stabreim-Aufzählung anzufangen als mit der raffinierten Renaissance-Akrobatik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs. Danach könnte man weitergehen zu erzählender Stabreimdichtung. “Franz den Aufmerksamen forderte Herr Rau // zu erklären den Ursprung der Sprache der Deutschen”, und so weiter.

James Hilton, Random Harvest

Hintergrund

Gehört hatte ich von James Hiltons bekanntestem Roman, Lost Horizon, schon früh, mindestens über die Verfilmung von Frank Capra und beim Lesen der Science-Fiction-Literaturgeschichte von Brian W. Aldiss. (Zwei Stellenangaben im Register, jeweils nur ganz kurze Bemerkungen, aber das reichte mir.)
Ein Facharbeits-Themenvorschlag meines Englisch-Leistungskurs-Lehrers führte dann dazu, dass ich das Buch kaufte, als ich es in der englischen Abteilung der Buchhandlung sah.

Nach und nach las ich alles andere, das ich von Hilton finden konnte. Das waren stets Zufallsfunde auf Flohmärkten oder in Second-Hand-Bookshops, bis mir Ende des 20. Jahrhunderts das Web ermöglichte, die fehlenden Bücher online zu besorgen. Auch wenn Hilton mal berühmt war: Heute ist kaum etwas von ihm im Druck.

Random Harvest (deutsch: Gefundende Jahre) erschien 1941, wurde ein Bestseller und 1942 verfilmt – sieben Oscar-Nominierungen, aber keinen gekriegt. Holden Caulfield mochte den Film gar nicht, als er in New York in eine Vorstellung hineinstolperte.
Film und Buch unterscheiden sich in einigen Punkten sehr. Am besten – dringende Empfehlung – ist das Buch übrigens, wenn man den Film nicht kennt und auch die Inhaltsangaben von Buch und Film bei Wikipedia meidet.

Inhalt

Ende der 1930er Jahre lernt Harrison, eine Erzählerfigur, wie es sie bei Hilton häufig gibt, den Geschäftsmann und Politiker Charles Rainier kennen und wird dessen Sekretär. Rainier ist verheiratet, erfolgreich, scheint eigentlich alles zu haben – aber er ist auch zurückgezogen, scheu, ein wenig unglücklich. Nach einiger Zeit erfährt Harrison Rainiers Geschichte, die als Rückblende erzählt wird:
Nach einer schwerer Verletzung im Ersten Weltkrieg im Jahr 1917 setzt die Erinnerung Rainiers aus. Sie fängt erst wieder im Jahr 1919 an, als er sich in Liverpool nach einem kleinen Unfall aufrappelt. (Wie er von der Front nach Liverpool geraten ist, weiß er nicht.) Er nimmt Kontakt mit seiner Familie auf, richtet sich sein Leben ein, ist mehr oder weniger erfolgreich und mehr oder weniger unzufrieden. Der Drang, herauszufinden, was in den Jahren seines Gedächtnisverlusts geschehen ist, verlässt ihn nie ganz; ab und zu hat er déjà-vu-Erlebnisse, die er nicht einordnen kann.
Der nächste, kurze Abschnitt spielt wieder Ende der 1930er Jahre, der Gegenwart des Romans. Ähnlich wie in Lost Horizon ist ein Klavierkonzert der Anlass dafür, dass die Erinnerungen der Hauptperson zurückkommen.
Auf einer nächtlichen Autofahrt erzählt Rainier Harrison – im Roman wieder in Form einer Rückblende -, was in den Jahren von 1917 bis 1919 passiert ist. Dieser Abschnitt endet damit, dass Rainier – oder “Smithy”, wie er während dieser Phase genannt wird – aus beruflichen Gründen nach Liverpool fährt. Der Leser weiß zu diesem Zeitpunkt ja schon, dass er nicht als Smithy von dort zurückkommen wird. Dieser Abschnitt endet herzzerreißend lapidar:

He reached Liverpool in the early morning. It was raining, and in hurrying across a slippery street he stumbled and fell.

Damit endet Smithys Geschichte, bis Rainier die Fäden zwanzig Jahre später wieder aufzunehmen versucht.

Typisch Hilton

An dem Roman gefallen mir die Sachen, die mir bei Hilton immer gefallen: Nichtlineares Erzählen, Rahmenhandlung, das Gefühl von Verlust und vager Unzufriedenheit, und traurige Geschichten, die sich hinter unauffälligen Alltagsfassaden verbergen:

Half a million Englishmen are like that. Their inconspicuous correctness makes almost a display of concealment.

Rainier/Smithy genießt selbst “reading the numbers on houses in a strange town late at night, knowing that one of them hid a passing and unimportant destiny.”

Hilton und Cabell

Die Helden Hiltons sind still unzufrieden, “vainly searching for something and never at rest.” Bis jetzt hatte ich das nie in Verbindung gebracht mit den Helden Cabells, meinem anderen geschätzten und vergessenen Autor. Dessen Helden suchen auch rastlos nach etwas, sind allerdings lauter und bunter. Wenn es bei Hilton heißt:

“There’s only one thing more important,” he answered, “and that is, after you’ve done what you set out to do, to feel that it’s been worth doing.”

– dann ist bei Cabell genau das das Problem: dessen Helden – Manuel, Jurgen – erreichen ihre Ziele und sind dann doch nicht glücklich. Unmittelbar vor Random Harvest habe ich The High Place von Cabell gelesen, und da fiel mir das auf. Ein Schlüsselpunkt im Buch ist der titelgebende hochgelegene Ort, und einen ähnlichen symbolträchtigen hohen Ort gibt es in Random Harvest. Und die Helden Cabells behalten wie die Hiltons einen Teil von sich zurück, den sie privat halten. Was in Manuel vorgeht, weiß man bis zum Schluss nicht.

England

In Random Harvest spielt das Geschehen von 1938 und 1939 vor dem aufziehenden Zweiten Weltkrieg. Das Münchner Abkommen von Hitler-Chamberlain-Daladier wird diskutiert, die Rolle Englands in der Zukunft und Gegenwart und Vergangenheit. Smithy hat in den Jahren 1918–1919 ein idyllischeres England kennengelernt.
J.B. Priestley schrieb 1934 English Journey, einen Bericht über eine Reise durch ein sich wandelndes England, daran hat mich das Buch von Hilton erinnert.

Damit zu tun hat auch:

James Hilton als Sherlockist

Bei Hilton überrascht es mich nicht sehr, dass er sich für Holmes interessiert. Dass Charles Rainier, die Hauptfigur von Random Harvest, dieses Interesse teilt, halte ich schon für unwahrscheinlicher. Aber hey, poetic license, von mir aus. Dreimal macht Rainier Anspielungen auf Holmes.

He patted my arm. “It’s good to know I can talk to you whenever I’m in this mood. Watson to my Sherlock, eh? Or perhaps that’s not much of a compliment?”
“Not to yourself, anyhow. Watson was at least an honest idiot.”
He smiled. “That must be the Higher Criticism. Of course you were born too late to feel as I did – Sherlock’s in Baker Street, all’s right with the world.”

“Higher Criticism” ist ein Synonym für “the Game” (Blogeintrag) – jene spezielle Spielart der Literaturtheorie, die davon ausgeht, dass Holmes real, Watson der Autor und Conan Doyle lediglich der Literaturagent ist.
Der letzte Satz oben bezieht sich auf eine gern zitierte Stelle aus “Pippa Passes” von Robert Browning: “God’s in His heaven / All’s right with the world!” Und diese Sicherheit – wir sind wieder beim Thema England – verlieh Holmes den Lesern und seiner Zeit. Solange er in Baker Street wacht, ist England sicher. Diese Stabilität sieht auch Vincent Starret in seinem Gedicht “221B”:

Here dwell together still two men of note
Who never lived and so can never die:
How very near they seem, yet how remote
That age before the world went all awry.
But still the game’s afoot for those with ears
Attuned to catch the distant view-halloo:
England is England yet, for all our fears–
Only those things the heart believes are true.

A yellow fog swirls past the window-pane
As night descends upon this fabled street:
A lonely hansom splashes through the rain,
The ghostly gas lamps fail at twenty feet.
Here, though the world explode, these two survive,
And it is always eighteen ninety-five.

(Deshalb steht der Blogcounter auf Watsons Blog in der Sherlock-Episode “A Scandal in Belgravia” auch immer auf 1895.)

Das Gespräch zwischen Rainier und Harrison geht dann auch so weiter:

“Since we now realize that most things are wrong with the world -”
“I know – that was part of the illusion. […] Distant thrones might totter, anarchists might throw bombs, a few lesser breeds might behave provokingly in odd corners of the world, but when all was said and done, there was nothing to fear while the stately Holmes of England, doped and dressing-gowned for action, readied his wits for the final count with Moriarty! And who the deuce was this Moriarty? Why, just a big-shot crook whom the honest idiot romanticized in order to build up his hero’s reputation! Nothing but a middle-aged stoop-shouldered Raffles! And that, mind you, was the worst our fathers’ world could imagine when it talked about Underground Forces and Powers of Evil!”

Kein Vergleich zur Welt 1938.

England Prevails

Zur Erinnerung für mich selber: Hier gibt es Videomaterial vom Guardian zu einer der bizzarsten Aktionen eines Rechtsstaats der letzten Jahre. Die britische Regierung zwang die Guardian-Redaktion, die Computer zu zerstören, auf denen sich die Snowden-Daten befunden hatten. Mit Bohr- und Schleifmaschine mussten die Redakteure unter den Augen der Geheimdienstmitarbeiter ihre Hardware zerstören. Und das, obwohl allen Beteiligten klar wahr, und das auch laut gesagt wurde, dass es selbstverständlich Kopien der Daten gibt. “Petty” und “spiteful” sind die Wörter, die mir dazu einfallen.

West Pier, Brighton

Die Stürme der letzten Tage haben da West Pier in Brighton auseinandergerissen: BBC News, mit Foto.

So hatte es die Jahre zuvor ausgesehen:

2001, einige Jahre vor dem Brand, konnte man noch Führungen dorthin besuchen:
west_pier_2001_(1)

west_pier_2001_(2)

Und so habe ich es kennen gelernt:
west_pier_1999

Mal kurz verschnaufen

Gestern habe ich tief aufgeseufzt, aber vor Erleichterung. In den letzten Monaten hatte ich viel Arbeit. Es war nicht zu viel, um sie pünktlich und zuverlässig zu erledigen, aber es war zu viel, als dass ich viel Zeit für andere Dinge gehabt hätte. Und dafür brauche ich viel Zeit. Ich bin nicht multitasking-fähig; selbst in den Ferien nehme ich mir für jeden Tag maximal zwei Sachen vor – eine am Vormittag, eine am Nachmittag. Für dazwischen fällt mir dann schon auch immer etwas ein, aber das kann ich nur, wenn ich keine anderen Sachen auf meiner to-do-Tanzkarte habe. Und die war in letzter Zeit so voll, dass ich nicht zum Bloggen gekommen bin, nicht genug zum Lesen, nicht zu Plänen und Projekten und Ideen.

Vielleicht bin ich einfach auch das Arbeiten nicht mehr gewöhnt. In der Schule musste ich mich nie anstrengen, im Studium musste ich erst vor dem Examen etwas tun. Das Referendariat, inzwischen schon rosig verklärt, war wohl doch auch für mich anstrengend, wie mir Zeitzeugen versichern. Jedenfalls habe ich in den letzten Tagen die Vorlesung an der Uni beendet. (Klausur stellen und korrigieren kommt noch, aber erst mal muss ich eine Zeit lang nicht mehr um fünf Uhr früh aufstehen.) Die letzten Schulaufgaben vor dem Notenschluss sind korrigiert. Das P‑Seminar ist beendet. Das war auch eine lehrreiche Erfahrung; wenn ich noch mal eines mache, werde ich einiges anders machen. Gilt auch für die Vorlesung. Aber jetzt erst mal verschnaufen. Nichts vornehmen. Denn nur das führt dazu, dass ich dann schöne Dinge machen kann.

Was mir beim Lesen von Tom’s Midnight Garden aufgefallen ist

pearce_garden Tom’s Midnight Garden von Philippa Pearce ist ein mehrfach preisgekrönter englischer Kinderbuchklassiker aus dem Jahr 1958. Ich will das Buch hier gar nicht groß vorstellen, sondern nur einen Aspekt festhalten: wie mich die Geschichte an zwei andere, bisherr unverbundene Geschichten erinnert hat.

Tom, etwa zehn Jahre alt, wird wegen Masern in der Familie zu Verwandten geschickt. Dort gefällt es ihm gar nicht gut; ihm fehlt vor allem, dass es zu dem großem Haus (in dem auch andere Parteien leben) keinen Garten gibt – keine Wiese zum Rennen, keine Bäume zum Erklettern.
Tom fasziniert die alte Standuhr in der Vorhalle des Hauses, die stets die falschen Stunden schlägt – um Mitternacht schlägt sie gar dreizehn Mal, und Tom findet zufällig heraus, dass die Hintertür des Hauses zu dieser Zeit (und nur dann) nicht in den kleinen, zugebauten Hinterhof führt, sondern in ein großen, sonnigen Garten, in dem er nach Herzenslust herumtoben kann.

Seine nächtlichen Ausflüge wiederholen sich, und er lernt bald die Bewohner des Hauses kennen, zu dem der Garten gehört. Das Haus scheint dasselbe zu sein, in dem er zur Zeit wohnt, nur viele Jahrzehnte früher. Die Bewohner können ihn nicht sehen, er kann auch nicht mit ihnen interagieren – bis Hatty auftaucht, vielleicht sechs Jahre alt, die ihn wahrnehmen und mit ihm reden kann. Sie freunden sich an und verbringen viel Zeit mit dem Erkunden des Gartens und später auch der Umgebung des Hauses.

Erst nach einigen Treffen stellt sich heraus, dass jeder den anderen für einen Geist hält. Und erst nach weiteren Treffen fällt Tom auf, dass Hatty altert – während für Tom die Treffen jeden Tag stattfinden, vergehen für Hatty zwischen den Besuchen Toms manchmal längere Zeiträume, so dass sie zum Ende des Buches, als Toms seine Rückfahrt zu seiner Familie nicht mehr länger aufschieben kann, schon alt genug für eine baldige Verlobung ist. Tom und Hatty unternehmen eine letzte gemeinsame Schlittschuhfahrt, er mit ihren alten Schlittschuhen (denselben, die sie trägt), die sie für ihn im Haus versteckt hat, damit er sie Jahrzehnte später findet.

– Das Buch hat mich an zwei andere Geschichten erinnert. Einmal an “Night Meeting” von Ray Bradbury, eine meiner liebsten Kurzgeschichten aus den Martian Chronicles: Auf einer langen nächtlichen Autofahrt – auf dem Mars, bald nach der Kolonisation durch die Menschen – begegnet Tomás Gomez bei einer Kaffepause einem anderen nächtlichen Fahrer in einem exotischen Fahrzeug. Es ist Muhe Ca, ein Marsianer. Sie unterhalten sich in der nächtlichen Stille, froh um Gesellschaft, aber sehr verwundert über die Begegnung. Die Marsianer sind ausgestorben, schon seit langer Zeit, ihre Städte sind Ruinen und ihre Kanäle sind voller Sand – so sieht Gomez seine Umgebung. Muhe Ca dagegen sieht in der Ferne die prachtvollen Städte und rauschende Kanäle voller Leben. Jeder erzählt von seiner Welt. Berühren können sich die beiden nicht, ihre Hände gehen durch einander durch. Jeder hält den anderen für einen Geist, oder eine Gestalt aus ferner Vergangenheit, aber am Schluss, nachdem sie viele Gemeinsamkeiten festgestellt haben, ist das nicht mehr wichtig.. “Let us agree to disagree,” schlägt der Marsianer vor. Sie trennen sich.

Eine schöne, musikalische Geschichte. An sie musste ich bei dem Treffen von Tom und Hatty denken – beide kommen aus verschiedenen Zeiten, beide halten einander für Geister, können sich nicht berühren, und bauen doch eine Beziehung zu einander auf. Beide Geschichten sind ein bisschen traurig*.

Das gilt auch für The Time Traveler’s Wife von Audrey Niffenegger (Blogeintrag), und da fand ich die Ähnlichkeiten frappierend. Clare und Henry treffen sich die ersten zehn Jahre über auf einer Wiese hinter dem Haus von Clares Eltern, heimlich und unbemerkt. Aus der Sicht von Clare taucht alle paar Wochen dieser merkwürdige fremde Mann aus einer anderen Zeit bei ihr auf, sie verbringen ein bisschen Zeit miteinander, worauf er wieder verschwindet. Hatty stellt sich für Tom in unterschiedlichen Altersstufen dar, Clare sieht Henry ebenso (und Henry Clare auch). Henry springt in der Zeit fast immer zurück, nur sehr selten vorwärts; Toms Sprünge in die Vergangenheit sind meist in chronologischer Folge, aber nicht immer: “He did not always go back to the same Time, every night; nor did he take Time in its usual order.” (S. 170)

Auch der Roman von Niffenegger ist ein bisschen traurig. Tom’s Midnight Garden ist keine Liebesgeschichte, oder vielleicht nur ein ganz kleines bisschen, aber eine Geschichte um Verlust und Sehnsucht.

*Sind Zeitreisegeschichten nicht immer bittersüß? Wegen der Unabwendbarkeit der Ereignisse, dem nicht zu verhindernden Verlust?

Dialekte im Deutschunterricht

In der 8. Klasse stehen Sprachgeschichte, Fremd- und Lehnwörter und Dialekte auf dem Lehrplan. Das bietet sich als Anschluss an das Barock an. Es gibt dafür eine Fülle an schönem Material, angefangen mit einem alten Blogeintrag und der Handreichung Dialekte in Bayern vom ISB.

Noch schöner ist das Material online: Der Atlas zur deutschen Alltagssprache untersucht und stellt dar, wie die Leute in Deutschland reden. Bei der Datenerhebung im Internet kann jeder mitmachen. In der aktuellen Umfrage werden die Teilnehmer zum Beispiel gefragt, ob ein abgebildetes Kind greint, heult, brüllt, flennt, plärrt oder weint; wie man zum Schluckauf sagt oder zum abgeschnittenen Anfangs- oder Endstück des Brotes. (“Riebele” natürlich.) Die Ergebnisse der neun vorherigen Umfragen erhält man auf Karten angezeigt.

Diese Wortschatzkarten geben in vielen Punkten die alten Dialektgrenzen wieder. Auftrag an die Schüler etwa: Finde Beispiele im Atlas der deutschen Alltagssprache, die zu den dir bekannten Dialektgrenzen passen. Notiere diese Beispiele übersichtlich und sauber in deinem Heft. – Und im Namen eines Schülers haben wir im Computerraum auch an der aktuellen Umfrage teilgenommen.

Traditioneller geht der Sprechende Sprachatlas von Bayern vor. Es geht dabei – ähnlich wie in der ISB-Handreichung – nur um das Bundesland Bayern. Bairisch im Osten, Schwäbisch in einem schmalen Streifen im Westen, Fränkisch im Norden – dass das Schwäbische noch weiter nach West und Süden geht, merkt man aus der Karte nicht, dass das Bairische bis nach Österreich geht, auch nicht. Das wirkt ein bisschen provinziell? Begrenzt?
Jedenfalls sieht man auf diesem Atlas, wie die Leute dort sprechen, insofern und falls sie den dortigen Dialekt sprechen. (Also ein anderer Ansatz als oben.) Und man sieht das nicht nur, man hört das auch. Macht auch Spaß, im Computerraum, mit Kopfhörern.

Eine Fülle von Material, schönen Sachen. Trotzdem bin ich nicht zufrieden mit der gerade hinter mir liegenden Sequenz. Was bleibt bei den Schülern hängen, was soll hängen bleiben?

Eine lehrreiche und kostenneutrale Erfahrung

Einige Bundesländer – Bayern, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Sachsen, Schleswig-Holstein – bereiten sich in den Fächern Deutsch, Englisch und Mathematik auf ein länderübergreifendes Abitur vor. Schon dieses Schuljahr ist ein Aufgabenteil zentral gestellt. Dazu müssen die Aufgabenformen in den Ländern natürlich bekannt sein.

So richtig unbekannte Aufgabenformen gibt es dabei für Bayern nicht, zumindest was Deutsch und Englisch betrifft; bei Mathematik kenne ich mich weniger aus. Vorsichtshalber haben sich die beteiligten Ländern dennoch darauf verständigt, dass Probeklausuren in diesen Fächern geschrieben werden, und zwar im Herbst 2013.

Details regelt jedes Land selber. Bayern hatte sich für diese Lösung entschieden: Die Probeklausuren finden zusätzlich zu den regulären Klausuren statt. Sie müssen benotet werden. Die Schüler entscheiden selber, welche der beiden Klausuren als Klausur – also gewichtiger – zählt, und welche als kleiner Leistungsnachweis etwas weniger.

Sehr früh regte sich Unmut gegen diese Regelung. Hier gab es Stimmensammlung für eine Petition. Lesenswert sind die Argumente gegen das Probeabitur und die Kommentare darunter, lesenswert auch die “Richtigstellung Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus.” Tenor: Alles kein Problem.

Irgendein Problem hat es dann aber wohl doch gegeben: Vor einer Woche hieß es (Pressemitteilung), die Schüler können sich nun auch dafür entscheiden, dass sie die Klausurnote gar nicht in die Bewertung einfließen lassen. Warum? “Es ist unser Anliegen, nur die Leistungen der Schülerinnen und Schüler für das Abitur zu werten, die auch ihren Leistungsstand zuverlässig abbilden.” Anscheinend haben also die Leistungen in den Probeklausuren nicht den Leistungsstand der Schüler zuverlässig abgebildet.

Die Lehrer sind nicht sehr erfreut. Das waren bayernweit geschätzte 150.000 Arbeitsstunden, zusätzlich oder statt anderer Unterrichtsvorbereitungen, die jetzt – sagen wir: plötzlich weniger wichtig wurden als ursprünglich geplant. (Kostenneutral, der Steuerzahler muss keine Sorgen haben.) Nicht eingerechnet ist der zusätzliche Aufwand für viele Lehrer, jetzt noch vor Notenschluss weitere Noten zu erstellen: In Bayern gibt es in der Oberstufe eine Mindestzahl an Leistungserhebungen pro Halbjahr, die gemacht werden müssen, und wer die Probeklausur eingerechnet hatte, hat sich verrechnet.

Klar war das eine wertvolle Übungsmöglichkeit für unsere Schüler, für die uns kein Aufwand zu hoch sein sollte. Ein paar Dingen würden mich trotzdem interessieren:

  • Sind die Ergebnisse tatsächlich so schlecht ausgefallen, wie gemunkelt wird, oder war das nur Panikmache? In Deutsch, Englisch und Mathematik? In der Presse ging es meist um Mathe.
  • Wenn ja, woran liegt das? Schlechte Vorbereitung? Fehlende Nachhaltigkeit? Zu kurze Vorbereitungszeit? Gerade in Mathe kommt es häufig vor, dass Schüler vor dem Abitur in den Osterferien einen Mathe-Crashkurs belegen. Geht es ohne diesen einfach nicht? Woran liegt das? Soll man das ändern?
  • Wie waren die Ergebnisse in den anderen teilnehmenden Bundesländern? Genaue Noten interessieren mich nicht, zumal die Arbeiten aus verschiedenen Gründen ja doch nicht ganz vergleichbar waren und nie miteinander verglichen werden sollten. Man hört da bisher gar nichts.