Ich unterstütze den Schulausflugs-Boykott in Niedersachsen

Ich glaube nicht mal, dass Boykott das richtige Wort ist. Viele Lehrer Niedersachsens sind unzufrieden mit dem dortigen Kultusministerium. Auslöser ist eine Stunde Mehrarbeit, aber es geht um mehr. Nun spielt die Meinung der Lehrer beim Kultusministerium keine große Rolle, das dürfte länderübergreifend so sein.

Jedenfalls haben einige Gymnasien in Niedersachsen – nicht alle – beschlossen, Klassenfahrten zu streichen. Das stößt “weiterhin auf heftige Kritik” – des Verbandes NiedersachsenMetall und der Regierung (Neue Osnabrücker Zeitung).

Ich unterstütze diesen Verzicht auf Fahrten. Lehrer haben keine Möglichkeit, sich anders Gehör zu verschaffen. (Dabei sollte man gelegentlich auf die hören. Die wollen schließlich, dass Schüler etwas lernen, wollen ihnen etwas beibringen. Andere sind eher an Notenschnitten interessiert und weniger daran, was dahinter steckt.)

Diese Fahrten sind außerdem eine freiwillig Leistung der Lehrer und Schule. Und zumindest in Bayern zahlen Lehrer bei solchen Fahrten regelmäßig ein- bis dreihundert Euro aus eigener Tasche dazu, etwa bei Austauschen.

Robin Sloan, Mr. Penumbra’s 24-Hour Bookshop

sloan_penumbraEs ist mir schon mindestens zweimal passiert, dass sich Bücher als ganz ausgezeichnet herausgestellt haben, die ich an Flughäfen beim Rückflug mitgenommen habe. Deshalb kaufe ich dort gerne mal ein Taschenbuch, so auf gut Glück. Diesmal war die Auswahl klein, aber es gab eines um eine geheimnisvolle Buchhandlung, eines meiner liebsten Themen. Aber kann man im 21.Jahrhundert noch etwas Neues über dieses Thema schreiben?

Ja und nein.

Wir beginnen mit einer unheimlichen Buchhandlung mit Namen an der Glastür, spiegelverkehrt abgedruckt. Hm, ja, geht eigentlich nicht mehr. Die Hauptperson braucht einen Job und bleibt ansonsten eher zweidimensional und wundert sich nicht sehr über das Wunderbare, das er erlebt. Das wäre okay bei einer nicht-realistisch erzählten Geschichte, aber diese hier kann sich wohl nicht entscheiden. Entweder die Geschichte ist nicht-realistisch, also parabelhaft, alptraumhaft, utopisch, traumhaft, so wie Der Mann, der Donnerstag war von Chesterton – dann gibt sich dieser Roman zu viel Mühe mit realistischen Erklärungen, und die beschriebene Welt ist der unseren zu ähnlich. Oder er soll tatsächlich mehr oder weniger in unserer Welt spielen – dann müssten die Figuren glaubwürdiger sein. Und die Wissenschaft. Oh, die Wissenschaft.

Also: Der junge Mann in der Buchhandlung kommt einer geheimen Verbindung auf die Schliche. Man muss ein Geheimnis enträtseln, um volles Mitglied zu werden; das genaue Verfahren wird nie beschrieben, es erfordert das Lesen von letztlich ziemlich willkürlich entstandenen Büchern und klingt ziemlich unglaubwürdig, und wird für den Rest des Buchs dann auch wieder vergessen. Als Vollmitglied darf man sich dann an das Auflösen der Verschlüsselung des großen Meisters machen.
Unser Held und seine treuen Gefährten nutzen die Macht des Computers dazu. Weil Computer bekanntlich alles können, jedenfalls wenn man genug davon hat. Als unsere Helden Zugang zu den Rechnern von Google erhalten, ist für sie das Problem gelöst: Man lädt die interessierten Parteien ein, und legt einen Schalter um. So wie bei den Horrorfilmen früher: Es bitzelt und batzelt, und dann passiert etwas Dramatisches. (Das Monster lebt, die Rakete startet, hier: der entschlüsselte Text erscheint.) Man macht sich nicht mal die Mühe, irgendein Verschlüsselungsverfahren auszumachen, weil die Macht der Rechner einfach alle denkbaren Verfahren ausprobiert. Kryptographen werden nicht herangezogen. Das Wort Entropie fällt nicht. – Die Rechner kommen zu keinem Ergebnis. Die Lösung? “Captain, we need more power!” Also werden mehr Rechner dazu geschaltet, schließlich sogar sämtliche Rechner von Google (so dass Google weltweit für drei Sekunden ausfällt). Wie wahrscheinlich das wohl ist? Aber nach diesen drei Powersekunden beschließt Google, dass der Text nicht zu entschlüsseln ist. Kein Sinn mehr, weiter zu rechnen: Wenn selbst alle Rechner der Welt etwas in drei Sekunden nicht schaffen, dann kann das Problem nicht rechnerisch gelöst werden, weil die Rechner ja alles ausprobiert haben, was geht.

Falls es nicht klar geworden ist: So funktioniert das nicht. Fake science kenne ich aus Fernsehserien, die sich an ein Massenpublikum richten und nicht viel Zeit haben. In einem Roman erwarte ich mehr Sorgfalt. Am Schluss stellt sich übrigens heraus, dass der Code absurd einfach ist, auch wenn er nur grob skizziert wird und wir kein konkretes Beispiel kriegen.

(Dass der verschlüsselte Text aus einem Wiegendruck gescannt wurde und mit automatischer Zeichenerkennung in digital lesbare Schrift umgewandelt worden ist, verwundert da auch nicht mehr. Habt ihr schon mal gesehen, was OCR mit so etwas macht?)

Wer wirklich Verschlüsselungen und Codes knacken und Geheimnissen auf die Spur kommen möchte, liest Klausis Krypto-Kolumne, wo im aktuellen Beitrag Cicada 3301 vorgestellt wird. Das ist eine Art kryptographisch orientierte Internet-Schnitzeljagd mit unbekanntem (also: geheimnisvollem) Veranstalter. Hier ein Wiki dazu, wer weiter forschen möchte.

Israel

Über die Weihnachtsferien war ich in Israel, in Tel Aviv. Das war eine schöne und bildende Erfahrung. Es fing schon mal damit an, dass man im München nicht von einem der üblichen Terminals abfliegt: für Flüge nach Israel muss man erst Mal zu Fuß unter einer Brücke durch und über den Parkplatz – so fühlt es sich jedenfalls an – und dann in ein eigenes Containergebäude. Macht es das für die anderen Passagiere leichter, falls die Sicherheitskontrollen irgendwann mal gründlicher werden (sie waren nicht anders als sonst) oder falls mal eine Bombe explodiert? Jedenfalls ist das wohl weltweit so: Wenn man nach Israel fliegt, fliegt man von einem separaten Terminal.

Auch die Einreise ging schnell und problemlos. Deutsche brauchen zwar technisch ein Visum, aber das kriegt man (in unserer Generation) automatisch bei der Einreise. Eigentlich kommt so ein Visum als Stempel in den Pass. Aber weil so ziemlich alle arabischen Ländern Ärger machen, wenn man ein israelisches Visum im Pass hat, kriegt man das auf Wunsch auch ein Extrablatt. So hieß es vorher; tatsächlich gibt es nicht mal mehr das, sondern man kriegt ein visitenkartengroßes Kärtchen, das man im Pass liegen lässt. Ich hätte nichts gegen ein israelisches Visum im Pass gehabt.

In Tel Aviv gelandet, war erst mal Schabbat. Tel Aviv ist sehr weltlich, aber Schabbat ist Schabbat: Weder Züge noch Busse fahren. Es war aber kein Problem, mit dem Taxi in die Innenstadt zu kommen.

Tel Aviv: Schöne Urlaubsstadt. Meer. Sonnenuntergänge. Zwanzig Grad im Winter. Frisch gepresster Granatapfelsaft. Leckeres Essen. So viel Bauhaus-Architektur, dass es für ein Unesco-Weltkulturerbe reicht.
Tel Aviv ist natürlich auf Touristen ausgerichtet, ich wurde meist gleich als Deutscher ausgemacht. Deutsche sind sehr willkommen dort. Fast alle Leute, mit denen wir zu tun hatten, sprachen sehr gut Englisch. Ausländische Filme und Serien im Fernsehen laufen, hebräisch untertitelt, in der Originalsprache.

Vergnügen hat mir das Lesen der hebräischen Schriftzeichen gemacht: Es gibt gar nicht so viele davon, gut zwanzig; das Aleph kennt man ja sowieso irgendwoher, und die anderen lernt man auch nach und nach – erst Lamed, Kof und Resch, dann Schin, und so weiter.
Wenn man sich etwas damit beschäftigt hat, fallen einem auch die Ähnlichkeiten mit dem lateinischen Alphabet auf, nicht nur bei den Bezeichnungen der Buchstaben, sondern auch in der Form, so exotisch die hebräischen Buchstaben auch zuerst anmuten. Kein Wunder: das hebräische und lateinische Alphabet, und das griechische, das kyrillische, selbst das arabische – alle gehen direkt oder mittelbar auf das phönizische Alphabet zurück. (Und das wiederum, andere Geschichte, auf die ägyptische Hieroglyphenschrift.)
Wenn man das ק (Kof) spiegelverkehrt betrachtet, wird unser Q daraus, das ר (Resch) sieht aus wie ein spiegelverkehrtes r, das פ (Pe) – am Wortende ף – erinnert an ein spiegelverkehrtes P.
Spiegelverkehrt, weil Hebräisch von rechts nach links geschrieben wird. – Übrigens haben das die alten Griechen auch nicht so eng gesehen, da wird in früher Zeit auch mal in die eine, mal in die andere Richtung geschrieben.

Mein Gehirn brauchte etwas, bis ich die hebräischen Schriftzeichen im Fenster des Café von innen, also spiegelverkehrt, also von links nach rechts, also, äh, richtigherum, oder wie, richtig einordnen konnte.

(Das Hebräische ist bekanntlich eine Konsonantenschrift, trotzdem wird sehr häufig das j für i/e? und das w für o/u geschrieben, aber nur in manchen Silben. Die Regeln habe ich nicht herausgekriegt, ebensowenig, wann das Aleph für ein a steht und wann nicht. In biblischen Texten oder Kinderbüchern werden die Vokale durch diakritische Zeichen angedeutet; ich habe auch englische Firmenschilder in lateinischer Schrift gesehen, ohne Vokalzeichen, stattdessen mit den entsprechenden aus dem Hebräischen entlehnten diakritischen Pünktchen. Ist aber wohl nicht verbreitet. – Sprechen oder verstehen kann ich Iwrit, so heißt das moderne Hebräisch, natürlich kein bisschen.)

Die Straßenschilder sind alle dreisprachig: Hebräisch, Arabisch, Englisch. Englische Schrift sieht man auch sonst viel auf Schildern, Plakaten, in der Werbung. Einmal wurde im Fernsehen eine Werbe-Textzeile Zeichen für Zeichen eingeblendet: Zuerst von rechts nach links für das Hebräische, beim englischen Einsprengsel dann von der Gegenrichtung aus. Kursive hebräische Schrift habe ich in beide Richtung gelehnt gesehen.

Ich fühlte mich nicht eigentlich klaustrophobisch in Israel, war mir aber sehr der Grenzen bewusst. Das Land ist nicht groß, so groß wie Hessen, oder achtmal Saarland. Im Westen liegt das Mittelmeer, in allen anderen Himmelsrichtungen ist das Land umgeben von Ländern, in die man von Israel aus nicht so einfach reisen kann. In Deutschland kann man stundenlang Auto oder Bahn fahren, im eigenen Land oder in die Nachbarstaaten. In Israel geht das nicht. Einmal fuhren wir mit dem Zug anderthalb Stunden nach Norden, da kam schon bald die Grenze zum Libanon, und dann mit dem Bus eine halbe Stunde nach Osten, da waren wir schon ein Drittel quer durch Israel durch. Wunderschöne Landschaft.

Das alte Jerusalem ist überraschend klein, ein Quadrat mit einem Kilometer Stadtmauer an jeder Seite. Es war gar nicht voll, die Weihnachtsferien sind eine gute Zeit, um dorthin zu fahren. (Pullover mitnehmen, in Jerusalem ist es deutlich kälter als im tiefer gelegenen Tel Aviv.) Selbst die Grabeskirche war, abseits der Grabstätte, nicht sehr überlaufen:

grabeskirche_jerusalem

(Diese Innenaufnahme sieht so nach außen aus. Die Grabeskirche ist ein kleines Labyrinth von Gebäuden und Gängen. Bisher war ich nur im Rollenspiel dort.)

In Rom hatte ich nicht das Gefühl, wie kurz zweitausend Jahre sind, hier schon. Weil der Ort kleiner ist? Weil ich mir das Jerusalem vor zweitausend Jahren besser vorstellen kann als das alte Rom, weil weniger passiert ist in Jerusalem als in Rom? Natürlich stehen nicht mehr die gleichen Stadtmauern wie früher. Und doch.

An der Klagemauer hatte ich eine eigene Kippa dabei, ansonsten nimmt man sich dort eine.

Die Gedenkstätte Yad Vashem war sehr bewegend. Reich-Ranicki auf Video gesehen.

– Lektüre: In Israel habe ich Altneuland von Theodor Herzl gelesen, einem Begründer des Zionimus, also des Gedankens, einen jüdischen Staat oder eine jüdische Gesellschaft zu gründen. Tel Aviv ist nach diesem Buch benannt.

Und The Innocents Abroad von Mark Twain habe ich wiedergelesen: Dieser umfangreiche und unterhaltsame Bericht begleitet die Reise von gut sechzig amerikanischen Honoratioren (und Mark Twain), die 1867 einen Dampfer charterten und damit eine Reise nach Europa und ins Heilige Land durchführten. Nordafrika, Frankreich (keine Seife, nirgends), Italien (genügend Nägel vom Heiligen Kreuz, um ein Fass damit zu füllen; drei verschiedene Schweißtücher der Veronika in drei verschiedenen Städten), Griechenland; Türkei und Krim, dann durch den Libanon nach Palästina. Zurück über Ägypten und Spanien. Bei den Beschreibungen der Grabeskirche habe ich alles wiedererkannt.

Illustrationen aus dem Buch:

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Jaffa. Heute der südliche Teil von Tel Aviv (das offiziell Tel Aviv-Yafo heißt). Hieß auch mal Joppe oder Joppa. Von hier flüchtete Jona aufs Meer, um dort von einem Wal verschluckt zu werden. Den Felsen der Andromeda sieht man noch, also da, wo sie angekettet war, bis Perseus sie vor dem Seeungeheuer rettete.

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Jerusalem. Sieht immer noch so ähnlich aus. Mehr Stadt drumrum, klar.

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Yup. Da stand ich auch. Die Grabeskirche.

In Tel Aviv im Kunstmuseum gewesen, auch Videoinstallationen gesehen. Die könnte man doch auch bei Youtube einstellen. Ist das dann keine Kunst mehr? Kunst definiert sich dadurch, dass sie im Museum steht; macht mal jemand bitte Kunst für Youtube? Andy Warhol hat mit der Reproduzierbarkeit ja nur gespielt; darf Kunst nicht reproduzierbar sein?
Sehr schön und witzig die Ausstellung “The Logical, the Ironic, and the Absurd” von Ron Gilad (Zeitungsbericht). Das steht hier, damit ich mir den Namen merke. Unter anderem wurden die Museumswärter als Kunstwerke mit einbezogen. Mit so etwas kriegt man mich.

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Der Strand bei Sonnenuntergang.

Allgegenwärtig dort: Das Pok-Pok der, uh, Pokpok-Spieler?

 

An der Uferpromenade zum ersten Mal in meinem Leben echtes three-card monte gesehen. Ich habe mich aber nicht getraut, mich ausnehmen zu lassen. Mit Kügelchen heißt das auch Hütchenspiel, ist klassischer Trickbetrug, ursprünglich dergestalt, dass ein Komplize dem Hereinzulegenden suggeriert, er könne selber den Spieler betrügen. Keine Ahnung, ob das heute noch so gespielt wird.

Wenn man Lehrern (wie mir) glaubt, ist alles einfach

Man muss als Schüler einfach nur da sein, aufpassen, und sich 5 Minuten auf jede Stunde vorbereiten – in der Straßenbahn, im Bus, in der Pause, in der Vorstunde oder zu Hause – Hauptsache irgendwie. Dann klappt das auch!
Die Basis für meine Überzeugung? Ich habe das so gemacht, und bin sehr gut damit gefahren; und die guten Schüler, die ich kenne, machen das so und fahren sehr gut damit. Und die meisten weniger erfolgreichen Schüler, die ich kenne, machen das nicht so.

Der Gedanke, dass das reicht, oder zumindest weitgehend reicht, ist verlockend. Außerdem handelt es sich wirklich um ein Minimum an Aufwand, das absolut zumutbar aussieht und von dem sogar viele Leute ausgehen würden, dass das eine Selbstverständlichkeit sei. Verführerisch ist vielleicht auch der Gedanke: Wenn sie nicht mal dieses Minimum hinkriegen, dann kann ich als Lehrer meine Hände in Unschuld waschen.

Möglicherweise verwechsle ich bei diesem Vorschlag aber Ursache und Wirkung: Sind die guten Schüler deshalb gut, weil sie konsequent auf jede Stunde fünf Minuten Vorbereitung verwenden, oder fällt ihnen vielmehr das mit den fünf Minuten eben darum leicht, weil sie – aus anderen Gründen – gute Schüler sind? Wenn andere Schüler nur dann dieses Miminum leisten können, wenn sie damit rechnen müssen, jederzeit ausgefragt zu werden, dann hilft ihnen dieser Tipp tatsächlich nur begrenzt. (Denn das mit dem Ausfragen lässt sich nicht umsetzen und ist auch nicht sinnvoll.)

Klar ist, dass man mit den Schülern arbeiten muss, die man hat. Die Schüler, die das mit den 5 Minuten nicht hinkriegen, darf man nicht vernachlässigen. Entweder man konzentriert sich darauf, bei ihnen eine Änderung der Einstellung zu erwirken, in der Hoffnung, dass das dann tatsächlich positive Konsequenzen hat (schwierig, aber vielleicht möglich), oder man findet für sie andere Methoden. Ausfragen, Wiederholen des Stoffs der letzten Stunde, solche Sachen. Sind dann homogene oder heterogene Klassen besser, also getrennt nach Minimalvorbereiter/Nichtvorbereiter? Ist Unterricht schlecht, der diejenigen bevorteilt, die sich kurz vorbereiten?

Ich weiß nicht mehr, wo ich mit diesen Gedanken hinwollte, deshalb lasse ich sie jetzt so stehen.

Die Hypekurve im Rückblick

Im Januar 2011 habe ich anlässlich einer Moodle-Fortbildung einen Blogeintrag zur Hype-Kurve geschrieben. Hier ist noch einmal die Kurve mit den Beispielen dazu, die ich damals herausgesucht habe:

hype_rueckblick

So im Rückblick ist schon lustig zu sehen, was in den letzten drei Jahren passiert ist. Zu Second Life habe ich neulich einen Beitrag gelesen, dass es der Community – danke der Nachfrage – gut geht. (Und Marco Bakera hat einen schönen Blogeintrag zu einem Schulkurs dort geschrieben.) 3D-Fernsehen interessiert keinen mehr. 3D-Drucker sind kurz davor, in aller Munde zu sein, und dank der Snowden-Veröffentlichungen und der NSA liest man die ersten Artikel über Quantenrechner in den gängigen Medien.

Bücher 2013

Meine gelesenen Bücher 2013. Zu einigen habe ich etwas gebloggt. Die Bücher mit ° habe ich wiedergelesen, enttäuschend waren Bücher mit (-), besonders gut die mit (+). Digital gelesen 8 1/2 , der Rest war gedruckt.

  1. Kathrin Passig/Sascha Lobo, Internet. Segen oder Fluch
    Empfehlenswert. Allein schon mal wegen des tollen Titels und der drei Seiten Internet-Metaphern, aus denen ich mich für den Deutschunterricht reichlich bediene.
  2. Salcia Landmann, Jiddisch. Das Abenteuer einer Sprache
    Ganz okay. Etwas zu anekdotisch für mich, romanhaft fast, aber das sagt ja schon der Untertitel.
  3. Nick Montfort, Twisty Little Passages
    Theorie der Interactive Fiction. Interessant, aber nicht mitreißend.
  4. D.A. Stern, Shadows in the Asylum
    Ein Roman in Scrapbook-Form, der dritte Vertreter seines Genres, den ich gelesen habe, und der beste bisher. Trotzdem nur so mittel. Ich sehe den Gewinn gegenüber einem reinen Briefroman noch nicht.
  5. Yasmina Reza, Nirgendwo (-)
    Literatur. Mag schön poetisch sein, hat mir aber nichts gebracht.
  6. Benjamin Appel, The People Talk
  7. H. L. Mencken, The American Scene
  8. G. W. Dahlquist, The Chemickal Marriage (-)
    Sehr schwach, aber das kam nicht überraschend. Den ersten Band fand ich ausgezeichnet und neuartig, der zweite ging noch, und das hier war lieblos.
  9. Christopher Isherwood, Goodbye to Berlin
  10. Karen Russell, St. Lucy’s Home for Girls Raised by Wolves
  11. Slightly Foxed No. 37
  12. Lee LeFever, The Art of Explanation
  13. Leanne Shapton, Swimming Studies
  14. Leonie Zoch, Weniger ist mehr
  15. Karl Immermann, Münchhausen (+)
  16. J. C. Squire (Ed.), If It Had Happened Otherwise (+)
  17. Marcelo Figueras, Kamtschatka (+)
    Sehr schöner Roman mit kindlich-jugendlichem Erzähler über das Aufwachsen in einer unter chilenischer Diktatur verfolgten Familie. Mit meinen Fernsehserien, Comic-Helden und Spielen. (Ganze Generationen kennen Kamtschatka aus dem Brettspiel Risiko, und da kommt es auch im Roman her.)
  18. John Steinbeck, Travels with Charley° (+)
    Semifiktionaler Reisebericht aus den USA.
  19. Stevan Paul, Schlaraffenland (+)
    Ganz tolle Kurzgeschichten.
  20. Harry Stephen Keeler, The Riddle of the Travelling Skull (+)
    Mein erster Keeler, wie wohl für viele die erste Begegnung mit diesem Autor. Später mal mehr dazu, hier nur als Vorgeschmack ein viel zitierter Absatz gleich von der ersten Seite des Buchs:

    For it must be remembered that at the time I knew quite nothing, naturally, concerning Milo Payne, the mysterious Cockney talking Englishman with the checkered long-beaked Sherlockholmsian cap; nor of the latter’s “Barr-Bag” which was as like my own bag as one Milwaukee wienerwurst is like another; nor of Legga, the Human Spider, with her four legs and her six arms; nor of Ichabod Chang, ex-convict, and son of Dong Chang; nor of the elusive poetess, Abigail Sprigge; nor of the Great Simon, with his 2163 pearl buttons; nor of – in short, I then knew quite nothing about anything or anybody involved in the affair of which I had now become a part, unless perchance it were my Nemesis, Sophie Kratzenschneiderwumpel – or Suing Sophie!

  21. Manuel Vázquez Montalbán, Die Rose von Alexandria°
    Ein eher schwacher Band aus der Pepe-Carvalho-Reihe.
  22. Slightly Foxed No. 38
  23. Klaus Breuer, Computerspiele programmieren (+)
    Genetische Algorithmen, Boids, Automaten, neuronale Netze, Fuzzy Logic – toll.
  24. Harry Stephen Keeler, Sing Sing Nights
  25. Scott Westerfeld, Uglies (+)
  26. Terry Pratchett, Nation (+)
  27. Harry Stephen Keeler, The Amazing Web
  28. Arthur Conan Doyle, The Hound of the Baskervilles/The Valley of Fear° (+)
    Hat sich gut gehalten. Baskerville bietet sich als Schullektüre an, enthält viele typische Topoi, und der Anfang ist auch formal ergiebig. Valley ist eine Geschichte, die kaum etwas mit Watson-Holmes zu tun hat, die ziemlich schamlos fast nur als Rahmenhandlung dienen. Die Geschichte basiert auf dem Bericht eines Pinkerton-Agenten, der in einer amerikanischen Bergbausiedlung die Macht der irisch-amerikanischen Selbsthilfegruppe/Terrororganisation Molly Maguires bricht. Ich habe mal ein Call-of-Cthulhu-Abenteuer in diesem Milieu geleitet.
  29. Terry Pratchett, The Amazing Maurice and His Educated Rodents°
  30. Scott Westerfeld, Pretties
  31. James Branch Cabell, Jurgen°
    Cabell kann man mögen, muss aber nicht. Ich bin ein Fan.
  32. James Branch Cabell, Figures of Earth°
  33. Bethan Roberts, My Policeman (-)
  34. Ludger Humbert, Didaktik der Informatik
  35. John Hodgman, More Information Than You Require (-)
    Hodgman und Jonathan Coulton mag ich seit den frühen gemeinsamen Radiosendungen. Das Buch war aber sehr ermüdend.
  36. Deborah & James Howe, Bunnicula
    Der erste Band einer Reihe von Jugendromanen um eine Familie mit einem Kaninchen, von dem nur die anderen Haustiere wissen, dass es ein Vampir ist… wenn das den wirklich stimmt. Leider nicht ganz so gut, wie es sich anhört.
  37. Cory Doctorow, Little Brother (+)
  38. Klabund, Deutsche Literaturgeschichte in Einer Stunde
  39. Theodor Fontane, Fontane zum Schmunzeln
  40. George Barr McCutcheon, Quill’s Window
    Stand seit mindestes einem halben Jahr auf meiner Liste zu lesender Bücher, gleich als ePub heruntergeladen und dann endlich mal zum Lesen gekommen. Warum nur? Wieso? Wo kommt das Buch her? Fängt sogar gut an, wird danach etwas schwächer, ist so überhaupt nicht mein Beuteschema und literaturgeschichtlich völlig unbekannt.
  41. Slightly Foxed No. 39
  42. G. K. Chesterton, The Man Who Was Thursday° (+)
    Ein Klassiker. Chesterton mag ich, aber er ist hierzulande unbekannt und in England eher belächelt. Dieses Buch finde ich grandios. Aber es ist eine Farce, und unrealistisch, und alptraumhaft, sagt ja auch schon der Untertitel.
  43. Kurt Vonnegut, Slaughterhouse 5°
  44. A. K. Dewdney, Der Turing-Omnibus
  45. James Thurber, The 13 Clocks & The Wonderful O°
  46. Anton Kuh, Jetzt können wir schlafen gehen
  47. Charles Portis, True Grit (+)
  48. Tilman Röhrig, In 300 Jahren vielleicht
    Als Schullektüre für die 8. Klasse. Die Erfahrung der Reste einer Dorfbevölkerung im Dreißigjährigen Krieg.
  49. Rafik Schami/Uwe-Michael Gutzschhahn, Der geheime Bericht über Goethe
    Leider eigentlich nur Inhaltsangaben wichtiger Goethe-Bücher in einer Rahmenhandlung.
  50. Terry Pratchett, Dodger
    So la-la. Am bemerkenswertesten für mich, dass ich zwei der Werke wiedererkannt habe, die Pratchett als Hintergrundmaterial genutzt hat.
  51. Rolf Dobelli, Die Kunst des klaren Denkens
  52. Albrecht Beutelspacher, Kryptologie°
  53. Johann Wolfgang Goethe, Reineke Fuchs
    Amüsant. Ein Epos in 12 Gesängen in Hexametern, durchaus als kleine Konkurrenz zur Voß’schen Homer-Übersetzung. Hexameter lese ich eh gerne, und ein paar der Szenen sind überraschend derb-drastisch. Wie der Bär im 2. Gesang leiden muss, dass mache ich vielleicht mal mit Schülern.
  54. Allie Brosh, Hyperbole and a Half (+)
    Sehr gut. Cartoons und Depression und Zeug, lange Geschichte.
  55. Slightly Foxed No. 40
  56. Ross Petras/Kathryn Petras, Wretched Writing
    Eine enttäuschende Sammlung schlechter Sätze aus der Literatur. Viel überflüssiger Kommentar der Herausgeber, und kaum interessante Sätze. Ich habe ein einziges Lesezeichen im Buch gesetzt, das sagt schon alles.
  57. Douglas R. Hoftstadter, Gödel, Escher, Bach° (+)
  58. Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch. Aus dem Deutschen des 17. Jahrhunderts von Reinhard Kaiser
    Äußerst lesbar; ich kannte bisher nur Auszüge. Nein, das ist kein Schelmenroman. Eher geht es um das Auf und Ab des Schicksals der Hauptperson. (Interessant auch, dass sich  die wenigen Hauptpersonen beim Herumreisen immer wieder über den Weg laufen. Das ist mir vor fünfundzwanzig Jahren bei Musashi das erste Mal aufgefallen,  dann noch einmal bei Tom Jones.) Schön die Absage an die Welt am (ursprünglichen) Schluss, und überraschend danach die Robinsonade im letzten Buch.
  59. Theodor Herzl, Altneuland

Fazit: Wenige Bücher dieses Jahr. Zum einen halte ich meinen Stapel zu lesender Bücher jetzt schon seit drei Jahren recht klein, so dass ich wenig Druck habe, viel zu lesen, und wenig Auswahl, wenn es um neue Bücher geht. Vor allem hatte ich in der zweiten Hälfte des Jahres zu viel anderes um die Ohren, das mich viel Zeit gekostet hat. Gebloggt habe ich ja auch nicht so viel.

Überraschendste Leseerfahrung: Karl Immermann, Münchhausen. Größte Neuentdeckung: Harry Stephen Keeler, über den noch zu bloggen sein wird. Ansonsten viel Nettes dabei, aber nichts Überwältigendes.

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